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Prügel waren an der Tagesordnung Eine heute
49-Jährige erinnert sich an die Verletzungen ihrer Kindheit Vom 30.03.2006 WIESBADEN Das Gefühl, etwas verpasst zu haben,
bestimmt das Leben von Ursula G.: Sie vermisste als Kind die liebende Mutter,
ein Defizit, unter dem sie heute noch leidet. Jetzt beginnt sie ihre Kindheit
aufzuarbeiten.
Als Kind hat Ursula G. gelitten unter der zu Hause herrschenden Enge und
Strenge. Sie galt als frech und aufsässig, wurde ein Fall fürs Jugendamt. Weil
ihre Mutter sie misshandelte, ermittelte die Polizei. Die heute 49-Jährige hat sich ihre Akten geben lassen - und fragt sich, warum
die Behörden so lange still hielten. Sie war zwei Wochen auf der Welt, als das Jugendamt den ersten Vermerk in
ihrer Sache schrieb. Der letzte datiert wenige Tage vor ihrem 18. Geburtstag,
als Ursula G. gerade eine Schwesternausbildung an einer Wiesbadener Klinik
begonnen hatte. Enge und StrengeDick
ist die Akte, die im Laufe der Jahre gewachsen ist. Ursula G. hält sie jetzt
in Händen. Auf den Inhalt war sie vorbereitet, sagt sie. Sie habe das alles
ja erlebt: Die Schläge, die Strenge und die Enge. "Aber ich wusste
nicht, dass mein Opa schon Sorge um mich hatte, als ich noch ein Baby war. Und
entsetzt hat mich, dass die Behörden nicht eingeschritten sind". Ursula G. war Tochter einer allein Erziehenden, wuchs in der
Zwei-Zimmer-Wohnung der Großeltern auf, in der auch ihre Mutter und ihre
später geborene Schwester lebten. Sie war noch kein Jahr alt, als der
Großvater beim Jugendamt vorgesprochen hatte, von den
"Tobsuchtsanfällen" seiner Tochter - "der Kindesmutter" -
berichtete. In der Akte heißt es: Die Mutter sei "nach Aussagen ihres
Großvaters nicht in der Lage, das Kind selbst zu
erziehen". Wenig später beschrieb das Gesundheitsamt die Kindesmutter als
"geistig etwas minderwertig" und "nicht in der Lage, ihr Kind
allein zu pflegen und zu erziehen". Die Erkenntnis blieb folgenlos. Es
vergingen zehn lange Jahre, bis der nächste Eintrag die Akte von Ursula G.
füllte. Das Kind sei "frech und ungezogen", hieß es jetzt. Sie
bereite Schwierigkeiten. Die allerdings seien "mehr in der
Persönlichkeit der Mutter begründet". Die Behörden holten eine
Beurteilung der Schule ein, die nicht sehr freundlich ausfällt. Die
mittlerweile Zwölfjährige sei "weithin farblos, abwesend, passiv,
undurchsichtig, unlebendig, schwerfällig-träge". Ursula G. erinnert sich an die damalige Zeit: "Prügel mit dem
Kochlöffel aus nichtigen Anlässen waren an der Tagesordnung". Bedrückt
und aggressiv sei die Stimmung zu Hause gewesen. Ihre Mutter habe sie spüren
lassen, "dass sie mich abgrundtief hasst". Eine Psychologin, die im Februar 1970 im Auftrag des Jugendamtes den Fall
untersuchte, notierte: Die Mutter mache einen "auffallend starren
Eindruck", sei "eher hart in ihren Äußerungen". Sie sage über
ihre Tochter: "Manchmal kommt sie mir vor wie ein
Mongole" - ohne dass es für die Psychologin möglich war, zu erfahren,
was die Mutter damit meint. Ihre Einschätzung: Ursula G. werde "ständig
kontrolliert und reglementiert". Im Interesse des Mädchens könne nur
geraten werden, sie rasch aus der Familie heraus zu nehmen. Schließlich seien
die Wohnverhältnisse "untragbar", sie provozierten "seelische
Fehlentwicklungen". Den Mahnungen der Psychologin zum Trotz bleibt die 13-Jährige vorerst bei
der Mutter. Die Behörden ließen es zur Eskalation kommen. In einer Notiz des
"Staatlichen Kriminalkommissariates Wiesbaden" heißt es: Anlässlich
eines Streites zwischen Mutter und Tochter "übergoss die Mutter die
Tochter mit kochender Suppe und brachte ihr Verbrennungen 2. Grades bei". Die Polizei ermittelte wegen einfacher
Körperverletzung. Bei der polizeilichen Vernehmung wurde Ursula G. gefragt:
"Sei mal ganz ehrlich, warst du nicht doch einen großen Teil schuld,
dass die Mutter oft so erregt wurde und sich jetzt vergessen hat?" "Wie kann man einem 13 Jahre alten Kind die
Schuld zuweisen?", fragt Ursula G. heute. Ihr
in den Akten geschildertes, angeblich freches Verhalten wäre damals gar nicht
möglich gewesen. "Da wäre man geschlagen worden." Ursula G. muss als Kind im wahrsten Sinne des Wortes ein "dickes
Fell" gehabt haben. Die Ärztin, die Ursula G. behandelte, gab zu
Protokoll, es sei unerklärlich, "dass sie kaum über Schmerzen
klagt" und den Eindruck erwecke, "als wenn sie das nicht sehr
beeindruckt habe". Erst nach der Eskalation bekam Ursula G. einen Platz in einem Jugendheim.
Vieles wurde anders, aber nicht unbedingt besser. "Wir wurden im Heim
selten geschlagen", sagt sie heute. "Das war auch nicht nötig, der
Psychodrill reichte schon aus, um uns gefügig zu machen". Sie erinnert
sich an Postzensur und Ausgangs-Verbot. "Wie im Gefängnis" sei es
gewesen. "Wir mussten um sechs Uhr morgens aufstehen, um noch vor der
Schule unseren Putzdienst zu absolvieren." Kein "Traumprinz"Das
Jugendheim selbst gab zunächst eine verheerende Einschätzung über das Mädchen
ab. "Starke Egozentrik", "Hang zum Angeben",
"Dankbarkeit kante sie nicht". Als sie vor der Entlassung steht -
Ursula G. hatte inzwischen einen Realschulabschluss - klingt das Urteil
versöhnlicher. Die Probleme zu Hause versuche sie "soweit wie möglich
ohne Hilfe zu lösen". Sie sei selbständiger und kritischer geworden und
für die Ausbildung zur Krankenschwester "sehr geeignet", da sie
zuverlässig arbeite und ein gutes Einfühlungsvermögen habe. Ursula G. erinnert sich an die Zeit, als sie ins eigenverantwortete Leben
entlassen wurde. Sie wollte heiraten, Kinder bekommen, den Traumprinzen
finden, der "alles wieder gut" macht. Es kam anders. "Ich
hatte große Schwierigkeiten, mit Menschen und Beziehungen in meiner Umgebung
klar zu kommen". Sie fand zwar einen Mann, von dem sie ein Kind hat. Von
Dauer war die Beziehung nicht. Ursula G. ist - wie ihre Mutter es war -
allein erziehend. |