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Für Alessandra
von Mathilde

Ich stehe an der gleichen Stelle, fühle den Boden, den Wind, den Regen, eigentlich ist alles wie immer. Auch den alten Baum gibt es noch. Ich nähere mich ihm vorsichtig, er umfängt mich wie bei jedem Besuch. Auf ihn ist Verlass, seine Rinde rau und gezeichnet von vielen Herbststürmen. Ich stelle das Bild, das ich für dich gemalt habe, an seinen Stamm, darf ich mich setzen? Eine Weile beobachte ich die wenigen Menschen, die an diesem Vormittag jenen Ort besuchen. Sie alle haben ein Ziel, auch wenn die Stille ihre Geschäftigkeit dämpft. Es sind vorsichtige Blicke, die man einander zuwirft, manchmal ein halbherziges Grüßen.

Ich lehne mich an den Stamm, doch eine Verlorenheit wächst durch mich hindurch. Langsam beginne ich zu verstehen, es ist Zeit, Abschied zu nehmen. So viel wollte ich dich fragen, dann beginne ich zu erzählen, was du schon weißt.

Du wurdest als zweite Tochter von Véronique geboren. Eigentlich wollte sie gar kein Kind, aber auch im Zirkus gibt es anscheinend so etwas wie Mutterschutz. Schon in den neun Monaten ihrer ersten Schwangerschaft erfasste Véronique sehr schnell, dass sie damit ihrer Bestimmung, sich von Messerwerfern knapp am Ziel vorbei harpunieren zu lassen, Einhalt gebieten konnte. Um diesen paradiesischen Zustand wiederzuerreichen, wurdest du geboren.

Nicht ganz drei Jahre später dann ich. Erzähl mir von den Clowns den Wagen den Spielen dem Ankommen dem Weggehen dem Feuer den Liedern. In mir ist zu wenig verblieben, zu viel verblasst, ich sehne mich nach diesen Bildern.
Etwas fällt von oben, ich höre den Aufprall, die Schreie, überdeutlich, lähmend bis heute. „Meine Oma ist vom Himmel gefallen“ sagte ich den Fragenden, mehr nicht, sonst wäre die Trauertür aufgegangen. Du hast dann immer drangehängt „Sie war nämlich eine vortreffliche Seiltänzerin“ und somit die Verwirrung stiftende Skurrilität einer Vierjährigen entschärft.
Dann ziehen wir nach Berlin, das Licht ändert sich, ich verstehe die Menschen nicht mehr. Du lachst, sagst, das ist eine andere Sprache, die werden wir jetzt lernen, so schweige ich vorläufig. Vielleicht zu lange. Das neue Imperium, das sich uns in Gestalt des Stiefvaters in den Weg stellt, ist unüberwindbar. Sieben endlose Jahre, in denen wir uns verlieren.
Du warst die einzige, die bei Véronique blieb, mit einem wachsenden Kind in dir von ihm. Was ist passiert bei dem Arzt im Krankenhaus beim Jugendamt bei der Mutter in der Wohnung danach? Welche Drogen hat sie genommen hat sie dir gegeben hast du genommen in den drei Jahren, die dir blieben?
Die schwarze Heimleiterin steht vor mir, ihr Gesicht spiegelt begangene Sünde wieder nicht Bedauern, ich packe meinen Koffer, wir fahren nach Berlin. An deiner statt ist da eine Kiste, unvorstellbar, dass du da drin liegst. Ich zerbreche an meiner Ungläubigkeit, will dich sehen, will schreien, will weglaufen. Ihr Griff ist eisern, ihre Worte wie Stahl. Es gibt kein Entkommen, ich flüchte in mich.
Véronique sieht mich an und sagt zu dem Mann neben ihr „ Es ist die falsche Tochter gestorben“. Ich teile ihre Ansicht, denn alles wäre mir lieber, als dein Tot-Sein zu leben.
Ich fahre zurück, dein Grab in meinem Herzen und das stumme Versprechen, bald wiederzukommen.
Fast blind habe ich in den letzten Jahren den Weg zu dir gefunden, der Ort deiner Ruhe war mir vertrauter als das Leben da draußen. Der Stein mit deinem Namen ein hässliches doch verlässliches Requisit, auf wundersame Weise mit dir verankert. Nun ist es verschwunden. Ersetzt durch Marmor und ein immerhin 82- jähriges Leben. Wo bist du? Ich beginne zu verstehen, dass auch Tote keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung auf Friedhöfen haben. 20 Jahre Tod müssen reichen, sowohl für die Toten als auch für die Überlebenden. Eine Nachhaltigkeit an Erinnerung scheint unerwünscht - oder- ich lebe zu lange, weil du zu früh starbst.

Auch im Tod bleibt Asyl Illusion.

„In ewiger Erinnerung an meine geliebte
Tochter Alessandra geb. am 8.1. 1966
gest. am 17.4. 1983
Véronique «

stand auf deinem Stein. Das war schon immer eine Provokation. Eine Tochter hat auch eine Mutter. Eine Erinnerung zu haben heißt auch sie zu ertragen, ihr einen Platz im Inneren einzuräumen. Véroniques Krankheit war unheilbar, eine Art Seelenzirrhose. In Gedanken streiche ich das“ ewig“ und „Tochter“, ersetze ihren Namen durch meinen und gehe langsam zum Ausgang.
Ich weiß, ich werde dich wiederfinden, wie eine Zigeunerin werde ich von Ort zu Ort reisen und deine Spuren neu entdecken. Der alte Baum sieht mir nach, das Bild an seinem Stamm und meine ihm anvertrauten Worte wohl verwahrend für dich.

© Copyright 2006

Die Autorin kann über EMaK erreicht werden.

 

 
 

Geschichten aus der
Kindheit
Erwachsene erzählen
heute, was damals
niemand hören wollte.


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  .....über die Erfahrungen
einer misshandelten Kindheit zu sprechen ist oftmals der erste Schritt
auf einem langen Weg
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zu heilen.
   
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