Meine wahre Geschichte
von Katharina M.
Lange, lange Zeit habe ich den Horror meiner Kindheit
weitestgehend verdrängt.
Ich bin als jüngstes Kind mit zwei älteren Brüdern in einem evangelischen
Pfarrhaus aufgewachsen.
Dass meine Mutter eiskalt war und mich als Kind gequält und geschlagen hat, war
mir zumindest von den Fakten her klar. Was ich tatsächlich gelitten habe, kann
ich nun mit einem wissenden Zeugen aufarbeiten und heilen. Meine Mutter hat das
tägliche Ritual des Haare Kämmens und Frisierens zur Folter missbraucht. Sie
zog mit der Bürste brutal an meinen – manchmal verfilzten - Haaren und flocht
meine Zöpfe so fest, dass es wehtat. Wenn ich protestierte, hieß es „Schönheit
muss leiden“ (ihr sadistisches Grinsen dabei werde ich nie vergessen), weshalb
ich von da an erfolgreich versucht habe hässlich zu sein, um nicht leiden zu
müssen… Erst in letzter Zeit kann ich meine weibliche
Schönheit entdecken und genießen. Doch das Trauma meiner Kopfhaut spüre ich
immer noch. Es kommt mir vor, als habe sie durch diese Folter (und durch
unzärtliches, viel zu kräftiges „Kraulen“) „mein Hirn waschen“ und mir ihre
Gedanken einpflanzen wollen. Sie hat mich außerdem ständig kritisiert,
beschimpft, klein gemacht, ich war total eingeschüchtert. Ich habe das Gefühl,
dass sie an mir ihren ganzen Hass ausgelassen hat. Sie hat mir Schuld für alles
Mögliche eingeimpft, z.B. auch für ein Ekzem am Zeh,
das sie seit meiner Geburt hatte.
Zu meinem Vater hatte ich immer ein gutes Verhältnis. Klar war ich als seine
einzige auch seine „Lieblingstochter“, besonders umzärtelt…Nun habe ich mich vor einiger Zeit schmerzhaft daran
erinnert, dass mein Vater mich bereits als Kleinkind vergewaltigt hat. Meine
Brüder haben es ihm nachgetan. Womöglich hielten sie es für ein natürliches
männliches Verhalten. Woher sollten sie es auch wissen, schließlich hat man
hauptsächlich seinen Vater als Vorbild…mir wird langsam klar, dass ich in einem
Irrenhaus ohne psychiatrisches Personal groß geworden bin. Dass dieses
Irrenhaus gleichzeitig ein Pfarrhaus war, ist nur noch das I-Tüpfelchen.
Das alles steht in so krassem Kontrast zu dem Bild meiner Kindheit, das mir
immer vermittelt wurde: dass ich eine schöne und sorgenfreie Kindheit gehabt
hätte. Solch eine infame Lüge, besonders, wenn man es eigentlich wissen KÖNNTE,
dass es nicht so war.
Ich bin sehr empört darüber, wie ein Vater so mit seiner Tochter umgehen kann.
Und mindestens genauso schlimm ist es für mich, dass mein Vater als Pfarrer
immer ein besonders großes moralisches Ansehen genoss. Ein Gutmensch wie er im
Buche steht. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum ich erstmal überhaupt
nicht auf ihn als Vergewaltiger gekommen bin.
Um diese himmelschreiende Ungerechtigkeit wenigstens wieder ein kleines
bisschen zurechtzurücken (für eine Anzeige wegen Kindesmissbrauchs ist es
bereits zu spät), habe ich meine gesamte Verwandtschaft per Brief über die
Wahrheit meiner Kindheit informiert. Zu meiner großen Überraschung glaubten mir
einige Cousinen und Cousins, auch da sie selbst unter dem Sadismus meines
ältesten Bruders gelitten hatten. Von ihnen erfuhr ich auch, dass die komplette
Verwandtschaft meinem Vater glaubt, der erwartungsgemäß leugnete. So konnte ich
mich vor empörten Briefen von Tanten und meinen Eltern schützen und schickte
sie ungeöffnet zurück. Sie empören sich über meinen Brief
anstatt über die Ungerechtigkeit, die mir als Kind widerfahren ist!
Verdrehte Welt!!!
Für mein verletztes Kind war diese Briefaktion ein Stück Rehabilitation. Nun
führe ich mein eigenes Leben – weit weg auf einem anderen Stern.
Manchmal wundere ich mich, dass ich diesen Horror überhaupt überlebt habe. Ich
kann es mir nur so erklären, dass mein mittlerer Bruder mein wissender und
manchmal auch helfender Zeuge gewesen ist. Er war auch bei der ersten
Vergewaltigung durch meinen Vater (da war ich 4 und er 7) dabei – heute ist er
Fachanwalt für Familienrecht (!). Dennoch glaubt er nun nach der Aufdeckung
lieber meinem Vater als mir. Diesen Bruder ziehen zu lassen, war besonders
schmerzhaft für mich, hatte ich doch bis zuletzt geglaubt, dass er mir
wenigstens JETZT beistehen würde. Fehlanzeige. Feigling.
Mit den verinnerlichten Eltern habe ich Tag für Tag zu kämpfen. Mir ist, als
würden sie täglich eine Portion von ihrem giftigen Hass in mich hineinspritzen.
Und wenn ich mich nicht regelmäßig entgifte, verschwinde ich im Nu im
depressiven Nebel. Die wichtigste und wirksamste Entgiftung ist, meine Eltern –
meist schriftlich – anzuklagen, sie zu beschimpfen und wegzujagen. Das gibt mir
Kraft! Es kann sein, dass ich das noch mehrere Jahre machen muss, aber die
Arbeit lohnt sich!
Bisher habe ich ÜBERlebt,
nun LEBE ich!