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ZUM ABSCHIED
NIKKO SCHOTT
statt eines autobiographischen Romans

[Es ist] „mein Wunsch, jedenfalls meine Abschiedsworte hier, an diesem Ort, verlesen zu lassen. Ich bitte, das als meinen letzten Wunsch zu respektieren.“

Zum nachfolgenden Beitrag ist eine Vorbemerkung erforderlich.
Der Text wurde mir in Zusammenhang unserer ersten Kriegskinder-Tagung von einem Menschen zugeschickt, der sich als Kriegskind versteht und schwer krank ist, wie er mir am Telefon sagte. Wir hatten dann eine Reihe von Kontakten – doch sein erster Text blieb sozusagen „in der Schublade“.
Meine letzten eMails an ihn und mein letzter Brief kamen zurück. Ich vermute, er ist Opfer seiner Krankheit geworden, die er in Zusammenhang mit seinen Traumatisierungen sah.
Weil sein Text „statt eines autobiographischen Romans“ und „verfaßt in einer ungewöhnlichen Form – entsprechend einem ungewöhnlichen Thema“ als Eigenbericht eines Kriegskindes konzipiert ist, möchte ich ihn hier abdrucken, vermutlich „in memoriam“. Denn er stellt – zumindest in der gewählten literarischen Fiktion – eine Art Vermächtnis dar, eine Abschiedsrede. Eine solche Rede möchte ich weder kürzen noch kommentieren, auch wenn der Blick des Autors oft zu allgemein-politischen Fragen der bundesrepublikanischen Geschichte schweift. Ich entspreche damit dem Wunsch der literarischen Person Nikko Schott, dessen Rückblick auf sein Leben sich aus meiner Kenntnis sehr stark mit der Biographie seines Autors vermischt. Ich habe Anlaß zu der Vermutung, daß diese Form dem Verfasser recht ist oder wäre, weiß nur nicht, ob er seinen Namen dabei genannt wissen will/gewollt hätte, oder ob er sich doch von Nikko Schott unterschieden wissen möchte.
Darum lasse ich es bei Nikko Schott.

Der Beitrag ist unverändert, wie im Original übermittel. Er wurde lediglich dem Lay-out dieser Veröffentlichung angepaßt und offensichtliche Tippfehler wurden korrigiert.

Bad Boll, Freitag, 30. Juli 2004
dierk schäfer

NIKKO SCHOTT
ZUM ABSCHIED

STATT EINES AUTOBIOGRAPHISCHEN ROMANS

Verfasst in einer ungewöhnlichen Form - entsprechend einem ungewöhnlichen Thema

Die Umstände meiner Zeugung und Geburt, der vor- und nachgeburtlichen Zeit sowie die familiären, gesellschaftlichen und geschichtlichen Verhältnisse und Ereignisse meiner Biographie fallen aus dem Rahmen des Üblichen. In mancherlei Hinsicht. Zumindest, wenn man sie vom Erfahrungsbereich der Nachkriegsgeborenen her betrachtet. So kann mein Wunsch nicht verwundern, mich in unüblicher Weise zu verabschieden. Ebenfalls in mehr als einer Hinsicht. Zum einen durch die Art meines Todes. Zum anderen durch die Form der Abschiedsfeier. Fände sich jemand, einige eigene Worte zu sprechen, hätte ich nichts dagegen. Im Gegenteil. Es würde mich freuen. Vor allem dann, läse er mir gehörig die Leviten. Na ja, ein bißchen Lob dürfte auch dabei sein. Eine Rede unter dem Motto: De mortuis nisi bene fände ich jedenfalls so unangemessen wie langweilig. Doch ist es mein Wunsch, jedenfalls meine Abschiedsworte hier, an diesem Ort, verlesen zu lassen. Ich bitte, das als meinen letzten Wunsch zu respektieren.

Vieles ist unausgesprochen geblieben. Fragen. Wünsche. Hoffnungen. Träume. Auch Kritisches. Das schmerzt mich. Und vermutlich schmerzt nicht nur mich das Versäumnis. Vielleicht werfen die Betreffenden sich selbst vor, etwas schuldig geblieben zu sein. Mit mehr Berechtigung geht dieser Vorwurf an meine Adresse. Ich wußte schließlich, wann meine Stunde schlägt. Ich möchte also versuchen, meinen Teil der offengebliebenen Schulden zu begleichen. Natürlich kann mir das nur sehr unzureichend gelingen. Ich bitte, mir mehr den Versuch als die Durchführung zugute zu halten.

Zunächst eine Vorbemerkung. Das folgende wird einigen der hier Versammelten nicht im Ganzen, aber in Teilen bekannt sein. Sie haben gelesen, was ich dazu geschrieben habe. Bestimmt werden sie sich ärgern, ich trüge Eulen nach Athen. Ich bitte um Verständnis. Der Mehrheit wird es nämlich nicht bekannt sein. Darunter vermutlich nicht wenige, die zur wissenden Minderheit gehören könnten. Wenn sie denn gewollt hätten. Gekonnt hätten, aber nicht gewollt haben sogar engste Angehörige, Freunde und Bekannte. Sollten die anwesend und jetzt peinlich berührt sein, geschieht es ihnen recht. Nötigung! werden sie vielleicht murren. Sie haben Recht: Es ist Nötigung. Nur sollten die Betreffenden sich eines fragen: Wie soll man das nennen, wenn jemand einem irgendwie Nahestehenden ein sehr persönliches Buch zum Lesen anbietet, der sich aber weigert, es auch nur in die Hand zu nehmen? Aus welchen Gründen auch immer. Sollte jemand eingedenk meines eingestandenen Scheiterns an der Form des Buches jetzt spötteln: Das war eben meine gute Nase! würde ich erwidern: Geschenkt! Manches Scheitern ist verdienstvoller als rundum Gelungenes. Ich meine also, wir sind quitt. Ich hoffe sehr, die Angesprochenen können mir zustimmen. Wären sie zudem versöhnt, wäre dem Anlaß unseres Beisammensein völlig Genüge getan. Und den restlichen Zuhörern schließlich verspreche ich ebenso Neues wie Bedenkenswertes.

Den Eintritt in meine embryonale Existenz verdanke ich einem Fronturlaub meines Vaters. Februar 1944. Zwischen zwei langen und gefahrvollen Unternehmungen als U-Bootfahrer. Meine Mutter verbrachte die Schwangerschaft von Beginn an in ständiger und wachsender Angst und Sorge. Seit gut einem Jahr hatte die Chance der U-Boot-Männer, gesund zurückzukehren, sich rapide verschlechtert. Mehr als die Hälfte blieb jetzt draußen. Zudem war die angsteinflößende Niederlage nur eine Frage der Zeit. Unter den Deutschen kursierte das Wort: Genießen wir den Krieg, der Frieden wird fürchterlich! Und nicht zuletzt setzte nun das britische Bomber Command sein strategisches Konzept des Moral bombing gegen die deutsche Zivilbevölkerung fast ungehindert und mit bis dahin unvorstellbarer Wucht in die Tat um. Die deutsche Luftwaffe war weitgehend ausgeschaltet. Der Bombenkrieg bekam apokalyptische Ausmaße. Ab September 1944 wurden die Großstädte des bereits geschlagenen Feindes systematisch in Schutt und Asche gelegt. Eine Vernichtungsorgie ohnegleichen. Meine Mutter und Schwester wohnten zu dieser Zeit in Darmstadt. Am 11. September wurde die hessische Großherzogstadt zum schaurigen Probefall für die schrecklichste aller Städteverbrennungen. Dresden. Dank einer neuen Taktik, dem sogenannten Fächer, verbrannten die britischen Bomberstaffeln die schöne, alte Stadt in einem einzigen Anlauf. 12.300 Menschen starben, darunter 2.450 Kinder unter 16 Jahren. Mit mir im Leib entkam meine Mutter, meine Schwester an der Hand, dem Inferno mit knapper Not. Mitten durch brennendes Phosphor - es floß die Stufen hinab in den Schutzkeller- , durch den alles vernichtenden, orgelnden Feuersturm, durch verbrannte, auf Säuglingsgröße geschrumpfte Leichen. Meine Familie flüchtete sich nach Wilhelmshaven. Unter Umständen, die ich eurer Phantasie überlasse. Dort geriet sie vom Regen in die Traufe. Nach mehreren vorangegangen Großangriffen bekam die Jadestadt am 15. Oktober den Todesstoß. In mehreren Wellen von 600 Bombern wurde vor allem das Zentrum ausgelöscht. Schließlich, am 17. November 1944, Punkt 5 Uhr, erblickte ich die Finsternis dieser Welt. Im Bunker des zerstörten Willehad-Hospitals. Bis zur Evakuierung im März 1945 war der Bunker an der Ecke Peterstraße/Banterweg meine eigentliche Kinderstube. Nur wenige hundert Meter entfernt, im Banterweg, befand sich eine Außenstelle des KZ Neuengamme. Ein kleines, aber besonders grausames Konzentrationslager. Das erfuhr ich vor wenigen Jahren.

Dem Moral bombing fielen in Deutschland 800.000 Menschen zum Opfer. Eine unbekannte, jedenfalls sehr viel größere Zahl wurde fürs Leben traumatisiert. Am schwersten die Kriegsgeborenen. Darunter ich.

Warum erzähle ich das so ausführlich? - Ich gebe zu bedenken, daß der Fötus bereits mit sechs Monaten ein fertiges Menschlein ist. Mit einem erstaunlich differenzierten Seelenleben. Er reagiert etwa auf mütterliche Gefühle ebenso wie auf von außen kommende Töne und Stimmen. Dabei unterscheidet er sehr genau zwischen freundlichen und unfreundlichen oder gar beängstigenden Geräuschen. Vor allem hat das Sechsmonatskind schon ein Gedächtnis. Und die darin gespeicherten Erinnerungen sind bestimmend für sein ganzes Leben. Was die frühesten, lebensentscheidenden Gedächtnisspuren vieler Kriegsgeborener sind, könnt ihr euch vorstellen. Dauerndes Sirenengeheul, das entnervende Heulen der Bomben, lautes Weinen und Schreien, das Brüllen von Feuer, das Krachen einstürzender ganzer Stadtteile. Eine allgemeine Atmosphäre von Haß, Tod und Zerstörung. Und nicht zuletzt die permanente Angst, vor allem der Mütter. Meine Mutter wußte, was das bedeutete. Vor ein paar Jahren fragte ich sie nach ihren Erinnerungen an die Schwangerschaftszeit. Sie sagte: Ich habe die ganze Zeit Angst gehabt, nur Angst, große Angst. Und ich weiß genau, daß du was davon abbekommen hast. Der Krieg hat das biologische Fundament meines Lebens in Richtung Krankheit vorprogrammiert. Auf direkte wie auf indirekte Weise. Nicht nur meine Mutter, auch ich kann die große Bedeutung der frühesten Prägungen bezeugen. Mich hat das eine albtraumhafte Regression bis in meine vorgeburtliche Zeit gelehrt. 1986. Bei verständiger Zuwendung der Erwachsenen hätte die Krankheit allerdings nicht ausbrechen müssen. Eklatantes gesellschaftliches Versagen mußte hinzukommen. Das alles muß gesagt sein. Versteht man nämlich die Anfänge meines Lebens nicht, dann auch nicht dessen Ende. Und die dazwischenliegenden 57 Jahre natürlich ebenfalls nicht. Sie sind beispielhaft für die unglaubliche Verantwortungslosigkeit, mit der die Bundesrepublik mit ihren Kriegsgeborenen umgegangen ist und noch immer umgeht. Ist es nicht ein sehr natürliches, sicherlich angeborenes Bedürfnis, sein Leben zu verstehen? Und mit anderen sich darüber auszutauschen? Diesem Bedürfnis nachzukommen ist mir nur zu einem unbefriedigenden Teil gelungen. Daher die Ausführungen von dieser Stelle, aus diesem Anlaß.

Sollte jetzt bei dem einen oder der anderen die Befürchtung auftauchen, ich würde mein ganzes Leben ausbreiten, dann kann ich ihn beruhigen. Das werde ich nicht tun. Ich werde mich auf das beschränken, was den meisten Deutschen unbekannt ist. Auf das, was ich aus dem individuellen und kollektiven Keller des Unbewußten ans Tageslicht befördert habe. Gegen heftige innere wie äußere Widerstände. Und einiges ist darüber bereits gesagt.

Dem - wie ich meine - sehr menschlichen Bedürfnis nach Verstehen meines Lebens und mich mit anderen darüber auszutauschen, standen lange Zeit fast unüberwindbare Hindernisse entgegen. Erst in den letzten sechs Jahren konnte ich es befriedigen. Und dann auch nur halbwegs. Ein Buch ist daraus entstanden. Wegen formaler Mängel hat es zu Recht keinen Verleger gefunden. Allerdings vermute ich, auch bei formaler Brillanz hätte es keinen gefunden. Ich nehme für mich in Anspruch, mit den inhaltlichen Aussagen Neuland erschlossen zu haben. Eine ganze Reihe von Tabus ist auf der Strecke geblieben. Eine Pioniertat. In aller Bescheidenheit. Aber urteilt selbst.

Ein Beispiel. Bei meinen Recherchen stieß ich auf eine psychologische Untersuchung aus dem Jahre 1968. Darin hieß es: Die Kriegsgeborenen der Jahrgänge 1943 und 1944 weisen mit Beginn der Pubertät zwanzigmal mehr schwerste psychosomatische Störungen auf als die Vor- und Nachkriegsgeborenen. Ein alarmierender Befund. Sollte man meinen. Hätten nicht spätestens jetzt in allen deutschen Studierstuben die Ohren klingeln müssen? Weit gefehlt! Die Weisheit der deutschen Gelehrten war die der drei sprichwörtlichen Affen: Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Für mich in erster Linie Ausdruck traditioneller deutscher Untertanenmentalität. Wieder einmal war die überwiegende Mehrzahl unserer klügsten Köpfe nicht an der Wahrheit interessiert. Vielmehr in erster Linie daran, das eigene Wohlgefühl zu pflegen, sich auf der guten, richtigen Seite zu befinden. Was bedeutet, sich im Lager der jeweils Herrschenden zu wissen.

Was meine Mutter schon immer wußte, wissen die meisten unserer Akademiker bis heute nicht. Die Untersuchung ist bis in die Gegenwart hinein eine buchstäblich einzigartige Pioniertat geblieben. Mit einer einzigen Ausnahme, im Jahr 1996 (!), wird sie in keinem wissenschaftlichen Werk auch nur erwähnt. Von einem Aufgreifen und Vertiefen der Ergebnisse ganz zu schweigen. 1992 fand in Hamburg ein internationaler Kongreß über kriegstraumatisierte Kinder statt. Die Literaturlisten der teilnehmenden Länder waren durchweg außerordentlich lang. Die deutsche Liste war sehr kurz. Es gibt keine Literatur, hieß es da. 1998 erschien ein vielbeachtetes, von renommierten Psychoanalytikern verfasstes Lehrbuch zur Psychotraumatologie. Darin kann man so gut wie alles über dieses Thema erfahren - angefangen von der Kriegsneurose des Achill über Traumata jüdischer KZ-Häftlinge bis zu psychischen Verletzungen von Kindern in gegenwärtigen Kriegen. Nach einer Anmerkung zu Traumatisierungen der deutschen Kriegsgeborenen sucht man vergeblich.

