Schneckenbrot und Tatzensteckerl

 

11.04.2009   05:00 Uhr

 Schneckenbrot und Tatzensteckerl

Ehemalige Heimkinder berichten über drakonische Strafen und harte Arbeit: ¸¸Verboten war eigentlich alles, was Spaß machte"

Von Monika Maier-Albang

Es sollte an ihrem Geburtstag sein. Wenn schon nach all den Jahren diese schmerzhafte Begegnung, dann wollte Arngard Wisent das "aufwühlende Suchen" an einem besonderen Tag beginnen. Sie bat eine Freundin mitzukommen, fuhr von Frankfurt, wo sie lebt, mit dem Zug nach München. Und klingelte am 18. Februar an der Tür des Kinder- und Jugendhilfezentrums "Haus Maria Thalkirchen". Hier hatte Arngard Wisent in den 70er Jahren einen Teil ihrer Kindheit verbracht - es waren keine unbeschwerten Jahre. Damals betrieben Oberzeller Franziskanerinnen das Kinderheim. Nun führt eine freundliche Sozialpädagogin durch die Gänge. Alles ist hell, nicht so düster, wie Wisent es in Erinnerung hat. Wisent erkennt den Geruch der Großküche, erinnert sich an einen Durchgang, den sie früher benutzte, wenn sie "zum Kleinkinderhüten" abkommandiert worden war. Ist ja einfacher als befürchtet, denkt sie noch, doch dann sieht sie ein Kreuz an der Wand. Und es beutelt sie regelrecht.

Als Wisent 1966 mit 14 Jahren nach München kam, hatte sie bereits eine Odyssee durch verschiedene kirchliche Heime in Franken hinter sich. Die Schwestern in Thalkirchen, so erinnert sich Wisent, gaben den Kindern "Ämtchen", die in Wirklichkeit harte Arbeit waren: Auf den Knien musste der Boden gewienert werden, "mit schwerem Gerät, dabei hatte es damals schon Schrubber gegeben". Vor dem Badewasser, in dem schon andere vor ihr gelegen hatten, ekelte es das Mädchen. Dass die Schwestern jeden ihrer Briefe lasen und zensierten, machte sie wütend. Doch wer auszubüxen versuchte, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Wisent hat die Arrestzelle mit der harten Pritsche noch vor Augen. Nur zum Gottesdienst wurde die "Übeltäterin" rausgelassen und musste sich allein in die erste Bank setzen. Dieses Vorgeführtwerden, sagt Wisent, sei schlimmer gewesen als jede Ohrfeige. "Es waren psychische Schläge."

Erinnerungen, wie sie viele Menschen in Deutschland teilen, die in den 50er bis hinein in die 70er Jahre in staatliche oder kirchliche Fürsorgeheime kamen. Eingewiesen wurde in die sogenannten "Fürsorgeeinrichtungen" damals oft schon wegen kleinster Verfehlungen: wegen "Arbeitsbummelei", "Verlogenheit" oder "Umhertreiben". Mädchen galten als verwahrlost, wenn sie mit 15 einen Freund hatten oder zu enge Hosen trugen. Andere Kinder waren für ihre Mütter im Nachkriegsdeutschland eine Last; die Väter hatten sich oft längst aus dem Staub gemacht - auch ohne die strenge Heimerziehung wäre das für die Kinder Bürde genug gewesen.

Vor allem in der Nachkriegszeit hatten die Ordensleute und Erzieher meist keine pädagogische Ausbildung - oder eine, die sich noch aus dem Geist der NS-Zeit speiste. Später gab es "Kindergartenseminare" für die Schwestern. "Aber das befähigt ja nicht unbedingt für die Arbeit mit Jugendlichen", sagt Monika Deuerlein vom Landesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe in Bayern (LVkE). In der Regel konnten sich die Ordensleute ihre Arbeitsstelle auch nicht aussuchen, die Oberen legten fest, wer in den Kinderheimen eingesetzt wurde. Manche kamen gut mit Kindern zurecht, andere seien "komplett überfordert" gewesen und hätten "schon genügend Probleme mit sich selbst gehabt", sagt ein Leiter einer Jugendhilfe-Einrichtung, die bis vor wenigen Jahren von Ordensbrüdern geleitet wurde.

