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Vom Feuer
in die Hölle
von Sieglinde Alexander
Meine Jugendjahre im Mädchenheim
Weiher.
Bilder
aus Weiher
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Im Herbst 1991 fragte ich mich ängstlich,
ob ich wohl die Einzige bin, die ein Kindheitstrauma erlebte.
Aus Angst, dass mich niemand versteht und ich wieder beschämt,
verurteilt und erniedrigt werde, habe ich 42 Jahre geschwiegen.
Überwältigt von unfreiwilligen Regressionen in die Vergangenheit
sah ich nur die eine Möglichkeit, meine Kindheitsgeschichte
zu Papier zu bringen. Schon nach den ersten Szenen erkannte ich,
dass Scham, Schande und Angst der Grund meines jahrelangen Schweigens
war, was sich nun aber nicht länger maskieren lies und zu
massiven Depressionen führte. Ich erkannte, dass vor allem
Kindheitstrauma sich nur für eine bestimmte Zeit unterdrücken
lässt. So entstand das Manuskript "Sonntagskind oder
Schicksal," das die Grundlage für das anno 2000 publizierte
Buch „Haunting Shadows from the Past“ war.
Die 14 Jahre meiner Kindheit waren mein privater Holocaust, durchwoben
von fast täglichen Prügeln, sexuellen Misshandlungen
und Vergewaltigungen, Unterdrückung, Kinderarbeit und vielen
anderen Misshandlungen. Die Folgeschäden waren, dass mein
Leben für 42 Jahre von einer allzeit gegenwärtigen Angst
dominiert war.
Als 14-Jährige entschied ich mich, den täglichen Torturen
in meinem Elternhaus ein Ende zu machen, und rannte weg. Ich kam
nicht sehr weit, und die Polizei brachte mich zurück in die
Hölle meines Elternhauses.
Endlich, nach 6-mal Ausreißen, wurde ich als auffällig
bezeichnet und dem Jugendamt vorgeführt. Genau das war es,
was ich erreichen wollte. Das Schlimmste für mich wäre,
sagte ich den Beamten, dass ich wieder nach Hause muss. Um das
zu verhindern gestand ich, dass ich stehlen oder sogar einen Mord
begehen würde, wenn sie mich wieder nach Hause schickten.
Naiv und auf der Suche nach Ruhe und Frieden stellte ich mir vor,
dass es in einem Gefängnis menschlicher zugeht als in meinem
Elternhaus. Endlich wurde ich erhört und ich kam in das "Hedwigsheim"*
in Augsburg. Ich habe es geschafft, sagte ich mir, ich bin der
Hölle von Zuhause entkommen. Doch ohne mir ein Wort zu sagen,
oder meine Bedürfnisse zu beachten, veranlasste das Jugendamt
in ein paar Monate später 1963/64 eine Verlegung, und ich
wurde wie ein willenloses Stück Vieh in ein Mädchenheim
Ruth in Neumarkt/Wirsberg transportiert.
Noch vor der Arbeit in der Weiß-Näherei wurde gebetet
und während der Arbeit herrschte absolutes Schweigen. Wer
das Schweigen brach wurde bestraft.
Die kalte, unpersönliche und weltfremde Atmosphäre konnte
ich nicht ertragen und riss kurze Zeit später, zusammen mit
einem anderen Mädchen, aus. Ich habe ihren Namen vergessen.
Eine Weile in Deutschland als Anhalter unterwegs, von drei Lastwagenfahrer
vergewaltigt und auf 40 kg abgemagert, stellte ich mich der Polizei.
Das Jugendamt brachte mich dann in ein Durchgangsheim in Fürth/Bayern.
Acht Tage später wurde ich dann ins Mädchenheim Weiher
in Hersbruck verfrachtet. Es war mir gleichgültig, wohin
ich hinkomme, - nur nicht nach Hause. Was ich aber nicht wusste,
war, dass ich in eine neue Abteilung der Hölle kam, in das
"heilige Feuer der Hölle".
Und nun sollte ich den Rest einer unglaublich unmenschlichen und
entwürdigenden Grausamkeit kennen lernen.
Das Mädchenheim Weiher wurde von den Rummelberger Anstalten
betrieben, unter der Leitung von Bruder Buchta. Unterdrückung
und Beschämung war die schwarze Pädagogik im Haus der
immer Betenden, derer, die sich die "Sündenlosen",
die "Guten" nannten. Ich lernte schnell den Unterschied,
dass hier die Gewalt unter dem Deckmantel Jesu Christi ausgeübt
wurde und ich Sünderin noch wertloser war als zu Hause. Züchtigungen,
wie mir erklärt wurde, waren notwendig für die Bildung
eines besseren Charakters, damit man „Gottes würdig
wird“.