Ähnlich Unrühmliches muß auch über die Literatur, die Medien sowie die Geistes- und Sozialwissenschaften gesagt werden. Der riesengroße Fundus wissenschaftlicher Forschungsergebnisse sowie schriftstellerischer und anderer Publikationen in der Bundesrepublik enthält so gut wie nichts zum Schicksal der traumatisierten deutschen Kriegsgeborenen! Ein riesengroßer blinder Fleck! Über ganz Deutschland liegt bis auf den heutigen Tag ein gespenstisches Tabu: der Opfer - insbesondere der Kinder unter den Opfern des anglo-amerikanischen Moral bombing zu gedenken. Was das für die Biographien der Betroffenen bedeutet, versteht sich von selbst. Sie waren und sind dazu verdammt, in lebenslanges Leid eingemauert zu sein. Ohne Anteilnahme. Ohne Verständnis. Ohne Stimme. Ohne Lobby. (Wie etwa die Ostvertriebenen.) Ohne Chance, etwas über die Ursachen zu erfahren. Von einer adäquaten Therapie im Falle einer pathologischen Manifestation dieses Leids ganz zu schweigen. Dem ursprünglichen Leid wird weiteres schweres Leid hinzugefügt. Ich weiß, wovon ich spreche.

Ich komme auf die angesprochene Untersuchung zurück. Sie dem Vergessen, genauer: der Verdrängung entrissen und ihre Bedeutung erkannt zu haben, kann ich getrost als Erfolg verbuchen. Wichtiger ist mir ein anderer Punkt. Und der bedeutet nun eine wirkliche Pioniertat meinerseits. Es geht dabei um die Ursachen der erschreckend hohen Zahl von psychosomatisch Schwerstgeschädigten unter den Jahrgängen 1943 und 1944. Die Untersuchung macht dafür die kriegsbedingt chaotischen Familienverhältnisse verantwortlich. Zweifellos richtig. Aber nur zur Hälfte. Unerwähnt bleibt die andere Hälfte der Wahrheit: Der Bombenkrieg. Die Untersuchung enthält eine graphische Veranschaulichung der Ergebnisse. Aus den vorhandenen Statistiken zum Bombenkrieg läßt sich ebenfalls eine Graphik erstellen. Und nun das Frappierende: Legt man die beiden Kurven übereinander, so sind sie im wesentlichen identisch. Die rapide ansteigende Zahl geflogener Einsätze und abgeworfener Bomben in den Jahren 1943 und vor allem 1944 korreliert mit der rapide ansteigenden Zahl schwerster psychosomatischer Erkrankungen bei den im gleichen Zeitraum Geborenen. Bloßer Zufall? Kaum!

Dieser - ich behaupte: stichhaltige Beweis wäre aber gar nicht nötig. Wer sich die Dokumentationen der Städteverbrennungen - etwa zu Darmstadt und Wilhelmshaven - ansieht, wird das bestätigen. Aus ihnen geht sonnenklar hervor, niemand entkommt einem solchen Inferno ohne seelische Verletzung. Daß Ungeborene und Säuglinge die schwersten und verhängnisvollsten, weil fundamentalsten Verletzungen davongetragen haben, versteht sich von selbst. Um das zu begreifen, ist kein Studium der Medizin oder Psychologie, keine zehnjährige Lehranalyse auf der Couch und auch keine künstlerische Intuition notwendig. Gesunder Menschenverstand, das Hören auf die Mütter und ein freier Blick für die Wahrheit genügen. Keinem Volk fehlen diese drei Grundvoraussetzungen für das Begreifen menschlicher Wahrheit offenbar so sehr wie dem der Dichter und Denker. Den Autor der Untersuchung, Theodor F. Hau, nehme ich ausdrücklich von dieser Feststellung aus. Ich bin überzeugt, er wußte um die Bedeutung des Bombenkriegs für seine Ergebnisse. Ein Tabu hatte er durchbrochen, indem er die deutschen Kriegsgeborenen als zuwendungs- und therapiebedürftige Kriegsopfer kenntlich machte. Bereits dieser eine Tabubruch war ein Tabubruch zuviel, wie sich herausstellt hat. Hätte er noch einen zweiten begangen - durch Hinweis auf das Moral bombing als weitere Ursache seines Befunds - , hätte er sich die Veröffentlichung ersparen können. Ich kann ein Lied davon singen. Ich habe selbst erlebt, welch heftige Abwehrreaktionen das doppelte Tabuvergehen noch in den Jahren 1995 folgende hervorgerufen hat. Wer es nicht erlebt hat, glaubt es nicht.

Die Handvoll Seelenärzte, die sich heute mit dem Moral bombing und seinen Folgen für die deutschen Kriegsgeborenen beschäftigt, geht der Frage, warum dieses Thema erst ab 1990 und dann auch nur vereinzelt aufgegriffen wurde, mit Scheinerklärungen aus dem Weg. Wenn sie ihr überhaupt nachgeht. Vereinzelt werden Scham- und Schuldgefühle angesichts der ungeheuerlichen Verbrechen der Nazi-Deutschen als Ursache genannt. Gefragt wird aber nicht nach den Ursachen dieser Schuld- und Schamgefühle. Meist ist jedoch zu hören, die Städtezerstörungen seien ein derart großes kollektives Trauma, daß aus anthropologischen Gründen 50 Jahre und mehr vergehen müßten, um sich ihm zuwenden zu können. Die Anthropologen bleiben eine Erklärung schuldig. Angeblich war der Holocaust das schauerlichste Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Wie kommt es dann, daß dessen Opfer menschliche Zuwendung und therapeutische Hilfe gleich nach dem Krieg erfahren haben? Daß sie im öffentlichen Bewußtsein der Bundesrepublik ab Mitte der sechziger Jahre eine privilegierte Rolle zuerkannt bekamen? Nach Logik der anthropologischen These dürfte das größte Menschheitstrauma Holocaust noch heute kein Thema sein. Oder das Moral bombing war ein noch größeres Verbrechen mit entsprechend größerer Traumatisierung. Da kann etwas nicht stimmen.

Der Widerspruch löst sich auf, geht man den genannten Schuld- und Schamgefühlen auf den geschichtlichen Grund. Es war alliiertes Interesse, nach Kriegsende alle eigene Schuld zu leugnen und den deutschen Verlierern übergroße Schuld- und Schamgefühle in Körper und Seele einzubrennen. So daß sie anschließend in wahnhafter Weise meinten, am Krieg und an allem, was darin geschehen ist, trügen sie die Alleinschuld. Entsprechend waren sie außerstande, das Moral bombing als angloamerikanische Schuld, als ein Kriegsverbrechen der Sieger, auch nur in Erwägung zu ziehen. Da war das brachial installierte alliierte Tabu vor. Anders gesagt: Hätten die Alliierten sich zu ihrer kriegsverbrecherischen Schuld bekannt und sie nicht auf die Deutschen abgewälzt, hätte es bei diesen kein Tabu gegeben, sich mit dem Moral bombing und seinen traumatischen Folgen im kollektiven Maßstab auseinanderzusetzen. Den traumatisierten deutschen Kriegsgeborenen wären ebenso wie den Holocaust-Opfern sofort nach dem Krieg Verständnis, menschliche Zuwendung und adäquate therapeutische Hilfe zuteil geworden. Das ist nicht geschehen. Unsägliches, lebenslanges Leid der deutschen traumatisierten Opfer des Verbrechens Moral bombing war die Folge.

Das von den Siegern brachial angestrebte und von den Verlierern allzu bereitwillig verinnerlichte Tabu funktioniert bis heute. Im Jahr 2000 bot ich mehreren Zeitungen einen Artikel zu diesem Thema an. Er genügte allen journalistischen Kriterien: Recherche, Argumentation, Stil und Schreibe. Die Journalisten selbst, aber auch alle anderen, die den Artikel gelesen haben, haben das bestätigt. Trotzdem wurde er nicht veröffentlicht. Die leitenden Redakteure der entsprechenden Ressorts setzten sich für eine Veröffentlichung ein, verhindert wurde sie durch die Chefredakteure. Mit einer politischen Begründung. Ich hätte die deutsche Schuld nicht genügend herausgestellt. Die Kenner des Artikels faßten sich an den Kopf. Und sein Verfasser sieht sich genötigt, die Totenhalle als Forum freier Meinungsäußerung zu mißbrauchen. Dieses an sich deprimierende Beispiel für Gedankenfreiheit in der ach so demokratischen Bundesrepublik läßt dennoch hoffen. Die Tabuglocke zeigt kräftige Risse. Es ist absehbar, wann sie in sich zusammenfällt. Viele werden sich dann verwundert die Augen reiben und sich fragen, wie die Menschen es so lange darunter hatten aushalten können.

Ja, warum halten sie es so lange unter der Tabuglocke aus? Meine Antwort: Weil die Deutschen noch 56 Jahre nach Verschwinden der verbrecherischen Nazi-Diktatur an einem ausgeprägten Schuldkomplex leiden. Genauer gesagt handelt es sich um einen deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahn. Damit meine ich folgendes: Die alliierten Sieger hatten nach der bedingungslosen Kapitulation des Gegners ein verständliches Interesse daran, alle, vor allem auch eigene im Verlauf des gräßlichen Krieges begangene Schuld den Deutschen zuzuschieben und sich selbst als Unschuldige hinzustellen. Und sie besaßen die absolute Macht, dieses Interesse auch durchzusetzen. Und davon haben sie reichlich Gebrauch gemacht. Prägnant zeigt das der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß. Vom Oktober 1945 bis Oktober 1946.

In den Statuten des Nürnberger Tribunals schrieben die alliierten Richter kurzerhand fest, nur deutsche, nicht aber alliierte Kriegsverbrechen dürften angeklagt werden.

Nebenbei sei angemerkt, daß der Prozeß auch in anderen Punkten gegen internationales Recht verstieß. Die Ankläger kamen nicht aus neutralen, sondern durchweg aus kriegsbeteiligten Ländern. Zudem wurde das Rechtsprinzip: Sine lege nulla poena außer Kraft gesetzt. Es wurden also Verbrechen abgeurteilt, für die es zur Zeit, als sie begangen wurden, noch keine Rechtsgrundlage gab. Die wurde erst nach dem Krieg - also illegalerweise - einzig zum Zwecke des Nürnberger Prozesses geschaffen. Das verdeutlicht, in welch absoluter Manier die Sieger ihren Machtvorteil genutzt haben. Aber das, wie gesagt, nur nebenbei. Wichtiger ist mir zunächst die einäugige Schuldverteilung. Unschuld hier, Alleinschuld dort.

Im Prozeßverlauf haben die Verteidiger der deutschen Angeklagten immer wieder auf die oben genannten fragwürdigen Punkte hingewiesen. Natürlich ohne Erfolg. Zudem machten sie geltend, die Alliierten hätten mit der Ostvertreibung und dem Moral bombing ihrerseits Kriegsverbrechen begangen. Im Falle des Moral bombing wurde der Vorwurf mit dem Argument abgewiesen, die Alliierten hätten keineswegs offene deutsche Städte angegriffen, sondern ausschließlich kriegswichtige Ziele wie etwa Industrieanlagen und militärische Einrichtungen. Eine haarsträubende Lüge. Bloßer Augenschein widerlegte sie. Aber eine notwendige Lüge. Hätten die Alliierten nämlich zugegeben, offene deutsche Städte bombardiert zu haben, hätten selbst ihre Prozeßstatuten sie nicht davor bewahrt, selbst auf die Anklagebank befördert zu werden. Denn ohne jeden Zweifel war es ein schweres Vergehen gegen das Völker- und Menschenrecht, so etwas zu tun. Auch mit dem berechtigten Hinweis, die Deutschen hätten ja ebenfalls offene Städte bombardiert (strittig ist, ob sie damit angefangen haben), hätten die Angloamerikaner ihren Kopf nicht aus der Schlinge gezogen. Die für die Beurteilung des Sachverhalts zuständige Haager Landkriegsordnung läßt da überhaupt keinen Zweifel: Mit dem Moral bombing haben die Angloamerikaner ein schweres Kriegsverbrechen begangen. (Man denke nur an den als gerecht empfundenen Kosovo-Krieg. Welch weltweite Empörung haben Nato-Kampfflugzeuge ausgelöst, wenn sie sogenannte Kollateralschäden verursachten, also unbeabsichtigt Zivilisten töteten. Die Verurteilung basiert auf derselben Rechtsgrundlage!) Der Platz der für das Moral bombing Hauptverantwortlichen - der Kopf Sir Winston Churchill und sein Handlanger Sir Arthur Harris - hätte nicht in der Ruhmeshalle der Freiheitshelden sein dürfen; ihr Platz hätte auf der Anklagebank sein müssen. Neben Göring und Keitel. Das wäre auch geschehen, wenn nicht Siegerhybris sondern geltendes Völkerrecht sich durchgesetzt hätte. Hat sich aber nicht durchgesetzt. Zum schlimmen Nachteil vieler Tausender unschuldiger Opfer des Moral bombing. Darunter ich.

Mit dem, was ich hier sage, reihe ich mich ein in den großen Chor von britischen und amerikanischen Geistlichen, Militärs und Militärhistorikern, die mit denselben Argumenten das Moral bombing als ungesühntes Kriegsverbrechen gebrandmarkt haben. Trotz oft großer persönlicher Nachteile haben sie die Wahrheit gegen machtgeschützte Lüge bezeugt und klipp und klar gesagt: das Moral bombing ist weder moralisch, noch völkerrechtlich, noch militärisch in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Noch während des Krieges, 1944, kritisierte der Bischof von Chichester, Georg Bell, vor dem britischen Oberhaus das Moral bombing. Hitler ist ein Barbar, sagte er, Aber das gibt uns nicht das Recht, ebenfalls barbarisch gegen das deutsche Volk vorzugehen. Bewunderungswürdig. Vorbildhaft. Zivilcourage eines reifen Menschen und Christen. Georg Bell wurde niedergebuht und bezahlte seinen Mut mit sozialer Isolation. Nach dem Krieg bewertete US-General Patton das Moral bombing als "rechtswidrig" und nannte es "militärisch einen großen Fehler". Tatsächlich hätte der Krieg um Monate verkürzt werden können, wären die Bombergeschwader gegen Energie-, Industrie- und Militäranlagen eingesetzt worden statt gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Der amerikanische Fliegergeneral Hensell verurteilte aus "humanitären Gründen" jede Bombardierung von Wohnvierteln und fand "die Vorstellung unerträglich, strategische Luftkriegführung mit Massenmord an Männern, Frauen und Kindern zu verbinden." Namhafte englische Militärhistoriker wie General Fuller und Lidell Hart urteilten im selben Sinne. Und der englische Publizist und Labour-Politiker Richard Crossman schrieb: "Die Zerstörung von Dresden im Februar 1945 war eines jener Verbrechen gegen die Menschlichkeit, deren Urheber in Nürnberg unter Anklage gestellt worden wären, wenn jener Gerichtshof nicht in ein bloßes Instrument alliierter Rache pervertiert worden wäre." Ich unterstelle, Dresden steht hier für das Moral bombing überhaupt, wie etwa Auschwitz für den Holocaust.

