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"Ein beinahe zerstörtes Leben"

von Rainer

www.endlichleben.de.vu

Ich heiße Rainer, bin am 15.11.1963 in Kassel geboren und will mit diesem Text mein Herausfinden aus dem Kreislauf von Gewalt und Lieblosigkeit unterstützen, voranbringen und andern in meiner Situation Mut machen. Es handelt sich um das kondensierte Ergebnis meiner jahrzehntelangen Bemühungen um rückhaltlose Selbsterkenntnis. Ich bin immer noch in dem Prozeß der allmählichen Bewusstmachung schmerlicher Wahrheiten über das, was meine Eltern für mich wirklich waren, was sie dem Menschen, der ich ursprünglich einmal war, angetan haben unter dem beschönigenden Deckmäntelchen der "strengen, aber liebevollen Erziehung". Ich glaube, dass mein Schicksal sich gerade durch seine damalige "Normalität" auszeichnet - eine allerdings dennoch schlimme Form von Normalität! Der Artikel ist nicht chronologisch, sondern nach den verschiedenen Missbrauchs- und Vernachlässigungsformen geordnet, die mir in Kindheit und Jugend widerfuhren.

***

MACHT UND OHNMACHT

Das Gefühl, schwach, lächerlich und unzulänglich zu sein, begleitet mich seit frühesten Kindertagen. Schon im Vorschulalter beim Spielen mit Gleichaltrigen sowie in der Grundschule machte ich die Erfahrung, von andern gern als Opfer für Übergriffshandlungen hergenommen zu werden, gegen die ich mich kaum zu wehren vermochte. Dazu trug schon bei, dass wir (habe noch einen 13 Monate jüngeren Bruder) gezwungen waren, altmodische Haarschnitte und Kleidung zu tragen, weil das so "praktisch" war und mein Vater (Jahrgang 28) ja angeblich nichts darauf gäbe, was andre sagen. So waren mein Bruder und ich stets Zielscheiben von Spott und Hohn Gleichaltriger.
Wenn ich mich bei meinen Eltern einmal über solche Übergriffe beklagte, bekam ich regelmässig zu hören, dass wir bestimmt wieder "rumgestänkert" hätten, d.h. den Anlass für Zank und Streit selbst gegeben hätten. Ich fühlte mich nie beschützt von meinen Eltern, war immer selber schuld. Im Gegenteil, wenn andere Eltern zu uns kamen, um sich zu beschweren, weil wir es mal gewagt hatten, uns gegen allzu große Gewalt zu verteidigen, dann spürte ich, wie mein Vater diesen Anschuldigungen kritiklos glaubte und in einer Art kriecherischer Unterordnung im Beisein der Fremden uns Strafe in Aussicht stellte. Ich spürte damals: egal was ich tue - ich bin IMMER schuld, und mein Vater glaubt allen andern, aber nicht mir.
Dagegen erlebte ich mindestens einmal, wie eine fremde Mutter ihren kleinen Giftzwerg rundweg in Schutz nahm, obwohl das ein brutaler Kerl und alles andre als ein Engel war.
Was ich damals noch nicht begreifen konnte war, dass mein Vater einem überstarken Wunsch nach sozialer Anerkennung durch nach außen dargestellte "Rechtschaffenheit" unterlag. Wir "frechen Bälger" haben diesen Anspruch gefährdet, da er glaubte, man könne ihm womöglich Erziehungsfehler und mangelnde "männliche" Härte vorwerfen. Später erfuhr ich, dass er von seinen 2 jüngeren Brüdern oft für seine angeblich "antiautoritäre" Erziehung kritisiert wurde. Was ich erlebte, war alles andre als das. Im Vergleich zum unverhüllten Kasernendrill, den einer seiner Brüder praktizierte, mochte das vielleicht noch gestimmt haben.
Ich fühlte mich also von Kindheit an von ihm verraten und verkauft! Verraten an seinen Wunsch nach sozialer Anerkennung, dem er uns Kinder bedenkenlos opferte!
Schon damals konnte ich kaum meine wahren Gefühle über diese tief verletzende Entwertung spüren, da meine Mutter (Jahrgang 41) mich schon viel früher für die Opferrolle vorbereitet hatte.
Ich war längst Erwachsener, da äußerte sie einer Bekannten gegenüber, in meinem Beisein und in der üblichen Gefühllosigkeit mir gegenüber, dass sie nie Kinder hätte haben wollen. Mein Vater brauchte aber welche für seine "Heile Familie"-Inszenierung. Also fügte sie sich als katholisch erzogene Duldsamkeit in Person seiner Macht und rächte sich im Stillen dafür an mir, dem Schwachen. Dass ich per Zange auf die Welt "gezwungen" werden musste, spricht schon für sich. Man weiß heute, dass das Ungeborene schon im Mutterleib Angst und Ablehnung über den Körper der Mutter zu spüren bekommt und daher "weiß", was es nach der Geburt erwartet.
Meine Mutter hat auch gern und oft gesagt "Mach mal die Augen zu, dann siehst du was Deins ist!", wenn ich mal etwas als "meins" verteidigen wollte.
In ab der Pubertät stattfindenden, sehr schmerzhaften Streitgesprächen mit meinem Vater wurde die Grundhaltung beider Eltern immer deutlicher: für alles Gute, was dir widerfahren ist, schuldest du uns Dankbarkeit, alles andre hast du dir selbst und familienfremden schlechten Einflüssen zuzuschreiben, denen du dich in deiner Dummheit und Unerfahrenheit unnötigerweise aussetzt! Deine Anklagen sind aus der Luft gegriffen, völlig unberechtigt und dir in deiner geistigen Unmündigkeit von andern eingeflüstert worden, deren böses Gerede du nur nachplapperst! Meines Vaters mehrmals in diesem Zusammenhang gebrauchter Begriff war "eure Schlechtigkeit", den er uns jedesmal mit unvehohlener Verachtung entgegenspie.
Lediglich auf dem Gebiet der Intelligenz musste er mir wegen meines Abiturs und der Aussagen der Lehrer über mich notgedrungen eine gewisse Achtung entgegenbringen. Deswegen habe ich diesen Teil meines Wesens später auch oft zwanghaft betont.
Lange, sehr lange, habe ich geglaubt, es läge an meinen zu unklaren Argumenten, an der fehlenden Präzision meines sprachlichen Ausdrucks und feilte im Innern Stunde um Stunde, Tage um Tage an noch klareren Worten, um mich ihm mit meiner Not zu erklären, meine Kritik sachlich unangreifbar und unmissverständlich zu formulieren. Ich wollte nicht wahrhaben, dass mein Vater mich gar nicht verstehen WOLLTE. Denn alles, was für ihn zählte, war die Erhaltung der von ihm verlangten unbedingten Machtposition, die ihn als allwissendes fehlerloses Familienoberhaupt dastehen ließ. In seinem - wie ich heute weiß - kaum entwickelten Selbstwertgefühl war er für Kritik überempfindlich, was blinde und heftigste Abwehr gegen jedermann erforderte.
Als ich schon längst erwachsen war, habe ich ihm einmal bez. irgendetwas meine wahren Gedanken gesagt, da hat er mich mit einem Blick angesehen, als ob er gleich die Leute ruft, mich in die Irrenanstalt zu bringen. Und er bezeichnete mich als geisteskrank. Da musste ich wieder sofort aus dem Haus gehen, um nicht völlig die Fassung zu verlieren. Denn ich spürte tief in mir drin, dass ich ihn für diesen Blick und diese vollkommen entwertenden Worte am liebsten halbtot geschlagen hätte!
Seine emotionale Raserei vor allem während der Pubertätskonflikte war so offensichtlich fern jeder Realität in ihrem Wüten gegen jeden in der Familie, dass es sogar meiner Mutter manchmal auffiel. Aber sie wagte nur in ganz extremen Fällen mal ein Widerwort, indem sie unglaubwürdig mit Scheidung drohte, meist kuschte sie und wartete auf das Verrauchen der Wut meines Vaters. Allerdings sprach sie diese Worte nie zu unserem Schutz, sondern um die Situation zu beenden, die sie unerträglich fand - für sich selbst! Sie wollte wieder ihre Ruhe und "Heile Welt" haben, sonst nichts. Weil meine Mutter auf diese Weise signalisierte, dass ich beim Kampf um meine Rechte sie schädige und belaste, habe ich da, wo ich am liebsten getobt hätte,

