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Meine Existenz ist nur ein Versehen. Eigentlich sollte ich gar nicht auf der Welt sein, denn ich
war für meine Mutter und meine Großmutter nur eine zusätzliche Last in ihrem ohnehin schon schwierigen Leben.
In meiner Kindheit habe ich immer gespürt, daß ich unerwünscht und lästig war. Ich glaubte, viel weniger
wert zu sein, als andere Kinder. Schließlich war ich bloß ein “uneheliches Kind”. Meine Mutter hatte sich
mit einem verheirateten Mann “eingelassen”, was meine Großmutter ihr jahrelang immer wieder vorwarf und niemals
verzeihen konnte.
Als ich acht Jahre alt war, erzählte meine Mutter mir, daß sie sich geschämt hatte, als sie schwanger war und ihr
Bauch immer dicker wurde, denn die Leute hätten ja gewußt, daß sie nicht verheiratet war. Deshalb wuchs ich in
dem Glauben auf, daß man sich wegen mir schämen mußte. Und ich schämte mich auch selbst. Wenn mich jemand
ansah, sah ich verlegen auf den Boden.
Meine Mutter hatte keine Hemmungen, mir zu erzählen, daß ich deshalb auf die Welt gekommen war, weil
Kondome nicht so angenehm seien und weil sie und mein Vater einmal nicht aufgepaßt hatten. Für ein
zwölfjähriges Kind ist so etwas ein großer Schock. Dadurch wurde mir wieder einmal sehr deutlich
bewußt, daß meine Existenz nur ein Unfall war. Doch meine Mutter merkte nie, was sie mit ihren Erzählungen
über die Vergangenheit anrichtete.
Statt lustiger Geschichten und Märchen erzählte meine Mutter mir schockierende Dinge aus ihrem Leben: Daß sie
als Kind von ihrem Vater getreten, von ihrer Tante geschlagen und von ihrer Mutter vernachlässigt wurde. Daß ihre
jüngere Schwester von der Mutter bevorzugt und als Vorbild hingestellt wurde, daß sie in ihrer Kindheit nachts in den
Bunker rennen mußte und große Angst vor Bomben hatte und daß sie nach dem Krieg hungerte und beim Mittagessen
darum bettelte, noch eine Kar-toffel zu bekommen. Als ich neun Jahre alt war, träumte ich nachts vom Krieg und von Bomben.
Im Traum rannte ich durch brennende Straßen und versteckte mich hinter Autos, während über mir die Bomben vom
Himmel fielen, so wie ich es in den Kriegsfilmen gesehen hatte, die ich mit meiner Mutter im Fernsehen sah. Je älter ich
wurde, desto mehr Angst bekam ich vor dem Leben und der Zukunft.
Auch meine Großmutter erzählte vieles aus ihrem Leben, was mir sehr viel Angst machte. Im
Alter von neun Jahren war sie nach dem Tod ihres Vaters zu fremden Leuten auf einen weit entfernten Bauernhof geschickt
worden, wo sie hart arbeiten mußte und schlecht behandelt wurde. Ihre Mutter sah sie nur noch einmal im Jahr. Als sie
15 Jahre alt war, bekam sie eine Stelle als Dienstmädchen in Danzig. Dort ging es ihr besser, doch sie hatte immer noch
kein schönes Leben.
Im Alter von 29 Jahren mußte meine Großmutter heiraten, weil sie schwanger war. Mein Großvater war bereits
einmal ver-heiratet gewesen und hatte zwei Kinder. Da meine Großmutter katholisch war, litt sie sehr darunter, einen
geschiedenen Mann heiraten zu müssen. Es war schlimm für sie, nicht in der Kirche heiraten zu dürfen. Noch
schlimmer war, daß sie ex-kommuniziert wurde. Meine Großmutter konnte sich jahrzehntelang nicht verzeihen,
daß sie so eine schwere Sünde begangen hatte.
Kurz nachdem meine Großeltern geheiratet hatten, zogen sie nach Frankfurt um, denn mein Großvater hatte eine
Stelle als Geschäftsführer in einem großen Hotel bekommen. Es war sehr schwer für meine Großmutter,
ihre Heimat zu verlassen und in eine fremde Stadt zu ziehen, wo sie niemanden kannte. Es war niemand da, der ihr helfen konnte,
als sie in Frankfurt plötzlich feststellte, daß ihr Mann sehr viel Alkohol trank und im betrunkenen Zustand sehr
gewalttätig war. Er schlug meine Großmutter sogar, als sie schwanger war.
Als meine Mutter geboren wurde, gab es keinen Grund zur Freude, denn mein Großvater kam
ins Krankenhaus, um meiner Großmutter mitzuteilen, daß er seine Arbeit verloren hatte. Er war wegen einer
Schlägerei mit einem Kollegen entlassen worden. Als meine Großmutter mit dem neugeborenen Kind aus dem Krankenhaus
kam, mußte sie feststellen, daß mein Großvater das ganze Geld verspielt hatte. Sie hatte nicht einmal genug
Geld, um Windeln kaufen zu können.
In den nächsten zwanzig Jahren mußte meine Großmutter hart arbeiten, um die Familie zu ernähren, denn mein
Großvater wurde immer wieder arbeitslos und verspielte das Geld, das meine Großmutter verdiente.
Ein Jahr nach der Geburt meiner Mutter wurde meine Tante geboren. Vier Jahre später wurde meine Großmutter
wieder schwanger und mußte eine Abtreibung machen lassen. Gleichzeitig ließ sie sich sterilisieren. Ein Jahr
später hatte sie sehr schmerzhafte Verwachsungen und mußte noch einmal operiert werden. Bei dieser Operation
wäre sie fast gestorben.
Das Leben meiner Großmutter war die Hölle, denn mein Großvater war völlig unberechenbar.
Er verprügelte nicht nur meine Großmutter, sondern auch die Kinder. Es kam auch vor, daß er meine
Großmutter vergewaltigte.
Meine Großmutter haßte meine Mutter. Unbewußt machte sie ihr ältestes Kind für ihr
schweres Schicksal verantwortlich, denn wegen dieses Kindes hatte sie so einen schrecklichen Mann heiraten müssen.
Meine Mutter litt nicht nur unter der Gewalt-tätigkeit ihres Vaters, sondern auch unter dem Haß und der
Gleichgültigkeit ihrer Mutter. Und meine Mutter gab all den Haß und die Gewalt, die sie in ihrem Leben erfahren
hatte, an mich weiter. Ich habe in meiner Kindheit genau das gleiche erlebt wie meine Mutter: Ich wurde abgelehnt, geschlagen
und vernachlässigt.
Aus meinen Tagebuchaufzeichnungen zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr:
Meine Mutter hat mich völlig grundlos mit allen möglichen Gegenständen verprügelt, so daß ich
Blutergüsse, Beulen und Prellungen bekam.
Einmal hat meine Mutter mich an den Haaren durch das Wohnzimmer geschleift. Sie hat mir dabei ganze Haarbüschel
ausgerissen. Als ich weinend auf dem Boden lag, hat sie mich getreten und gesagt: “Du bist es nicht wert,
daß man dich anspuckt!” Sie hat mir dann ins Gesicht gespuckt.
Wenn ich etwas falsch gemacht habe, hat meine Mutter oft zu mir gesagt: “Dir haben sie doch ins Gehirn
geschissen!”
Wenn ich laut geweint habe, nachdem meine Mutter mich verprügelt hatte, drohte sie immer, mich noch mehr zu schlagen.
Einmal hat sie sogar gesagt: “Wenn du nicht sofort aufhörst zu heulen, schlage ich dir die Nase platt!”
Als ich einmal auf meinem Bett saß, wollte meine Mutter mir einen schweren Stuhl aus Holz
auf den Kopf schlagen. Ich konnte noch wegrennen. Ich habe mich dann im Badezimmer eingeschlossen, und obwohl die Tür
von außen gar nicht mehr geöffnet werden konnte, habe
ich sie mit all meiner Kraft zugehalten. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen und gleichzeitig die Tür
zuzuhalten.
Nachdem meine Mutter mich einmal beinah mit einem Schrubber getroffen hätte, den sie bis zur Decke hochgehoben hatte,
bin ich im Aufzug zusammengebrochen. Vor meinen Augen wurde alles schwarz, und meine Beine waren wie aus Gummi.
Wenn meine Mutter mit Gläsern und Tassen nach mir geworfen hat, lagen hinterher Scherben herum, die ich wegkehren
mußte. Als ich einmal keine Schuhe anhatte, mußte ich dort vorbeigehen, wo die vielen Scherben lagen, um den
Besen zu holen. Da bin ich in eine Scherbe reingetreten.
Einmal hat meine Mutter mir ein großes Buch ins Gesicht geschlagen. Die eine Ecke des Buches traf mich über dem
Auge, wo es dann blutete. Ein anderes Mal schlug sie mir einen Kerzenständer aus Eisen auf den Kopf.
Als ich zehn Jahre alt war, hat meine Mutter mir so fest mit einem Holzschuh auf den Ellenbogen geschlagen, daß
ich tage-lang meinen Arm nicht bewegen konnte. Als wir nach einer Woche zum Arzt gingen, sagte meine Mutter zu mir: “Wir
sagen aber nicht, wie es passiert ist!” Sie sagte dem Arzt, ich sei mit den Rollschuhen gegen eine Mauer gefahren.
Einmal hat meine Mutter meine Kleider aus dem Fenster geworfen. Ich mußte dann nach unten gehen und die Kleider
wieder holen. Da habe ich mich sehr geschämt.
Als ich sieben Jahre alt war, hat meine Mutter einmal eine kleine Tasche gesucht, die sie nie benutzt hat. Sie glaubte,
daß ich damit gespielt hatte und fragte mich, wo die Tasche ist. Ich sagte, daß ich es nicht weiß, doch
meine Mutter glaubte mir nicht und verprügelte mich mit einem Kleiderbügel aus Holz. Als sie aus dem Zimmer
ging, sagte sie: “Ich komme gleich wieder! Ich schlage dich so lange, bis du mir sagst, wo die Tasche ist!”
Den ganzen Abend suchte sie die Tasche und kam immer wieder zu mir, um mich zu verprügeln. Schließlich fand
sie die Tasche unter ihren vielen Seidentüchern, wo sie sie übersehen hatte.
Einmal hat meine Mutter mich mit meiner Lieblingspuppe geschlagen und hat ihr dabei ein Bein ausgerissen. Und einmal hat sie
den Käfig, in dem mein Kanarienvogel war, auf den Boden geworfen. Dann hat sie ein paarmal gegen den Käfig getreten,
so daß er wie ein Fußball gegen die Wand flog. Dem Vogel ist zum Glück nichts passiert, doch der Käfig
sah schlimm aus.
Einmal hat meine Mutter mir beim Frühstück eine ganze Packung Kakaopulver über den Kopf geschüttet.
Ich mußte dann meine Haare waschen und kam zu spät in die Schule.
Als ich einmal eine schlechte Note in Mathematik hatte, hat meine Mutter zu mir gesagt: “Du kannst ja später mal
eine Hure werden!”
Das ist nur ein kleiner Teil der schlimmen Erlebnisse in meiner Kindheit. Meine Mutter bekam immer wieder Wutausbrüche.
Wenn ihr etwas anbrannte, warf sie absichtlich den Kochtopf auf den Boden. Und wenn es ihr nicht gelang, ihre Haare
hochzu-stecken, weil immer wieder eine Haarsträhne herunterfiel, fing sie an zu schreien und warf das Kästchen mit
den vielen Haar-klemmen quer durch das Badezimmer. Ständig flog irgend etwas durch die Gegend, und ich mußte
immer Angst haben vor dem nächsten Wutausbruch und davor, etwas an den Kopf zu bekommen oder verprügelt zu werden.
Wir wohnten in einem hellhörigen Hochhaus und hatten viele Nachbarn, die ganz genau wußten, was bei uns geschah.
Es war auch wirklich nicht zu überhören. Einmal warf meine Mutter sogar ein Regal um. Der Plattenspieler, die
Lautsprecher und ein paar Bücher landeten mit einem lauten Knall auf dem Parkettboden. Die Nachbarn hörten jahrelang
die Wutausbrüche meiner Mutter. Sie hörten meine Mutter schreien, und sie hörten mich weinen, doch niemand
hat mir geholfen.
Als ich 18 Jahre alt war, traf ich zufällig eine Spielkameradin auf der Straße, die acht Jahre lang neben mir
gewohnt hatte. Sie sagte, es habe so furchtbar geklungen, was sie damals aus unserer Wohnung hörte. Und dann sagte
Isabella: “Manchmal hatte ich Angst, sie schlägt dich tot.”
Meine Mutter verprügelte mich nicht nur völlig grundlos, sondern sie sagte auch folgende Schimpfwörter zu mir:
verdammtes Miststück
verdammtes Mistvieh
minderwertige Sau
Scheißmensch
Charakterschwein
charakterliches Dreckschwein
verdammte Drecksau
verdammtes Dreckschwein
Mistvieh, du mistiges
mistiges Vieh, du mistiges
verblödetes Stück, du verblödetes
hundsmiserabeles Miststück
hundsmiserabeles Dreckstück
elendes Dreckstück
Kordeldepp
verdammte Mistbiene
mieses Stück, du mieses
ekelhaftes Schweinemensch, du ekelhaftes
Mein Leben war von Anfang an eine Katastrophe. Ich kann mich an keinen einzigen Tag erinnern, an dem es mir gut ging und an dem
ich keine Angst hatte.
Während der Schwangerschaft hatte meine Mutter schwere Depressionen und Angst vor der Zukunft. Sie mußte aus der
Wohnung meiner Großmutter ausziehen, weil sie ihr ständig Vorwürfe machte und es immer Streit gab. Meiner
Großmutter war das Gerede der Nachbarn wichtiger als ihre Tochter. Deshalb ging meine Mutter in ein Heim für
ledige Mütter.
