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Meine Kindheit
Ich wurde im September 1940 in Waldstetten/Ostalbkreis geboren.
Mein Vater arbeite in Schwäbisch Gmünd als Gold-Graveur.
"SIE" das Wort Mutter bekomme ich bei dieser Frau nicht
mehr über die Lippen. "SIE" war der Teufel persönlich.
Bei jeder Gelegenheit bekamen wir tagsüber Prügel, wenn
mein Vater in Arbeit war. "SIE" brachte eine 3jährige
uneheliche Tochter mit in die Ehe, die noch brutaler geschlagen
wurde. Bei mir war "SIE" nicht so gewalttätig,
weil ich nie schwieg, sondern immer abends meinem Vater alles
erzählte. Dann gab es meistens abends Ärger. Mein Vater
nahm ihre uneheliche Tochter als eigen an, bzw. er adoptierte
sie. Immer wenn "SIE" den Besen oder sonstige Gegenstände
benutzte um meine Halbschwester zu züchtigen, stand ich dabei
und konnte ihr nicht helfen, weil ich zu klein war. Mit den täglichen
Streitereien ging die Ehe natürlich nicht gut.
"SIE" zeigte aus Wut meinen Vater an, er hätte
meine Halbschwester unsittlich belästig, was aber nie der
Wahrheit entsprach. (Meine Halbschwester inzwischen 70 Jahre alt,
sagt auch heute noch, dass mein Vater nie unsittlich zu ihr war
und daß er auch für sie ein guter Vater war, der immer
das Beste für sie wollte).
Ich kann mich noch heute an zwei Fälle genau erinnern, als
"SIE" wieder mal meine Halbschwester schlug fiel diese
mit dem Kopf gegen den Herd und hatte eine stark blutende Kopfwunde,
abends erzählte "SIE" meinem Vater, daß sie
zu blöde zum Laufen sei und gegen den Herd gefallen, sei
ohne ihr Zutun.Ein anderes Mal bekam ich mit, daß "SIE"
meine Halbschwester immer in die Volksschule schickte, ohne Unterwäsche
und sich königlich amüsierte, wenn ihr die anderen Mitschüler
den Rock hoben. Mir tat das sehr weh, denn ich wurde immer informiert,
von den anderen Mitschüler, das meine Schwester halbnackt
rumlaufen würde.
Irgendwann als ich 9 Jahre alt wurde die Ehe geschieden. Ich wurde
meinem Vater zugesprochen, meine Halbschwester kam, wie ich später
erfuhr in ein Waisenhaus.
Es war eine wunderschöne Zeit ohne "SIE". Mein
Vater malte in seiner Freizeit viel und er schrieb Theaterstücke,
wo er selber auch als Darsteller auftrat, er hat mich immer zur
Premiere eines neuen Stückes mitgenommen. Es war eine kurze
aber glückliche Zeit.
Nachdem das Jugendamt die uns zwischenzeitlich fast täglich
überwachten, meinem Vater mitteilten, daß ich in ein
Heim kommen würde, wenn er mich weiterhin in die Theatersäle
mitnahm, reagierte er sofort.Um dem zu entkommen und um mich weiterhin
bei ihm zu belassen, zogen wir zu seiner Schwester, die ein Haus
hatten und fortan für uns sorgte. Mein Vater nahm eine neue
Arbeitsstelle an und er liebte und verwöhnte mich. Ich bekam
immer alles was ich mir wünschte und was er sich finanziell
leisten konnte.
Er schrieb weiterhin Theaterstücke und nachdem ich bettelte,
dass er mich doch wieder mitnehmen sollte, erfüllte er mir
den Wunsch.
Das war ein großer Fehler, wie ich heute weiß, denn
bei einer dieser Premieren kamen 2 Frauen vom Jugendamt und holten
mich aus "diesem Sumpf, wie sie es nannten)
Danach wurde ich vom Jugendamt 1951 mit 11 Jahren in das Pius
Pflege Schülerheim nach Oggelsbeuren (Baden-Württemberg)
eingewiesen
Dann nach langer Leidenszeit freute ich mich auf den Schulabschluss,
weil ich damals der Meinung war, nun wieder zu meinem Vater zurück
zu kommen was auch geschah. Ich war bei der Scheidung meiner Eltern
meinem Vater zugesprochen worden und er sorgte wunderbar für
mich.
