Die Beziehung zwischen Eltern und Kind wird von dem Gebot
geprägt, daß man die Eltern ehren und ihnen vergeben
soll—während bei der Behandlung von Kindern die
Wichtigkeit der Disziplin betont wird. Warum denken wir
in diesen Prioritäten über diese einzigartige
Beziehung, in der ein Teil alle körperliche, emotionale
und mentale Macht hat, dazu die Verantwortung, formbaren,
unschuldigen Kindern ein gutes Vorbild zu sein—und
wo der andere Teil abhängig und machtlos den Eltern
ausgeliefert ist?
Diese unterschiedlichen Erwartungen an Eltern und Kinder
machen in Wirklichkeit deutlich, wie Macht benutzt wird.
Um sich des Gehorsams und der Loyalität ihres Kindes
zu versichern ist es Eltern nicht nur erlaubt, sondern sie
werden sogar ermutigt alles anzuwenden, was sie als Disziplin
bezeichnen. Was auf diese Weise als „Strafe“
an Kinder ausgeteilt wird lehrt sie, daß Macht das
Recht hat mit Gewalt und Erniedrigung vorzugehen—und
daß dies akzeptable Formen menschlichen Verhaltens
sind, wenn sie von den Mächtigen praktiziert werden.
Das machtlose Kind hat keine Menschenrechte.
Wir lehren Kinder, daß sie andere nicht angreifen
oder verletzen dürfen. Wie können wir ein gutes
Beispiel geben, wenn wir die Menschenrechte unserer Kinder
nicht achten—vor allem ihr Recht auf körperliche
Unversehrtheit? Es gibt Eltern, die ihre Kinder mit fürsorglichem
Respekt behandeln und sie mit sinnvoller Orientierung liebevoll
führen. Doch körperliches Strafen wird noch immer
von sehr vielen Eltern befürwortet und angewendet.
Vom Leiden mißhandelter Kinder wendet die Gesellschaft
sich schweigend ab. Gesetze zum Schutz der Kinder werden
mißachtet. Und später im Leben werden diese mißhandelten
Kinder aufgefordert zu vergeben—wenigstens an einem
„gewissen Punkt“—wenn sie versuchen, oft
durch therapeutische Arbeit, mit den Folgen der erlittenen
Qualen fertig zu werden.
Das Gebot, daß wir unsere Eltern ehren müssen,
setzt einen destruktiven Mechanismus von der Kindheit ins
erwachsene Leben hinein weiter fort—daß Kinder
ohne Respekt und mit Gleichgültigkeit für ihre
Würde, Menschlichkeit und Menschenrechte mißhandelt
werden können. Die wahren Gefühle eines Kindes,
das unter seinen Eltern leidet, werden entweder ignoriert
oder als nicht-existent, ungehorsam, rebellisch, respektlos
und nachtragend bezeichnet.
Doch dieser Mechanismus blockiert nicht nur die Gefühle
des Kindes sondern auch sein Selbst-Verständnis, sein
Verständnis für seine Vergangenheit und für
die gegenwärtigen Probleme in seinem Leben. Dieser
Mechanismus wird durch den Glauben aufrechterhalten, daß
grenzenlos Mächtige berechtigt sind zu bestrafen, zu
erniedrigen, zu demütigen und die Gefühle und
den Schmerz des Kindes zu ignorieren, zu bagatellisieren
oder gar zu verachten; durch den Glauben, daß Eltern
es immer verdient haben, geehrt zu werden und Vergebung
zu finden; und durch den Glauben, daß das Unterdrücken
der Wahrheit des Kindes und seiner wahren Gefühle „Vergebung“
ist.