SCHWEIGEN MÜSSEN

Wenn es mal wieder zu einem alle total entwertenden Ausbruch meines Vaters gekommen war, wurde alles hinterher totgeschwiegen, weil alle Angst vor einer erneuten Eskalation hatten. Es gab nie eine Entschuldigung, nie ein Einlenken oder ein Gespräch über die Gemeinheiten, die unbedacht geäußert worden waren. Man hatte das von ihm zu schlucken. Aber wehe, ich wurde mal laut, dann wurde mir sofort über den Mund gefahren oder - noch schlimmer - in hämischer Ruhe vorgehalten, dass ja wohl im Unrecht sei, wer schreie. Mich brachte diese Verlogenheit und Selbstgerechtigkeit jedes Mal an den Rand der totalen Fassungslosigkeit. Oft musste ich dem aufsteigenden Schmerz über die erlittene Verachtung und der Wut über soviel Borniertheit und Egozentrik durch schnelle Flucht aus dem Elternhaus entgehen, da ich spürte, dass ich sonst irgendwann explodiert und womöglich Blut geflossen wäre!
Generell herrschte in meiner Familie die Tendenz, über Gefühle nicht zu reden oder sie gar offen auszudrücken. Der extrem seltene Ausdruck positiver Emotionen war stets sehr zaghaft und unbeholfen, es kam dabei keine wirkliche Wärme rüber. Gefühle wurden solange verschwiegen und unterdückt, bis es nicht mehr ging und es knallte. Die klassische "Dampfkessel"-Situation.
Später entwickelte ich denn auch starke Ängste vor dem offenen Austragen von Konflikten. Ich versuchte mit allerlei Mitteln, lautstarken Streitgesprächen aus dem Weg zu gehen, da ich sie ausschließlich als bedrohend und schmerzhaft wahrnehmen konnte. Erst in meiner letzten Beziehung habe ich gelernt, dass ein Streit nicht das Ende von allem bedeutet und dass es auch vorkommen kann, dass jemand mal MIR nachgibt.
Noch als ich schon lange ausgezogen war, konnte ich meine schmerzlichen Gefühle bei scheinbar harmlosen Begegnungen mit meinen Eltern nicht verstehen. Einmal traf ich z.B. zufällig meinen Vater beim Einkaufen, und er warf einen Blick in meine Tüte und sagte nur "Aha, Toast nimmst du immer!". Das danach noch Stunden nachklingende Gefühl von Traurigkeit konnte ich mir nicht erklären. Immer wieder hörte ich diesen Satz in mir und fühlte Schmerz, den ich aber nicht einzuordnen vermochte. Erst viel später begriff ich, dass es die unbewusste Erkenntnis unserer totalen familiären Kommunikationslosigkeit war, die ihn verursachte.

EMOTIONALER DAUERHUNGER

Das jahrelange Anrennen gegen die undurchdringliche Wand der totalen väterlichen Ignoranz und Selbstgerechtigkeit, mal verzweifelt, mal wütend, hat mir sehr lange den Blick darauf verstellt, dass meine Mutter keineswegs liebevoller war als mein Vater, bloß weil ihre Herzlosigkeit leiser daherkam. Ihre Passivität und Harmoniesucht verwechselte ich mit Liebe. Dass sie in Wahrheit immer auf Seiten meines Vaters statt auf unserer stand und sie unser Leiden kaum spüren konnte, da sie nur am dauernden Verleugnen ihres eignen interessiert war - das sah ich lange nicht. Dass die eigene Mutter einen nicht liebt - wer kann das schon glauben, wer will das schon glauben? Dass sie mich und meinen Bruder nur als Störenfriede in ihrem auf Verdrängung durch Genüsse ausgerichteten Leben ansah, war für mich undenkbar. Dadurch, dass sie ihr eignes Kriegskinder-Leid durch fortwährende Verdrängung (vor allem im "Shopping") abwehren musste, hatte sie für echte Zuwendung und Liebe keinerlei Sinn und Kraft. Doch als ich schliesslich von ihr selbst hörte, sie habe uns nie gewollt, da hat mich das nicht mehr überrascht, ich ahnte es schon lange.
Wie die allermeisten Menschen kann ich mich an die ersten 3 Jahre nicht erinnern, aber es muss einiges vorgefallen sein, denn nach Aussage meiner Mutter hätte ich mich "schon als ganz kleiner Junge" nicht mehr von ihr in den Arm nehmen lassen wollen. Das sagte sie in gewohnter Schuldzurückweisung, als ich mich als junger Mann mal über die fehlende Zärtlichkeit in unsrer Familie zu beklagen wagte. Mittlerweile habe ich gelernt zu wissen, dass ein Kind NIE freiwillig den lebenswichtigen Schutz und die Zärtlichkeit der Mutter zurückweist, es sei denn, sein angeborenes Vertrauen wurde zuvor schwer missbraucht. Meine Mutter leugnet das natürlich vollkommen. Das Einzige, was ich aus der Zeit erfahren konnte, war, dass mein 13 Monate später geborener Bruder wegen einer Rückgratverkrümmung sehr lange in einem Gipsbett liegen musste. Es gehört nicht viel dazu, sich auszurechnen, dass ein Kind, das sich bereits durch früheste Ablehnung existentiell bedroht sieht, durch die Hinwendung der Eltern zu einem Geschwister noch mehr verraten vorkommt. Heute weiss man um die kritische emotionale Lage, wenn ein Kind während der ersten symbiotischen Phase durch ein Geschwister gestört wird. Meinem Bruder habe ich denn auch später häufig eifersüchtige Aggression entgegengebracht.
Denke ich an das eigentlich schwache Nervenkostüm meiner Mutter, wie ich sie heute kenne, so wage ich gar nicht auszudenken, zu was sie fähig gewesen ist, als sie als junge Frau einen erst wenige Monate alten ungewollten "Balg" mit seinem Geschrei ertragen musste und dabei schon den nächsten in sich wachsen fühlte! Was hat sie wohl alles getan, wenn sie als Hochschwangere allein mit mir Säugling war, da mein Vater ja Geld verdienen musste?
Aufgrund unserer inneren Einsamkeit haben mein Bruder und ich uns auch erst relativ spät von unseren Stofftieren trennen können, die ja die einzigen "Liebesobjekte" waren, die wir hatten.

ISOLATIONSFOLTER

Traumatisch hat in meiner Kindheit das mehrere Male erfolgte Wegsperren im dunklen Keller des Mietshauses, also außerhalb der elterlichen Wohnung, gewirkt. Erst heute wird mir klar, wie dies Wegsperren einen wiederkehrenden Alptraum von damals hervorgerufen bzw. beeinflusst hat: im Traum sah ich auf meinem Weg in die Schule Passanten, die etwa neben mir an der Ampel warteten. Diese Erwachsenen sahen aber auf grausige Weise entstellt aus, sie hatten blutlose Löcher im Körper, aus denen etwas an Knochen Erinnerndes herausragte! Sie schienen das unheimlicherweise weder zu merken noch Schmerzen davon zu haben. Heute erkenne ich, dass diese "Knochen" eigentlich wie weiße knorpelige Kartoffeltriebe aussahen und sehe die Kartoffelkiste mit ihren alten, schrumpeligen Kartoffeln im Halbdunkel des Kellers wieder.