Die ‚Pervertierung’ des Nürnberger Prozesses ‚zum bloßen Instrument alliierter Rache' hat nicht nur verhindert, daß die Verantwortlichen des Moral bombing vor Gericht gestellt und verurteilt wurden. Die Pervertierung hat ein Tabu über das angloamerikanische Kriegsverbrechen gelegt. Bei den deutschen Verlierern geschützt durch ein Trauma. - Noch nie zuvor waren die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Spitzen der Verlierer eines Krieges vor ein Tribunal der Sieger gestellt und verurteilt worden. In Nürnberg geschah das zum erstenmal. Unter den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit. Unter fragwürdigen Rechtsvoraussetzungen. Ein geschichtliches Novum. An dessen Ende sieben hohe Freiheitsstrafen und zehn Todesurteile ausgesprochen wurden. Muß die Demonstration ebenso absoluter wie mißbräuchlicher Macht die auf Gedeih und Verderb ausgelieferten Verlierer nicht traumatisiert haben? Bis zum 8. Mai 1945 war die überwiegende Mehrzahl der Deutschen noch mit dem Nazi-Regime identifiziert. Am 16. Oktober 1946 wurde die Asche von zehn Führern dieses Regimes - neun waren gehenkt worden, Göring hatte Selbstmord begangen - in den kaum drei Meter breiten Conwentzbach in München-Solln gestreut. Unter falschen Namen. Anonym. Die Alliierten wollten, daß ihre Namen aus dem Gedächtnis der Verlierer gelöscht wurden. Vor allem sollte einem Märtyrerkult vorbeugt werden. Ist nicht mit der Asche ihrer Führer ein wesentlicher - wenn auch schlimmer, falscher - Bestandteil deutscher Identität in den Conwentzbach gestreut worden - und zwar unter traumatischen Umständen? Deutsche Zeitzeugen haben berichtet, sie hätten den Nürnberger Prozeß wie hinter einem Schleier, als ein unwirkliches Geschehen wahrgenommen. Das ist die Beschreibung schwer Traumatisierter.

Davon ist in deutschen Geschichtsbüchern so gut wie überhaupt keine Rede. Umso mehr von der schon damals heftig kritisierten alliierten Entnazifizierungskampagne. Sie hat im Gegensatz zum Nürnberger Prozeß kaum traumatisierend gewirkt. Zu viele Schlupflöcher, zu viele Möglichkeiten der erfolgreichen Gegenwehr gab es. ("Persilscheine") Diese weitgehend nach Opportunitätsgesichtspunkten gehandhabte Kampagne wurde von vielen Deutschen als Siegerjustiz empfunden, gegen die man sich mit Recht zur Wehr setzte. („Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen!“ Ein Alfred Hugenberg, Mitglied der berüchtigten ‚Harzburger Front’, wurde als harmloser Mitläufer eingestuft!) Dagegen fällt vom verdrängten Trauma Nürnberger Prozeß - mitsamt den Nachfolgeverfahren und Landsberg sowie einer einschüchternden Propagandakampagne - ein neues Licht auf die 1967 von Margarete und Alexander Mitscherlich diagnostizierte deutsche Unfähigkeit zu trauern.

Im Kern zielte ihre Abhandlung auf einen fundamentalen Prozeß personaler Menschwerdung: Zulassen von Depression nach einer begangenen Schuld (Verstrickung in ein verbrecherisches Regime) - Anerkennen von Schuld (Reue) - Mitgefühl für die Opfer - das Bedürfnis nach Wiedergutmachung (Sühne). Zu recht haben die Mitscherlichs geklagt, die Deutschen hätten sich diesem unverzichtbaren Reifungsprozeß hin zum Menschlichen nicht unterworfen. Abgesehen von einer Minderheit, die zudem als ‚Sühnedeutsche’ diffamiert wurde. Mit schlimmen Folgen wie seelische und soziale Immobilität, ein Mangel an Kreativität in allen Bereichen. Sowie ein Fortbestehen des Denkens im Freund-Feind-Schema. (Mit gelungenem Reifungsprozeß weicht das naive Denkschema dem differenzierten Wahrnehmen und Denken des reifen Erwachsenen.)

Verkannt haben die Mitscherlichs die Gründe für die Abwehr von Schuld-, Scham- und Angstgefühlen. Ein Grund war sicherlich der insbesondere nach dem Krieg menschlich nachvollziehbare Unwille, sich diesem ebenso notwendigen wie schmerzvollen – letztlich aber befreienden - Prozeß auszusetzen. Ausschließlich diesen sicherlich zutreffenden Grund hatten die Mitscherlichs im Auge. Darin haben sie geirrt. Es kamen weitere Gründe hinzu. Die Kontraproduktivität alliierter Rache: Traumatisierung der Deutschen und Tabuisierung eigener Verbrechen. Erst alle drei genannten Gründe erklären zureichend die von ihnen richtig diagnostizierte Unfähigkeit zu trauern.

Heute spielt m.E. die Abwehr von Schuld-, Scham- und Angstgefühlen noch immer eine wichtige Rolle. In einem anderen Zusammenhang. Sie scheint mir eine bedeutsame Ursache für die Tatsache zu sein, daß die Deutschen sich bis in die Gegenwart hinein hartnäckig weigern, das Leid deutscher Kriegsgeborener wahrzunehmen und ihnen die gebührende Zuwendung zukommen zu lassen. Die Chancen, daß sich das ändert, sind gering. Im Gegensatz zu den Naziopfern damals haben sie im Ausland überhaupt keine, im eigenen Land nur eine verschwindend kleine Minderheit an Fürsprechern. Als Folge dieser Unterlassung lässt sich damals wie heute ein sozialer Immobilismus sowie ein Mangel an Kreativität und Humanität diagnostizieren.

Neben dem negativen Racheaspekt hat der Nürnberger Prozeß auch einen positiven, zukunftsweisenden Aspekt. Heute wird um ein Weltgericht für Kriegsverbrechen gerungen. Wichtige, ihm zugrundeliegende Gedanken gehen auf das weltgeschichtliche Novum in Nürnberg zurück. Ohne dieses Novum gäbe es kein neues Rechtsverständnis, wonach die Menschenrechte der Souveränität der kriegsbeteiligten Länder übergeordnet sind. Bezeichnenderweise haben ausgerechnet die USA die stärksten Vorbehalte gegenüber einem solchen Weltgericht. Noch immer gefallen sie sich in der Rolle des selbstgerechten Weltpolizisten. Noch immer ist bei ihnen Recht der Macht untergeordnet.

*

Der Sachverhalt dürfte jetzt klar und unstrittig sein. Ohne jeden Zweifel haben Deutsche schlimmste Kriegsverbrechen begangen. Die dafür Verantwortlichen haben - trotz aller rechtlichen und humanen Vorbehalte - ihre angemessene Strafe bekommen. Insofern wäre ein gewisses Maß an deutschen Schuldgefühlen nur allzu angebracht. Allerdings muß dem tatsächlichen deutschen Schuldgefühl ein pathologisches Übermaß attestiert werden. Die großen Debatten der letzten Jahre zum Holocaust-Denkmal, zu den Goldhagen-Thesen, zum Walser-Bubis-Streit und zur Wehrmachtsausstellung zeigen das überdeutlich. Wie kam es zu diesem pathologischen Übermaß an Schuldgefühlen? Ich meine dadurch, daß die alliierten Sieger ihre Unschuld behauptet und den deutschen Verlierern deren tatsächlicher Schuld auch noch die eigene Schuld hinzugefügt haben. Dabei haben sie sie in der beschriebenen Weise traumatisiert. Wodurch alliierte Kriegsverbrechen - etwa das Moral bombing - per Tabu der Wahrnehmung entzogen wurden. So entstand ein beidseitiger Wahn: der deutsch-alliierte Schuld-/Unschuldwahn. Umgekehrt: Der Wahn wäre nicht zustande gekommen, wenn Alliierte und Deutsche sich zu ihrer jeweiligen Schuld bekannt hätten. Er wäre auch dann nicht zustande gekommen, wenn zwar die Alliierten ihre Unschuld behauptet, die Deutschen sich aber geweigert hätten, das ihnen von den Alliierten zugemutete Surplus an Schuld auf sich zu nehmen. Dann hätte es zwar einen alliierten Unschuldwahn, aber keinen deutschen Schuldwahn gegeben. Beide Fälle sind nicht eingetroffen. Noch immer behaupten die Alliierten ihre Unschuld, noch immer schlagen die Deutschen sich an die Brust: unsere Alleinschuld, unsere einzigartige, unvergleichliche Alleinschuld.

Dazu eine repräsentative Stimme. 1986 erinnert sich einer der einflußreichsten deutschen Psychoanalytiker, Horst-Eberhard Richter, an die Nachkriegsjahre: "Wir alle, die wir jetzt in diesem Elend und in dieser Stadt der Ruinen und Scherben herumkrochen, durften nicht hinausschreien: Was habt ihr, die Sieger, uns angetan! Wir durften nicht gerecht leiden, wenn wir nicht Widerständler oder Verfolgte gewesen waren. Wir selbst hatten, genau bedacht, unsere Angehörigen mit umgebracht, unsere Häuser mit zerstört, andere Länder mit verwüstet, die Juden mit ermordet. Jeder von uns steckte als Urheber mit in allem Leid, das Deutsche angerichtet und herausgefordert hatten." Der deutsch-alliierte Schuld-/Unschuldwahn in Reinkultur. Commonsense bis heute.

Wir Deutsche haben den Krieg vom Zaun gebrochen und unfassbare Verbrechen begangen. Deshalb haben die Zerstörung unserer Städte nicht etwa die Angloamerikaner verschuldet, sondern wir selbst. Wie ist es möglich, daß ein hochintelligenter, hochgebildeter und ansonsten überaus verdienstvoller Mensch wie Richter an diesem einen Punkt mit Blindheit geschlagen ist? Klar, gerade das ist die Leistung eines Wahns. Aber wie konnte der hochqualifizierte Analytiker aller Arten von Wahn selbst einem zumindest partiellen Wahn erliegen? Meine Antwort: Hatten zuvor die Deutschen Juden und andere zu Sündenböcken gemacht, so drehten die Alliierten den Spieß um und machten nun ihrerseits die Deutschen zu Sündenböcken. Und diese übernahmen die Rolle des Sündenbocks wie sie zuvor die Rolle des Herrenmenschen übernommen hatten. Die eine Rolle so wahnhaft wie die andere. Aber für das eigene Wohlgefühl höchst vorteilhaft. In beiden Fällen wähnte man sich auf der richtigen, guten Seite. Will heißen: Auf Seiten der jeweils Herrschenden. Betrüblicherweise ist ausgerechnet Richter ein repräsentatives Beispiel dafür. Und das, obwohl er gerade dies nicht sein wollte.

Nach dem Krieg waren die absoluten Machthaber eben die Alliierten. Und die diktierten, im Beisein des Henkers mit dem Strick in der Hand: Wir sind absolut unschuldig. Ihr habt die Alleinschuld! Ihrem Diktat gaben die Alliierten nicht nur mit dem Galgen, auch mit einer einschüchternden Propagandakampagne den gebührenden Nachdruck. Auf Plakaten mit einem KZ-Foto wurde den Verlierern suggestiv eingehämmert: Du bist Schuld! Das ist Eure Schuld! Dasselbe bekamen sie durch Presse und Rundfunk eingetrichtert. In den zwölf Nürnberger Nachfolgeverfahren wurden ebenfalls viele Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt. 255 in Landsberg am Lech. Zwischen 1945 und 1951. Durchführung der Prozesse wie auch der Urteilsvollstreckung hatte wenig mit Vollzug von Gerechtigkeit zu tun. Umso mehr mit Rache. In Nürnberg wurde Delinquenten vor Todeseintritt durch die zurückfedernde Falltür das Gesicht zerschlagen. Zum Teil lebten sie noch. In Lech mußten Delinquenten nach dem Henken mit Watte erstickt werden. Diese grausigen Details mute ich euch zu, um eines zu verdeutlichen: Die Deutschen sahen ihre Befürchtungen aus der Zeit vor der bedingungslosen Kapitulation: Genießen wir den Krieg! Der Frieden wird fürchterlich! in furchterregendem Ausmaß bestätigt. Nicht zuletzt die nachdrückliche Bestätigung dieser Angst vor alliierter Rache hat zur Traumatisierung der Deutschen beigetragen. Hat mitbewirkt, daß sie das alliierte Diktat ihrer Alleinschuld verinnerlicht und zum ehernen Kern ihrer personalen und sozialen Identität gemacht haben. Eine nach der falschen Identität aus der Nazizeit nun wiederum falsche Identität. Unter angeblich "demokratischen" Vorzeichen.

Die DDR-Bürger befreiten sich in einer friedlichen Revolution selbst von einem diktatorischen Regime. Ehemalige DDR-Spitzenfunktionäre wurden in der Bundesrepublik auf rechtsstaatlicher Grundlage ungleich milder bestraft als Nazitäter. Dennoch hat dies zusammen mit der bundesrepublikanischen Rücksichtslosigkeit gegenüber der (falschen) DDR-Identität dazu beigetragen, daß bis heute viele Ostdeutsche sich in einem traumaähnlichen Zustand befinden. Er äußert sich in nostalgischer Verklärung des alten Regimes ebenso wie in handfesten Ressentiments gegenüber den Wessis. Möglicherweise liegt hier zudem eine der Wurzeln für das in den Ost-Ländern besonders schlimme Grassieren von Rechtsextremismus. Noch lange nicht ist auf demokratischer Basis, auf der einer gemeinsamen richtigen Identität, ‚zusammengewachsen, was zusammengehört.’ Die Mauer in den Köpfen wird noch für lange Zeit stehenbleiben.

Die Nachkriegsdeutschen schluckten das alliierte Diktat. Ohne viel Widerstand. In Landsberg wurde dank wachsender Empörung in der deutschen Bevölkerung dem grausigen Fließband-Henken Einhalt geboten. 1951. (Allerdings trug der Kalte Krieg dazu bei.) Auch einige andere Deutsche leisteten beispielhaften Widerstand gegen alliierten Machtmißbrauch. Etwa Karl Jaspers oder Erich Kästner. Ansonsten parierten sie. Reflexartig, gemäß ihrer eingefleischten Untertanenmentalität. Die kennt keine Gleichheit, nur Oben und Unten. Waren sie als Herrenmenschen nicht mehr ganz oben, so konnten sie als Verlierer nur ganz unten sein. Zwar hatten die neuen Herren ein allzu schlichtes Verständnis von Schuld und Unschuld, von Gut und Böse, das eher Kindern als Erwachsenen entsprach, aber das kannten sie ja bereits von den alten Herren. Lediglich unter anderem Vorzeichen. Im manichäisch-dualistischen Verständnis von Schuld/Unschuld und Gut/Böse glichen die neuen Herren den alten Herren wie ein Ei dem anderen. Und wenn die neuen Herren jetzt derart nachdrücklich behaupteten, die Deutschen seien die Bösen, sie hätten die Alleinschuld, dann mußte es wohl stimmen. Als Untertan denkt man nicht, fragt man nicht, widersetzt sich nicht. Man gehorcht. Also gut, waren wir vorher selbst die guten Herrenmenschen, dann sind wir jetzt eben die bösen Alleinschuldigen. Und der Unerträglichkeit dieses Verdikts entzog man sich durch Identifikation mit den Siegern. Psychologisch gesprochen: mit dem Aggressor.