Als "SIE" erfuhr, daß ich wieder nach der Schulentlassung
bei meinem Vater war, versuchte "SIE" immer mich von
meinem Vater wegzulocken.
Ich sah öfters aus dem Fenster bei meiner Tante, wie "SIE"
vor dem Haus stand und mir zuwinkte.
Als "SIE" dann mitbekam, daß ich nichts von ihr
wissen wollte und auch meine Tante mehrmals die Polizei informierte,
sah ich"SIE" nicht mehr, erfuhr aber über Telefon,
daß "SIE" einen Bauern im Allgäu kennen gelernt
und ihn heiraten wollte. Irgendwie erreichte "SIE" dann,
dass ich im Urlaub auf Anweisung des Jugendamtes (weil man einer
Entfremdung vorbeugen wollte) für 4 Wochen zu ihr musste.
Ich lernte dann den Bauern, den "SIE" heiraten wollte
kennen und warnte ihn. Leider hat er nicht auf mich gehört.
Ich musste dann bei dem Bauern für meine Unterbringung arbeiten.
Ich lernte melken und mähen (von Hand). Ich wußte nicht,
daß "SIE" dafür Geld kassierte. "SIE"
wollte unbedingt, daß ich nun auch in Zukunft dort bleiben
sollte und versuchte beim Jugendamt eine Verlängerung des
Urlaubes zu erhalten. Irgendwie, ich weiß heute noch nicht
warum und wieso das Jugendamt ihr alles glaubte, auf jeden Fall
sollte ich weitere 3 Monate dort verbringen, ich weigerte mich
und wollte wieder zu meinem Vater. Daraufhin verfügte das
Jugendamt die Einweisung in ein Jugendheim nach Heidenheim/Brenz
das in der Nähe meines Vaters lag, damit er mich jede Woche
einmal besuchen könnte. Nachdem ich feststellte, daß
mein Vater keine Besuchserlaubnis bekam und ich allein dort im
Heim saß, war mir alles egal, lieber dann bei dem Bauern
sein als in diesem Jugendheim eingesperrt. Ich habe die erstbeste
Gelegenheit benutzt und bin ausgerissen. Ich mied die Landstraßen
und ging über Felder und Wiesen, meistens nachts, ich hatte
von meinem Vater einen Kompass zu meinem 10 Geburtstag geschenkt
bekommen und den hatte ich immer bei mir. Nach über 4 Wochen
kam ich dann im Allgäu an und tauchte bei dem Bauern auf.
Dort erführ ich, dass "SIE" nicht mehr dort ist,
sondern einen neuen Bauern ca. 70 km weiter kennengelernt hatte
und dort wohnte. Dies war ein Mann von 72 Jahren, der viel Land
besaß und wo "SIE" dachte, daß er bald stirbt
und keine Erben hat. Als ich dort ankam und ihn vor ihr warnen
wollte war es schon zu spät. Sie hatte bereits das Zepter
in der Hand und quälte den armen Mann wie sie es bei uns
in der Kindheit jahrelang tat. Auch war "SIE" plötzlich
wieder schwanger und der alte Mann freute sich, weil er dachte
es sei sein Sohn. Heute weiß ich, daß es nicht von
ihm war sondern es ihm nur untergeschoben wurde. "Sie"
lebt heute leider immer noch 96jährig auf dem Hof.
Ich war ihr damals nicht mehr willkommen und deshalb wurde ich
zu einem anderen Bauern gesteckt um zu arbeiten. Dort ging es
mir gut, zum Hof gehörte eine Gastwirtschaft und abends saßen
wir mit den anderen Bewohner des kleinen Ortes zusammen. Nachts
schlief ich nie im Bett sondern immer im Heu, das war wunderbar.
Am Hof gab es auch einen Schäferhund, der nach ein paar Wochen
nur noch auf mich hörte. Ich machte dort viele neue Erfahrungen.
Das einzig negative daran war, dass "SIE" alle 4 Wochen
in den Stall kam und meinen gesamten Lohn abholte. Als ich mich
dann wehrte und ihr sagte, daß ich ohne Bezahlung arbeiten
würde, damit Sie kein Geld mehr bekomme informierte Sie das
Jugendamt und ich kam in das geschlossene St. Konradihaus in Schelklingen.