Als ich geboren wurde, freute sich niemand. Meine Mutter war verzweifelt, weil mein Vater sie nicht im Krankenhaus besuchte.
In den folgenden Wochen hatte sie so schlimme Depressionen, daß die Betreuerinnen im Heim Angst hatten, sie könnte
sich etwas antun.
Als ich sechs Wochen alt war, legte meine Mutter mich in eine Reisetasche und verschwand heimlich aus dem Heim. Zuerst fuhr
sie zu ihrer Schwester, die ein großes Haus hatte, doch meine Tante schickte sie wieder weg. Also fuhr meine Mutter zu
meiner Großmutter, die in einer kleinen Wohnung lebte. Meine Großmutter sagte später immer: “Ich habe sie
damals mit ihrem Kind bei mir aufgenommen, und sie hat es mir nicht gedankt!” Es klang immer so, als würde sie von
zwei fremden Menschen sprechen, die sie bei sich aufgenommen hatte. Und so war es ja auch. Ich kann mich nicht daran erinnern,
jemals ein freundliches Wort oder sogar ein Lächeln zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter gehört
oder gesehen zu haben. Die Atmosphäre war eisig und geprägt von Beleidigungen und Demütigungen, auf die
meine Mutter mit Wutausbrüchen reagierte.
Als ich sechs Wochen alt war, fing meine Mutter wieder an, ganztags zu arbeiten. Sie war jeden Tag zwölf Stunden weg.
Inzwischen kümmerte sich meine Großmutter um mich. Sie hatte überhaupt kein Einfühlungsvermögen
und war der Meinung, man müsse Babys schreien lassen, damit sie einem später nicht auf der Nase herumtanzen.
Wenn meine Mutter abends von der Arbeit kam, gab es sofort Streit. Der häufigste Streitpunkt war, daß meine
Mutter meiner Großmutter zu wenig Geld gab. Meine Mutter sparte für eine Eigentumswohnung. Diese Wohnung war
wahrscheinlich ihre einzige Hoffnung auf ein besseres Leben.
Ich glaube, in den ersten sechs Jahren meines Lebens gab es keinen einzigen Tag, an dem bei uns nicht gestritten und geschrien
wurde. Dann wurden immer die Türen zugeknallt, und meine Mutter und meine Großmutter sprachen ein paar Stunden nicht
mehr miteinander. Manchmal war der Streit auch heftiger. Dann ging meine Großmutter mit einem Schrubber auf meine Mutter los,
oder meine Mutter trat aus Wut die Glasscheibe in der Küchentür ein. Dieser lautstarke Streit war damals das
häufigste Gesprächsthema in der Nachbarschaft, doch niemand kam auf die Idee, dem kleinen Kind zu helfen, das
täglich dieses Geschrei hautnah miterleben mußte.
Die Depressionen, die meine Mutter während der Schwangerschaft und in den Wochen nach meiner Geburt gehabt hatte,
wurden nie wieder besser, sondern von Jahr zu Jahr schlimmer. Ihre Verzweiflung und Verbitterung wurden immer größer.
Sie konnte nicht aufhören, meinem Vater nachzutrauern. Er hatte sich vier Monate vor meiner Geburt scheiden lassen, um
meine Mutter heiraten zu können. Doch dann überlegte er es sich anders und heiratete ein Jahr nach meiner Geburt eine
andere Frau. Trotzdem gab meine Mutter nicht die Hoffnung auf, daß er irgendwann doch noch zu ihr zurückkommen
würde.
Als ich zwei Jahre alt war, kam mein Vater zum ersten Mal seit meiner Geburt zu Besuch und brachte mir ein Stoffhäschen mit.
Danach ließ er sich wieder zwei Jahre nicht blicken. Als ich vier Jahre alt war, ging meine Mutter eines Tages mit mir
zu einem öffentlichen Fernsprecher, um meinen Vater anzurufen. Während sie mit ihm sprach, hörte sie im Hintergrund
ein Kind lachen. Sie fragte meinen Vater, welches Kind da gerade gelacht hatte. “Das ist meine Tochter!” antwortete
er. Ein paar Jahre später erzählte meine Mutter mir, daß sie damals ganz weiche Knie bekommen hatte und fast
zusammengebrochen wäre, denn durch die Existenz dieses Kindes wurde die Wahrscheinlichkeit, daß mein Vater sie
doch noch heiratete, wesentlich geringer. Doch meine Mutter gab die Hoffnung nicht auf.
Meine Mutter hatte mir nach dem Telefongespräch mit meinem Vater erzählt, daß er ein Kind habe und daß
sie darüber sehr traurig sei. Ich war schon im Alter von vier Jahren ihr seelischer Müllabladeplatz. Kurz nach
diesem Telefongespräch kam mein Vater wieder einmal einen Nachmittag zu Besuch, und ich sah ihn zum zweiten Mal in meinem
Leben. Ich freute mich sehr auf seinen Besuch, denn ich wollte auch so gerne einen Vater haben, genau wie die anderen Kinder, die abends ihren Vätern entgegen rannten und laut “Papa” riefen. Und weil ich mich so sehr freute, wollte ich meinem Vater unbedingt etwas schenken. Ich hatte nichts, was ich einem Erwachsenen hätte schenken können. Deshalb kam ich auf die Idee, ihm etwas für sein Kind zu schenken. Ich nahm eine Plastiktüte, legte ein paar Spielsachen hinein, und als meine Mutter mir sagte, daß mein Vater jetzt angekommen sei und ich ihn unten abholen könne, rannte ich mit der Plastiktüte zum Parkplatz, überreichte sie meinem Vater und sagte: “Das ist für dein Kind!”
Als ich acht Jahre alt war, sagte meine Mutter, daß mein Vater diese Spielsachen bestimmt nicht mit nach Hause genommen,
sondern weggeworfen hat. Und sie glaubte, daß auch die Fotos, die sie von mir gemacht und meinem Vater geschickt hatte,
im Mülleimer gelandet waren. Dadurch wurde mir klar, daß ich für meinen Vater völlig wertlos war.
Als ich sechs Jahre alt war, kaufte meine Mutter eine Wohnung in einem zehn Kilometer entfernten Ort. Seitdem wohnte ich in zwei
Wohnungen und in zwei Städten und mußte jeden Tag allein mit dem Zug hin- und herfahren. Tagsüber war ich bei
meiner Großmutter und abends und an den Wochenenden bei meiner Mutter. Kurz nach dem Umzug kam mein Vater zum dritten Mal
zu Besuch. Beim Mittagessen aß ich nur mit der Gabel, weil ich kein Fleisch auf dem Teller hatte. Mein Vater glaubte,
daß ich noch nicht mit Messer und Gabel essen konnte. “Meine Tochter kann schon mit Messer und Gabel
essen!” sagte er ganz stolz zu meiner Mutter. Er sprach von meiner Halbschwester, die drei Jahre jünger war als ich.
Meine Mutter ärgerte sich sehr, denn es hatte so geklungen, als sei ich nicht seine Tochter.
Als mein Vater sich an diesem Tag verabschiedete, sagte er, es sei schön gewesen, und er versprach, nun öfter mal
zu kommen. Ein paar Wochen später kam er tatsächlich wieder, und ich sah ihn zum vierten Mal in meinem Leben.
Doch am Abend, nachdem ich ins Bett gegangen war, gab es einen Streit zwischen meiner Mutter und meinem Vater. Danach kam
mein Vater nicht mehr zu Besuch, und ich habe zehn Jahre nichts mehr von ihm gehört. Den Grund des Streits kannte ich
nicht. Ich wußte nur, daß meine Mutter meinen Vater haßte und ihn nie wiedersehen wollte.
Als ich 14 Jahre alt war, erzählte meine Mutter mir, daß mein Vater an diesem Abend mit ihr schlafen wollte.
Offenbar glaubte er, daß meine Mutter nun weiterhin seine Freundin sein würde, die er ab und zu mal besuchen
konnte, so wie es in den acht Jahren vor meiner Geburt war. Doch meine Mutter wollte das nicht mehr und erkannte nun endlich,
daß mein Vater ein völlig verantwortungsloser Mensch war.
Für mich war es ein großer Schock, als ich mit 14 Jahren erfuhr, daß mein Vater so
verantwortungslos war. Ich wußte zwar schon seit Jahren, daß er ein Egoist war, denn meine Mutter hatte mir schon
oft von seinen Versuchen, sich vor den Unter-haltszahlungen zu drücken, erzählt, doch wie verantwortungslos er
tatsächlich war, begriff ich erst mit 14 Jahren, und ich war vollkommen entsetzt.
Als ich sechs Jahre alt war, fing meine Mutter an, meinen Vater zu hassen. Gleichzeitig fing sie auch an, mich zu hassen. Sie
verprügelte mich grundlos und sagte furchtbare Schimpfwörter zu mir.
Als ich sieben Jahre alt war, erzählte meine Mutter mir, daß sie meinem Vater einen “bösen Brief”
geschrieben hatte. Er hatte mal wieder versucht, sich vor den Unterhaltszahlungen zu drücken. Deshalb mußte meine
Mutter oft Briefe an das Jugendamt schreiben und dort anrufen. Sie sagte mir immer wieder, daß meinem Vater seine Autos
viel wichtiger seien als ich, denn dafür hätte er immer genug Geld gehabt.
Als ich acht Jahre alt war, versuchte meine Mutter, einen Mann kennenzulernen, indem sie Anzeigen aufgab. Wenn sie dann Besuch
bekam, mußte ich bei meiner Großmutter bleiben, damit die Männer nicht gleich einen Schreck bekamen, wenn sie
mich sahen. Nach einer längeren Zeit gab meine Mutter auf und sagte: “Kein Mann will eine Frau mit so einem
großen Kind heiraten!” In den folgenden Jahren machte sie mir immer wieder den Vorwurf, daß ich ihr ganzes
Leben zerstört hätte.
Als ich neun Jahre alt war, bekam meine Mutter einen Brief vom Jugendamt. Mein Vater hatte sich dort erkundigt, in welche
Schule ich nach der vierten Klasse gehen würde. Meine Mutter antwortete, daß ich ins Gymnasium käme. Sie
regte sich sehr über diese Angelegenheit auf und erklärte mir, daß mein Vater sich deshalb nach der Schule
erkundigt hätte, weil er wissen wollte, wie lange er noch Unterhalt zahlen mußte. Meine Mutter sagte, daß ich
später unbedingt Abitur machen und studieren sollte. Sie wollte sich rächen und meinen Vater dazu zwingen, noch
möglichst lange Unterhalt zu zahlen.
Meine Mutter war krankhaft ehrgeizig. Ich sollte alles besser können als andere Kinder. Am wichtigsten war jedoch,
daß ich alles besser konnte als mein Cousin, denn zwischen meiner Mutter und meiner Tante gab es einen Konkurrenzkampf
um die Anerkennung meiner Großmutter. Meine Mutter konnte nicht begreifen, daß sie keine Chance hatte, auch nur
ein bißchen Anerkennung von meiner Großmutter zu bekommen, denn meine Großmutter hielt grundsätzlich alles
für falsch und schlecht, was meine Mutter tat, während meine Tante ständig gelobt wurde. Deshalb war meine
Mutter geradezu besessen von der Idee, meiner Großmutter, ihren Kollegen und auch sich selbst zu beweisen, daß sie
nicht völlig wertlos war und daß auch sie etwas konnte. Sie wollte unbedingt klüger und besser sein als alle
anderen, und sie erzählte mir oft, daß sie ihren Kollegen “die Courage abgekauft” hatte. Auch ich
sollte anderen Kindern “die Courage abkaufen”.
Als ich im Alter von neun Jahren Angst hatte, in einem Restaurant zu dem Kellner zu gehen und Bescheid zu sagen, daß
meine Mutter zahlen möchte, erzählte sie mir, daß ich das schon mit zwei Jahren konnte und damals keine Angst
hatte. Als ich zwei Jahre alt war, konnte ich auch schon mit Messer und Gabel essen. Einmal ließ meine Mutter mich sogar
aus einem dünnen Weinglas trinken, in das ich aus Versehen reingebissen habe. Natürlich hatte ich dann Glasscherben
im Mund.
Meine Mutter wollte ein sportliches Kind haben, denn auch mein Vater war sehr sportlich. Als ich sechs Jahre alt war, sollte
ich im Schwimmbad den Kopfsprung lernen. Die ersten zwei Sprünge mißlangen. Deshalb wurde meine Mutter sofort
unge-duldig. Sie schrie mich an, und alle Leute drehten sich um und beobachteten mich. Das war mir sehr peinlich.
Am ersten Schultag hatte ich folgende Hausaufgabe: Ich sollte mich mit meinem Schulranzen und meiner Schultüte zeichnen.
Als ich meiner Mutter am Abend die Zeichnung zeigte, war sie davon nicht sehr begeistert. Sie war nicht perfekt genug. Des-halb
zeichnete meine Mutter mit Bleistift ein Mädchen mit Schulranzen und Schultüte, und ich mußte es bunt ausmalen.
Auch meine Schrift sollte perfekt und sehr ordentlich sein. Bei dem kleinsten Fehler wurde die ganze Seite aus dem Heft gerissen,
und ich mußte alles noch einmal schreiben. Bis zur siebten Klasse schrieb meine Mutter sogar meine Aufsätze, und ich
mußte sie abschreiben. Wenn ich die Aufsätze allein schrieb, waren sie nie gut genug.
Meine Mutter machte mir oft Angst, um zu erreichen, daß ich mir in der Schule mehr Mühe gab und besser aufpaßte.