Sobald ich die Türschwelle des alten Fachwerkhaus überschritten
hatte, lernte ich, was christliche Schwarze Pädagogik ist.
Allen „missratenen“ Neuzugängen wurde als erstes
der Schmuck abgenommen. Lange Haare mussten zusammen nach hinten
gebunden werden, damit wir nicht „wie Nutten aussahen“.
Makeup war das Laster der sittlich Verwahrlosten und wurde gleich
in den Müll geworfen. Die eigene Kleidung wurde in eine große
Kleiderkammer gesperrt, zu der nur die Erzieherinnen Zugang hatten.
Am nächsten Tag wurde ich von einem Arzt in Hersbruck nach
Geschlechtskrankheiten untersucht.
Für die ersten Wochen bekam ich erst mal altmodisch verwaschene
Heimkleidung zu tragen. Einmal pro Woche wurde Unterwäsche
ausgehändigt. Eine Bluse wurde 14 Tage getragen, ein Rock
vier Wochen, –Hosen waren nicht erlaubt. Und somit war ich
in die Kette der Wertlosen eingegliedert.
Das ständige Rasseln von Schlüsseln - Türen wurden
auf- und zugesperrt - erklärte ohne Worte, dass ich in einem
zuchthausähnlichen Heim war.
Alles war strengstens überwacht. Selbst beim morgendlichen
Waschen mit kaltem Wasser waren Erzieherinnen anwesend. Acht Mädchen
standen nackt in einem kalten Waschraum und mussten alle Teile
des Körpers waschen. Jede Bewegung mit dem Waschlappen wurde
von lüsternen Blicken der Erzieherinnen verfolgt. Manchmal
fuhr die Hand einer Erzieherin über den Rücken, die
dann mit süßlicher Stimme sagte: "Du hast was
vergessen."
Duschen war nur alle 14 Tage erlaubt. Nach 3 Minuten Duschen mit
warmem Wasser drehte eine Erzieherin am Haupthahn das warme Wasser
ab und wir mussten eine Minute lang unter dem kalten Wasser stehen.
Haare durften nur alle 4 Wochen gewaschen werden. Diese Prozedur
war für mich eine besondere Qual, da ich Psoriasis hatte.
Schon nach kurzer Zeit war meine Kopfhaut dick verkrustet. Meine
Haare klebten hinter dem Ohr an der immer nässenden Schuppenflechte.
Nach einigen Wochen hatte sich die Psoriasis großflächig
mit einer dicken Schicht von Schuppen über meinem ganzen
Körper verteilt. An allen beweglichen Stellen, vor allem
am Hintern, riss die Flechte immer auf. Das Blut trocknete an
den Rissstellen und klebte die Unterwäsche an meinen Körper.
Beim Ausziehen meiner Unterhose riss ich immer wieder die verkrusteten
Stellen auf, die dann erneut bluteten. Ich war keine Ausnahme
und musste die gleiche blutverkrustete Unterwäsche eine Woche
lang tragen.
Vor dem Frühstück wurden die Schlafzimmer zuerst gekehrt,
und dann auf den Knien mit einer Bürste gebohnert. Danach
kam das Toiletten-Putzen. Erst nach einer strengen Kontrolle durften
wir dann in den Esssaal zum Frühstück.
Von Montag bis einschließlich Samstag arbeiteten wir, entweder
in der Landwirtschaft, der Wäscherei, Weberei, der Näherei
oder in der Schneiderei von 8:00 bis 18:00 Uhr. Alle, einschließlich
der Lehrlinge, arbeiteten ohne Bezahlung.
Nach einem Jahr durfte ich eine dreijährige Schneiderlehre
beginnen. Die Lehrstelle war im zweiten Haus auf demselben Gelände,
das als Neubau bezeichnet wurde. Als Schneiderinnen erhielten
wir ein Taschengeld von 11 DM pro Monat, das ebenfalls von der
Heimleitung verwaltet wurde. Davon mussten wir unsere Seife, Zahnpasta
und Briefmarken kaufen, der Rest musste für Stoff für
das Prüfungskleid am Ende der Lehre gespart werden.
