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Vergebung ist Schuldgefühle erzeugender Ballast
von Barbara Rogers
Autorin von "Screams from Childhood"

 

In ihrem Buch “Die Revolte des Körpers” behandelt Alice Miller, welche Folgen die uneinsichtige Verleugnung und das lebenslange, grausame Unverständnis von Eltern für ihre Kinder haben. Sie schreibt darüber, wie unser Körper sich weigert, sich auf Beziehungen einzulassen, Menschen zu besuchen und sich um Menschen zu kümmern, die uns verletzt haben und weiter verletzen; die keine Reue zeigen; die kein Verständnis, kein Interesse haben für die Menschen, die wir wirklich sind, für das, was wir fühlen und denken, wie wir leben und uns verändern.
Ich frage mich, wie Kinder behandelt würden, wenn die Verbrechen, die Eltern an ihnen begehen, als Verbrechen angesehen und Eltern dafür ins Gefängnis geschickt würden. Ich finde es so unglaublich, daß Kinder vergewaltigt, ermordet, auf die schrecklichsten und perversesten Weisen mißbraucht werden können—und die Gesellschaft erwartet und verlangt keine Konsequenzen. Das „Schlimmste“, was passieren kann ist meist, daß ihnen die Kinder fortgenommen werden.
Wenn ein Fremder Kindern antun würde, was Eltern ihren Kindern antun, gäbe es Gerichtsverfahren, Gefängnis—Konsequenzen. Warum bekommen Eltern alle diese Ausnahmen—vor allem die der Vergebung, wenn und wo Vergebung überhaupt nicht angemessen und ein Thema ist? Eltern müssen nicht einmal die Grausamkeit oder den Schaden, den sie angerichtet haben, erkennen und zugeben—doch Vergebung und Verständnis durch ihre Kinder sind ihnen dennoch sicher, denn das ist das Gesetz, das wir durch das vierte Gebot gelernt haben.
Eltern wird Therapie “angeboten.” Besuchen sie diese und bleiben sie dabei? Ich kenne keine Eltern, die eine Therapie begonnen haben, um ihren Kindern zu helfen. Sie senden ihr Kind zur Therapie, sie beschuldigen ihr Kind, sie geben ihrem Kind Drogen—doch an sich selbst arbeiten? Fast nie. Sie sagen dem erwachsenen Kind, wie es fast meine ganze Familie mit mir machte: “Du bist verrückt—oder—Dein jüdischer Therapeut hat Dich gehirngewaschen.”
Eltern haben eine einmalige Chance. Wenn sie diese zerstören, nicht wollen, oder nur zu ihren Bedingungen wollen—warum soll das Kind dann diese Beziehung fortsetzen?
Zu „wessen Besten“?
Der Mechanismus des vierten Gebotes garantiert, daß wir—seit Generationen und Jahrhunderte lang—nur allzu gut trainiert worden sind, daß die Eltern und die Vergebung im Mittelpunkt stehen müssen. Nicht das Kind und seine Bedürfnisse. Ich habe mir oft gewünscht, daß dieses Gebot gelautet hätte „ehre Deine Kinder“. Dann sähe unsere Welt ganz anders aus. Einmal schrieb ich MEINE eigenen Gebote auf um meine Werte für mein Leben, und wie ich es leben will, zu definieren.
Alice Miller beschreibt in ihrem Buch sehr bewegend die Destruktivität dieses Gebotes. Es ist so befreiend erkennen zu können—ich muß nicht ehren, vergeben, Unfreundlichkeit, Mißhandlungen, emotionale oder mentale Grausamkeit mir gefallen lassen. Ich muß nicht mehr und nie wieder durch eine Beziehung leiden, die mir mein ganzes Leben lang Schmerz bereitet hat.
Ich bin sicher, daß die meisten Eltern niemals die bedauernden Worte aussprechen und wirklich meinen werden, nach denen wir uns, oder jedenfalls ich mich, jahrelang gesehnt hatte(n). Es war eine Vergeudung meiner Zeit, meines Lebens und meiner Lebenskraft, und meiner seelischen Gesundheit.
Wir quälen uns selbst, wenn wir in Beziehungen bleiben, die uns schaden, verwirren und mißbrauchen. Die Beziehung, in der das Ausharren von uns erwartet wird, egal was geschah oder geschieht, ist die mit unseren Eltern. Warum? Ohne Kontakt mit meiner Mutter zu sein hat mir meine Befreiung und seelische und geistige Gesundheit geschenkt.
