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Ich heiße Rainer, bin am 15.11.1963 in
Kassel geboren und will mit diesem Text mein Herausfinden aus
dem Kreislauf von Gewalt und Lieblosigkeit unterstützen,
voranbringen und andern in meiner Situation Mut machen. Es handelt
sich um das kondensierte Ergebnis meiner jahrzehntelangen Bemühungen
um rückhaltlose Selbsterkenntnis. Ich bin immer noch in dem
Prozeß der allmählichen Bewusstmachung schmerlicher
Wahrheiten über das, was meine Eltern für mich wirklich
waren, was sie dem Menschen, der ich ursprünglich einmal
war, angetan haben unter dem beschönigenden Deckmäntelchen
der "strengen, aber liebevollen Erziehung". Ich glaube,
dass mein Schicksal sich gerade durch seine damalige "Normalität"
auszeichnet - eine allerdings dennoch schlimme Form von Normalität!
Der Artikel ist nicht chronologisch, sondern nach den verschiedenen
Missbrauchs- und Vernachlässigungsformen geordnet, die mir
in Kindheit und Jugend widerfuhren.
***
MACHT UND OHNMACHT
Das Gefühl, schwach, lächerlich und unzulänglich
zu sein, begleitet mich seit frühesten Kindertagen. Schon
im Vorschulalter beim Spielen mit Gleichaltrigen sowie in der
Grundschule machte ich die Erfahrung, von andern gern als Opfer
für Übergriffshandlungen hergenommen zu werden, gegen
die ich mich kaum zu wehren vermochte. Dazu trug schon bei, dass
wir (habe noch einen 13 Monate jüngeren Bruder) gezwungen
waren, altmodische Haarschnitte und Kleidung zu tragen, weil das
so "praktisch" war und mein Vater (Jahrgang 28) ja angeblich
nichts darauf gäbe, was andre sagen. So waren mein Bruder
und ich stets Zielscheiben von Spott und Hohn Gleichaltriger.
Wenn ich mich bei meinen Eltern einmal über solche Übergriffe
beklagte, bekam ich regelmässig zu hören, dass wir bestimmt
wieder "rumgestänkert" hätten, d.h. den Anlass
für Zank und Streit selbst gegeben hätten. Ich fühlte
mich nie beschützt von meinen Eltern, war immer selber schuld.
Im Gegenteil, wenn andere Eltern zu uns kamen, um sich zu beschweren,
weil wir es mal gewagt hatten, uns gegen allzu große Gewalt
zu verteidigen, dann spürte ich, wie mein Vater diesen Anschuldigungen
kritiklos glaubte und in einer Art kriecherischer Unterordnung
im Beisein der Fremden uns Strafe in Aussicht stellte. Ich spürte
damals: egal was ich tue - ich bin IMMER schuld, und mein Vater
glaubt allen andern, aber nicht mir.
Dagegen erlebte ich mindestens einmal, wie eine fremde Mutter
ihren kleinen Giftzwerg rundweg in Schutz nahm, obwohl das ein
brutaler Kerl und alles andre als ein Engel war.
Was ich damals noch nicht begreifen konnte war, dass mein Vater
einem überstarken Wunsch nach sozialer Anerkennung durch
nach außen dargestellte "Rechtschaffenheit" unterlag.
Wir "frechen Bälger" haben diesen Anspruch gefährdet,
da er glaubte, man könne ihm womöglich Erziehungsfehler
und mangelnde "männliche" Härte vorwerfen.
Später erfuhr ich, dass er von seinen 2 jüngeren Brüdern
oft für seine angeblich "antiautoritäre" Erziehung
kritisiert wurde. Was ich erlebte, war alles andre als das. Im
Vergleich zum unverhüllten Kasernendrill, den einer seiner
Brüder praktizierte, mochte das vielleicht noch gestimmt
haben.
Ich fühlte mich also von Kindheit an von ihm verraten und
verkauft! Verraten an seinen Wunsch nach sozialer Anerkennung,
dem er uns Kinder bedenkenlos opferte!
Schon damals konnte ich kaum meine wahren Gefühle über
diese tief verletzende Entwertung spüren, da meine Mutter
(Jahrgang 41) mich schon viel früher für die Opferrolle
vorbereitet hatte.
