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ZUM ABSCHIED
NIKKO SCHOTT
statt eines autobiographischen Romans
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[Es ist] „mein Wunsch, jedenfalls meine
Abschiedsworte hier, an diesem Ort, verlesen zu lassen. Ich bitte,
das als meinen letzten Wunsch zu respektieren.“
Zum nachfolgenden Beitrag ist eine Vorbemerkung erforderlich.
Der Text wurde mir in Zusammenhang unserer ersten Kriegskinder-Tagung
von einem Menschen zugeschickt, der sich als Kriegskind versteht
und schwer krank ist, wie er mir am Telefon sagte. Wir hatten
dann eine Reihe von Kontakten – doch sein erster Text blieb
sozusagen „in der Schublade“.
Meine letzten eMails an ihn und mein letzter Brief kamen zurück.
Ich vermute, er ist Opfer seiner Krankheit geworden, die er in
Zusammenhang mit seinen Traumatisierungen sah.
Weil sein Text „statt eines autobiographischen Romans“
und „verfaßt in einer ungewöhnlichen Form –
entsprechend einem ungewöhnlichen Thema“ als Eigenbericht
eines Kriegskindes konzipiert ist, möchte ich ihn hier abdrucken,
vermutlich „in memoriam“. Denn er stellt – zumindest
in der gewählten literarischen Fiktion – eine Art Vermächtnis
dar, eine Abschiedsrede. Eine solche Rede möchte ich weder
kürzen noch kommentieren, auch wenn der Blick des Autors
oft zu allgemein-politischen Fragen der bundesrepublikanischen
Geschichte schweift. Ich entspreche damit dem Wunsch der literarischen
Person Nikko Schott, dessen Rückblick auf sein Leben sich
aus meiner Kenntnis sehr stark mit der Biographie seines Autors
vermischt. Ich habe Anlaß zu der Vermutung, daß diese
Form dem Verfasser recht ist oder wäre, weiß nur nicht,
ob er seinen Namen dabei genannt wissen will/gewollt hätte,
oder ob er sich doch von Nikko Schott unterschieden wissen möchte.
Darum lasse ich es bei Nikko Schott.
Der Beitrag ist unverändert, wie im Original übermittel.
Er wurde lediglich dem Lay-out dieser Veröffentlichung angepaßt
und offensichtliche Tippfehler wurden korrigiert.
Bad Boll, Freitag, 30. Juli 2004
dierk schäfer
NIKKO SCHOTT
ZUM ABSCHIED
STATT EINES AUTOBIOGRAPHISCHEN ROMANS
Verfasst in einer ungewöhnlichen Form - entsprechend einem
ungewöhnlichen Thema
Die Umstände meiner Zeugung und Geburt, der vor- und nachgeburtlichen
Zeit sowie die familiären, gesellschaftlichen und geschichtlichen
Verhältnisse und Ereignisse meiner Biographie fallen aus
dem Rahmen des Üblichen. In mancherlei Hinsicht. Zumindest,
wenn man sie vom Erfahrungsbereich der Nachkriegsgeborenen her
betrachtet. So kann mein Wunsch nicht verwundern, mich in unüblicher
Weise zu verabschieden. Ebenfalls in mehr als einer Hinsicht.
Zum einen durch die Art meines Todes. Zum anderen durch die Form
der Abschiedsfeier. Fände sich jemand, einige eigene Worte
zu sprechen, hätte ich nichts dagegen. Im Gegenteil. Es würde
mich freuen. Vor allem dann, läse er mir gehörig die
Leviten. Na ja, ein bißchen Lob dürfte auch dabei sein.
Eine Rede unter dem Motto: De mortuis nisi bene fände ich
jedenfalls so unangemessen wie langweilig. Doch ist es mein Wunsch,
jedenfalls meine Abschiedsworte hier, an diesem Ort, verlesen
zu lassen. Ich bitte, das als meinen letzten Wunsch zu respektieren.
Vieles ist unausgesprochen geblieben. Fragen. Wünsche. Hoffnungen.
Träume. Auch Kritisches. Das schmerzt mich. Und vermutlich
schmerzt nicht nur mich das Versäumnis. Vielleicht werfen
die Betreffenden sich selbst vor, etwas schuldig geblieben zu
sein. Mit mehr Berechtigung geht dieser Vorwurf an meine Adresse.
Ich wußte schließlich, wann meine Stunde schlägt.
Ich möchte also versuchen, meinen Teil der offengebliebenen
Schulden zu begleichen. Natürlich kann mir das nur sehr unzureichend
gelingen. Ich bitte, mir mehr den Versuch als die Durchführung
zugute zu halten.
Zunächst eine Vorbemerkung. Das folgende wird einigen der
hier Versammelten nicht im Ganzen, aber in Teilen bekannt sein.
Sie haben gelesen, was ich dazu geschrieben habe. Bestimmt werden
sie sich ärgern, ich trüge Eulen nach Athen. Ich bitte
um Verständnis. Der Mehrheit wird es nämlich nicht bekannt
sein. Darunter vermutlich nicht wenige, die zur wissenden Minderheit
gehören könnten. Wenn sie denn gewollt hätten.
Gekonnt hätten, aber nicht gewollt haben sogar engste Angehörige,
Freunde und Bekannte. Sollten die anwesend und jetzt peinlich
berührt sein, geschieht es ihnen recht. Nötigung! werden
sie vielleicht murren. Sie haben Recht: Es ist Nötigung.
Nur sollten die Betreffenden sich eines fragen: Wie soll man das
nennen, wenn jemand einem irgendwie Nahestehenden ein sehr persönliches
Buch zum Lesen anbietet, der sich aber weigert, es auch nur in
die Hand zu nehmen? Aus welchen Gründen auch immer. Sollte
jemand eingedenk meines eingestandenen Scheiterns an der Form
des Buches jetzt spötteln: Das war eben meine gute Nase!
würde ich erwidern: Geschenkt! Manches Scheitern ist verdienstvoller
als rundum Gelungenes. Ich meine also, wir sind quitt. Ich hoffe
sehr, die Angesprochenen können mir zustimmen. Wären
sie zudem versöhnt, wäre dem Anlaß unseres Beisammensein
völlig Genüge getan. Und den restlichen Zuhörern
schließlich verspreche ich ebenso Neues wie Bedenkenswertes.
Den Eintritt in meine embryonale Existenz verdanke ich einem
Fronturlaub meines Vaters. Februar 1944. Zwischen zwei langen
und gefahrvollen Unternehmungen als U-Bootfahrer. Meine Mutter
verbrachte die Schwangerschaft von Beginn an in ständiger
und wachsender Angst und Sorge. Seit gut einem Jahr hatte die
Chance der U-Boot-Männer, gesund zurückzukehren, sich
rapide verschlechtert. Mehr als die Hälfte blieb jetzt draußen.
Zudem war die angsteinflößende Niederlage nur eine
Frage der Zeit. Unter den Deutschen kursierte das Wort: Genießen
wir den Krieg, der Frieden wird fürchterlich! Und nicht zuletzt
setzte nun das britische Bomber Command sein strategisches Konzept
des Moral bombing gegen die deutsche Zivilbevölkerung fast
ungehindert und mit bis dahin unvorstellbarer Wucht in die Tat
um. Die deutsche Luftwaffe war weitgehend ausgeschaltet. Der Bombenkrieg
bekam apokalyptische Ausmaße. Ab September 1944 wurden die
Großstädte des bereits geschlagenen Feindes systematisch
in Schutt und Asche gelegt. Eine Vernichtungsorgie ohnegleichen.
Meine Mutter und Schwester wohnten zu dieser Zeit in Darmstadt.
Am 11. September wurde die hessische Großherzogstadt zum
schaurigen Probefall für die schrecklichste aller Städteverbrennungen.
Dresden. Dank einer neuen Taktik, dem sogenannten Fächer,
verbrannten die britischen Bomberstaffeln die schöne, alte
Stadt in einem einzigen Anlauf. 12.300 Menschen starben, darunter
2.450 Kinder unter 16 Jahren. Mit mir im Leib entkam meine Mutter,
meine Schwester an der Hand, dem Inferno mit knapper Not. Mitten
durch brennendes Phosphor - es floß die Stufen hinab in
den Schutzkeller- , durch den alles vernichtenden, orgelnden Feuersturm,
durch verbrannte, auf Säuglingsgröße geschrumpfte
Leichen. Meine Familie flüchtete sich nach Wilhelmshaven.
Unter Umständen, die ich eurer Phantasie überlasse.
Dort geriet sie vom Regen in die Traufe. Nach mehreren vorangegangen
Großangriffen bekam die Jadestadt am 15. Oktober den Todesstoß.
In mehreren Wellen von 600 Bombern wurde vor allem das Zentrum
ausgelöscht. Schließlich, am 17. November 1944, Punkt
5 Uhr, erblickte ich die Finsternis dieser Welt. Im Bunker des
zerstörten Willehad-Hospitals. Bis zur Evakuierung im März
1945 war der Bunker an der Ecke Peterstraße/Banterweg meine
eigentliche Kinderstube. Nur wenige hundert Meter entfernt, im
Banterweg, befand sich eine Außenstelle des KZ Neuengamme.
Ein kleines, aber besonders grausames Konzentrationslager. Das
erfuhr ich vor wenigen Jahren.
Dem Moral bombing fielen in Deutschland 800.000 Menschen zum
Opfer. Eine unbekannte, jedenfalls sehr viel größere
Zahl wurde fürs Leben traumatisiert. Am schwersten die Kriegsgeborenen.
Darunter ich.
Warum erzähle ich das so ausführlich? - Ich gebe zu
bedenken, daß der Fötus bereits mit sechs Monaten ein
fertiges Menschlein ist. Mit einem erstaunlich differenzierten
Seelenleben. Er reagiert etwa auf mütterliche Gefühle
ebenso wie auf von außen kommende Töne und Stimmen.
Dabei unterscheidet er sehr genau zwischen freundlichen und unfreundlichen
oder gar beängstigenden Geräuschen. Vor allem hat das
Sechsmonatskind schon ein Gedächtnis. Und die darin gespeicherten
Erinnerungen sind bestimmend für sein ganzes Leben. Was die
frühesten, lebensentscheidenden Gedächtnisspuren vieler
Kriegsgeborener sind, könnt ihr euch vorstellen. Dauerndes
Sirenengeheul, das entnervende Heulen der Bomben, lautes Weinen
und Schreien, das Brüllen von Feuer, das Krachen einstürzender
ganzer Stadtteile. Eine allgemeine Atmosphäre von Haß,
Tod und Zerstörung. Und nicht zuletzt die permanente Angst,
vor allem der Mütter. Meine Mutter wußte, was das bedeutete.
Vor ein paar Jahren fragte ich sie nach ihren Erinnerungen an
die Schwangerschaftszeit. Sie sagte: Ich habe die ganze Zeit Angst
gehabt, nur Angst, große Angst. Und ich weiß genau,
daß du was davon abbekommen hast. Der Krieg hat das biologische
Fundament meines Lebens in Richtung Krankheit vorprogrammiert.
Auf direkte wie auf indirekte Weise. Nicht nur meine Mutter, auch
ich kann die große Bedeutung der frühesten Prägungen
bezeugen. Mich hat das eine albtraumhafte Regression bis in meine
vorgeburtliche Zeit gelehrt. 1986. Bei verständiger Zuwendung
der Erwachsenen hätte die Krankheit allerdings nicht ausbrechen
müssen. Eklatantes gesellschaftliches Versagen mußte
hinzukommen. Das alles muß gesagt sein. Versteht man nämlich
die Anfänge meines Lebens nicht, dann auch nicht dessen Ende.
Und die dazwischenliegenden 57 Jahre natürlich ebenfalls
nicht. Sie sind beispielhaft für die unglaubliche Verantwortungslosigkeit,
mit der die Bundesrepublik mit ihren Kriegsgeborenen umgegangen
ist und noch immer umgeht. Ist es nicht ein sehr natürliches,
sicherlich angeborenes Bedürfnis, sein Leben zu verstehen?
Und mit anderen sich darüber auszutauschen? Diesem Bedürfnis
nachzukommen ist mir nur zu einem unbefriedigenden Teil gelungen.
Daher die Ausführungen von dieser Stelle, aus diesem Anlaß.
Sollte jetzt bei dem einen oder der anderen die Befürchtung
auftauchen, ich würde mein ganzes Leben ausbreiten, dann
kann ich ihn beruhigen. Das werde ich nicht tun. Ich werde mich
auf das beschränken, was den meisten Deutschen unbekannt
ist. Auf das, was ich aus dem individuellen und kollektiven Keller
des Unbewußten ans Tageslicht befördert habe. Gegen
heftige innere wie äußere Widerstände. Und einiges
ist darüber bereits gesagt.
Dem - wie ich meine - sehr menschlichen Bedürfnis nach Verstehen
meines Lebens und mich mit anderen darüber auszutauschen,
standen lange Zeit fast unüberwindbare Hindernisse entgegen.
Erst in den letzten sechs Jahren konnte ich es befriedigen. Und
dann auch nur halbwegs. Ein Buch ist daraus entstanden. Wegen
formaler Mängel hat es zu Recht keinen Verleger gefunden.
Allerdings vermute ich, auch bei formaler Brillanz hätte
es keinen gefunden. Ich nehme für mich in Anspruch, mit den
inhaltlichen Aussagen Neuland erschlossen zu haben. Eine ganze
Reihe von Tabus ist auf der Strecke geblieben. Eine Pioniertat.
In aller Bescheidenheit. Aber urteilt selbst.
Ein Beispiel. Bei meinen Recherchen stieß ich auf eine
psychologische Untersuchung aus dem Jahre 1968. Darin hieß
es: Die Kriegsgeborenen der Jahrgänge 1943 und 1944 weisen
mit Beginn der Pubertät zwanzigmal mehr schwerste psychosomatische
Störungen auf als die Vor- und Nachkriegsgeborenen. Ein alarmierender
Befund. Sollte man meinen. Hätten nicht spätestens jetzt
in allen deutschen Studierstuben die Ohren klingeln müssen?
Weit gefehlt! Die Weisheit der deutschen Gelehrten war die der
drei sprichwörtlichen Affen: Nichts hören. Nichts sehen.
Nichts sagen. Für mich in erster Linie Ausdruck traditioneller
deutscher Untertanenmentalität. Wieder einmal war die überwiegende
Mehrzahl unserer klügsten Köpfe nicht an der Wahrheit
interessiert. Vielmehr in erster Linie daran, das eigene Wohlgefühl
zu pflegen, sich auf der guten, richtigen Seite zu befinden. Was
bedeutet, sich im Lager der jeweils Herrschenden zu wissen.
Was meine Mutter schon immer wußte, wissen die meisten
unserer Akademiker bis heute nicht. Die Untersuchung ist bis in
die Gegenwart hinein eine buchstäblich einzigartige Pioniertat
geblieben. Mit einer einzigen Ausnahme, im Jahr 1996 (!), wird
sie in keinem wissenschaftlichen Werk auch nur erwähnt. Von
einem Aufgreifen und Vertiefen der Ergebnisse ganz zu schweigen.
1992 fand in Hamburg ein internationaler Kongreß über
kriegstraumatisierte Kinder statt. Die Literaturlisten der teilnehmenden
Länder waren durchweg außerordentlich lang. Die deutsche
Liste war sehr kurz. Es gibt keine Literatur, hieß es da.
1998 erschien ein vielbeachtetes, von renommierten Psychoanalytikern
verfasstes Lehrbuch zur Psychotraumatologie. Darin kann man so
gut wie alles über dieses Thema erfahren - angefangen von
der Kriegsneurose des Achill über Traumata jüdischer
KZ-Häftlinge bis zu psychischen Verletzungen von Kindern
in gegenwärtigen Kriegen. Nach einer Anmerkung zu Traumatisierungen
der deutschen Kriegsgeborenen sucht man vergeblich.