Selbst wenn kein Elternteil das Kind um Vergebung bittet
oder es zu verstehen sucht, so wird dennoch die Vergebung
als Allheilmittel für Ärger und Haß und
als Weg zu innerem Frieden gelobt. Ich weiß aus eigener
Erfahrung, daß ich inneren Frieden fand indem ich
mir selbst vergab—vor allem dafür, daß
ich einen Weg einschlug, der mich immer weiter von meinen
Eltern und ihren Überzeugungen entfernte. Jeder Schritt,
den ich auf diesem Weg machte, führte mich näher
zu meinem wahren Selbst.
Wut, Haß oder Schmerz werden nur dann als Problem
bezeichnet, wenn sie in Kindern erscheinen, die unter Mißhandlungen
leiden, oder die sich später durch eine Therapie von
diesem Leiden befreien wollen. Erwachsene können selbst
die grausamste und rachsüchtigste Behandlung an ihren
Kindern hinter dem euphemistischen Wort „Disziplin“
verbergen und dadurch rechtfertigen.
Meine Mutter war immer in einem Zustand des Leidens und
der Bitterkeit als ich heranwuchs. Ihre unkontrollierten,
wütenden Ausbrüche terrorisierten mich und meine
Geschwister. Sie praktizierte nicht Vergebung an ihren Kindern.
Erzieherische Ratschläge empfahlen ihr nicht, daß
man Kindern vergeben sollte, sondern betonten die Bedeutung
des Strafens. Der Glaube meiner Mutter, daß sie mit
ihrem Strafen und uns Verfolgen im Recht war, gab ihr freie
Hand alles an uns auszulassen, womit sie innerlich kämpfte.
Ich brauchte viele Jahre in meiner Therapie um emotional
zu begreifen, daß ihre Handlungen und Überzeugungen
falsch und grausam waren und daß ich nicht das schuldige,
böse Monster war, als das sie mich darstellte. Ich
lernte erst spät in meinem erwachsenen Leben—als
ich endlich die innere Kraft und Stärke hatte—daß
ich das Recht habe, auch meiner Mutter Grenzen zu setzen
um nicht mehr durch ihre Kälte, Mitleidlosigkeit und
grausame Härte verletzt zu werden.
Ich weiß durch meine lange therapeutische Reise,
daß jeder Mensch verschiedene Gefühle erlebt,
je nachdem was in ihrem/seinem Leben geschieht oder aus
der Vergangenheit angemahnt wird. Diese Gefühle erschaffen
unsere Lebendigkeit und formen, zusammen mit unseren Bedürfnissen,
unser Selbst.
Seit vielen Jahren lebe ich nicht nur in geographischer
Distanz zu meiner Mutter sondern auch ohne Kontakt mit ihr.
Oft wird mir geraten, daß ich ihr vergeben soll. Doch
indem ich mich von ihr entfernt halte, beschütze ich
mich vor ihr—vor ihrer sturen Selbstgerechtigkeit;
vor ihrem endlosen Selbstmitleid; vor ihrer nicht vorhandenen
Bereitschaft, mich und die Tragik meines Lebens verstehen
zu wollen; und vor ihrer Forderung, daß ich verleugnen
soll, daß Inzest mit meinem Vater geschah. Indem ich
mich abgrenze, kann ich mir selbst treu sein. So ist es
mir möglich, meine Gefühle und Gedanken frei und
kraftvoll zu erleben, denn ich muß sie nicht mehr
ihr zuliebe begraben.
Indem ich die Erwartung der Vergebung hinter mir gelassen
habe, bin ich nicht ein Mensch geworden, der in Ärger
oder Haß feststeckt. Wenn solche Gefühle auftauchen,
was selten ist, schaue ich nach, ob eine schmerzliche Kindheitserinnerung
berührt wurde. Wenn es nötig ist, schreibe ich,
damit ich sie mit Mitgefühl verstehen kann. Und dann
vergebe ich mir selbst, daß ich so schwer leiden mußte—ohne
die Kraft zu haben, mich wehren, verteidigen, beschützen
oder mein Leben und meine Beziehungen verändern zu
können. Schließlich wende ich mich meinem gegenwärtigen
Leben zu, wo das Ergebnis die Erkenntnis ist, daß
ich hier und heute anders leben kann; daß ich nun
die Möglichkeit habe, eigene Entscheidungen zu treffen,
die gut für mich sind; daß ich mich wehren und
meine Meinung äußern kann; und daß ich
die Pflicht habe, mich und mein Wohlergehen zu schützen.