GLEICHGÜLTIGKEIT

Es gab in meinem Leben mindestens 3 Gelegenheiten, bei denen meine Mutter auf Fragen und Hilferufe von existentieller Bedeutung keinerlei Verständnis und Zuwendung zeigte. Ihre Nicht-Reaktionen bzw. ausweichenden, floskelhaften Antworten zu Fragen bezüglich Tod, Sexualität und Erwachsenwerden zeugten von einem völligen Fehlen jeglichen Mitgefühls.
Ich habe mit 8 Jahren zum ersten Mal gewusst, dass ich eines Tages sterben muss und hatte damals große Angst, habe aber schon zu der Zeit kein Vertrauen mehr zu meinen Eltern gehabt und auch sonst niemand, dem ich mich anvertrauen konnte. Aber eines Tages im Garten, als meine Mutter mit mir und meinem Bruder Karten spielte, muss ich so bedrückt ausgesehen haben, dass sogar meine Mutter mal nachfragen musste, was denn los sei. Als ich sagte, ich hätte Angst zu sterben, da sagte sie mit gleichgültiger Stimme "Tja, sterben müssen wir alle mal!" und spielte weiter, als wäre nichts gewesen, als hätte ich gesagt, "mein Ohr juckt".
Ich spüre heute, dass wir unserer Mutter stets nur Last waren, zumal wir obendrein auch noch Jungen waren und sie mit uns keine "Frauensachen" machen konnte. Ich erinnere mich noch heute an die Schluchten der Wühltische in den überheizten Kaufhäusern, durch die sie uns Stunden um Stunden erbarmungslos schleifte, bis uns die Füße brannten und die Beine wehtaten. In diesen Kaufhäusern gab es nichts Interessantes, wir konnten uns nirgends hinsetzen, und auf dem Boden sitzen durften wir auch nicht. Die Zeit verging überhaupt nicht, es war eine einzige Qual dort, deswegen hasse ich auch heute noch Klamottenkaufen wie die Pest.
Scheinbare Zuwendung gab es von ihr nur in durch die öffentliche Moral vorgeschriebenen, emotional nicht geladenen Bereichen. Aber auch hier erfolgte nur eine auf bloße Verrichtung beschränkte Versorgung, schliesslich wollte sie sich nicht vor anderen dem Vorwurf aussetzen, eine "Rabenmutter" zu sein. Der Kinderkörper wurde normgerecht am Leben erhalten, die Seele allerdings bedenkenlos der Verwahrlosung anheimgegeben. Meine Mutter sass in der Woche morgens z.B. nie zusammen mit uns am Frühstückstisch (Vater war schon weg dann), wir bekamen schnell die immer gleichen Haferflocken mit Milch und Kakao aufgegossen, Brote geschmiert zum Mitnehmen und das wars. Dabei stand sie mit dem Rücken zu uns an der Anrichte und zeigte uns damit, dass sie nur darauf wartete, uns endlich los zu sein.
Aber auch in zahlreichen anderen Kleinigkeiten offenbarte meine Mutter ständig ihr totales Desinteresse an uns, ihren Kindern. Als ich etwa 12 war, kaufte ich mir eine damals sehr moderne Digitaluhr, auf die ich sehr stolz war. Wenn meine Mutter mich nach der Uhrzeit fragte, sagte ich ihr diese stets sekundengenau. Meine Mutter sagte dann im Tonfall genervter Gleichgültigkeit: "Die Sekunden kannst du dir sparen!".
Meine Eltern schienen immer zu denken (das legt auch eine spätere Bemerkung meines Vaters nahe), dass Kinder schon untereinander für das nötige Gefühlsleben sorgen, und Kinderwelt und Erwachsenenwelt eh nicht viel miteinander zu tun haben. Nach dem Verhalten meiner Eltern zu urteilen gingen sie wohl davon aus, dass das Aufziehen von Kindern vor allem im Materiellen sich erschöpfe: genug und regelmässig zu Essen, ordentliche Kleidung, ein Dach überm Kopf und ein wenig gemeinsames Spiel dann und wann. Mein Vater nannte das "damit Ihr Eure Ordnung habt". Durch die Verdrängung ihrer eigenen Kindheit im Krieg und danach waren wir ihnen total fremd.
Auf der gefühlsmäßigen und erst recht auf der seelischen Ebene herrschte totale Ebbe! Antworten auf drängende und vor allem angstbesetzte Lebensfragen hatten wir uns stets alleine zu suchen. Positive Berührungen mit meinen Eltern fanden kaum statt, Nähe und Reden über Gefühlsdinge wurden peinlichst vermieden. In meinem weiteren Leben gab es denn auch nahezu keine lebendigen Körperkontakte mit andern Menschen mehr, außerhalb der seltenen sexuellen Affären und sicheren Rituale wie dem flüchtigen Händedruck. Später hat mich dann am Sex auch vor allem der Hautkontakt interessiert, Penetration und Orgasmus dagegen kaum. Warum ich Sex aber nur sehr selten erleben konnte, beschreibt der nächste Absatz über

SEXUELLE BIGOTTERIE

Meine Eltern waren stets bemüht, vor andern Leuten sexuelle Freizügigkeit und Modernität zu bekunden, vor allem mein Vater. Wieder war diese Selbstdarstellung vor der Gesellschaft etwas, was zur Realität ihres Verhaltens ihren Kindern gegenüber in keiner Relation stand. Es waren reine Lippenbekenntnisse.
Etwa um die Einschulungszeit oder kurz danach schleppte uns meine Mutter zu einem Kinderarzt wegen der Behandlung einer angeblichen Phimose (Vorhautverengung). Als kleine Kinder mussten wir natürlich blind darauf vertrauen, dass dies wirklich notwendig war. Wäre es uns erlaubt gewesen, hätten wir uns mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, denn diese "Behandlungen" waren jedesmal extrem schmerzhaft. Kam ich in der Arztpraxis als zweiter an die Tortur, war ich bereits vor Angst wie von Sinnen, wenn ich die gellenden Schmerzensschreie meines Bruders gehört hatte. Ich wünschte mir zu dieser Zeit nichts sehnlicher als ein Mädchen zu sein, das keinen Penis haben muß, der solche Schmerzen bringt. Rückblickend weiß ich heute, dass das auch genau die unbewußte Absicht meiner Mutter war.
Heute ist allgemein bekannt, dass eine Phimose sich in fast allen Fällen bis zur Pubertät bzw. dem 17. Lebensjahr von selbst gibt, und Operation - erst recht in diesem frühen Alter - so gut wie nie wirklich erforderlich ist. Dehnübungen aber sollen, wenn sie etwas bringen und nicht kontraproduktiv sein sollen, nicht nur einmal im Monat beim Arzt und da auch nicht bis über die Schmerzgrenze hinaus praktiziert werden. Meine Mutter hat hier - wiederum mit Delegation der konkreten Gewalt an einen "dafür zuständigen" Mann - ihre latente Sexualfeindlichkeit (frömmelnde katholische Mutter!) an uns ausgetobt. Vorsorglich in einem Alter, wo mit Widerstand nicht gerechnet werden muß.
Ich fühle mich heute als Opfer von Genitalverstümmelung unter dem Deckmäntelchen medizinischer Fürsorglichkeit. Weil meine Mutter in ihrer anerzogenen Unterwürfigkeit die sexuellen Forderungen ihres Mannes nicht offen abzulehnen wagte (und dennoch oft genug tat, wie gewisse spätere Klagen meines Vaters verrieten), musste sie ihre Verachtung für "das Tier Mann" an uns Jungen auslassen.
Später haben meine Eltern noch bei andern Gelegenheiten ihre eigentliche Verklemmtheit und sexuelle Scheinheiligkeit offengelegt. Als meine Mutter mich im Alter von 14 oder 15 erstmals beim Masturbieren erwischte, kam von ihr nur ein mit unüberhörbarer Verachtung und Enttäuschung geäußerter Satz: "Fängst du jetzt auch schon damit an!?!" Dieser Satz und vor allem sein Tonfall sagte mir alles. Ich litt fortan unter dem quälenden Zwiespalt, meine Sexualität als etwas zutiefst Machtvolles und Notwendiges, aber zugleich Verabscheuungswürdiges und Schmutziges zu erleben. So gab es eine Phase, wo ich mit Aufbietung aller Willenskräfte ernsthaft versuchte, das Masturbieren sein zu lassen. Ich führte sogar auf einem Zettel heimlich eine Liste mit Tagen ohne Selbstbefriedigung. Das längste was ich "schaffte", waren 5 Tage. Nach solchen "Erfolgen" gab es dann natürlich erst recht Ausbrüche mit täglichem heftigem Masturbieren. Ich fühlte mich erregt und verabscheuungswürdig zugleich, und ich entwickelte in dieser Zeit sogar die Wahnvorstellung, ein besonders kopfiger Schulkamerad, der immer total steif und beherrscht wirkte, sei in Wahrheit ein Roboter und als solcher frei vom Sexualtrieb, und ich beneidete ihn darum! Ich schrammte damals hart am Abgleiten in eine richtige Psychose vorbei bzw. steckte vorübergehend in einer drin!
Später führte das zu einer jahrelangen Unfähigkeit, an die Vereinbarkeit von seelischer Liebe und Sexualität zu glauben. Ich konnte einem Mädchen gegenüber, das ich wirklich gern hatte, keine sexuellen Gefühle zulassen. Ich hatte das Sexuelle total abgespalten.
Als ich mit 21 (!) das erste Mal eine richtige Freundin (17) hatte und im Vertrauen auf die "moderne Einstellung" meiner Eltern sie einmal mit in meinem Zimmer hatte und dort gerade anfing, mit ihr "rumzumachen", kam plötzlich mein Vater reingestürmt und donnerte los, "sowas" gebe es in seinem Haus nicht, wir sollten das wenn schon gefälligst sonstwo machen, aber nicht unter seinem Dach. Ich war geschockt über diesen unvermuteten Ausbruch heuchlerischer Doppelmoral und das Hinstellen normaler Sexualität als etwas Schmutzigem, das "anständige Eltern" unterbinden müssen, was seiner Selbstdarstellung so eklatant widersprach. Und ich bin mit meiner Freundin - wieder mal - aus dem Haus geflohen, statt ihn auf meine Volljährigkeit hinzuweisen und ihm zu sagen, er solle gefälligst die Tür von außen zumachen und sich zum Teufel scheren mit seiner perversen Spießermoral!
Bezeichnend aus heutiger Sicht ist auch, dass ich nach dem Erwachen der Hormone längere Zeit gar keine richtige Ahnung hatte, was ich mit meinen Erektionen und den neuen Gefühlen anfangen sollte! Ich wusste als frühpubertärer Junge schlicht nicht, was Masturbation oder ein Orgasmus ist und wie man mit Hilfe des einen zum andern kommen kann! Auch der genaue Vorgang der Zeugung, der dazu notwendige Samenerguss, war mir unbekannt. Eben die völlige Ahnungslosigkeit eines Jungen, der nie aufgeklärt worden ist.