Das St. Konradihaus in Schelklingen war ein katholisches Erziehungsheim
mit einem Priester als Chef und die gleichen Barmherzige Nonnen
aus dem Kloster Untermarchtal wie vorher in der Piuspflege Oggelsbeuren.
Ich ahnte Böses als ich das Heim und die Schwestern sah.
Zuerst wurde ich in die Dusche geschickt, wo ich mich nackt ausziehen
mußte vor den kath. Nonnen. Ein Erzieher schnitt mir die
Haare ab und überschüttete mich mit einem Desinfektionsmittel
das erbärmlich stank. Damit sollten mir die Parasiten, die
an mir klebten, abfallen. Ich konnte mich nicht erinnern, daß
ich jemals Läuse oder dergleichen an mir hatte.
Dann wurde mir die Hausordnung vorgelesen und nun nahm mein Martyrium
für die nächsten 5 Jahre seinen Lauf. Morgens um 6 Uhr
wurden wir geweckt dann Frühstück (oder so was ähnliches)
dann ging es in die Kapelle zum Beten. Anschließend wurde
man zur Arbeit eingeteilt. Alle mußten sich in 4er Reihen
im Hof zum Apell anstellen. Die kräftigsten Burschen wurden
dann von den Firmen der Umgebung zur Arbeit auf dem Bauernhof,
Schlach-tereien oder Bauunternehmen ausgesucht. Die restlichen
mußten sich im Heim (Gärtnerei, Hofgut oder in div.
Werkstätten zuir Arbeit melden. Im Heim gab es verschiedene
Werkstätten (Schreinerei, Wäscherei, Gärtnerei,
Schuhmacherei etc.) und ein Bauernhof. Dort durfte ich mich betätigen.
Das tat ich gerne, denn dann kam man aus dem Heim auf die Felder
und war für ein paar Stunden der Folter entronnen.
Da ich mich einfach so nicht an die täglichen widerkehrenden
Gemeinheiten gewöhnen wollte, wurde ich extra einem Psychiater
vorgestellt der mich untersuchte und als schwachsinnig und minderwertig
abstempelte. Durch die vielen Prügel-Strafen wurde ich mit
der Zeit zum Bettnässer. Da die Heimleitung der Meinung war,
dass ich das absichtlich machen würde, überwies man
mich nach Tübingen in die dortige Nervenklinik um die Ursache
herauszufinden. Dort wurde dann ein neues Verfahren (wie man mir
sagte) angewandt. Dies bestand darin, daß man mich an ein
Eisenbett fesselte, dann bekam ich eine Spritze in den Rücken
um mich ruhig zu stellen. Auf einem Tisch neben dem Bett befand
sich ein rechteckiger Kasten wo 2 Drähte (blau und schwarz)
mit einer Art Klemmvorrichtung am Ende vorhanden war. In der Mitte
des Kastens befand sich ein großer runder Drehknopf, mit
einer Skala dessen Bedeutung ich nicht verstand. Erst nachdem
der Dozent Dr. W. Kretschmers mir die Drähte an Glied und
Hoden machte und den Drehknopf betätigte, war mir schlagartig
dessen Bedeutung klar. Ich sollte mit Elektroschocks von meinem
Leiden (Bettnässen) befreit werden. Meine Schreie verhallten
im Zimmer das schalldicht und in einem besonderen Gebäude
des Tübinger Klinikums war. Je höher er das Rad drehte
desto stärker waren die Schmerzen, so lange bis ich nichts
mehr spürte. Ich wachte (ca. 5 Std. später) in meinem
Krankenzimmer auf und dachte mein Unterleib wäre nicht mehr
vorhanden. Es brannte wie Feuer und ich verlor erneut das Bewußtsein.
Am nächsten Tag kam ich ins Untersuchungszimmer wo Dr. Kretschmers
mit einigen anderen Leuten alle im weißen Kittel die Vorgehensweise
des an mir getesteten Elektrogerätes in aller Deutlichkeit
besprachen. Ich kam mir vor wie ein Objekt zum Studium, ich war
überzeugt, daß ich Tübingen nicht mehr verlassen
würde und wenn, dann nur im Sarg. Nach ein paar Tagen wo
ich nicht mehr das Bett näßte, war die Doktorschaft
überzeugt, daß durch diese Elektroschocks das Problem
Bettnässen ad acta gelegt werden könnte. Doch kurz vor
meiner Entlassung näßte ich wieder ein.
