Porträt | 17. Oktober 2006
«Warum durfte ich nicht bei meiner Mutter aufwachsen?»
Thomas Frick wurde im Kleinkindalter fremdplatziert
Er liebte seine Eltern, hätte das Leben zu Hause dem Heim
vorgezogen, auch wenn er dort geschlagen wurde. Seine Jugend steht
stellvertretend für viele entwurzelte Kinder, die von einer Stelle zur anderen
geschoben werden. Die teils bitteren Erfahrungen – etwa auch im Jugendheim
Sternen – setzt Thomas Frick heute ein, um Heimkindern zu helfen. Er gründete
die Organisation «Extremefun».
Seine Organisation «Extremefun»
setzt sich für Kinder ein, welche nicht bei ihren Eltern aufwachsen können.
Thomas Frick organisiert Freizeitanlässe, um Heimkindern etwas Abwechslung in den
Alltag zu bringen. Anderseits setzt sich das Extremefun-Team
für die Enttabuisierung des heiklen Themas Fremdplatzierung ein. Frick meint:
«Wenn früh genug geholfen würde, bräuchten weniger Kinder aus ihrer Umgebung
gerissen zu werden. Viele kommen mit der Entwurzelung nicht zurecht und
rebellieren durch innere Verzweiflung. Man nennt diese Kinder dann
schwererziehbar».
Ein solches Problemkind verkörperte auch Thomas Frick. Er
durchlebte eine klassische Heimkarriere, kam von einer Stelle zur nächsten, so
etwa auch ins Jugendheim Sternen in Wilderswil. Seine
Mutter, auf einem Bauernhof bei strengen Eltern aufgewachsen, hatte die
erstbeste Gelegenheit genutzt, sich von zu Hause zu lösen. Mit 15 Jahren
versuchte sie sich mit ihrem Freund selber durchzuschlagen. Als sie nach einer
Totgeburt wieder schwanger wurde, freute sie sich und setzte grosse Hoffnungen in das Kind.
«Ich kam im Juli 1983 mit einer Gaumenspalte zur Welt», bemerkt Frick. Mehrere
schmerzhafte Operationen mussten erduldet werden, um eine normale
Nahrungsaufnahme zu ermöglichen. Die sogenannte Hasenscharte gab Aussenstehenden häufig Anlass zu Hänseleien und Spott, was
ihn sehr verletzte.
Alkohol und Gewalt
Der Vater litt unter Alkoholproblemen und schlug seine
kleine Familie oft. Sein Sohn erklärt sich: «Er kam vermutlich mit seinem
Leben, er war in Heimen aufgewachsen, auch nicht klar».
Die Mutter machte ihrer Überforderung oft ebenfalls mit Gewalt Luft. Schliesslich trennten sich die beiden
und die Mutter zog vorübergehend zur Grossmutter. «Als
es dieser schliesslich zu viel wurde, floh meine
Mutter nach Italien. Der Knabe kam in eine Tagesschule. Kurz darauf nahm ihn
eine Pflegefamilie auf: «Warum und unter welchen Umständen, weiss
ich nicht. Meine Kleinkinderzeit ist ein Puzzle mit grösstenteils
fehlenden Teilen». Die Familie gab ihm zwar das
Gefühl, willkommen zu sein, auch lebten noch andere Kinder dort. Doch er
begriff nicht, warum er nicht bei der Mutter wohnen durfte, niemand sprach mit
ihm darüber. Seine Eltern heirateten beide wieder. Zur Mutter, welche in
Erwartung war, durfte er jede zweite Woche gehen. Den Vater sah Thomas nur
selten, er starb mit 42 Jahren. «Meinen Stiefvater mochte ich, er war okay.
Wenn ich ihn oder die Mutter ärgerte, gab er mir mit
dem Gürtel auf den nackten Hintern», erzählt Frick. Die Behandlung nahm er an,
weil er dachte, die hätte er verdient: «Mutter zog mich manchmal an den Ohren
oder Haaren, dass ich keinen Bodenkontakt mehr hatte».
Spielen durfte er nie recht, sobald er etwas aufgestellt hatte, hiess es, er müsse das Chaos sofort blitz
blank aufräumen.
Enttäuschte Hoffnungen
Die Mutter hoffte, ihren Sohn doch wieder ganz zu sich
nehmen zu können. Für ein halbes Jahr lebte Thomas nun bei ihr, seiner
Halbschwester und dem Stiefvater. «Das Familienleben funktionierte nicht, alle
waren mit den Erwartungen überfordert. Schulisch sackte ich ab und häufig
explodierte ich in Gewaltausbrüchen». Die Situation
eskalierte, als er auf Jahresende von der Schule und in ein Beobachtungsheim
gewiesen wurde. Wo Jugendliche meist bis zu einem Jahr bleiben, verbrachte
Thomas zwei Jahre: «Das ist ein Abstellplatz für schwierige Kinder, bis man weiss, wohin man sie versorgen kann».
Endlich war ein Platz gefunden. Der Bub wurde wieder weitergereicht, diesmal in
ein grosses Heim, wo die
Bewohner in nummerierte Gruppen aufgeteilt waren. «Wegen meiner Nase wurde ich
gehänselt, aber durch mein rebellisches Verhalten verschaffte ich mir Respekt
und fand schliesslich Freunde».
