Das Parfumfläschchen

von Saskia Buhrow

 

Ich höre einen Schrei, spüre, wie mir die Bettdecke weggezogen wird. Zwei Stahlhände bohren sich in meine Arme, zerren mich aus dem Bett heraus auf den kalte Linoleum Boden. Langsam begreife ich, es ist kein Traum. Das war mein Schrei. Ich werde von Schwester Abelada geschüttelt, immer wieder zu Boden gestoßen, was habe ich ihr im Schlaf getan?

Da liegt er, der kleine silberne Flacon, direkt vor mir auf dem Boden. Offen. Die Schwester nimmt ihn in die Hand und fragt was das sei. Ich beginne zu weinen. Es ist ein Stück meiner Mutter, eine letzte Erinnerung an sie, gefüllt mit ihrem Parfum. Nun leer. Ich kann nur weinen. Das genügt ihr als Antwort natürlich nicht. Sie schlägt mich ins Gesicht, immer wieder, bis ich mich aufs Bett werfe und meinen Kopf zu schützen versuche. Sie befiehlt mir aufzustehen, mitzukommen. Alle anderen sind wach, stellen sich aber schlafend, so bald wir vorbeigehen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Aufmerksamkeit ist hier nichts Positives, sie bedeutet Auffälligkeit, Abweichung vom Reglement, Widersätzlichkeit und somit Straffälligkeit. Auf der großen runden Uhr sehe ich, dass es 23.15 ist. Um 21.00 wurde das Licht gelöscht und beim Rundgang um 23.00 bin ich wohl im Schlaf auffällig geworden. Barfuß gehe ich hinter ihr durch den mir endlos erscheinenden Gang, Treppe rauf, dann weiter bis zum Zimmer der Direktorin. Sie sitzt an ihrem riesigen Schreibtisch und ich frage mich, ob diese Wesen niemals schlafen. Abelada schiebt mich an ihre Tischkante und legt synchron das Parfumfläschchen auf den Tisch. Ich höre, wie sie mich als renitent, eitel und unkeusch beschreibt. Ich würde den ganzen Tag an nichts anderes denken, als den Männern den Kopf verdrehen zu wollen, würde mich heimlich schminken und nun auch nachts einparfümieren.

Ich versuche zu erklären, es sei doch eine Erinnerung an meine Mutter der Duft, aber ich darf nicht ausreden. Schweig, du Bastard. Deine Mutter war eine Hure. Ihre Augen sind wie glühende Kohlen, meine Füße eiskalt. Sie steht auf, öffnet den Wandschrank, nimmt den Rohrstock und beugt mich über den Tisch. Ich versuche, mich während der Schläge an den Geruch des Parfums zu erinnern, doch mein Schreien siegt. Irgendwann ist es vorbei, ich darf aufstehen, werde in den Schlafsaal zurückgebracht. Es ist 23.45. Vor 30 Minuten kannte ich ihn noch, den Duft des Parfums, der so tröstend und umarmend war. Nun ist jede Erinnerung ausgelöscht. Bis heute. Niemals mehr habe ich diesen Geruch wiedergefunden, weder in meinem Gedächtnis noch in einer Parfümerie. Noch heute fühle ich mich schuldig, wenn ich ein Parfum benutze. Ich versuche dann meine Impulse zu unterdrücken, weglaufen zu wollen, meine Hände schützend vor mein Gesicht zu halten, keine glühenden Augen im Spiegel zu sehen und die Stimme in meinem Kopf „Du Bastard! Hure! einfach zu überhören.

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