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Gedanken
Am Sonntag
Über ein Leben im Heim und ein Schicksal, das sprachlos
macht
von Peter Hahne
Eine Gruselgeschichte aus dem Mittelalter? Ein Schicksalsdrama
aus den Kriegswirren? Nein, nichts von alledem. Die Biographie
der Brigitte Neumaier, erst jetzt öffentlich geworden, ist
ein Drama aus unseren Tagen. Geschehen mitten unter uns. Und keiner
weiß, wie viele solcher Brigittes es noch gibt.
Die Kurzfassung: Die Eltern, aus vielerlei Gründen überfordert,
schleppen ihre damals 6jährige Tochter zu einem Psychater.
Der stellt seine Diagnose: "Das Kind ist äußerst
lebhaft, geschwätzig, ständig abgelenkt, zudringlich,
macht allerlei Faxen."
Allein dieser Satz, den unzählige Schüler in ihren Zeugnissen
hatten, als es noch Kopfnoten gab, genügte, um die kleine
Brigitte kurz darauf wegzusperren. "Das Kind bedarf
wegen seiner krankhaften Lebendigkeit der Anstaltsversorgung."
Punkt. Eingewiesen ins Heim, und damit war ein Schicksal
besiegelt. Damit begannen quälend lange 39 Jahre ausgefüllt
nur mit Putzen, ernten, Kartoffeln schälen - 14 Stunden täglich.
Erst 1988 wird Brigitte zum Leben befreit. So muss man das nach
der schier endlosen Tortur wohl nennen. Ein Pflegeexperte, auf
den jammervollen Fall aufmeksam gemacht, holt Brigitte aus dem
Elend. Sie lernt lesen und schreiben in der Volkshochschule, macht
eine Ausbildung als Pflegehelferin und steht jetzt auf eigenen
Beinen. Sie beweist, dass sie im Leben kann, was sie laut gnadenlosem
Psychater-Todesurteil gar nicht können dürfte...
Die heute 62jährige saugt das Leben wie ein Schwamm auf,
als wäre sie ein Teenie, berichteten Bekannte. Kein Wunder:
Dieser Frau ist das halbe Leben gestohlen worden, weil niemand
auf sie aufpasste, keiner sich kümmerte. Es genügte
ein einziger Azt mit einer einzigen Fehldiagnose für eine
lebenslängliche Verurteilung. Und das in einem Land, in dem
alles doppelt und dreifach geprüft, abgewogen und kontrolliert
wird. Da ist jede Kleinigkeit genau geregelt und überwacht,
für alles und nichts braucht man Nachweise, Zertifikate und
Dokumente. Nur für das Wichtigste und Wertvollste, für
das Gefährteste und Hilloseste gibt es das nicht: für
das Leben. Kinder sind ihren Eltern ausgeliefert, "Kranke"
den Ärzten und, wenn es schlimm kommt wie bei Brigitte, einem
Gutachter, dessen Urteil unumstößlich ist.
Keine Worte findet man für die Heimleitung und für Behörden,
denen es nicht auffiel oder nicht auffallen wollte, dass Brigitte
gar nicht krank und alles andere als bildungsunfähig und
lebensuntüchtig war. Diesen Beweis hat sie jetzt angetreten.
Keiner kann ihr die verlorenen Jahrzehnte ersetzen. Sie braucht
Menschen, die ihr helfen, den kommenden Jahren Leben zu geben,
das seinen Namen verdient.
So etwas darf nicht passieren in einer zivilisierten Gesellschaft,
die sich immer so gern human und kommunikativ gibt. Menschen sind
nicht Material. Brigitte und die, denen es genauso ergeht, sind
keine "Fälle" für Statistiken und Schlagzeilen,
sie sind einmalige Persönlichkeiten, wertvolle Leben. Der
Umgang mit Wertvollem und Einmaligem ist Respekt
und Ehrfurcht, nichts anderes.
Sie können Peter Hahne zu dieser Kolumne auch eine E-Mail
schreiben: peter.hahne@bams.de
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