Daraufhin kam ich wieder in den schalldichten Raum und die Tortour
begann von Neuem. Man war der Meinung, daß die verabreichte
Höhe der Elektroschübe zu nieder sei und beträchtlich
erhöht werden sollte. Keiner kann sich vorstellen was ich
anschließend mitmachte, ich hatte das Gefühl in mir
sei eine Bombe explodiert. Es war, wie wenn an jedem Fuß
und jedem Arm eine riesen Kraft mich in Stücke reißen
würde. Es war grauenvoll und ich dachte ich verbrenne bei
lebendigem Leibe. Als der Arzt dann die Maschine abstellte merkte
ich das nicht mehr, ich war zum Glück wieder bewußtlos.
Ich weiß nicht mehr wann ich wieder aufwachte, ich sah nur
bunte Lichter vor meinen Augen ich konnte nur Schemen erkennen
und Stimmen die von weit her kamen. Ich bekam einige Spritzen
in den Rücken und Bauch und so nach und nach kam ich ins
Leben zurück. Damals wäre ich lieber tot gewesen, denn
die Angst vor neuen Elektro-Schocks war riesengroß. Nachdem
ich mich einigermaßen erholt hatte wurde ein noch ein Nervenfachärztliche
Gutachten von Dr. Kretschmars erstellt. Es stempelte mich zu einem
minderwüchsig etwas grob und kindlichen Jungen, der labil
und primitiv wirkte. Bei einem der vielen Test wurde mir sogar
der Hang zu Raub, Totschlag und Mord attestiert.
Das psychische Gesamtbild fällt nach diesem Bericht für
mich katastrophal aus. (Auszug aus dem Bericht) K. verfügt
über eine unter-durchschnittliche Intelligenz bei einem mangelhaften
Abstraktionsvermögen seine Phantasie ist eng begrenzt. Das
integrative Denken ist mangelhaft, er ist unkonzentriert, keine
Durchhaltekraft. Er besitzt Mitgefühl aber kein Verantwortungsgefühl,
in seiner Gesamtstruktur ist er sehr ungeformt und primitiv. Er
wird immer versagen und im späteren Leben nie zurechtkommen,
wenn man jetzt nicht erzieherisch auf ihn einwirkt. Unter der
Bedingung, dass er streng geformt wird, wird er durchschnittliche
Leistungen erzielen. Er neigt daher auch im späteren Leben
zu einer querulatorischen Entwicklung. Es ist anzunehmen, daß
bei K. eine frühkindliche Hirnschädigung besteht. Es
handelt sich daher bei dem Kind um eine geschädigte, unterdurchschnittlich
intelligente, ungenügend gesteuerte Persönlichkeit.
Würde noch einmal eine Hirnschädigung auftreten so bestünde
die Gefahr eines Krampfleidens und einer sehr erheblichen Wesensänderung
(kommt der Psychiater zum Schluß seines Gutachten.)
Eine Beurteilung des damaligen Direktors vom 25.7.56 lautete wie
folgt: (Zitat)
Der mittelgroße und schwächliche Junge hat seine Lehrstellen
wegen seines vorlauten Wesens und seiner Unzuverlässigkeit
verscherzt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass er außerhalb
eines Erziehungsheimes nicht durchhalten würde. Er hat alle
Mängel der Fürsorgezöglinge: schlampig, schmutzig,
vorlaut, frech, streitsüchtig. Seine wiederholten Knochenbrüche
waren immer die Folgen von ungezogenen Flegeleien, er ist ein
nicht sehr arbeitsamer Junge. Nach unseren Beobachtungen und Erfahrungen
wird der Junge draußen voraussichtlich bald versagen und
wir empfehlen, ihn hier im Heim zu lassen. Als ich zurück
zum Heim kam merkte ich sofort, was das Gutachten bewirkte, denn
nun konnte man ja ärztlich verordnet mich behandeln wie einen
Schwachsinnigen.