Ähnlich Unrühmliches muß auch über die Literatur,
die Medien sowie die Geistes- und Sozialwissenschaften gesagt
werden. Der riesengroße Fundus wissenschaftlicher Forschungsergebnisse
sowie schriftstellerischer und anderer Publikationen in der Bundesrepublik
enthält so gut wie nichts zum Schicksal der traumatisierten
deutschen Kriegsgeborenen! Ein riesengroßer blinder Fleck!
Über ganz Deutschland liegt bis auf den heutigen Tag ein
gespenstisches Tabu: der Opfer - insbesondere der Kinder unter
den Opfern des anglo-amerikanischen Moral bombing zu gedenken.
Was das für die Biographien der Betroffenen bedeutet, versteht
sich von selbst. Sie waren und sind dazu verdammt, in lebenslanges
Leid eingemauert zu sein. Ohne Anteilnahme. Ohne Verständnis.
Ohne Stimme. Ohne Lobby. (Wie etwa die Ostvertriebenen.) Ohne
Chance, etwas über die Ursachen zu erfahren. Von einer adäquaten
Therapie im Falle einer pathologischen Manifestation dieses Leids
ganz zu schweigen. Dem ursprünglichen Leid wird weiteres
schweres Leid hinzugefügt. Ich weiß, wovon ich spreche.
Ich komme auf die angesprochene Untersuchung zurück. Sie
dem Vergessen, genauer: der Verdrängung entrissen und ihre
Bedeutung erkannt zu haben, kann ich getrost als Erfolg verbuchen.
Wichtiger ist mir ein anderer Punkt. Und der bedeutet nun eine
wirkliche Pioniertat meinerseits. Es geht dabei um die Ursachen
der erschreckend hohen Zahl von psychosomatisch Schwerstgeschädigten
unter den Jahrgängen 1943 und 1944. Die Untersuchung macht
dafür die kriegsbedingt chaotischen Familienverhältnisse
verantwortlich. Zweifellos richtig. Aber nur zur Hälfte.
Unerwähnt bleibt die andere Hälfte der Wahrheit: Der
Bombenkrieg. Die Untersuchung enthält eine graphische Veranschaulichung
der Ergebnisse. Aus den vorhandenen Statistiken zum Bombenkrieg
läßt sich ebenfalls eine Graphik erstellen. Und nun
das Frappierende: Legt man die beiden Kurven übereinander,
so sind sie im wesentlichen identisch. Die rapide ansteigende
Zahl geflogener Einsätze und abgeworfener Bomben in den Jahren
1943 und vor allem 1944 korreliert mit der rapide ansteigenden
Zahl schwerster psychosomatischer Erkrankungen bei den im gleichen
Zeitraum Geborenen. Bloßer Zufall? Kaum!
Dieser - ich behaupte: stichhaltige Beweis wäre aber gar
nicht nötig. Wer sich die Dokumentationen der Städteverbrennungen
- etwa zu Darmstadt und Wilhelmshaven - ansieht, wird das bestätigen.
Aus ihnen geht sonnenklar hervor, niemand entkommt einem solchen
Inferno ohne seelische Verletzung. Daß Ungeborene und Säuglinge
die schwersten und verhängnisvollsten, weil fundamentalsten
Verletzungen davongetragen haben, versteht sich von selbst. Um
das zu begreifen, ist kein Studium der Medizin oder Psychologie,
keine zehnjährige Lehranalyse auf der Couch und auch keine
künstlerische Intuition notwendig. Gesunder Menschenverstand,
das Hören auf die Mütter und ein freier Blick für
die Wahrheit genügen. Keinem Volk fehlen diese drei Grundvoraussetzungen
für das Begreifen menschlicher Wahrheit offenbar so sehr
wie dem der Dichter und Denker. Den Autor der Untersuchung, Theodor
F. Hau, nehme ich ausdrücklich von dieser Feststellung aus.
Ich bin überzeugt, er wußte um die Bedeutung des Bombenkriegs
für seine Ergebnisse. Ein Tabu hatte er durchbrochen, indem
er die deutschen Kriegsgeborenen als zuwendungs- und therapiebedürftige
Kriegsopfer kenntlich machte. Bereits dieser eine Tabubruch war
ein Tabubruch zuviel, wie sich herausstellt hat. Hätte er
noch einen zweiten begangen - durch Hinweis auf das Moral bombing
als weitere Ursache seines Befunds - , hätte er sich die
Veröffentlichung ersparen können. Ich kann ein Lied
davon singen. Ich habe selbst erlebt, welch heftige Abwehrreaktionen
das doppelte Tabuvergehen noch in den Jahren 1995 folgende hervorgerufen
hat. Wer es nicht erlebt hat, glaubt es nicht.
Die Handvoll Seelenärzte, die sich heute mit dem Moral bombing
und seinen Folgen für die deutschen Kriegsgeborenen beschäftigt,
geht der Frage, warum dieses Thema erst ab 1990 und dann auch
nur vereinzelt aufgegriffen wurde, mit Scheinerklärungen
aus dem Weg. Wenn sie ihr überhaupt nachgeht. Vereinzelt
werden Scham- und Schuldgefühle angesichts der ungeheuerlichen
Verbrechen der Nazi-Deutschen als Ursache genannt. Gefragt wird
aber nicht nach den Ursachen dieser Schuld- und Schamgefühle.
Meist ist jedoch zu hören, die Städtezerstörungen
seien ein derart großes kollektives Trauma, daß aus
anthropologischen Gründen 50 Jahre und mehr vergehen müßten,
um sich ihm zuwenden zu können. Die Anthropologen bleiben
eine Erklärung schuldig. Angeblich war der Holocaust das
schauerlichste Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Wie kommt
es dann, daß dessen Opfer menschliche Zuwendung und therapeutische
Hilfe gleich nach dem Krieg erfahren haben? Daß sie im öffentlichen
Bewußtsein der Bundesrepublik ab Mitte der sechziger Jahre
eine privilegierte Rolle zuerkannt bekamen? Nach Logik der anthropologischen
These dürfte das größte Menschheitstrauma Holocaust
noch heute kein Thema sein. Oder das Moral bombing war ein noch
größeres Verbrechen mit entsprechend größerer
Traumatisierung. Da kann etwas nicht stimmen.
Der Widerspruch löst sich auf, geht man den genannten Schuld-
und Schamgefühlen auf den geschichtlichen Grund. Es war alliiertes
Interesse, nach Kriegsende alle eigene Schuld zu leugnen und den
deutschen Verlierern übergroße Schuld- und Schamgefühle
in Körper und Seele einzubrennen. So daß sie anschließend
in wahnhafter Weise meinten, am Krieg und an allem, was darin
geschehen ist, trügen sie die Alleinschuld. Entsprechend
waren sie außerstande, das Moral bombing als angloamerikanische
Schuld, als ein Kriegsverbrechen der Sieger, auch nur in Erwägung
zu ziehen. Da war das brachial installierte alliierte Tabu vor.
Anders gesagt: Hätten die Alliierten sich zu ihrer kriegsverbrecherischen
Schuld bekannt und sie nicht auf die Deutschen abgewälzt,
hätte es bei diesen kein Tabu gegeben, sich mit dem Moral
bombing und seinen traumatischen Folgen im kollektiven Maßstab
auseinanderzusetzen. Den traumatisierten deutschen Kriegsgeborenen
wären ebenso wie den Holocaust-Opfern sofort nach dem Krieg
Verständnis, menschliche Zuwendung und adäquate therapeutische
Hilfe zuteil geworden. Das ist nicht geschehen. Unsägliches,
lebenslanges Leid der deutschen traumatisierten Opfer des Verbrechens
Moral bombing war die Folge.
Das von den Siegern brachial angestrebte und von den Verlierern
allzu bereitwillig verinnerlichte Tabu funktioniert bis heute.
Im Jahr 2000 bot ich mehreren Zeitungen einen Artikel zu diesem
Thema an. Er genügte allen journalistischen Kriterien: Recherche,
Argumentation, Stil und Schreibe. Die Journalisten selbst, aber
auch alle anderen, die den Artikel gelesen haben, haben das bestätigt.
Trotzdem wurde er nicht veröffentlicht. Die leitenden Redakteure
der entsprechenden Ressorts setzten sich für eine Veröffentlichung
ein, verhindert wurde sie durch die Chefredakteure. Mit einer
politischen Begründung. Ich hätte die deutsche Schuld
nicht genügend herausgestellt. Die Kenner des Artikels faßten
sich an den Kopf. Und sein Verfasser sieht sich genötigt,
die Totenhalle als Forum freier Meinungsäußerung zu
mißbrauchen. Dieses an sich deprimierende Beispiel für
Gedankenfreiheit in der ach so demokratischen Bundesrepublik läßt
dennoch hoffen. Die Tabuglocke zeigt kräftige Risse. Es ist
absehbar, wann sie in sich zusammenfällt. Viele werden sich
dann verwundert die Augen reiben und sich fragen, wie die Menschen
es so lange darunter hatten aushalten können.
Ja, warum halten sie es so lange unter der Tabuglocke aus? Meine
Antwort: Weil die Deutschen noch 56 Jahre nach Verschwinden der
verbrecherischen Nazi-Diktatur an einem ausgeprägten Schuldkomplex
leiden. Genauer gesagt handelt es sich um einen deutsch-alliierten
Schuld-/Unschuldwahn. Damit meine ich folgendes: Die alliierten
Sieger hatten nach der bedingungslosen Kapitulation des Gegners
ein verständliches Interesse daran, alle, vor allem auch
eigene im Verlauf des gräßlichen Krieges begangene
Schuld den Deutschen zuzuschieben und sich selbst als Unschuldige
hinzustellen. Und sie besaßen die absolute Macht, dieses
Interesse auch durchzusetzen. Und davon haben sie reichlich Gebrauch
gemacht. Prägnant zeigt das der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß.
Vom Oktober 1945 bis Oktober 1946.
In den Statuten des Nürnberger Tribunals schrieben die alliierten
Richter kurzerhand fest, nur deutsche, nicht aber alliierte Kriegsverbrechen
dürften angeklagt werden.
Nebenbei sei angemerkt, daß der Prozeß auch in anderen
Punkten gegen internationales Recht verstieß. Die Ankläger
kamen nicht aus neutralen, sondern durchweg aus kriegsbeteiligten
Ländern. Zudem wurde das Rechtsprinzip: Sine lege nulla poena
außer Kraft gesetzt. Es wurden also Verbrechen abgeurteilt,
für die es zur Zeit, als sie begangen wurden, noch keine
Rechtsgrundlage gab. Die wurde erst nach dem Krieg - also illegalerweise
- einzig zum Zwecke des Nürnberger Prozesses geschaffen.
Das verdeutlicht, in welch absoluter Manier die Sieger ihren Machtvorteil
genutzt haben. Aber das, wie gesagt, nur nebenbei. Wichtiger ist
mir zunächst die einäugige Schuldverteilung. Unschuld
hier, Alleinschuld dort.
Im Prozeßverlauf haben die Verteidiger der deutschen Angeklagten
immer wieder auf die oben genannten fragwürdigen Punkte hingewiesen.
Natürlich ohne Erfolg. Zudem machten sie geltend, die Alliierten
hätten mit der Ostvertreibung und dem Moral bombing ihrerseits
Kriegsverbrechen begangen. Im Falle des Moral bombing wurde der
Vorwurf mit dem Argument abgewiesen, die Alliierten hätten
keineswegs offene deutsche Städte angegriffen, sondern ausschließlich
kriegswichtige Ziele wie etwa Industrieanlagen und militärische
Einrichtungen. Eine haarsträubende Lüge. Bloßer
Augenschein widerlegte sie. Aber eine notwendige Lüge. Hätten
die Alliierten nämlich zugegeben, offene deutsche Städte
bombardiert zu haben, hätten selbst ihre Prozeßstatuten
sie nicht davor bewahrt, selbst auf die Anklagebank befördert
zu werden. Denn ohne jeden Zweifel war es ein schweres Vergehen
gegen das Völker- und Menschenrecht, so etwas zu tun. Auch
mit dem berechtigten Hinweis, die Deutschen hätten ja ebenfalls
offene Städte bombardiert (strittig ist, ob sie damit angefangen
haben), hätten die Angloamerikaner ihren Kopf nicht aus der
Schlinge gezogen. Die für die Beurteilung des Sachverhalts
zuständige Haager Landkriegsordnung läßt da überhaupt
keinen Zweifel: Mit dem Moral bombing haben die Angloamerikaner
ein schweres Kriegsverbrechen begangen. (Man denke nur an den
als gerecht empfundenen Kosovo-Krieg. Welch weltweite Empörung
haben Nato-Kampfflugzeuge ausgelöst, wenn sie sogenannte
Kollateralschäden verursachten, also unbeabsichtigt Zivilisten
töteten. Die Verurteilung basiert auf derselben Rechtsgrundlage!)
Der Platz der für das Moral bombing Hauptverantwortlichen
- der Kopf Sir Winston Churchill und sein Handlanger Sir Arthur
Harris - hätte nicht in der Ruhmeshalle der Freiheitshelden
sein dürfen; ihr Platz hätte auf der Anklagebank sein
müssen. Neben Göring und Keitel. Das wäre auch
geschehen, wenn nicht Siegerhybris sondern geltendes Völkerrecht
sich durchgesetzt hätte. Hat sich aber nicht durchgesetzt.
Zum schlimmen Nachteil vieler Tausender unschuldiger Opfer des
Moral bombing. Darunter ich.
Mit dem, was ich hier sage, reihe ich mich ein in den großen
Chor von britischen und amerikanischen Geistlichen, Militärs
und Militärhistorikern, die mit denselben Argumenten das
Moral bombing als ungesühntes Kriegsverbrechen gebrandmarkt
haben. Trotz oft großer persönlicher Nachteile haben
sie die Wahrheit gegen machtgeschützte Lüge bezeugt
und klipp und klar gesagt: das Moral bombing ist weder moralisch,
noch völkerrechtlich, noch militärisch in irgendeiner
Weise zu rechtfertigen. Noch während des Krieges, 1944, kritisierte
der Bischof von Chichester, Georg Bell, vor dem britischen Oberhaus
das Moral bombing. Hitler ist ein Barbar, sagte er, Aber das gibt
uns nicht das Recht, ebenfalls barbarisch gegen das deutsche Volk
vorzugehen. Bewunderungswürdig. Vorbildhaft. Zivilcourage
eines reifen Menschen und Christen. Georg Bell wurde niedergebuht
und bezahlte seinen Mut mit sozialer Isolation. Nach dem Krieg
bewertete US-General Patton das Moral bombing als "rechtswidrig"
und nannte es "militärisch einen großen Fehler".
Tatsächlich hätte der Krieg um Monate verkürzt
werden können, wären die Bombergeschwader gegen Energie-,
Industrie- und Militäranlagen eingesetzt worden statt gegen
die deutsche Zivilbevölkerung. Der amerikanische Fliegergeneral
Hensell verurteilte aus "humanitären Gründen"
jede Bombardierung von Wohnvierteln und fand "die Vorstellung
unerträglich, strategische Luftkriegführung mit Massenmord
an Männern, Frauen und Kindern zu verbinden." Namhafte
englische Militärhistoriker wie General Fuller und Lidell
Hart urteilten im selben Sinne. Und der englische Publizist und
Labour-Politiker Richard Crossman schrieb: "Die Zerstörung
von Dresden im Februar 1945 war eines jener Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, deren Urheber in Nürnberg unter Anklage gestellt
worden wären, wenn jener Gerichtshof nicht in ein bloßes
Instrument alliierter Rache pervertiert worden wäre."
Ich unterstelle, Dresden steht hier für das Moral bombing
überhaupt, wie etwa Auschwitz für den Holocaust.