Ich war längst Erwachsener, da äußerte sie einer
Bekannten gegenüber, in meinem Beisein und in der üblichen
Gefühllosigkeit mir gegenüber, dass sie nie Kinder hätte
haben wollen. Mein Vater brauchte aber welche für seine "Heile
Familie"-Inszenierung. Also fügte sie sich als katholisch
erzogene Duldsamkeit in Person seiner Macht und rächte sich
im Stillen dafür an mir, dem Schwachen. Dass ich per Zange
auf die Welt "gezwungen" werden musste, spricht schon
für sich. Man weiß heute, dass das Ungeborene schon
im Mutterleib Angst und Ablehnung über den Körper der
Mutter zu spüren bekommt und daher "weiß",
was es nach der Geburt erwartet.
Meine Mutter hat auch gern und oft gesagt "Mach mal die Augen
zu, dann siehst du was Deins ist!", wenn ich mal etwas als
"meins" verteidigen wollte.
In ab der Pubertät stattfindenden, sehr schmerzhaften Streitgesprächen
mit meinem Vater wurde die Grundhaltung beider Eltern immer deutlicher:
für alles Gute, was dir widerfahren ist, schuldest du uns
Dankbarkeit, alles andre hast du dir selbst und familienfremden
schlechten Einflüssen zuzuschreiben, denen du dich in deiner
Dummheit und Unerfahrenheit unnötigerweise aussetzt! Deine
Anklagen sind aus der Luft gegriffen, völlig unberechtigt
und dir in deiner geistigen Unmündigkeit von andern eingeflüstert
worden, deren böses Gerede du nur nachplapperst! Meines Vaters
mehrmals in diesem Zusammenhang gebrauchter Begriff war "eure
Schlechtigkeit", den er uns jedesmal mit unvehohlener Verachtung
entgegenspie.
Lediglich auf dem Gebiet der Intelligenz musste er mir wegen meines
Abiturs und der Aussagen der Lehrer über mich notgedrungen
eine gewisse Achtung entgegenbringen. Deswegen habe ich diesen
Teil meines Wesens später auch oft zwanghaft betont.
Lange, sehr lange, habe ich geglaubt, es läge an meinen zu
unklaren Argumenten, an der fehlenden Präzision meines sprachlichen
Ausdrucks und feilte im Innern Stunde um Stunde, Tage um Tage
an noch klareren Worten, um mich ihm mit meiner Not zu erklären,
meine Kritik sachlich unangreifbar und unmissverständlich
zu formulieren. Ich wollte nicht wahrhaben, dass mein Vater mich
gar nicht verstehen WOLLTE. Denn alles, was für ihn zählte,
war die Erhaltung der von ihm verlangten unbedingten Machtposition,
die ihn als allwissendes fehlerloses Familienoberhaupt dastehen
ließ. In seinem - wie ich heute weiß - kaum entwickelten
Selbstwertgefühl war er für Kritik überempfindlich,
was blinde und heftigste Abwehr gegen jedermann erforderte.
Als ich schon längst erwachsen war, habe ich ihm einmal bez.
irgendetwas meine wahren Gedanken gesagt, da hat er mich mit einem
Blick angesehen, als ob er gleich die Leute ruft, mich in die
Irrenanstalt zu bringen. Und er bezeichnete mich als geisteskrank.
Da musste ich wieder sofort aus dem Haus gehen, um nicht völlig
die Fassung zu verlieren. Denn ich spürte tief in mir drin,
dass ich ihn für diesen Blick und diese vollkommen entwertenden
Worte am liebsten halbtot geschlagen hätte!