SEXUELLER MISSBRAUCH

Als ich etwa 13 oder 14 Jahre alt war, vielleicht auch schon mit 12, begann plötzlich mein Onkel (damals 27), sich uns sexuell zu nähern. Wie viele Missbraucher nutzte er geschickt aus, dass ein eklatantes Gefälle zwischen sexueller Energie und Neugier einerseits und sozialer Kompetenz sowie Selbstwertgefühl andererseits bei uns Kindern bestand, vor allem bei mir. So hatte er leichtes Spiel. Bis weit ins Erwachsenenalter hinein war mir dieser Missbrauch nicht einmal richtig als solcher bewusst. Ich hatte das Gefühl, aufgrund meines starken Drangs nach sexueller Betätigung den Missbrauch "gewollt" zu haben. Mein Onkel verkaufte uns seine sexuelle Befriedigung auch als "Einführung in den Sex". Selbstverständlich verpflichtete er uns zu Stillschweigen über das, was er mit uns tat, indem er uns einredete, dass die Eltern uns "das Schöne" nicht gönnen würden, woran natürlich perfiderweise ein wahres Körnchen war! Da mein Onkel recht weit weg immer noch bei seiner Mutter lebte, konnte er den Missbrauch bei mir zwar noch ein paar Jahre, aber nur recht selten, fortführen.
Mein Bruder hielt sich weitestgehend aus diesen "Spielchen" raus, seine Verwirrung war zu spüren. Er war es auch, der viele Jahre später einmal diesen Missbrauch meinen Eltern gegenüber zur Sprache bringen wollte. Meine Eltern taten das in meinem Beisein als eine krankhafte Fantasie ab und schwiegen das Thema schnell tot. Ich war trotz eines gewissen Mitleidsgefühls nicht in der Lage, meinem Bruder beizustehen und schwieg, denn ich hatte zu diesem Zeitpunkt den Missbrauch noch nicht voll realisiert. Ebensowenig habe ich gemerkt, dass meine Eltern eigentlich Verdacht hätten schöpfen müssen (wenn sie normal gewesen wären!), dass mein Onkel sich zu uns in das enge Kinderzimmer einquartierte, obwohl ein geräumiges Wohnzimmer zur Verfügung stand!
Ebenso lange Zeit meinem Bewusstsein verborgen blieb eine leichtere Missbrauchsform durch meine Mutter. Ab etwa einem Alter von 16 schuf meine Mutter jeden Morgen eine Situation, die es ihr ermöglichte, sich vor mir in unmittelbarer Nähe zwischen den Beinen zu waschen. Sie sorgte unter dem fadenscheinigen Vorwand der "Zeitersparnis" dafür, dass ich schon meinen morgendlichen WC-Gang verrichtete, während sie sich noch wusch. Dabei bestand durchaus die Möglichkeit, dazu eine unten gelegene Gästetoilette zu nutzen - wenn denn an der Einhaltung der familiären Intimsphären ein Interesse bestanden hätte. Ich war von dieser aufgezwungenen Wahrnehmung jeden Morgen angewidert, konnte aber natürlich nichts sagen, da wir ja eine "moderne und unverklemmte" Familie sein sollten.

SADISTISCHE DEMÜTIGUNG

Im Zusammenhang mit der Sexualität steht auch die vielleicht allerschlimmste Demütigung, die mir mein Vater je zugefügt hat, ohne das bis heute auch nur eine Spur einzusehen oder zu bedauern. Es muss mit 17 gewesen sein, evtl. sogar später. Da ich mit 16 das neue Hobby Fotografie angefangen hatte, floss dies auch in meine einsame Auseinandersetzung mit meiner Sexualität ein und ich machte gelegentlich Aufnahmen von mir, die ich natürlich streng geheim hielt. Eines Abends kam ich aus der Dunkelkammer des Jugendzentrums, in dem ich viel Zeit verbrachte, mit frischen Abzügen in der Tasche und wurde zuhaus gleich zu Tisch gerufen. Im blinden Vertrauen darauf, dass meine Eltern die Intimsphäre eines mindestens 17Jährigen achten würden, ließ ich die Tasche im Flur zurück. Ich saß noch am Abendbrottisch und dachte an nichts Böses, da rief mein Vater plötzlich in einem eigentümlichen Tonfall von oben her meine Mutter, sie solle sich doch mal "was ansehen". Plötzlich erkennend, was gleich geschehen würde, stürmte ich mit im Halse klopfendem Herz meiner Mutter voraus nach oben und ins elterliche Schlafzimmer, und da hatte er es tatsächlich getan: er hatte genüsslich alle Fotos feinsäuberlich nebeneinander auf dem Ehebett ausgebreitet, damit sie sich jeder anschauen konnte!! Unter den Augen meiner hinzugekommenen Mutter sammelte ich in einem totalen Schockzustand die Fotos ein und wäre in diesem Moment am liebsten gestorben! Ich war so paralysiert, dass ich die Wut über dieses ungeheuerliche Verhalten meines Vaters gar nicht spüren konnte, auch später lange Zeit nicht. Es versteht sich, dass meine Eltern darüber nie einen Ton verloren haben, schon gar keinen des Bedauerns. Heute bin ich endlich in der Lage, die rasende Wut zu spüren und zuzulassen, die das in mir ausgelöst hat. Hätte ich damals meine wahren Gefühle voll wahrnehmen können und auch ausgelebt, ich hätte meinen Vater wohl getötet!

