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Geschichten

 
Aus einem eMail des inzwischen verstorbenen Autors von Nikko Schott
und Dierk Schäfer
Evangelische Akademie Bad Boll

Mein Gesundheitszustand läßt zu wünschen übrig, und ich werde mich wohl damit abfinden müssen, nicht mehr so recht auf die Beine zu kommen. Eine Ursache dafür sehe ich in sehr
frühen Kriegstraumatisierungen. Um Ihnen meine Überzeugung einsichtig zu machen, schicke ich Ihnen im Anhang ein Kapitel meines autobiographischen Romans mit, den ich z.Zt. überarbeite. Natürlich wäre ich über eine Reaktion von Ihnen dankbar. - Wie meine Reaktionen
auf den völkerrechtswidrigen, verbrecherischen Irak-Krieg sind, können Sie sich nach Lesen des Kapitels sicherlich denken. Wie verarbeiten Sie ihn?

[Vorbemerkung zum Abdruck von Nikko Schott in unserer Tagungsdokumentation]
Weil sein Text „statt eines autobiographischen Romans“ und „verfaßt in einer ungewöhnlichen Form – entsprechend einem ungewöhnlichen Thema“ als Eigenbericht eines Kriegskindes
konzipiert ist, möchte ich ihn hier abdrucken, vermutlich „in memoriam“. Denn er stellt – zumindest in der gewählten literarischen Fiktion – eine Art Vermächtnis dar, eine Abschiedsrede.
Eine solche Rede möchte ich weder kürzen noch kommentieren, auch wenn der Blick des Autors oft zu allgemein-politischen Fragen der bundesrepublikanischen Geschichte schweift. Ich entspreche damit dem Wunsch der literarischen Person Nikko Schott, dessen
Rückblick auf sein Leben sich aus meiner Kenntnis sehr stark mit der Biographie seines Autors
vermischt. Ich habe Anlaß zu der Vermutung, daß diese Form dem Verfasser recht ist oder wäre, weiß nur nicht, ob er seinen Namen dabei genannt wissen will/gewollt hätte, oder ob er sich doch von Nikko Schott unterschieden wissen möchte.
Darum lasse ich es bei Nikko Schott.
Bad Boll, Freitag, 30. Juli 2004
dierk schäfer]

NIKKO SCHOTT
ZUM ABSCHIED

statt eines autobiographischen Romans
[Es ist] mein Wunsch, jedenfalls meine Abschiedsworte hier, an diesem Ort, verlesen zu lassen. Ich bitte, das als meinen letzten Wunsch zu respektieren.

Den Eintritt in meine embryonale Existenz verdanke ich einem Fronturlaub meines Vaters. Februar 1944. Zwischen zwei langen und gefahrvollen Unternehmungen als U-Bootfahrer. Meine Mutter verbrachte die Schwangerschaft von Beginn an in ständiger und wachsender Angst und Sorge. Seit gut einem Jahr hatte die Chance der U-Boot-Männer, gesund zurückzukehren, sich rapide verschlechtert.
Mehr als die Hälfte blieb jetzt draußen. Zudem war die angsteinflößende Niederlage nur eine Frage der Zeit. Unter den Deutschen kursierte das Wort: Genießen wir den Krieg, der Frieden wird fürchterlich! Und nicht zuletzt setzte nun das britische Bomber Command sein strategisches Konzept des Moral bombing gegen die deutsche Zivilbevölkerung fast ungehindert und mit bis dahin unvorstellbarer Wucht in die Tat um. Die deutsche Luftwaffe war weitgehend ausgeschaltet.
Der Bombenkrieg bekam apokalyptische Ausmaße. Ab September 1944 wurden die Großstädte des bereits geschlagenen Feindes systematisch in Schutt und Asche gelegt. Eine Vernichtungsorgie ohnegleichen.
Meine Mutter und Schwester wohnten zu dieser Zeit in Darmstadt. Am 11. September wurde die hessische Großherzogstadt zum schaurigen Probefall für die schrecklichste aller Städteverbrennungen.
Dresden. Dank einer neuen Taktik, dem sogenannten Fächer, verbrannten die britischen Bomberstaffeln die schöne, alte Stadt in einem einzigen Anlauf. 12.300 Menschen starben,
14 darunter 2.450 Kinder unter 16 Jahren. Mit mir im Leib entkam meine Mutter, meine Schwester an der Hand, dem Inferno mit knapper Not. Mitten durch brennenden Phosphor - es floß die Stufen hinab in den Schutzkeller - durch den alles vernichtenden, orgelnden Feuersturm, durch verbrannte,
auf Säuglingsgröße geschrumpfte Leichen. Meine Familie flüchtete sich nach Wilhelmshaven. Unter Umständen, die ich eurer Phantasie überlasse. Dort geriet sie vom Regen in die Traufe. Nach mehreren vorangegangen Großangriffen bekam die Jadestadt am 15. Oktober den Todesstoß. In mehreren Wellen von 600 Bombern wurde vor allem das Zentrum ausgelöscht. Schließlich, am 17. November 1944, Punkt 5 Uhr, erblickte ich die Finsternis dieser Welt. Im Bunker des zerstörten Willehad-Hospitals. Bis zur Evakuierung im März 1945 war der Bunker an der Ecke Peterstraße/ Banterweg meine eigentliche Kinderstube. Nur wenige hundert Meter entfernt, im Banterweg, befand sich eine Außenstelle des KZ Neuengamme. Ein kleines, aber besonders grausames Konzentrationslager.
Das erfuhr ich vor wenigen Jahren.