Keine Liebe im Heim
Ein sehr unbeliebter, weil aggressiver
Sozialarbeiter leitete die Gruppe 3. Thomas Frick beschloss, dies
zu melden, doch seine Worte wurden nicht ernst genommen. «Eines Tages schlug
der Betreuer einen meiner Kollegen und stellte ihn voll bekleidet unter die
Dusche. In der Hoffnung auf eine soche Gelegenheit
hatte ich stets meinen Fotoapparat dabei. Also knipste ich die Situation zum
Beweis», schildert er. Mit den Bildern ging er zur Polizei, welche ihm
versicherte, sich der Sache anzunehmen. Nach zwei Wochen erkundigte er sich
nach dem Stand der Dinge: «Sie hätten beim Heimleiter angerufen, doch man wolle
daraus keine grosse Sache machen».
Die Fotos erhielt ich nicht zurück. Er fühlte sich in der unpersönlichen
Institution unwohl und empfand sich selber nie als vollwertigen
Menschen. «Wer so lange in einem Heim lebt, lernt nie ein normales
Familienleben kennen: Sich streiten und wieder versöhnen, gemeinsam Schönes und
Schwieriges durchzustehen», erkennt Frick heute: «Keiner streicht einem einmal
über den Kopf, niemand nimmt einen in den Arm. Was Liebe ist, darüber können
Heimkinder meist nur Mutmassungen anstellen». Sein Misstrauen und seine Ängste erschweren ihm das Führen einer Beziehung.
Aggressionen auf Fremdbestimmung
Auf Grund verschiedener Vorfälle musste Thomas Frick kurz
vor Abschluss der Schule noch einmal das Heim wechseln. Einerseits steckte er
voller guter Vorsätze, er wollte einen guten Schulabschluss und eine Lehre
machen. Anderseits platzte er beinahe vor Aggression und Wut auf sein Leben,
das einzig aus fremdbestimmtem Herumschieben bestand. Bei Tätlichkeiten wurde
der Junge in ein Sicherheitszimmer eingeschlossen, das mit Gittern und
Panzerglas ausgerüstet war. Ein kleiner grüner Kübel stand für die Notdurft
parat. Eines Tages rastete ich derart aus, als mich ein Betreuer hart anpackte,
dass für mich nur noch die zwei letzten Stationen in Frage kamen:
«Ich durfte zwischen geschlossener Anstalt und Jugendschiff wählen». Die neun Monate beschreibt er als Plackerei und Eingesperrtsein. Trotzdem stärkte es ihn. Denn er kehrte in
die Schweiz zurück und wusste: «Denen zeige ich es, ich kann mein Leben
meistern, ich schaffe das! Während der Ausbildung zum Sanitär-Installateur biss
er sich durch: «Weil im Heim oft Falschverhalten mit Arbeit bestraft wird,
hatte ich Mühe umzudenken, zu merken, dass ich ja für mich arbeite».
Heimkindern helfen
Mit enormem Engagement hat es sich Thomas Frick zur
Aufgabe gemacht, Heimkindern zu helfen, ihren schwierigen Weg zu gehen. Seiner
Organisation (siehe Kasten) gehören mehrere ehrenamtliche Mitarbeiter an: «Wir
wollen Kindern in ihrer einsamen Verzweiflung zuhören, versuchen, Lösungen
auszuarbeiten». Er spricht traurig von seine
ehemaligen Heim-Kollegen: Die wenigsten haben ein
normales Leben geschafft. Einer ist drogenabhängig, einer sitzt wegen Kriminalität
für 18 Jahre hinter Gittern und meine damals bester Freund hat sich umgebracht». Verschiedene Aspekte seiner Vergangenheit konnte er
aufarbeiten, anderes bleibt unter der Decke des Verdrängens. Frick leidet sehr,
dass er mit seiner Mutter nicht über die Schwierigkeiten in der Zeit seiner
Kindheit reden kann. Auf viele Fragen findet er keine Antworten. Jetzt, da er
mit seiner Geschichte offen umgeht, brach sie den Kontakt ganz ab: «Trotzdem
liebe ich sie und hätte mir nichts mehr gewünscht, als bei ihr aufwachsen zu
können. Wenn man mit einem Bruchteil des Geldes, das in meine Heimaufenthalte
geflossen ist, meiner Mutter Hilfe und Unterstützung gegeben hätte, wer weiss, vielleicht hätten wir eine Chance gehabt».
«Extremefun» für Heimkinder
Die Organisation «Extremefun»
setzt sich für Kinder ein, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können.
Angeboten werden Anlässe, bei welchen Spiel, Sport und
Spass zum Zuge kommen, um damit Abwechslung in den
Heimalltag zu bringen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter sind aber auch
Ansprechpersonen für jegliche Fragen und Probleme. Auf
der Website finden sich Infos zu Fremdplatzierungen, Suchtproblematik sowie
Erfahrungsberichte. Das aktuelle Projekt 2007 wurde mit der Forschung über
Heime und deren Bewohner begonnen. Dazu verschickte «Extremefun»
Fragebögen an verschiedene Institutionen und wertete die Anworten
aus. Weiter Infos unter www.extremefun.ch oder Telefon 044 946 08 25. Spenden
ermöglichen weitere Events: Credit Suisse, 8610 Uster
1, Konto 0548-971076-10. (chd)