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Brandzeichen
bei Monika Detering
April 16, 2001

 
Das Gras ist vom Oktoberherbst zerfressen, die Rosen im Kübel beginnen noch einmal zu blühen. In der Wohnung im ersten Stock stehen Kisten, Papier und Tüten, auseinandergenommene Schränke, eine Küche, ein Bett.
Judith hat gern in dieser Wohnung gelebt.

Für den Umzugswagen stapelt sie Kisten übereinander. Sie stolpert. Sie flucht über die Enge. Der Kasten, den sie hochhebt, rutscht ihr aus den Händen. Sein Deckel fällt herunter. Judith starrt auf fadgrün verblichene Pappe. Verblaßte Fotos mit Zackenrand fallen ihr entgegen.
Die Familie in Schwarzweiß. Großvater und das Kind mit Schleifen in den dünnen Zöpfen. Sie breitet die Bilder aus. Das Mädchen vor einem Haus in einer Häuserreihe, die aneinandergenäht aussieht. Das Fenster mit der
Blümchengardine erkennt sie. Judith, an Opas Hand, ernst, am Fotorand stehend. Wann war das gewesen? Wer hatte fotografiert? Es ist lange her.

Tante, Onkel und Großvater hatten Mutter geschrieben, sie und das Kind eingeladen. Drei Stunden mit dem Zug, umsteigen in Hamm und das Zischen der Dampflok in den Ohren. Dampf, der nach Kohlen schmeckte. Essen Hauptbahnhof. Stählern. Schwarz, verrußt. Hallende Ansagen prallten an die Ohren.

Mutter zupfte Judiths Mantel glatt. Mach einen Knicks. Rede nur, wenn du gefragt wirst. Freu dich, wir sind zu Besuch. Sogar ein Bett  hast du für dich allein.
Sie wurden abgeholt, begrüßt und geküßt mit gespitzten Mündern. Judith knickste, und legte die Hände auf den Rücken. Wo ist das schöne Händchen, fragte die Tante und Mutter nickte Judith auffordernd zu. Die Erwachsenen blickten von oben nach unten, sahen das Kind an, aber es
behielt die Hände auf dem Rücken verschränkt und sagte nichts.
Alle gingen zu Fuß. Der Onkel trug Mutters braunen Pappkoffer. Zwei Lederriemen hielten ihn zusammen. Der Weg zum Haus der Verwandten war lang, fremde und rußige Häuser, auf denen Hochöfen Dreck ausgespuckt
hatten.Der Onkel setzte den Koffer vor einem Vorgarten ab, öffnete das Törchen, welches den Jägerzaun zusammenhielt, mit , Wir habens überlebt'-Blick. Die Angekommenen gingen hinterher, schoben sich wie
Prozessionsraupen durch die Tür des Hauses. Im engen Flur machten erschöpfte Fünfundzwanzig-Watt-Birnen im grünen Glasschirm ihre Gesichter fahl. Fette Fliegen brummten. Auf schwarzen Haken hingen Mäntel, Kittel und Jacken. Darüber war eine Ablage mit Hüten.
Menschengeruch kroch zögernd in die Nase des Kindes. Im Flur, im Haus klebten Gerüche vom Onkel und Großvater, waberte das 4711 der Tante, und die Wände schwitzten Kohlsuppe, fischigen Schweiß, zersetzten Käse aus.

Opa kam die hölzerne Treppe herunter. Mit seiner Hand hielt er sich am runden Treppenknauf fest. Ein Mann mit wenig Haaren, dick und klein. Er sah gemütlich aus. Er freute sich, sagte, ihr wart lange nicht hier, ja, ja, die Zeit... Die Kleine, so was Dünnes, Spilleriges! Er nahm das Kind auf den Arm, hob es in die Luft und drückte es an sein großes Kinn. Wie
viele Kinne hatte er? Das Mädchen zappelte, wollte herunter.

Später zeigte er ihr, wo sie schlafen sollte. Ein mit einem bunten Vorhang abgeteiltes Zimmer. Ein Bett, ein Küchentisch, ein Schränkchen.
Das Klo ist unten, waschen mußt du dich in der Küche.

Alles war anders. Allein zurückgeblieben, holte Judith ihren Teddy hervor. Rieb die Teddynase an ihrer, tröstlich, Teddy roch, wie Teddy riechen mußte, nach Zuhause. Sie sah die Wände an, die Tapeten mit Blumen. Ein Bild hing über dem Bett. Maria mit Jesus. Von unten hörte sie die Erwachsenen sprechen. Mutter kam. Schön, daß du spielst. Ich komme gleich wieder. Judith strich mit den Händen über die fremde
Bettdecke, drückte Teddy ans Gesicht. Ich will nach Hause, flüsterte sie ins abgeliebte Ohr.

Irgendwann stand Opa dick und gemütlich vor ihr. Soll ich dir etwas zeigen? Komm, nimm deinen Bären mit!