SEXUELLE VERWIRRUNG

Die emotionale Kälte meiner Mutter, ihre Lügen und Demütigungen und ihre Teilnahmslosigkeit haben bei mir später zu einer starken Ambivalenz gegenüber Frauen geführt. Meine letzte Partnerin bemerkte an mir sehr direkt einen großen Frauenhass, gegen dessen Berechtigung sie sich natürlich verwahrte.
Zeitweise glaubte ich, vielleicht in Wirklichkeit schwul zu sein, dabei fühlte ich mich rein sexuell durch Frauen eigentlich stark angezogen; die Probleme begannen erst, wenn sie mir nahe kamen. Heute weiss ich von mir, dass ich damals auf dem besten Wege war, ein "Schwuler wider Willen" - als Flucht vor weiblicher Grausamkeit und zur Strafe für die Mutter - zu werden. Aufgrund meiner Prägung war ich nicht fähig, Frauen zu sehen, die nicht so falsch und kalt wie meine Mutter sind. Heute beginne ich, in diesem Punkt anders zu fühlen. Ich erkenne besser, wenn ich wieder mal einer Mutter-Kopie begegne, die mich seelisch und sexuell nur neuerlich frustrieren würde.
Dazu muss ich noch anmerken, dass ich nicht homophob bin, dass ich vielmehr die homosexuelle Seite mit einem guten schwulen Freund durchaus vorübergehend direkt ausgelebt und für mich erprobt habe. Auch war ich an einem Punkt meines Lebens bereits soweit, mein "Schwul-Sein" zu akzeptieren. Heute aber weiß ich, dass ich - ohne Angst vor Männern allgemein und Schwulen im Besonderen zu haben - viel mehr Hetero als Homo bin.

ZERSTÖRTE BEZIEHUNGSFÄHIGKEIT

Stand ich in der Anfangszeit einer sich anbahnenden Liebesbeziehung, entwickelte ich schnell ein starkes Helfersyndrom, sah in meiner potentiellen Partnerin nur ihre psychischen Defekte oder was ich dafür halten wollte, damit ich als der "Helfende" mich als wertvoll erleben konnte. Liebe ohne "Leistung" einfach nur zu empfangen war für mich völlig unmöglich, weswegen ich auch nur mehr oder weniger offen "kaputte" Frauen an mich ranlassen konnte. Diese Konzentration auf die Rolle des "guten Psychodoktors" sollte mich davor bewahren zu erkennen, dass ich echte Liebe auf der rein emotionalen und körperlichen Ebene weder empfangen noch geben konnte. Die eigentlich empfundene Minderwertigkeit musste ich stets abwehren durch die Betonung meiner Intelligenz und Hilfsbereitschaft, mit der ich meine Partnerin natürlich gleich in eine Unterlegenheitsposition hineinmanövrierte. Von ihr erfahrene etwaige Ablehnung konnte ich so leichter als Abwehrhaltung der "Kranken" gegen die "Wahrheit" umdeuten.
Durch die o.g. Deformation meiner Sexualität war es mir im Werbungsstadium auch kaum möglich, offen mein sexuelles Verlangen zu äußern. Der Partnerschaftswunsch war nur durch "höhere Werte" zu legitimieren. Je näher ich dem Punkt der sexuellen "Offenbarung" kam, desto mehr wuchsen meine Spannungen. Beziehungen zu Frauen, bei denen die sexuelle Ebene im Vordergrund gestanden hätte, konnte ich nicht zulassen, obwohl ich eigentlich sehr starke Bedürfnisse nach körperlicher Liebe habe, was ja auch kein Wunder ist. Schon meine erste Freundin aber, an die mich viele Jahre lang eine immer wieder aufflammende sexuelle Hörigkeit band, frustrierte mich in Wahrheit sexuell ständig. Wie ich erst spät erfuhr, war sie als Kind selber schwer sexuell missbraucht worden!
Bevor ich mit 21 mit ihr meinen ersten Geschlechtsverkehr erlebte, habe ich bei drei Mädchen, mit denen ich z.T. eng befreundet war, ihre sexuelle Zugänglichkeit für mich gar nicht wahrzunehmen vermocht, so sehr habe ich meine Bedürfnisse verleugnet! Erst viele Jahre später konnte ich die damalige Realität erkennen, dass ich keineswegs von allen Mädchen sexuell abgelehnt war.
Aber auch innerhalb einer bestehenden Beziehung klappte es mit der Sexualität nur in der Phase des ersten Verliebtseins scheinbar. Danach verlor ich regelmässig - zu meinem eignen Erstaunen - das Interesse am Sex mit meiner Partnerin und wandte mich lieber wieder Pornographie und Masturbation zu. Irgendetwas ließ mich immer unbefriedigt sein, und ich wusste nicht genau, was es war. Heute kann ich fühlen, dass meine im Laufe der Zeit sich verschlimmernde phasenweise Impotenz die normale und gesunde Reaktion meines Körpers auf das Gefühl des Ungeliebtseins beim Sex darstellte. Ich litt immer dumpf unter dem Gefühl, dass meine Partnerin den Sex nur instrumentalisiert, um mich an sie zu binden oder mehr oder weniger teilnahmslos über sich ergehen lässt, weil "man das als Paar eben so macht" und "Männer das halt brauchen".

REALITÄTSFLUCHT

Weil meine wahren Gefühle in meiner Kindheit nicht nur niemanden zu interessieren schienen, sondern sie oft auch offen bekämpft wurden, lernte ich früh, mich zu verbergen, mich in meine eigene Phantasiewelt zu flüchten. Das wurde mir im Laufe der Jahre zur zweiten Natur, bis ich die Realität irgendwann kaum noch wahrnehmen konnte. Das ist der eigentliche Grund der von vielen Menschen beschriebenen "Glasglocke", unter der zu leben sie das Gefühl haben - auch ich.
Diese Realitätsflucht wurde mir immer dann quälend spürbar, wenn ich mich in eine Frau verliebte und stets eine Situation vorfand bzw. unbewusst selbst herstellte, in der Befriedigung unmöglich war und Sehnsucht das einzige lebbare Gefühl blieb. Entweder war sie die Frau eines andern oder sie sah in mir nur einen Freund zum Quatschen, oder sie war räumlich unerreichbar - was auch immer. Ich durfte nie "ankommen". Je stärker das Gefühl des Verlangens war, desto unmöglicher war die Erfüllung. Je weniger ich für eine Frau empfand, desto besser klappte es in der Realität. Ich erlaubte mir einfach kein Glück, weil ich es im tiefsten Innern für unmöglich hielt, daran glaubte, es nicht zu verdienen!
So wurde ich zu einem "Träumer", der sein Leben nicht leben, sondern sich nur danach sehnen kann.