Dem Moral bombing fielen in Deutschland 800.000 Menschen zum Opfer. Eine unbekannte, jedenfalls sehr viel größere Zahl wurde fürs Leben traumatisiert. Am schwersten die Kriegsgeborenen.
Darunter ich.

Meine Mutter wußte, was das bedeutete. Vor ein paar Jahren fragte ich sie nach ihren Erinnerungen an die Schwangerschaftszeit. Sie sagte: Ich habe die ganze Zeit Angst gehabt, nur Angst, große Angst. Und ich weiß genau, daß du was davon abbekommen hast. Der Krieg hat das biologische
Fundament meines Lebens in Richtung Krankheit vorprogrammiert. Auf direkte wie auf indirekte Weise. Nicht nur meine Mutter, auch ich kann die große Bedeutung der frühesten Prägungen bezeugen.
Mich hat das eine albtraumhafte Regression bis in meine vorgeburtliche Zeit gelehrt. 1986.
Bei verständiger Zuwendung der Erwachsenen hätte die Krankheit allerdings nicht ausbrechen müssen.
Eklatantes gesellschaftliches Versagen mußte hinzukommen. Das alles muß gesagt sein. Versteht man nämlich die Anfänge meines Lebens nicht, dann auch nicht dessen Ende. Und die dazwischenliegenden 57 Jahre natürlich ebenfalls nicht. Sie sind beispielhaft für die unglaubliche Verantwortungslosigkeit, mit der die Bundesrepublik mit ihren Kriegsgeborenen umgegangen ist und noch immer umgeht. Ist es nicht ein sehr natürliches, sicherlich angeborenes Bedürfnis, sein Leben
zu verstehen? Und mit anderen sich darüber auszutauschen? Diesem Bedürfnis nachzukommen ist mir nur zu einem unbefriedigenden Teil gelungen. Daher die Ausführungen von dieser Stelle, aus diesem Anlaß.

 
 

Geschichten aus der
Kindheit
Erwachsene erzählen
heute, was damals
niemand hören wollte.


Index
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ZUM ABSCHIED
NIKKO SCHOTT

Vom Feuer in die Hölle
Meine Jugendjahre im Mädchenheim Weiher.

Quälende Schatten aus der Vergangenheit

Ich Bernd Grün

Über ein Leben im Heim und ein Schicksal, das sprachlos macht

Mundtot

H. Franke aus Aachen

Heinz Schreyer
Meine Geschichte

Meine Geschichte
von M. Schlage

"Ein beinahe zerstörtes Leben"

Erinnerungen eines Zöglings

Sylvie's Life

Damals - Heute

Die Ohrenentzündung


  .....über die Erfahrungen
einer misshandelten Kindheit zu sprechen ist oftmals der erste Schritt
auf einem langen Weg
die unsichtbaren Wunden
zu heilen.
   
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