Einmal sagte sie, daß meine Spielkameradinnen später nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, wenn ich kein Abitur
mache und nicht studiere.
Meine Mutter hatte keine Freunde und Bekannte. Immer wieder kündigte sie und fing bei einer neuen Firma an, weil sie
Streit mit Kollegen hatte. Mit den Nachbarn verstand sie sich auch nicht gut. Deshalb bekamen wir nie Besuch. Nicht einmal
meine Großmutter und meine Tante besuchten uns. Auch ich durfte keinen Besuch bekommen. Meine Spielkameradinnen
hätten etwas kaputt oder schmutzig machen können. Das Wichtigste im Leben meiner Mutter waren gute Leistungen und die
Ordnung und Sauberkeit in ihrer Wohnung.
Werktags machte meine Mutter abends mit mir Hausaufgaben. Oft war ich so müde, daß mir dabei die Augen zufielen,
doch ich durfte die Hausaufgaben nicht am Nachmittag machen. Am Samstag machte meine Mutter die Hausarbeit, wobei ich ihr viel
helfen mußte. Am Sonntag ging meine Mutter oft stundenlang mit mir in den Taunus und erzählte mir beim Wandern ihre
ganze Lebensgeschichte. Sie erzählte, was meine Großmutter und mein Vater ihr alles angetan hatten, und sie
erzählte auch immer ganz ausführlich von dem ständigen Streit mit ihren Kollegen.
Seit ich acht Jahre alt war, durfte ich am Wochenende bis zum Sendeschluß mit meiner Mutter fernsehen. Ich sah viele
brutale Filme. Damals wußte ich nicht, wie sehr mir das schadete. In dem Film “Wie ein Schrei im Wind” wurde
eine Frau äußerst brutal behandelt, einem Mann wurde wegen einer Blutvergiftung mit einer Axt das Bein abgehackt, und
ein Indianer wurde von einem anderen Mann ertränkt.
Als ich neun oder zehn Jahre alt war, sah ich in einem Krimi eine Szene, die ich nie vergessen werde, weil ich so schockiert war.
Eine Frau wurde nachts von einem Einbrecher überfallen. Er ging mit ihr in ein Zimmer und machte die Tür hinter
sich zu. Dann kam er allein wieder raus, zog den Reißverschluß seiner Hose hoch und machte den Knopf zu.
Wahrscheinlich dachte ich, daß er gerade von der Toilette kam, und weil mir das nicht merkwürdig erschien, fragte
ich nicht, was das bedeuten sollte. Normalerweise hätte ich diese Szene sofort wieder vergessen und könnte mich heute
gar nicht mehr daran erinnern, wenn meine Mutter mir nicht erklärt hätte, daß der Einbrecher die Frau vergewaltigt
hatte. Sie erklärte mir auch, was eine
Vergewaltigung ist. Seitdem habe ich eine schreckliche Angst vor Einbrechern, und ich habe Alpträume, in denen ich von
Einbrechern ermordet werde.
Als ich sieben Jahre alt war, erzählte meine Mutter mir von einem Mann, der Kinder in kleine Stücke schneidet.
Und wenn sie mich dann abends aus der Wohnung rauswarf und ich um 22 Uhr allein in der Dunkelheit zum Bahnhof lief,
um mit dem Zug zu meiner Großmutter zu fahren, hatte ich Angst, auch in kleine Stücke geschnitten zu werden.
Als ich elf Jahre alt war, geschah bei einer Wanderung etwas, was mir sehr viel Angst machte. Wenn meine Mutter mit mir wanderte,
bevorzugte sie Wege, wo uns möglichst wenige Leute begegneten. Auf einem dieser einsamen Wege sah meine Mutter
plötzlich zwei Männer, die aus dem Gebüsch kamen und plötzlich wieder verschwanden. Meine Mutter sagte,
daß wir in die andere Richtung rennen müßten. Wir rannten den Weg hoch und mußten schließlich auch
noch eine steile Böschung hochklettern. Als wir oben ankamen, waren wir außer Atem und blieben stehen, weil meine
Mutter sah, daß uns niemand ge-folgt war. Trotzdem war sie ganz hysterisch. Ich wußte nicht, wovor wir weggerannt
waren, denn ich hatte niemanden gesehen. Meine Mutter erzählte mir von den Männern, die aus dem Gebüsch
gekommen und plötzlich wieder verschwunden waren. Und dann sagte sie: “Erst vergewaltigen sie mich und
dann dich!” Sie sagte das so, als ob es jeden Augenblick passieren würde. Ich geriet in Panik und wollte wegrennen,
weil ich dachte, daß uns vielleicht doch jemand gefolgt sei. Ich hatte eine panische Angst, und noch Stunden später,
als wir auf einem Weg waren, wo uns wieder Leute begegneten, drehte ich mich oft um, weil ich immer noch Angst hatte, daß
wir verfolgt werden. Ich hatte nicht nur eine furchtbare Angst, sondern ich war auch völlig schockiert, weil ich nicht
gewußt hatte, daß es Männer gab, die Kinder vergewaltigten. Ich hatte das Gefühl, vollkommen schutzlos zu
sein in einer Welt, in der einem die schrecklichsten Dinge passieren konnten. Und dieses Gefühl habe ich auch heute noch.
Als ich 13 Jahre alt war, erzählte meine Mutter mir, daß sie im Alter von 21 Jahren eine Abtreibung machen lassen
mußte. Nach der Abtreibung ging sie nach Hause und bekam starke Blutungen und furchtbare Schmerzen. Sie wäre fast
gestorben. Auch meine Großmutter erzählte oft von ihrer Abtreibung, der Sterilisation, den schmerzhaften Verwachsungen
und der Operation, an der sie fast gestorben wäre. Und sie erzählte, daß mein Großvater sie ein paarmal
vergewaltigt hatte.
Als ich 15 Jahre alt war, war ich einmal in der Küche und hörte, wie meine Großmutter mit ihrem Bruder
telefonierte. Sie war im Wohnzimmer und sprach so laut, daß ich alles hören konnte. Sie erzählte ihrem Bruder von
ihrem traurigen Leben und der schrecklichen Ehe mit meinem Großvater. “Er wollte nur den Sex!” hörte ich
sie sagen.
Ich hatte als Kind immer den Eindruck, daß Sexualität etwas ganz Schreckliches sei, was mit Gewalt zu tun hat,
Schmerzen verursacht und furchtbar unglücklich macht, denn ich hatte ja immer nur von Vergewaltigungen und Abtreibungen
gehört. Jetzt bin ich erwachsen und denke immer noch genauso darüber.
Als ich neun Jahre alt war, kam meine gleichaltrige Spielkameradin Isabella in die Pubertät. Isabellas Mutter erzählte
meiner Mutter lachend, daß Isabella ihren BH anprobiert hatte.
Meine Mutter fand das gar nicht komisch. Sie regte sich furchtbar darüber auf. Isabella war stolz darauf, daß sie
in die Pubertät gekommen war. Das veranlaßte meine Mutter zu der spöttischen Bemerkung, daß Isabella
bald allen Leuten im Hochhaus einen Zettel in den Briefkasten werfen wird, um ihnen mitzuteilen, daß sie ihre Periode
bekommen hat.
Monatelang lästerte meine Mutter in dieser Art und Weise über Isabella, und ich hatte den Eindruck, daß sie
Isabella haßte. Je häufiger meine Mutter über Isabella schimpfte, desto mehr Angst bekam ich davor, auch in die
Pubertät zu kommen. Ich war sehr erleichtert, als meine Mutter mir erklärte, daß Isabella deshalb so früh
in die Pubertät kam, weil ihr Vater Südamerikaner war. Sie sagte, daß alle Kinder in Südamerika früher
in die Pubertät kommen. Da war ich sehr froh, daß ich keinen südame-rikanischen Vater hatte. Ich hoffte, daß
es sehr lange dauern würde, bis ich in die Pubertät käme, oder daß das bei mir gar nicht
passieren würde.
In dieser Zeit, als meine Mutter ständig über Isabella schimpfte, hatten wir Sexualkunde in der Schule.
Meine Lehrerin erklärte gerade, daß bei den Mädchen in der Pubertät die Brust anfängt zu wachsen,
als ich laut dazwischen rief: “Wenn ich mal einen Busen kriege, schneide ich ihn einfach ab!” Als ich zehn Jahre
später einmal bei meiner Lehrerin zum Kaffeetrinken einge-laden war, erzählte sie mir, daß sie darüber
ganz entsetzt war.
Als ich 22 Jahre alt war, ließ ich eine Brustverkleinerung machen, die aus medizinischen Gründen nicht notwendig
gewesen wäre. Diese Operation war sehr schmerzhaft. Von dem Ergebnis war ich enttäuscht, denn der Arzt hatte die
Brust nicht so sehr verkleinert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich wäre auch heute froh darüber, wenn ich keine
Brust hätte, weil ich mich wegen meiner Brust schäme. Wenn ich höre, daß Frauen furchtbar leiden, weil ihnen
die Brust amputiert werden muß, kann ich das gar nicht verstehen, und ich denke, daß ich froh wäre, wenn meine
Brust amputiert werden müßte, denn dann bräuchte ich nie mehr einen BH
zu tragen. Ich weiß, daß solche Gedanken unnormal sind, aber ich kann nichts dagegen tun, daß ich so denke.
Als ich neun Jahre alt war, las meine Mutter in der Zeitung, daß Kinder früher in die Pubertät kämen, weil
im Fleisch so viele Hormone seien. Seit meine Mutter mir das erzählt hatte, aß ich kein Fleisch mehr. Einmal war
ich bei einer Klassenkameradin zum Essen eingeladen. Anjas Mutter hatte eine Suppe gekocht, die ihre Kinder besonders
gern aßen. Als ich die Suppe sah, war meine erste Frage: “Ist da Fleisch drin?” Und weil tatsächlich
Fleisch darin war, konnte ich die Suppe auf gar keinen Fall essen. Anjas Mutter wußte nicht, warum ich nichts essen wollte
und versuchte, mich dazu zu überreden, daß ich die Suppe wenigstens probierte. Irgendwann fing ich an zu weinen, weil
es so schlimm für mich war, so unhöflich zu sein und die Suppe nicht zu essen.
Als ich neun Jahre alt war, passierte sehr viel, was mir Angst machte. Ich hatte nicht nur eine schreckliche Angst, in die
Puber-tät zu kommen, sondern ich hatte auch Angst, daß meine Großmutter sterben würde. Ich wußte,
was Sterben bedeutet, denn in diesem Jahr war auch mein Kanarienvogel gestorben. Als ich eines Tages vom Spielen kam, sah meine
Mutter mich vor-wurfsvoll an und sagte, daß Hansi inzwischen gestorben sei. Er war schon seit Tagen krank gewesen, doch
ich hatte nicht damit gerechnet, daß er sterben würde. Meine Mutter machte mir Vorwürfe, weil ich draußen
gespielt hatte, während Hansi gestorben war. Sie war der Meinung, daß ich ihn nicht hätte allein lassen
dürfen. Und sie erzählte mir, daß sie nicht bei
ihrem Vater im Krankenhaus war, als er starb. Deshalb machte sie sich immer noch Vorwürfe. Statt froh zu sein,
daß ich nicht dabei zugesehen hatte, wie der Vogel von der Stange fiel, schimpfte sie mit mir. Dann sagte sie in einem
sehr unfreundlichen Ton, daß ich ins Schlafzimmer gehen sollte. Dort sah ich den kleinen Vogel bewegungslos am Boden
des Käfigs liegen. Sei-ne Beine hatte er nach oben gestreckt. Das war für mich ein großer Schock, denn ich
hatte ihn sehr geliebt. Nach seinem Tod habe ich wochenlang sehr gelitten. Ich war unendlich traurig und hatte Schuldgefühle.
Ich dachte, mein Vogel wäre vielleicht nicht gestorben, wenn ich ihn nicht alleingelassen hätte.
Als ich neun Jahre alt war, hatte ich furchtbare Ängste und Sorgen, doch es gab keinen einzigen Menschen,
mit dem ich darüber sprechen konnte. Ich kam auch gar nicht auf die Idee, jemandem davon zu erzählen, denn ich war es
nicht gewohnt, meine Mutter oder meine Großmutter um Hilfe zu bitten, wenn ich ein Problem hatte. Ich versuchte immer,
mit allem allein fertigzuwerden, denn ich hatte noch nie die Erfahrung gemacht, daß sich jemand dafür interessierte,
wie es mir ging. Ich mußte einfach nur funktionieren und möglichst gut in der Schule sein. Alles andere war völlig
uninteressant.
Ich versuchte, meine Ängste zu vergessen, indem ich sehr viel träumte. Ich lebte viel mehr in einer Phantasiewelt als
in der Realität. Als ich neun Jahre alt war, träumte ich noch mehr als in den Jahren vorher, und in der Schule war ich
unaufmerksam. Im Zeugnis hatte ich eine Vier in Aufmerksamkeit. Deshalb gab meine Lehrerin meiner Mutter den Rat, mit mir zu einer
Kinderpsychologin zu gehen.
Die Psychologin sprach zuerst mit meiner Mutter und mir. Doch dann wollte sie mit mir allein sprechen. Das war meiner
Mutter überhaupt nicht recht, und sie fragte, warum das denn sein müsse. Nach einer längeren Diskussion war
meine Mutter schließlich damit einverstanden, daß die Psychologin mit mir in ein anderes Zimmer ging. Dort stellte
sie mir viele Fragen. Plötzlich brach ich in Tränen aus und sagte: “Meine Mami haut mich immer mit dem
Kochlöffel!” Später sprach die Psychologin noch einmal mit meiner Mutter. Durch die Tür konnte ich
hören, daß sie meiner Mutter sagte, sie dürfe mich nicht schlagen. Wir gingen nie wieder zu dieser
Psychologin, und meine Mutter hörte nicht auf, mich zu schlagen. Meine Lehrerin erkundigte sich nicht danach, was die
Psychologin gesagt hatte.