Ein weiterer, zudem besonders wichtiger Aspekt alliierter Rache und ihrer Folgen. Als einer der ganz wenigen hat der Oberkommandierende des Ostheeres, Generalfeldmarschall Keitel, sich mannhaft zu seiner Schuld bekannt. Allerdings reichte er bei den Nürnberger Richtern ein Gnadengesuch ein. Der Soldat bat darum, nicht gehenkt, sondern erschossen zu werden. Er wurde gehenkt, mit zerschlagenem Gesicht. Dasselbe geschah den zum Tode verurteilten Militärangehörigen in Landsberg und in den Nachfolgeprozessen. Ebenfalls, wie gezeigt, meist unter unmenschlichen Vollstreckungsumständen. Wer insbesondere die deutsche Soldatenmentalität nur ein wenig kennt, weiß, was das bedeutet: eine brennende, nach Rache schreiende Schmach. Zumindest für sehr viele ehemalige Berufsoldaten. Sicherlich auch für viele Eingezogene. Mein Vater - ehemaliger Berufsoffizier - sagte mir einmal: Gut. Keitel hat Kriegsverbrechen begangen. Er hätte erschossen werden müssen. Daß ihn die Alliierten gehenkt haben, verzeihe ich ihnen nie. Ebenso trotzig wie inkonsequent beharrte er bis zu seinem Lebensende auf dem angeblich Guten im Nationalsozialismus. Er konnte ganz gut damit leben. Ich nicht. Das zeigt die Kontraproduktivität alliierter Rache. Sie verhinderte Einsicht, wo sie möglich gewesen wäre. Und nicht zuletzt: Die selbstgerechten Rächer schlugen den Sack - und trafen nur allzu oft die Unschuldigen.

Neben dem deutschen Schuldwahn hat der alliierte Unschuldwahn am Entstehen seines feindlichen Zwillingsbruders mitgewirkt: am deutschen Unschuldwahn. In seiner gefährlichsten Variante: am neonazistischen Ressentiment. Vom deutschen Unschuldwahn waren neben Militärs vor allem auch nazibelastete Spitzenleute aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, Ärzte und insbesondere Juristen infiziert. Der eine Unschuldwahn so rachsüchtig wie der andere. Ebenso wie der Schuldwahn ist auch das neonazistische Ressentiment eine Sumpfblüte des Wechselspiels von alliiertem Machtmißbrauch und deutscher Untertanenmentalität. Schuldwahn und Ressentiment sind wie das brave gehorsame Kind und das böse aufmüpfige Kind ein und desselben Elternpaars. Gezeugt in der deutsch-alliierten Nachkriegsmesalliance. Psychoanalytisch könnte man sagen, das brave Kind repräsentiert die masochistische und das böse Kind die sadistische Sumpfblüte dieser Mesalliance. Wobei hinzugefügt werden muß, daß bekanntlich die masochistische Sumpfblüte sadistische und die sadistische Sumpfblüte masochistische Samenkörner enthält. Kein Wunder, daß sich das brave und das böse Kind wie Hund und Katze gegenüberstehen. - Die Bundesrepublik hat bis heute die menschliche Reife etwa eines Georg Bell noch vor sich. Erst muß sie sich noch durch die Skylla-und-Charybdis-Passage von masochistischer Unterwerfung und sadistischer Aufmüpfigkeit – oft in ein und demselben Atemzug - hindurchlavieren. Martin Walser ist ein prominentes Beispiel dafür. Wie anders hat Klaus von Dohnanyi zu dessen Streit mit Bubis geschrieben und geredet! Klar. Deutlich. Selbstbewusst. Couragiert. Nicht im mindesten angekränkelt weder vom deutschen Schuld- noch vom deutschen Unschuldwahn. Walser nobel zu dessen Gunsten missverstehend schrieb er: „Einerseits fühlt Walser sich in der Mithaft für die Schuld vorangegangener Generationen; er weiß auch, daß die Erinnerung an diese schändlichen Verbrechen wachgehalten werden muß (leider hat Walser das so nicht gesagt.); andererseits weiß er sich aber selbst unschuldig und möchte mit dieser, seiner deutschen Schande nicht ständig in einer Weise konfrontiert werden, so als sei derjenige, der ihn an diese deutsche Schande erinnert, schon deswegen ein besserer Mensch.“ Das ist der Geist eines Georg Bell. Prompt fand Dohnanyi sich wie dieser damals in England fast allein auf weiter deutscher Flur. Im Gegensatz zu Walser. Vom großen Chor seiner Kritiker ganz zu schweigen.

Die überwiegende Mehrzahl der Nachkriegsdeutschen unterwarf sich und beugte sich unters Joch der Alleinschuld. Zudem merkte sie bald, daß sich mancherlei Vorteil daraus ziehen ließ, wenn sie sich dem Siegerdiktat nicht bloß unterwarf, sondern es sich zu eigen machte - sich mit ihm identifizierte. Die Deutschen hatten die besten Karrierechancen in der sich neu formierenden Gesellschaft - unter alliierter Oberaufsicht - , die sich am lautesten auf die Brust schlugen: unsere einzigartige, unsere unvergleichliche Schuld! Das hörten die Alliierten natürlich gern. Mit solchen Deutschen konnte man etwas anfangen. Sie auf möglichst viele wichtige Posten zu bringen, entsprach alliiertem Interesse. So blieb in der 1949 neuentstehenden Bundesrepublik die Wahrheit auf der Strecke. Nicht sie war gefragt, sondern die richtige, karriereförderliche Gesinnung. Was bedeutete da schon ein bißchen Wahn, Blindheit und Dummheit, wenn das geradezu Voraussetzungen für glanzvolle Karrieren waren. Traditioneller deutscher Untertanengeist und brachial durchgesetzte alliierte Unschuldsbehauptung - das Wechselspiel von beidem bewirkte die Etablierung des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns. Er wurde eherner Kern des deutschen öffentlichen Bewußtseins. Deutscher Identität. Falscher deutscher Identität.

Auf andere Weise hat der Ausbruch des Kalten Krieges - ab 1949 - eine wichtige Rolle beim Entstehen einer falschen deutschen Identität gespielt. Er hat dem deutschen Schuldwahn eine längere Latenzzeit beschert. Und hat Karrieren entgegengesetzter Art befördert. Die Menschen beider Karrieren bekämpften sich als feindliche Brüder. - Die deutschen Nazi-Belasteten aus Politik, Administration, Justiz, Militär und Wirtschaft wurden in der nun aufbrechenden Konfrontation mit der Sowjetunion von den Angloamerikanern dringend benötigt. 1951 genehmigten sie ihnen eine umfassende Amnestie. Der zuvor von den Alliierten verurteilte und enteignete ‚Kanonen-Krupp’ etwa wurde vorzeitig aus der Haft entlassen und bekam sein Vermögen zurück. Ein bezeichnendes Rechtsverständnis. Recht ist, was jeweils opportun ist. Was dem eigenen Machtanspruch dient. Der hohe moralisch-politische Anspruch ‚Entnazifizierung’ und ‚Säuberung’ wurde Makulatur. Zumal beides in der deutschen Bevölkerung zunehmend als Siegerjustiz empfunden wurde. Leider nicht konsequent genug. Die ehemaligen Funktionseliten des Nazi-Staates wurden in der neuentstehenden Bundesrepublik hoffähig. Leider nur allzu konsequent. Nicht nur auf Wunsch der Angloamerikaner. Auch auf Wunsch mancher nichtbelasteter Deutscher. Oft in einflussreichen Positionen. Adenauer beispielsweise scheute nicht davor zurück, den an den Nürnberger Rassegesetzen maßgeblich beteiligten Hans Globke an seine Seite zu holen. Und von den Mitgliedern des soeben einberufenen Parlaments wurde das 131er-Gesetz verabschiedet. Es räumte den Beamten und Berufssoldaten der Nazi-Zeit Anspruch auf Wiedereinstellung ein. Angloamerikanisches Machtkalkül und deutscher Gnadenlobbyismus umarmten sich in einer nicht für möglich gehaltenen Ehe. Eine Schleuse öffnete sich. Eine braune Flut aus Amnestierten, bis dahin Untergetauchten oder am Rand der Gesellschaft Stehenden ergoß sich in das öffentliche Leben der Bundesrepublik. Mit dem Zeitgeist des Kalten Krieges im Rücken - von den Angloamerikanern geschoben und von vielen Deutschen gezogen – übernahmen mental unveränderte Nazifunktionäre hohe und höchste administrative und demokratische Ämter. Auf der Strecke blieben die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit sowie ein wirklich demokratischer Neubeginn. Der berüchtigte Muff der Adenauer-Ära entstand. Übertüncht durch das berühmte deutsche Wirtschaftswunder.

Neben dem Schuldwahn nistete der deutsche Unschuldwahn sich in vielen Schaltstellen der deutschen Öffentlichkeit ein. Insbesondere in administrativen und juristischen. Zunächst erlangte er die Vorherrschaft in der deutschen Öffentlichkeit. Mit schlimmen Folgen. Vor allem für die Opfer des Nationalsozialismus. Aber auch für die Opfer alliierter Verbrechen, etwa des Moral bombing. Natürlich hatten die vom deutschen Unschuldwahn Infizierten – ebenso wie die einen westlichen Integrationskurs steuernde Adenauer-Regierung - kein Interesse daran, die neuen Verbündeten in Verlegenheit zu bringen. Zudem brachte die unheilige Allianz von deutschem und angloamerikanischem Unschuldwahn einerseits und die Westkurs fahrende BRD andererseits ein neues Feindbild hervor: Die Sowjetunion. Unverhofft konnten viele Deutsche an die gute alte Nazi-Ideologie vom Todfeind Bolschewismus anknüpfen. Fortan waren nicht mehr die Nazis sondern die Kommunisten die Bösen. Während die Westmächte mitsamt den exkulpierten Nazi-Deutschen die Guten waren. Eine neue Variante manichäisch-dualistischer Weltsicht. Der Preis war, wie gesagt, ein beidseitiges ‚Vergessen’ sowohl deutscher als auch angloamerikanischer Kriegsverbrechen. Im Zeichen des neuen Feindbildes Kommunismus.

Mit dem Auschwitzprozeß Mitte der 60er Jahre und vor allem mit der 68er Revolte änderte sich das. Mit sozialistischen Vorstellungen brachte sie frischen Wind in die braune Moderluft der BRD. Autoritär unter der Decke gehaltene Verdrängungen, Widersprüche und Konflikte der Adenauer-Ära drängten eruptiv an die Oberfläche. Revolution lag in der Luft. Von Flensburg bis Freiburg. Es herrschte Progromstimmung. Angeheizt von Politik, Polizei und vor allem von der Springerpresse. Die unheilige Trinität sah überall Moskauer Maulwürfe am staatsfeindlichen Wühlwerk. Eine haarsträubende Verkennung der Lage. Mit explosiven Folgen. Während einer Anti-Schah-Demonstration in Berlin wurde der unbeteiligte Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Das war der Funke. Er löste einen Flächenbrand aus. Schlagartig befand die Bundesrepublik sich in einer revolutionären Situation. Die Studenten proklamierten Gegengewalt gegen Sachen. Die todessüchtige RAF später auch gegen Menschen. Willy Brandts Wort von 1969: Mehr Demokratie wagen! traf zugleich den fauligen CDU-Nerv und den neuen Zeitgeist. Noch immer saßen unbestrafte Nazi-Täter in hohen und höchsten Staatsämtern. Nun sollten demokratische Ämter endlich mit Demokraten besetzt werden. Viele Ex-Nazis wurden entlarvt. Weiterhin behaupteten sie ihre Unschuld. Im alten Geiste verteidigten sie brachial ihre Lügen hinterm Schutzschild Antikommunismus. Es half ihnen nicht. Ihr Einfluß wurde großenteils zurückgedrängt. Zumal die neue politische Großwetterlage jetzt ‚Koexistenz’ hieß.

Allerdings: Die Linken waren in ihrem Verständnis von Gut und Böse so manichäisch-dualistisch wie zuvor Nazis, Alliierte und die deutsch-angloamerikanische Allianz gegen den Kommunismus. Sozialismus war gut; Kapitalismus war böse. Wobei der Nationalsozialismus lediglich die bösartigste Variante des insgesamt bösen Kapitalismus war. Ein nicht unwichtiger Grund für ihr Scheitern. Im Windschatten vom Feindbild Nationalsozialismus/Kapitalismus einerseits und dem Idealbild Sozialismus andererseits schoß der bis dahin gesellschaftlich an den Rand gedrückte oder gar verdrängte deutsche Schuldwahn ins Kraut. - Die Linken begrüßten jede Verurteilung von Nazibelasteten als gut und gerecht. Damit haben sie sich Meriten erworben. Vor allem verhalfen sie den Holocaustopfern und anderen Naziverfolgten endlich zu Gerechtigkeit. Vielen leider in unzureichender Weise. Ihrerseits einäugig übersahen die Linken allerdings Schuld der Alliierten. Insbesondere das Moral bombing und ihre Nachkriegsrache. Und damit vielfach eigenes Leid. Sie sind in dreifacher Weise selbst schuldig geworden. An der geschichtlichen Wahrheit und vielfach an sich selbst und den anderen kriegsgeborenen Traumatisierten. Ich bekenne nachdrücklich, Anteil an dieser dreifachen Schuld zu haben.

Die Alliierten hatten das Böse schlechthin besiegt: Nazideutschland. Insofern befanden sie sich auf der Seite des Guten. Insofern identifizierten die Linken sich mit ihnen. (Der Vietnamkrieg bedeutete eine partielle Auflösung dieser Identifikation. Unberührt blieb die mit den Nazibezwingern.) Gemäß ihrer dualistischen Weltsicht war für die deutschen Linken jeder, der den alliierten Nazibezwingern absolute Unschuld bescheinigte – ihren Unschuldwahn bestätigte - , ein Guter. Und umgekehrt war jeder, der nicht nur den Nazis sondern auch den Alliierten Schuld und Unrecht vorwarf, ein Böser – ein tatsächlicher oder zumindest potentieller Faschist. Diese Weltsicht so wahnhaft wie ihre Vorgängerinnen. Der deutsch-alliierte Schuld-/Unschuldwahn erreichte seine bis heute anhaltende Blütezeit. Unverzichtbare Differenzierungen unterlagen und unterliegen noch immer einem Tabu. Bis vor wenigen Jahren habe ich dazu beigetragen. - Nach 16-jähriger Latenz erkämpfte sich im Ringen zwischen deutschem Unschuldwahn und deutschem Schuldwahn letzterer die Vorherrschaft. Die eine dominierende falsche Identität wurde durch eine andere dominierende falsche Identität abgelöst. Sie dominiert bis heute. Armes Deutschland!

Wer heute in der Bundesrepublik das Plakat: Ich bin Schuld! vor sich herträgt, ist in; wer darauf beharrt, auch die Alliierten hätten Schuld auf sich geladen - etwa mit dem Moral bombing oder später mit ihrer Rache im Gewand von Recht und Gesetz ist out. Leider! Die einer gerechten Strafe entgangenen Nazi-Täter und deren Enkel ebenso. Gott sei Dank!

