
Das
Parfumfläschchen
von
Ich höre einen Schrei, spüre, wie mir die Bettdecke weggezogen
wird. Zwei Stahlhände bohren sich in meine Arme, zerren mich aus dem Bett
heraus auf den kalte Linoleum Boden. Langsam begreife
ich, es ist kein Traum. Das war mein Schrei. Ich werde von Schwester Abelada geschüttelt, immer wieder zu Boden gestoßen, was habe
ich ihr im Schlaf getan?
Da liegt er, der kleine silberne
Flacon, direkt vor mir auf dem Boden. Offen. Die
Schwester nimmt ihn in die Hand und fragt was das sei. Ich beginne zu weinen.
Es ist ein Stück meiner Mutter, eine letzte Erinnerung an sie, gefüllt mit
ihrem Parfum. Nun leer. Ich kann nur weinen. Das genügt ihr als Antwort natürlich
nicht. Sie schlägt mich ins Gesicht, immer wieder, bis ich mich aufs Bett
werfe und meinen Kopf zu schützen versuche. Sie befiehlt mir aufzustehen,
mitzukommen. Alle anderen sind wach, stellen sich aber schlafend, so bald wir vorbeigehen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Aufmerksamkeit ist hier nichts Positives, sie bedeutet Auffälligkeit, Abweichung
vom Reglement, Widersätzlichkeit und somit Straffälligkeit.
Auf der großen runden Uhr sehe ich, dass es 23.15 ist. Um 21.00 wurde das
Licht gelöscht und beim Rundgang um 23.00 bin ich wohl im Schlaf auffällig
geworden. Barfuß gehe ich hinter ihr durch den mir
endlos erscheinenden Gang, Treppe rauf, dann weiter bis zum Zimmer der Direktorin.
Sie sitzt an ihrem riesigen Schreibtisch und ich frage mich, ob diese Wesen
niemals schlafen. Abelada schiebt mich an ihre Tischkante
und legt synchron das Parfumfläschchen auf den Tisch. Ich höre, wie sie mich
als renitent, eitel und unkeusch beschreibt. Ich würde den ganzen Tag an nichts
anderes denken, als den Männern den Kopf verdrehen zu wollen, würde mich heimlich
schminken und nun auch nachts einparfümieren.
Ich versuche zu erklären, es sei doch eine Erinnerung an
meine Mutter der Duft, aber ich darf nicht ausreden. Schweig, du Bastard. Deine
Mutter war eine Hure. Ihre Augen sind wie glühende Kohlen, meine Füße eiskalt.
Sie steht auf, öffnet den Wandschrank, nimmt den Rohrstock und beugt mich über
den Tisch. Ich versuche, mich während der Schläge an den Geruch des Parfums zu
erinnern, doch mein Schreien siegt. Irgendwann ist es
vorbei, ich darf aufstehen, werde in den Schlafsaal zurückgebracht. Es ist
23.45. Vor 30 Minuten kannte ich ihn noch, den Duft des Parfums, der so
tröstend und umarmend war. Nun ist jede Erinnerung ausgelöscht. Bis heute.
Niemals mehr habe ich diesen Geruch wiedergefunden, weder in meinem Gedächtnis
noch in einer Parfümerie. Noch heute fühle ich mich schuldig, wenn ich ein
Parfum benutze. Ich versuche dann meine Impulse zu unterdrücken, weglaufen zu
wollen, meine Hände schützend vor mein Gesicht zu halten, keine glühenden Augen
im Spiegel zu sehen und die Stimme in meinem Kopf „Du
Bastard! Hure! einfach zu überhören.
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