Nach ihrer Entlassung schwiegen die Heimkinder, die heute Erwachsene sind, meist jahrzehntelang. Weil keiner ihre Geschichte hören wollte, weil sie das Erlebte selbst verdrängt hatten oder sich schämten. Erst seit 2004 gibt es den Verein der ehemaligen Heimkinder e.V. mit Sitz in Aachen. Zwei Jahre später erschien das Buch des Spiegel-Autors Peter Wensierski "Schläge im Namen des Herrn". Als sie das Buch gelesen habe, sagt Wisent, sei ihr aufgegangen: "Das bin ja alles ich." Damals meldete sie sich beim Heimkinder-Verein. Seit Februar 2009 tagt auf Bundesebene ein Runder Tisch zur Aufarbeitung des Schicksals der ehemaligen Heimkinder unter Moderation der Grünen-Politikerin Antje Vollmer. Bis 2010 soll er klären, was Erziehungsstandard dieser Zeit war und wo eventuell systematisches Unrecht geschah. Evangelische und katholische Kirche sitzen mit am Tisch. Vorausgegangen war eine Petition ehemaliger Heimkinder, in der sie die Anerkennung erlittenen Leids und eine Wiedergutmachung in Form von therapeutischen Hilfen, nachträglich anerkannten Rentenansprüchen fordern oder auch finanzielle Opferentschädigung - etwa für die unbezahlte Arbeit, die die Kinder an vielen der 3000 staatlichen und kirchlichen Heimen im Bundesgebiet leisten mussten. In Großwäschereien, auf dem Feld, in Großküchen, um so zur Finanzierung der Heime beizutragen. Wisent kann sich noch gut an die braunen Koffer erinnern, die jeden Montag angeliefert und vor den Kindern abgestellt wurden. Darin "Berge von schwarzen Socken". Getragen von Priesterseminaristen, da ist sie sicher. Die Kinder mussten die Löcher stopfen.

Geschlagen wurde in katholischen wie in evangelischen Einrichtungen. Zwar waren die Schläge damals auch an den Schulen gängige Erziehungsmethode. Erst 1973 wurde in der Bundesrepublik Deutschland die "Verhängung körperlicher Strafen" abgeschafft. Doch während die Schüler sich zuhause geborgen fühlen konnten, hatten die Heimkinder keinen sicheren Zufluchtsort. Ruth Anders (Name geändert) streckt noch heute unwillkürlich die Hände mit der Innenflächen nach oben aus, wenn sie vom "roten Tatzensteckerl" erzählt. So nannten die Kinder das kräftige Vierkantholz, mit dem die Oberin im Evangelischen Kinderheim Feldkirchen durch die Reihen zu gehen pflegte. Und Anlässe zum Schlagen gab es viele: Ein Kind hatte sich schmutzig gemacht, hatte gewagt zu widersprechen, hatte, wie Ruth Anders das einmal tat, ein durchweichtes Marmeladenbrot ins Gebüsch geworfen. Ein Mitschüler verpfiff sie. Das Brot musste sie auflesen und essen - nachdem sie zuvor die darauf herumkriechenden Schnecken entfernt hatte.

Einmal spielte Ruth Anders einer Mitschülerin einen Streich. Sie steckte eine Stecknadel so in die Matratze, dass das Mädchen sich daran stach. Am nächsten Tag legte die Oberin Ruth übers Knie, schlug sie grün und blau. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, habe sie damals trotzdem nicht gehabt, sagt Anders heute - in der damaligen Erziehungs-Logik war die Bestrafung ja konsequent. Ruth Anders kann heute relativ gelassen mit ihrem Heimaufenthalt umgehen. "Es war halt eine andere Zeit", sagt sie lakonisch. Eine Zeit, an die sie auch ein paar gute Erinnerungen habe. Etwa die Tage, an denen die Amerikaner mit Bussen kamen und die Kinder ins Casino mitnahmen, wo es Kaugummis, Stifte und den neuesten Micky-Maus-Film gab.

Ruth Anders ist heute 62 Jahre alt und lebt nach wie vor in München. Zweimal im Jahr bekommt sie Post aus Feldkirchen: die Einladung zum Weihnachts- und zum Sommerfest. Hingegangen ist sie bis jetzt noch nie. Ins Heim kam sie mit acht, 1955 war das. Die Mutter sah sie von da an nur noch einmal im Monat. Das Heim war jetzt ihr Zuhause. Dort aber musste man sich schweigend waschen, musste schweigend essen. "Verboten war eigentlich alles, was Spaß machte." Und verboten war auch jede Form von Zärtlichkeit. Sie habe sich gesehnt nach Zuwendung und Liebe, sagt Anders. Doch sie kann sich nicht daran erinnern, von den Erzieherinnen in den Arm genommen worden zu sein. Im Schlafsaal wachte eine Aufpasserin darüber, dass die Mädchen ihre Hände über der Bettdecke hielten - wohl aus Sorge vor "unzüchtigem Treiben". "Wir haben das überhaupt nicht verstanden", klagt Anders. Unter größter Vorsicht schob sie ihre Hand ab und an zur Nachbarin hinüber. Dann kraulten sich die Mädchen an den Handgelenken und fühlten sich nicht ganz so einsam.