Montags war immer ein langer Tag für Schneiderinnen, da alle
Anproben für den Dienstagmorgen fertig sein mussten. An manchen
Montagen arbeiteten wir bis 3 Uhr morgens. Jeden Dienstag fuhr
die Erstmeisterin Frau Rösner zusammen zwei Lehrlingen und
den in Koffern verpackten Anproben nach Nürnberg. In einem
Laden in der Rosenaustrasse probierten die Kunden die geschneiderten
Sachen an oder holten die fertige Kleidung ab und bezahlten.
Fräulein Heidingsfelder, die Zweitmeisterin, überwachte
unter anderem auch die Freizeit der aus 14 Mädchen bestehenden
Schneidergruppe. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die Kontrolle
der morgendlichen Körperwäsche. Bei einer morgendlichen
Wäsche sah ich im Spiegel, wie sie angeekelt über meinen
nackten Körper schaute. Mit einem selbstgerechten Ausdruck
im Gesicht erklärte sie den 8 anwesenden Nackten, dass Gott
mich für meine Missetaten und mein sündvolles Leben
mit Psoriasis bestrafte. So erhielt ich ein Brandzeichen, das
mich mein ganzes Leben verfolgte.
Der Heimarzt, der in Hersbruck seine Praxis hatte, verschrieb
versuchsweise mehrere Behandlungen. Zu seinen Methoden gehörte
u. a. Beruhigungstabletten und salzloses Essen für ein Jahr.
Jeden Morgen vor der Bürotüre musste ich unter Bewachung
die Tablette schlucken. Monate später, bei einem der üblichen
sonntäglichen Kirchgänge, deutete Gerda, meine Freundin,
auf ein totes Reh am Straßenrand. Als ich völlig gleichgültig
reagierte, sagte Gerda schockiert: „Seit du die Tabletten
nimmst, bist du völlig gefühlskalt.“ Ich selbst
merkte die schleichende Veränderung nicht. In dem Moment
wurde mir endlich klar, warum ich mich immer umnebelt fühlte,
und schluckte die Tablette nicht mehr, sondern versteckte sie
im Mund und spuckte sie entweder ins Klo oder ins Gras. Als dies
von einer Erzieherin entdeckt wurde, erhielt ich eine Lektion,
dass man mit mir undankbarem Geschöpf viel zu viel Zeit verschwende.
Für meine Undankbarkeit wurde ich zu Strafarbeiten während
der Freizeitbeschäftigung abkommandiert - Zimmer der Erzieher
putzen oder Kartoffel schälen -, während die anderen
Mädchen einen Film schauten. Die vom Arzt verschriebenen
Teerbäder wurden als zusätzlicher Zeitaufwand für
die Erzieher bezeichnet und somit unterlassen. Als Ersatz für
die Bäder musste ich, wenn es die Zeit erlaubte, meine Psoriasis
mit einer hochprozentigen Zignolin-Salbenmischung behandeln, die,
wenn nicht korrekt aufgetragen, die gesunden Hautstellen verbrannte
und blau-lila Flecken hinterließ. Neben der Psoriasis hatte
ich nun auch noch schmerzhafte Brandblasen von der hochdosierten
Zignolinmischung. Zusätzlich bekam ich Volon 80 (Kortison)
vom Arzt gespritzt. Als nichts mehr half und die Psoriasis meinen
ganzen Körper mit einer halben Zentimeter dicken Schuppenschicht
bedeckte, wurde ich im Sommer 1967 in die Hautklinik des Nürnberger
Klinikum eingewiesen.
Die Ärzte in der Hautklinik waren entsetzt über den
vernachlässigten Zustand meiner Psoriasis. Noch am selben
Tag wurde mir gesagt, dass das Heim den neuen Behandlungsmethoden
Prof. Webers zugestimmt hat. Als Erstes wurden grundlos meine
Mandeln herausgenommen mit der Erklärung, dass dies ein Teil
der Weber-Theorie sei und die Mandeln die Hauptursache für
die Psoriasis seien. Danach folgten die damals noch neue Bestrahlungsmethode
(UV Strahlen), die an mir in Zusammenhang mit einer neuen russischen
Salbe ausprobiert wurde. Nach der ersten Bestrahlung hatte ich
Brandblasen vom Gesicht bis zu den Zehen und musste für eine
Woche mit einem Tunnel über meinem Körper hohe Fieber
aushalten. Nach acht Wochen wurde ich aus der Klinik entlassen,
obwohl die Psoriasis nur zu 50 % abgeheilt war.
