Du hast vorher niemals vierzig Minuten für deinen Schulweg gebraucht, aber du hast auch noch nie zuvor versucht, auf zwei Kokosnussschalen dorthin zu gelangen.
An diesem Tag ja: denn so muss es sich anfühlen, wenn jemand beide Schnürsenkel aus deinen Schuhen gezogen hat, um sie mit lachender Genugtuung in den Müll zu werfen.
Die Frage “Warum?“ wäre nur erneuter Anlass, die nachbesorgten Schnürsenkel wieder herauszureißen oder wie später, etwas von deinen Sachen zu verstecken.
Ja: du findest das genauso ungerecht wie die Tage, an denen du versuchen musst, ohne Abendessen einzuschlafen. Aber das kennst du schon auswendig, wie Vokabeln lernen. Der Grund ist tausendmal länger als alle Schnürsenkel dieser Welt.
Als du endlich im Klassenzimmer ankommst, hast du keine Entschuldigung, oder solltest du jetzt sagen “Entschuldigen Sie bitte mein Zuspätkommen, aber mein Vater hat über Nacht meine Schnürsenkel mit Absicht aus meinen Schuhen gezogen und ich habe nur das eine Paar”. Die Wahrheit bleibt verschwiegen, denn man hat dich glaubend gemacht, dass dir niemand Glauben schenkt.
Übermorgen würdest du übrigens sagen können: “Es tut mir sehr leid: ich konnte gestern nicht zur Schule kommen, da mein Vater wegen der “Warum”- Frage meine Schuhe in die Kammer geworfen hat, als ich schon schlief. Und ich habe sie erst am Nachmittag gefunden“. Aber das weißt du jetzt wunderbarerweise noch nicht, und es reicht ja auch aus, dass sich ab der Pause die Mitschüler über dich lustig machen, weil du – wie du ja selbst durch die anderen Blicke am meisten bemerkst, dich noch immer nicht schnell genug in den Schuhhüllen fortbewegen kannst. In der Schule ist es erlaubt “Warum?” zu fragen, zum Diskutieren wird sogar aufgefordert.
Man lernt nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Aber mit deinem Leben hat all das nichts zu tun. In der Pause wirst du versuchen, den einen Irrsinn gegen den anderen abzuwägen.
Bis zum Heimweg hast du mehr Angst als Mut, einfach nur auf Strümpfen zu laufen. Schlimmer als die kaltnassen Füße beim nach Hause gehen ist, dass du eine schriftliche Entschuldigung brauchst, die du dir am Abend mühsam erbetteln musst. Ja: du wirst dich nicht wohlgefühlt haben, wird auf dem Zettel stehen, aber das ist ja an all den anderen Tagen der einzige Grund aufzustehen und in die Schule zu gehen. Für einen der nächsten Heimwege wirst du beschließen, wie auf Kokosnussschalen gehen zu lernen. Du wirst allerdings immer soviel Zeit brauchen wie für den ersten Weg; immerhin ein Aufschub vor der zweiten Tageshälfte, wenn du keinen Vorrat neuer Schuhbänder angelegt hast.
Hältst du dich nicht an die Regeln, musst du eine halbe Stunde früher ins Bett gehen, dann hast du genug Zeit über die Regeln nachzudenken.
Die Hauptregel wird später sein, einen ‘Guten Morgen’ zu wünschen während du im Schlafanzug die Küche ins Bad passierst, wenn dein Vater morgens alleine am Küchentisch sitzt und frühstückt. Wenn andere Leute dabei sind, musst du auch wie eine Tochter auf seine Fragen antworten, denn du kennst noch nicht alle seine Verstecke für deine Schuhe und all die anderen Sachen. Für das Badezimmer gibt es keinen Schlüssel, also wirst du dich daran gewöhnen, dass er dich beobachtet, wenn du dich vom duschen ankleidest - wenn du Glück hast – denn meistens hast du nur die Erlaubnis dich zu waschen und das fühlt sich kälter und ausgelieferter an.
Warum hast du all diese Male Worte gefunden für Jemanden, der dir mit acht ‘versehentlich’ einen Holzpflock in den Unterleib rammte, und dein Körper aus Erinnerung daran manchmal heute noch blutet als wäre es gestern gewesen; die Schmerzen sind auch gleich geblieben! Aber “das geschieht mit kleinen Mädchen, die die Regeln brechen“.
Nachdem du an Weihnachten mit fünfzehn nur durch einen Zufall seinem Missbrauch entgehst: Warum hast du danach all diese Worte gefunden, als die Hauptregel aufgestellt wurde, du aber Tage zuvor entschlossen warst, die nächsten Jahre ihm gegenüber sprachlos zu werden? Aber “das passiert mit großen Mädchen, die die Regeln brechen“. Zu Beginn existiert diese Regel mental für dich nicht, aber nachdem du tagelang hintereinander um 16.30 im Bett liegst, weil der Morgen nur mit viel Irrsinn gut zu wünschen war, ab da wieder.
Deine kleinen Schwestern fragen “Warum?”. Sie dürfen das öfter als du und erhalten zur Antwort, sie hätten eine Schwester, die die Regeln nicht einhielte, eine böse Schwester. Eine Schwester, die sogar morgens vergisst, wohin sie abends ihre Schuhe gestellt hat; ist sie nicht kopflos oder gar krank? Nehmt sie nicht ernst! Habt ihr bemerkt wie oft am Tag sie ihre Hände wäscht, kennt ihr ein Kind, das so ist? Sie kann froh sein, dass wir das nicht ihren Freunden erzählen.
Wenn du mehr arbeiten könntest neben der Schule, würdest du dir zum Beispiel ein zweites Paar Winterschuhe kaufen, die du dann irgendwo versteckt hältst, falls irgendwo auf dem Weg durch die Küche die Worte aufgebraucht sind.
Mit der Zeit hast du eingesehen, dass die Zeit zum Ausruhen in der Schule kostbarer ist als die Regeln um den Preis der Kinderseelenwürde halber zu brechen. Es muss eine Sprache auf der Welt geben, in der die Formel ‘Guten Morgen’ sprichwörtlich bedeutet: ‘Wenn ich keine zwei kleinen Schwestern hätte, von denen ich den Blick nicht wende, damit ihnen nicht das gleiche geschieht, würde ich die Fähigkeit zu sprechen lange verloren haben und wieder weinen’.
Weglaufen bleibt an jedem Tag eine Möglichkeit; nur jene nicht, jedes Jahr den Schnee zu ignorieren, der dich an deine Schmerzen im Bauch erinnert. Wenn du kannst, kaufst du Schuhe, die keine Schnürsenkel haben.
Später hast du erfahren, dass in einem Genozid Tausende Frauen auch mit einem Holzpflock in ihrem Unterleib leben oder sterben mussten. Du kannst niemanden fragen, warum du überleben musstest, um anschließend oder gleichzeitig, wer weiß das schon so genau, im Leben zu sterben. Die Frauen würden heute in Versöhnung nebeneinander mit ihren Peinigern leben – sagt offiziell ihr Land. Du hast das auch versucht, bis jemand die Gewalt erneut von deinem Körper ablas ... bis zum Irrsinn hast du es versucht. Um den Preis eines normalen Leben willens, von dem du von Anfang an wusstest, dass das eine Wort niemals mit dem anderen zusammenpasst.
Die Autorin kann über EMaK admin@emak.org erreicht werden