Mein Vater blieb vom Beginn der Bundesrepublik bis zu seinem Lebensende out. Er hat keine Karriere gemacht. Dank seiner ressentimentbehafteten Ablehnung des alliierten Unschuldwahns wie des deutsch-alliierten Opportunismus arbeitete er nach Kriegsende 10 Jahre lang als Kumpel unter Tage. Anschließend als kleiner Angestellter von Krupp-Rossenray. Zumindest hierin konsequent. Hätte er noch seine Trotzköpfigkeit aufgeben und sich zur Abkehr vom Nationalsozialismus durchringen können, hätten wir zwei es ganz gut miteinander aushalten können. Im Grunde seines Herzens war er ein liebenswerter Mensch. Das habe ich leider erst 1993, kurz vor seinem Tode an der Alzheimerkrankheit, bemerkt. Bis dahin war unser Verhältnis ein Desaster. Mit seiner Trotzköpfigkeit repräsentiert er übrigens eine zwar gesellschaftlich relativ harmlose, familiär jedoch verhängnisvolle Variante des deutschen Ressentiments. Bei ihm war das Ressentiment durch zumindest partielle Schuldeinsicht gebrochen. Er gehörte weder ganz zu den Braven noch ganz zu den Aufmüpfigen. Er war zur Hälfte das eine und zur Hälfte das andere. Zuweilen im selben Atemzug. Für das Familienleben ein Graus.

Der auf traditionellem deutschen Untertanengeist beruhende Schuldkomplex wie auch eine unheilschwangere Ressentimentbereitschaft - beides im Wechselspiel mit alliiertem Machtmißbrauch - treiben bis heute ihr Unwesen. Der ist wahrlich mit Blindheit geschlagen, wer die Bundesrepublik für eine wahrheits-, gerechtigkeits- und solidaritätsorientierte Demokratie hält. Er müßte die erschreckende Zunahme neonazistischer Gewalttaten erklären. Ebenso die von Jahr zu Jahr größer werdende Schere zwischen Arm und Reich. Die ständig wachsende Zahl von Kindern, die ihr Leben unter Sozialhilfebedingungen fristen müssen. Der Goethe-Satz: Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles! war in Deutschland nie richtiger als heute. Neuerdings entscheidet über Wohlbefinden vorwiegend der Aktienkurs, nicht liebevolles Miteinander. Der Preis für Ressentiment, Karrieregeilheit und Raffgier ist ein ungeheurer Verlust an Humanität. Für in- und ausländische Mitmenschen vielfach nur noch der Ellenbogen, nicht mehr die ausgestreckte Hand. Ansonsten Gleichgültigkeit. Solidarisches Handeln eine seltene Ausnahme. Ein Luxus, den man glaubt, sich nicht leisten zu können. Der abendländische Individualismus mit seinem innewohnenden Macht-/Ohnmachtwahn hat seinen Gipfel erreicht.

Ohne daß die meisten es merken, leben wir in einem Gefrierhaus. Ein neuer Sozialdarwinismus hat uns unempfindlich gegen Kälte gemacht. Wir spüren die Gänsehaut nicht mehr. Die politisch-wirtschaftliche Funktionselite unseres Landes gebärdet sich in weiten Teilen als Feudalklasse. Schamlos missbraucht sie den Staat als Selbstbedienungsladen. Straffrei betreibt sie illegale Geldgeschäfte. Korruption ist an der Tagesordnung. Einem ehemaligen Kanzler billigt sie den Status ‚legibus solutus’ eines absoluten Monarchen zu. Unbehelligt darf er sich in dem Gefühl sonnen, über dem Gesetz zu stehen. Wer die siebziger Jahre miterlebt hat, wird dies zudem noch anders sehen. Verwundert wird er feststellen, daß die Herrschenden von heute sich in bester Gesellschaft mit den Anarcho-Spontis von damals befinden. Überall an den Hauswänden war die Leitparole der kleinen radikalen Splittergruppe zu lesen: Legal – Illegal - Scheißegal! Von allen braven Bürgern als unerhörte Provokation empfunden. Damals. Heute scheinbar akzeptierte Normalität in Deutschland. Ein bezeichnender Bewusstseinwandel. Die Spaß- und Wohlstandsgesellschaft (Wohlstand für wen?) überpinselt den kranken Sozialkörper mit bunter Farbe. Schöner (Haben-) Schein soll unschönes Sein vergessen machen. Die verantwortlichen Politiker sollten sich erinnern, daß die Weimarer Republik nicht zuletzt am verhassten Typus des korrupten Abgeordneten gescheitert ist. Der heutige Typus dieser unappetitlichen Spezies ist vorerst ‚lediglich’ mitverantwortlich für die grassierende Politikverdrossenheit. Vorerst... – Das alles ist schlimm genug. Viel schlimmer ist, daß wir uns das lammfromm gefallen lassen. In alter Untertanentradition. Sind die Herrschenden nicht selbst in der Lage dazu, ist es unsere Pflicht, für die Einhaltung demokratischer Gepflogenheiten zu sorgen. Bezeichnenderweise haben wir es nicht geschafft, die kriminellen Finanztrickser ihrer gerechten Strafe zuzuführen, dem Ex-Kanzler die aus eigenen Gnaden höchstselbst aufgesetzte Krone vom majestätischen Haupte zu pflücken. Vielfach wird ihnen gar die Glorie unschuldig verfolgter Opfer zugestanden. Statt eines gesellschaftlichen Aufstands ist die Zahl der Korruptionsfälle bei Beamten und höheren Angestellten in den letzten Monaten sprunghaft angestiegen. Um 30%. Die bundesrepublikanischen Bürger nehmen nicht die Gelegenheit wahr, sich als mündig zu erweisen; sie sind unterwegs, sich als Anarcho-Individualisten zu mausern. Der gute alte Untertan im modernen Gewand. Empfohlen sei die (erneute) Lektüre von Heinrich Manns Roman: Professor Unrat.

Dieser alles eher als erfreuliche Befund hat – neben manchen anderen Ursachen! - nicht zuletzt mit der Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik zu tun. Mit ihrem Urtrauma. Wie auch mit den Folgen des Kalten Krieges. Die heutige Bundesrepublik ist nicht auf dem Weg zur Stabilisierung und Vertiefung von Demokratie. Im Gegenteil. Im Zuge des neuen Global-Ökonomismus wird die Schere zwischen Verfassungsanspruch und Verfassungswirklichkeit immer größer. Die Verfassung wird immer exzessiver überdehnt, mehr und mehr ausgehöhlt. Trotz aller gegensätzlichen Beteuerungen. Früher oder später muß das zu nicht mehr kompensierbaren sozialen Spannungen führen. Die Adenauer-Ära läßt grüßen. Vielleicht bekommt in nicht allzu ferner Zukunft der alte Menschheitstraum von einem humanen Sozialismus eine neue Chance. Ich hoffe es. Auch, weil dann den traumatisierten Kriegsgeborenen endlich Gerechtigkeit widerfahren würde. Symbolisch, postum zumindest. Die meisten werden es wohl nicht mehr erleben. Aber beileibe nicht nur deshalb.

Im heutigen gesellschaftlichen Klima gemäß dem Motto: Jeder ist sich selbst der nächste! können sie kaum auf Verbesserung ihrer Situation hoffen. Dazu wäre nicht nur gegebenenfalls eine adäquate ärztliche Behandlung notwendig; ebenso wichtig wäre die soziale Wahrnehmung und Anerkennung ihres Leids sowie das Gefühl, daß ihnen Gerechtigkeit widerfährt, daß die für ihr Leid Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Daß vor allem letzteres geschieht, ist eine wesentliche Voraussetzung zugleich für Vergebung der Täter und Verheilen des Traumas. Ohne Gerechtigkeit kein Vergeben und kein Heilen. In Ausnahmefällen mag Vergeben und Heilung ohne Entschuldigung der Täter möglich sein. In aller Regel gilt: Die Wunden schließen sich trotz aller sonstigen Bemühungen erst wirklich, wenn nach Entschuldigung der Täter vergeben werden kann. Das kann als gesicherte Erkenntnis der modernen Psychotraumatologie gelten. Sie wurde zuerst und vor allem an Holocaust-Opfern gewonnen. Ich kann sie auf Grund eigener Traumaerfahrung bestätigen. - Allen Traumatisierten gesteht man adäquaten ärztlichen Beistand, soziale Zuwendung und Herstellung von Gerechtigkeit zu. Nur den Traumatisierten unter den deutschen Kriegsgeborenen nicht. Ihnen wird so gut wie nichts davon gewährt. Das wird sich in der momentanen Eiszeit der Bundesrepublik kaum ändern. Ein etwa 40-jähriger Psychoanalytiker rechtfertigte sein Desinteresse an diesem Thema mit der Gnade der späten Geburt. Leid und Ungerechtigkeit sind bis auf weiteres festgeschrieben. Die unaufgelösten Traumen werden sich weitervererben bis in die dritte und vierte Generation. Auch das eine gesicherte Erkenntnis der Psychotraumatologie. Die große Zahl unschuldig traumatisierter deutscher Kriegsgeborener tendiert mit zunehmendem Alter gegen Null; die Zahl ihrer unschuldig traumatisierten Nachkommen wird immer mehr anwachsen. Äußern wird sich das in einem Anschwellen mehr oder weniger undefinierbarer körperlicher und seelischer Erkrankungen. In seelischer, sozialer und kreativer Immobilität. Das ist vor allem ein menschliches Problem. Zugleich wird es auch ein gesellschaftliches und volkswirtschaftliches.

Damit komme ich zu einem Hauptpunkt. Richter sagte oben: Wir Deutsche dürften weder gerecht leiden noch die Sieger anklagen, gleichgültig, was sie uns angetan haben. Gerecht leiden dürfen nur Widerständler oder Verfolgte.

Ich bin weder Widerständler noch Verfolgter. Ich bin nichtjüdischer Deutscher. Und damals zu jung für politischen Widerstand. Ich wurde im November 1944 geboren. Also noch während der Kriegs- und Nazizeit. Hier, an diesem - entschuldigt bitte das pathetische Wort: an diesem heiligen Ort also schwöre ich bei allem, was mir heilig ist: Ich habe Hitler nicht gewählt. Ich war niemals Nazi und Antisemit. Ich habe den Krieg nicht angefangen und ihn auch niemals befürwortet. Ich bin in kein fremdes Land eingefallen und habe keinen Menschen getötet oder in irgendeiner Weise dazu beigetragen, daß einer getötet wurde. Auch habe nicht ich die Bomben auf Darmstadt und Wilhelmshaven geschmissen. Mir selbst auf den Kopf schon gar nicht. Insbeson-dere habe ich niemals einen Juden diskriminiert. Erst recht habe ich in keiner Weise Anteil an dem verabscheuungswürdigen Verbrechen Holocaust. Dennoch schlägt Richter mich den Tätern zu. Absolut unschuldig, verbietet er mir, gerecht zu leiden. Nur Widerständler oder Verfolgte dürfen das. Keinesfalls die deutschen Kriegsgeborenen! Und seien sie auch genauso unschuldig und traumatisiert wie Holocaust-Opfer. Wer in der Bundesrepublik die Existenz von Holocaust Opfern leugnet, wird juristisch bestraft; bestraft wird auch, wer die Existenz von Moral-Bombing-Opfern - behauptet. Mit gesellschaftlicher Isolation. Der Moral-bombing-Leugner ist ein Guter, der Holocaust-Leugner ist ein Böser. Der Holocaust-Bestätiger ist ein Guter, der Moral-Bombing-Bestätiger ist ein Böser. Bundesrepublikanische Realität bis heute.

Das klingt nach Karikatur. Ist auch eine. Der bundesrepublikanischen Wirklichkeit ist diesbezüglich nicht anders beizukommen. Mit Konsequenzen, die ans grob Gewissenlose, um nicht zu sagen an strafbare Unterlassung rühren. Im Widerspruch zur großen moralischen Geste der Deutschen, fürs Moral bombing, wie für den Krieg insgesamt, die Alleinverantwortung zu übernehmen, steht die Tatsache, daß sie noch 1986 kein einziges Therapiekonzept für die deutschen traumatisierten Kriegsgeborenen hatten. (Die einzige Ausnahme aus dem Jahr 1968 von Hau - prompt in die wissenschaftliche Schmuddelecke gestellt - habe ich erwähnt.) Erst Ende der 80er Jahre wird das, wie Tilman Moser sagt: "riesige Versäumnis" überhaupt nur bemerkt. Weiterhin verweise ich nochmals auf den beschämenden Offenbarungseid der Deutschen auf dem internationalen Kongreß über kriegsgeschädigte Kinder 1992 in Hamburg. Sowie auf das 1998 erschienene Lehrbuch zur Psychotraumatologie, in dem deutsche Kriegstraumatisierte schlicht nicht vorkommen. Eine großartige moralische Alleinverantwortung, die die Deutschen da für den Krieg und seine Folgen übernommen haben, nicht wahr? Die Unschuldigsten der Unschuldigen, die kriegsgeborenen deutschen Kinder, werden per 'Wissenschaftsdekret' den Tätern zugerechnet - schon trägt man für sie keine Verantwortung mehr. Mit leichter Hand werden sie ein zweites Mal traumatisiert. Die große moralische Geste ist in Wahrheit Ausdruck moralischer Perversion: von selbstverschuldeter Dummheit, von Gewissenlosigkeit. Alles, was ich hier gesagt habe, ist seit langem bekannt. Man hätte es nur zur Kenntnis nehmen brauchen. Aber ihr wißt schon: der Schuldkomplex, das eigene Wohlgefühl, die Karriere. Abwehr von Schuld, Scham und Angst. Deutsche Untertanenmentalität...

Einige werden vielleicht immer noch nicht glauben, was ich hier sage. Daher eine letzte Stellungnahme, auch zur Ehrenrettung von Horst-Eberhard Richter, dem ich trotz allem viel zu verdanken habe. Tatsächlich hat seine Entdeckung des Macht-Ohnmachtwahns in der europäischen Geistesgeschichte - in seinem großartigen Buch: Der Gotteskomplex - mich zur Entdeckung des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns geführt. Wenige Bücher haben mich so stark geprägt wie dieses. Darüber hinaus ist die bei ihm festzustellende bewunderungswürdige Verbindung von wissenschaftlichem Werk und solidarischem Handeln weiterhin vorbildhaft für mich. Meine Kritik an ihm ändert daran nichts. Ich hoffe sogar, sie weitgehend in seinem Sinne vorzutragen. - Fast tragischerweise war Richter nicht in der Lage, seine brillante Entdeckung im Gotteskomplex auf die Geschichte der Bundesrepublik anzuwenden. So bleibt mir leider nichts anderes übrig, als den hellsichtigen Richter gegen den blinden Richter ins Feld zu führen.