Außer den Nonnen gab es aber auch die Meister der verschiedenen
Werkstätten, die aus dem Umland kamen. Viele von denen hatten
sich im Laufe der Zeit die brutalen Methoden der Nonnen zu eigen
gemacht, besonders der Erzieher Eisenreich, ein Berg von einem
Mann tat sich dabei besonders hervor, wenn man von diesem eine
Ohrfeige erhielt, flog man durch den ganzen Raum. Mit dem Schuhmachermeister
(er lebt heute noch in Ehingen/Donau, und weiß heute natürlich
nichts mehr von Schlägen und den Grausamkeiten) und dem Erzieher
Erhard aus der Korbflechterei kam ein wenig Normalität ins
Spiel.
Erzieher Erhard hatte zuhause in Munderkingen (ca. 10 km vom Heim
entfernt) eine Wirtschaft die seine Frau führte. (Nach meinem
Heimaufenthalt habe ich mich dort oft mit ihm getroffen, er war
wie ein Vater zu mir, leider ist er viel zu früh, ich glaube
1968 verstorben.)
Als ich dann von der Schufterei auf dem Bauernhof genug hatte,
ganze Felder Unkraut mit der Hand aus zureißen, Kartoffel
hacken und schwere Säcke zu schleppen und was sonst noch
als niedrige Arbeit anfiel, wurde ich zur Strafe zum Straßenbau
verdonnert. Morgens ging es Richtung Steinbruch beim Zementwerk,
dort mußten wir Kabel verlegen. Es war eine Schufterei ohne
Ende.
Bei einem dieser Tage , als ich in den Mannschaftszug einsteigen
wollte, fuhr der Zugführer ruckartig an und ich landete mit
einem Fuß unter den Wagen. Das war kurz nach meinem 17.
Geburtstag. Ich kam ins Krankenhaus und als ich dort aus der Narkose
aufwachte, traf mich der Schock. Mein rechtes Bein war nicht mehr
da.
Ich war so verzweifelt, dass ich die Schlaftabletten die ich damals
jeden Abend bekam, sammelte und als ich 20 zusammenhatte, alle
auf einmal schluckte, ich wollte nicht mehr leben. Leider (oder
auch nicht) hat mich trotz größter Sorgfalt mein Bettnachbar
beobachtet und die Schwester alarmiert. Nach mehreren Nachoperationen
kam ich dann wieder zurück ins Heim und wurde dort dafür
bestraft, dass ich dem Heim mit meinem Unfall so viele Unannehmlichkeiten
bereitete.
Der Heimleiter persönlich nahm sich mit einem Prügel
bewaffnet mich vor um mir zu demonstrieren, dass ich Schande über
das Heim brachte.
Da ich jetzt mit einem Bein als volle Arbeitskraft nicht mehr
zur Verfügung stand wurde ich in die Schuhmacherwerkstatt
gebracht um dort das Handwerk zu lernen. Lust hatte ich keine
dazu aber das durfte ich ja niemand sagen. Ich habe mich dann
mit dem Meister dort einigermaßen verstanden und überlegte
die ganze Zeit, wie ich aus dieser Hölle ausbrechen konnte.
Bei einem der Besuche im Krankenhaus dann endlich die Gelegenheit,
ich floh aus dem Fenster der Toilettte und fuhr per Anhalter nach
Munterkingen um dort im Gasthof des einen Erziehers Unterschlupf
zu suchen. Leider erwischte man mich schon zu früh. Die Strafe
dafür wr hart und es wurde keine Rücksicht auf meine
Verletzung genommen.
Da wir aber nicht angemeldet waren (heute würde man sagen
Schwarzarbeit) kam es zu Streitereien wer nun für den Unfall
und der späteren Rente aufkommen sollte. Da ich bei einer
Baufirma arbeitete. musste dann die Bauberufsgenossenschaft die
gesamten Kosten tragen und mir eine Rente zahlen. Die Rente in
Höhe von 115,50 DM kassierte der Württembergische Landesfürsorgeverband
Stuttgart und wurde für die Heimunterbringung einbehalten.
Dazu kam noch der Heimverdienst, da hätte ich ja in einem
5 Sterne Hotel ohne Schläge wohnen können.
Mein Vater mußte ja damals monatlich 60,-DM an die Landesfürsorgestelle
für die Heimunterbringung bezahlen. Auch habe ich ja vor
dem Unfall beim Baugeschäft in Schelklingen gearbeitet, wofür
ich monatlich Lohn erhielt, ich bekam davon 50 Pfennig Taschengeld
im Monat Vor dem Unfall haben die monatlich 150 DM kassiert und
nach dem Unfall waren es 175,50 DM.