KÖRPERLICHE GEWALT

war in meiner Familie solange ich denken kann, beinahe an der Tagesordnung, bis wir in die Pubertät kamen. Bei meiner Mutter gab es "nur" Ohrfeigen, die allerdings durch einen Perlenring manchmal besonders schmerzhaft sein konnten. Einmal beklagte ich mich als Kind über diesen Perlenring, worauf meine Mutter meine Wahrnehmung der Schmerzen rundweg ableugnete, da sie ja damit gar nicht treffe. Dass ich etwas ganz anderes spürte, interessierte sie nicht.
Wir bekamen von ihr natürlich häufig auch den bekannten Spruch zu hören: "Hör auf zu Heulen, sonst hau ich dir richtig eine runter, dann hast du einen Grund zum Heulen!".
Schwere Schläge waren die Aufgabe meines Vaters. Oft hiess es "wartet ab, bis Papa nach Hause kommt!", dann verbrachten wir manchmal Stunden in der angstvollen Erwartung der Schläge mit Ledergürteln, Teppichklopfern und Rohrstöcken auf zum Teil den nackten Hintern. Nach manchen Schlägen wurde uns auch das anschließende Weinen unter Androhung weiterer Schläge verboten.
Zumindest einmal bekamen wir als kleine Kinder indirekt mit, dass mein Vater offenbar auch meine Mutter schlug.
Andern Erwachsenen gegenüber prahlte mein Vater mit einer Erziehungsmethode, auf die er trotz ihrer Perversität (die ich selbst als Kind schon dumpf empfand) auch noch stolz zu sein schien: wenn es vorkäme, dass wir etwas Riskantes getan und uns dabei verletzt hätten, dann würden wir beim Heimkommen noch Schläge obendrauf erhalten! Heute begreife ich, dass mein Vater stets darauf bedacht war, vor anderen Männern zu demonstrieren, dass er kein Weichling sei, der sich von seinen "Bälgern" auf der Nase rumtanzen lasse. Damit wehrte er seine eignen frühen Demütigungen ab.
Einmal bekam ein Passant eine spontane Schlagwut meines Vaters - ich benutze hier bewusst nicht das verschleiernde Wort "Züchtigung" - aus einiger Entfernung mit, was ihn zu dem Zuruf veranlasste "Ihnen macht es wohl Spaß, Kinder zu schlagen!". Ich vergesse dies Ereignis nie, da ich hier zum ersten Mal erleben konnte, dass offenbar nicht alle Väter ihre Kinder schlagen und mein Vater das vielleicht gar nicht tun MUSS, sondern auch gerne tut. Nach A.Miller hatte ich in diesem mutigen Manne einen "Helfenden Zeugen", was mir - in aller Zaghaftigkeit - die Aufrechterhaltung eines gesunden Unrechtsbewusstseins ermöglichte. Es versteht sich, dass mein Vater diese Kritik völlig abblockte, indem er dem Mann hasserfüllt zurief, er solle sich gefälligst um seine eignen Angelenheiten kümmern. Vor einigen Jahren hat er dann Fremden gegenüber wie so viele Erwachsene das Stattfinden der Schläge von einst völlig verleugnet. Das hätten wir uns alles nur eingebildet.
Als Erwachsener erlebte ich zwei Mal, welche rasende Wut in mir schlummerte wegen dieser Misshandlungen. Beide Male waren es Besoffene, die sich auf brutale Weise körperlich bzw. psychisch verletzend verhielten, obwohl ich ihnen rein gar nichts getan hatte (wieder mal war ich das geborene Opfer)! Beide Male verhinderte nur der Umstand, dass jede Menge Menschen in der nahen Umgebung waren, dass ich total ausrastete und diese Angreifer über die Verteidigung hinaus exzessiv geschlagen hätte. In meiner Phantasie habe ich es jedenfalls getan.
Ferner habe ich bei mindestens zwei Gelegenheiten mich gewalttätig gegenüber dem kleinen Hund einer Partnerin verhalten, obwohl der eigentlich nichts "verbrochen" hatte. Die Ursache dieser Ausbrüche kann ich heute verstehen und sie tun mir sehr leid, und ich bin froh, dass der Hund zumindest keine körperlichen Schäden davongetragen hat. Später wuchs er mir, dem früheren Hundeverschmäher, dann auch sehr ans Herz und ich glaube, das hat er auch gespürt.
Partnerinnen und Kinder habe ich zum Glück nie geschlagen, meine Agressionen richteten sich eher nach innen. Die Symptome waren chronisches Nägelkauen, dauernde Selbstvorwürfe, Unruhe, Alkohol- und Nikotinsucht, beide in weniger schweren Formen. Ferner gab es einige zum Teil chronische

KRANKHEITEN

So waren meine Nebenhöhlen seit Kindertagen und noch bis heute chronisch verstopft, was täglichen Gebrauch von Taschentüchern notwendig machte. Mein Geruchssinn war vielleicht deswegen auch immer eingeschränkt. Heute denke ich darüber nach, inwiefern das etwas damit zu tun hat, dass Gerüche ja unser Gehirn auf einer sehr tiefen Ebene emotional ansprechen. Ferner sagte eine gute Freundin einmal zu meiner ständigen leichten Verchnupftheit: "Du hast eben die Nase voll!"
In der Pubertät erlebte ich eine Phase extremer Empfindlichkeit auf Rauch und Staub in der Luft, was zur Diagnose Bronchialasthma führte und eine erfolglose Behandlung mit Nebenhöhlenbestrahlung, Inhalationen und Höhenkammer nach sich zog. Das Asthma gab sich dann aber nach einiger Zeit von selbst.
Seit der Pubertät entwickelte sich meine Akne nicht in dem Maße zurück wie bei gesunden Jungen. Eine gewisse Neigung zu fettiger Haut, Pickeln und Mitessern blieb bestehen. Schon im 3. Lebensjahrzehnt entwickelte ich zusätzlich eine sog. "Rosacea" ("Säufernase"). Ferner litt ich phasenweise immer wieder unter einer Reizblase und seit ein paar Jahren auch unter einem Reizdarm.
Dass ich nie wirklich schwere oder gar lebensbedrohliche Krankheiten hatte, führe ich zum Teil darauf zurück, dass ich mir meiner psychischen Nicht-Gesundheit meistens mehr oder weniger bewusst war, was stärkere Alarmsignale meines Körpers wohl "überflüssig" machte.

LÜGEN

Wie so viele Eltern haben auch die meinen aus Bequemlichkeitsgründen mich lieber angelogen, als mir etwas kindgerecht erklären zu müssen. Sie ahnten nicht, dass Kinder Lügen meist durchschauen, auch wenn sie die Wahrheit noch nicht kennen. Im Erspüren der elterlichen Lügen mischten sich dann Gefühle von Vertrauensverlust, Enttäuschung und Zorn darüber, in seiner Sensibilität unterschätzt worden zu sein.
Als mir meine Mutter mit etwa 6-7 Jahren einmal Pfeile kaufte, fragte ich sofort, wo denn der Bogen dazu sei. "Das sind Wurfpfeile." wollte meine Mutter mir daraufhin weismachen. Sie hatte keine Lust, mir einzugestehen, dass sie Angst hatte, bei etwaigem Bogenschießen ständig aufpassen zu müssen, dass wir uns nicht die Augen ausschossen. Das hätte ja wieder lästige Zuwendung gefordert.
Unter dem Vorwand, Tiere müssten frei sein, man dürfe sie nicht einsperren, bekamen wir nie einen Hund oder irgendein andres "Kuscheltier". Es gelang meinem Vater tatsächlich, hier eine lange unentdeckt gebliebene Lüge zu installieren, die ihn auch noch moralisch hochwertig dastehen ließ. In Wahrheit hatten beide nur keine Lust auf die zusätzliche "Belastung" durch ein weiteres lebendiges Wesen und seine natürlichen Bedürfnisse.
Als sie dann endlich doch unsern ständigen Bitten nachzugeben schienen, gab es Tiere, die so ziemlich das Letzte sind, was ein Kind sich als Spielkamerad wünscht: Schildkröten! Träge, hart, kalt - in allem also der absolute Gegensatz zu dem was Kinder brauchen: Lebendigkeit, Anschmiegsamkeit und Wärme! Zudem wurden die Kröten nur im zum Terrarium umgebauten Sandkasten im Schrebergarten gehalten. Bei der ersten Überwinterung sind sie dann , wen wundert´s, eingegangen.