Angesichts des Hamburger Desasters räumt er ein, das Thema deutsche Kriegskindergeneration sei eine "verschwiegene, unentdeckte Welt". Er erklärt dies damit, daß die Wissenschaftler selbst dieser Generation angehörten. Wegen der eigenen Nähe zum Tätervolk sei ihre Scham so groß gewesen, daß sie sich nur berechtigt glaubten, über die Opfer zu forschen: die Überlebenden des Holocaust und die anderen verfolgten Gruppen. Eine ziemlich späte Einsicht. Aber immerhin eine Einsicht. Leider wieder zu kurz gesprungen. Nach Eingeständnis des 'riesigen Versäumnisses' hätte Richter sich die ominöse Scham doch einmal genauer ansehen müssen. Tut er aber nicht. Fast klingt es bei ihm so, als halte er sie für eine Art Adelsprädikat. Jeder dieser Schamhaften ein Moralheld. Offensichtlich handelt es sich aber doch um eine irrationale, realitätsverkennende, pathologische Scham. Um eine Scham, der man sich schämen muß. Ist sie doch nicht zuletzt durch die oben beschriebene Strafangst in die deutsche Individual- und Kollektivseele einbetoniert. Sich selbst zum Sündenbock machen zu lassen ist genauso unmoralisch wie andere zum Sündenbock zu machen. Und vor allem: Die hochmoralische Scham hat einen unmoralischen Schönheitsfehler: Sie wird gepflegt auf Kosten vieler Tausender unschuldiger Menschen. Der deutschen Kriegsgeborenen. Sie ignoriert deren lebenslanges Leid. Sie traumatisiert sie ein zweites Mal. Es handelt sich nur zur Hälfte um eine altruistische Scham; zur anderen Hälfte um eine egoistische, um eine, die dem eigenen Wohlgefühl dient, sich auf der richtigen Seite, auf Seite der (Selbst-) Gerechten, sprich: der Herrschenden zu befinden. Eine wirklich moralische Scham ist unteilbar. Richters Scham entspricht nicht einer rationalen sondern einer irrationalen Moral. Ein von ihm selbst geprägter Begriff. Mitgefühl für die Naziopfer ist nur allzu angebracht; warum sollte unschuldigen Opfern alliierter Verbrechen Mitgefühl verweigert werden? - Der klare Blick und die Zivilcourage eines Georg Bell wären gefragt gewesen. Das fällige Stichwort: Deutsch-alliierter Schuld-/Unschuldwahn. Dementsprechend hat Richter 1992 noch immer nicht begriffen, daß es sich bei den deutschen Kriegsgeborenen nicht um Täter, sondern ebenfalls um Opfer handelt. Allerdings nicht um Opfer der Nazis, sondern der Alliierten. Horribile dictu! Ein schrecklich hartnäckiger Wahn!

Die Frage, warum größtenteils auch die kriegs- und nachkriegsgeborenen Wissenschaftler sich bis heute nicht daran gemacht haben, die 'verschwiegene, unentdeckte Welt' zu erforschen, ist ebenso wichtig wie leicht zu beantworten. Im eigentlichen Sinne haben Schuld an den deutschen Kriegsverbrechen und insbesondere am Holocaust ausschließlich die dafür verantwortlichen Köpfe, Organisatoren und Handlanger; Mitschuld trifft die übrigen deutschen Erwachsenen der Tätergeneration, auch wenn sie weder an den Verbrechen beteiligt waren, noch von ihnen gewußt haben. Unschuldig dagegen sind die bis Kriegsende etwa 16-jährigen Kinder. Bekanntlich hat diese unverzichtbare Differenzierung nie wirklich stattgefunden. Im eigentlichen Sinne Schuldige, Mitschuldige sowie die unschuldigen Kriegskinder - und sogar noch die Nachkriegsgeborenen - sind in einen Topf geschmissen worden. Eine weitere Leistung des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns. Kaum die relativ wenigen Täter, vor allem das große Heer der Mittäter hat auf brachialen Druck der Alliierten die Alleinschuld so gründlich verinnerlicht, daß sie diesen Wahn fast zwangsläufig als eigene Wahrheit an die Nachfolgegenerationen der Kriegs- und Nachkriegsgeborenen weitervererbt hat. War der Tätergeneration der Wahn per Galgen und Propaganda eingehämmert worden, so übernahmen ihn die Kriegs- und Nachkriegsgeborenen von ihren Eltern als Glaubensdogma. Ohne jede Ahnung, wie es zustande gekommen ist. Ohne jede Chance, es zu hinterfragen. Da trauma- und tabugeschützt. Man kann von einer bis heute nicht aufgelösten intergenerationalen Traumatisierung sprechen. Bezeichnenderweise haben Historiker - drei Historikerinnen, um genau zu sein - erst in allerjüngster Zeit bemerkt, daß ihrer Zunft über die unmittelbare deutsche Nachkriegszeit so gut wie nichts bekannt ist. Verdienstvollerweise haben Ute Frevert und vor allem Gesine Schwan und Aleida Assmann es unternommen, einiges Licht in das Dunkel des verdrängten bundesrepublikanischen Urtraumas zu bringen. (Leider haben sie das Nürnberger Tribunal nur am Rande erwähnt. Und Landsberg und die Nürnberger Nachfolgeverfahren überhaupt nicht.) Wie nicht anders zu erwarten, haben ihre Untersuchungsergebnisse viel zu wenig Resonanz gefunden. Aus diesen Gründen wähnen noch die jüngsten Wissenschaftler sich in bester deutscher Tradition, wenn sie ausschließlich über Holocaustopfer und andere Verfolgte des Nazi-Regimes forschen, nicht aber über die Opfer eines angloamerikanischen Kriegsverbrechens - das Moral bombing.

Was für die Wissenschaftler gilt, gilt entsprechend für die meisten anderen Deutschen. Auch ihnen ist von der Tätergeneration über den Mechanismus der intergenerationalen Traumatisierung der Schuld-/Unschuldkomplex bis weit in die Nachkriegsjahrgänge hinein vererbt worden. Auf dieselbe Weise auch die Ressentimentbereitschaft. Als mitbedingende Folge alliierter Rache wie des Kalten Krieges. Sie erklären mit den bedrohlich anschwellenden Rechtsextremismus, das öffentliche Tabu, über alliierte Kriegsverbrechen zu sprechen wie auch die Diskussionen der letzten Jahre – etwa zum Walser-Bubis-Streit, zu den Goldhagen-Thesen. Von Ausländern vielfach mit ungläubigem Kopfschütteln verfolgt. Der Schuld-/Unschuldwahn beginnt, sich aufzulösen. Ausgestanden ist er noch lange nicht.

Was bedeutet dies alles nun für mein persönliches Schicksal? Peter Heinl, einer der ganz wenigen Seelenärzte, die sich mit den deutschen Kriegsgeborenen beschäftigen, spricht vom "doppelten Leid" dieser Gruppe. In aller Regel würden die Ursachen und Auswirkungen der Symptome kriegsbedingter Traumata unerkannt bleiben. So würde dem ursprünglichen Trauma das "Leid diskriminierender Abwertung hinzugefügt." Den Betroffenen würde gesellschaftliches Versagen als persönliches angelastet. Würde diese Zuschreibung übernommen, entstehe ein "Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist." Besser läßt meine Biographie sich nicht umschreiben. Nur in einem Punkt ist sie atypisch. Ich habe den "Teufelskreis" durchbrochen. Allerdings sehr spät. Zu spät.

Ich habe versprochen, hier nicht mein ganzes Leben auszubreiten. Ich halte mich daran. Daher nur Stichworte, die zeigen sollen, wie die geschilderten Anfänge meines Lebens einerseits und der schmachvolle, gesellschaftliche Umgang mit deren Folgen andererseits sich zum Teufelkreis schlossen. - Schwere Pubertätskrise. 1962 Abgang vom Gymnasium. Ohne Mittlere Reife. Beginn einer qualvollen Bauzeichnerlehre. Ein Jahr später - 1963, ich bin neunzehn Jahre alt - schwere Erkrankung. Diagnose: Lupus erythemathodes visceralis mit Herz-, Leber- und Nierenbeteiligung. Heute für mich zweifellos eine psychosomatische Krankheit mit Ursachen in prä- und perinataler Zeit. Ausgelöst durch die Traumatisierung während der Pubertät. Ich war ungerechterweise nicht versetzt worden. Hatte im Geschichtsunterricht die faschistische Sicht meines Vaters zum Dritten Reich vertreten. Ein Schulskandal! Der antifaschistische Lehrer sorgte für meine Entfernung. Im Streit zwischen deutschem Unschuld- und deutschem Schuldwahn bleibe ich auf der Strecke. Anschließend nirgendwo mehr eine Heimat. Weder im Elternhaus noch in der Gesellschaft. Kurzzeitig im Ruderverein. Bis zur Erkrankung. Prognose: die autoaggressive Immunerkrankung führt innerhalb der nächsten fünf Jahre zum Tod. Aus dem Schulkonflikt gehe ich später als strammer Antifaschist hervor. Nach einjährigem Krankenhausaufenthalt lasse ich die Lehre sausen und hole in drei Jahren auf dem Abendgymnasium das Abitur nach. (Übrigens war ich ein guter Abendschüler.) Zur allgemeinen Überraschung lebe ich sechs Jahre nach Krankheitsbeginn immer noch. Mit einer Frau bekomme ich ein Kind und heirate sie. Komme aber meinen Pflichten als Ehemann und Vater nicht nach. Die Ehe wird geschieden. (Darauf komme ich zurück.) Die große Liebe mit einer anderen Frau zerbricht. 1970, mit Beginn meines Studiums in Freiburg, keine LE-Zellen mehr nachweisbar. Ein medizinisches Wunder. Abgesehen von einem unbedeutenden Leberbefund (ausgerechnet durch eine Blutübertragung) bin ich körperlich gesund. Exakt mit Realisierung dieser an sich nicht unerfreulichen Tatsache erstmals schwere Depressionen.

1971 dreimonatige Behandlung in einer psychosomatischen Klinik. Erste, unzureichende Einsichten in die Ursachen von Depression und körperlicher Erkrankung. Anschließend drei Jahre Therapiegruppe. Scheitert. Grund: Vehement hatte ich darauf bestanden, das Darmstädter Bombeninferno als Ursache meiner körperlich-seelischen Erkrankung in die Therapie einzubeziehen. Die Gruppe, einschließlich Therapeutin, beharrt darauf, meine Seele, nicht der Krieg sei Gegenstand der Therapie. Immerhin hatte die Therapie mir eine neue Liebe beschert. Der insbesondere sexuell beglückenden Liebe, einem Soziologie- und psychoanalytischem Literaturstudium an der Uni sowie politischem Engagement im linken SHB verdanke ich seelischen Aufschwung. Intensive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Definiere mich als Antifaschist. Wenig später erneuter Abschwung. Die Liebe zerbricht. Mit der Beziehung zu einer anderen Frau gerate ich in ein fünfjähriges Desaster. Bin unfähig, Nein zu sagen. Völlig mit ruinösem Ja-Sagen beschäftigt, ist an Studieren nicht zu denken. 1977 Beginn einer dreijährigen Einzeltherapie. Gegen heftige innere Widerstände. Diesmal aber Glück mit dem Therapeuten. Liebe auf den ersten Blick. Das therapeutische Liebesverhältnis macht die Behandlung zum Erfolg. Allerdings: meine Darmstädter und Wilhelmshavener Anfänge waren kein Thema. Grund: meine Erfahrungen in der Gruppentherapie. Lerne Nein-Sagen. Von Grund auf. Als 34-jähriger beginne ich, so etwas wie Ich-Identität zu entwickeln. Befreie mich aus der folie à deux. Hole mein Examen im D-Zugtempo nach. 1980.

Es beginnt die Blütezeit meines Lebens. Lehrer an einer Sprachschule. Eine neue große Liebe. Diesmal mit dem Gefühl, zum erstenmal wirklich liebesfähig zu sein. Dennoch gehe ich 1982 ohne Frau, allein, nach Berlin. Grund: der unwiderstehliche Wunsch, dort den sprachlosen Raum, den ich in der Einzeltherapie entdeckt hatte, bis auf den Grund zu erforschen. Thema: Urvertrauen und Sympathie. Mit Hilfe von Sanyasin-Methoden gelingt das. Einige sehr disziplinierte Jahre nach dem Mönchsmotto: Ora et labora. Täglich 10 Stunden Unterrichten, 3 Stunden Meditation, 2 Stunden Musikhören. Mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen. Meine Sexualität ändert sich. Nach monatelangem ‚Vergessen’ völlig neue Qualität sexueller Glückserlebnisse. 1986 albtraumhafte Regression in pränatale Zeit. Eine Woche später Wiedergeburtserlebnis. Entwicklung einer ansatzweise echten personalen Identität. Begreife die immense Bedeutung der pränatalen Zeit für alle Lebensbereiche. Evidenz, mein Leben liegt in Gottes Hand. Anschließend - 42-jährig - die Maiblüte meines Lebens. Meine volle Liebes- und Arbeitsfähigkeit. Allerdings (noch) beschränkt auf privat-beruflichen Bereich. Gesellschaftliche Implikationen (noch) nicht im Blickfeld. Sportliches Anknüpfen an Glanzzeiten als Rennruderer.

Dann zwei Paukenschläge. 1988 Rückkehr nach Freiburg. Meine große Liebe erweist sich als Frau, die eben die Angst vor der Liebe hat, die meine vorherigen Beziehungen stets scheitern ließ. Ironie des Schicksals. Die Liebe zerbricht. Diesmal unter umgekehrtem Vorzeichen. 1989 lukrative Lehrerstelle in Heilbronn. Fast eine berufliche Karriere. Dann 1990: Erfahre von meinen Eltern, was sie bis dahin geleugnet hatten. Familienangehörige waren Holocausttäter. Seelischer Zusammenbruch. Es rächt sich, daß ich die richtige historisch-gesellschaftliche Spur aus der Zeit der Gruppentherapie nicht weiter verfolgt hatte. Und stattdessen versucht hatte, mein Lebens-glück allein durch Heilung meiner Seele zu erlangen. Eine Woche lang Weinkrämpfe. Immer wieder steigen Holocaustbilder vor meinen Augen auf. Kann bis heute nicht ohne Weinkrämpfe über den Holocaust sprechen. Bewußtwerden, daß ein ungeheures, gesellschaftsbedingtes, trau-matisches Schuldgefühl mein ganzes Leben überschattet hat. Anschließend eine weitere Woche Trauer und Zorn über mein vertanes Leben. Ebenfalls mit Weinkrämpfen. Wagenburgverhalten meiner Familie, als ich ihr in einem Brief klarzumachen versuche, was ihr Verschweigen für mein Leben bedeutet hat. Das besiegelt den seelischen Einbruch. 1992 Reaktivierung der ausgeheilt geglaubten Nierenerkrankung. Beängstigende Progression. Begegne einer wundervollen Frau. Die wär’s gewesen. Stattdessen Kampf gegen den seelischen und körperlichen Knockout. 1994 Schließung der Schule. Arbeitslosigkeit. 1995 Rückkehr nach Freiburg. Wegen besserer medizi-nisch-homöopathischer Versorgung, der Unibibliothek und Militärarchive sowie günstigerer Auf-arbeitungsmöglichkeiten der Krise.

Anfang 1996 stecke ich in der Aufarbeitung des pubertären Schultraumas. Ich erzähle einer klugen Frau davon. Sie erzählt mir einen Traum, den sie vor einigen Jahren hatte. Sie befand sich allein in einer kleinen Kammer. Da hörte sie jemanden mit schweren, schleppenden Tritten die Treppe hinaufstapfen. Die Tür öffnete sich. Und da stand – Hitler. Im abgewetzten Soldatenmantel, kotigen Stiefeln, müde, einsam, todtraurig. Komm herein, sagte sie, Ich gebe dir einen Teller Suppe. Aber danach musst du gehen und darfst nie wiederkommen. Nie.