Mir ist es einfach nicht mehr wichtig, wer wem und warum und für was vergibt. Vergebung ist nichts anderes als ein Schuldgefühle verursachendes Konzept um ein Kind unter der Kontrolle der Eltern zu halten.
Doch wenn eine Beziehung total einseitig ist, dann tut das weh. Es tut höllisch weh. Ich brauchte und brauche keine Beziehung—auch nicht die mit meiner Mutter—wo es keinerlei, absolut keinerlei, Verständnis für mich gibt. Mein Körper und meine Seele wären gestorben, wenn ich diese Lüge weiter gelebt hätte. Und ich hätte es nie fertig gebracht, mein Buch zu veröffentlichen, „Die Falle der Vergebung“ zu schreiben, (http://www.screamsfromchildhood.com/Vergebungs-falle.htm), und mich nach und nach auch aus anderen belastenden Beziehungen zu lösen.
Das Leiden, das die Fortsetzung verlogener, toter, verletzender Beziehungen mit sich bringt, kann schwere Folgen für unsere Seelen und unser Wohlergehen haben, und schwere Krankheiten in unserem Körper bewirken. Das ist es, was Alice Miller mit ihrer revolutionären Weisheit so zutreffend beschreibt.
In Deutschland wurde nach dem Krieg allen bald „vergeben“, und die alten Posten und Positionen waren bald wieder erreicht. Eine ganze Generation wurde von diesem gefährlichen Prozeß geblendet und zum Schweigen gebracht. Es ist so schwer, so viel Arbeit, und emotional äußerst schmerzlich, sich durch diese Lügen, Blindheit, und dieses Schweigen hindurchzuarbeiten. Ich berichte über meinen Weg in meinem Aufsatz „Begegnung mit einer Mauer des Schweigens“. (http://www.screamsfromchildhood.com/Schweige-Mauer.htm) Dort habe ich geschrieben:
„Was mir bei der Generation meiner Eltern weh tut ist nicht, daß sie bessere oder andere Menschen hätten sein sollen. Konfrontiert mit unvorstellbaren Lebensumständen trafen die Menschen die Entscheidungen und Wahlen, zu denen sie ihr Charakter, ihre Herkunft, ihr Hintergrund, ihre Kultur, Familie, und ihr nationales Training zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens veranlaßten. Doch ich wünschte mir, daß ich nach dem Krieg Zeuge von Anzeichen ernsthafter Selbstzweifel, eines erwachenden und wachsenden Bewußtseins des eignen Selbst hätte werden können—und, darauf folgend, auch Zeuge von Veränderungen, eines gewissen Ausdrucks von Trauern, Bedauern, Reue und eines Bemühens, Veränderungen einzuleiten, um die Chancen für das Lernen, Erkennen und die Entwicklung der nächsten Generation zu verbessern.“
Unabhängig von den verschiedenen Ansichten, die Menschen über die Ursachen für das Entstehen von Hitler und des Nationalsozialismus hatten, wünschte ich, daß ich Versuche individueller Wiedergutmachung hätte erleben und Zeuge eines Bemühens hätte werden können, das sich dafür eingesetzt hätte, daß bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen nicht nur in Frage gestellt sondern auch aufgegeben worden wären. Ich wünschte, daß ich heranwachsend die Worte NIEMALS WIEDER gehört hätte.“
Selbst das Diskutieren der Vergebung macht uns blind und viel weniger entschieden das zu konfrontieren, was wir NIEMALS WIEDER unseren Kindern antun dürfen oder zulassen dürfen, daß es anderen Kindern angetan wird. Wenn ein Elternteil wirklich an sich gearbeitet hat, und mit ernsthafter Reue Vergebung sucht—dann braucht niemand um Vergebung bitten. Sie findet dann ganz einfach statt. Doch das geschieht so gut wie nie.
Wir berauben uns unserer seelischen und mentalen Kraft, wenn wir unseren Verstand und unsere Seele durch Schuld erzeugende und verwirrende Lügen beherrschen und belasten lassen.

 


 
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aus der
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  .....über die Erfahrungen
einer misshandelten Kindheit zu sprechen ist oftmals der erste Schritt
auf einem langen Weg
die unsichtbaren Wunden
zu heilen.
   
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