Das war in dieser Zeit viel Geld, wenn man bedenkt, dass die damaligen
Heimunterbringung in Schelklingen pro Tag DM 2,50 kostete. Damit
habe ich die ganze Zeit meine Unterbringung selbst doppelt bezahlt.
Insgesamt haben diese Ämter (lt. Akten) hochgerechnet auf
die gesamte Heimzeit 13.775,00 DM von meiner Rente und den jeweiligen
Verdiensten, die ich erarbeitete, einbehalten. ich habe bis heute
von dem Geld nichts gesehen. Außerdem mußte ja auch
das Jugendamt für meine Unterbringung bezahlen Wenn ich aber
heute das Konradihaus in Schelklingen (www.konradihaus.de) und
das herrliche Kloster von Untermarchtal betrachte, dann wundert
mich das auch nicht mehr.
Nach einem weiteren Fluchtversuch erwischte man mich schon kurz
danach. Die Strafe dafür waren Schläge mit einem Bambusrohr,
dabei wurde ich sogar am frisch operierten Stumpf getroffen, was
eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus erforderte. Dort wurde
dann gesagt ich wäre gefallen.. Für Kleinigkeiten wurde
man mit Essensentzug und Prügeln bestraft. Besonders schlimm
wurde es wenn man das Erbrochene wieder essen musste. Eine weitere
fürchterliche Strafe waren für mich die vielen Strafduschen.
Zuerst wurde für 2 Minuten das warme Wasser (manchmal brühheiß)
aufgedreht und dann nur noch kalt, auch im Winter. Derjenige der
sich in der Woche vorher nicht anständig verhalten hatte,
bekam dann die Quittung in Form der Strafdusche bis zu einer Stunde
unter kaltem Wasser.
Kam es mal vor, dass man 2 Tage nicht aufgefallen war, wurden
die Nonnen und Erzieher misstrauisch und man bekam eine oder mehrere
Ohrfeigen im voraus. Wenn man dann wieder aufgefallen ist, setzte
es wieder Schläge.
Als ich der Schwester dort sagte, dass ich ja die Schläge
bereits im voraus bekommen hatte, amüsierten sich die Nonnen
darüber und dann wurde einem das schlechte Gewissen eingeredet,
mit Sätzen wie:
"Aus dir wird nie etwas", "Sei froh, dass du hier
sein darfst, damit du Ordnung lernst". Deine Eltern taugen
nichts." Du kannst später froh sein über uns und
du wirst uns ewig dankbar sein."
Mein Vater versuchte alles immer wieder, um mich aus dieser Hölle
herauszuholen, leider vergebens. Er hat fast jede Woche an das
Fürsorgeamt geschrieben und um meine Entlassung nachgesucht..
(Aus den Akten habe ich nun erfahren, dass man in meinem Vater
eine Gefahr für mich und mein späteres Leben sah um
so jede Bindung von vornherein zu verbieten). Selbst als ich meinen
Vater einige Male vor dem Heim stehen sah um mich zu besuchen,
hat man ihn nie zu mir gelassen. Auch die vielen Briefe an mich
kamen nie bei mir an. Das tut mir heute noch weh, da mein Vater
kurz nach meiner Entlassung aus dem Heim verstarb.
1959 bekam ich dann meine erste Prothese und lernte wie ein Kleinkind
das Laufen. Es war ein tolles Gefühl wieder auf 2 Beinen
zu stehen mit einem schockierenden Wermutstropfen. Immer wenn
ich mich nicht genau an die Hausordnung hielt oder sonst auffiel,
kam die Gruppenschwester Joachim und nahm mir zur Strafe die Prothese
weg..
Das war für mich eine der schlimmsten Strafen neben den vielen
Prügeln, die Tag für Tag fast schon automatisch anstanden.
Die Schikanen wurden mit zunehmender Dauer im Heim immer brutaler,
für jede Kleinigkeit wurde man hart bestraft. Besonders erinnere
ich mich dabei immer an Schwester Joachim die damals schon älter
war, klein und boshaft wie der Satan persönlich. (auch heute
nach mehr als 50 Jahren bekomme ich jede Woche noch Alpträume
von ihr).
