«Wer meine Geschichte verstehen will, muss die Geschichte meines direkten
Vorfahren kennen, den ich nicht Vater nennen kann. Er hatte es schwer als
Protestant im tiefkatholischen Obwalden. Sein Leben lang kämpfte er mit den
Behörden. Stockbetrunken erschoss er in Flüeli-Ranft
einen Bauer. Vermutlich war es ein Unfall.
Anfang der 1930er-Jahre schwängerte er meine Mutter, die er nicht heiraten
durfte. Die Gemeinde hat wohl die Kosten gefürchtet. Ich wuchs bei einer
Pflegemutter auf, die mich anständig behandelte. Aber ihre ältere Tochter
schlug mich. Als ich einmal das Bett genässt hatte, stellte sie mich mit
feuchten Lacken um den Kopf vor die Tür. Einmal setzte sie mir Feldmäuse zum
Essen vor, damit das Bettnässen nachlasse. Das ist die Wahrheit. Genützt hat
der ganze Aberglaube, der damals in der Innerschweiz weit verbreitet war, natürlich nichts. Nestwärme gab es keine für mich.
Man rief mich Mördersohn und sagte, ich sei des Teufels. Ich wurde wie ein Kalb
oder ein Hund aufgezogen und wurde aufmüpfig.
Schläge von einem Kranzschwinger
Als die alte Frau mit mir nicht mehr zurecht kam, wurde ich als
Zweitklässler zu einem Bauern versetzt. Ich lief in eine wüste Sache rein. Er
bekam für mich Geld von der Gemeinde, und ich musste anpacken im Stall. Einmal
steckte ich sein Sackmesser ein. Der Bauer erwischte mich und schlug mich
halbtot. Er war Kranzschwinger. Fortan waren Schläge Mode. Alle wussten davon. Unternommen
hat niemand etwas. Ich verwahrloste. Es wurde je länger, je struber.
In der Schule ging es nicht mehr. Die Tortur dauerte zweieinhalb
Jahre.
Item. Als der Bauer wegen des Kriegs einrücken musste, kam eine
Haushälterin auf den Hof. Sie reklamierte wegen meiner Behandlung bei der
Gemeinde. Ich wurde zuerst zu einer anderen Bauernfamilie versetzt, wo ich es einigermassen gut hatte. Später
kam ich in ein Heim in der Nähe von Olten. Dort
lernte ich Manieren. Weil ich nicht mit Messer und Gabel essen oder aufrecht sitzen
konnte, wurde ich immer wieder zurecht gewiesen. Aber irgendwie war es eine
schöne Zeit. Später landete ich in einem Erziehungsheim, einer Art
Jugendgefängnis, preussisch geführt von einem
deutschen Bruderpaar.
Psychische Komplexe
und Rückenleiden
Meine Schlosserlehre schloss ich mit Ach und Krach ab. Als junger
Erwachsener hatte ich Minderwertigkeitskomplexe. Ich scheute mich, mit Frauen
zu reden oder ein Restaurant zu betreten.
Später musste ich meine Arbeit als Monteur aufgeben, da mich ein Rückenleiden
plagte. Der Arzt, der mich untersuchte, fragte mich, ob ich früher geschlagen
worden sei. Zum Glück fand ich bis zur Pensionierung eine andere Stelle. Vor
ein paar Jahren traf ich nach einem Aufruf im Fernsehen andere ehemalige
misshandelte Verding- und Pflegekinder. Erstmals konnte ich über mein Schicksal
reden. Ich will nicht mich nicht beklagen. Andere – beispielsweise im Emmental
– traf des härter. Eine offizielle Entschuldigung an sie wäre dringend nötig.