In ihrem Buch “Die Revolte des Körpers”
behandelt Alice Miller, welche Folgen die uneinsichtige
Verleugnung und das lebenslange, grausame Unverständnis
von Eltern für ihre Kinder haben. Sie schreibt darüber,
wie unser Körper sich weigert, sich auf Beziehungen
einzulassen, Menschen zu besuchen und sich um Menschen zu
kümmern, die uns verletzt haben und weiter verletzen;
die keine Reue zeigen; die kein Verständnis, kein Interesse
haben für die Menschen, die wir wirklich sind, für
das, was wir fühlen und denken, wie wir leben und uns
verändern.
Ich frage mich, wie Kinder behandelt würden, wenn die
Verbrechen, die Eltern an ihnen begehen, als Verbrechen
angesehen und Eltern dafür ins Gefängnis geschickt
würden. Ich finde es so unglaublich, daß Kinder
vergewaltigt, ermordet, auf die schrecklichsten und perversesten
Weisen mißbraucht werden können—und die
Gesellschaft erwartet und verlangt keine Konsequenzen. Das
„Schlimmste“, was passieren kann ist meist,
daß ihnen die Kinder fortgenommen werden.
Wenn ein Fremder Kindern antun würde, was Eltern ihren
Kindern antun, gäbe es Gerichtsverfahren, Gefängnis—Konsequenzen.
Warum bekommen Eltern alle diese Ausnahmen—vor allem
die der Vergebung, wenn und wo Vergebung überhaupt
nicht angemessen und ein Thema ist? Eltern müssen nicht
einmal die Grausamkeit oder den Schaden, den sie angerichtet
haben, erkennen und zugeben—doch Vergebung und Verständnis
durch ihre Kinder sind ihnen dennoch sicher, denn das ist
das Gesetz, das wir durch das vierte Gebot gelernt haben.
Eltern wird Therapie “angeboten.” Besuchen sie
diese und bleiben sie dabei? Ich kenne keine Eltern, die
eine Therapie begonnen haben, um ihren Kindern zu helfen.
Sie senden ihr Kind zur Therapie, sie beschuldigen ihr Kind,
sie geben ihrem Kind Drogen—doch an sich selbst arbeiten?
Fast nie. Sie sagen dem erwachsenen Kind, wie es fast meine
ganze Familie mit mir machte: “Du bist verrückt—oder—Dein
jüdischer Therapeut hat Dich gehirngewaschen.”
Eltern haben eine einmalige Chance. Wenn sie diese zerstören,
nicht wollen, oder nur zu ihren Bedingungen wollen—warum
soll das Kind dann diese Beziehung fortsetzen?
Zu „wessen Besten“?
Der Mechanismus des vierten Gebotes garantiert, daß
wir—seit Generationen und Jahrhunderte lang—nur
allzu gut trainiert worden sind, daß die Eltern und
die Vergebung im Mittelpunkt stehen müssen. Nicht das
Kind und seine Bedürfnisse. Ich habe mir oft gewünscht,
daß dieses Gebot gelautet hätte „ehre Deine
Kinder“. Dann sähe unsere Welt ganz anders aus.
Einmal schrieb ich MEINE eigenen Gebote auf um meine Werte
für mein Leben, und wie ich es leben will, zu definieren.
Alice Miller beschreibt in ihrem Buch sehr bewegend die
Destruktivität dieses Gebotes. Es ist so befreiend
erkennen zu können—ich muß nicht ehren,
vergeben, Unfreundlichkeit, Mißhandlungen, emotionale
oder mentale Grausamkeit mir gefallen lassen. Ich muß
nicht mehr und nie wieder durch eine Beziehung leiden, die
mir mein ganzes Leben lang Schmerz bereitet hat.
Ich bin sicher, daß die meisten Eltern niemals die
bedauernden Worte aussprechen und wirklich meinen werden,
nach denen wir uns, oder jedenfalls ich mich, jahrelang
gesehnt hatte(n). Es war eine Vergeudung meiner Zeit, meines
Lebens und meiner Lebenskraft, und meiner seelischen Gesundheit.
Wir quälen uns selbst, wenn wir in Beziehungen bleiben,
die uns schaden, verwirren und mißbrauchen. Die Beziehung,
in der das Ausharren von uns erwartet wird, egal was geschah
oder geschieht, ist die mit unseren Eltern. Warum? Ohne
Kontakt mit meiner Mutter zu sein hat mir meine Befreiung
und seelische und geistige Gesundheit geschenkt.