Damals wurde man ja erst mit 21 Jahren volljährig und ich
wollte nicht noch länger dort verbleiben, ich erinnert mich
irgendwann dann daran, dass ich einen Onkel in meiner Geburtsstadt
hatte, der dort auf dem Standesamt saß und der viel Verständnis
für mich hatte und der mir versicherte, dass er mir irgendwie
helfen kann. Er hat sein Versprechen wahr gemacht. Da er längst
verstorben ist kann ich heute nach 50 Jahren soviel sagen, dass
er die Lösung fand, um mich vor meinem 21. Geburtstag herauszuholen.
Somit sollte ich zum Leidwesen des damaligen Heimleiters bereits
ein halbes Jahr früher entlassen werden und da ich die Lehre
zum Schuhmacher, die ich nie machen wollte, vorzeitig abbrach,
verfügte das Fürsorgeamt in Stuttgart bei meiner Entlassung
(als sog. Fürsorgepflicht) dass ich eine Privatschule zum
Erlernen eines kaufmännischen Berufes besuchen dürfte,
die für mich kostenlos war. (Was so ein schlechtes Gewissen
doch ausmachte, oder wollten Sie einem Regressanspruch vorbeugen).
Nach Abschluss dieser Prüfung fing dann endlich ein Leben
an, über das ich allein dann bestimmen konnte, dachte ich.
Doch schon beim ersten Einstellungsgespräch nach meiner Privatschule
fing das Desaster an. Jeder wollte wissen, wo ich von 1954 bis
1960 gearbeitet habe. Da ich nicht sagen konnte, dass ich ein
Heimkind war (Damals meinte ja jeder, dass man nicht ins Heim
kommt wenn man anständig war) musste ich dort schon mit allen
Tricks ausweichen.
Ich bin dann immer wieder von einer Stadt in die andere Stadt
umgezogen um, diese Fehlzeit zu verschleiern Aber das Andenken
an diese schlimme Zeit lässt sich auch heute noch nicht vergessen,
denn durch den Verlust meines Beines werde ich Tag und Nacht daran
erinnert und bestraft, die Rente, die ich von der Berufsgenossenschaft
erhalte ist gering, weil das Heim ja keinerlei Abgaben leistete.
Während andere Beinamputierte bei Arbeitsunfälle heutzutage
ca. 1500 Euro dafür bekommen, ist es bei mir nur die Hälfte
(weil ich ja damals nicht versichert war) .Dies empfinde ich als
weitere Strafe, konnte aber die ganze Zeit nichts dagegen machen,
denn ich muss ja froh sein, dass ich überhaupt etwas erhalte.
Auch die Arbeitszeit bis zu meinem 21. Lebensjahr wurde bei der
Rente nicht berücksichtigt, so dass ich auch heute noch weitere
Einbußen habe..
Das Schlimmste aber heute noch sind die Alpträume und Erinnerungen
an diese Zeit. Auch habe ich bis heute kein Gotteshaus mehr besucht,
bei Beerdigungen, wo ich doch hinmusste, bin ich immer erst gekommen,
als alle schon am Grab waren. Schlimm ist auch heute noch die
Angst vor Duschen und kaltem Wasser. Erst seit ca. 2 Jahren kann
ich wieder duschen gehen, aber sogar im Hochsommer nur mit warmen
bzw. heißem Wasser. Ich habe nie ein Freibad besuchen können,
weil ich kaltes bzw. kühles Wasser am Körper seit der
vielen Strafduschen im Heim nicht aushalte. Man sagt zwar die
Zeit heilt alle Wunden, aber dies stimmt bei uns geschundenen
ehemaligen Heimkinder nicht.
Ich verstehe auch heute noch nicht, warum die Nonnen uns damals
so behandelt haben. Keiner kann auch heute noch verstehen was
damals im Namen des Herrn mit uns passierte. Das schlimme daran
ist, dass wir diese Erlebnisse nicht aufarbeiten können,
weil die damaligen Beteiligten nicht mehr leben und diejenigen,
die davon gewusst habe, auch heute noch alles verleugnen.
