Schneckenbrot und
Tatzensteckerl
11.04.2009 05:00 Uhr
Schneckenbrot und Tatzensteckerl
Ehemalige Heimkinder berichten über drakonische Strafen und harte Arbeit:
¸¸Verboten war eigentlich alles, was Spaß machte"
Von Monika Maier-Albang
Es sollte an ihrem Geburtstag sein. Wenn schon nach all den Jahren diese
schmerzhafte Begegnung, dann wollte Arngard Wisent das
"aufwühlende Suchen" an einem besonderen Tag beginnen. Sie bat eine
Freundin mitzukommen, fuhr von
Als Wisent 1966 mit 14 Jahren nach München kam, hatte sie bereits eine
Odyssee durch verschiedene kirchliche Heime in
Erinnerungen, wie sie viele Menschen in Deutschland teilen, die in den 50er bis hinein in die 70er Jahre in staatliche oder
kirchliche Fürsorgeheime kamen. Eingewiesen wurde in die sogenannten
"Fürsorgeeinrichtungen" damals oft schon wegen kleinster
Verfehlungen: wegen "Arbeitsbummelei", "Verlogenheit" oder
"Umhertreiben". Mädchen galten als verwahrlost, wenn sie mit 15 einen
Freund hatten oder zu enge Hosen trugen. Andere Kinder
waren für ihre Mütter im Nachkriegsdeutschland eine Last; die Väter hatten sich
oft längst aus dem Staub gemacht - auch ohne die strenge Heimerziehung wäre das
für die Kinder Bürde genug gewesen.
Vor allem in der Nachkriegszeit hatten die Ordensleute und Erzieher meist
keine pädagogische Ausbildung - oder eine, die sich noch aus dem Geist der NS-Zeit
speiste. Später gab es "Kindergartenseminare" für die Schwestern.
"Aber das befähigt ja nicht unbedingt für die Arbeit mit
Jugendlichen", sagt Monika Deuerlein vom
Landesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe in
Bayern (LVkE). In der Regel
konnten sich die Ordensleute ihre Arbeitsstelle auch nicht aussuchen, die
Oberen legten fest, wer in den Kinderheimen eingesetzt wurde. Manche kamen gut
mit Kindern zurecht, andere seien "komplett überfordert" gewesen und
hätten "schon genügend Probleme mit sich selbst gehabt", sagt ein
Leiter einer Jugendhilfe-Einrichtung, die bis vor wenigen Jahren von
Ordensbrüdern geleitet wurde.
Nach ihrer Entlassung schwiegen die Heimkinder, die heute Erwachsene sind,
meist jahrzehntelang. Weil keiner ihre Geschichte hören wollte, weil sie das Erlebte selbst verdrängt hatten oder sich schämten. Erst
seit 2004 gibt es den Verein der ehemaligen Heimkinder e.V. mit Sitz in Aachen.
Zwei Jahre später erschien das Buch des Spiegel-Autors
Geschlagen wurde in katholischen wie in evangelischen Einrichtungen. Zwar
waren die Schläge damals auch an den Schulen gängige Erziehungsmethode. Erst
1973 wurde in der Bundesrepublik Deutschland die "Verhängung körperlicher
Strafen" abgeschafft. Doch während die Schüler sich zuhause geborgen fühlen
konnten, hatten die Heimkinder keinen sicheren Zufluchtsort. Ruth Anders (Name
geändert) streckt noch heute unwillkürlich die Hände mit der
Innenflächen nach oben aus, wenn sie vom "roten Tatzensteckerl"
erzählt. So nannten die Kinder das kräftige Vierkantholz, mit dem die Oberin im
Evangelischen Kinderheim Feldkirchen durch die Reihen zu gehen pflegte. Und
Anlässe zum Schlagen gab es viele: Ein Kind hatte sich
schmutzig gemacht, hatte gewagt zu widersprechen, hatte, wie Ruth Anders das einmal tat, ein durchweichtes Marmeladenbrot ins
Gebüsch geworfen. Ein Mitschüler verpfiff sie. Das Brot musste sie auflesen und
essen - nachdem sie zuvor die darauf herumkriechenden Schnecken entfernt hatte.
Einmal spielte Ruth Anders einer Mitschülerin
einen Streich. Sie steckte eine Stecknadel so in die Matratze, dass das Mädchen
sich daran stach. Am nächsten Tag legte die Oberin Ruth übers Knie, schlug sie
grün und blau. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, habe sie damals
trotzdem nicht gehabt, sagt Anders heute - in der
damaligen Erziehungs-Logik war die Bestrafung ja konsequent. Ruth Anders kann heute relativ gelassen mit ihrem Heimaufenthalt
umgehen. "Es war halt eine andere Zeit", sagt sie lakonisch. Eine
Zeit, an die sie auch ein paar gute Erinnerungen habe. Etwa die Tage, an denen
die Amerikaner mit Bussen kamen und die Kinder ins Casino mitnahmen, wo es
Kaugummis, Stifte und den neuesten Micky-Maus-Film gab.