Die ‚Pervertierung’ des Nürnberger Prozesses
‚zum bloßen Instrument alliierter Rache' hat nicht
nur verhindert, daß die Verantwortlichen des Moral bombing
vor Gericht gestellt und verurteilt wurden. Die Pervertierung
hat ein Tabu über das angloamerikanische Kriegsverbrechen
gelegt. Bei den deutschen Verlierern geschützt durch ein
Trauma. - Noch nie zuvor waren die politischen, militärischen
und wirtschaftlichen Spitzen der Verlierer eines Krieges vor ein
Tribunal der Sieger gestellt und verurteilt worden. In Nürnberg
geschah das zum erstenmal. Unter den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit.
Unter fragwürdigen Rechtsvoraussetzungen. Ein geschichtliches
Novum. An dessen Ende sieben hohe Freiheitsstrafen und zehn Todesurteile
ausgesprochen wurden. Muß die Demonstration ebenso absoluter
wie mißbräuchlicher Macht die auf Gedeih und Verderb
ausgelieferten Verlierer nicht traumatisiert haben? Bis zum 8.
Mai 1945 war die überwiegende Mehrzahl der Deutschen noch
mit dem Nazi-Regime identifiziert. Am 16. Oktober 1946 wurde die
Asche von zehn Führern dieses Regimes - neun waren gehenkt
worden, Göring hatte Selbstmord begangen - in den kaum drei
Meter breiten Conwentzbach in München-Solln gestreut. Unter
falschen Namen. Anonym. Die Alliierten wollten, daß ihre
Namen aus dem Gedächtnis der Verlierer gelöscht wurden.
Vor allem sollte einem Märtyrerkult vorbeugt werden. Ist
nicht mit der Asche ihrer Führer ein wesentlicher - wenn
auch schlimmer, falscher - Bestandteil deutscher Identität
in den Conwentzbach gestreut worden - und zwar unter traumatischen
Umständen? Deutsche Zeitzeugen haben berichtet, sie hätten
den Nürnberger Prozeß wie hinter einem Schleier, als
ein unwirkliches Geschehen wahrgenommen. Das ist die Beschreibung
schwer Traumatisierter.
Davon ist in deutschen Geschichtsbüchern so gut wie überhaupt
keine Rede. Umso mehr von der schon damals heftig kritisierten
alliierten Entnazifizierungskampagne. Sie hat im Gegensatz zum
Nürnberger Prozeß kaum traumatisierend gewirkt. Zu
viele Schlupflöcher, zu viele Möglichkeiten der erfolgreichen
Gegenwehr gab es. ("Persilscheine") Diese weitgehend
nach Opportunitätsgesichtspunkten gehandhabte Kampagne wurde
von vielen Deutschen als Siegerjustiz empfunden, gegen die man
sich mit Recht zur Wehr setzte. („Die Kleinen hängt
man, die Großen lässt man laufen!“ Ein Alfred
Hugenberg, Mitglied der berüchtigten ‚Harzburger Front’,
wurde als harmloser Mitläufer eingestuft!) Dagegen fällt
vom verdrängten Trauma Nürnberger Prozeß - mitsamt
den Nachfolgeverfahren und Landsberg sowie einer einschüchternden
Propagandakampagne - ein neues Licht auf die 1967 von Margarete
und Alexander Mitscherlich diagnostizierte deutsche Unfähigkeit
zu trauern.
Im Kern zielte ihre Abhandlung auf einen fundamentalen Prozeß
personaler Menschwerdung: Zulassen von Depression nach einer begangenen
Schuld (Verstrickung in ein verbrecherisches Regime) - Anerkennen
von Schuld (Reue) - Mitgefühl für die Opfer - das Bedürfnis
nach Wiedergutmachung (Sühne). Zu recht haben die Mitscherlichs
geklagt, die Deutschen hätten sich diesem unverzichtbaren
Reifungsprozeß hin zum Menschlichen nicht unterworfen. Abgesehen
von einer Minderheit, die zudem als ‚Sühnedeutsche’
diffamiert wurde. Mit schlimmen Folgen wie seelische und soziale
Immobilität, ein Mangel an Kreativität in allen Bereichen.
Sowie ein Fortbestehen des Denkens im Freund-Feind-Schema. (Mit
gelungenem Reifungsprozeß weicht das naive Denkschema dem
differenzierten Wahrnehmen und Denken des reifen Erwachsenen.)
Verkannt haben die Mitscherlichs die Gründe für die
Abwehr von Schuld-, Scham- und Angstgefühlen. Ein Grund war
sicherlich der insbesondere nach dem Krieg menschlich nachvollziehbare
Unwille, sich diesem ebenso notwendigen wie schmerzvollen –
letztlich aber befreienden - Prozeß auszusetzen. Ausschließlich
diesen sicherlich zutreffenden Grund hatten die Mitscherlichs
im Auge. Darin haben sie geirrt. Es kamen weitere Gründe
hinzu. Die Kontraproduktivität alliierter Rache: Traumatisierung
der Deutschen und Tabuisierung eigener Verbrechen. Erst alle drei
genannten Gründe erklären zureichend die von ihnen richtig
diagnostizierte Unfähigkeit zu trauern.
Heute spielt m.E. die Abwehr von Schuld-, Scham- und Angstgefühlen
noch immer eine wichtige Rolle. In einem anderen Zusammenhang.
Sie scheint mir eine bedeutsame Ursache für die Tatsache
zu sein, daß die Deutschen sich bis in die Gegenwart hinein
hartnäckig weigern, das Leid deutscher Kriegsgeborener wahrzunehmen
und ihnen die gebührende Zuwendung zukommen zu lassen. Die
Chancen, daß sich das ändert, sind gering. Im Gegensatz
zu den Naziopfern damals haben sie im Ausland überhaupt keine,
im eigenen Land nur eine verschwindend kleine Minderheit an Fürsprechern.
Als Folge dieser Unterlassung lässt sich damals wie heute
ein sozialer Immobilismus sowie ein Mangel an Kreativität
und Humanität diagnostizieren.
Neben dem negativen Racheaspekt hat der Nürnberger Prozeß
auch einen positiven, zukunftsweisenden Aspekt. Heute wird um
ein Weltgericht für Kriegsverbrechen gerungen. Wichtige,
ihm zugrundeliegende Gedanken gehen auf das weltgeschichtliche
Novum in Nürnberg zurück. Ohne dieses Novum gäbe
es kein neues Rechtsverständnis, wonach die Menschenrechte
der Souveränität der kriegsbeteiligten Länder übergeordnet
sind. Bezeichnenderweise haben ausgerechnet die USA die stärksten
Vorbehalte gegenüber einem solchen Weltgericht. Noch immer
gefallen sie sich in der Rolle des selbstgerechten Weltpolizisten.
Noch immer ist bei ihnen Recht der Macht untergeordnet.
*
Der Sachverhalt dürfte jetzt klar und unstrittig sein. Ohne
jeden Zweifel haben Deutsche schlimmste Kriegsverbrechen begangen.
Die dafür Verantwortlichen haben - trotz aller rechtlichen
und humanen Vorbehalte - ihre angemessene Strafe bekommen. Insofern
wäre ein gewisses Maß an deutschen Schuldgefühlen
nur allzu angebracht. Allerdings muß dem tatsächlichen
deutschen Schuldgefühl ein pathologisches Übermaß
attestiert werden. Die großen Debatten der letzten Jahre
zum Holocaust-Denkmal, zu den Goldhagen-Thesen, zum Walser-Bubis-Streit
und zur Wehrmachtsausstellung zeigen das überdeutlich. Wie
kam es zu diesem pathologischen Übermaß an Schuldgefühlen?
Ich meine dadurch, daß die alliierten Sieger ihre Unschuld
behauptet und den deutschen Verlierern deren tatsächlicher
Schuld auch noch die eigene Schuld hinzugefügt haben. Dabei
haben sie sie in der beschriebenen Weise traumatisiert. Wodurch
alliierte Kriegsverbrechen - etwa das Moral bombing - per Tabu
der Wahrnehmung entzogen wurden. So entstand ein beidseitiger
Wahn: der deutsch-alliierte Schuld-/Unschuldwahn. Umgekehrt: Der
Wahn wäre nicht zustande gekommen, wenn Alliierte und Deutsche
sich zu ihrer jeweiligen Schuld bekannt hätten. Er wäre
auch dann nicht zustande gekommen, wenn zwar die Alliierten ihre
Unschuld behauptet, die Deutschen sich aber geweigert hätten,
das ihnen von den Alliierten zugemutete Surplus an Schuld auf
sich zu nehmen. Dann hätte es zwar einen alliierten Unschuldwahn,
aber keinen deutschen Schuldwahn gegeben. Beide Fälle sind
nicht eingetroffen. Noch immer behaupten die Alliierten ihre Unschuld,
noch immer schlagen die Deutschen sich an die Brust: unsere Alleinschuld,
unsere einzigartige, unvergleichliche Alleinschuld.
Dazu eine repräsentative Stimme. 1986 erinnert sich einer
der einflußreichsten deutschen Psychoanalytiker, Horst-Eberhard
Richter, an die Nachkriegsjahre: "Wir alle, die wir jetzt
in diesem Elend und in dieser Stadt der Ruinen und Scherben herumkrochen,
durften nicht hinausschreien: Was habt ihr, die Sieger, uns angetan!
Wir durften nicht gerecht leiden, wenn wir nicht Widerständler
oder Verfolgte gewesen waren. Wir selbst hatten, genau bedacht,
unsere Angehörigen mit umgebracht, unsere Häuser mit
zerstört, andere Länder mit verwüstet, die Juden
mit ermordet. Jeder von uns steckte als Urheber mit in allem Leid,
das Deutsche angerichtet und herausgefordert hatten." Der
deutsch-alliierte Schuld-/Unschuldwahn in Reinkultur. Commonsense
bis heute.
Wir Deutsche haben den Krieg vom Zaun gebrochen und unfassbare
Verbrechen begangen. Deshalb haben die Zerstörung unserer
Städte nicht etwa die Angloamerikaner verschuldet, sondern
wir selbst. Wie ist es möglich, daß ein hochintelligenter,
hochgebildeter und ansonsten überaus verdienstvoller Mensch
wie Richter an diesem einen Punkt mit Blindheit geschlagen ist?
Klar, gerade das ist die Leistung eines Wahns. Aber wie konnte
der hochqualifizierte Analytiker aller Arten von Wahn selbst einem
zumindest partiellen Wahn erliegen? Meine Antwort: Hatten zuvor
die Deutschen Juden und andere zu Sündenböcken gemacht,
so drehten die Alliierten den Spieß um und machten nun ihrerseits
die Deutschen zu Sündenböcken. Und diese übernahmen
die Rolle des Sündenbocks wie sie zuvor die Rolle des Herrenmenschen
übernommen hatten. Die eine Rolle so wahnhaft wie die andere.
Aber für das eigene Wohlgefühl höchst vorteilhaft.
In beiden Fällen wähnte man sich auf der richtigen,
guten Seite. Will heißen: Auf Seiten der jeweils Herrschenden.
Betrüblicherweise ist ausgerechnet Richter ein repräsentatives
Beispiel dafür. Und das, obwohl er gerade dies nicht sein
wollte.
Nach dem Krieg waren die absoluten Machthaber eben die Alliierten.
Und die diktierten, im Beisein des Henkers mit dem Strick in der
Hand: Wir sind absolut unschuldig. Ihr habt die Alleinschuld!
Ihrem Diktat gaben die Alliierten nicht nur mit dem Galgen, auch
mit einer einschüchternden Propagandakampagne den gebührenden
Nachdruck. Auf Plakaten mit einem KZ-Foto wurde den Verlierern
suggestiv eingehämmert: Du bist Schuld! Das ist Eure Schuld!
Dasselbe bekamen sie durch Presse und Rundfunk eingetrichtert.
In den zwölf Nürnberger Nachfolgeverfahren wurden ebenfalls
viele Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt. 255 in Landsberg
am Lech. Zwischen 1945 und 1951. Durchführung der Prozesse
wie auch der Urteilsvollstreckung hatte wenig mit Vollzug von
Gerechtigkeit zu tun. Umso mehr mit Rache. In Nürnberg wurde
Delinquenten vor Todeseintritt durch die zurückfedernde Falltür
das Gesicht zerschlagen. Zum Teil lebten sie noch. In Lech mußten
Delinquenten nach dem Henken mit Watte erstickt werden. Diese
grausigen Details mute ich euch zu, um eines zu verdeutlichen:
Die Deutschen sahen ihre Befürchtungen aus der Zeit vor der
bedingungslosen Kapitulation: Genießen wir den Krieg! Der
Frieden wird fürchterlich! in furchterregendem Ausmaß
bestätigt. Nicht zuletzt die nachdrückliche Bestätigung
dieser Angst vor alliierter Rache hat zur Traumatisierung der
Deutschen beigetragen. Hat mitbewirkt, daß sie das alliierte
Diktat ihrer Alleinschuld verinnerlicht und zum ehernen Kern ihrer
personalen und sozialen Identität gemacht haben. Eine nach
der falschen Identität aus der Nazizeit nun wiederum falsche
Identität. Unter angeblich "demokratischen" Vorzeichen.
Die DDR-Bürger befreiten sich in einer friedlichen Revolution
selbst von einem diktatorischen Regime. Ehemalige DDR-Spitzenfunktionäre
wurden in der Bundesrepublik auf rechtsstaatlicher Grundlage ungleich
milder bestraft als Nazitäter. Dennoch hat dies zusammen
mit der bundesrepublikanischen Rücksichtslosigkeit gegenüber
der (falschen) DDR-Identität dazu beigetragen, daß
bis heute viele Ostdeutsche sich in einem traumaähnlichen
Zustand befinden. Er äußert sich in nostalgischer Verklärung
des alten Regimes ebenso wie in handfesten Ressentiments gegenüber
den Wessis. Möglicherweise liegt hier zudem eine der Wurzeln
für das in den Ost-Ländern besonders schlimme Grassieren
von Rechtsextremismus. Noch lange nicht ist auf demokratischer
Basis, auf der einer gemeinsamen richtigen Identität, ‚zusammengewachsen,
was zusammengehört.’ Die Mauer in den Köpfen wird
noch für lange Zeit stehenbleiben.
Die Nachkriegsdeutschen schluckten das alliierte Diktat. Ohne
viel Widerstand. In Landsberg wurde dank wachsender Empörung
in der deutschen Bevölkerung dem grausigen Fließband-Henken
Einhalt geboten. 1951. (Allerdings trug der Kalte Krieg dazu bei.)
Auch einige andere Deutsche leisteten beispielhaften Widerstand
gegen alliierten Machtmißbrauch. Etwa Karl Jaspers oder
Erich Kästner. Ansonsten parierten sie. Reflexartig, gemäß
ihrer eingefleischten Untertanenmentalität. Die kennt keine
Gleichheit, nur Oben und Unten. Waren sie als Herrenmenschen nicht
mehr ganz oben, so konnten sie als Verlierer nur ganz unten sein.
Zwar hatten die neuen Herren ein allzu schlichtes Verständnis
von Schuld und Unschuld, von Gut und Böse, das eher Kindern
als Erwachsenen entsprach, aber das kannten sie ja bereits von
den alten Herren. Lediglich unter anderem Vorzeichen. Im manichäisch-dualistischen
Verständnis von Schuld/Unschuld und Gut/Böse glichen
die neuen Herren den alten Herren wie ein Ei dem anderen. Und
wenn die neuen Herren jetzt derart nachdrücklich behaupteten,
die Deutschen seien die Bösen, sie hätten die Alleinschuld,
dann mußte es wohl stimmen. Als Untertan denkt man nicht,
fragt man nicht, widersetzt sich nicht. Man gehorcht. Also gut,
waren wir vorher selbst die guten Herrenmenschen, dann sind wir
jetzt eben die bösen Alleinschuldigen. Und der Unerträglichkeit
dieses Verdikts entzog man sich durch Identifikation mit den Siegern.
Psychologisch gesprochen: mit dem Aggressor.