Als ich im Frühjahr dieses Jahres endlich den Mut aufbrachte,
bei meinen ehemaligen Peinigern vorstellig zu werden, fuhr ich
zuerst nach Schelklingen ins Konradihaus. Ich staunte nicht schlecht,
was aus dem ehemaligen Erziehungsheim geworden ist. Eine vorbildliche
Einrichtung mit kleinen Gruppen viel Freizeit und viel Engagement
der dortigen Beschäftigten. Ich habe mit einigen der dort
einsitzenden Jugendlichen gesprochen, die fast alle voll des Lobes
waren. Als ich denen erzählte, was vor 50 Jahren hier passierte,
haben viele gestaunt und mir nur ungern geglaubt. Viele fragten
warum wir uns nicht gewehrt, hätten und warum wir uns das
gefallen ließen. Sie konnten es nicht verstehen, daß
wir uns damals so erniedrigen ließen.
Ich konnte dann meine dortigen Akten einsehen und stellte dabei
fest, dass es sogar noch eine Angestellte dort gab, die in den
60igern Jahren dort anfing zu arbeiten und auch noch einiges von
den damaligen Zuständen mit bekam. Der heutige Direktor Herr
Landthaler empfing mich persönlich und ich konnte in Ruhe
meine Akten lesen und es wurde mir gestattet, Kopien von allem
was mir wichtig war anfertigen zu lassen. Das war das erstemal,
dass ich endlich etwas "Positives" aus diesem Hause
erfahren durfte. (Mein Dank geht an dieser Stelle an Frau H. und
dem Direktor für diese für mich so wichtige Akteneinsicht)
die mir ohne Komplikationen und auf sehr herzliche Weise gestattet
wurde.
Anschließend fuhr ich nach Untermarchtal ins Mutterhaus
der Barmherzigen Schwestern um dort nach ehemaligen Schwestern
vom Heim Ausschau zu halten, ich wurde zwar dort fürstlich
empfangen, aber als ich mit meiner Geschichte anfing, glaubte
man mir nicht. An den Gesichtern konnte ich ablesen, daß
man mich für einen Lügner hielt.
Die Schwester Oberin sagte mir persönlich, dass sie zwar
zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Kloster war, aber es kann nicht
möglich sein, daß so etwas von irgendeiner Schwester
passierte.
Ich empfahl ihr dann das Buch (Schläge im Namen des Herrn)
zu lesen, damit sie selbst erfahren konnte, was zu dieser Zeit
mit den Heiminsassen geschah. Ich erfuhr dann, dass eine der damaligen
Schwestern noch lebte, aber nach einem Schlaganfall nicht mehr
sprechen konnte. Ich dachte dann für mich, daß dies
eine gerechte Strafe für die vielen Schläge sei.
Trotzdem hatte ich das Gefühl nach meinem Besuch, dass man
in mir einen armen Irren sah, der unwahre Behauptungen aufstellte.
Dies ist das erstemal, dass ich mich zu dieser Zeit äußere.
Mit anderen Menschen habe ich nie darüber gesprochen außer
mit meiner Schwester, und dies auch erst vor einem Jahr.
Nachdem so viele andere Betroffene den Mut aufbringen ihre Erlebnisse
zu veröffentlichen, muß ich unbedingt mitmachen, damit
ich irgendwann vielleicht zur inneren Ruhe komme.
PS: Nachdem ich meine Akte nach
50 Jahren lesen konnte, wurde mir klar, dass in der damaligen
Zeit alle Ämter, Behörden, Mediziner, Heime und die
Bediensteten an einem Strang zogen. Es wurden nicht nur geschlagen,
Geschehnisse verdreht, sexuelle Übergriffe, Drohungen, Beleidigungen,
Nötigungen und vieles mehr immer mit dem Mantel der Nächstenliebe
zugedeckt, sondern auch Lügen, Unterschlagungen bis hin zum
Exitus von den heiligen Schwestern und Brüdern verübt.
Wenn wir jetzt nicht etwas dagegen tun, machen wir unsere Leiden
unglaubwürdig. Es sind nicht mehr viele ehemalige geschundene
Heimkinder am Leben, deshalb müssen wir weiter diese Erlebnisse
verbreiten. Alle die bis jetzt noch schweigen sollten ihre Leiden
zu Papier bringen, denn gemeinsam sind wir stark, Kämpfen
wir um unser Recht und um unsere Ehre, die uns in dieser schlimmsten
Zeit genommen wurde. Ich wünsche allen viel Kraft dazu.
Emails werden von EMaK an
Emil K weiter geleitet.
Bitte diese Link verwenden. admin@emak.org
Kommentar von Sieglinde Alexander:
Wo waren die Menschenrechte damals, wo sind sie heute?
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