Zurück im Haus Weiher wurden die Anweisungen der Hautklinik
zur Weiterbehandlung – 3-mal wöchentlich baden –
nicht erlaubt. Frau Klose, die Leiterin erklärte, dies sei
nur Wasserverschwendung.
Aber es wurde immer gebetet, morgens, mittags und abends. Jeden
Sonntag durften die "Braven„ bei Hitze, Regen, Schnee
und Frost 2 Kilometer nach Herbruck in die Kirche wandern. Die,
die sich nicht schuldig machten, sich bedingungslos der Unterdrückung
beugten und alle Hausgesetze befolgten, wurden in 4 kleine Gruppen
für den Kirchgang aufgeteilt. Eine Erzieherin vorne führte
die Gruppe an und eine andere bewachte das Ende, damit keiner
der Zöglinge ausriss. Der Kirchgang sollte eine Belohnung
sein, aber es war uns strengstens verboten, auf dem Weg oder in
der Kirche mit anderen Menschen zu sprechen.
Briefe durften wir nur an Eltern und enge Verwandte schreiben
und auch diese wurden von den Erziehern gelesen. Wenn der Inhalt
nicht der Hausregel entsprach oder wenn wir uns über die
Zustände hier beklagten, verschwand der Brief, ohne es dem
Schreiber zu sagen. In diesen Jahren fragte ich mich, warum mir
niemand schrieb. Als 50- Jährige erfuhr ich zum ersten Mal,
dass meine Cousine Elfi mir viele Briefe geschrieben hatte, die
ich aber nie erhielt.
Das Essen war miserabel, roch immer alt, abgestanden und schimmlig.
Dampfkost, Mehlspeisen, viel Kartoffeln und ganz selten Fleisch.
Das Frühstück war jeden Tag das gleiche: eine Scheibe
altes Brot mit einer Messerspitze Marmelade und manchmal Müsli,
das einen undefinierbaren Beigeschmack hatte. Der Schimmel wurde
vom Brot weggeschnitten und uns serviert. Der Frühstückstisch
der Erzieherinnen und Hauseltern war immer mit Wurst, Käse
und Marmelade gedeckt. Auch ihr Mittag- und Abendessen war anders,
viel besser und vielseitiger. Als an einem Sonntag Maden aus den
Eiswaffeln krabbelten, war das Ende meiner Geduld erreicht und
ich riss zusammen mit drei anderen Zöglingen aus, um mich
beim Jugendamt zu beklagen. Das Jugendamt versprach sich um die
Missstände zu kümmern, und ich wurde wieder nach Weiher
zurück geschickt. Dort bekam ich als erstes eine Tracht Prügel
von der Heimleiterin Frau Klose; meine langen Haare wurden abgeschnitten
und ich musste nun die Strafkleidung tragen: blaukarierter Rock
mit blaukarierter Bluse. Aber das war nicht alles.
Als von den Erziehern erkannt wurde, dass ich die Anstifterin
war, die den Ausriss inszenierte, wurde mir eine besondere Lehre
erteilt. Meine eigene Vorstellung zu haben, was menschlich ist,
oder dass die Hausordnung gegen jede Menschlichkeit spricht, wurde
mit vier Wochen Isolation bestraft. Eingesperrt in einem Dachzimmer
mit einem kleinen vergitterten Fenster, mit nur einer Matratze,
keine Bettwäsche, keine Zudecke, kein Kopfkissen verbrachte
ich Tage, die nicht nur eine lebenslange Klaustrophobie verursachten,
sondern die mir zeigten, wie nahe und dünn die Grenzlinie
zur Schizophrenie ist. Tagsüber war es dampfend heiß
und nachts sehr kalt. Ich bekam zwei Mal am Tag Essen und durfte
morgens und abends auf die Toilette. Eine Erzieherin brachte das
Essen. Wortlos sperrte sie die Türe auf, öffnete sie
einen Spalt und schob mit dem Fuß das Essen und ein Glas
Wasser am Boden entlang ins Zimmer und versperrte die Türe
sofort wieder. Niemand durfte mit mir sprechen, niemand durfte
mit mir Kontakt aufnehmen. Ich durfte weder lesen noch schreiben.
In der zweiten Woche begannen Depressionen und Selbstmordgedanken.
Ich merkte, wie die Isolation eine Spaltung meines Bewusstseins
verursachte. Das logische Denken trat in den Hintergrund und ich
flüchtete mit meinen Emotionen in eine als Ersatz dienende
Fantasiewelt. Um mich vor dieser zunehmenden Spaltung und ansteigenden
Depressionen zu schützen begann ich das Zimmer abzumessen.