Ruth Anders ist heute 62 Jahre alt und lebt nach
wie vor in München. Zweimal im Jahr bekommt sie Post aus Feldkirchen: die
Einladung zum Weihnachts- und zum Sommerfest. Hingegangen ist sie bis jetzt
noch nie. Ins Heim kam sie mit acht, 1955 war das. Die Mutter sah sie von da an
nur noch einmal im Monat. Das Heim war jetzt ihr Zuhause. Dort aber musste man
sich schweigend waschen, musste schweigend essen.
"Verboten war eigentlich alles, was Spaß
machte." Und verboten war auch jede Form von Zärtlichkeit. Sie habe sich
gesehnt nach Zuwendung und Liebe, sagt Anders. Doch
sie kann sich nicht daran erinnern, von den Erzieherinnen in den Arm genommen
worden zu sein. Im Schlafsaal wachte eine Aufpasserin
darüber, dass die Mädchen ihre Hände über der Bettdecke hielten - wohl aus
Sorge vor "unzüchtigem Treiben". "Wir haben das überhaupt nicht
verstanden", klagt Anders. Unter größter Vorsicht
schob sie ihre Hand ab und an zur Nachbarin hinüber. Dann kraulten sich die
Mädchen an den Handgelenken und fühlten sich nicht ganz so einsam.
Das Haus in Feldkirchen, in dem Ruth Anders
untergebracht war, gehört noch heute zur Inneren Mission. Der evangelische
Sozialverband war nach Erscheinen des Wensierski-Buches
von sich aus aktiv geworden und hatte vor drei Jahren
ehemalige Heimkinder gebeten, über ihr Schicksal zu berichten. Etwa 30
Ehemalige aus den drei Münchner Heimen in evangelischer Trägerschaft meldeten
sich. Darunter Menschen, die bis heute unter dem Heimaufenthalt leiden. Aber
auch solche, die gute Erinnerungen haben - oder sagen, für sie sei das Heim
"die Rettung gewesen", berichtet
Entschuldigen aber müssten sich die Einrichtungen, findet hingegen Deuerlein, "und zwar dort, wo es individuelles
Fehlverhalten gegeben hat". Das zu definieren, wird die heikle Aufgabe des
Runden Tisches sein, der dazu sowohl Heimkinder als auch die Träger der Heime,
Direktoren und Erzieher anhört. Aber nicht nur die Kirchen sollten die
Aufarbeitung des Heimkinder-Themas als ihre Pflicht begreifen, auch der Staat
sei gefragt, argumentiert Deuerlein. Schließlich habe
er die Einrichtungen damals finanziell so schlecht ausgestattet, dass es
"gerade ausreichte, die Kinder zu verköstigen". Deuerlein
hofft, dass die Politik aus der aktuellen Debatte eine Lehre für die Zukunft
zieht. "Man darf an der Ausbildung der Erzieher nicht sparen." Und
die Träger müssten sich das Fachpersonal auch weiterhin leisten können.
Arngard Wisent war nach ihrem Besuch in Thalkirchen
rasch wieder abgereist. "München ist zwar eine schöne Stadt, aber ich
verbinde mit ihr eben nichts Gutes", sagt sie. Sie hatte gehofft, im Haus
Maria Thalkirchen ihre Akte zu finden. Doch weder
dort noch in der Geschäftsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen, dem
heute das Haus untersteht, wurde sie fündig. Also brach Wisent für ihre
"Spurensuche" Mitte März zum Kloster Oberzell auf, in das Mutterhaus
der Franziskanerinnen. Sie sprach unangemeldet an der Klosterpforte vor, nannte
Namen von Nonnen. Die meisten der Frauen, bekam sie zu hören, seien längst tot.
Akten habe man keine. Und als sie sich nach der Telefonnummer des Jugendamtes
erkundigte, beschlich Wisent das Gefühl, dass man ihr "eher widerstrebend
half".
Auf Nachfrage schreibt Schwester Agnella Kestler von den Oberzeller
Franziskanerinnen Ende März an die SZ, dass "diese Behandlung nicht in
unserem Sinn" sei. Man würde gern mit Arngard Wisent ins Gespräch kommen,
sich auch bei ihr entschuldigen für den Fall, dass "die wertschätzende
Haltung als Grundvoraussetzung jeder Pädagogik bei einzelnen Schwestern nicht
im notwendigen Maß vorhanden war". Aus heutiger Sicht halte man
"manche Erziehungsmethoden, die auch in den von unserer Gemeinschaft
geführten Heimen üblich waren, für überholt und falsch". Inzwischen haben
die Schwestern mit Wisent ein Treffen vereinbart. Und auch was die Suche nach
ihrer Akte betrifft, hat Wisent mittlerweile Klarheit - allerdings eine
ernüchternde: Das Würzburger Staatsarchiv teilte ihr in der Woche vor Ostern
mit, dass die Unterlagen vor Jahren als "nicht archivwürdig"
eingestuft und vernichtet worden seien.
Ein Rückschlag, doch Arngard Wisent will nicht aufgeben. Sie will auf
anderen Wegen versuchen, Unterlagen über ihre Jugendzeit zu finden. Und auch
mit ihrem Gott würde sie gern ins Reine kommen. Zumal
sie sich, wie sie sagt, Jesus nahe fühle, "besonders im Leiden".
Kürzlich ging sie deshalb in