Großvaters Zimmer, in dem neuer Geruch aus Kohlen, Ungelüftetem und Wärme war. Ein Bett mit Schnitzereien, ein offener Glastürenschrank, in einer Schale eingewickelte Bonbons. Drei Stühle und ein Kreuz an der Wand. Auf einem glänzenden Blech stand ein Ofen und daneben eine
Kohlenschütte. Das war wie zu Hause, das hatten sie auch. Der Mann ging im Zimmer umher, öffnete die schwarze Ofenklappe, schüttete mit einer Schaufel Kohlen hinein, und schloß sie wieder. Er ging zur Zimmertür, drehte einmal den darin steckenden Schlüssel um. Dann drückte er die Messingklinke herunter und nickte.
Jetzt sind wir ganz für uns, sagte Opa, und ich hab auch ein Geschenk für dich. Aber komm erst mal zu mir auf den Schoß, das hat Opa gern, und früher, früher hast du oft darauf gesessen. Auf den dicken Beinen, die von einer speckigen Hose umhüllt waren, darauf hatte sie gesessen? Nicht fragen, Mutter hatte ihr beigebracht, sag erst was, wenn du gefragt wirst.
Auflachend hob der Mann das Kind hoch. Es ist doch schön bei mir. Judith fand, daß Opa nach Schweiß, kalten Zigarren und Mottenpulver roch.
Gib mal ein Küßchen hierher, auf den Mund! Großvater wölbte seine kirschroten Lippen. Mutter hatte ihr gesagt, Tanten und Onkel küßt man auf die Wangen. Und Opas? Von denen hat niemand gesprochen. Seine Lippen
näherten sich ihrem Gesicht, stülpten sich wie ein riesiges Froschmaul über ihren Mund, als wolle er das Kind verschlingen.War doch schön,
meinte er, hielt sie sehr fest in seinen Armen, summte: Guter Mond und wiegte das Kind. Das war ein Lied, das Mutter oft sang.

Er sagte, du bist viel zu warm angezogen, zeig mal. Mit einer Hand schob er den Pullover hoch, zog das Unterhemd aus dem Faltenrock heraus. Zieh das mal aus! Seine Stimme wurde streng. Erschrocken zog das Kind den Pullover aus. Das auch! Da zog das Kind das Hemd aus. Es begann in dem geheizten Raum zu frieren.

Großvaters Augen wanderten über den Mädchenkörper. Mit einer Hand hielt er das Kind fest. Seine Finger bohrten sich in den dünnen Arm. Eine Hand glitt über den Rücken, schob den Rock tiefer und drückte das Kind eng an seinen Bauch. Judith wand sich. Das mochte sie nicht. Großvater lachte,
und Judith blickte in die Lücken zwischen seinen Zähnen. Er fragte, zeig mal, was meine Kleine versteckt hat. Aber sie hatte nichts versteckt.
Was sollte sie denn verstecken, was für ein dummer Mann. Er sagte, daß er ihr auch etwas zeigen wird. Er hat es unter seinem Hemd.
Schokolade? Es könnte ja sein, Opa hatte viel an und da konnte man Dinge verstecken.
Wo hast du das denn?
Warum lächelte Opa?
Ach, Kind!
Und nahm ihre Hand.
Warum hatte er die Augen geschlossen?
War er müde?
Warum stöhnte er, warum war sein Kopf so rot?
Aber Großvater war ja ein alter Mann.
Er zeigte Judith, was er versteckt hielt.

Später fand die Mutter Judith unter dem Besuchsbett in Erbrochenem. Kind, was ist, hast du die Fahrt nicht vertragen? Mutter holte einen Eimer mit warmem Wasser nach oben, säuberte sie, wollte ihr beim Umziehen
helfen. Judith sträubte sich. Mutter führte sie zu den Verwandten hinunter. Sie lächelten erwartungsvoll. Auf Judiths Platz stand ein Miniaturgeschirr mit sechs Tellern, Tassen und zwei kleinen Kannen für ihren Teddy und für die Puppen, die zu Hause waren. Von Opa, sagten sie,
das ist aus Bakelit und unzerbrechlich. Sie freuten sich.

Das Zimmer drehte sich im Kreis, immer schneller und schneller. Es schien Judith, als wenn die Luft ganz mit Großvaters Geruch ausgefüllt war. Die Küche, jede Kammer, jede Ritze und die Tapeten strömten es aus.
Und das Anhalten des Atems nützte nichts, sie mußte weiteratmen, sonst würde sie platzen, und sie sog verzweifelt Schweiß, Rauch und Mottenpulver bis ins Herz. Das in Opas Zimmer gegebene Indianerehrenwort
würgte sie, wollte sie ersticken und auch das Runterschlucken nützte
nichts. Judith lag während der Ferientage im Bett, mit Teddy unter der Decke vergraben, sagte nur Guten Morgen und Gute Nacht.

Man fand das vaterlose Kind schwierig.
Man schob es auf die Zeiten.

Einmal aber wollte Judith über den alten Mann reden. Als sie mit dem Zug zu seiner Beerdigung fuhren. Mutter weinte, Judith tröstete sie und hielt ihr Ehrenwort.

Essen Hauptbahnhof. Stählern. Schwarz, verrußt. Die Verwandten holten sie ab. Judith hat weder vor seinem Sarg noch in ihrem Leben geredet. Man sagt heute noch, sie ist schwierig, und schiebt es auf die Zeiten.



 
  Geschichten
aus der
Kindheit


Erwachsene erzählen
heute, was damals
niemand hören wollte.

  .....über die Erfahrungen
einer misshandelten Kindheit zu sprechen ist oftmals der erste Schritt
auf einem langen Weg
die unsichtbaren Wunden
zu heilen.
   
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