Nachdem meine Mutter mir so viel Angst gemacht hatte, in die Pubertät zu kommen, verhielt ich mich vier Jahre lang
äußerst merkwürdig. Das fiel jedoch niemandem auf, weil es niemanden gab, der sich Sorgen um mich machte.
Als ich neun Jahre alt war, wollte ich nicht nur kein Fleisch mehr essen, sondern ich aß überhaupt sehr wenig und war
sehr dünn. Als ich zehn Jahre alt war, ließ ich mir die Haare kurz schneiden und bildete mir in den nächsten
drei Jahren ein, kein Mädchen, sondern ein Junge zu sein. Mein Aussehen war mir völlig gleichgültig. Ich trug
abwechselnd zwei häßliche braune Cordhosen, die an den Knien glänzten, weil mein Cousin, dem sie zu klein geworden
waren, beim Spielen oft auf den Knien herumgerutscht war. Als ich 13 Jahre alt war, hörte ich zufällig ein Gespräch
zwischen drei
Klassenkameradinnen, die sich besorgt darüber unter-hielten, daß ich so wenige Kleider hatte.
Als ich elf Jahre alt war, fing ich plötzlich an, mich wie ein fünfjähriges Kind zu benehmen. Ich wollte
jünger sein und niemals älter werden. Obwohl ich ein Junge sein wollte, spielte ich stundenlang mit meinen Puppen
und kaufte mir von meinem gesparten Geld einen großen Stoffhasen. Diesen Hasen fuhr ich dann im Puppenwagen spazieren, bis
ich eines Tages von den anderen Kindern ausgelacht wurde.
In der fünften und sechsten Klasse hatte ich jeweils ein halbes Jahr Schwimmen. Schon in der fünften Klasse war ich das
einzige Mädchen, das keinen Badeanzug trug. Ich hatte nur eine Badehose. In der fünften Klasse war das noch nicht so
schlimm, doch in der sechsten Klasse war es unübersehbar, daß meine Brust anfing zu wachsen. Das war mir sehr peinlich.
Wenn wir am Beckenrand standen, weil der Lehrer uns etwas erklärte, verschränkte ich meine Arme vor der Brust und tat so,
als würde ich frieren. Ich hätte gerne einen Badeanzug gehabt, doch ich traute mich nicht, meiner Mutter zu sagen,
daß ich einen brauchte. Ich hatte überhaupt kein Vertrauen zu ihr. Als ich mit 13 Jahren meine Periode bekam,
erzählte ich meiner Mutter nichts davon.
Das Leben mit meiner Mutter war so unerträglich, daß ich es nur mit Hilfe meiner Phantasie ertragen konnte. Ich sah
sehr viel Fernsehen. Als ich sieben Jahre alt war, war “Tarzan” meine Lieblingsserie.
Meine Mutter hatte ein einziges Foto von meinem Vater. Darauf sah man seine Füße, seine Beine, eine schwarze
Badehose, seinen Rücken und seinen Hinterkopf. Dieses Foto hatte meine Mutter während eines Urlaubs gemacht. Auf dem
Foto konnte man sehen, wie mein Vater mit einem Kopfsprung von einem hohen Felsen ins Wasser sprang. Auch Tarzan trug immer
eine dunkle Badehose, und er machte auch oft Kopfsprünge. Wahrscheinlich hielt ich ihn wegen der Kopfsprünge und der
Bade-hose für meinen Vater, oder vielleicht wünschte ich mir auch nur, daß er mein Vater wäre, denn es
beeindruckte mich sehr, daß er einem kleinen Jungen oft das Leben rettete und ihn vor Verbrechern beschützte.
Ich wäre gern dieser kleine Junge gewesen, denn ich hätte dringend jemanden gebraucht, der mich beschützt.
Als ich vor ein paar Jahren Isabellas Mutter besuchte, erzählte sie mir, daß ich ihr im Alter von sieben Jahren das
Foto eines Schauspielers gezeigt und dann gesagt hätte: “Das ist mein Vater!” Es war ein Foto von Tarzan.
Nach “Tarzan” wurde “Daktari” meine Lieblingsserie, und so ging das immer weiter. Ich lebte viel mehr in
Fernsehserien als in der wirklichen Welt, denn im Fernsehen gab es Erwachsene, die sehr stark waren und Schwächere
beschützten. Sie waren absolut zuverlässig, wußten bei jedem Problem und in jeder schwierigen Situation sofort,
was zu tun war, und sie waren immer freundlich. Und so gab es im Laufe der Jahre eine Fernsehserie nach der anderen, die mir die
Familie ersetzte. Eigentlich fing das damals schon an, daß ich von anderen Menschen abhängig wurde, weil ich das
Gefühl hatte, daß sie
stark waren und mich beschützen konnten. Doch all diese Menschen existierten nur im Fernsehen und in meiner Phantasie.
Von Jahr zu Jahr passierte es immer häufiger, daß meine Mutter mich rauswarf. Sie warf dann auch meine Schultasche vor
die Tür, damit ich am nächsten Tag in die Schule gehen konnte, doch sie vergaß oft, mir auch noch eine Jacke vor
die Tür zu werfen. Manchmal fror ich entsetzlich, wenn ich am Bahnhof auf den Zug wartete. Wenn gerade ein Zug weg war,
mußte
ich eine Stunde in der Dunkelheit auf den nächsten warten. Dann hatte ich so eine große Angst, daß ich mich im
Gebüsch verkroch, bis der Zug kam. Ich fühlte mich unendlich einsam und verlassen. Wenn ich schließlich weinend
bei meiner Großmutter ankam, rief sie meine Mutter an und schimpfte mit ihr, weil sie mich wieder rausgeschmissen hatte,
doch meine Mutter schrie nur irgend etwas in den Hörer und legte ihn auf. “Immer habe ich Ärger mit euch!”
sagte meine Großmutter dann. “Bestimmt warst du mal wieder ungezogen!” Und ich hatte das Gefühl, selbst
an allem schuld zu sein. Nachdem meine Mutter mich rausgeschmissen hatte, rief sie ein paar Tage später bei meiner
Großmutter an, denn ich sollte wieder abends zu ihr kommen, damit sie Hausaufgaben mit mir machen konnte.
Es kam auch vor, daß meine Mutter mich für eine längere Zeit loswerden wollte. Während der Schulferien
brauchte sie ja keine Hausaufgaben mit mir zu machen, und ich war froh, daß ich bei meiner Großmutter sein konnte,
denn die verprügelte mich nicht. Die Umzüge zu meiner Großmutter waren sehr schlimm. Meine Mutter warf meine
Kleider aus dem Schrank und sagte, daß ich meine Sachen packen und verschwinden sollte. Ich nahm mehrere Plastiktüten,
steckte meine Kleider und Puppen hinein und ging damit zum Bahnhof. Ich kann mich noch daran erinnern, daß ich das
Gefühl hatte, daß meine Arme gleich abgerissen werden, weil die Tüten so schwer waren. Einmal half mir ein Mann,
die Tüten zum Bahnhof zu tragen, denn er hatte gesehen, daß ich nah am Zusammenbrechen war.
Als ich elf Jahre alt war, transportierte ich die schweren Sachen einmal in einem Puppenwagen. In der Nähe des Bahnhofs war
ein Weg mit Schlaglöchern und Pfützen. Plötzlich verlor der Puppenwagen ein Rad, kippte um, und alles fiel auf
den Boden und zum Teil auch in eine Pfütze. Ich fing an zu weinen, weil mein Stoffhase, meine Puppe und ein paar Bücher
naß und schmutzig geworden waren.
Es kam auch oft vor, daß meine Mutter mich am Wochenende rauswarf, obwohl sie wußte, daß meine Großmutter
an den Wochenenden bei meiner Tante war. Dort konnte ich nicht hinfahren. Meine Tante und mein Onkel konnten meine Mutter nicht
leiden, und deshalb mochten sie auch mich nicht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu meiner Tante zu fahren, wenn ich
rausgeschmissen wurde. Lieber wartete ich stundenlang auf meine Großmutter. Meistens saß ich dann auf der Treppe,
die zum Dachboden führte. Stundenlang hatte ich Hunger und Durst und wußte nicht, ob meine Großmutter
überhaupt am Abend nach Hause kommen würde. Manchmal übernachtete sie auch bei meiner Tante. Dann mußte
ich abends bei Nachbarn klingeln und darum bitten, bei meiner Tante anrufen zu dürfen. Meine Großmutter war sehr
ärgerlich, wenn sie gerade einen Film sah, den sie dann unterbrechen mußte, um nach Hause zu fahren.
Immer wieder stand ich vor verschlossenen Türen. Ich hatte nie das Gefühl, irgendwo hinzugehören.
Als ich 14 Jahre alt war, hatte meine Mutter wieder einmal einen schlimmen Wutausbruch. Als ich auf meinem Bett saß,
wollte sie mir einen schweren Stuhl aus Holz auf den Kopf schlagen. Der Stuhl landete auf meinem Bett - dort, wo ich eine
Sekunde vorher noch gesessen hatte. Ich konnte ins Badezimmer flüchten und mich dort einschließen. Meine Mutter drohte,
die Tür einzuschlagen und daß “etwas ganz Fürchterliches” passieren würde, falls ich nicht
sofort die Tür aufmache. Von Wein-krämpfen geschüttelt hielt ich die Tür zu, obwohl sie abgeschlossen war.
Als ich wieder klarer denken konnte, suchte ich im Badezimmer-Schrank nach einer Nagelschere, um mir die Pulsadern
aufzuschneiden. Es war jedoch keine da. Ich hatte nur noch einen einzigen Gedanken: Ich wollte sterben. Nach ungefähr einer
Stunde packte meine Mutter meine Sachen in Plastik-tüten und stellte alles in den Flur. Es war so viel, daß ich es
unmöglich hätte tragen können. Deshalb rief meine Mutter ein Taxi. Erst als das Taxi da war und meine Mutter
die Wohnungstür öffnete, traute ich mich aus dem Badezimmer heraus. Dann brachte ich meine Sachen nach unten.
Ich nahm auch ein kleines, aber ziemlich schweres Schränkchen mit. Darin waren meine Tagebücher eingeschlossen.
Meine Mutter hatte mir kein Geld gegeben, um das Taxi zu bezahlen. Als ich bei meiner Großmutter ankam, klingelte ich und
bat sie, mir das Geld für das Taxi zu geben. “Ich denke ja gar nicht daran!” war ihre Antwort. Als der
Taxifahrer merkte, daß er sein Geld nicht bekommen würde, nahm er das Schränkchen, das er gerade aus dem
Kofferraum geholt hatte, und stellte es wieder hinein. Dann drückte er mir seine Visitenkarte in die Hand und sagte,
ich könnte das Schränkchen bei ihm abholen, wenn ich das Geld hätte. Ich stand wie gelähmt vor dem Haus
und sah zu, wie der Taxifahrer ins Auto stieg und mit meinen Tagebüchern davonfuhr. Eine ältere Frau, die im
Erdgeschoß wohnte, machte das Fenster auf und fragte, was denn los sei. Ich stand völlig verzweifelt zwischen meinen
Plastiktüten und sagte weinend, daß der Taxifahrer meine Tagebücher mitge-nommen hatte. Als ich in die Wohnung
meiner Großmutter kam, schimpfte sie mit mir, weil ich mit dem Taxi gekommen war. Sie sagte, sie sei noch nie in ihrem
Leben mit dem Taxi gefahren, denn das wäre viel zu teuer. Ich erklärte ihr, daß meine Mutter das Taxi geruf
hatte. “Dann soll sie es auch bezahlen!” sagte meine Großmutter. Tagelang bettelte ich darum, daß meine
Großmutter mir 14 Mark für das Taxi gab, doch das tat sie nicht. Es war ihr völlig egal, daß ich weinte,
weil ich Angst hatte, der Taxifahrer würde meine Tagebücher wegwerfen, wenn ich nicht käme, um sie abzuholen. Sie
sagte, daß ich mir das Geld bei meiner Mutter holen sollte. Also fuhr ich zu meiner Mutter, doch sie machte die Tür
nicht auf. Ich wußte, daß sie da war, denn ich konnte sehen, daß in der Wohnung Licht brannte. Völlig
verzweifelt fuhr ich wieder zurück zu meiner Großmutter, die immer noch kein Mitleid hatte und mir das Geld nicht
gab. Schließlich schenkte mir die ältere Frau, die im Erdgeschoß wohnte, das Geld für das Taxi. Sie
konnte gar nicht begreifen, warum meine Großmutter so stur war. Ein paar Wochen später sollte ich plötzlich
zu meiner Mutter zurückkommen. Diesmal transportierte ich meine Sachen mit dem Zug und mußte mehrmals hin-
und herfahren. Auch das Schränkchen mit den Tagebüchern trug ich zum Bahnhof.
Meine Mutter wurde immer verrückter. Als ich 14 Jahre alt war, war es besonders schlimm. An einem Abend wollte sie
mich quälen und nicht einschlafen lassen. Ich lag schon im Bett und war gerade am Einschlafen, als sie ins Zimmer kam
und das Licht einschaltete. Dann ging sie wieder raus. Ich stand auf, schaltete das Licht aus und legte mich wieder ins Bett.