MANISCHE DEPRESSION

Dieses Klima von Vereinsamung, Kälte, Ausgrenzung, Erniedrigung und Lügen führte in der Folge zu - wie ich heute anerkenne - einer depressiven Grundstimmung mit wiederkehrenden manischen Phasen. Eine Hauptqual meines Erwachsenendaseins bestand in der ständigen Abwehr der Erkenntnis, ebenso wie mein offen manisch-depressiv gewordener Bruder nicht seelisch gesund zu sein und Eltern gehabt zu haben, die zwar physisch, auf der seelischen Ebene jedoch praktisch nicht existent waren. Ich bezeichne mich heute als einen emotionalen und seelischen Vollwaisen.
Dies führte bei mir zu einem ständigen Gefühl von Lebensunfähigkeit, Verlassenheit, vollkommenem Auf-Mich-Selbst-Angewiesensein und häufigen Gedanken an den Tod. Ich erlebte die so häufig beschriebene "Glasglocke". Mitten unter Menschen fühlte ich mich dennoch meistens einsam und unbefriedigt. Suizidgefährdet war ich hingegen eigenartigerweise nie wirklich. In extremen Momenten depressiver Nichts-geht-mehr-Stimmung packte mich jedesmal eine Art Überlebens-Wut, der absolute zornige Wille, nicht unterzugehen und "es allen zu zeigen". In diesen Momenten fühlte ich, dass es die andern sind, die mich nicht leben lassen wollen und dass ich ihnen Widerstand leisten muss.
Nachdem mein Bruder nach einem psychotischen Zusammenbruch unter Dauermedikation stand, habe ich bei den Besuchen bei meinen Eltern seinen erschreckenden Verfall über die Jahre mitansehen müssen. Seine grauen, stumpfen Haare, der düstere, leidende Blick, die aschgraue Gesichtshaut und die nikotingelben Zähne - er sah oft wie der Tod auf Latschen aus. Aber ich bekam das in mir schreiende "Seht ihn Euch an - das ist Euer Werk!" nie heraus - die Angst vor den verletzenden Ausbrüchen meines Vaters war zu stark. Inzwischen mute ich mir diese mich häufig sehr belastenden Besuche im Elternhaus nicht mehr zu.
In Momenten, wo ich mich der "Lösung" meiner Probleme einmal nahe glaubte bzw. tatsächlich wichtige Erkenntnisse gewonnen hatte, entwickelte ich dann häufig eine Manie, d.h. eine (oft letzten Endes destruktiv wirkende) Überenergie und den Glauben, meine Umgebung und vor allem natürlich meine Familie aus ihrer Blindheit erretten zu müssen, was natürlich nur wieder "Arbeit für Liebe" bedeutete. Es war mein überschießendes, nie befreidigtes Verlangen nach menschlichem Anerkanntsein, was sich hier Bahn brach.

ABHÄNGIGKEIT DURCH "GIFTIGE NAHRUNG"

Eine weitere, lange unentdeckte "Doppelbotschaft" meiner Eltern lautete: "Werde endlich selbständig - aber du schaffst es sowieso nicht!" Es hat ebenfalls sehr lange gedauert zu realisieren, dass die materielle "Hilfsbereitschaft" meiner Eltern ein verschleierter Versuch war, uns Söhne stets abhängig zu halten. Diese "milden Gaben" im Verein mit immer wiederholten Entwertungen und einer latenten Angstbotschaft ("wir wollen Euch nur wappnen gegen das grausame Leben da draussen") haben einen quälenden Zwiespalt erzeugt. Das Annehmen der "Hilfen" eigentlich nicht mehr zu wollen, aber die verdeckten Lügen in ihnen nicht sehen zu können. Diese unsichtbaren Fesseln in der Maske der "Selbstlosigkeit" sind sehr treffend durch den Begriff der "giftigen Nahrung" benannt, hervorragend ins Bild gesetzt im Film "The 6.th Sense". Um die Vorhaltungen wissend, die irgendwann wieder kämen, habe ich meine Eltern so gut wie nie um finanzielle Hilfen gebeten, aber sie wurden mir immer wieder mit wohlmeinenden Phrasen wie "Wir geben es doch gerne, und ihr braucht es doch heute!" geradezu aufgenötigt. Wir sollten stets in dem Gefühl gehalten werden, ihnen Dankbarkeit zu schulden. Sie ahnten unbewusst ganz genau, dass sie uns ohne diese unsichtbaren Fesseln nie wiedersehen würden.

ERZIEHUNG ZUR ANGST VOR ARBEIT

Dem kindlichen Bedürfnis nach Mithelfen bei elterlichen Arbeiten konnte vor allem mein Vater nicht gerecht werden, da er einerseits zu ungeduldig und andrerseits zu perfektionistisch dafür war. Wenn er uns mal etwas tun ließ, konnten wir sicher sein, dass er es einem sofort wieder aus der Hand nahm, wenn der erste kleine Fehler passierte oder es zu langsam ging. "Laß ruhig, danke schön, aber geh lieber spielen, ich mach das schon!" hieß es dann stets.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus mein Grundgefühl, zumindest für Handwerkliches nicht zu taugen, sowie im Haushalt nur zu stören. Einzig der Mutter beim Abtrocknen des Geschirrs zur Hand zu gehen war erlaubt. Als ich im Gymnasium einmal eine Tätigkeitsbeschreibung verfassen sollte, war denn auch die Beschreibung des Geschirrabtrocknens das Einzige, was mir einfiel.
Zur Angst vor der Arbeitswelt führte aber auch das frühe Mitbekommen der väterlichen Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten in der Fabrik, in der er arbeitete. Wenn er nach Hause kam, musste er sich jedesmal erst eine Weile seinen Ärger von der Seele reden, so regelmässig, dass ich noch heute den Namen seines Vorarbeiters erinnere. Damals verfestigte sich in mir das Bild der Brotarbeit als einer beständigen Qual, die man allein des Geldes wegen auf sich nehmen muss.
Dazu muss ich noch anfügen, dass mein Vater einmal beinahe eine Tanzschule übernommen hätte, in der er mehrere Jahre als Lehrer tätig gewesen war. Er und meine Mutter lernten sich übers Tanzen kennen und haben auch erfolgreich Turnier getanzt. Aber dann entschied er sich für das Leben als "anständiger Familienvater" (Tanzlehrer war damals ein wenig angesehener Beruf!) und ging "richtiges Geld" verdienen bei VW. In dieser Zeit ergraute mein Vater im Alter von nur 36 innerhalb kurzer Zeit total!
Bezüglich meiner Fragen nach der Zukunft und dem Erwachsenwerden hatten meine Eltern nur 2 Antworten: mein Vater wiederholte immer wieder gebetsmühlenartig "Bemüht Euch!" - das "Worum" ließ er aber stets offen; meine Mutter sagte einmal im üblichen völlig gleichgültigen Tonfall, als ich ihr ganz direkt meine Angst vor dem Erwachsenwerden mitgeteilt hatte: "Ach, da wächst man hinein" - und fertig war sie wieder einmal mit mir.

INKONSEQUENZ

Wie wenig mein Vater in der Lage war, gutgemeinte Erziehungsregeln in der Praxis konsequent einzuhalten, zeigte mir früh der Umgang mit dem Thema Taschengeld. Um uns zur Sparsamkeit zu erziehen, stellte mein Vater die Regel auf, dass nur der neues Taschengeld bekäme, wer von den 1,50 Mark am Wochenende noch 50 Pfennig gespart habe. Ich hielt mich im Glauben, dass Folgsamkeit Anerkennung brächte, an diese Regel und musste dann sehr oft erleben, dass mein Bruder, der immer schon Mitte der Woche alles verjubelt hatte, dennoch "aus Mitleid" extra etwas nachbekam. Wieder einmal wurde ich in meiner Beobachtung bestätigt, dass mein Vater allen gegenteiligen Bekundungen zum Trotz, uns absolut gleich zu behandeln, in Wahrheit meinen Bruder vorzog, weil seine "Schwächen" ihn offenkundig rührten.
Mein Bruder hat einmal, als er sich ungerecht behandelt fühlte von meinem Vater, in einem Nachbarsgarten alle Salatpflanzen ausgerissen, weil er im Gegensatz zu mir deutlich gespürt hatte, dass mein Vater seine scheiß Pflanzen mehr liebte als uns. Als mein Vater diese Episode später mal erzählte, merkte ich deutlich, wie er meinen Bruder für diesen ehrlichen emotionalen Ausbruch achtete. Meine Bemühungen, seinen Ansprüchen gerecht zu werden, wurden dagegen so gut wie nie honoriert. Ich glaube, er hat nie geahnt, was ihm hätte widerfahren können, wenn ich ähnlich unbeherrscht gewesen wäre wie mein Bruder.

