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Verdrängung und Bewusstsein
von Sieglinde W. Alexander |
Es ist der 29. Mai 1991 und ich bin seit 4. April in den Vereinigten
Staaten. Meine Flucht aus einem Land und seinen Menschen, die
meine Seele mit ihrer einfühlungslosen Selbstgerechtigkeit
quälten, schien meinem Gemüt hilfreich zu sein. Das
Leben mit einer neuen Freundin und ihrem Ehemann in einem Haus
der oberen Mittelklasse, in einer Nachbarschaft von Direktoren,
CEOs und anderen intelligenten und finanziell wohlsituierten Leuten
hatte mir ein Gefühl von Sicherheit gebracht.
Der Blick aus dem Fenster um 10 Uhr nachts, der Anblick des gut
gepflegten Rasens, die leere Straße und die unheimliche
Ruhe klopften an ein Gefühl an, das ich verdrängt hatte.
Wie undankbar ich bin, hatte ich gedacht. Hier ist alles, wonach
ich gesucht habe, Wohlstand, Glanz, Anerkennung, der Aufstieg
auf der Leiter zum perfekten Leben. Dafür kam ich hierher,
mahnte ich mich selbst. Ich muss mein eigenes Geschäft aufbauen,
genau wie in Deutschland, und in einer Nachbarschaft wie dieser
leben, wo die Leute einander respektieren und wo jeder ’wer’
ist. Ich unterdrückte ein nagendes aufsteigendes Gefühl,
das Schmetterlinge in meinem Bauch freigesetzt hatte, als ich
zu Bett ging.
2 Uhr morgens. Ich wachte schweißgebadet von einem Traum
auf, in dem ich in der Mitte eines sehr großen weißen
runden Raumes ohne Wände, aber mit Hunderten von Türen
stand. Eine Stimme sagte mir, dass mein Leben von dem Geheimnis
und dem Wissen abhänge, das hinter all diesen Türen
ruhe. „Welche Tür soll ich zuerst öffnen?“,
fragte ich die Stimme, die mir nicht antwortete. Als keine Antwort
kam, ging ich auf die Tür vor mir zu. Aber als ich den ersten
Schritt in Richtung der Tür tat, begannen alle Türen
sich nach links im Kreise zu bewegen.
Mit jedem Schritt näher auf die Tür zu begann sich
die Wand schneller zu drehen. Benommen und verängstigt griff
ich nach der Tür. Dann hörte das Drehen auf. Langsam
öffnete ich die weiße Tür, konnte aber nicht sehen,
was dahinter lag. Statt dessen begann der Raum sich wieder zu
drehen, diesmal nach rechts, wobei ich mich an der offenen Tür
festhielt. Der Angstpegel wurde unerträglich. Ich wachte
auf.
Der nächste Tag war ein Sonntag und ich begleitete meine
Freundin Bennie zu ihrer Kirche; ihr Mann blieb zu Hause. Unterwegs
im Wagen fragte mich Bennie, ob ich gut geschlafen habe. „Nein“,
antwortete ich ehrlich, „ich hatte einen Alptraum. Ich muss
zuviel von dem guten Essen, das du gekocht hast, zu mir genommen
haben“, beruhigte ich sie mit meinem gebro-chenen, meistens
gestikulierendem Englisch, in der Hoffnung, dass sie nicht enttäuscht
war. „Ach ja“, antwortete sie, „das kann jedem
von uns passieren. Vergiß’ es einfach und vergnüge
dich.“ „Ja, genau das brauch’ ich“, sagte
ich, „Spaß haben hilft uns den Unsinn schauriger Träume
zu vergessen.“
Und es hatte geholfen, wenigstens für die nächste Stunde.
Ich begegnete vielen Menschen, die neugierig darauf waren, diese
deutsche Lady zu treffen, die gerade eine schwarze Kirche besuchte,
obwohl ich ihre Willkommensworte nicht verstand.
Als der Gottesdienst begann, versuchte ich zu verstehen, was
der Pastor sagte, aber meine Gedanken wanderten zurück zu
der offenen Tür in meinem Traum. Der Chor sang, und dann
begann ein Solist zu singen. Wiederum verstand ich die Worte nicht,
die er sang, aber seine gütige Stimme und die sanfte Melodie
schalteten das Licht an in dem Zimmer der offenen Tür aus
meinem Traum.
Ich hörte die Worte ’Lieber Geist komm’ über
meine Seele’, und ich verstand sie, als mich eine rollende
Woge von Schmerz in den Kirchenstuhl hineinpresste. Jäh sprang
ich auf. Ich war verblüfft von meiner eigenen Reaktion, fühlte
mich gleichzeitig peinlich berührt und löste den unangenehmen
Moment schnell, indem ich Bennie zuflüsterte: „Tut
mir Leid, aber ich muss zum WC.“ Verwirrt über das,
was mit mir geschah, stand ich draußen vor der Tür
und befahl mir selbst, jeden möglichen emotionalen Ausbruch
zu kontrollieren und spottete solange über mich selbst, bis
ich wieder volle Kontrolle über mich hatte.
Nach der Kirche scharten sich einige aus der Gemeinde um mich,
und viele fragten, ob mir das Lied gefallen habe. Verlegen sagte
ich „ja“, aber mit einer Entschuldigung für mein
störendes Verhalten. „Oh, keine Ursache“, versicherten
alle mit einem empathischen Lächeln. „Es ist der Heilige
Geist, der dich in Bewegung setzte“. Sie bestanden darauf,
dass ich von religiöser Erkenntnis erleuchtet worden sei.