Das Haus in Feldkirchen, in dem Ruth Anders untergebracht war, gehört noch heute zur Inneren Mission. Der evangelische Sozialverband war nach Erscheinen des Wensierski-Buches von sich aus aktiv geworden und hatte vor drei Jahren ehemalige Heimkinder gebeten, über ihr Schicksal zu berichten. Etwa 30 Ehemalige aus den drei Münchner Heimen in evangelischer Trägerschaft meldeten sich. Darunter Menschen, die bis heute unter dem Heimaufenthalt leiden. Aber auch solche, die gute Erinnerungen haben - oder sagen, für sie sei das Heim "die Rettung gewesen", berichtet Klaus Honigschnabel, Sprecher der Inneren Mission. Für letztere war der Heimaufenthalt das kleinere Übel - weil sie sonst zuhause halb totgeschlagen oder missbraucht worden wären. Die Innere Mission hat die Erinnerungen der ehemaligen Heimkinder in ihrem "Diakonie-Report" veröffentlicht, hatte die ehemaligen Bewohner zu einem Treffen eingeladen. Von einer förmlichen Entschuldigung habe man bewusst abgesehen, sagt Honigschnabel. "Wir haben unsere dunklen Seiten öffentlich gemacht." Das wiege schwerer als jede leicht dahingesagte Entschuldigung für etwas, das ja die Vorgänger getan hätten.

Entschuldigen aber müssten sich die Einrichtungen, findet hingegen Deuerlein, "und zwar dort, wo es individuelles Fehlverhalten gegeben hat". Das zu definieren, wird die heikle Aufgabe des Runden Tisches sein, der dazu sowohl Heimkinder als auch die Träger der Heime, Direktoren und Erzieher anhört. Aber nicht nur die Kirchen sollten die Aufarbeitung des Heimkinder-Themas als ihre Pflicht begreifen, auch der Staat sei gefragt, argumentiert Deuerlein. Schließlich habe er die Einrichtungen damals finanziell so schlecht ausgestattet, dass es "gerade ausreichte, die Kinder zu verköstigen". Deuerlein hofft, dass die Politik aus der aktuellen Debatte eine Lehre für die Zukunft zieht. "Man darf an der Ausbildung der Erzieher nicht sparen." Und die Träger müssten sich das Fachpersonal auch weiterhin leisten können.

Arngard Wisent war nach ihrem Besuch in Thalkirchen rasch wieder abgereist. "München ist zwar eine schöne Stadt, aber ich verbinde mit ihr eben nichts Gutes", sagt sie. Sie hatte gehofft, im Haus Maria Thalkirchen ihre Akte zu finden. Doch weder dort noch in der Geschäftsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen, dem heute das Haus untersteht, wurde sie fündig. Also brach Wisent für ihre "Spurensuche" Mitte März zum Kloster Oberzell auf, in das Mutterhaus der Franziskanerinnen. Sie sprach unangemeldet an der Klosterpforte vor, nannte Namen von Nonnen. Die meisten der Frauen, bekam sie zu hören, seien längst tot. Akten habe man keine. Und als sie sich nach der Telefonnummer des Jugendamtes erkundigte, beschlich Wisent das Gefühl, dass man ihr "eher widerstrebend half".

Auf Nachfrage schreibt Schwester Agnella Kestler von den Oberzeller Franziskanerinnen Ende März an die SZ, dass "diese Behandlung nicht in unserem Sinn" sei. Man würde gern mit Arngard Wisent ins Gespräch kommen, sich auch bei ihr entschuldigen für den Fall, dass "die wertschätzende Haltung als Grundvoraussetzung jeder Pädagogik bei einzelnen Schwestern nicht im notwendigen Maß vorhanden war". Aus heutiger Sicht halte man "manche Erziehungsmethoden, die auch in den von unserer Gemeinschaft geführten Heimen üblich waren, für überholt und falsch". Inzwischen haben die Schwestern mit Wisent ein Treffen vereinbart. Und auch was die Suche nach ihrer Akte betrifft, hat Wisent mittlerweile Klarheit - allerdings eine ernüchternde: Das Würzburger Staatsarchiv teilte ihr in der Woche vor Ostern mit, dass die Unterlagen vor Jahren als "nicht archivwürdig" eingestuft und vernichtet worden seien.

Ein Rückschlag, doch Arngard Wisent will nicht aufgeben. Sie will auf anderen Wegen versuchen, Unterlagen über ihre Jugendzeit zu finden. Und auch mit ihrem Gott würde sie gern ins Reine kommen. Zumal sie sich, wie sie sagt, Jesus nahe fühle, "besonders im Leiden". Kürzlich ging sie deshalb in Frankfurt in den "Kirchenladen". Prompt saß ihr eine Franziskanerin gegenüber. Die Ordensfrau hörte lange zu, drückte ihr Bedauern aus und lud Wisent zur Feier der Osternacht in ihren Orden ein. Vielleicht wird sie der Einladung folgen: "Wenn es mir gut geht, dann gehe ich hin."