Meine Mutter kam herein und machte das Licht wieder an. Nachdem sie rausgegangen war, machte ich das Licht wieder aus. Kurz
darauf schaltete sie es wieder ein. Mir wurde langsam klar, daß meine Mutter vorhatte, mich nicht schlafen zu lassen. Und
ich hatte keine Ahnung, was ihr
sonst noch einfallen würde. Ich hatte Angst, daß sie mich verprügeln und rausschmeißen würde. Ich dachte, je weniger Angst ich zeige und je stärker ich wirke, desto weniger würde sie mich quälen. Deshalb nahm ich ein Buch und tat so, als würde ich darin lesen. Als meine Mutter wieder reinkam und das sah, schaltete sie das Licht aus, so daß ich nicht mehr lesen konnte. Ich dachte schon, sie würde mich nun endlich schlafen lassen und legte mich wieder hin. Doch sie kam herein und machte das Licht wieder an. Diesmal machte ich es nicht wieder aus, sondern tat so, als würde ich trotz des Lichtes schlafen. Als meine Mutter das sah, schaltete sie das Radio ein und stellte es laut. Dann fing sie plötzlich an, zur Musik zu tanzen. Sie machte ganz merkwürdige Bewegungen. Ich hatte das Gefühl, in einem Irrenhaus zu sein und eine Verrückte vor mir tanzen zu sehen.
Eines Tages vergaß ich, den Schlüssel zu dem Schränkchen mit den Tagebüchern mitzunehmen. Meine Mutter
fand ihn und las meine Tagebücher. Ich war gerade zum ersten Mal ein bißchen verliebt in einen Jungen aus meinem
Judoverein. Ich bewunderte ihn sehr, denn er hatte den blauen Gürtel. Einmal legte Andreas den Arm um meine Schultern,
und ich schwebte wie auf Wolken. Als meine Mutter das las, machte sie sich darüber lustig. Tagelang machte sie
spöttische Bemerkungen darüber. Seitdem hatte ich immer das Gefühl, daß Verliebtsein etwas
Lächerliches sei, wofür man sich schämen mußte.
Als ich 14 Jahre alt war, fand ich zufällig die Geburts- und Sterbeurkunden meiner Brüder in einem alten Schuhkarton in
der Abstellkammer. Vorher hatte ich nichts von ihnen gewußt. Meine Mutter hatte zwei Jahre vor meiner Geburt Zwillinge
bekom-men, die ein paar Tage nach der Geburt gestorben waren. Während sie geboren wurden und starben, war mein Vater
mit seiner Frau in Italien und machte Urlaub. Als meine Brüder auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beerdigt wurden, war
kein Angehöriger dabei. Später wurden die Gräber niemals gepflegt.
Meine Mutter reagierte vollkommen gleichgültig, als ich sie fragte, was die Urkunden bedeuteten. Ich hatte nicht den
Eindruck, daß sie traurig darüber war, daß meine Brüder gestorben waren. Nachdem ich die Urkunden gefunden
hatte, fuhr ich sofort nach Frankfurt und suchte auf dem riesigen Hauptfriedhof nach den Gräbern. In der Verwaltung hatte
mir jemand eine Grab-nummer gesagt, doch ich konnte die Gräber nicht finden. Ungefähr zwei Stunden lief ich
weinend und völlig verzweifelt auf dem Friedhof herum und wünschte mir, auch in einem dieser Gräber zu liegen,
denn mir war klar, daß ich meiner Mutter genau so gleichgültig war wie meine Brüder. Ich war davon überzeugt,
daß die Ärzte sich keine Mühe gegeben hatten, meine Brüder zu retten, weil es “uneheliche” Kinder
waren. Ich dachte, die Ärzte hätten sie absichtlich sterben lassen, weil sie zu wertlos waren, um gerettet zu werden.
Und ich glaubte, genauso wertlos zu sein wie meine Brüder.
Ungefähr vier Monate vor meinem 15. Geburtstag bekam meine Mutter einen besonders
schlimmen Wutausbruch und warf alles mögliche auf den Boden. Sie schlug mich mit einem Holzschuh und schüttete Bier
über meinen Kopf. Dann rief sie bei der Polizei an und sagte, ich hätte “die ganze Wohnung verwüstet”,
und sie bat darum, daß ich in ein Erziehungsheim gebracht werde. Kurz darauf kamen zwei Polizisten. Ich sagte ihnen,
daß ich überhaupt nichts gemacht hatte. Sie glaubten mir, denn meine Mutter machte einen ziemlich durchgedrehten
Eindruck und sprach ganz merkwürdig. Die Polizisten sagten, daß sie nicht einfach ein Kind völlig grundlos ins
Erziehungsheim bringen könnten. “Dann bringen Sie sie halt zu ihrer Großmutter!” sagte meine Mutter.
Die Polizisten brachten mich mit dem Polizeiauto zu meiner
Großmutter, wo ich weinend und mit kleb-rigen und nach Bier riechenden Haaren und Kleidern ankam. Die Polizisten kamen mit
in die Wohnung meiner Großmutter, um zu fragen, ob ich bei ihr bleiben konnte. Als sie weg waren, machte meine
Großmutter mir Vorwürfe, weil ich mit dem Polizeiauto gekommen war und die Nachbarn das gesehen haben könnten.
Das war ihre einzige Sorge. Wie es mir ging, interessierte sie überhaupt nicht.
Dieses Mal hatte meine Mutter mich endgültig rausgeschmissen. Sie rief nicht mehr an - noch nicht einmal an meinem Geburtstag
oder an Weihnachten. Mir war das egal, denn für mich war meine Mutter gestorben. Wenn meine Großmutter meine Mutter
erwähnte, sagte ich: “Welche Mutter? Ich habe keine Mutter! Du meinst wohl deine Tochter!” Meine Großmutter
wurde sehr böse, wenn ich so über meine Mutter sprach. Trotz allem, was geschehen war, konnte sie meine Wut und
Verzweiflung nicht verstehen. Ihrer Meinung nach mußte man Achtung vor seinen Eltern haben, denn so steht es im vierten
Gebot. Meine Großmutter konnte mich nicht verstehen, denn als ich 15 Jahre alt war, war sie schon 77 Jahre alt. Sie konnte
zwar noch völlig klar denken, aber sie verstand trotzdem nicht, daß es mir so schlecht ging. Sie hatte einfach kein
Einfühlungsvermögen. Die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, war bei ihr nicht einmal
ansatzweise vorhanden.
Nachdem meine Mutter mich ins Erziehungsheim bringen lassen wollte, habe ich mich völlig verändert. Ich war verzweifelt
und hatte Selbstmordgedanken. Mein Leben schien zuende zu sein. Ich weinte jeden Tag stundenlang und lag nur noch in mei-nem Bett.
Ich ging oft wochenlang nicht mehr in die Schule, weil ich kaum noch schlafen konnte und so schlimme Kopf-schmerzen hatte. Und
wenn ich mal in der Schule war, konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren. Ich dachte tausendmal am Tag, daß mein
Leben völlig sinnlos ist und daß ich sterben möchte. Mit meiner Großmutter habe ich in den nächsten
drei Jahren kein einziges Mal über meine Verzweiflung gesprochen. Sie behauptete immer, ich sei zu faul, um in die Schule zu
gehen. Sie merkte nicht, was wirklich mit mir los war, oder wollte es nicht merken.
Als ich 15 Jahre alt war, wurde die Schule für mich zur Qual. Meine Klassenkameraden stritten sich ständig, und
besonders die Mädchen wurden immer bösartiger. Ich konnte die ewigen Intrigen, Konflikte und sinnlosen Streitereien
nicht mehr ertragen. Die Schule war auch deshalb eine Qual, weil wir monatelang über das Dritte Reich sprachen und über
die schrek-klichen Grausamkeiten, die damals geschehen waren. Für mich war es eine große Katastrophe, zu erfahren,
daß sechs Millionen Juden einfach ermordet worden waren. Ich wollte nicht in einer Welt leben, in der so etwas
Schreckliches passieren konnte. Ich hatte den Eindruck, daß alle Menschen grausam waren, und ich wollte immer weniger mit
anderen Menschen zu tun haben.
Auch der Deutschunterricht wurde immer unerträglicher. Wir lasen nur noch Bücher, die mich schockierten, wie z.B.
“Der Untertan” von Heinrich Mann. Diederich, die Hauptfigur dieses Romans, hatte eine Freundin, die er gar nicht
liebte, sondern nur verachtete. Er nutzte sie bloß aus, während sie glaubte, er würde sie bald heiraten. Daran
dachte er jedoch nicht einmal im Traum. Ich war so traurig, als ich das las, denn ich konnte nicht begreifen, warum die Menschen
sich immer nur gegenseitig ausnutzten.
“Die verlorene Ehre der Katharina Blum” war auch ein Alptraum für mich. Ich fand es schrecklich, wie sehr
Katharina Blum gequält wurde, nur weil ein paar Reporter so geldgierig waren. Ich konnte die Gleichgültigkeit der
Menschen nicht mehr ertragen, noch nicht einmal in einem Roman. Eine Stelle in diesem Buch fand ich besonders schlimm: Katharina
Blum wurde von dem Kommissar verhört. Es ging um den zu hohen Kilometerstand ihres Autos. Sie erklärte dem Kommissar,
sie sei abends oft stundenlang mit ihrem Auto durch die Gegend gefahren, weil sie sich sehr einsam gefühlt habe. Sie sagte,
sie habe immer gehofft, nicht so zu enden, wie andere alleinstehende Frauen, die abends vor dem Fernseher sitzen und Alkohol
trinken.
“So sieht also meine Zukunft aus!” dachte ich, als ich das las. Ich war damals schon davon überzeugt, daß
ich mein ganzes Leben lang genauso einsam sein würde, wie Katharina Blum und wie meine Mutter und Großmutter.
Meine Mutter hatte oft gesagt: “Wie lange muß ich dieses Scheißleben denn noch ertragen?” Und auch ich
empfand mein Leben als unerträglich.
Ich ging immer seltener zur Schule, und wenn ich mal dort war, beteiligte ich mich nicht am Unterricht. Bei Klassenarbeiten gab
ich nur leere Blätter ab. Ich schrieb keinen einzigen Satz und löste keine einzige Aufgabe. Deshalb bekam ich jedesmal
eine Sechs, doch kein Lehrer fragte, was denn mit mir los sei. In den letzten zwei Schuljahren fehlte ich mehrmals ein paar Monate
lang unentschuldigt, doch das Jugendamt wurde nicht benachrichtigt.
Die Jahre zwischen meinem 15. und 18. Geburtstag waren eine Qual. Meine Großmutter merkte nicht, daß ich schwere
Depressionen hatte und außerdem noch selbstmordgefährdet war. Statt mir zu helfen, demütigte sie mich genauso,
wie sie es früher mit meiner Mutter gemacht hatte. Ich schrieb oft stundenlang in mein Tagebuch, weil ich mit niemandem
sprechen konnte. Meine Großmutter verstand nicht, warum ich so viel schrieb. Einmal sagte sie: “Schreibst du schon
wieder? Das ist ja schon krankhaft! Bei dir stimmt irgend etwas nicht in deinem Hirn!” Manchmal sagte sie auch: “Du
bist verrückt! Du mußt zum Psychiater!” Ich hatte immer das Gefühl, laut schreien zu müssen,
wenn sie so etwas sagte. Meine Verzweiflung wurde da-durch noch größer. Alles war vollkommen hoffnungslos. Ich ging
meiner Großmutter drei Jahre lang so gut wie möglich aus dem Weg. Ihre Anwesenheit im gleichen Raum war für mich
unerträglich. Deshalb aß ich nie mit ihr zusammen, sondern holte mir irgend etwas aus dem Kühlschrank und aß
es in meinem Zimmer. Ich ging auch nicht ins Wohnzimmer, wenn meine Großmutter vor dem Fernseher saß. Ich wohnte dort
wie eine Untermieterin in einer fremden Wohnung.
Am Wochenende war meine Großmutter bei meiner Tante. Auch an Weihnachten war sie dort, und ich war ganz allein. Ich war
nicht traurig, weil meine Großmutter nicht da war. Ich vermißte sie überhaupt nicht, denn sie war für mich
nur ein völlig fremder Mensch.
Eines Tages ging meine Tante mit mir zu einer Beratungsstelle in Frankfurt. Es war das erste und gleichzeitig auch das letzte
Mal, daß sie sich um mich gekümmert hat. Ich glaube nicht, daß es ihre Idee war, mit mir zu dieser
Beratungsstelle zu gehen. Wahrscheinlich hatte meine Großmutter sie darum gebeten, denn ich war ein paar Monate nicht zur
Schule gegangen. Auf dem Weg zu dieser Beratungsstelle fing meine Tante plötzlich an, über meine Mutter und meinen
Vater zu sprechen. Sie sagte, ich sei nur ein “Lockvogel” und ein “Mittel zum Zweck” gewesen,
weil meine Mutter mit mir erreichen wollte, daß mein Vater sich scheiden ließ und sie heiratete. Das war ein
großer Schock für mich, obwohl ich das wahrscheinlich längst geahnt
hatte. Meine Depressionen wurden noch schlimmer. Es ging mir so schlecht, daß ich anfing, mir die Haare auszureißen
und die Kopfhaut blutig zu kratzen.
Meine Tante und die Sozialarbeiterin in der Beratungsstelle versuchten, mich dazu zu überreden, in eine betreute
Wohnge-meinschaft zu ziehen. Doch das wollte ich nicht, denn ich hatte Angst, nicht mehr zum Judo gehen zu dürfen. Mein
Judoverein war zu weit entfernt von Frankfurt, und das Training fand abends statt. Ich dachte, die Betreuer würden mir
verbieten, zum Judo zu gehen. Also blieb ich bei meiner Großmutter.