Ich betrachte dieses Mir-Selbst-Vergeben als eine unabdingbare,
wichtige therapeutische Heilquelle. Diese Art von Vergebung
würde ich mißhandelten Kindern anraten, die als
Klienten in einer Therapie arbeiten um vergangene Traumen
zu bewältigen.
Einseitiges Vergeben, oder eine vergebende Einstellung,
den Eltern gegenüber heilt nicht die Traumen und destruktiven
Mechanismen der Vergangenheit. Es schiebt es sie nur tief
zurück in das Unterbewußtsein mit dem unausgesprochenen
jedoch eindeutigen Befehl: „Bleibe gefälligst
dort; störe nicht und fange ja nicht wieder an zu bluten;
ich habe alles überwunden; meine Vergangenheit habe
ich bewältigt—also werde ich dir nicht zuhören!“
Es fordert nicht die Eltern oder die Gesellschaft auf, sich
mit der Verantwortung mißhandelnder Erwachsener auseinanderzusetzen
und die Folgen von Kindesmißhandlungen zu erkennen
und ernst zu nehmen. So wird die Realität und Wahrheit
mißhandelnden Verhaltens unter den Teppich der Vergebung
gekehrt—und kann so tragisch und destruktiv an der
nächsten Generation wieder ausgelassen werden.
Wenn die Vergangenheit und das Leiden des Kindes anerkannt,
besprochen und mitgeteilt werden können; wenn ein Elternteil
Mitgefühl, Verständnis und Bedauern ausdrücken
kann und fähig ist, ihre/seine Verantwortung anzuerkennen—dann
fließt die Vergebung frei, ohne daß sie gefordert
werden muß. Doch viele wenden das Konzept der Vergebung
auf verständnislose, nachtragende Eltern an, die nichts
vergeben und von dem Schaden, den sie angerichtet haben,
nichts hören wollen—geschweige denn, daß
sie sich sich aufrichtig dafür entschuldigen, Geschehenes
bedauern oder Einfühlung und Mitgefühl für
ihr Kind aufbringen. So wird Vergebung zu einer unsichtbaren,
verborgenen Fessel, die das Opfer weiter an den Täter
bindet. Mit der Empfehlung, oder gar dem Gebot, vergeben
zu müssen, bringt sie die Stimmen und die Wahrheit
der Opfer zum Schweigen. Ich nenne diesen Mechanismus die
Falle der Vergebung.
Die Falle der Vergebung läßt uns glauben, daß
wir mit dem Erkennen dessen, was uns in der Kindheit verletzt,
geschadet und deformiert hat, fertig sind. Daher bemühen
wir uns nicht weiter, uns dessen bewußt zu werden
und es zu verarbeiten. Dabei ist das nicht nur in unserem
eigenen Interesse wichtig sondern auch, damit wir es nicht
verletzendes, unfreundliches und mißhandelndes Verhalten
an der nächsten Generation wiederholen.
Um Gefühle von Schmerz, von Ärger, von Protest,
von Haß zu überwinden wird dem Opfer das Vergeben
angeraten—als ob das die Probleme, die eine schwere
Kindheit erzeugt hat, auflösen kann. Diese Art von
Vergebung bedeutet, daß ich meine wahren Gefühlen,
Gedanken und meine Lebendigkeit wieder unterdrücken
muß. Sie würde das tiefste Bedürfnis, das
ich mein Leben lang gehabt habe, beenden—mir selbst
treu sein zu können. Nur wenn ich für alle meine
Gefühle und Erinnerungen offen bin, wenn sie sich melden,
kann ich von ihnen lernen und mir selbst treu sein.