Ein weiterer, zudem besonders wichtiger Aspekt alliierter Rache
und ihrer Folgen. Als einer der ganz wenigen hat der Oberkommandierende
des Ostheeres, Generalfeldmarschall Keitel, sich mannhaft zu seiner
Schuld bekannt. Allerdings reichte er bei den Nürnberger
Richtern ein Gnadengesuch ein. Der Soldat bat darum, nicht gehenkt,
sondern erschossen zu werden. Er wurde gehenkt, mit zerschlagenem
Gesicht. Dasselbe geschah den zum Tode verurteilten Militärangehörigen
in Landsberg und in den Nachfolgeprozessen. Ebenfalls, wie gezeigt,
meist unter unmenschlichen Vollstreckungsumständen. Wer insbesondere
die deutsche Soldatenmentalität nur ein wenig kennt, weiß,
was das bedeutet: eine brennende, nach Rache schreiende Schmach.
Zumindest für sehr viele ehemalige Berufsoldaten. Sicherlich
auch für viele Eingezogene. Mein Vater - ehemaliger Berufsoffizier
- sagte mir einmal: Gut. Keitel hat Kriegsverbrechen begangen.
Er hätte erschossen werden müssen. Daß ihn die
Alliierten gehenkt haben, verzeihe ich ihnen nie. Ebenso trotzig
wie inkonsequent beharrte er bis zu seinem Lebensende auf dem
angeblich Guten im Nationalsozialismus. Er konnte ganz gut damit
leben. Ich nicht. Das zeigt die Kontraproduktivität alliierter
Rache. Sie verhinderte Einsicht, wo sie möglich gewesen wäre.
Und nicht zuletzt: Die selbstgerechten Rächer schlugen den
Sack - und trafen nur allzu oft die Unschuldigen.
Neben dem deutschen Schuldwahn hat der alliierte Unschuldwahn
am Entstehen seines feindlichen Zwillingsbruders mitgewirkt: am
deutschen Unschuldwahn. In seiner gefährlichsten Variante:
am neonazistischen Ressentiment. Vom deutschen Unschuldwahn waren
neben Militärs vor allem auch nazibelastete Spitzenleute
aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, Ärzte und insbesondere
Juristen infiziert. Der eine Unschuldwahn so rachsüchtig
wie der andere. Ebenso wie der Schuldwahn ist auch das neonazistische
Ressentiment eine Sumpfblüte des Wechselspiels von alliiertem
Machtmißbrauch und deutscher Untertanenmentalität.
Schuldwahn und Ressentiment sind wie das brave gehorsame Kind
und das böse aufmüpfige Kind ein und desselben Elternpaars.
Gezeugt in der deutsch-alliierten Nachkriegsmesalliance. Psychoanalytisch
könnte man sagen, das brave Kind repräsentiert die masochistische
und das böse Kind die sadistische Sumpfblüte dieser
Mesalliance. Wobei hinzugefügt werden muß, daß
bekanntlich die masochistische Sumpfblüte sadistische und
die sadistische Sumpfblüte masochistische Samenkörner
enthält. Kein Wunder, daß sich das brave und das böse
Kind wie Hund und Katze gegenüberstehen. - Die Bundesrepublik
hat bis heute die menschliche Reife etwa eines Georg Bell noch
vor sich. Erst muß sie sich noch durch die Skylla-und-Charybdis-Passage
von masochistischer Unterwerfung und sadistischer Aufmüpfigkeit
– oft in ein und demselben Atemzug - hindurchlavieren. Martin
Walser ist ein prominentes Beispiel dafür. Wie anders hat
Klaus von Dohnanyi zu dessen Streit mit Bubis geschrieben und
geredet! Klar. Deutlich. Selbstbewusst. Couragiert. Nicht im mindesten
angekränkelt weder vom deutschen Schuld- noch vom deutschen
Unschuldwahn. Walser nobel zu dessen Gunsten missverstehend schrieb
er: „Einerseits fühlt Walser sich in der Mithaft für
die Schuld vorangegangener Generationen; er weiß auch, daß
die Erinnerung an diese schändlichen Verbrechen wachgehalten
werden muß (leider hat Walser das so nicht gesagt.); andererseits
weiß er sich aber selbst unschuldig und möchte mit
dieser, seiner deutschen Schande nicht ständig in einer Weise
konfrontiert werden, so als sei derjenige, der ihn an diese deutsche
Schande erinnert, schon deswegen ein besserer Mensch.“ Das
ist der Geist eines Georg Bell. Prompt fand Dohnanyi sich wie
dieser damals in England fast allein auf weiter deutscher Flur.
Im Gegensatz zu Walser. Vom großen Chor seiner Kritiker
ganz zu schweigen.
Die überwiegende Mehrzahl der Nachkriegsdeutschen unterwarf
sich und beugte sich unters Joch der Alleinschuld. Zudem merkte
sie bald, daß sich mancherlei Vorteil daraus ziehen ließ,
wenn sie sich dem Siegerdiktat nicht bloß unterwarf, sondern
es sich zu eigen machte - sich mit ihm identifizierte. Die Deutschen
hatten die besten Karrierechancen in der sich neu formierenden
Gesellschaft - unter alliierter Oberaufsicht - , die sich am lautesten
auf die Brust schlugen: unsere einzigartige, unsere unvergleichliche
Schuld! Das hörten die Alliierten natürlich gern. Mit
solchen Deutschen konnte man etwas anfangen. Sie auf möglichst
viele wichtige Posten zu bringen, entsprach alliiertem Interesse.
So blieb in der 1949 neuentstehenden Bundesrepublik die Wahrheit
auf der Strecke. Nicht sie war gefragt, sondern die richtige,
karriereförderliche Gesinnung. Was bedeutete da schon ein
bißchen Wahn, Blindheit und Dummheit, wenn das geradezu
Voraussetzungen für glanzvolle Karrieren waren. Traditioneller
deutscher Untertanengeist und brachial durchgesetzte alliierte
Unschuldsbehauptung - das Wechselspiel von beidem bewirkte die
Etablierung des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns. Er wurde
eherner Kern des deutschen öffentlichen Bewußtseins.
Deutscher Identität. Falscher deutscher Identität.
Auf andere Weise hat der Ausbruch des Kalten Krieges - ab 1949
- eine wichtige Rolle beim Entstehen einer falschen deutschen
Identität gespielt. Er hat dem deutschen Schuldwahn eine
längere Latenzzeit beschert. Und hat Karrieren entgegengesetzter
Art befördert. Die Menschen beider Karrieren bekämpften
sich als feindliche Brüder. - Die deutschen Nazi-Belasteten
aus Politik, Administration, Justiz, Militär und Wirtschaft
wurden in der nun aufbrechenden Konfrontation mit der Sowjetunion
von den Angloamerikanern dringend benötigt. 1951 genehmigten
sie ihnen eine umfassende Amnestie. Der zuvor von den Alliierten
verurteilte und enteignete ‚Kanonen-Krupp’ etwa wurde
vorzeitig aus der Haft entlassen und bekam sein Vermögen
zurück. Ein bezeichnendes Rechtsverständnis. Recht ist,
was jeweils opportun ist. Was dem eigenen Machtanspruch dient.
Der hohe moralisch-politische Anspruch ‚Entnazifizierung’
und ‚Säuberung’ wurde Makulatur. Zumal beides
in der deutschen Bevölkerung zunehmend als Siegerjustiz empfunden
wurde. Leider nicht konsequent genug. Die ehemaligen Funktionseliten
des Nazi-Staates wurden in der neuentstehenden Bundesrepublik
hoffähig. Leider nur allzu konsequent. Nicht nur auf Wunsch
der Angloamerikaner. Auch auf Wunsch mancher nichtbelasteter Deutscher.
Oft in einflussreichen Positionen. Adenauer beispielsweise scheute
nicht davor zurück, den an den Nürnberger Rassegesetzen
maßgeblich beteiligten Hans Globke an seine Seite zu holen.
Und von den Mitgliedern des soeben einberufenen Parlaments wurde
das 131er-Gesetz verabschiedet. Es räumte den Beamten und
Berufssoldaten der Nazi-Zeit Anspruch auf Wiedereinstellung ein.
Angloamerikanisches Machtkalkül und deutscher Gnadenlobbyismus
umarmten sich in einer nicht für möglich gehaltenen
Ehe. Eine Schleuse öffnete sich. Eine braune Flut aus Amnestierten,
bis dahin Untergetauchten oder am Rand der Gesellschaft Stehenden
ergoß sich in das öffentliche Leben der Bundesrepublik.
Mit dem Zeitgeist des Kalten Krieges im Rücken - von den
Angloamerikanern geschoben und von vielen Deutschen gezogen –
übernahmen mental unveränderte Nazifunktionäre
hohe und höchste administrative und demokratische Ämter.
Auf der Strecke blieben die Aufarbeitung des Nationalsozialismus,
der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit sowie ein wirklich
demokratischer Neubeginn. Der berüchtigte Muff der Adenauer-Ära
entstand. Übertüncht durch das berühmte deutsche
Wirtschaftswunder.
Neben dem Schuldwahn nistete der deutsche Unschuldwahn sich in
vielen Schaltstellen der deutschen Öffentlichkeit ein. Insbesondere
in administrativen und juristischen. Zunächst erlangte er
die Vorherrschaft in der deutschen Öffentlichkeit. Mit schlimmen
Folgen. Vor allem für die Opfer des Nationalsozialismus.
Aber auch für die Opfer alliierter Verbrechen, etwa des Moral
bombing. Natürlich hatten die vom deutschen Unschuldwahn
Infizierten – ebenso wie die einen westlichen Integrationskurs
steuernde Adenauer-Regierung - kein Interesse daran, die neuen
Verbündeten in Verlegenheit zu bringen. Zudem brachte die
unheilige Allianz von deutschem und angloamerikanischem Unschuldwahn
einerseits und die Westkurs fahrende BRD andererseits ein neues
Feindbild hervor: Die Sowjetunion. Unverhofft konnten viele Deutsche
an die gute alte Nazi-Ideologie vom Todfeind Bolschewismus anknüpfen.
Fortan waren nicht mehr die Nazis sondern die Kommunisten die
Bösen. Während die Westmächte mitsamt den exkulpierten
Nazi-Deutschen die Guten waren. Eine neue Variante manichäisch-dualistischer
Weltsicht. Der Preis war, wie gesagt, ein beidseitiges ‚Vergessen’
sowohl deutscher als auch angloamerikanischer Kriegsverbrechen.
Im Zeichen des neuen Feindbildes Kommunismus.
Mit dem Auschwitzprozeß Mitte der 60er Jahre und vor allem
mit der 68er Revolte änderte sich das. Mit sozialistischen
Vorstellungen brachte sie frischen Wind in die braune Moderluft
der BRD. Autoritär unter der Decke gehaltene Verdrängungen,
Widersprüche und Konflikte der Adenauer-Ära drängten
eruptiv an die Oberfläche. Revolution lag in der Luft. Von
Flensburg bis Freiburg. Es herrschte Progromstimmung. Angeheizt
von Politik, Polizei und vor allem von der Springerpresse. Die
unheilige Trinität sah überall Moskauer Maulwürfe
am staatsfeindlichen Wühlwerk. Eine haarsträubende Verkennung
der Lage. Mit explosiven Folgen. Während einer Anti-Schah-Demonstration
in Berlin wurde der unbeteiligte Student Benno Ohnesorg von einem
Polizisten erschossen. Das war der Funke. Er löste einen
Flächenbrand aus. Schlagartig befand die Bundesrepublik sich
in einer revolutionären Situation. Die Studenten proklamierten
Gegengewalt gegen Sachen. Die todessüchtige RAF später
auch gegen Menschen. Willy Brandts Wort von 1969: Mehr Demokratie
wagen! traf zugleich den fauligen CDU-Nerv und den neuen Zeitgeist.
Noch immer saßen unbestrafte Nazi-Täter in hohen und
höchsten Staatsämtern. Nun sollten demokratische Ämter
endlich mit Demokraten besetzt werden. Viele Ex-Nazis wurden entlarvt.
Weiterhin behaupteten sie ihre Unschuld. Im alten Geiste verteidigten
sie brachial ihre Lügen hinterm Schutzschild Antikommunismus.
Es half ihnen nicht. Ihr Einfluß wurde großenteils
zurückgedrängt. Zumal die neue politische Großwetterlage
jetzt ‚Koexistenz’ hieß.
Allerdings: Die Linken waren in ihrem Verständnis von Gut
und Böse so manichäisch-dualistisch wie zuvor Nazis,
Alliierte und die deutsch-angloamerikanische Allianz gegen den
Kommunismus. Sozialismus war gut; Kapitalismus war böse.
Wobei der Nationalsozialismus lediglich die bösartigste Variante
des insgesamt bösen Kapitalismus war. Ein nicht unwichtiger
Grund für ihr Scheitern. Im Windschatten vom Feindbild Nationalsozialismus/Kapitalismus
einerseits und dem Idealbild Sozialismus andererseits schoß
der bis dahin gesellschaftlich an den Rand gedrückte oder
gar verdrängte deutsche Schuldwahn ins Kraut. - Die Linken
begrüßten jede Verurteilung von Nazibelasteten als
gut und gerecht. Damit haben sie sich Meriten erworben. Vor allem
verhalfen sie den Holocaustopfern und anderen Naziverfolgten endlich
zu Gerechtigkeit. Vielen leider in unzureichender Weise. Ihrerseits
einäugig übersahen die Linken allerdings Schuld der
Alliierten. Insbesondere das Moral bombing und ihre Nachkriegsrache.
Und damit vielfach eigenes Leid. Sie sind in dreifacher Weise
selbst schuldig geworden. An der geschichtlichen Wahrheit und
vielfach an sich selbst und den anderen kriegsgeborenen Traumatisierten.
Ich bekenne nachdrücklich, Anteil an dieser dreifachen Schuld
zu haben.
Die Alliierten hatten das Böse schlechthin besiegt: Nazideutschland.
Insofern befanden sie sich auf der Seite des Guten. Insofern identifizierten
die Linken sich mit ihnen. (Der Vietnamkrieg bedeutete eine partielle
Auflösung dieser Identifikation. Unberührt blieb die
mit den Nazibezwingern.) Gemäß ihrer dualistischen
Weltsicht war für die deutschen Linken jeder, der den alliierten
Nazibezwingern absolute Unschuld bescheinigte – ihren Unschuldwahn
bestätigte - , ein Guter. Und umgekehrt war jeder, der nicht
nur den Nazis sondern auch den Alliierten Schuld und Unrecht vorwarf,
ein Böser – ein tatsächlicher oder zumindest potentieller
Faschist. Diese Weltsicht so wahnhaft wie ihre Vorgängerinnen.
Der deutsch-alliierte Schuld-/Unschuldwahn erreichte seine bis
heute anhaltende Blütezeit. Unverzichtbare Differenzierungen
unterlagen und unterliegen noch immer einem Tabu. Bis vor wenigen
Jahren habe ich dazu beigetragen. - Nach 16-jähriger Latenz
erkämpfte sich im Ringen zwischen deutschem Unschuldwahn
und deutschem Schuldwahn letzterer die Vorherrschaft. Die eine
dominierende falsche Identität wurde durch eine andere dominierende
falsche Identität abgelöst. Sie dominiert bis heute.
Armes Deutschland!
Wer heute in der Bundesrepublik das Plakat: Ich bin Schuld! vor
sich herträgt, ist in; wer darauf beharrt, auch die Alliierten
hätten Schuld auf sich geladen - etwa mit dem Moral bombing
oder später mit ihrer Rache im Gewand von Recht und Gesetz
ist out. Leider! Die einer gerechten Strafe entgangenen Nazi-Täter
und deren Enkel ebenso. Gott sei Dank!