Als ich 15 Jahre alt war, war mein Judoverein der einzige Halt, den ich noch hatte. Mein Trainer war für mich wie ein
Vater, und ich litt sehr darunter, ihn nur zweimal in der Woche zu sehen. In den Schulferien ging es mir noch schlechter als
sonst, denn ich sah Dieter wochenlang nicht.
Dieter hatte einen kleinen Sohn, der fünf Jahre alt war. Er ging sehr liebevoll mit ihm um, und wenn Kai hinfiel und sich
verletzte, durfte er lange auf Dieters Schoß sitzen und wurde getröstet. Wenn ich das sah, wurde ich furchtbar traurig.
Ich wünschte mir auch einen Vater, bei dem ich auf dem Schoß sitzen durfte und getröstet wurde.
In dieser Zeit, als ich mir so sehr einen Vater wünschte, ging ich oft mit einem Hund spazieren. Dieser Hund war eins der
letzten Dinge, die mich noch aufrecht erhielten und mir ein kleines bißchen Mut machten. Eines Tages, als ich den Hund zu
seinem Besitzer zurückbrachte, schloß er die Tür zu und ließ mich nicht mehr weggehen. Dieser Mann war sehr
groß und stark, und ich konnte mich nicht wehren. Er hielt mich fest, ging mit mir zu einem Sessel, setzte sich hin und
zog mich auf seinen Schoß. Dann berührte er meine Brust und versuchte, mich zu küssen. Später legte er mich
auf den Boden und setzte sich auf meinen Bauch. Mit einer Hand hielt er meine Arme fest, und mit der anderen berührte er
meine Brust. Ich drehte mei-nen Kopf hin und her, weil er immer wieder mit der Zunge meinen Mund berührte. Das war sehr
eklig. Schlimmer war jedoch meine Angst. Eine halbe Stunde hatte ich Angst, daß der Mann mich vergewaltigen und umbringen
würde.
In den Tagen danach ging es mir wahnsinnig schlecht, doch ich erzählte meiner Großmutter nichts davon. Wenn mir als
klei-nes Kind etwas Schlimmes passiert war, hatte sie immer nur gesagt: “Wer nicht hören will, muß fühlen!
” Und sie sagte oft: “Das geschieht dir recht!” Sie hat mich nie getröstet, wenn ich weinte. Deshalb kam
ich später gar nicht auf die Idee, mit ihr zu sprechen, wenn ich etwas Schlimmes erlebt hatte. Sie hätte sowieso
nur gesagt, daß es meine eigene Schuld war. Wenn ich nicht in ein fremdes Haus gegangen wäre, hätte das ja
nicht passieren können.
Mein Wunsch, einen Vater zu haben, bei dem ich auf dem Schoß sitzen durfte und getröstet wurde, war unerfüllbar.
Statt dessen hatte ich bei einem fremden Mann auf dem Schoß gesessen, der mich nicht liebevoll ansah und liebevoll mit mir
sprach, so wie Dieter es getan hatte, als er Kai tröstete. Dieser Mann hatte mich mit Gewalt dazu gezwungen, auf seinem
Schoß zu sitzen, und er hatte meine Brust berührt und versucht, mich zu küssen.
Ich dachte darüber nach, warum nur mir so etwas Schreckliches passierte, während andere Kinder Eltern hatten, von denen
sie geliebt und beschützt wurden. Und die einzige Erklärung, die ich dafür fand, war, daß ich einfach zu
wertlos bin, um geliebt zu werden. Es war für mich unvorstellbar, daß ich irgendwann für jemanden wirklich
wichtig sein könnte, und trotzdem war es mein größter Wunsch. In meinen Träumen geschah immer ein Wunder,
und durch eine außergewöhnliche Leistung oder ein großes Opfer gelang es mir, für jemanden ganz wichtig und
wertvoll zu werden.
Während der drei Jahre, in denen ich bei meiner Großmutter wohnte, behielt meine Mutter das Geld, das mein Vater
für mich zahlen mußte. Das Kindergeld behielt sie auch für sich, und meine Großmutter bekam keinen
Pfennig. Sie mußte alles, was ich brauchte, von ihrer Rente bezahlen, und das tat sie äußerst ungern.
Ich bekam kein Taschengeld, und ich hatte nie so schicke Kleider wie die anderen Mädchen in meiner Klasse. Meine
Großmutter nähte mir Kleider, die einfach unmöglich waren. Wenn ich Geld brauchte für einen Schulausflug,
Schulhefte, Schnürsenkel oder eine Monatskarte für den Zug, um in die Schule fahren zu können, sagte meine
Großmutter: “Dann geh doch zu deiner Mutter! Ich bin dafür nicht zuständig!” Sie sagte das, obwohl
sie genau wußte, daß meine Mutter mir kein Geld gegeben und mich auch gar nicht in ihre Wohnung gelassen hätte.
Ich hatte immer das Gefühl, daß meine Großmutter mich damit quälen wollte.
Meine Großmutter war unglaublich geizig. Ich mußte um jedes Heft und um jeden Bleistift erst lange betteln. Es gab
endlose Diskussionen darüber, wie oft ich meine Haare waschen und baden durfte. Meine Großmutter wollte mir verbieten,
einmal in der Woche die Haare zu waschen. Sie sagte, man bekäme eine Glatze, wenn man sich häufiger als alle zwei Wochen
die Haare waschen würde. In Wirklichkeit wollte sie nur Wasser sparen. Ich durfte auch meine Wäsche nicht einmal in der
Woche waschen. Natürlich habe ich heimlich meine Haare gewaschen, gebadet und auch die Wäsche gewaschen, wenn meine
Großmutter am Wochenende bei meiner Tante war. Wenn sie das bemerkte, gab es einen riesengroßen Ärger.
“Ich schlag dich nochmal tot!” sagte meine Großmutter dann und ging mit ihren großen und starken
Fäusten auf mich los. Irgendwann kam sie auf die Idee, jedesmal das Gas abzustellen, bevor sie wegging. Ich versuchte gar
nicht erst, es wieder anzumachen, denn meine Großmutter hätte an dem Gaszähler erkennen können, daß
ich Gas verbraucht hatte. Also duschte ich mit kaltem Wasser und wusch auch meine Haare mit kaltem Wasser. Das war besonders im
Winter äußerst unangenehm.
Im Winter habe ich entsetzlich gefroren. In meinem Zimmer war ein Kohleofen, und meine Großmutter sparte am Holz und an den
Kohlen, so daß das Feuer nie lang genug brannte. Ich hatte immer das Gefühl, daß meine Großmutter mich
quälen wollte und daß es ihr lieber wäre, wenn ich sterben würde.
Als ich 16 Jahre alt war, wollte ich unbedingt meinen Vater kennenlernen. Ich hoffte, daß er ganz anders wäre, als
meine Mutter ihn beschrieben hatte. Ich dachte, sie hätte all das Negative, das sie mir über meinen Vater erzählt
hatte, nur erfunden. Es dauerte sehr lange, bis ich den Mut fand, ihm zu schreiben. Nachdem ich den Brief weggeschickt hatte,
hatte ich zwei Wochen lang eine große Angst. Ich dachte, mein Vater würde vielleicht gar nicht antworten.
Anfang Dezember bekam ich einen Brief von meinem Vater. Er schrieb mir, daß er erst im Januar kommen könne, denn in den
Schulferien würde er verreisen. Ich war sehr enttäuscht, denn ich konnte nicht verstehen, warum mein Vater nicht schon
vor den Ferien kommen konnte. Bis dahin waren es noch mehr als zwei Wochen, und mein Vater war Lehrer und mußte nur bis
13 Uhr arbeiten.
Mein Vater kam erst Ende Januar. An diesem Tag hatte er sowieso irgend etwas in Frankfurt zu tun. Wir gingen in ein Restau-rant.
Ich fragte meinen Vater, warum er meine Mutter nicht geheiratet hatte. “Sie war so unbeherrscht und jähzornig.
Das konn-te ich nicht mehr aushalten”, antwortete er. Dann erzählte er mir lachend, daß meine Mutter einmal einem
ihrer Kollegen einen Aschenbecher aus Marmor an den Kopf geworfen hatte. Ich fand das nicht so lustig. Ich erzählte meinem
Vater, daß meine Mutter mir auch oft etwas an den Kopf geworfen und mich verprügelt hatte. Ich erzählte auch von
den schrecklichen Schimpf-wörtern, die meine Mutter zu mir gesagt hatte. Dazu sagte mein Vater nur: “Ich habe mich mit
meinem Vater auch
erst kurz vor seinem Tod versöhnt.” Ich merkte, daß mein Vater sich nicht dafür interessierte, wie es mir
ging. Er fragte noch nicht einmal, ob ich mich bei meiner Großmutter wohlfühlte, und es interessierte ihn auch nicht,
was ich an meinem Geburtstag oder an Weihnachten machte. Wenn er danach gefragt hätte, hätte er erfahren, daß ich
sogar an diesen Tagen immer allein war. Und dann hätte sein Gewissen ihn vermutlich geplagt. Also war es besser für ihn,
so wenig wie möglich von mir zu wissen und möglichst keine Fragen zu stellen.
Nach diesem ersten Treffen rief mein Vater mich alle zwei Monate an und meldete sich mit seinem Nachnamen. Im August durfte ich
meinen Vater und seine Familie eine Woche besuchen. Er erzählte allen Nachbarn und Bekannten, ich sei die Brieffreundin
meiner Halbschwester. Es war sehr schlimm für mich, neben meinem Vater zu stehen und dabei zuhören zu müssen, wie
er mich verleugnete. Es hatte mir gerade noch gefehlt, einen Vater zu haben, der sich mit dem Nachnamen meldete, wenn er mich
anrief, und der mich verleugnete, wenn er Bekannte traf. Nicht nur meine Mutter schämte sich wegen mir, sondern auch mein
Vater. Dadurch wurde meine Verzweiflung und das Gefühl, völlig verlassen zu sein, noch größer. Ich habe
mich danach gesehnt, zu jemandem zu gehören, doch mein Vater war für mich ein völlig fremder Mensch. Trotzdem gab
ich die Hoffnung nicht auf, daß sich vielleicht doch noch alles ändern würde.
Einmal nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte meinen Vater, ob er mich adoptieren könnte. (Ich bat ihn nicht, mich zu
adoptieren, sondern fragte nur ganz schüchtern, ob er mich vielleicht adoptieren könnte.) Ich erklärte ihm,
daß ich nicht mehr so heißen wollte wie meine Mutter, weil sie mich verprügelt hatte. Mein Vater sagte, er
würde darüber nachdenken. Ich wartete sehr lange auf seine Antwort, doch ich habe nie eine Antwort bekommen. Mein Vater
sprach nicht mehr über dieses Thema, und auch ich habe nichts mehr darüber gesagt, denn mir war klar, daß er
mich nicht adoptieren wollte. Er hatte mich wieder einmal im Stich gelassen. Zehn Jahre später stellte ich beim Ordnungsamt
einen Antrag auf Änderung des Familiennamens. Diesen Antrag begründete ich damit, daß meine Mutter mich
mißhandelt und aus der Wohnung geworfen hatte, daß sie für mich ein fremder Mensch sei und daß es daher
unerträglich für mich wäre, diesen Familiennamen zu behalten. Sechs Wochen später bekam ich einen anderen
Familiennamen, den ich selbst auswählen konnte. Danach fühlte ich mich besser, denn es war mir gelungen, einen Namen
loszuwerden, der für mich Sinnbild für Haß, Gewalt und Grausamkeit war. Mehrere Generationen vor mir hatten sich
sinnlos gestritten und geprügelt. Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben. Schon der Vater meines Großvaters war
Alkoholiker und verprügelte seine Frau und seine Kinder. Im Alter von 13 Jahren lief mein Großvater von zu Hause weg,
weil er es nicht mehr aushalten konnte. Später wurde er dann selbst Alkoholiker und war genauso brutal wie sein Vater.
Während des zweiten Weltkrieges arbeitete mein Großvater in einem Gefängnis. In dieser Zeit bedrohte er einmal
meine Großmutter und die Kinder mit seiner Pistole.
Eine Woche nach meinem 18. Geburtstag zog ich bei meiner Großmutter aus. Ich hatte ein Vorpraktikum im Kindergarten
angefangen und eine kleine Wohnung bekommen, die der evangelischen Kirchengemeinde gehörte. Mein Vater zahlte 300 Mark
Unterhalt. Damit konnte ich die Miete bezahlen. Für das Vorpraktikum bekam ich 150 Mark. Meine Mutter sollte 250 Mark
bezahlen, doch das tat sie nicht, obwohl ein Gericht entschieden hatte, daß sie unterhaltspflichtig war. Sie überwies
einfach kein Geld auf mein Konto, und es ging mir zu schlecht, um zu meinem Rechtsanwalt zu gehen und ihn darum zu bitten, irgend
etwas dagegen zu unternehmen. Ich hatte keine Kraft mehr, mich um diese Angelegenheit zu kümmern, denn ich war
mager-süchtig und wurde oft krank. Wegen einer Nierenentzündung mußte ich drei Wochen ins Krankenhaus, und
in den folgenden Monaten hatte ich noch zweimal eine Nierenbeckenentzündung.
