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Einer von 2555
Tagen
von Mathilde |
Das Kind stolpert durch den Schnee
seiner Schwester hinterher, die, ohne sich nach ihm umzudrehen,
ihr Tempo beibehält. Sie möchte rufen, aber sie ist
atemlos vor Tränen. Die Schwester dreht sich um, sagt „Hör
auf zu heulen“, formt aus dem Schnee ein kleines Bonbon
und sagt „Lutsch das“. Erst tut die Kälte weh,
aber dann setzt die Betäubung ein.
Ihr Mund ist verbrannt vom Frühstück, der Stiefvater
stellte ihr eine Tasse kochendheißen Kakao hin und befahl
ihr, den binnen einer Minute zu trinken. Seine Uhr lag auf dem
Tisch und er verfolgte mit dem Zeigefinger den Sekundenzeiger.
Sie trank, verbrannte sich, setzte die Tasse zu schnell wieder
ab und verschüttete etwas dabei. Das war eine Todsünde.
„Geh den Gürtel holen“ sagte er, das Mädchen
stand auf, ging mit Wattebeinen zur Garderobe, jetzt bloß
keinen Fehler mehr machen. Will er den braunen oder den schwarzen,
sie wägt das Material ab, die Beschaffenheit, ein denkbar
ungünstiger Moment , um dem unvermeidbarem Schmerz eine mildernde
Logik abzugewinnen. Sie steht vor ihm, überreicht ihm das
Instrument, mechanisch stammelt sie noch ein vergebliches Flehen,
wirft sich vor ihm auf die Knie, umsonst. Er befiehlt ihr aufzustehen,
sich über den Tisch zu legen, in dieser Position schlägt
es sich bequemer. Dann stürzt der Himmel über ihr ein.
Als sie aufstehen darf, dreht sich das Zimmer um sie, ihr ist
schlecht, trotzdem trinkt sie aus.
In der Schule bietet ihr eine Banknachbarin während des Unterrichts
ein Brausestäbchen aus einer dreieckigen Tüte an, ihr
Mund verwandelt sich augenblicklich in eine brennende Hölle,
sie schreit kurz auf und spuckt es auf den Tisch. Sowohl die Banknachbarin
als auch die Lehrkraft sind empört über so viel Indiskretion
und werden sich für die nächsten Jahre von ihr distanzieren.
Der Nachhauseweg ist schwierig, ihr Kopf malt sich aus, einfach
an einer fremden Tür zu klingeln, etwas in ihr würde
sagen: “Guten Tag, meine Eltern sind gerade gestorben, dürfte
ich bei Ihnen bleiben?“, aber ihre Beine tragen sie nach
Hause.
Auf ihrem Teller liegt ein Stück Fleisch, das mag sie ohnehin
nicht, aber an diesem Tier befinden sich noch mehrere Borsten,
niemals wird sie das essen. Sie schielt zur Tür, wie erwartet
hat der Stiefvater den Gürtel morgens nach getaner Arbeit
an die Klinke gehängt. Er beobachtet sie listig, verfolgt
jeden ihrer Blicke mit einem Reptilienlächeln. Sie beginnt
um die Borsten herumzugabeln, zerteilt ihr Essen in mikroskopisch
kleine Stücke, dann nimmt sie all ihren Mut zusammen und
sagt „Danke, ich habe keinen Hunger mehr“. Er lächelt,
während er betont langsam zersetzend sagt “Es wird
aufgegessen“. Sie versucht, an ein Stück Erdbeerkuchen
zu denken, nimmt es in den Mund, aber ihr Magen widersetzt sich
dem mentalen Täuschungsmanöver und sie übergibt
sich. Eine kurze Bewegung seines Kopfes in Richtung Tür genügt
als gemeinsame Sprache, sie gibt ihm den Gürtel. Nach der
Exekution soll sie sich für seine Mühe, aus ihr einen
zivilisierten Menschen zu machen, bedanken. Sie schweigt, er wittert
den Rest von Stolz in ihr, er insistiert weiter, sie schweigt
beharrlich. Er hört erst auf zu schlagen, als sie eine Entschuldigung
brüllt. Das erwartete Danke kommt erst ganz leise, aber mit
etwas Übung wird es verständlicher. Dann darf sie zur
Belohnung die Küche von den sichtbaren Überresten ihres
körperlichen Eigensinns säubern.
Die Schwester beginnt Hausaufgaben zu machen, er sitzt neben ihr,
überwacht jeden ihrer Buchstaben. „ Das ist kein richtiges
„n“, das sieht aus wie ein“ r“, schneidet
seine Stimme durch den Raum. Die Schwester sagt „das ist
aber ein „n““. Ein verschwendeter Satz. Schon
hat er die Heftseite herausgerissen und sagt „Alles noch
mal“. Mit wütenden Tränen will sie aufstehen,
er reißt sie an ihren Haaren zurück. Die kleine Schwester
versucht ihr zu helfen, sagt, dass ihre Schrift normalerweise
sehr schön sei und es bestimmt ein Versehen war. Diese Vokabel
ist ihm fremd, Fehler sind grundsätzlich bösartig motiviert.
Er befiehlt der kleineren, in sein Arbeitszimmer zu gehen, wo
sein Stock liegt. Früher machten sie die Aufgaben in diesem
Zimmer, aber eine Nachbarin hatte sich mal über den ständigen
Lärm beschwert. Mit zitternden Händen öffnet sie
die Schublade, während ihr Geist akrobatische Gedankensprünge
vollführt, nach einer Lösung für das Unabwendbare
sucht. Noch siegt die Angst über die Vorstellung, das Fenster
zu öffnen, sich oder den Stock hinauszuwerfen, sie schließt
die Schublade, ein dreisekündiger Zeitgewinn. Der Stock ist
klein und sehr biegsam, aber er liegt walfischtonnenschwer in
ihrer Hand. Dafür ist er auch bestimmt, der Stiefvater nimmt
ihn ausschließlich, um damit auf die Hände zu schlagen
und somit das Schriftbild zu verbessern.
Für die restlichen Körperteile gibt es noch einen richtigen
Stock, der steckt in einem Topf neben einer Pflanze im Wohnzimmer.
Die Pflanze hat sich schon lange emanzipiert und gelernt, ohne
seine Hilfe nach oben zu wachsen. Zu oft wurde er ihr schon entrissen,
um aus Kindern aufrechte Kreaturen zu formen.
Ein Brüllen seinerseits erlöst sie aus ihrer Starre,
sie geht auf Schaumgummifüßen in die Küche zurück,
überreicht ihm seine Waffe und verschwindet in ihr Zimmer.
Sie schaut nach draußen in eine Welt, die weiß und
friedlich erscheint, aber für sie unerreichbar ist und flüstert
bei jedem Schlag, den sie hört „ Ich werde mich an
ihm rächen“.
Drei Stockwerke tiefer läuft eine Frau auf dem Bürgersteig,
sie lächelt nach oben, winkt, das Kind nimmt sie durch einen
tränenverhangenen Schleier wahr. Mit seinen Händen hält
es sich am Fensterbrett fest, ein Winken ist unmöglich. Wäre
der Tod eine vorstellbare Komponente in diesem Augenblick gewesen,
wer weiß, vielleicht hätte es zurückgelächelt.
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