DER LANGE WEG ZUR BEFREIUNG

In der Pubertät entwickelte ich ein starkes Interesse an psychologischen Fragestellungen, da ich die in unserer Familie herrschende "Dampfkessel-Atmosphäre" anders als durch eine sorgfältigst distanzierte, analysierende Haltung nicht ertragen zu können glaubte. Ich beklagte mich oft bei andern über meine Eltern, erfuhr aber immer nur bis zu einem gewissen Punkt Verständnis (siehe letzten Absatz). Im Laufe der Jahre erwarb ich aus Büchern, Filmen und Gespächen das notwendige Wissen um die zugleich komplexen und auch einfachen Zusammenhänge des menschlichen Verhaltens und Fühlens.
Aber Wissen und Fühlen sind zweierlei. Da mein Bollwerk gegen die seelische Vernichtung immer mein Verstand und die Distanzierung von meinen eignen unerlaubten Emotionen war, ist meine Arbeit heute, da die Wahrheit rational enthüllt ist, das Wiederfinden meiner Gefühle und meiner Vitalität. Manchmal merke ich, wie beides langsam zurückkehrt. Ich merke es an Kleinigkeiten wie einer freundlicheren Stimme andern gegenüber, einer verminderten Angst vor Zurückweisung und neuerlichem Verletzt-Werden, einer wachsenden Fähigkeit, Aufgaben zu finden und auch anzupacken, aber auch, Schönes wirklich zu genießen und als Geschenk anzunehmen. Dies vor allem im Bereich meiner Sexualität, die tiefe Schuldgefühle mir so sehr vergiftet hatten. Ebenso kann ich Verletzungen und Grenzüberschreitungen anderer heute besser wahrnehmen, wenn sie mir widerfahren - selbst wenn sie in der Maske der Wohltätigkeit daherkommen. Ich glaube heute, Liebe und Vertrauen zu verdienen und deshalb auch eine Partnerin finden zu können. Ich kann mir immer besser Fehler verzeihen und Überforderungen vermeiden, den ewigen Leistungsdruck von mir nehmen, da ich nun weiß, dass man sich Liebe nicht "erarbeiten" kann, auch mit noch so großen Anstrengungen nicht. Ich schaffe es auch immer besser, der Verführung zum Helfersyndrom zu widerstehen, mit dem ich nur wieder in die Leistungsfalle tappen würde. Ich sage mir immer wieder, dass ich niemand krampfhaft meinen Wert beweisen muß, indem ich bemüht "hilfreich" bin.

WARUM KEINE VERGEBUNG?

Ich habe selbst ganz konkret erlebt, wie eine unechte, weil einseitige Vergebung mich noch tiefer schädigte: Vor etwa 5 Jahren ließ ich mich im Glauben, von meinen Eltern ausreichend emanzipiert zu sein, von ihnen zur Teilnahme an einem Urlaub überreden. Dieser Urlaub endete für mich mit Depressionen und einer schmerzhaften Gürtelrose, die ich zuvor noch nie und seitdem auch nicht wieder gehabt habe! Ich erlebte, wie mein Vater immer noch felsenfest glaubte, ich übernähme keine Verantwortung für mein Leben, bloß weil ich seines nicht wiederholen wollte. Und ich erlebte hautnah, dass seine "väterliche Fürsorge" an Heuchelei und Verlogenheit nicht zu überbieten ist. Durch einen verstimmten Magen ging es mir eines Tages schlecht und ich wollte nur meine Ruhe. Mein Vater kam rein und wollte mir das Essen einer Banane aufzwingen, da er beschlossen hatte, das sei gut für mich. Auch nachdem ich die Banane schon 2 mal abgelehnt hatte, fuhr er fort, sie zu schälen. Da reagierte ich schon offen genervt über seine Halsstarrigkeit, und was geschah? Wutentbrannt schleuderte er die Banane zu Boden, verwünschte mich hasserfüllt als undankbaren und verstockten Kerl und stürmte türenknallend aus dem Raum. Ich spürte in diesem Moment schmerzhaft deutlich, dass all die "Hilfsbereitschaft" in Wahrheit immer zuallererst den Bedürfnissen meines Vaters genügen musste, indem sie sein Selbstbild des aufopferungsvollen und selbstlosen Familienmenschen stützen sollte. Meine echten Bedürfnisse konnte er dagegen gar nicht wahrnehmen geschweige denn zulassen und befriedigen!
Ebenfalls auf dieser Reise stellte er mir in gewohnter Selbstgerechtigkeit die Frage, "wann ich denn endlich mal Verantwortung übernehmen wolle". Die mir auf der Zunge liegende Gegenfrage, was er denn bitte darunter verstehen würde, wagte ich nicht auszusprechen, da ich einerseits wusste, wie sinnlos solche Fragen bei meinem Vater stets waren und er andrerseits dadurch nur in Wut zu bringen war, weil er die in der Frage mitschwingende Kritik nicht ertragen konnte.
So hat diese Reise mit ihren krankmachenden Folgen mir die Gefahren einer falschen "Vergebung" sehr klar und körperlich fühlbar vor Augen geführt!
Während der jahrelangen Versuche meines inneren Kindes, bei andern Menschen Verständnis und Mitfühlen bezüglich der von mir erlittenen Qualen zu finden, hörte ich immer wieder irgendwann den Rat: "Du wirst erst Frieden finden, wenn du deinen Eltern vergeben kannst." Oder: "Höre auf, dauernd nur zurückzuschauen. Vergiss die Vergangenheit und schau nach vorne!" Ich bin froh, dass ich diesen Einflüsterungen letztendlich stets widerstanden habe, trotz der bohrenden Schuldgefühle, die mir diese "Hilfen" jedesmal zusätzlich aufluden und mich damit nur tiefer in die Depression trieben! Die als Hilfsbereitschaft maskierte unbarmherzige Forderung an das Opfer, gefälligst seinen Peinigern zu vergeben, ohne dass diese ihrerseits auch nur den allergeringsten Versuch des Verstehens machen müssten, ist an Perfidität nicht zu überbieten und schützt und nutzt allen, nur nicht dem Opfer! Der verlogene Mythos der heilsamen Vergebung hilft nur den andern, ihre eigene Verdrängung aufrechtzuerhalten, sonst nichts!
Echte Vergebung kann es nur geben, wenn der, der etwas Vergebungswürdiges getan hat, das Opfer um Verzeihung bitten kann. Solange er das nicht tut, ist jede Vergebung Selbstbetrug! Deshalb habe ich inzwischen den Kontakt zu meinen Eltern bis auf Weiteres abgebrochen und erwarte nicht, dass sich dies bis zu ihrem Tod nochmal ändern wird.



 
  Geschichten aus der
Kindheit

Erwachsene erzählen
heute, was damals
niemand hören wollte.
 


Index
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ZUM ABSCHIED
NIKKO SCHOTT

Vom Feuer in die Hölle
Meine Jugendjahre im Mädchenheim Weiher.

Quälende Schatten aus der Vergangenheit

Ich Bernd Grün

Über ein Leben im Heim und ein Schicksal, das sprachlos macht

Mundtot

H. Franke aus Aachen

Heinz Schreyer
Meine Geschichte

Meine Geschichte
von M. Schlage

"Ein beinahe zerstörtes Leben"

Erinnerungen eines Zöglings

Sylvie's Life

Damals - Heute

Die Ohrenentzündung

  .....über die Erfahrungen
einer misshandelten Kindheit zu sprechen ist oftmals der erste Schritt
auf einem langen Weg
die unsichtbaren Wunden
zu heilen.
   
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