Ich habe Menschen erlebt, die in Gefühlen von Wut,
Haß, Leiden, Selbstmitleid, Eifersucht, oder anderen,
gefangen sind. Sie brauchen nicht die Vergebung um ihre
Not zu überwinden sondern aufklärende Therapie.
Oft wissen sie nicht einmal, daß diese obzessiven,
überwältigenden Gefühle durch traumatische
Kindheitserfahrungen ausgelöst wurden.
Auf meiner therapeutischen Reise—mit verschiedenen
Therapeuten, verschiedenen Formen von Therapie, und viel
eigenem Therapieschreiben—brauchte ich Zeit um meine
Gefühle von Wut, Traurigkeit, Protest oder Haß
erleben und ertragen zu können. Sobald sie akzeptiert
und verstanden waren, gingen sie vorbei und machten innerem
Frieden Platz. Sie enthüllten ein schmerzliches Kindheitserlebnis,
das dadurch ganz einfach zur Tatsache wurde.
Das Konzept der Vergebung ist oft beladen mit wagen Vorstellungen
und einer dogmatischen religiösen Energie. Es soll
Schuldgefühle im mißhandelten Menschen aktivieren.
Es beutet alte Schuldgefühle aus, die in der Kindheit
angesammelt wurden. Es läßt eine nur allzu bekannte,
vergangene Form von Kontrolle über unsere Gefühle
und Bedürfnisse ins erwachsene Leben und in die Therapie
andauern. Es verhindert, daß wir freie, starke Erwachsene
werden, die ihre Wahrheit aussprechen können und die
liebevoll für sich selbst und ihre wahren Bedürfnisse
sorgen können.
Alle anderen Verbrechen kommen vor Gericht, werden angeklagt
und bestraft. Doch Verbrechen von Eltern an ihren Kindern
müssen im Geheimen und voller Scham in der Therapie
bearbeitet und verborgen werden. Dann werden sie mit dem
Rat, alles zu vergeben, begraben. Gerechtigkeit erhalten
sie nie.
Es ist menschlich und sinnvoll auf das Ausagieren von
Rachegedanken zu verzichten. Doch Vergebung wird zur Falle,
wenn destruktive Schuld-Fesseln an die Eltern verhindern,
daß gesunde, uns beschützende Grenzen geschaffen
werden können, die unser Selbst unterstützen und
unser Wohlergehen fördern.
Während die Bedeutung der Vergebung für Eltern
immer wieder empfohlen wird, wird die Vergebung von Eltern
nicht erwartet. Ratschläge an Eltern werden von dem
Wort Disziplin beherrscht, das Klapse, Schläge, Prügel
und andere erniedrigende Verhalten befürworten kann.
Diese Praktiken sind entwürdigend und unmenschlich.
Sie würden, an Erwachsenen ausgeübt, oft als Folterung
bezeichnet werden.
Was würde geschehen, wenn wir Vergebung und Verständnis
für unsere Kinder betonen würden—anstatt
sie ausschließlich von ihnen zu verlangen? Dann gäbe
es gar nicht mehr die Situation, in der Kinder mißhandelndes
Verhalten vergeben müßten, denn sie hätten
Mitgefühl, Vergebung und Liebe erfahren und nicht die
nachtragende Verhaltenssprache der Unmenschlichkeit und
des Nicht-Vergebens in Form von gnadenlosem, hassendem elterlichen
Verhalten.
Warum erwarten wir nicht von Eltern, daß sie ihrem
Kind vergeben? Kinder müssen Fehler machen und von
ihnen lernen können. Sie müssen mit Verständnis
und Mitgefühl, auf sinnvolle, menschliche Weise geführt
werden, ohne die Qualen der Gewalt und Erniedrigung erleiden
zu müssen. Nur so erfahren sie Liebe und werden befähigt,
Leben zu bauen und eine Welt zu schaffen, die nicht von
Gewalt geprägt sind.
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