Mein Vater blieb vom Beginn der Bundesrepublik bis zu seinem
Lebensende out. Er hat keine Karriere gemacht. Dank seiner ressentimentbehafteten
Ablehnung des alliierten Unschuldwahns wie des deutsch-alliierten
Opportunismus arbeitete er nach Kriegsende 10 Jahre lang als Kumpel
unter Tage. Anschließend als kleiner Angestellter von Krupp-Rossenray.
Zumindest hierin konsequent. Hätte er noch seine Trotzköpfigkeit
aufgeben und sich zur Abkehr vom Nationalsozialismus durchringen
können, hätten wir zwei es ganz gut miteinander aushalten
können. Im Grunde seines Herzens war er ein liebenswerter
Mensch. Das habe ich leider erst 1993, kurz vor seinem Tode an
der Alzheimerkrankheit, bemerkt. Bis dahin war unser Verhältnis
ein Desaster. Mit seiner Trotzköpfigkeit repräsentiert
er übrigens eine zwar gesellschaftlich relativ harmlose,
familiär jedoch verhängnisvolle Variante des deutschen
Ressentiments. Bei ihm war das Ressentiment durch zumindest partielle
Schuldeinsicht gebrochen. Er gehörte weder ganz zu den Braven
noch ganz zu den Aufmüpfigen. Er war zur Hälfte das
eine und zur Hälfte das andere. Zuweilen im selben Atemzug.
Für das Familienleben ein Graus.
Der auf traditionellem deutschen Untertanengeist beruhende Schuldkomplex
wie auch eine unheilschwangere Ressentimentbereitschaft - beides
im Wechselspiel mit alliiertem Machtmißbrauch - treiben
bis heute ihr Unwesen. Der ist wahrlich mit Blindheit geschlagen,
wer die Bundesrepublik für eine wahrheits-, gerechtigkeits-
und solidaritätsorientierte Demokratie hält. Er müßte
die erschreckende Zunahme neonazistischer Gewalttaten erklären.
Ebenso die von Jahr zu Jahr größer werdende Schere
zwischen Arm und Reich. Die ständig wachsende Zahl von Kindern,
die ihr Leben unter Sozialhilfebedingungen fristen müssen.
Der Goethe-Satz: Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch
alles! war in Deutschland nie richtiger als heute. Neuerdings
entscheidet über Wohlbefinden vorwiegend der Aktienkurs,
nicht liebevolles Miteinander. Der Preis für Ressentiment,
Karrieregeilheit und Raffgier ist ein ungeheurer Verlust an Humanität.
Für in- und ausländische Mitmenschen vielfach nur noch
der Ellenbogen, nicht mehr die ausgestreckte Hand. Ansonsten Gleichgültigkeit.
Solidarisches Handeln eine seltene Ausnahme. Ein Luxus, den man
glaubt, sich nicht leisten zu können. Der abendländische
Individualismus mit seinem innewohnenden Macht-/Ohnmachtwahn hat
seinen Gipfel erreicht.
Ohne daß die meisten es merken, leben wir in einem Gefrierhaus.
Ein neuer Sozialdarwinismus hat uns unempfindlich gegen Kälte
gemacht. Wir spüren die Gänsehaut nicht mehr. Die politisch-wirtschaftliche
Funktionselite unseres Landes gebärdet sich in weiten Teilen
als Feudalklasse. Schamlos missbraucht sie den Staat als Selbstbedienungsladen.
Straffrei betreibt sie illegale Geldgeschäfte. Korruption
ist an der Tagesordnung. Einem ehemaligen Kanzler billigt sie
den Status ‚legibus solutus’ eines absoluten Monarchen
zu. Unbehelligt darf er sich in dem Gefühl sonnen, über
dem Gesetz zu stehen. Wer die siebziger Jahre miterlebt hat, wird
dies zudem noch anders sehen. Verwundert wird er feststellen,
daß die Herrschenden von heute sich in bester Gesellschaft
mit den Anarcho-Spontis von damals befinden. Überall an den
Hauswänden war die Leitparole der kleinen radikalen Splittergruppe
zu lesen: Legal – Illegal - Scheißegal! Von allen
braven Bürgern als unerhörte Provokation empfunden.
Damals. Heute scheinbar akzeptierte Normalität in Deutschland.
Ein bezeichnender Bewusstseinwandel. Die Spaß- und Wohlstandsgesellschaft
(Wohlstand für wen?) überpinselt den kranken Sozialkörper
mit bunter Farbe. Schöner (Haben-) Schein soll unschönes
Sein vergessen machen. Die verantwortlichen Politiker sollten
sich erinnern, daß die Weimarer Republik nicht zuletzt am
verhassten Typus des korrupten Abgeordneten gescheitert ist. Der
heutige Typus dieser unappetitlichen Spezies ist vorerst ‚lediglich’
mitverantwortlich für die grassierende Politikverdrossenheit.
Vorerst... – Das alles ist schlimm genug. Viel schlimmer
ist, daß wir uns das lammfromm gefallen lassen. In alter
Untertanentradition. Sind die Herrschenden nicht selbst in der
Lage dazu, ist es unsere Pflicht, für die Einhaltung demokratischer
Gepflogenheiten zu sorgen. Bezeichnenderweise haben wir es nicht
geschafft, die kriminellen Finanztrickser ihrer gerechten Strafe
zuzuführen, dem Ex-Kanzler die aus eigenen Gnaden höchstselbst
aufgesetzte Krone vom majestätischen Haupte zu pflücken.
Vielfach wird ihnen gar die Glorie unschuldig verfolgter Opfer
zugestanden. Statt eines gesellschaftlichen Aufstands ist die
Zahl der Korruptionsfälle bei Beamten und höheren Angestellten
in den letzten Monaten sprunghaft angestiegen. Um 30%. Die bundesrepublikanischen
Bürger nehmen nicht die Gelegenheit wahr, sich als mündig
zu erweisen; sie sind unterwegs, sich als Anarcho-Individualisten
zu mausern. Der gute alte Untertan im modernen Gewand. Empfohlen
sei die (erneute) Lektüre von Heinrich Manns Roman: Professor
Unrat.
Dieser alles eher als erfreuliche Befund hat – neben manchen
anderen Ursachen! - nicht zuletzt mit der Entstehungsgeschichte
der Bundesrepublik zu tun. Mit ihrem Urtrauma. Wie auch mit den
Folgen des Kalten Krieges. Die heutige Bundesrepublik ist nicht
auf dem Weg zur Stabilisierung und Vertiefung von Demokratie.
Im Gegenteil. Im Zuge des neuen Global-Ökonomismus wird die
Schere zwischen Verfassungsanspruch und Verfassungswirklichkeit
immer größer. Die Verfassung wird immer exzessiver
überdehnt, mehr und mehr ausgehöhlt. Trotz aller gegensätzlichen
Beteuerungen. Früher oder später muß das zu nicht
mehr kompensierbaren sozialen Spannungen führen. Die Adenauer-Ära
läßt grüßen. Vielleicht bekommt in nicht
allzu ferner Zukunft der alte Menschheitstraum von einem humanen
Sozialismus eine neue Chance. Ich hoffe es. Auch, weil dann den
traumatisierten Kriegsgeborenen endlich Gerechtigkeit widerfahren
würde. Symbolisch, postum zumindest. Die meisten werden es
wohl nicht mehr erleben. Aber beileibe nicht nur deshalb.
Im heutigen gesellschaftlichen Klima gemäß dem Motto:
Jeder ist sich selbst der nächste! können sie kaum auf
Verbesserung ihrer Situation hoffen. Dazu wäre nicht nur
gegebenenfalls eine adäquate ärztliche Behandlung notwendig;
ebenso wichtig wäre die soziale Wahrnehmung und Anerkennung
ihres Leids sowie das Gefühl, daß ihnen Gerechtigkeit
widerfährt, daß die für ihr Leid Verantwortlichen
zur Rechenschaft gezogen werden. Daß vor allem letzteres
geschieht, ist eine wesentliche Voraussetzung zugleich für
Vergebung der Täter und Verheilen des Traumas. Ohne Gerechtigkeit
kein Vergeben und kein Heilen. In Ausnahmefällen mag Vergeben
und Heilung ohne Entschuldigung der Täter möglich sein.
In aller Regel gilt: Die Wunden schließen sich trotz aller
sonstigen Bemühungen erst wirklich, wenn nach Entschuldigung
der Täter vergeben werden kann. Das kann als gesicherte Erkenntnis
der modernen Psychotraumatologie gelten. Sie wurde zuerst und
vor allem an Holocaust-Opfern gewonnen. Ich kann sie auf Grund
eigener Traumaerfahrung bestätigen. - Allen Traumatisierten
gesteht man adäquaten ärztlichen Beistand, soziale Zuwendung
und Herstellung von Gerechtigkeit zu. Nur den Traumatisierten
unter den deutschen Kriegsgeborenen nicht. Ihnen wird so gut wie
nichts davon gewährt. Das wird sich in der momentanen Eiszeit
der Bundesrepublik kaum ändern. Ein etwa 40-jähriger
Psychoanalytiker rechtfertigte sein Desinteresse an diesem Thema
mit der Gnade der späten Geburt. Leid und Ungerechtigkeit
sind bis auf weiteres festgeschrieben. Die unaufgelösten
Traumen werden sich weitervererben bis in die dritte und vierte
Generation. Auch das eine gesicherte Erkenntnis der Psychotraumatologie.
Die große Zahl unschuldig traumatisierter deutscher Kriegsgeborener
tendiert mit zunehmendem Alter gegen Null; die Zahl ihrer unschuldig
traumatisierten Nachkommen wird immer mehr anwachsen. Äußern
wird sich das in einem Anschwellen mehr oder weniger undefinierbarer
körperlicher und seelischer Erkrankungen. In seelischer,
sozialer und kreativer Immobilität. Das ist vor allem ein
menschliches Problem. Zugleich wird es auch ein gesellschaftliches
und volkswirtschaftliches.
Damit komme ich zu einem Hauptpunkt. Richter sagte oben: Wir
Deutsche dürften weder gerecht leiden noch die Sieger anklagen,
gleichgültig, was sie uns angetan haben. Gerecht leiden dürfen
nur Widerständler oder Verfolgte.
Ich bin weder Widerständler noch Verfolgter. Ich bin nichtjüdischer
Deutscher. Und damals zu jung für politischen Widerstand.
Ich wurde im November 1944 geboren. Also noch während der
Kriegs- und Nazizeit. Hier, an diesem - entschuldigt bitte das
pathetische Wort: an diesem heiligen Ort also schwöre ich
bei allem, was mir heilig ist: Ich habe Hitler nicht gewählt.
Ich war niemals Nazi und Antisemit. Ich habe den Krieg nicht angefangen
und ihn auch niemals befürwortet. Ich bin in kein fremdes
Land eingefallen und habe keinen Menschen getötet oder in
irgendeiner Weise dazu beigetragen, daß einer getötet
wurde. Auch habe nicht ich die Bomben auf Darmstadt und Wilhelmshaven
geschmissen. Mir selbst auf den Kopf schon gar nicht. Insbeson-dere
habe ich niemals einen Juden diskriminiert. Erst recht habe ich
in keiner Weise Anteil an dem verabscheuungswürdigen Verbrechen
Holocaust. Dennoch schlägt Richter mich den Tätern zu.
Absolut unschuldig, verbietet er mir, gerecht zu leiden. Nur Widerständler
oder Verfolgte dürfen das. Keinesfalls die deutschen Kriegsgeborenen!
Und seien sie auch genauso unschuldig und traumatisiert wie Holocaust-Opfer.
Wer in der Bundesrepublik die Existenz von Holocaust Opfern leugnet,
wird juristisch bestraft; bestraft wird auch, wer die Existenz
von Moral-Bombing-Opfern - behauptet. Mit gesellschaftlicher Isolation.
Der Moral-bombing-Leugner ist ein Guter, der Holocaust-Leugner
ist ein Böser. Der Holocaust-Bestätiger ist ein Guter,
der Moral-Bombing-Bestätiger ist ein Böser. Bundesrepublikanische
Realität bis heute.
Das klingt nach Karikatur. Ist auch eine. Der bundesrepublikanischen
Wirklichkeit ist diesbezüglich nicht anders beizukommen.
Mit Konsequenzen, die ans grob Gewissenlose, um nicht zu sagen
an strafbare Unterlassung rühren. Im Widerspruch zur großen
moralischen Geste der Deutschen, fürs Moral bombing, wie
für den Krieg insgesamt, die Alleinverantwortung zu übernehmen,
steht die Tatsache, daß sie noch 1986 kein einziges Therapiekonzept
für die deutschen traumatisierten Kriegsgeborenen hatten.
(Die einzige Ausnahme aus dem Jahr 1968 von Hau - prompt in die
wissenschaftliche Schmuddelecke gestellt - habe ich erwähnt.)
Erst Ende der 80er Jahre wird das, wie Tilman Moser sagt: "riesige
Versäumnis" überhaupt nur bemerkt. Weiterhin verweise
ich nochmals auf den beschämenden Offenbarungseid der Deutschen
auf dem internationalen Kongreß über kriegsgeschädigte
Kinder 1992 in Hamburg. Sowie auf das 1998 erschienene Lehrbuch
zur Psychotraumatologie, in dem deutsche Kriegstraumatisierte
schlicht nicht vorkommen. Eine großartige moralische Alleinverantwortung,
die die Deutschen da für den Krieg und seine Folgen übernommen
haben, nicht wahr? Die Unschuldigsten der Unschuldigen, die kriegsgeborenen
deutschen Kinder, werden per 'Wissenschaftsdekret' den Tätern
zugerechnet - schon trägt man für sie keine Verantwortung
mehr. Mit leichter Hand werden sie ein zweites Mal traumatisiert.
Die große moralische Geste ist in Wahrheit Ausdruck moralischer
Perversion: von selbstverschuldeter Dummheit, von Gewissenlosigkeit.
Alles, was ich hier gesagt habe, ist seit langem bekannt. Man
hätte es nur zur Kenntnis nehmen brauchen. Aber ihr wißt
schon: der Schuldkomplex, das eigene Wohlgefühl, die Karriere.
Abwehr von Schuld, Scham und Angst. Deutsche Untertanenmentalität...
Einige werden vielleicht immer noch nicht glauben, was ich hier
sage. Daher eine letzte Stellungnahme, auch zur Ehrenrettung von
Horst-Eberhard Richter, dem ich trotz allem viel zu verdanken
habe. Tatsächlich hat seine Entdeckung des Macht-Ohnmachtwahns
in der europäischen Geistesgeschichte - in seinem großartigen
Buch: Der Gotteskomplex - mich zur Entdeckung des deutsch-alliierten
Schuld-/Unschuldwahns geführt. Wenige Bücher haben mich
so stark geprägt wie dieses. Darüber hinaus ist die
bei ihm festzustellende bewunderungswürdige Verbindung von
wissenschaftlichem Werk und solidarischem Handeln weiterhin vorbildhaft
für mich. Meine Kritik an ihm ändert daran nichts. Ich
hoffe sogar, sie weitgehend in seinem Sinne vorzutragen. - Fast
tragischerweise war Richter nicht in der Lage, seine brillante
Entdeckung im Gotteskomplex auf die Geschichte der Bundesrepublik
anzuwenden. So bleibt mir leider nichts anderes übrig, als
den hellsichtigen Richter gegen den blinden Richter ins Feld zu
führen.
Angesichts des Hamburger Desasters räumt er ein, das Thema
deutsche Kriegskindergeneration sei eine "verschwiegene,
unentdeckte Welt". Er erklärt dies damit, daß
die Wissenschaftler selbst dieser Generation angehörten.
Wegen der eigenen Nähe zum Tätervolk sei ihre Scham
so groß gewesen, daß sie sich nur berechtigt glaubten,
über die Opfer zu forschen: die Überlebenden des Holocaust
und die anderen verfolgten Gruppen. Eine ziemlich späte Einsicht.
Aber immerhin eine Einsicht. Leider wieder zu kurz gesprungen.