Ich setzte einen Fuß vor den anderen und zählte die
Schritte. Als dieses Spiel dann eine Automatisierung wurde, zählte
ich die Leisten am Holzboden. In der dritten Woche war auch diese
Beschäftigung nicht mehr erfüllend, und ich begann die
Flecken an der Zimmerwand mit meinen Fingern und Spucke zu reinigen.
Später weichte ich mit Spucke die Wand an manchen Stellen
auf, um die Haarrisse in der Wand zu reparieren.
Zum Schluss konnte ich nicht mehr schlafen. Entweder schreckte
ich mitten in der Nacht auf, weil ich glaubte, dass jemand im
Zimmer ist, der mit mir reden wollte, oder ich konnte nicht einschlafen,
ohne meinen Kopf und Oberkörper zu wiegen.
In diesen vier Wochen entwickelte ich eine überwältigende
Angst vor allen Menschen. Später in der Gruppe konnte ich
mich nur schwer wieder eingliedern. Es entsprach der Hausordnung,
dass ich die blaukarierte Strafkleidung für weitere 8 Wochen
tragen musste. Der verhöhnende Spott anderer Mitzöglinge
und die Erniedrigungen, die die Strafkleidung mit sich brachte,
haben mich mein ganzes Leben verfolgt.
In den fast 4 Jahren im Haus Weiher erduldete ich nicht nur die
mentale und psychische Grausamkeit der Erzieherinnen und die Indoktrinierung
eines religiösen Systems, ich war auch der sexuellen Gewalt
anderer Zöglinge hilflos ausgesetzt. Meine Kindheit, wie
auch meine Jugend, waren ein unmenschliches Trauma, das nur Hass
und Wut zur Folge haben kann.
Trotz allem bestand ich meine Gesellenprüfung
als Schneiderin und verließ das Mädchenheim Weiher
1968. Als psychisch verstümmeltes 19 jähriges Mädchen
wurde ich ins Leben geschickt und sollte beweisen, dass ich mich
als wertvolles und funktionierendes Mitglied in die Gesellschaft
eingliedern konnte.
Aus Scham und Schuldgefühl hielt ich diesen endlosen und
zerstörenden Schmerz der Wertlosigkeit für 42 Jahre
lang geheim. Ich hätte es nicht ertragen, wenn Menschen wieder
mit dem Finger auf mich gezeigt hätten. Ich wollte so gerne
‚normal“ sein, wusste aber nicht, was normal ist.
Der ständige Spott, die Vorhaltungen meiner Schwiegereltern,
dass ich aus einem Erziehungsheim käme und dankbar sein sollte,
bewies erneut, dass ich kein Verständnis von der Gesellschaft,
in der ich lebte, erwarten konnte. Die ständige Angst etwas
falsch zu machen und dadurch erneuten Erniedrigungen ausgesetzt
zu werden, erlaubte mir nicht eine Identität zu entwickeln.
Der Schatten – „die war im Erziehungsheim“ –
lauerte überall. Jede neue Stelle, die ich antrat, führte
zu einer erniedrigende Bemerkung über meine Heimzeit. Einmal
wurde ich von einem Chef gefragt ob sie mich dort wenigstens kuriert
haben und ich heute auch wirklich ein ehrlicher Mensch sei. Ein
anderer belästigte mich täglich mit sexuellen Bemerkungen.
Als ich endlich den Mut fand mich zu wehren sagte er, ich solle
mich nicht so anstellen, schließlich sei ich ja im Erziehungsheim
gewesen, - und aus einem Erziehungsheim kämen ja nur Huren.
Im 4. April 1991 wanderte ich allein in die USA aus. Ich kannte
niemanden in den USA, doch war es ein neues Land, die Fremde und
das Ungewisse waren weniger bedrohend für mich als das Land,
das sich meine Heimat nannte. Deutschland war für mich das
Land, das Kinder zu psychischen Krüppeln macht, diese später
verachtet, wenn sie Hilfe brauchen, und wieder entwürdigt,
wenn sie sich nicht als lukrative Steuerzahler in die gute Gesellschaft
eingliederten.
Erst als 45- Jährige verstand ich, dass es NICHT die Schuld
des Kindes ist, wenn sich diese zu Außenseitern der Gesellschaft
entwickeln,– sondern derer, die die Kinder dazu erziehen.