Das Vorpraktikum dauerte ein Jahr, und während dieser Zeit hatte ich große finanzielle Probleme. Am Ende dieses Jahres
erfuhr ich, daß ich das Vorpraktikum völlig umsonst gemacht hatte, denn ich hatte keine Chance, in die Fachschule
für Sozialpädagogik zu kommen. Mein Realschulabschluß war zu schlecht. Die Leiterin der Fachschule gab mir den
Rat, in eine Kinderpflegerinnen-Schule zu gehen. In dieser Schule konnte ich nur vier Wochen bleiben, denn es ging mir so
schlecht, daß ich mich überhaupt nicht konzentrieren konnte. Ich hatte kein Geld mehr, um die Miete für meine
Wohnung und die Fahrt zur Schule zu bezahlen, denn meine Mutter zahlte immer noch keinen Unterhalt. Nachdem ich mehrere Monate
die Miete nicht gezahlt hatte und Mahnungen bekam, fiel mir ein, was mein Rechtsanwalt einmal gesagt hatte: Nichteheliche Kinder
haben einen Anspruch auf einen vorzeitigen Erbausgleich, wenn sie 21 Jahre alt sind. Ich rief meinen Vater an und bat ihn, mir
diesen Erbausgleich schon zwei Jahre früher zu geben, weil ich die Miete nicht mehr bezahlen könnte. Er sagte,
daß er sich das überlegen müßte, und er würde mich in ein paar Tagen wieder anrufen. Ein paar Tage
später rief er mich an und sagte, daß ich nach Koblenz kommen sollte, um mit ihm zu einem Notar
zu gehen. Dort unterschrieb ich eine Urkunde und verzichte-te damit auf alle Erbansprüche. Für meine Unterschrift
bekam ich 8000 Mark und konnte meine Schulden zahlen. Heute weiß ich, daß ich damals sehr viel Geld verloren habe.
Viel schlimmer ist jedoch, daß mein eigener Vater mich reingelegt hat. Das habe ich bis heute nicht verkraftet. Nachdem
ich mit meinem Vater beim Notar war, habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Er hatte sich nun endgültig von seinen
Pflichten als Vater freigekauft.
Meine finanziellen Probleme sind mir damals einfach über den Kopf gewachsen. Deshalb brach ich meine Ausbildung ab und
arbeitete als Küchenhilfe, Serviererin, Zimmermädchen und in der Fabrik.
Zwischen meinem 18. und 20. Lebensjahr habe ich nur Eis und Bonbons gegessen und Milch, Orangensaft und Cola getrun-ken.
Ich habe kein Obst, kein Gemüse und auch kein Brot mehr gegessen. Deshalb wurde ich immer dünner und
schwächer.
Kurz vor meinem 20. Geburtstag fing ich wieder an zu essen. Ich aß so viele Süßigkeiten und andere
ungesunde Sachen, daß ich sehr schnell dreißig Kilo zunahm. In den folgenden Jahren war ich nicht mehr
magersüchtig, sondern eßsüchtig.
Als ich 20 Jahre alt war, fing ich an, in einer Fabrik zu arbeiten. Ich hatte dort Schichtdienst, und die Arbeit war sehr
anstren-gend. Wenn ich nach Hause kam, war ich so erschöpft, daß ich nichts mehr machen konnte. Die Hausarbeit
erledigte ich am Wochenende. Ich hatte keine Freunde, mit denen ich etwas unternehmen konnte, denn dazu war ich viel zu
müde. Mit Judo hatte ich auch längst aufgehört, weil ich wegen der Magersucht zu schwach geworden war.
In der Fabrik hatte ich mehrere Vorgesetzte. Einer davon war besonders nett. Er hat wahrscheinlich bemerkt, wie einsam ich war,
und wollte mir helfen. Ein paarmal durfte ich meinen Chef und seine Frau besuchen und sogar Weihnachten mit ihnen feiern. Ich
war glücklich, denn es schien so, als hätte ich Ersatzeltern gefunden. Doch plötzlich wollte die Frau meines Chefs
nicht mehr, daß ich zu Besuch kam. Als ich das erfuhr, ging es mir wahnsinnig schlecht, und ich hatte wochenlang schlimme
Angstzustände und Selbstmordgedanken.
In dieser Fabrik habe ich drei Jahre lang unter sexueller Belästigung gelitten. Es waren ein paar junge Männer, die
zeitweise nichts zu tun hatten und dann anfingen, die Frauen zu ärgern. Zum Schluß wurde das so schlimm, daß
ich wegen eines Nervenzusammenbruchs und psychosomatischer Beschwerden nicht mehr arbeiten konnte. Eines Tages konnte ich
plötzlich meinen Kopf nicht mehr hochhalten, und ich hatte schlimme Schmerzen. Der Orthopäde machte eine
Röntgenaufnahme und stellte fest, daß mein Hals verbogen war. Deshalb mußte ich eine Nackenstütze tragen
und wurde krankgeschrieben. Als mein Hals wieder gerade war, wurde ich wegen Depressionen, Kopfschmerzen und Rückenschmerzen
krankgeschrieben und mußte einmal im Monat zum Vertrauensarzt.
Als ich 24 Jahre alt war, wurde mir von der Vertrauensärztin empfohlen, in eine psychosomatische Klinik zu gehen. Der
Aufent-halt in dieser Klinik half mir nicht im geringsten. Im Gegenteil: Dort fing ein langer Leidensweg an, denn ich wurde
total abhän-gig von einem Psychiater, der mich oft anlächelte und mit mir flirtete. Dieser Arzt sprach auch nach dem
Klinikaufenthalt noch alle zwei Wochen eine Stunde mit mir, obwohl es in dieser Klinik nicht üblich war, daß ambulante
Therapien durchgeführt wurden. Wir führten auch keine therapeutischen Gespräche, sondern sprachen über alles
mögliche. Für diese Gespräche mußte ich nie einen Krankenschein mitbringen.
Dr. H. machte mir immer wieder falsche Hoffnungen, indem er mir z.B. mit Tränen in den Augen sagte, daß er mich
vermißte, oder indem er von einer “tiefen Zuneigung” und einer “innigen Beziehung” sprach. Mehr
als fünf Jahre lang sprach ich alle zwei Wochen mit Dr. H. Jedesmal, wenn ich zu der Klinik fuhr, hoffte ich, daß
sich nun endlich alles ändern würde und ich nicht mehr in die Klinik kommen müßte, sondern daß Dr. H.
mich besuchen würde, Ausflüge mit mir machen würde und ganz viel Zeit für mich hätte. Wenn ich ihn
fragte, warum das nicht möglich sei, gab er mir nur ausweichende Antworten. Und wenn ich fragte, ob es sich niemals
ändern würde, daß ich in die Klinik kommen mußte, um ihn zu sehen, antwortete er: “Sag niemals
nie!”
Nach den Gesprächen mit Dr. H. war ich fast jedesmal völlig verzweifelt und hatte
Selbstmordgedanken. Ich war tagelang wie gelähmt und völlig handlungsunfähig. Am Tag vor dem nächsten
Gespräch mit Dr. H. ging es mir meistens wieder besser. Manchmal war ich richtig euphorisch, weil ich davon überzeugt
war, daß sich am nächsten Tag alles ändern würde. Doch es änderte sich nie.
Als ich 25 Jahre alt war, war ich kurz vor Weihnachten so verzweifelt, daß ich immer wieder in den zwölften Stock
des Hoch-hauses fuhr, in dem ich wohnte. Ich wollte herunterspringen, doch ich traute mich nicht. Tagelang hatte ich
ununterbrochen Selbstmordgedanken, weil ich Dr. H. so vermißte und ihn nicht verstehen konnte. Wochenlang hatte ich
davon geträumt, mit ihm Weihnachten zu feiern, doch das war nicht möglich, und ich wußte nicht einmal warum.
Ich hatte eine wahnsinnige Angst vor Weihnachten. Meine Selbstmordgedanken waren so quälend, daß ich ein paar Tage
vor Weihnachten freiwillig in eine psychiatrische Klinik ging. Dort gab es glücklicherweise nur ein Stockwerk, und ich
mußte nicht mehr ununterbrochen daran denken, in den zwölften Stock zu fahren und dort herunterzuspringen. Doch
ich war immer noch sehr verzweifelt.
Diese Klinik war sehr deprimierend. Einige Patienten waren völlig apathisch. Andere hatten Bewegungsstörungen, und beim
Essen lief bzw. fiel ihnen die Hälfte wieder aus dem Mund heraus. Die Ärztin wollte, daß ich auch Psychopharmaka
nahm, doch das wollte ich nicht. Ich hatte Angst, genauso zu enden wie die anderen Patienten. Die Ärztin war mir
unsympathisch, und ich hatte kein Vertrauen zu ihr. Deshalb erzählte ich ihr nicht, warum ich so verzweifelt war. Nachdem
sie bei der Untersuchung gesehen hatte, daß ich eine Brustverkleinerung machen lassen hatte, sagte sie, das sei ein
großer Fehler gewesen. Dann hielt sie mir einen Vortrag über die Funktion der weiblichen Brust. Sie war eine von den
Ärzten, die viel redeten, viele Vorwürfe machten und viele Vorträge hielten, statt erst einmal Fragen zu stellen,
um herauszufinden, warum ich so verzweifelt war oder warum ich eine Brustverkleinerung machen lassen hatte.
Nach drei Wochen bestand ich darauf, aus der Klinik entlassen zu werden, weil die Gespräche mit der Ärztin mich keinen
Schritt weiterbrachten. Außerdem war Dr. H. aus dem Urlaub zurück, und ich wollte ihn unbedingt wiedersehen. Nach
meiner Entlassung ging ich sofort wieder zu ihm und stieß weiterhin mit meinen Fragen auf Granit. Ich schrieb ihm viele
verzweifelte Briefe, doch er unternahm nichts, um mir zu helfen. So ging das immer weiter, und es ging mir von Jahr zu Jahr
schlechter.
Zwei Monate nach meinem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik fing ich an, spät abends in Frankfurt herumzulaufen, um
herauszufinden, wo Dr. H. wohnte. Stundenlang irrte ich in den dunklen Straßen umher und suchte nach seinem Auto. Einmal
wurde ich mitten in der Nacht wach, und weil ich nicht mehr schlafen konnte, rief ich ein Taxi und fuhr in eine fünf
Kilometer entfernte Stadt. Dort suchte ich bis zum nächsten Morgen nach dem Auto von Dr. H. Ich war verzweifelt und
wußte gar nicht mehr so recht, was ich eigentlich tat. Schließlich gab ich einem Detektiv die Autonummer von Dr.
H. und beauftragte ihn, seine Adresse herauszufinden. Als ich die Adresse hatte, fuhr ich dorthin und war völlig schockiert,
als ich sah, daß Dr. H. in einem Einfamilienhaus wohnte. Nach diesem Schock ging es mir wochenlang sehr schlecht, doch
dann verdrängte ich die Tatsache, daß Dr. H. verheiratet war, und hoffte weiterhin, daß sich bald alles
ändern würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon viel zu sehr von Dr. H. abhängig, um den Kontakt zu ihm
abzubrechen.
Nachdem ich mehr als fünf Jahre von Dr. H. abhängig gewesen war, erzählte ich Dr. M., bei dem ich gerade eine
Verhaltens-therapie machte, von diesem Problem. Er erkannte sofort, daß mir diese Abhängigkeit sehr schadete und
drohte, die Therapie abzubrechen, falls ich mich nicht bis Anfang Juli von Dr. H. verabschiedet hätte und ihn nie
wiedersehen würde. Die nächsten Wochen waren eine furchtbare Qual, doch ich schaffte es tatsächlich, mich von Dr.
H. zu verabschieden.
Leider sprach Dr. M. nicht mit mir über die Gründe dieser quälenden Abhängigkeit. Er sagte mir, daß
ich eine Umschulung machen und in meiner Freizeit so viel wie möglich mit anderen Leuten unternehmen sollte. Also
beantragte ich eine Umschu-lung und ging einmal zu einem Grillfest. Dort lernte ich wieder einen Mann kennen, von dem ich total
abhängig wurde. Wieder war ich sehr verzweifelt, denn er hatte nur einmal im Monat Zeit, mit mir in die Pizzeria zu gehen.
Das war nur ein paar Monate nach der schmerzhaften Trennung von Dr. H. Nun fing wieder alles von vorne an: Ich kaufte diesem
Mann viele Geschenke und lieh ihm Geld. Ich überzog mein Konto immer mehr. Ich hatte sowieso schon Schulden, weil ich für Dr. H. jahrelang sehr viele Geschenke gekauft hatte.
Als ich 32 Jahre alt war, wurde ich wieder von einem Arzt abhängig. Ich war in einer psychosomatischen Klinik, und der be-handelnde Arzt flirtete mit mir. Als mir nach vier Wochen bewußt wurde, daß ich nur noch an Dr. A. dachte und daß mir genau das gleiche schon einmal passiert war, schrieb ich Dr. A. einen Brief, in dem ich ihn bat, mich zu entlassen, weil ich mich in ihn verliebt habe und nur noch an ihn denke. Ich schrieb ihm auch, daß ich Angst hatte und nicht mehr schlafen konnte. Nach-dem Dr. A. diesen Brief gelesen hatte, sagte er gar nichts dazu, daß ich mich in ihn verliebt hatte. Er strahlte mich nur an und sagte, daß er es sehr gut fand, daß ich den Brief geschrieben hatte. Er sagte nichts, was darauf hingedeutet hätte, daß er meine Gefühle nicht erwiderte. Dr. A. überredete mich dazu, in der Klinik zu bleiben, doch er erklärte mir nicht, wie ich das aushalten sollte. Ich hatte weiterhin große Angst und konnte kaum schlafen. Ich sprach dreimal in der Woche mit Dr. A. und hatte jedesmal vorher eine furchtbare Angst.