Anschließend berichte ich ihr von meinem Konflikt zwischen faschistischem Vater und antifaschistischem Lehrer. Als ich den Lehrer in den höchsten Tönen lobe, weil er damals mutig ein Tabu gebrochen, mir die Augen geöffnet und mich auf den rechten antifaschistischen Weg gebracht hat, unterbricht sie mich: Du hast offenbar noch immer nicht begriffen, was er dir angetan hat. Dein toller antifaschistischer Lehrer war ein ziemliches Arschloch. Es ist wie in einem Comic-Film. Während ich weiter das Loblied auf meinen Lehrer singe, sehe ich mich, wie ich über eine Klippe hinaus weiterlaufe und weiterlaufe und weiterlaufe, unter meinen Füßen nichts als Abgrund. Plötzlich begreife ich: Arschloch! – und stürze ab. Wie üblich bei Comic-Helden überlebe ich wohlbehalten. Dieses Erlebnis läutet die Wende ein. Das pubertäre Schultrauma löst sich auf. Nach 36 Jahren. Nach einem halben Menschenleben. Mein bis dahin antifaschistisch umflorter Blick wird frei für das Erkennen der historisch-gesellschaftlichen Realität der Bundesrepublik.

Jetzt, 1996, Durchbrechen des Heinl'schen "Teufelskreises". Nach einer erst jetzt wirklich echten personalen Identität Entwicklung einer uneingeschränkt echten sozialen Identität. Recherchiere, lese und schreibe fast rund um die Uhr. Im Wettlauf gegen den Tod. Mit relativem Erfolg. Nierenerkrankung eingedämmt auf tolerierbares Maß. Zunehmende Klarheit darüber, daß mein verkorkstes Leben weniger persönlichem als vielmehr familiärem und gesellschaftlichem Versagen anzulasten ist. Entdeckung des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns. Freiheits- und Gipfelräusche. Bittere Erfahrungen mit Widerständen, die meine Thesen hervorrufen. Besonders bei linken Freunden. Bekomme u.a. zu hören, die deutschen Kriegsgeborenen seien zwar unschuldig; aber ihre Tötung und Traumatisierung müsse als Preis für den Sieg über Hitler-Deutschland akzeptiert werden. Fast völlige soziale Isolation. Materielle Armut. 1999 Beendigung meines autobiographischen Romans. Wegen formaler Mängel zu Recht keine Veröffentlichung. Wäre aber wohl auch sonst nicht veröffentlicht worden. Zu viele heilige Kühe wurden geschlachtet. 2000 guter Artikel von mehreren Zeitungen aus politischen Gründen abgewiesen. Im selben Jahr Schmerzen, die mich zu einem Leben im Sessel zwingen. Schreibe noch einige Kapitel eines neuen Romans. Hoffe, die alten Fehler zu vermeiden, dem richtigen Inhalt die richtige Form zu geben. 2001 endlich meine innere Stimme, alleiniger Ratgeber seit vielen Jahren: Nun ist es genug! Es war nicht immer so. Diesmal stimme ich mit frohem Herzen zu.

Wie wäre mein Leben ohne das Schultrauma, wodurch prä- und perinatale Traumata aktiviert wurden, und ohne LE-Erkrankung - als Folge beider traumatisierenden Situationen - wahrscheinlich verlaufen? Vermutlich hätte ich ein unauffälliges, ‚normales’ Leben geführt wie viele andere. Ich hätte eine erfolgreiche Ruderkarriere fortgesetzt, hätte Abitur gemacht, studiert, wäre in den Schuldienst gegangen, hätte geheiratet, Kinder bekommen. Ich wäre ein passabler Lehrer geworden, aber kein guter Vater und Ehemann. Die Ehe wäre gescheitert. Vielleicht eine zweite, eine dritte Ehe. Als Lehrer und Bürger hätte ich gut funktioniert. Niemand – ich eingeschlossen – hätte geahnt, was in meinem Unbewussten eingemauert schlummert. Jeder – ich eingeschlossen – hätte mein Leben als insgesamt erfolgreich empfunden. Beziehungsidiotie wäre mir nicht als solche aufgefallen. Ewiges Scheitern in Liebesdingen hätte ich als zwar bedauerliches, aber schicksalsbedingtes persönliches Pech verstanden. Echte emotionale Nähe, Intimität wäre eben nicht mein Ding gewesen. Da muß man durch. An Veränderungsmöglichkeiten, etwa durch Psychotherapie, hätte ich nicht geglaubt. Ich hätte mich nicht darauf eingelassen. Berufliche und andere Erfolge hätten mir ermöglicht, ein undefinierbares Unbehagen unbeachtet zu lassen. Es hätte hinterrücks zu irgendeiner Art von Sucht geführt. Vermutlich weniger zu stofflichen Drogen (etwa Alkohol) als zu nichtstofflichen. Ich hätte mich als Workoholic gesehen. Paradoxerweise hätte die Sucht zu Erfolgen und sozialer Anerkennung beigetragen. Beiseiteschieben des Unbehagens – Sucht – Erfolg und Anerkennung hätten sich zum Teufelskreis geschlossen. Bis innere Einsamkeit und altersbedingter Kräfteabbau mich mehr und mehr zu der Erkenntnis gezwungen hätten, irgendetwas sei nicht in Ordnung. Etwas stimme nicht. Alles wäre mir schwerer gefallen. Als würde jemand meinen Lebensschwung bremsen. Mit zunehmend durchgedrücktem Bremspedal. Erfolge jeglicher Art wären mir immer schwerer gefallen, wären endlich ganz ausgeblieben. Schließlich hätte ich keine Kraft mehr gehabt, die Verdrängung aufrechtzuerhalten. Die frühkindlichen Traumatisierungen wären durchgebrochen. Schwere Lebenskrise mit Psychose - oder psychosenahen Schüben. Überwindbar vielleicht nur durch längere stationäre psychiatrische Behandlung und Frühpensionierung. (Wäre die Altersgrenze noch nicht erreicht gewesen.) - Ich meine also, die prä- und perinatalen sowie frühkindlich-familiären Verletzungen hätten sich im Laufe meines Lebens nicht in Luft aufgelöst. So oder so - irgendwann hätten sie mich eingeholt. Nur wäre in späteren Jahren der Durchbruch vermutlich weniger dramatisch verlaufen. Vielleicht nur auf seelischer, nicht auf körperlicher Ebene. Immerhin wäre das ein gewaltiger Vorteil gewesen.

Und was wäre schließlich gewesen, wenn aufgeklärte Lehrer, Ärzte und Eltern bereits in Kindertagen meine Auffälligkeiten, insbesondere Beziehungsprobleme richtig gedeutet hätten und entsprechend darauf eingegangen wären? Daran denke ich lieber erst gar nicht. – Ich fürchte, vielen Tausenden meiner kriegsgeborenen Schicksalsgenossen, die bis heute trotz privater Misere und bei (leidlicher) körperlicher Gesundheit gesellschaftlich gut funktionieren, wird eine ähnliche psychosoziale Krise, wie gerade beschrieben, noch bevorstehen. Vermutlich zwischen ihrem 60ten und 66ten Lebensjahr. Also ab etwa 2003. Hoffentlich geraten sie wenigstens dann an die richtigen Ärzte und verständige Menschen. Groß ist ihre Chance nicht. Die deutsche Krankheit. - Und wie viele Schicksalsgenossen sind vor mir zugrundegegangen? Ohne daß sie selbst oder andere irgendetwas über die Gründe in Erfahrung gebracht hätten?

Bis hierher könnte der Eindruck entstanden sein, mein Leben sei ein einziges Unglück gewesen. Dem ist nicht so. Im Gegenteil. Ebenso überreichlich wie mit Unglück hat das Leben mich mit Glück bedacht. - Bis zu meiner Erkrankung 1967 war ich drei Jahre lang Rennruderer. Eine große Zeit. Nur Wenigen vergönnt. Mit manchem Gipfelglück. Nicht allein durch Errudern einer deutschen Jugendmeisterschaft in der Königsklasse, im Achter. Er blieb die drei Jahre ungeschlagen. - Während der einjährigen Krankenhauszeit - nach Absturz vom erfolgreichen Hochleistungssportler zum Siechen mit einer Lebenserwartung von fünf Jahren - lernte ich Fjodor Michailowitsch Dostojeweskij kennen. Ein nicht zu überschätzender Glücksfall. Das Vertiefen in seine wahrhaft humane Welt hat nicht nur zu meinem Überleben beigetragen. Es ist mir bis heute eine nie versiegende Quelle von Trost, Erkenntnis und Glück. - Für die Zeit nach dem Wiedergeburtserlebnis - 1986 bis 1990 - würde ich meine restlichen Lebensjahre geben. Sie beinhaltet - wie ich glaube - das größtmögliche Menschenglück: Ein Leben in Dankbarkeit, Ehrfurcht, Vertrauen und überquellender Liebe der gesamten Schöpfung gegenüber. Kurz: Ein Leben aus unserem religiösen Ursprung. Solche Erfahrung ihrer Gläubigen würde jahrtausendealte religiöse Machtinstitutionen - insbesondere die Katholische Kirche - zum sofortigen Einsturz bringen. Kollegen fragten mich: Weißt du eigentlich, daß deine Schüler dich lieben? Allein diese vier Jahre geben mir das Gefühl, für alles Unglück im Übermaß entschädigt zu sein. - Nach Verschütten dieser Quelle - 1990 - bis auf den heutigen Tag immer wieder tiefe Glückserlebnisse nach hart erkämpften neuen Einsichten. (etwa nach Entdecken des deutsch-alliierten Schuld-/Unschuldwahns). Das Glück der Bergsteiger, nach widrigen Wetterverhältnissen in der Wand den Gipfel erreicht zu haben. Allein. In klarer, frischer Luft. Unter wolkenlosem, azurblauen Himmel. Bei strahlender Morgensonne.

Schließlich - und nicht zuletzt - bin ich reichlich mit Glück jeder Art von Frauen beschenkt worden. Eine von ihnen gestand mir nach langer beidseitiger Lehrzeit in Sachen Liebe, nie habe sie sich von einem Mann so geliebt gefühlt wie von mir. Gibt es im Leben eines Mannes Beglückenderes?

Natürlich war alles Glück stets ein nur zeitweiliges, allzu kurzes Glück. Und immer überschattet vom großen deutschen Unglück. Ihm mußte das bißchen persönliche Glück immer wieder und immer wieder vergeblich abgetrotzt werden. Im allgemeinen Unglück gibt es kein wirkliches, dauerhaftes privates Glück.

Weiterhin könnte der Eindruck entstanden sein, ich sei größtenteils von tumben, verständnis- und herzlosen Menschen umzingelt gewesen. Erneut. Dem ist nicht so. Im Gegenteil. Ich hatte das große Glück, vielen wundervollen Menschen zu begegnen. Es ist unmöglich, mich bei allen zu bedanken. Um niemandem das Gefühl zu geben, er oder sie sei vergessen oder übergangen worden, sage ich hier lediglich: Gewiss gehören alle hier Versammelten dazu. Danke Euch allen!

Zwei allerdings möchte ich zum Schluß persönlich ansprechen - meine geschiedene Frau Marion und meine Tochter Lena. Ich habe euch beiden großes Leid und Unrecht zugefügt. Liebe Marion, nie bin ich einem Menschen mit einem größeren Herzen begegnet. Ich war nicht imstande, Deine Liebe zu erwidern. Bitte, verzeih mir! Und auch du, liebe Lena, bitte, verzeih mir. Ich war Dir ein schlechter Vater, um nicht zu sagen: überhaupt keiner. Mir ist bewußt, wie schwer diese Sünde in einem Menschenleben wiegt. Wenn vor allem du mir nicht verzeihen könntest, wäre es besser für mich gewesen, nicht geboren zu sein. Mein Leben liegt in Deinen Händen. Mir bleibt nur, Euch beiden, vor allem Dir, liebe Lena, für die Zukunft das denkbar Beste zu wünschen. Ich liebe euch. Trotz allem.

Die vielleicht ungeduldig oder gar ärgerlich Gewordenen mache ich darauf aufmerksam, das war nicht mein ausgebreitetes Leben, sondern mein Leben in Stichworten. Zudem habe ich nur solche Stichworte angeführt, die ich für das Aufzeigen eines gewissermaßen repräsentativen Scheiterns für wichtig halte.

*

Ich überlasse meine Ausführungen eurem Urteil. Sollte die eine oder der andere der hier Versammelten zu dem Ergebnis kommen, daß dieses oder jene nicht ganz falsch sei, dann wünsche ich mir: Sie bzw. er möge meine für richtig befundenen Gedanken aufgreifen und dazu beitragen, den Grundstein zu legen für eine neue, bessere bundesrepublikanische Tradition. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, den bis heute virulenten Unschuldwahn der ehemaligen Alliierten zu kurieren; sollen sie ihn doch hegen und pflegen und glücklich damit werden. Allerdings halte ich es für unsere Aufgabe, dem deutschen Schuld-/Unschuldwahn wie auch der deutschen Ressentimentbereitschaft so weit wie möglich den Garaus zu machen. Vor allem in Hinsicht auf kommende Generationen. Das können wir. Das liegt in unserer Macht.

Diese Übel vollständig ausrotten zu wollen halte ich für unrealistisch. Sogar für nicht wünschenswert! Sie sind wohl Bestandteil menschlicher Natur. Jeder Einzelne wie soziale Gemeinschaften insgesamt müssen mit ihnen leben wie mit bestimmten Krankheitserregern. In kleiner Zahl schaden sie nicht. Im Gegenteil. Sie stärken unsere Abwehrkräfte. Nur bei Überhandnehmen werden sie gefährlich. Möglicherweise sogar tödlich.

Voraussetzungen, Schuld-/Unschuldwahn und Ressentiment in uns selbst wie in der Gesellschaft in einem gesundheitsförderlichen Maß zu halten, sind lediglich ein angstfreier Blick für die Wahrheit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Kurz: nicht wie bisher eine falsche, sondern eine echte personale wie soziale Identität. Natürlich bin auch ich nur ein Kind meiner Zeit. In meiner beschränkten, von der 68er-Revolte mitgeprägten Sichtweise, könnte das nur auf der Grundlage eines human-demokratischen Sozialismus gelingen.

Ein weiterer schuldhafter Fehler der 68er-Generation - also auch meiner – war, der Entwicklung gesellschaftlicher Identität (Sozialistische Gesellschaft) den Vorrang vor der der personalen gegeben zu haben. Zunächst zumindest. In ihrer, wie man sagen könnte, ödipalen Phase. Später – etwa ab 1972 – gaben viele von ihr – auch ich - zwar der personalen Identität den Vorrang, jedoch meist verkürzt auf das psychoanalytische Verständnis von ihr. Zudem nun umgekehrt ohne Bezug zur Gesellschaft. Allenfalls beschränkt auf Familie und In-group. Man könnte von einer narzisstischen Phase sprechen. Aus meiner Sicht müsste die personale Identität jetzt um eine nicht konfessionelle sondern wahrhaft religiöse Dimension ergänzt werden. (Stichworte: Durchbruch zu einem nicht sozial erworbenen ‚Urvertrauen’ – das ist bei genauerem Hinsehen meist ein Vertragsverhältnis, dem Misstrauen zugrunde liegt - sondern zum wirklichen, eingeborenen Urvertrauen und damit zu dessen Zwillingsschwester: zur eingeborenen Sympathie. Dostojewskijs ‚tschutkost’. Unser religiöser Ursprung.) Ohne die Gnade göttlicher Liebe ist alles Menschenwerk auf Sand gebaut. Nicht zuletzt Weltanschauungen und wissenschaftliche Werke auf rein rationalistischer und materialistischer Basis. Etwa die von Freud und Marx. Ebenso die verschiedenen Gesellschaftsformen. Zu dieser Überzeugung haben mich persönliche Erfahrung, Nachdenken und Zeugnisse anderer gebracht.