Nach Eingeständnis des 'riesigen Versäumnisses' hätte
Richter sich die ominöse Scham doch einmal genauer ansehen
müssen. Tut er aber nicht. Fast klingt es bei ihm so, als
halte er sie für eine Art Adelsprädikat. Jeder dieser
Schamhaften ein Moralheld. Offensichtlich handelt es sich aber
doch um eine irrationale, realitätsverkennende, pathologische
Scham. Um eine Scham, der man sich schämen muß. Ist
sie doch nicht zuletzt durch die oben beschriebene Strafangst
in die deutsche Individual- und Kollektivseele einbetoniert. Sich
selbst zum Sündenbock machen zu lassen ist genauso unmoralisch
wie andere zum Sündenbock zu machen. Und vor allem: Die hochmoralische
Scham hat einen unmoralischen Schönheitsfehler: Sie wird
gepflegt auf Kosten vieler Tausender unschuldiger Menschen. Der
deutschen Kriegsgeborenen. Sie ignoriert deren lebenslanges Leid.
Sie traumatisiert sie ein zweites Mal. Es handelt sich nur zur
Hälfte um eine altruistische Scham; zur anderen Hälfte
um eine egoistische, um eine, die dem eigenen Wohlgefühl
dient, sich auf der richtigen Seite, auf Seite der (Selbst-) Gerechten,
sprich: der Herrschenden zu befinden. Eine wirklich moralische
Scham ist unteilbar. Richters Scham entspricht nicht einer rationalen
sondern einer irrationalen Moral. Ein von ihm selbst geprägter
Begriff. Mitgefühl für die Naziopfer ist nur allzu angebracht;
warum sollte unschuldigen Opfern alliierter Verbrechen Mitgefühl
verweigert werden? - Der klare Blick und die Zivilcourage eines
Georg Bell wären gefragt gewesen. Das fällige Stichwort:
Deutsch-alliierter Schuld-/Unschuldwahn. Dementsprechend hat Richter
1992 noch immer nicht begriffen, daß es sich bei den deutschen
Kriegsgeborenen nicht um Täter, sondern ebenfalls um Opfer
handelt. Allerdings nicht um Opfer der Nazis, sondern der Alliierten.
Horribile dictu! Ein schrecklich hartnäckiger Wahn!
Die Frage, warum größtenteils auch die kriegs- und
nachkriegsgeborenen Wissenschaftler sich bis heute nicht daran
gemacht haben, die 'verschwiegene, unentdeckte Welt' zu erforschen,
ist ebenso wichtig wie leicht zu beantworten. Im eigentlichen
Sinne haben Schuld an den deutschen Kriegsverbrechen und insbesondere
am Holocaust ausschließlich die dafür verantwortlichen
Köpfe, Organisatoren und Handlanger; Mitschuld trifft die
übrigen deutschen Erwachsenen der Tätergeneration, auch
wenn sie weder an den Verbrechen beteiligt waren, noch von ihnen
gewußt haben. Unschuldig dagegen sind die bis Kriegsende
etwa 16-jährigen Kinder. Bekanntlich hat diese unverzichtbare
Differenzierung nie wirklich stattgefunden. Im eigentlichen Sinne
Schuldige, Mitschuldige sowie die unschuldigen Kriegskinder -
und sogar noch die Nachkriegsgeborenen - sind in einen Topf geschmissen
worden. Eine weitere Leistung des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns.
Kaum die relativ wenigen Täter, vor allem das große
Heer der Mittäter hat auf brachialen Druck der Alliierten
die Alleinschuld so gründlich verinnerlicht, daß sie
diesen Wahn fast zwangsläufig als eigene Wahrheit an die
Nachfolgegenerationen der Kriegs- und Nachkriegsgeborenen weitervererbt
hat. War der Tätergeneration der Wahn per Galgen und Propaganda
eingehämmert worden, so übernahmen ihn die Kriegs- und
Nachkriegsgeborenen von ihren Eltern als Glaubensdogma. Ohne jede
Ahnung, wie es zustande gekommen ist. Ohne jede Chance, es zu
hinterfragen. Da trauma- und tabugeschützt. Man kann von
einer bis heute nicht aufgelösten intergenerationalen Traumatisierung
sprechen. Bezeichnenderweise haben Historiker - drei Historikerinnen,
um genau zu sein - erst in allerjüngster Zeit bemerkt, daß
ihrer Zunft über die unmittelbare deutsche Nachkriegszeit
so gut wie nichts bekannt ist. Verdienstvollerweise haben Ute
Frevert und vor allem Gesine Schwan und Aleida Assmann es unternommen,
einiges Licht in das Dunkel des verdrängten bundesrepublikanischen
Urtraumas zu bringen. (Leider haben sie das Nürnberger Tribunal
nur am Rande erwähnt. Und Landsberg und die Nürnberger
Nachfolgeverfahren überhaupt nicht.) Wie nicht anders zu
erwarten, haben ihre Untersuchungsergebnisse viel zu wenig Resonanz
gefunden. Aus diesen Gründen wähnen noch die jüngsten
Wissenschaftler sich in bester deutscher Tradition, wenn sie ausschließlich
über Holocaustopfer und andere Verfolgte des Nazi-Regimes
forschen, nicht aber über die Opfer eines angloamerikanischen
Kriegsverbrechens - das Moral bombing.
Was für die Wissenschaftler gilt, gilt entsprechend für
die meisten anderen Deutschen. Auch ihnen ist von der Tätergeneration
über den Mechanismus der intergenerationalen Traumatisierung
der Schuld-/Unschuldkomplex bis weit in die Nachkriegsjahrgänge
hinein vererbt worden. Auf dieselbe Weise auch die Ressentimentbereitschaft.
Als mitbedingende Folge alliierter Rache wie des Kalten Krieges.
Sie erklären mit den bedrohlich anschwellenden Rechtsextremismus,
das öffentliche Tabu, über alliierte Kriegsverbrechen
zu sprechen wie auch die Diskussionen der letzten Jahre –
etwa zum Walser-Bubis-Streit, zu den Goldhagen-Thesen. Von Ausländern
vielfach mit ungläubigem Kopfschütteln verfolgt. Der
Schuld-/Unschuldwahn beginnt, sich aufzulösen. Ausgestanden
ist er noch lange nicht.
Was bedeutet dies alles nun für mein persönliches Schicksal?
Peter Heinl, einer der ganz wenigen Seelenärzte, die sich
mit den deutschen Kriegsgeborenen beschäftigen, spricht vom
"doppelten Leid" dieser Gruppe. In aller Regel würden
die Ursachen und Auswirkungen der Symptome kriegsbedingter Traumata
unerkannt bleiben. So würde dem ursprünglichen Trauma
das "Leid diskriminierender Abwertung hinzugefügt."
Den Betroffenen würde gesellschaftliches Versagen als persönliches
angelastet. Würde diese Zuschreibung übernommen, entstehe
ein "Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist."
Besser läßt meine Biographie sich nicht umschreiben.
Nur in einem Punkt ist sie atypisch. Ich habe den "Teufelskreis"
durchbrochen. Allerdings sehr spät. Zu spät.
Ich habe versprochen, hier nicht mein ganzes Leben auszubreiten.
Ich halte mich daran. Daher nur Stichworte, die zeigen sollen,
wie die geschilderten Anfänge meines Lebens einerseits und
der schmachvolle, gesellschaftliche Umgang mit deren Folgen andererseits
sich zum Teufelkreis schlossen. - Schwere Pubertätskrise.
1962 Abgang vom Gymnasium. Ohne Mittlere Reife. Beginn einer qualvollen
Bauzeichnerlehre. Ein Jahr später - 1963, ich bin neunzehn
Jahre alt - schwere Erkrankung. Diagnose: Lupus erythemathodes
visceralis mit Herz-, Leber- und Nierenbeteiligung. Heute für
mich zweifellos eine psychosomatische Krankheit mit Ursachen in
prä- und perinataler Zeit. Ausgelöst durch die Traumatisierung
während der Pubertät. Ich war ungerechterweise nicht
versetzt worden. Hatte im Geschichtsunterricht die faschistische
Sicht meines Vaters zum Dritten Reich vertreten. Ein Schulskandal!
Der antifaschistische Lehrer sorgte für meine Entfernung.
Im Streit zwischen deutschem Unschuld- und deutschem Schuldwahn
bleibe ich auf der Strecke. Anschließend nirgendwo mehr
eine Heimat. Weder im Elternhaus noch in der Gesellschaft. Kurzzeitig
im Ruderverein. Bis zur Erkrankung. Prognose: die autoaggressive
Immunerkrankung führt innerhalb der nächsten fünf
Jahre zum Tod. Aus dem Schulkonflikt gehe ich später als
strammer Antifaschist hervor. Nach einjährigem Krankenhausaufenthalt
lasse ich die Lehre sausen und hole in drei Jahren auf dem Abendgymnasium
das Abitur nach. (Übrigens war ich ein guter Abendschüler.)
Zur allgemeinen Überraschung lebe ich sechs Jahre nach Krankheitsbeginn
immer noch. Mit einer Frau bekomme ich ein Kind und heirate sie.
Komme aber meinen Pflichten als Ehemann und Vater nicht nach.
Die Ehe wird geschieden. (Darauf komme ich zurück.) Die große
Liebe mit einer anderen Frau zerbricht. 1970, mit Beginn meines
Studiums in Freiburg, keine LE-Zellen mehr nachweisbar. Ein medizinisches
Wunder. Abgesehen von einem unbedeutenden Leberbefund (ausgerechnet
durch eine Blutübertragung) bin ich körperlich gesund.
Exakt mit Realisierung dieser an sich nicht unerfreulichen Tatsache
erstmals schwere Depressionen.
1971 dreimonatige Behandlung in einer psychosomatischen Klinik.
Erste, unzureichende Einsichten in die Ursachen von Depression
und körperlicher Erkrankung. Anschließend drei Jahre
Therapiegruppe. Scheitert. Grund: Vehement hatte ich darauf bestanden,
das Darmstädter Bombeninferno als Ursache meiner körperlich-seelischen
Erkrankung in die Therapie einzubeziehen. Die Gruppe, einschließlich
Therapeutin, beharrt darauf, meine Seele, nicht der Krieg sei
Gegenstand der Therapie. Immerhin hatte die Therapie mir eine
neue Liebe beschert. Der insbesondere sexuell beglückenden
Liebe, einem Soziologie- und psychoanalytischem Literaturstudium
an der Uni sowie politischem Engagement im linken SHB verdanke
ich seelischen Aufschwung. Intensive Auseinandersetzung mit dem
Nationalsozialismus. Definiere mich als Antifaschist. Wenig später
erneuter Abschwung. Die Liebe zerbricht. Mit der Beziehung zu
einer anderen Frau gerate ich in ein fünfjähriges Desaster.
Bin unfähig, Nein zu sagen. Völlig mit ruinösem
Ja-Sagen beschäftigt, ist an Studieren nicht zu denken. 1977
Beginn einer dreijährigen Einzeltherapie. Gegen heftige innere
Widerstände. Diesmal aber Glück mit dem Therapeuten.
Liebe auf den ersten Blick. Das therapeutische Liebesverhältnis
macht die Behandlung zum Erfolg. Allerdings: meine Darmstädter
und Wilhelmshavener Anfänge waren kein Thema. Grund: meine
Erfahrungen in der Gruppentherapie. Lerne Nein-Sagen. Von Grund
auf. Als 34-jähriger beginne ich, so etwas wie Ich-Identität
zu entwickeln. Befreie mich aus der folie à deux. Hole
mein Examen im D-Zugtempo nach. 1980.
Es beginnt die Blütezeit meines Lebens. Lehrer an einer
Sprachschule. Eine neue große Liebe. Diesmal mit dem Gefühl,
zum erstenmal wirklich liebesfähig zu sein. Dennoch gehe
ich 1982 ohne Frau, allein, nach Berlin. Grund: der unwiderstehliche
Wunsch, dort den sprachlosen Raum, den ich in der Einzeltherapie
entdeckt hatte, bis auf den Grund zu erforschen. Thema: Urvertrauen
und Sympathie. Mit Hilfe von Sanyasin-Methoden gelingt das. Einige
sehr disziplinierte Jahre nach dem Mönchsmotto: Ora et labora.
Täglich 10 Stunden Unterrichten, 3 Stunden Meditation, 2
Stunden Musikhören. Mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen.
Meine Sexualität ändert sich. Nach monatelangem ‚Vergessen’
völlig neue Qualität sexueller Glückserlebnisse.
1986 albtraumhafte Regression in pränatale Zeit. Eine Woche
später Wiedergeburtserlebnis. Entwicklung einer ansatzweise
echten personalen Identität. Begreife die immense Bedeutung
der pränatalen Zeit für alle Lebensbereiche. Evidenz,
mein Leben liegt in Gottes Hand. Anschließend - 42-jährig
- die Maiblüte meines Lebens. Meine volle Liebes- und Arbeitsfähigkeit.
Allerdings (noch) beschränkt auf privat-beruflichen Bereich.
Gesellschaftliche Implikationen (noch) nicht im Blickfeld. Sportliches
Anknüpfen an Glanzzeiten als Rennruderer.
Dann zwei Paukenschläge. 1988 Rückkehr nach Freiburg.
Meine große Liebe erweist sich als Frau, die eben die Angst
vor der Liebe hat, die meine vorherigen Beziehungen stets scheitern
ließ. Ironie des Schicksals. Die Liebe zerbricht. Diesmal
unter umgekehrtem Vorzeichen. 1989 lukrative Lehrerstelle in Heilbronn.
Fast eine berufliche Karriere. Dann 1990: Erfahre von meinen Eltern,
was sie bis dahin geleugnet hatten. Familienangehörige waren
Holocausttäter. Seelischer Zusammenbruch. Es rächt sich,
daß ich die richtige historisch-gesellschaftliche Spur aus
der Zeit der Gruppentherapie nicht weiter verfolgt hatte. Und
stattdessen versucht hatte, mein Lebens-glück allein durch
Heilung meiner Seele zu erlangen. Eine Woche lang Weinkrämpfe.
Immer wieder steigen Holocaustbilder vor meinen Augen auf. Kann
bis heute nicht ohne Weinkrämpfe über den Holocaust
sprechen. Bewußtwerden, daß ein ungeheures, gesellschaftsbedingtes,
trau-matisches Schuldgefühl mein ganzes Leben überschattet
hat. Anschließend eine weitere Woche Trauer und Zorn über
mein vertanes Leben. Ebenfalls mit Weinkrämpfen. Wagenburgverhalten
meiner Familie, als ich ihr in einem Brief klarzumachen versuche,
was ihr Verschweigen für mein Leben bedeutet hat. Das besiegelt
den seelischen Einbruch. 1992 Reaktivierung der ausgeheilt geglaubten
Nierenerkrankung. Beängstigende Progression. Begegne einer
wundervollen Frau. Die wär’s gewesen. Stattdessen Kampf
gegen den seelischen und körperlichen Knockout. 1994 Schließung
der Schule. Arbeitslosigkeit. 1995 Rückkehr nach Freiburg.
Wegen besserer medizi-nisch-homöopathischer Versorgung, der
Unibibliothek und Militärarchive sowie günstigerer Auf-arbeitungsmöglichkeiten
der Krise.
Anfang 1996 stecke ich in der Aufarbeitung des pubertären
Schultraumas. Ich erzähle einer klugen Frau davon. Sie erzählt
mir einen Traum, den sie vor einigen Jahren hatte. Sie befand
sich allein in einer kleinen Kammer. Da hörte sie jemanden
mit schweren, schleppenden Tritten die Treppe hinaufstapfen. Die
Tür öffnete sich. Und da stand – Hitler. Im abgewetzten
Soldatenmantel, kotigen Stiefeln, müde, einsam, todtraurig.
Komm herein, sagte sie, Ich gebe dir einen Teller Suppe. Aber
danach musst du gehen und darfst nie wiederkommen. Nie.
