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Damals
- Heute
Kerzen brennen neben meiner Kaffeetasse.
Eine starke, normal brennende, eine schwache.
Ein Vergleich tut sich mir auf,
umschwirrt vom Kerzenrauch.
Die groß brennende Flamme ist mein Widersacher,
alles vernichtend um sich herum, er ist der Macher.
Ich bin die schwache kleine Flamme,
alles um mich herum verdamme.
Brenne mit unauffälligem Licht,
dass ER mich nicht erwischt.
Andere brennen unbewegt und normal,
alles andere wäre zu fatal.
Sie sehen mich kämpfend leiden,
der Schaden unübersehbar, nicht zu vermeiden.
Bis auf die schwach brennende blase ich alle Kerzen aus.
Zaghaft brennt sie weiter, dann stärker hinauf.
Nicht mehr bedroht von IHM und unbeachtet vom Rest,
so fühlt sie sich wohler und besteht den Lebenstest.
Es war Sommer, ein Sommer den ich nicht fühlte. Er wurde
mir genommen.
Meine Wahrnehmungen waren auf allen Gefühlsebenen auf ein
Minimum
herunter gefahren. Du warst noch nicht da! Du kamst mit dem Verschwinden
des Sommers!
Auf dem Weg zur Mensa war Anita ausgesprochen ruhig. Ich ging
schweigend
neben ihr her. Das Essen verlief ebenso ruhig. Auf dem Rückweg
liefen
ihr Tränen über das Gesicht. Ich schaute sie an, sie
sagte nichts. „Was
ist mit dir Anita?“ Sie antwortete, dass sie traurig wäre
und den Besuch
ihres Freundes Andreas mit gemischten Gefühlen entgehen sehen
würde. „Du
kannst keine körperliche Nähe zu ihm ertragen, stimmt’s“,
mutmaßte ich.
„Mmhh!“ kam von ihr. „Wenn es nur dies wäre“,
fügte sie an. Das Gespräch
nahm einen Verlauf den ich nie glaubte dass er jemals stattfinden
konnte. Bis heute weiß ich nicht warum ich ein bestimmtes
Gefühl hatte,
dass es ein Problem für sie war. Und so fing alles an, meine
Vergangenheit holte mich ein. Mit all ihren schrecklichen Erinnerungen.
Unverarbeitet lagen sie vor mir, wie ein Berg voller Altlasten.
Der
Erdboden kippte mir entgegen und mein Körper kreiselte sich
im nicht zu
definierenden Raum. Alle Klotzköpfe kamen zum Vorschein.
Ich schien
nicht mehr alleine zu sein, du warst von nun ab immer meine Begleiterin,
meine Beobachterin, wie früher. Von der Zeit an, zeigtest
du mir meine
Vergangenheit auf.
Ich entstand aus deiner verletzten blutenden Seele, du konntest
es nicht
mehr alleine Tragen. Du brauchtest Unterstützung in der Form,
die ich
dir ermöglichte. Sobald Gefahr drohte, erschien ich und du
konntest im
dunkeln Seelenkeller verschwinden. Du hattest ein
Persönlichkeitsfragment abgespalten, gabst mir meinen Namen
und eine
eigene Persönlichkeit. Mittels dieser Änderung war es
dir möglich den
sexuellen Missbrauch in deiner Phantasie zu bewältigen. Ich
wusste immer
schon vor dir, was passieren würde, wusste vor dir, wie du
reagieren
würdest, ich als dein „Inni“. Von jetzt an konnte
ich dir alles
erzählen, in Erinnerung bringen, wenn du etwas vergessen
hattest, oder
du nicht anwesend warst. So begann unsere Beziehung zueinander.
Es gab zu Hause Menschen die es wohlwollend mit dir meinten,
das waren
die Strahleköpfe. Dein Vertrauen wuchs und du geselltest
dich immer mehr
zu den Strahleköpfen. Da Zuhause allein sein bedeutete, hattest
du diese
Möglichkeit der Kontakte genutzt und deinen Nebel um dich
lichtete ich
häufiger. Es gab Essen von den Strahleköpfen. Sie spielten
mit dir. Die
Strahlekopfkinder waren sehr viel älter als du und dein Bruder.
Trotzdem
gaben sie sich mit euch ab. Es waren Menschen die sich freundlich
und
nett um euch kümmerten. Das Vertrauen wuchs und ließ
euch zusammen
spielen. Ihr hattet diese Aufmerksamkeit der älteren Kinder
genossen.
Die Strahlekopfmama mochte dich Verletzbare Kleine besonders.
Sie war
sehr aufmerksam dir gegenüber. Den Strahlekopfpapa sahst
du sehr selten.
Vor ihm hattest du etwas Angst, er hatte so große Hände.
Im Haus gab es eine Veränderung. Fremde Menschen zogen ein.
Böse
Menschen, die Klotzköpfe. Diese Klotzköpfe waren alt.
Sie beschimpften
dich Kleine, wann immer sie dich sahen, oder deinen Bruder: „Ihr
Flüchtlinge, geht dahin zurück wo ihr hergekommen seid!“.
Der
Klotzkopfmann schlug dir auf den Kopf, wenn du an ihn vorbei musstest.
Immer wieder. Warum er das tat, begriff ich nicht, du auch nicht.
Die
Klotzkopffrau schimpfe ständig hinter euch her: „Flüchtlingskinder,
Flüchtlingskinder, Schmarotzer!“ Fremde Wörter,
deren Bedeutung du nicht
kanntest. Sie schimpfte auch, wenn sie euch beide auf dem Balkon
oder
schon von weitem sah. Ihre Wörter hallten laut. Ihre Wörter
kamen aus
ihr wie aus einem aufgezogenen Automaten. Dem Klotzkopfmann versuchtest
du aus dem Weg zu gehen. In dem Haus glich das einem Kunststück.
Alleine
wenn sie die Türen der Wohnung hörten, oder euch hörten,
kamen sie aus
ihrer Wohnung um euch zu demütigen. Sie ließen keine
Gelegenheit aus,
Schimpfsalven und Schläge auf euch hernieder prasseln zu
lassen.
So begann mit den Klotzköpfen eine höhnende, verachtende
und schlagende
Zeit für dich und eine weitere bittere Zeit begann. Zuhause
bedeutete
nun unter Klotzköpfen zu sein. Zuhause bedeutete Angst, Zuhause
bedeutete Armut, Zuhause bedeutete Vernebelung, Zuhause bedeutete
Schmerzen.
Schmerzen
Seelische Schmerzen, sie quälen sehr,
sie machen mir das Leben schwer.
Kann ihnen nicht entkommen,
unter Zeugen festgenommen.
Die Seele auf ein Minimum geschrumpft,
sie im tiefsten Schlamm versumpft.
Nur verdreckt kann sie daraus hervor gehen,
nie mehr im vollen Glanze stehen.
Körperliche Schmerzen kaum mehr tragbar,
von allen bisher unbeeinflussbar.
Immer mehr wird der Körper mir entfremdet,
ständiger Hass ihm zugesendet.
Copyright (c) by Didi Lindewald
aus meinem Buch "Schritte zurück in's Leben.
Eine Geschichte über
sexuellen Missbrauch und das Leben danach."
von Didi Lindewald,
Wagner-Verlag, ISBN 3-935232-55-1
http://www.didi-lindewald.de
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