Übrigens fielen bei Einbeziehen der religiösen Dimension im genannten Sinne beide Identitäten in eins. Sie würden unmittelbar als zwei Seiten derselben Münze erfahren. Die Frage, ob eher einer gesellschaftlichen oder eher einer persönlichen Orientierung der Vorzug gegeben werden soll, erwiese sich als überflüssig. Jeder Zweifel entfiele, daß der Mensch als Person ein im umfassenden Sinne soziales Lebewesen in der Hand Gottes ist. Es wäre evident. Entsprechend müsste in einem human-demokratischen Sozialismus der Entwicklung einer wahren personalen Identität dieselbe große Bedeutung zukommen wie der einer wahren sozialen Identität. Das alte Erkenne dich selbst! - wäre dann immer zugleich ein Erkennen des Mitmenschen, des sozialen Zusammenlebens und der Schöpfungsordnung. Jede Erkenntnis in einem Bereich würde unmittelbar in die übrigen Bereiche zurückwirken. Und die darin neugewonnenen Erkenntnisse würden ihrerseits zu neuen Erkenntnissen in den anderen Bereichen führen. Und immer so fort. Es wäre ein dynamisches, vernetztes Erkennen. Nicht länger das lineare, fachidiotische Erkennen. Dieses Erkennen ist zu verstehen als ein Kind des europäischen Individualismus mit seinem innewohnenden Macht-/Ohnmachtwahn. (Richter) Ein janusköpfiges Kind, dessen furchterregendes Gesicht immer deutlicher zum Vorschein kommt. Das Sich-selbst- und die Welt-Sehen in der egozentrischen Ich-Perspektive unterliegt allzu oft dem verhängnisvollen dualistischen Schwarz-Weiß-Denken. Genauso wie die der Manipulation dienenden Wir-Perspektive.

Wie etwa in vielen Betrieben. Bei hierarchischen Oben-Unten-Strukturen versuchen sie ein Wir-Gefühl im Sinne einer gleichberechtigten Familiengemeinschaft herbeizumanipulieren. Oft ist damit die Absicht verbunden, Konkurrenz als Feind erscheinen zu lassen, den zu bekämpfen jedes Mittel recht ist. Nicht zuletzt das der Selbstausbeutung der Unteren. Ähnliches ist zu beobachten in faschistischen ‚Volksgemeinschaften’ und autoritär-kommunistischen ‚Arbeiter-und-Bauern-Staaten’. Ebenfalls aber auch in vom Verfassungsanspruch mehr oder weniger abweichenden demokratischen Gesellschaften. Wie etwa in der Bundesrepublik. Sie laboriert heute mehr denn je am widersprüchlichen Zugleich von demokratischen und autoritären Strukturen. Demokratie herrscht mehr oder weniger in Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, in Schule, Universität und Freizeitbereichen; mehr oder weniger autoritär geht es zu im Arbeits- und Wirtschaftsbereich sowie – in erschreckend zunehmendem Maße – in den großen politischen Volksparteien. Zu recht sprechen einige von unserer Republik als Parteienstaat. Das steht im Widerspruch zu ihrem Verfassungsauftrag.

Den sogenannten demokratischen Gesellschaften – die Bundesrepublik eingeschlossen – muß allerdings ein nicht zu unterschätzendes Potential an Selbstheilungskräften zugestanden werden. Die korrigierenden, auf Einhaltung demokratischer Verhältnisse drängenden Kräfte agieren in der Regel in der solidarischen Wir-Perspektive. Es ist ein differenziertes Denken, das stets die solidarische Perspektive anderer respektiert und berücksichtigt. Wie auch andere in Frage stehende Gesichtspunkte. Wie etwa Umwelt und Finanzen. Es ist ein von Toleranz und Kompromissbereitschaft getragenes Denken. Gegen Machtmissbrauch und die unsolidarische Ich-/Wir-Perspektive anderer setzt es sich zur Wehr. Nie ist es in Gefahr, sich durch Manipulation und grobe Vereinfachung komplexer Zusammenhänge ein irrationales Feindbild zu schaffen. Die solidarische Wir-Perspektive habe viele Frauen, insbesondere Mütter, uns Männern voraus. Wir sollten von ihnen lernen! Richtiges Erkennen eines Sachverhalts ist weniger eine Frage angeborener Intelligenz als vielmehr der Perspektive. Das vor allem erklärt die sonst unverständliche Tatsache, daß nicht gerade selten hochintelligente und hochgebildete Menschen an bestimmten Punkten ausgesprochen dumm sind. Und umgekehrt weniger intelligente und gebildete Menschen ausgesprochen klug. Entsprechend wüsste jeder solidarische Wir-Perspektivler sich in allen wichtigen Lebensbereichen kompetent. Die Standardausrede von Menschen ohne Courage, man könne in diesem oder jenem wichtigen Lebensbereich nicht mitreden, da man nicht die entsprechende Fachkompetenz habe, entfiele. Umgekehrt ließe kein solidarisch-couragierter Mensch sich damit abfertigen, wegen mangelnden Expertenwissens solle er gefälligst den Mund halten. Das Denken in der solidarischen Wir-Perspektive ist unauflöslich verknüpft mit Herzensweisheit und gesundem Selbstbewusstsein. Kommt Zivilcourage hinzu, macht es Widerstand gegen Ungerechtigkeiten und falsche Entscheidungen anderer zur Selbstverständlichkeit. Gerade auch gegen die der Herrschenden. Diese Art Widerstand ist das Gegenteil sowohl von ressentimentgeladener Aufmüpfigkeit als auch todessüchtigen Terrors linker, rechter oder pseudoreligiöser Provenienz. Er ist ein Kernelement jeder wirklich demokratischen Gemeinschaft. Von der Familie über Schule und Beruf bis hin zur eigenen Gesellschaft und zur internationalen Völkerfamilie. Ich wünsche mir, daß bei uns und überall in der Welt die solidarische Wir-Perspektive die Vorherrschaft über die unsolidarische Ich-/Wir-Perspektive erringt.

Was ich meine, lässt sich an einem bisher einzigartigen Beispiel erläutern. An Wyhl. Wenige Kilometer von Freiburg entfernt. Ein basisdemokratisches Glanzlicht. Ich kann als Beteiligter darüber berichten. Ich war als studentisches SHB-Mitglied dabei. Ein Höhepunkt meiner damaligen, nicht immer erbaulichen politischen Erfahrungen. Das konkrete Beispiel zeigt, daß das, was ich meine, durchaus keine Utopie ist. - 1975 hielten Politiker und Wirtschaftsexperten es für unbedingt notwendig, in Wyhl ein neues gigantisches Atomkraftwerk zu errichten und in der Oberrhein-Region ein zweites Ruhrgebiet entstehen zu lassen. Das wurde von der Bevölkerung verhindert. Trotz brutaler Polizeieinsätze und demagogischer Diffamierungen der Politiker. Und zwar ohne Unterstützung durch eine Partei oder sonstige Organisationen. Ohne hierarchische Strukturen. Es gelang auf der Basis solidarischer Gleichberechtigung und gewaltfreien Widerstands. Fast ein kleines Wunder. Grenzüberschreitend formierte sich erfolgreicher Widerstand auch in der Schweiz (gegen das AKW Kaiseraugst) und in Frankreich (gegen das Bleichchemiewerk in Marckolsheim und das AKW in Gerstheim). Eine Welle von Bürgerinitiativen aus anderen Anlässen und mit anderen Zielen folgte. In Wyhl hatte sich ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Bauern, Fischer, Müller, Studenten, Professoren, Brauchtumpflegern und Dorfhonorationen zusammengefunden. Was sie bei allen Gegensätzen einte, war die klare und richtige Einsicht: Wir lassen uns und unsere Region vom sogenannten ‚Fortschritt’ nicht kaputt machen! Es fand nicht nur eine überregionale Vernetzung der vielen Bürgerinitiativen statt; sie vollzog sich auch in den Köpfen und Herzen eines jeden Einzelnen. Die zentrale richtige Einsicht wirkte wechselseitig auf alle Lebensbereiche. Von persönlicher Gesundheit und Familie über das Finanziell-Materielle bis hin zu Umwelt und sozialem Zusammenleben. Für einen winzigen geschichtlichen Augenblick gab es im Einzelnen wie in einem kleinen Kollektiv eine vollständige Identität. Und viele werden es ebenso wie ich empfunden haben: Es wehte ein wahrhaft religiöser Geist. Warum sollte sich das nicht wiederholen? Im Großen und auf Dauer? Oft hat Großes sich im Kleinen angekündigt. - Der Kassandra-Chor einseitig auf politisch-wirtschaftlichen Vorteil bedachter Experten und Politiker in Deutschland, Frankreich und der Schweiz stimmte prompt ein düsteres Zukunftslied an: Jetzt geht im Dreyeckland das Licht aus! Nicht nur ist das Licht nicht ausgegangen, das Dreyeckland blüht wirtschaftlich bei Erhalt seiner wunderschönen Landschaft und Identität. Und nicht zuletzt: Heute ist der Ausstieg aus der Atomindustrie beschlossene Sache. Ökölogische Rücksichtnahme ist fast eine Selbstverständlichkeit. - Verläßt die Bevölkerung sich auf die Weisheit von meist auf Macht, Geld und technische Machbarkeit fixierte Experten und Politiker, ist sie meist verlassen. In wichtigen Fragen zentraler Lebensbereiche müssen Bürger die Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Technik immer wieder mit Zivilcourage, Selbstbewusstsein und besserer, da umfassend-vernetzter Einsicht (solidarische Wir-Perspektive) zwingen, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen und notfalls zu korrigieren. Sind politische und gesellschaftliche Institutionen in Gefahr zu versagen – meist auf Grund der Macht- und Machbarkeitsfalle - , ist Recht und Pflicht zum Widerstand auf Seiten des Einzelnen und kleiner Gruppen. Wyhl hat gezeigt, wie segensreich das sein kann. Ich wünsche mir noch viele Wyhls. Aber das ist mein Zukunftstraum. Vielleicht fällt euch ein besserer ein.

Eine letzte Anmerkung. Ich begrüße die europäische Vereinigung. So sind wenigstens in Zukunft Bruderkriege ausgeschlossen. Die kurzzeitige Sorge unserer europäischen Nachbarn, nach der Wiedervereinigung könne Deutschland erneut einem teutonischen Machtdelirium verfallen, hat sich als unbegründet erwiesen. Die Bundesrepublik ist fest in die Europäische Union eingebunden. Aber täuschen wir uns nicht. Alle in sie integrierten Länder schleppen nach wie vor ein unheilvolles gesamteuropäisches Erbe mit sich: den Macht-Ohnmachtwahn (Richters „Gotteskomplex“). Von hierher lassen sich nicht nur die beiden Weltkriege verstehen. Man denke auch an die leidvolle Kolonialgeschichte. Viele außereuropäische Völker sind ausgerottet, andere in unsagbares Elend gestürzt worden. An den Folgen der ungesühnten Verbrechen leiden ihre Opfer in aller Welt bis heute. Ist es richtig, daß von seiner Vergangenheit eingeholt wird, wer sich ihr nicht stellt – was ist dann von Spanien, Portugal, Belgien, Holland, Frankreich und England künftig zu erwarten? Von einer ernsthaften Aufarbeitung ihrer jeweiligen Kolonialgeschichte kann wahrlich keine Rede sein. (Von einer des Moral bombing der Engländer ganz zu schweigen. Die haben noch 1992 einem der beiden Hauptschuldigen ein Denkmal gesetzt: Sir Arthur Harris. Gegen heftigen Widerstand in England und Deutschland.) Ist nicht zu befürchten, daß das traditionelle Machtprinzip mit der Vereinigung der europäischen Länder nicht verschwindet? Daß es sich im Gegenteil potenzieren könnte?

In ihrem jetzigen Zustand jedenfalls scheinen mir in der Europäischen Union wirtschaftlich-militärische Interessen den Vorrang zu haben. Die Funktionseliten in den europäischen Gremien betreiben die entsprechenden Geschäfte weitgehend fernab demokratischer Entscheidungsprozesse. Mit dem Euro ist eine gemeinsame Währung eingeführt worden. Das mag die Wirtschaftskraft im globalen Wettbewerb stärken. Aber es fehlt eine politisch-kulturelle Identität. Eine gemeinsame Lebensform auf human-demokratischer Grundlage. Ohne sie wird das europäische Projekt von den Bürgern weiterhin kaum akzeptiert werden. Der Macht muß ein verbindender Geist hinzugefügt werden. Noch scheint mir das traditionelle Machtprinzip zu herrschen. Nicht das Solidaritätsprinzip. Wie dem auch sei. Ich meine, wir Deutsche haben mit unserer nazibelasteten und von vielen redlich aufgearbeiteten Vergangenheit die Chance wie auch eine besondere Verpflichtung, dem Solidaritätsprinzip zum Durchbruch zu verhelfen. In Deutschland ebenso wie in Europa. Und schließlich in allen Ländern der Erde.

Ich wünsche mir für die Zukunft einen deutschen solidaritätsorientierten Weltbürger! Dafür gibt es in unserer Geschichte großartige Vorbilder. Erinnert sei nur an Lessing, Kant oder Goethe.

Ich meine, es lohnt, den deutschen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur zu studieren. Ein Mensch wie der hingerichtete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer etwa könnte ebenfalls ein Vorbild sein. Übrigens ein Onkel von Klaus von Dohnanyi. Und ein Freund von Georg Bell.

*

Über Erich Kästner wurde einmal gesagt: Er war ein Kind der deutschen Aufklärung. Er glaubte an die menschliche Vernunft wie an ein Wunder. Aber an Wunder zu glauben – gerade das verbot ihm seine Vernunft. Ich betrachte mich ebenfalls als Kind der deutschen Aufklärung. Natürlich zeitgeschichtlich geprägt, wie Ihr bemerkt haben werdet. In meiner kurzen Lebensspanne habe ich so viele Wunder mit erlebt – etwa Wyhl oder die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands - , daß ich Wunder auch in Zukunft nicht ausschließen mag. Was sie angeht, bin ich im Gegensatz zu Kästner vorsichtig optimistisch. Aber wie mein Vater immer sagte: Von nichts kommt nichts. Vor allem keine Wunder. Das sie geschehen – dafür können wir uns bereit halten. Etwas tun. Das Menschenmögliche. Für den Rest sorgt der liebe Gott. Nicht unser, Sein Wille geschehe...

Damit schließe ich. Egal, ob ihr euch meinen Ausführungen anschließt oder nicht: Bitte, vergeßt mich nicht ganz! Ich jedenfalls wünsche euch ein Leben, an dessen Ende ihr sagen könnt: es war gut.

Lebt wohl!





 
  Geschichten
aus der
Kindheit


Erwachsene erzählen
heute, was damals
niemand hören wollte.

  .....über die Erfahrungen
einer misshandelten Kindheit zu sprechen ist oftmals der erste Schritt
auf einem langen Weg
die unsichtbaren Wunden
zu heilen.
   
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