Anschließend berichte ich ihr von meinem Konflikt zwischen
faschistischem Vater und antifaschistischem Lehrer. Als ich den
Lehrer in den höchsten Tönen lobe, weil er damals mutig
ein Tabu gebrochen, mir die Augen geöffnet und mich auf den
rechten antifaschistischen Weg gebracht hat, unterbricht sie mich:
Du hast offenbar noch immer nicht begriffen, was er dir angetan
hat. Dein toller antifaschistischer Lehrer war ein ziemliches
Arschloch. Es ist wie in einem Comic-Film. Während ich weiter
das Loblied auf meinen Lehrer singe, sehe ich mich, wie ich über
eine Klippe hinaus weiterlaufe und weiterlaufe und weiterlaufe,
unter meinen Füßen nichts als Abgrund. Plötzlich
begreife ich: Arschloch! – und stürze ab. Wie üblich
bei Comic-Helden überlebe ich wohlbehalten. Dieses Erlebnis
läutet die Wende ein. Das pubertäre Schultrauma löst
sich auf. Nach 36 Jahren. Nach einem halben Menschenleben. Mein
bis dahin antifaschistisch umflorter Blick wird frei für
das Erkennen der historisch-gesellschaftlichen Realität der
Bundesrepublik.
Jetzt, 1996, Durchbrechen des Heinl'schen "Teufelskreises".
Nach einer erst jetzt wirklich echten personalen Identität
Entwicklung einer uneingeschränkt echten sozialen Identität.
Recherchiere, lese und schreibe fast rund um die Uhr. Im Wettlauf
gegen den Tod. Mit relativem Erfolg. Nierenerkrankung eingedämmt
auf tolerierbares Maß. Zunehmende Klarheit darüber,
daß mein verkorkstes Leben weniger persönlichem als
vielmehr familiärem und gesellschaftlichem Versagen anzulasten
ist. Entdeckung des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns.
Freiheits- und Gipfelräusche. Bittere Erfahrungen mit Widerständen,
die meine Thesen hervorrufen. Besonders bei linken Freunden. Bekomme
u.a. zu hören, die deutschen Kriegsgeborenen seien zwar unschuldig;
aber ihre Tötung und Traumatisierung müsse als Preis
für den Sieg über Hitler-Deutschland akzeptiert werden.
Fast völlige soziale Isolation. Materielle Armut. 1999 Beendigung
meines autobiographischen Romans. Wegen formaler Mängel zu
Recht keine Veröffentlichung. Wäre aber wohl auch sonst
nicht veröffentlicht worden. Zu viele heilige Kühe wurden
geschlachtet. 2000 guter Artikel von mehreren Zeitungen aus politischen
Gründen abgewiesen. Im selben Jahr Schmerzen, die mich zu
einem Leben im Sessel zwingen. Schreibe noch einige Kapitel eines
neuen Romans. Hoffe, die alten Fehler zu vermeiden, dem richtigen
Inhalt die richtige Form zu geben. 2001 endlich meine innere Stimme,
alleiniger Ratgeber seit vielen Jahren: Nun ist es genug! Es war
nicht immer so. Diesmal stimme ich mit frohem Herzen zu.
Wie wäre mein Leben ohne das Schultrauma, wodurch prä-
und perinatale Traumata aktiviert wurden, und ohne LE-Erkrankung
- als Folge beider traumatisierenden Situationen - wahrscheinlich
verlaufen? Vermutlich hätte ich ein unauffälliges, ‚normales’
Leben geführt wie viele andere. Ich hätte eine erfolgreiche
Ruderkarriere fortgesetzt, hätte Abitur gemacht, studiert,
wäre in den Schuldienst gegangen, hätte geheiratet,
Kinder bekommen. Ich wäre ein passabler Lehrer geworden,
aber kein guter Vater und Ehemann. Die Ehe wäre gescheitert.
Vielleicht eine zweite, eine dritte Ehe. Als Lehrer und Bürger
hätte ich gut funktioniert. Niemand – ich eingeschlossen
– hätte geahnt, was in meinem Unbewussten eingemauert
schlummert. Jeder – ich eingeschlossen – hätte
mein Leben als insgesamt erfolgreich empfunden. Beziehungsidiotie
wäre mir nicht als solche aufgefallen. Ewiges Scheitern in
Liebesdingen hätte ich als zwar bedauerliches, aber schicksalsbedingtes
persönliches Pech verstanden. Echte emotionale Nähe,
Intimität wäre eben nicht mein Ding gewesen. Da muß
man durch. An Veränderungsmöglichkeiten, etwa durch
Psychotherapie, hätte ich nicht geglaubt. Ich hätte
mich nicht darauf eingelassen. Berufliche und andere Erfolge hätten
mir ermöglicht, ein undefinierbares Unbehagen unbeachtet
zu lassen. Es hätte hinterrücks zu irgendeiner Art von
Sucht geführt. Vermutlich weniger zu stofflichen Drogen (etwa
Alkohol) als zu nichtstofflichen. Ich hätte mich als Workoholic
gesehen. Paradoxerweise hätte die Sucht zu Erfolgen und sozialer
Anerkennung beigetragen. Beiseiteschieben des Unbehagens –
Sucht – Erfolg und Anerkennung hätten sich zum Teufelskreis
geschlossen. Bis innere Einsamkeit und altersbedingter Kräfteabbau
mich mehr und mehr zu der Erkenntnis gezwungen hätten, irgendetwas
sei nicht in Ordnung. Etwas stimme nicht. Alles wäre mir
schwerer gefallen. Als würde jemand meinen Lebensschwung
bremsen. Mit zunehmend durchgedrücktem Bremspedal. Erfolge
jeglicher Art wären mir immer schwerer gefallen, wären
endlich ganz ausgeblieben. Schließlich hätte ich keine
Kraft mehr gehabt, die Verdrängung aufrechtzuerhalten. Die
frühkindlichen Traumatisierungen wären durchgebrochen.
Schwere Lebenskrise mit Psychose - oder psychosenahen Schüben.
Überwindbar vielleicht nur durch längere stationäre
psychiatrische Behandlung und Frühpensionierung. (Wäre
die Altersgrenze noch nicht erreicht gewesen.) - Ich meine also,
die prä- und perinatalen sowie frühkindlich-familiären
Verletzungen hätten sich im Laufe meines Lebens nicht in
Luft aufgelöst. So oder so - irgendwann hätten sie mich
eingeholt. Nur wäre in späteren Jahren der Durchbruch
vermutlich weniger dramatisch verlaufen. Vielleicht nur auf seelischer,
nicht auf körperlicher Ebene. Immerhin wäre das ein
gewaltiger Vorteil gewesen.
Und was wäre schließlich gewesen, wenn aufgeklärte
Lehrer, Ärzte und Eltern bereits in Kindertagen meine Auffälligkeiten,
insbesondere Beziehungsprobleme richtig gedeutet hätten und
entsprechend darauf eingegangen wären? Daran denke ich lieber
erst gar nicht. – Ich fürchte, vielen Tausenden meiner
kriegsgeborenen Schicksalsgenossen, die bis heute trotz privater
Misere und bei (leidlicher) körperlicher Gesundheit gesellschaftlich
gut funktionieren, wird eine ähnliche psychosoziale Krise,
wie gerade beschrieben, noch bevorstehen. Vermutlich zwischen
ihrem 60ten und 66ten Lebensjahr. Also ab etwa 2003. Hoffentlich
geraten sie wenigstens dann an die richtigen Ärzte und verständige
Menschen. Groß ist ihre Chance nicht. Die deutsche Krankheit.
- Und wie viele Schicksalsgenossen sind vor mir zugrundegegangen?
Ohne daß sie selbst oder andere irgendetwas über die
Gründe in Erfahrung gebracht hätten?
Bis hierher könnte der Eindruck entstanden sein, mein Leben
sei ein einziges Unglück gewesen. Dem ist nicht so. Im Gegenteil.
Ebenso überreichlich wie mit Unglück hat das Leben mich
mit Glück bedacht. - Bis zu meiner Erkrankung 1967 war ich
drei Jahre lang Rennruderer. Eine große Zeit. Nur Wenigen
vergönnt. Mit manchem Gipfelglück. Nicht allein durch
Errudern einer deutschen Jugendmeisterschaft in der Königsklasse,
im Achter. Er blieb die drei Jahre ungeschlagen. - Während
der einjährigen Krankenhauszeit - nach Absturz vom erfolgreichen
Hochleistungssportler zum Siechen mit einer Lebenserwartung von
fünf Jahren - lernte ich Fjodor Michailowitsch Dostojeweskij
kennen. Ein nicht zu überschätzender Glücksfall.
Das Vertiefen in seine wahrhaft humane Welt hat nicht nur zu meinem
Überleben beigetragen. Es ist mir bis heute eine nie versiegende
Quelle von Trost, Erkenntnis und Glück. - Für die Zeit
nach dem Wiedergeburtserlebnis - 1986 bis 1990 - würde ich
meine restlichen Lebensjahre geben. Sie beinhaltet - wie ich glaube
- das größtmögliche Menschenglück: Ein Leben
in Dankbarkeit, Ehrfurcht, Vertrauen und überquellender Liebe
der gesamten Schöpfung gegenüber. Kurz: Ein Leben aus
unserem religiösen Ursprung. Solche Erfahrung ihrer Gläubigen
würde jahrtausendealte religiöse Machtinstitutionen
- insbesondere die Katholische Kirche - zum sofortigen Einsturz
bringen. Kollegen fragten mich: Weißt du eigentlich, daß
deine Schüler dich lieben? Allein diese vier Jahre geben
mir das Gefühl, für alles Unglück im Übermaß
entschädigt zu sein. - Nach Verschütten dieser Quelle
- 1990 - bis auf den heutigen Tag immer wieder tiefe Glückserlebnisse
nach hart erkämpften neuen Einsichten. (etwa nach Entdecken
des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns). Das Glück
der Bergsteiger, nach widrigen Wetterverhältnissen in der
Wand den Gipfel erreicht zu haben. Allein. In klarer, frischer
Luft. Unter wolkenlosem, azurblauen Himmel. Bei strahlender Morgensonne.
Schließlich - und nicht zuletzt - bin ich reichlich mit
Glück jeder Art von Frauen beschenkt worden. Eine von ihnen
gestand mir nach langer beidseitiger Lehrzeit in Sachen Liebe,
nie habe sie sich von einem Mann so geliebt gefühlt wie von
mir. Gibt es im Leben eines Mannes Beglückenderes?
Natürlich war alles Glück stets ein nur zeitweiliges,
allzu kurzes Glück. Und immer überschattet vom großen
deutschen Unglück. Ihm mußte das bißchen persönliche
Glück immer wieder und immer wieder vergeblich abgetrotzt
werden. Im allgemeinen Unglück gibt es kein wirkliches, dauerhaftes
privates Glück.
Weiterhin könnte der Eindruck entstanden sein, ich sei größtenteils
von tumben, verständnis- und herzlosen Menschen umzingelt
gewesen. Erneut. Dem ist nicht so. Im Gegenteil. Ich hatte das
große Glück, vielen wundervollen Menschen zu begegnen.
Es ist unmöglich, mich bei allen zu bedanken. Um niemandem
das Gefühl zu geben, er oder sie sei vergessen oder übergangen
worden, sage ich hier lediglich: Gewiss gehören alle hier
Versammelten dazu. Danke Euch allen!
Zwei allerdings möchte ich zum Schluß persönlich
ansprechen - meine geschiedene Frau Marion und meine Tochter Lena.
Ich habe euch beiden großes Leid und Unrecht zugefügt.
Liebe Marion, nie bin ich einem Menschen mit einem größeren
Herzen begegnet. Ich war nicht imstande, Deine Liebe zu erwidern.
Bitte, verzeih mir! Und auch du, liebe Lena, bitte, verzeih mir.
Ich war Dir ein schlechter Vater, um nicht zu sagen: überhaupt
keiner. Mir ist bewußt, wie schwer diese Sünde in einem
Menschenleben wiegt. Wenn vor allem du mir nicht verzeihen könntest,
wäre es besser für mich gewesen, nicht geboren zu sein.
Mein Leben liegt in Deinen Händen. Mir bleibt nur, Euch beiden,
vor allem Dir, liebe Lena, für die Zukunft das denkbar Beste
zu wünschen. Ich liebe euch. Trotz allem.
Die vielleicht ungeduldig oder gar ärgerlich Gewordenen
mache ich darauf aufmerksam, das war nicht mein ausgebreitetes
Leben, sondern mein Leben in Stichworten. Zudem habe ich nur solche
Stichworte angeführt, die ich für das Aufzeigen eines
gewissermaßen repräsentativen Scheiterns für wichtig
halte.
*
Ich überlasse meine Ausführungen eurem Urteil. Sollte
die eine oder der andere der hier Versammelten zu dem Ergebnis
kommen, daß dieses oder jene nicht ganz falsch sei, dann
wünsche ich mir: Sie bzw. er möge meine für richtig
befundenen Gedanken aufgreifen und dazu beitragen, den Grundstein
zu legen für eine neue, bessere bundesrepublikanische Tradition.
Es kann nicht unsere Aufgabe sein, den bis heute virulenten Unschuldwahn
der ehemaligen Alliierten zu kurieren; sollen sie ihn doch hegen
und pflegen und glücklich damit werden. Allerdings halte
ich es für unsere Aufgabe, dem deutschen Schuld-/Unschuldwahn
wie auch der deutschen Ressentimentbereitschaft so weit wie möglich
den Garaus zu machen. Vor allem in Hinsicht auf kommende Generationen.
Das können wir. Das liegt in unserer Macht.
Diese Übel vollständig ausrotten zu wollen halte ich
für unrealistisch. Sogar für nicht wünschenswert!
Sie sind wohl Bestandteil menschlicher Natur. Jeder Einzelne wie
soziale Gemeinschaften insgesamt müssen mit ihnen leben wie
mit bestimmten Krankheitserregern. In kleiner Zahl schaden sie
nicht. Im Gegenteil. Sie stärken unsere Abwehrkräfte.
Nur bei Überhandnehmen werden sie gefährlich. Möglicherweise
sogar tödlich.
Voraussetzungen, Schuld-/Unschuldwahn und Ressentiment in uns
selbst wie in der Gesellschaft in einem gesundheitsförderlichen
Maß zu halten, sind lediglich ein angstfreier Blick für
die Wahrheit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Kurz: nicht wie
bisher eine falsche, sondern eine echte personale wie soziale
Identität. Natürlich bin auch ich nur ein Kind meiner
Zeit. In meiner beschränkten, von der 68er-Revolte mitgeprägten
Sichtweise, könnte das nur auf der Grundlage eines human-demokratischen
Sozialismus gelingen.
Ein weiterer schuldhafter Fehler der 68er-Generation - also auch
meiner – war, der Entwicklung gesellschaftlicher Identität
(Sozialistische Gesellschaft) den Vorrang vor der der personalen
gegeben zu haben. Zunächst zumindest. In ihrer, wie man sagen
könnte, ödipalen Phase. Später – etwa ab
1972 – gaben viele von ihr – auch ich - zwar der personalen
Identität den Vorrang, jedoch meist verkürzt auf das
psychoanalytische Verständnis von ihr. Zudem nun umgekehrt
ohne Bezug zur Gesellschaft. Allenfalls beschränkt auf Familie
und In-group. Man könnte von einer narzisstischen Phase sprechen.