Zur psychologischen Aufarbeitung meiner Vergangenheit waren die
Akten aus dem Haus Weiher notwendig. Doch alle Bemühungen
waren erfolglos, - meine Akten existieren nicht mehr, weder bei
den Rummelsberger Anstalten noch beim Jugendamt. Weiterhin musste
ich erfahren, dass ich während der Heimzeit nicht in Hersbruck
sondern im Wohnort meiner Eltern polizeilich gemeldet war.
Gleichgültig, wohin ich mich wendete, es gibt für diese
vier Jahre keine Existenzbestätigung zu meiner Person. Erst
im Februar 2006 fand ich die ersten zwei Zeugen und Bilder, die
bestätigen, dass ich im Haus Weiher war. Meine Suche geht
weiter nach weiteren 58 Mitzöglingen aus dem Haus Weiher,
von denen ich Bilder habe.
Aufgrund psychiatrischer Diagnose von PTSD und anhaltender schwerer
Depressionen war ich unfähig, eine Arbeitsstelle anzunehmen.
So stellte ich im Jahr 2000 einen Antrag auf Frührente. Dabei
entpuppten sich weitere Folgeschäden aus der Zeit im Haus
Weiher. Ich musste erfahren, dass die Jahre meiner Lehrzeit nicht
in der Rente eingetragen sind, da die Rummelsberger Anstalten
keine Rentenbeiträge für die Lehrlinge bezahlten. Weiterhin
erfuhr ich, dass in Deutschland die internationalen Trauma-Forschungsergebnisse,
die die langfristigen Folgeschäden von körperlicher,
seelischer und psychologischer Gewalt belegen, noch immer nicht
vom Sozialgesetz anerkannt werden. Psychische Schäden sind
kein Grund für Frührente oder Invalidenrente, wurde
mir mitgeteilt.
Meine Frage ist heute: Wie ist es in einem demokratischen Staat
möglich, dass es religiösen Dachorganisationen ermöglicht
wurde, Kinder und Jugendliche zu seelischen Krüppeln zu machen,
und dass sie sich mit Kinderversklavung zu einem großen
Unternehmen entwickeln konnten und nicht einmal Rentenbeiträge
abführen mussten.
Die „Würde des Menschen ist unantastbar,“ dieser
Grundsatz hat sich aufgrund meiner Erfahrung als leere Phrase
erwiesen, denn die, die die Würde schützen sollten,
waren in Wirklichkeit die Handlanger der Misshandelnden.
Als ob mehr als 40 Jahre mit einer zerstörten Autonomie zu
leben nicht genug ist, -nein, wir müssen jetzt als psychisch
zerstörte Menschen auch noch für die Anerkennung fehlender
Rentenjahre kämpfen. Es scheint das Schicksal der Kindheitsmisshandelten
zu sein, dem lebendigen Trauma ihrer Kindheit und fortgesetztem
Unrecht bis zu ihrem Tod zu begegnen.
Und das alles geschieht in einem sozialdemokratischen Staat, der
Menschenrechte weltweit proklamiert aber keinen Aufschrei für
Gerechtigkeit und keinen Aufschrei gegen die entsetzlichen Vergehen
der jüngsten Vergangenheit im eigenen Land wagt.
Die deutschen Kindheitsmisshandelten sind Menschen ohne Chancen,
ohne Menschenrechte.
Eine Buchbesprechung
über meine Kindheit ist hier zu lesen: http://www.boxbook.com/Review/Quaelende.htm
Das Erstmanuskript beschreibt kindlich
emotionale Szenen aus meiner Kindheit:
http://www.boxbook.com/Sonntagskind/Kind.htm
Kommentar:
"Ich habe deine Geschichte von dem Mädchenheim Weiher
gelesen". "Absolut schockierend..."
Paddy Doyle, Autor von "The God
Squad"
Deutsch "Dein Wille Geschehe"
Website:
http://www.paddydoyle.com/
Das Deutsche Gesetz sagt,
"Die Würde des Menschen ist unantastbar".
Diese Gesetze scheinen nicht für Kinder zu gelten.
Warum?
Sind Kinder keine Menschen?
* vorhergehend Elisabeth
Heim Augsburg genannt. Es war eine Namensverwechslung.
Email
an Sieglinde Alexander
Liebe Sieglinde,
durch Zufall bin ich heute auf Ihren Lebensbericht im Hause Weiher
gestossen. Ich habe daran auch eine Erinnerung:
weiter
lesen
Englische Version:
"A Never-ending Pain"
http://www.aaacworld.org/publication/A%20Never%20ending%20Pain.htm
© 2009 - 2013 Sieglinde W. Alexander
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