Dr. A. sah mich immer liebevoll an, und er strahlte mich oft an. Einmal erzählte ich ihm, daß ich am Sonntag im Wald spa-zieren gegangen war und gar keine Angst gehabt hatte. Dr. A. freute sich darüber. Ich sagte, daß es zwar schön war, im Wald spazieren zu gehen, aber daß es noch viel schöner wäre, wenn jemand mitkommen würde. Und dann fragte ich Dr. A.: “Könnten Sie am Wochenende mit mir spazieren gehen, wenn ich entlassen werde?” Er sah mich liebevoll und gleichzeitig traurig an und antwortete nach einer längeren Schweigepause wörtlich: “Für mich wäre es auch schön, mit Ihnen spazieren zu gehen, aber das kann ich nicht machen.” Dann erklärte er mir, daß er für mich verantwortlich sei, denn er sei nun einmal mein Arzt, und er sagte, daß er sich aus ethischen Gründen nicht mit mir treffen dürfe. Er sagte auch, daß er sich zu Beginn seiner Tätigkeit in der Klinik ganz fest vorgenommen habe, sich niemals mit einer Patientin zu treffen. Ich sagte, daß ich doch gar nicht mehr seine Patientin sei, wenn ich aus der Klinik entlassen wäre. Dr. A. sagte, daß viele Patienten noch ein zweites oder drittes Mal in die Klinik kämen und daß er mir als Therapeut erhalten bleiben wolle, was nicht mehr möglich wäre, wenn er mit mir spazieren ginge. Daraufhin sagte ich, daß ich gar nicht vorhätte, noch einmal in die Klinik zu kommen. Ich fragte Dr. A., ob er nun für immer mein Arzt bleiben müsse, nur weil er es einmal für ein paar Wochen gewesen sei. Ich wollte wissen, ob er auch in fünf Jahren noch mein Arzt sein würde. “Das ist noch sehr weit weg”,
antwortete er nur. Diese Antwort bewirkte, daß ich mir sehr große Hoffnungen machte. Ich war ganz sicher, daß Dr. A. es sich noch anders überlegen würde, wenn ich entlassen wäre und er anfangen würde, mich zu vermissen. Ich dachte, er würde mich dann ganz bestimmt anrufen oder mir schreiben.
In den nächsten Wochen gab ich mir Mühe, so gesund wie möglich zu erscheinen, denn ich dachte, daß Dr. A. aufhören wür-de, sich für mich verantwortlich zu fühlen, wenn es mir besser ginge. Als eine Reha-Beraterin mir vorschlug, eine Reha-Maßnahme zu machen, war ich ganz begeistert von dieser Idee, weil ich wußte, wie wichtig es Dr. A. war, daß ich wieder arbeiten ging. Er glaubte, daß ich allein dadurch gesund werden könnte. Nach dem Gespräch mit der Reha-Beraterin rief ich sofort bei mehreren Reha-Einrichtungen an, ließ mir Broschüren schicken und vereinbarte einen Termin für ein Vorgespräch in der Nähe von Darmstadt. Ich brauchte Stunden, um dorthin zu kommen und mußte die letzten zwanzig Kilometer mit dem Taxi fahren, weil der Bus nur zweimal am Tag fuhr. Ich hatte eigentlich gar kein Geld, um eine Taxifahrt zu bezahlen. Doch ich wollte unbedingt dorthin fahren, weil ich davon überzeugt war, daß Dr. A. sich nicht mehr als mein Arzt fühlen würde, wenn ich diese Reha-Maßnahme machen und dann wieder arbeiten würde.
Einmal habe ich Dr. A. gefragt, ob er wirklich nur deshalb nicht mit mir spazieren gehen könne, weil er mein Arzt sei, oder ob das nur eine Ausrede wäre, weil er mir nicht weh tun und sagen wolle, daß er mich nicht genug mochte. Er sagte, daß es keine Ausrede sei. Und als ich ihn fragte, ob das wirklich der einzige Grund sei, antwortete er mit “ja”. Vier Wochen vor meiner Entlassung aus der Klinik stellte ich Dr. A. etwas konkretere Fragen und fand heraus, daß es doch noch einen anderen Grund dafür gab, daß er nicht mit mir spazieren gehen konnte. Er sagte, es habe mit seinem Privatleben zu tun. Er war also auch verheiratet. Als ich ihn dann völlig schockiert fragte, warum er mir das nicht bereits am Anfang gesagt hatte, antwortete er, daß er grundsätzlich nicht mit seinen Patienten über sein Privatleben spräche.
Ich war so verzweifelt, daß ich Dr. A. am nächsten Tag bat, mich sofort zu entlassen und nicht erst in vier Wochen. Ich hatte das Gefühl, es keinen einzigen Tag länger in dieser Klinik aushalten zu können. Dr. A. bat mich, es mir bis zum nächsten Tag noch einmal zu überlegen. Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich von der Masseurin und sagte ihr, daß ich vier Wochen früher entlassen werde, weil mein Umzug früher als geplant stattfindet. Als ich am Nachmittag zu Dr. A. kam, hatte er bereits von einer Schwester erfahren, daß ich entlassen werden wollte. Er war sehr böse darüber und enttäuscht. Gleichzeitig machte er auch einen etwas ängstlichen Eindruck. Wahrscheinlich dachte er, ich würde jemandem den Grund für diese vorzeitige Entlassung verraten. Er machte einen ziemlich verstörten Eindruck, und da tat er mir plötzlich so leid, daß ich ihm sagte, ich würde doch noch vier Wochen dort bleiben. Dr. A. war sichtlich erleichtert.
In den letzten vier Wochen ging es mir sehr schlecht. Ich hatte ganz schlimme Angstzustände und Selbstmordgedanken. Es wäre besser gewesen, wenn ich nach Hause gegangen wäre, doch ich hielt es für meine Pflicht, mich zusammenzureißen und so zu tun, als ob es mir gut ginge, weil ich Dr. A. nicht schaden wollte. Es wäre peinlich für ihn gewesen, wenn ich vier Wochen früher in einem schlimmen Zustand entlassen worden wäre. Obwohl Dr. A. mich angelogen hatte und ich allen Grund gehabt hätte, böse auf ihn zu sein, tat er mir leid, und ich machte mir mehr Sorgen um sein Wohlergehen, als um mein eigenes.
Nach dreieinhalb Monaten wurde ich aus dieser Klinik entlassen. Am Tag meiner Entlassung ging es mir furchtbar schlecht. Als ich nach Hause kam, hatte ich schreckliche Panikattacken, Selbstmordgedanken und Wahnvorstellungen. Tagelang ging es mir so schlecht, daß ich dachte, ich müßte an meiner Angst sterben. Ich war nah am Durchdrehen. Es dauerte zwei Monate, bis ich anfing, mich von diesem Klinikaufenthalt zu erholen. In dem Entlassungsbericht schrieb Dr. A., daß ich in einem “erheblich gebesserten Zustand” entlassen werden konnte...
Inzwischen weiß ich, daß die Einsamkeit in meiner Kindheit die Ursache dafür ist, daß ich immer wieder so abhängig werde und dann furchtbar leide. Ich habe mein ganzes Leben lang nach einem Menschen gesucht, der stärker war als ich und mich beschützen konnte. Und diese Suche nach Schutz und Geborgenheit hat mich von einer quälenden Abhängigkeit in die nächste stolpern lassen.
Jetzt bin ich 34 Jahre alt und leide immer noch unter Depressionen, Angstzuständen, Selbstmordgedanken, Zwangsneu-rosen, Eßstörungen und Schlafstörungen. Auch körperlich geht es mir sehr schlecht. Seit Jahren leide ich unter Kopfschmer-zen, Rückenschmerzen, Muskelverspannungen und ständiger Müdigkeit und Erschöpfung. Wegen meiner jahrelang anhalten-den Eßstörungen und dem damit verbundenen Vitaminmangel bin ich müde und schwach geworden. Es hat mir auch sehr geschadet, daß ich innerhalb von vier Jahren viermal umziehen mußte. Als ich aus einer Wohnung wegen Eigenbedarfs ausziehen mußte, war ich davon überzeugt, daß ich als Sozialhilfe-Empfängerin keine Wohnung auf dem freien Wohnungs-markt finden würde. Deshalb bin ich von einer Notlösung in die nächste gezogen. Das Sozialamt weigerte sich, die Umzüge zu bezahlen. Deshalb mußte ich viermal nahezu ohne Hilfe umziehen. Diese vielen Umzüge und die Angst, es nicht allein zu schaffen, haben eine wahnsinnige Kraft gekostet. Ich habe meine Sachen mit dem Bus transportiert. Dann mußte ich all die schweren Sachen von der Bushaltestelle zur neuen Wohnung tragen. Bei einem Umzug war die Bushaltestelle so weit entfernt von der Wohnung, daß ich noch eine halbe Stunde laufen mußte. Bei einem anderen Umzug mußte ich alles in den vierten Stock hochtragen. Nach jedem Umzug war ich halbtot, und ich war noch monatelang total nervös. Wenn ich umziehen mußte, stopfte ich so viele Süßigkeiten in mich hinein, daß ich innerhalb kürzester Zeit zehn Kilo zunahm.
Mein Leben ist eine Qual, denn ich bin unendlich einsam, und ich habe die Hoffnung verloren, daß sich das jemals ändern wird. Ich bin es offenbar nicht wert, geliebt zu werden. Ich werde immer nur ausgenutzt. Ich bin nur dann vor Menschen sicher, die mich ausnutzen wollen, wenn ich möglichst wenig Kontakt zu anderen habe. Ich kann niemandem mehr vertrauen, weil ich schon so oft enttäuscht wurde.
Seit zwanzig Jahren muß ich dreimal am Tag allein essen. Ich könnte mich niemals allein an einen Tisch setzen, denn das wäre unerträglich. Beim Essen läuft immer der Fernseher. Dann kann ich wenigstens Menschen sehen und ihre Stimmen hören. Es sind zwar nur fremde Menschen, aber sie helfen mir, meine Einsamkeit für ein oder zwei Stunden zu vergessen. Ich sitze auf einem Sessel, starre auf den Fernseher und stopfe alles, was auf dem kleinen Tisch neben mir steht, in mich hinein, ohne es richtig zu merken. Erst wenn mir übel wird, merke ich, daß ich zu viel gegessen habe. Seit dem letzten Klinikaufenthalt vor zwei Jahren habe ich dreißig Kilo zugenommen, und ich schaffe es nicht, wieder abzunehmen.
Zwischen meinem 20. und 34. Lebensjahr habe ich verzweifelt nach einem guten Therapeuten gesucht. Ich habe mehrere ambulante Therapien bei Ärzten gemacht, die schlecht ausgebildet und nicht dazu fähig waren, mit mir über meine Kindheit zu sprechen. Statt dessen mußte ich mir jahrelang endlose Vorträge darüber anhören, was ich alles falsch machte. Eigentlich sollte ein Therapeut Fragen stellen und dem Patienten dabei helfen, die Ursachen seiner Schwierigkeiten zu ergründen. Doch mir wurden immer nur meine Defizite vor Augen gehalten: Ich arbeite nicht, ich habe keinen Freund, ich weigere mich, zu hei-raten und Kinder zu bekommen, ich habe keine Hobbys, und ich habe keine Freunde, mit denen ich etwas unternehmen kann. Kein Arzt hat jemals danach gefragt, warum all das für mich unmöglich ist. Und kein Arzt erkannte, daß ich wegen meiner Angstzustände, Selbstmordgedanken und Zwangsneurosen dringend mehr als eine Stunde pro Woche gebraucht hätte.
Als ich 26 Jahre alt war, sagte mir ein Arzt, daß ich heiraten und Kinder kriegen sollte, denn das sei der Sinn des Lebens einer Frau. Doch ich war so krank, daß ich gar nicht dazu fähig gewesen wäre, zu heiraten. Dr. L. hatte niemals mit mir über die Kindheit gesprochen. Er wußte also nicht, daß meine Mutter und meine Großmutter mir ständig von Vergewaltigungen, Abtreibungen und furchtbaren Schmerzen erzählt hatten. Deshalb war eine Ehe für mich alles andere als erstrebenswert. Das ist jetzt acht Jahre her, doch ich kann mir immer noch nicht vorstellen, daß ich jemals einen Freund haben oder heiraten könnte. Meine Angst ist immer noch viel zu groß.
Jahrelang habe ich eine ambulante Therapie nach der anderen gemacht und war in vier psychosomatischen Kliniken und einmal in der Psychiatrie. Trotzdem änderte sich nichts an meinem schlimmen Zustand, und ich verlor immer mehr die Hoff-nung, daß es mir irgendwann doch noch besser gehen könnte. Die Therapien, die ich gemacht habe, waren nur eine zusätz-liche Qual und schadeten mehr, als daß sie nützten. Heute glaube ich, daß es besser gewesen wäre, gar keine Therapie zu machen, denn ich habe mich immer nur unverstanden und nicht ernst genommen gefühlt. Ich hatte das Gefühl, verrückt zu sein, weil ich nach Ansicht der Ärzte völlig grundlos litt. Und wenn man das Gefühl hat, verrückt zu sein und anders als die anderen, zieht man sich natürlich immer mehr von anderen Menschen zurück und kapselt sich ab. Genau das wurde mir dann immer von den Ärzten vorgeworfen. Sie machten mir also etwas zum Vorwurf, was sie teilweise selbst verschuldet hatten.
Ich kann nichts dagegen tun, daß ich mich unter anderen Menschen unwohl fühle und lieber allein sein möchte. Zwischen mir und anderen Menschen ist eine riesige, unsichtbare Mauer, die unüberwindbar erscheint. Es ist schwer zu ertragen, wenn man nie verstanden wird. Deshalb ist mir das Alleinsein immer noch lieber. Einsam bin ich auch unter vielen Menschen - oder vielleicht sogar noch einsamer. Sobald ich Kontakt zu anderen Menschen habe, stolpere ich in unendliche Schwierigkeiten hinein, mit denen ich nicht mehr fertig werde. Das einzige Ergebnis ist dann, daß es mir noch schlechter geht und daß ich noch mehr Ängste aushalten muß.
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