Prügel waren an der Tagesordnung

Eine heute 49-Jährige erinnert sich an die Verletzungen ihrer Kindheit

Vom 30.03.2006

WIESBADEN Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, bestimmt das Leben von Ursula G.: Sie vermisste als Kind die liebende Mutter, ein Defizit, unter dem sie heute noch leidet. Jetzt beginnt sie ihre Kindheit aufzuarbeiten.  
Von Christoph Cuntz


Sektfest in Eltville: Ursula G als Kind.privat
 

Als Kind hat Ursula G. gelitten unter der zu Hause herrschenden Enge und Strenge. Sie galt als frech und aufsässig, wurde ein Fall fürs Jugendamt. Weil ihre Mutter sie misshandelte, ermittelte die Polizei. Die heute 49-Jährige hat sich ihre Akten geben lassen - und fragt sich, warum die Behörden so lange still hielten.

Sie war zwei Wochen auf der Welt, als das Jugendamt den ersten Vermerk in ihrer Sache schrieb. Der letzte datiert wenige Tage vor ihrem 18. Geburtstag, als Ursula G. gerade eine Schwesternausbildung an einer Wiesbadener Klinik begonnen hatte.

Enge und StrengeDick ist die Akte, die im Laufe der Jahre gewachsen ist. Ursula G. hält sie jetzt in Händen. Auf den Inhalt war sie vorbereitet, sagt sie. Sie habe das alles ja erlebt: Die Schläge, die Strenge und die Enge. "Aber ich wusste nicht, dass mein Opa schon Sorge um mich hatte, als ich noch ein Baby war. Und entsetzt hat mich, dass die Behörden nicht eingeschritten sind".

Ursula G. war Tochter einer allein Erziehenden, wuchs in der Zwei-Zimmer-Wohnung der Großeltern auf, in der auch ihre Mutter und ihre später geborene Schwester lebten. Sie war noch kein Jahr alt, als der Großvater beim Jugendamt vorgesprochen hatte, von den "Tobsuchtsanfällen" seiner Tochter - "der Kindesmutter" - berichtete. In der Akte heißt es: Die Mutter sei "nach Aussagen ihres Großvaters nicht in der Lage, das Kind selbst zu erziehen".

Wenig später beschrieb das Gesundheitsamt die Kindesmutter als "geistig etwas minderwertig" und "nicht in der Lage, ihr Kind allein zu pflegen und zu erziehen". Die Erkenntnis blieb folgenlos. Es vergingen zehn lange Jahre, bis der nächste Eintrag die Akte von Ursula G. füllte. Das Kind sei "frech und ungezogen", hieß es jetzt. Sie bereite Schwierigkeiten. Die allerdings seien "mehr in der Persönlichkeit der Mutter begründet". Die Behörden holten eine Beurteilung der Schule ein, die nicht sehr freundlich ausfällt. Die mittlerweile Zwölfjährige sei "weithin farblos, abwesend, passiv, undurchsichtig, unlebendig, schwerfällig-träge".

Ursula G. erinnert sich an die damalige Zeit: "Prügel mit dem Kochlöffel aus nichtigen Anlässen waren an der Tagesordnung". Bedrückt und aggressiv sei die Stimmung zu Hause gewesen. Ihre Mutter habe sie spüren lassen, "dass sie mich abgrundtief hasst".

Eine Psychologin, die im Februar 1970 im Auftrag des Jugendamtes den Fall untersuchte, notierte: Die Mutter mache einen "auffallend starren Eindruck", sei "eher hart in ihren Äußerungen". Sie sage über ihre Tochter: "Manchmal kommt sie mir vor wie ein Mongole" - ohne dass es für die Psychologin möglich war, zu erfahren, was die Mutter damit meint. Ihre Einschätzung: Ursula G. werde "ständig kontrolliert und reglementiert". Im Interesse des Mädchens könne nur geraten werden, sie rasch aus der Familie heraus zu nehmen. Schließlich seien die Wohnverhältnisse "untragbar", sie provozierten "seelische Fehlentwicklungen".

Den Mahnungen der Psychologin zum Trotz bleibt die 13-Jährige vorerst bei der Mutter. Die Behörden ließen es zur Eskalation kommen. In einer Notiz des "Staatlichen Kriminalkommissariates Wiesbaden" heißt es: Anlässlich eines Streites zwischen Mutter und Tochter "übergoss die Mutter die Tochter mit kochender Suppe und brachte ihr Verbrennungen 2. Grades bei". Die Polizei ermittelte wegen einfacher Körperverletzung. Bei der polizeilichen Vernehmung wurde Ursula G. gefragt: "Sei mal ganz ehrlich, warst du nicht doch einen großen Teil schuld, dass die Mutter oft so erregt wurde und sich jetzt vergessen hat?"

"Wie kann man einem 13 Jahre alten Kind die Schuld zuweisen?", fragt Ursula G. heute. Ihr in den Akten geschildertes, angeblich freches Verhalten wäre damals gar nicht möglich gewesen. "Da wäre man geschlagen worden."

Ursula G. muss als Kind im wahrsten Sinne des Wortes ein "dickes Fell" gehabt haben. Die Ärztin, die Ursula G. behandelte, gab zu Protokoll, es sei unerklärlich, "dass sie kaum über Schmerzen klagt" und den Eindruck erwecke, "als wenn sie das nicht sehr beeindruckt habe".

Erst nach der Eskalation bekam Ursula G. einen Platz in einem Jugendheim. Vieles wurde anders, aber nicht unbedingt besser. "Wir wurden im Heim selten geschlagen", sagt sie heute. "Das war auch nicht nötig, der Psychodrill reichte schon aus, um uns gefügig zu machen". Sie erinnert sich an Postzensur und Ausgangs-Verbot. "Wie im Gefängnis" sei es gewesen. "Wir mussten um sechs Uhr morgens aufstehen, um noch vor der Schule unseren Putzdienst zu absolvieren."

Kein "Traumprinz"Das Jugendheim selbst gab zunächst eine verheerende Einschätzung über das Mädchen ab. "Starke Egozentrik", "Hang zum Angeben", "Dankbarkeit kante sie nicht". Als sie vor der Entlassung steht - Ursula G. hatte inzwischen einen Realschulabschluss - klingt das Urteil versöhnlicher. Die Probleme zu Hause versuche sie "soweit wie möglich ohne Hilfe zu lösen". Sie sei selbständiger und kritischer geworden und für die Ausbildung zur Krankenschwester "sehr geeignet", da sie zuverlässig arbeite und ein gutes Einfühlungsvermögen habe.

Ursula G. erinnert sich an die Zeit, als sie ins eigenverantwortete Leben entlassen wurde. Sie wollte heiraten, Kinder bekommen, den Traumprinzen finden, der "alles wieder gut" macht. Es kam anders. "Ich hatte große Schwierigkeiten, mit Menschen und Beziehungen in meiner Umgebung klar zu kommen". Sie fand zwar einen Mann, von dem sie ein Kind hat. Von Dauer war die Beziehung nicht. Ursula G. ist - wie ihre Mutter es war - allein erziehend.