Mir ist es einfach nicht mehr wichtig, wer wem und warum
und für was vergibt. Vergebung ist nichts anderes als
ein Schuldgefühle verursachendes Konzept um ein Kind
unter der Kontrolle der Eltern zu halten.
Doch wenn eine Beziehung total einseitig ist, dann tut das
weh. Es tut höllisch weh. Ich brauchte und brauche
keine Beziehung—auch nicht die mit meiner Mutter—wo
es keinerlei, absolut keinerlei, Verständnis für
mich gibt. Mein Körper und meine Seele wären gestorben,
wenn ich diese Lüge weiter gelebt hätte. Und ich
hätte es nie fertig gebracht, mein Buch zu veröffentlichen,
„Die Falle der Vergebung“ zu schreiben, (http://www.screamsfromchildhood.com/Vergebungs-falle.htm),
und mich nach und nach auch aus anderen belastenden Beziehungen
zu lösen.
Das Leiden, das die Fortsetzung verlogener, toter, verletzender
Beziehungen mit sich bringt, kann schwere Folgen für
unsere Seelen und unser Wohlergehen haben, und schwere Krankheiten
in unserem Körper bewirken. Das ist es, was Alice Miller
mit ihrer revolutionären Weisheit so zutreffend beschreibt.
In Deutschland wurde nach dem Krieg allen bald „vergeben“,
und die alten Posten und Positionen waren bald wieder erreicht.
Eine ganze Generation wurde von diesem gefährlichen
Prozeß geblendet und zum Schweigen gebracht. Es ist
so schwer, so viel Arbeit, und emotional äußerst
schmerzlich, sich durch diese Lügen, Blindheit, und
dieses Schweigen hindurchzuarbeiten. Ich berichte über
meinen Weg in meinem Aufsatz „Begegnung mit einer
Mauer des Schweigens“. (http://www.screamsfromchildhood.com/Schweige-Mauer.htm)
Dort habe ich geschrieben:
„Was mir bei der Generation meiner Eltern weh tut
ist nicht, daß sie bessere oder andere Menschen hätten
sein sollen. Konfrontiert mit unvorstellbaren Lebensumständen
trafen die Menschen die Entscheidungen und Wahlen, zu denen
sie ihr Charakter, ihre Herkunft, ihr Hintergrund, ihre
Kultur, Familie, und ihr nationales Training zu diesem Zeitpunkt
ihres Lebens veranlaßten. Doch ich wünschte mir,
daß ich nach dem Krieg Zeuge von Anzeichen ernsthafter
Selbstzweifel, eines erwachenden und wachsenden Bewußtseins
des eignen Selbst hätte werden können—und,
darauf folgend, auch Zeuge von Veränderungen, eines
gewissen Ausdrucks von Trauern, Bedauern, Reue und eines
Bemühens, Veränderungen einzuleiten, um die Chancen
für das Lernen, Erkennen und die Entwicklung der nächsten
Generation zu verbessern.“
Unabhängig von den verschiedenen Ansichten, die Menschen
über die Ursachen für das Entstehen von Hitler
und des Nationalsozialismus hatten, wünschte ich, daß
ich Versuche individueller Wiedergutmachung hätte erleben
und Zeuge eines Bemühens hätte werden können,
das sich dafür eingesetzt hätte, daß bestimmte
Einstellungen und Verhaltensweisen nicht nur in Frage gestellt
sondern auch aufgegeben worden wären. Ich wünschte,
daß ich heranwachsend die Worte NIEMALS WIEDER gehört
hätte.“
Selbst das Diskutieren der Vergebung macht uns blind und
viel weniger entschieden das zu konfrontieren, was wir NIEMALS
WIEDER unseren Kindern antun dürfen oder zulassen dürfen,
daß es anderen Kindern angetan wird. Wenn ein Elternteil
wirklich an sich gearbeitet hat, und mit ernsthafter Reue
Vergebung sucht—dann braucht niemand um Vergebung
bitten. Sie findet dann ganz einfach statt. Doch das geschieht
so gut wie nie.
Wir berauben uns unserer seelischen und mentalen Kraft,
wenn wir unseren Verstand und unsere Seele durch Schuld
erzeugende und verwirrende Lügen beherrschen und belasten
lassen.
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