Aus meiner Sicht müsste die personale Identität jetzt
um eine nicht konfessionelle sondern wahrhaft religiöse Dimension
ergänzt werden. (Stichworte: Durchbruch zu einem nicht sozial
erworbenen ‚Urvertrauen’ – das ist bei genauerem
Hinsehen meist ein Vertragsverhältnis, dem Misstrauen zugrunde
liegt - sondern zum wirklichen, eingeborenen Urvertrauen und damit
zu dessen Zwillingsschwester: zur eingeborenen Sympathie. Dostojewskijs
‚tschutkost’. Unser religiöser Ursprung.) Ohne
die Gnade göttlicher Liebe ist alles Menschenwerk auf Sand
gebaut. Nicht zuletzt Weltanschauungen und wissenschaftliche Werke
auf rein rationalistischer und materialistischer Basis. Etwa die
von Freud und Marx. Ebenso die verschiedenen Gesellschaftsformen.
Zu dieser Überzeugung haben mich persönliche Erfahrung,
Nachdenken und Zeugnisse anderer gebracht.
Übrigens fielen bei Einbeziehen der religiösen Dimension
im genannten Sinne beide Identitäten in eins. Sie würden
unmittelbar als zwei Seiten derselben Münze erfahren. Die
Frage, ob eher einer gesellschaftlichen oder eher einer persönlichen
Orientierung der Vorzug gegeben werden soll, erwiese sich als
überflüssig. Jeder Zweifel entfiele, daß der Mensch
als Person ein im umfassenden Sinne soziales Lebewesen in der
Hand Gottes ist. Es wäre evident. Entsprechend müsste
in einem human-demokratischen Sozialismus der Entwicklung einer
wahren personalen Identität dieselbe große Bedeutung
zukommen wie der einer wahren sozialen Identität. Das alte
Erkenne dich selbst! - wäre dann immer zugleich ein Erkennen
des Mitmenschen, des sozialen Zusammenlebens und der Schöpfungsordnung.
Jede Erkenntnis in einem Bereich würde unmittelbar in die
übrigen Bereiche zurückwirken. Und die darin neugewonnenen
Erkenntnisse würden ihrerseits zu neuen Erkenntnissen in
den anderen Bereichen führen. Und immer so fort. Es wäre
ein dynamisches, vernetztes Erkennen. Nicht länger das lineare,
fachidiotische Erkennen. Dieses Erkennen ist zu verstehen als
ein Kind des europäischen Individualismus mit seinem innewohnenden
Macht-/Ohnmachtwahn. (Richter) Ein janusköpfiges Kind, dessen
furchterregendes Gesicht immer deutlicher zum Vorschein kommt.
Das Sich-selbst- und die Welt-Sehen in der egozentrischen Ich-Perspektive
unterliegt allzu oft dem verhängnisvollen dualistischen Schwarz-Weiß-Denken.
Genauso wie die der Manipulation dienenden Wir-Perspektive.
Wie etwa in vielen Betrieben. Bei hierarchischen Oben-Unten-Strukturen
versuchen sie ein Wir-Gefühl im Sinne einer gleichberechtigten
Familiengemeinschaft herbeizumanipulieren. Oft ist damit die Absicht
verbunden, Konkurrenz als Feind erscheinen zu lassen, den zu bekämpfen
jedes Mittel recht ist. Nicht zuletzt das der Selbstausbeutung
der Unteren. Ähnliches ist zu beobachten in faschistischen
‚Volksgemeinschaften’ und autoritär-kommunistischen
‚Arbeiter-und-Bauern-Staaten’. Ebenfalls aber auch
in vom Verfassungsanspruch mehr oder weniger abweichenden demokratischen
Gesellschaften. Wie etwa in der Bundesrepublik. Sie laboriert
heute mehr denn je am widersprüchlichen Zugleich von demokratischen
und autoritären Strukturen. Demokratie herrscht mehr oder
weniger in Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, in Schule, Universität
und Freizeitbereichen; mehr oder weniger autoritär geht es
zu im Arbeits- und Wirtschaftsbereich sowie – in erschreckend
zunehmendem Maße – in den großen politischen
Volksparteien. Zu recht sprechen einige von unserer Republik als
Parteienstaat. Das steht im Widerspruch zu ihrem Verfassungsauftrag.
Den sogenannten demokratischen Gesellschaften – die Bundesrepublik
eingeschlossen – muß allerdings ein nicht zu unterschätzendes
Potential an Selbstheilungskräften zugestanden werden. Die
korrigierenden, auf Einhaltung demokratischer Verhältnisse
drängenden Kräfte agieren in der Regel in der solidarischen
Wir-Perspektive. Es ist ein differenziertes Denken, das stets
die solidarische Perspektive anderer respektiert und berücksichtigt.
Wie auch andere in Frage stehende Gesichtspunkte. Wie etwa Umwelt
und Finanzen. Es ist ein von Toleranz und Kompromissbereitschaft
getragenes Denken. Gegen Machtmissbrauch und die unsolidarische
Ich-/Wir-Perspektive anderer setzt es sich zur Wehr. Nie ist es
in Gefahr, sich durch Manipulation und grobe Vereinfachung komplexer
Zusammenhänge ein irrationales Feindbild zu schaffen. Die
solidarische Wir-Perspektive habe viele Frauen, insbesondere Mütter,
uns Männern voraus. Wir sollten von ihnen lernen! Richtiges
Erkennen eines Sachverhalts ist weniger eine Frage angeborener
Intelligenz als vielmehr der Perspektive. Das vor allem erklärt
die sonst unverständliche Tatsache, daß nicht gerade
selten hochintelligente und hochgebildete Menschen an bestimmten
Punkten ausgesprochen dumm sind. Und umgekehrt weniger intelligente
und gebildete Menschen ausgesprochen klug. Entsprechend wüsste
jeder solidarische Wir-Perspektivler sich in allen wichtigen Lebensbereichen
kompetent. Die Standardausrede von Menschen ohne Courage, man
könne in diesem oder jenem wichtigen Lebensbereich nicht
mitreden, da man nicht die entsprechende Fachkompetenz habe, entfiele.
Umgekehrt ließe kein solidarisch-couragierter Mensch sich
damit abfertigen, wegen mangelnden Expertenwissens solle er gefälligst
den Mund halten. Das Denken in der solidarischen Wir-Perspektive
ist unauflöslich verknüpft mit Herzensweisheit und gesundem
Selbstbewusstsein. Kommt Zivilcourage hinzu, macht es Widerstand
gegen Ungerechtigkeiten und falsche Entscheidungen anderer zur
Selbstverständlichkeit. Gerade auch gegen die der Herrschenden.
Diese Art Widerstand ist das Gegenteil sowohl von ressentimentgeladener
Aufmüpfigkeit als auch todessüchtigen Terrors linker,
rechter oder pseudoreligiöser Provenienz. Er ist ein Kernelement
jeder wirklich demokratischen Gemeinschaft. Von der Familie über
Schule und Beruf bis hin zur eigenen Gesellschaft und zur internationalen
Völkerfamilie. Ich wünsche mir, daß bei uns und
überall in der Welt die solidarische Wir-Perspektive die
Vorherrschaft über die unsolidarische Ich-/Wir-Perspektive
erringt.
Was ich meine, lässt sich an einem bisher einzigartigen
Beispiel erläutern. An Wyhl. Wenige Kilometer von Freiburg
entfernt. Ein basisdemokratisches Glanzlicht. Ich kann als Beteiligter
darüber berichten. Ich war als studentisches SHB-Mitglied
dabei. Ein Höhepunkt meiner damaligen, nicht immer erbaulichen
politischen Erfahrungen. Das konkrete Beispiel zeigt, daß
das, was ich meine, durchaus keine Utopie ist. - 1975 hielten
Politiker und Wirtschaftsexperten es für unbedingt notwendig,
in Wyhl ein neues gigantisches Atomkraftwerk zu errichten und
in der Oberrhein-Region ein zweites Ruhrgebiet entstehen zu lassen.
Das wurde von der Bevölkerung verhindert. Trotz brutaler
Polizeieinsätze und demagogischer Diffamierungen der Politiker.
Und zwar ohne Unterstützung durch eine Partei oder sonstige
Organisationen. Ohne hierarchische Strukturen. Es gelang auf der
Basis solidarischer Gleichberechtigung und gewaltfreien Widerstands.
Fast ein kleines Wunder. Grenzüberschreitend formierte sich
erfolgreicher Widerstand auch in der Schweiz (gegen das AKW Kaiseraugst)
und in Frankreich (gegen das Bleichchemiewerk in Marckolsheim
und das AKW in Gerstheim). Eine Welle von Bürgerinitiativen
aus anderen Anlässen und mit anderen Zielen folgte. In Wyhl
hatte sich ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Bauern,
Fischer, Müller, Studenten, Professoren, Brauchtumpflegern
und Dorfhonorationen zusammengefunden. Was sie bei allen Gegensätzen
einte, war die klare und richtige Einsicht: Wir lassen uns und
unsere Region vom sogenannten ‚Fortschritt’ nicht
kaputt machen! Es fand nicht nur eine überregionale Vernetzung
der vielen Bürgerinitiativen statt; sie vollzog sich auch
in den Köpfen und Herzen eines jeden Einzelnen. Die zentrale
richtige Einsicht wirkte wechselseitig auf alle Lebensbereiche.
Von persönlicher Gesundheit und Familie über das Finanziell-Materielle
bis hin zu Umwelt und sozialem Zusammenleben. Für einen winzigen
geschichtlichen Augenblick gab es im Einzelnen wie in einem kleinen
Kollektiv eine vollständige Identität. Und viele werden
es ebenso wie ich empfunden haben: Es wehte ein wahrhaft religiöser
Geist. Warum sollte sich das nicht wiederholen? Im Großen
und auf Dauer? Oft hat Großes sich im Kleinen angekündigt.
- Der Kassandra-Chor einseitig auf politisch-wirtschaftlichen
Vorteil bedachter Experten und Politiker in Deutschland, Frankreich
und der Schweiz stimmte prompt ein düsteres Zukunftslied
an: Jetzt geht im Dreyeckland das Licht aus! Nicht nur ist das
Licht nicht ausgegangen, das Dreyeckland blüht wirtschaftlich
bei Erhalt seiner wunderschönen Landschaft und Identität.
Und nicht zuletzt: Heute ist der Ausstieg aus der Atomindustrie
beschlossene Sache. Ökölogische Rücksichtnahme
ist fast eine Selbstverständlichkeit. - Verläßt
die Bevölkerung sich auf die Weisheit von meist auf Macht,
Geld und technische Machbarkeit fixierte Experten und Politiker,
ist sie meist verlassen. In wichtigen Fragen zentraler Lebensbereiche
müssen Bürger die Fachleute aus Politik, Wirtschaft
und Technik immer wieder mit Zivilcourage, Selbstbewusstsein und
besserer, da umfassend-vernetzter Einsicht (solidarische Wir-Perspektive)
zwingen, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen und notfalls zu
korrigieren. Sind politische und gesellschaftliche Institutionen
in Gefahr zu versagen – meist auf Grund der Macht- und Machbarkeitsfalle
- , ist Recht und Pflicht zum Widerstand auf Seiten des Einzelnen
und kleiner Gruppen. Wyhl hat gezeigt, wie segensreich das sein
kann. Ich wünsche mir noch viele Wyhls. Aber das ist mein
Zukunftstraum. Vielleicht fällt euch ein besserer ein.
Eine letzte Anmerkung. Ich begrüße die europäische
Vereinigung. So sind wenigstens in Zukunft Bruderkriege ausgeschlossen.
Die kurzzeitige Sorge unserer europäischen Nachbarn, nach
der Wiedervereinigung könne Deutschland erneut einem teutonischen
Machtdelirium verfallen, hat sich als unbegründet erwiesen.
Die Bundesrepublik ist fest in die Europäische Union eingebunden.
Aber täuschen wir uns nicht. Alle in sie integrierten Länder
schleppen nach wie vor ein unheilvolles gesamteuropäisches
Erbe mit sich: den Macht-Ohnmachtwahn (Richters „Gotteskomplex“).
Von hierher lassen sich nicht nur die beiden Weltkriege verstehen.
Man denke auch an die leidvolle Kolonialgeschichte. Viele außereuropäische
Völker sind ausgerottet, andere in unsagbares Elend gestürzt
worden. An den Folgen der ungesühnten Verbrechen leiden ihre
Opfer in aller Welt bis heute. Ist es richtig, daß von seiner
Vergangenheit eingeholt wird, wer sich ihr nicht stellt –
was ist dann von Spanien, Portugal, Belgien, Holland, Frankreich
und England künftig zu erwarten? Von einer ernsthaften Aufarbeitung
ihrer jeweiligen Kolonialgeschichte kann wahrlich keine Rede sein.
(Von einer des Moral bombing der Engländer ganz zu schweigen.
Die haben noch 1992 einem der beiden Hauptschuldigen ein Denkmal
gesetzt: Sir Arthur Harris. Gegen heftigen Widerstand in England
und Deutschland.) Ist nicht zu befürchten, daß das
traditionelle Machtprinzip mit der Vereinigung der europäischen
Länder nicht verschwindet? Daß es sich im Gegenteil
potenzieren könnte?
In ihrem jetzigen Zustand jedenfalls scheinen mir in der Europäischen
Union wirtschaftlich-militärische Interessen den Vorrang
zu haben. Die Funktionseliten in den europäischen Gremien
betreiben die entsprechenden Geschäfte weitgehend fernab
demokratischer Entscheidungsprozesse. Mit dem Euro ist eine gemeinsame
Währung eingeführt worden. Das mag die Wirtschaftskraft
im globalen Wettbewerb stärken. Aber es fehlt eine politisch-kulturelle
Identität. Eine gemeinsame Lebensform auf human-demokratischer
Grundlage. Ohne sie wird das europäische Projekt von den
Bürgern weiterhin kaum akzeptiert werden. Der Macht muß
ein verbindender Geist hinzugefügt werden. Noch scheint mir
das traditionelle Machtprinzip zu herrschen. Nicht das Solidaritätsprinzip.
Wie dem auch sei. Ich meine, wir Deutsche haben mit unserer nazibelasteten
und von vielen redlich aufgearbeiteten Vergangenheit die Chance
wie auch eine besondere Verpflichtung, dem Solidaritätsprinzip
zum Durchbruch zu verhelfen. In Deutschland ebenso wie in Europa.
Und schließlich in allen Ländern der Erde.
Ich wünsche mir für die Zukunft einen deutschen solidaritätsorientierten
Weltbürger! Dafür gibt es in unserer Geschichte großartige
Vorbilder. Erinnert sei nur an Lessing, Kant oder Goethe.
Ich meine, es lohnt, den deutschen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur
zu studieren. Ein Mensch wie der hingerichtete evangelische Theologe
Dietrich Bonhoeffer etwa könnte ebenfalls ein Vorbild sein.
Übrigens ein Onkel von Klaus von Dohnanyi. Und ein Freund
von Georg Bell.
*
Über Erich Kästner wurde einmal gesagt: Er war ein
Kind der deutschen Aufklärung. Er glaubte an die menschliche
Vernunft wie an ein Wunder. Aber an Wunder zu glauben –
gerade das verbot ihm seine Vernunft. Ich betrachte mich ebenfalls
als Kind der deutschen Aufklärung. Natürlich zeitgeschichtlich
geprägt, wie Ihr bemerkt haben werdet. In meiner kurzen Lebensspanne
habe ich so viele Wunder mit erlebt – etwa Wyhl oder die
friedliche Wiedervereinigung Deutschlands - , daß ich Wunder
auch in Zukunft nicht ausschließen mag. Was sie angeht,
bin ich im Gegensatz zu Kästner vorsichtig optimistisch.
Aber wie mein Vater immer sagte: Von nichts kommt nichts. Vor
allem keine Wunder. Das sie geschehen – dafür können
wir uns bereit halten. Etwas tun. Das Menschenmögliche. Für
den Rest sorgt der liebe Gott. Nicht unser, Sein Wille geschehe...
Damit schließe ich. Egal, ob ihr euch meinen Ausführungen
anschließt oder nicht: Bitte, vergeßt mich nicht ganz!
Ich jedenfalls wünsche euch ein Leben, an dessen Ende ihr
sagen könnt: es war gut.
Lebt wohl!
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