Ich hätte wirklich gerne ihre Version der Ereignisse übernommen
da dies eine greifbare Erklärung gewesen wäre. Zugleich
wusste ich, dass das Gefühl aus einer verdrängten schmerzvollen
Erinnerung kam.
Eine religiöse Erklärung, worum es sich bei meinem
Gefühl gehandelt hatte, wäre eine weitere Verdrängung
gewesen um sich der Vergangenheit nicht zu stellen. Es war keine
spirituelle Art von Gefühl, was ich gehabt hatte, sagte ich
mir. Es war ein reales Gefühl, ein tiefes Empfinden frühen
Schmerzes, der viele Jahre lang aufbewahrt und durch einen emotionalen
Auslöser freigesetzt worden war. Das Gefühl hatte sich
nach den Feierlichkeiten noch nicht gelegt, und ich spürte
das Verlangen alleine zu sein, als ich von der fröhlichen,
lachenden Menge fortging, um eine Zigarette zu rauchen.
Ich stand verborgen hinter einem Oleander – Busch, als
ich plötzlich begann, ein Lieblingslied aus meiner Kindheit
zu hören: So Nimm Denn Meine Hände. In meinem Geist
erklang dieses Lied als Teil eines Duetts mit Lieber Geist Komm
Über Meine Seele, und es erschien das Bild, wie ich gerade
in der Kirche meiner Heimatstadt saß.
Ich sah mich selbst als 12jährige, die ein Lieblingslied
mit der Gemeinde sang und leise weinte, hoffend, Jesus werde meine
Sünde und meinen Schmerz vom Tag zuvor von mir nehmen. Nachdem
ich in den Schulferien den ganzen Tag an der Tankstelle meiner
Eltern gearbeitet hatte, hatte mich ein Bekannter meiner Eltern
auf seinem Weg nach Hause mitfahren lassen, während meine
Eltern weiterarbeiteten.
Er hatte mich um 22 Uhr an der Hauptstraße abgesetzt und
ich nahm wie gewohnt die Abkürzung nach Hause über den
Friedhof. Wie in einer Live - Videoaufzeichnung sah und fühlte
ich den quälenden Schmerz, die qualvolle Angst und Schuld,
als ich vor Jahrzehnten auf dem Friedhof nahe dem Grab meiner
Großmutter von einem jungen Mann aus der Stadt vergewaltigt
wurde.
So überwältigend und schmerzvoll die Erinnerung auch
war, so fühlte ich doch, wie eine plötzliche wohltuende
Gemütsruhe meinen Körper durchdrang. Ohne Worte hatte
ich die Botschaft vollkommen verstanden, die in der Finsternis
meines Alptraums hinter der Tür aus meinem Traum verborgen
war. Es war das Tor zu Schmerz und Schuld, die ich in meinem Traum
geöffnet hatte. In Gedanken sagte ich zu mir selbst: “Es
war nicht dein Fehler, kleine Sieglinde.“
Im gleichen Augenblick fühlte ich, was mein früherer
Traum in Italien und dieser gemeinsam hatten. Beide umfassten
dasselbe furchteinflößende Gefühl einer heilsamen
Wiederverknüpfung zwischen dem Spalt in mir selbst, der durch
ein Trauma viele Jahre früher geschaffen worden war.
Bennie unterbrach meine emotionale Reise. „Komm“,
sagte sie, „ich möchte dich dem Mann vorstellen, der
Lieber Geist.... gesungen hat“. Freundlich schüttelte
ich seine Hand, als ich sein Gesicht erforschte und den wirklichen
Grund zu begreifen versuchte, warum er diese Hymne gesungen hatte
und warum gerade an diesem Tag.
Vierzehn Monate später sollte der Solist mein Ehemann werden.
Seit dem Tag, an dem ich Lieber Geist Komm Über Meine Seele
hörte, fragte ich mich, ob die emotionalen Ausbrüche
von Kirchengängern - besonders von schwarzen - gefühlvolle
Religiosität benutzen, um unbewusst tief verborgenen Schmerz
auszulösen. Ich sehe die Emotionen, die bei diesen Zeremonien
aufgewühlt werden, als Tür zum Primalen, aber auf einer
völlig anderen Ebene.
Obwohl während solcher religiöser Zeremonien tiefe
Emotionen ausgedrückt werden, wird keine Verknüpfung
zur ursprünglichen Quelle des Schmerzes hergestellt, sondern
es sind emotionale Ausagierungen. Folglich wird der Primärprozess
nicht vollendet, und der gleiche oder ähnliche Schmerz wird
immer wieder ’aufgetischt’.
Erklärungen, dass diese tiefen Gefühle es der heilige
Geist ist der uns fühlen lässt, kreiert eine neue Co-dependency
und verhindert dem tatsächlich erlebten, tiefsteckenden Trauma
näher zu kommen.
Übersetzung Ferdinand Wagner
Ich bedanke mich bei Ferdinand Wagner für seine ausgezeichnete
Übersetzung, die mit sehr viel Einfühlungsvermögen
und Wissen geschrieben ist.
© Sieglinde W. Alexander
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