Seine emotionale Raserei vor allem während der Pubertätskonflikte
war so offensichtlich fern jeder Realität in ihrem Wüten
gegen jeden in der Familie, dass es sogar meiner Mutter manchmal
auffiel. Aber sie wagte nur in ganz extremen Fällen mal ein
Widerwort, indem sie unglaubwürdig mit Scheidung drohte,
meist kuschte sie und wartete auf das Verrauchen der Wut meines
Vaters. Allerdings sprach sie diese Worte nie zu unserem Schutz,
sondern um die Situation zu beenden, die sie unerträglich
fand - für sich selbst! Sie wollte wieder ihre Ruhe und "Heile
Welt" haben, sonst nichts. Weil meine Mutter auf diese Weise
signalisierte, dass ich beim Kampf um meine Rechte sie schädige
und belaste, habe ich da, wo ich am liebsten getobt hätte,
SCHWEIGEN MÜSSEN
Wenn es mal wieder zu einem alle total entwertenden Ausbruch
meines Vaters gekommen war, wurde alles hinterher totgeschwiegen,
weil alle Angst vor einer erneuten Eskalation hatten. Es gab nie
eine Entschuldigung, nie ein Einlenken oder ein Gespräch
über die Gemeinheiten, die unbedacht geäußert
worden waren. Man hatte das von ihm zu schlucken. Aber wehe, ich
wurde mal laut, dann wurde mir sofort über den Mund gefahren
oder - noch schlimmer - in hämischer Ruhe vorgehalten, dass
ja wohl im Unrecht sei, wer schreie. Mich brachte diese Verlogenheit
und Selbstgerechtigkeit jedes Mal an den Rand der totalen Fassungslosigkeit.
Oft musste ich dem aufsteigenden Schmerz über die erlittene
Verachtung und der Wut über soviel Borniertheit und Egozentrik
durch schnelle Flucht aus dem Elternhaus entgehen, da ich spürte,
dass ich sonst irgendwann explodiert und womöglich Blut geflossen
wäre!
Generell herrschte in meiner Familie die Tendenz, über Gefühle
nicht zu reden oder sie gar offen auszudrücken. Der extrem
seltene Ausdruck positiver Emotionen war stets sehr zaghaft und
unbeholfen, es kam dabei keine wirkliche Wärme rüber.
Gefühle wurden solange verschwiegen und unterdückt,
bis es nicht mehr ging und es knallte. Die klassische "Dampfkessel"-Situation.
Später entwickelte ich denn auch starke Ängste vor dem
offenen Austragen von Konflikten. Ich versuchte mit allerlei Mitteln,
lautstarken Streitgesprächen aus dem Weg zu gehen, da ich
sie ausschließlich als bedrohend und schmerzhaft wahrnehmen
konnte. Erst in meiner letzten Beziehung habe ich gelernt, dass
ein Streit nicht das Ende von allem bedeutet und dass es auch
vorkommen kann, dass jemand mal MIR nachgibt.
Noch als ich schon lange ausgezogen war, konnte ich meine schmerzlichen
Gefühle bei scheinbar harmlosen Begegnungen mit meinen Eltern
nicht verstehen. Einmal traf ich z.B. zufällig meinen Vater
beim Einkaufen, und er warf einen Blick in meine Tüte und
sagte nur "Aha, Toast nimmst du immer!". Das danach
noch Stunden nachklingende Gefühl von Traurigkeit konnte
ich mir nicht erklären. Immer wieder hörte ich diesen
Satz in mir und fühlte Schmerz, den ich aber nicht einzuordnen
vermochte. Erst viel später begriff ich, dass es die unbewusste
Erkenntnis unserer totalen familiären Kommunikationslosigkeit
war, die ihn verursachte.
EMOTIONALER DAUERHUNGER
Das jahrelange Anrennen gegen die undurchdringliche Wand der
totalen väterlichen Ignoranz und Selbstgerechtigkeit, mal
verzweifelt, mal wütend, hat mir sehr lange den Blick darauf
verstellt, dass meine Mutter keineswegs liebevoller war als mein
Vater, bloß weil ihre Herzlosigkeit leiser daherkam. Ihre
Passivität und Harmoniesucht verwechselte ich mit Liebe.
Dass sie in Wahrheit immer auf Seiten meines Vaters statt auf
unserer stand und sie unser Leiden kaum spüren konnte, da
sie nur am dauernden Verleugnen ihres eignen interessiert war
- das sah ich lange nicht. Dass die eigene Mutter einen nicht
liebt - wer kann das schon glauben, wer will das schon glauben?
Dass sie mich und meinen Bruder nur als Störenfriede in ihrem
auf Verdrängung durch Genüsse ausgerichteten Leben ansah,
war für mich undenkbar. Dadurch, dass sie ihr eignes Kriegskinder-Leid
durch fortwährende Verdrängung (vor allem im "Shopping")
abwehren musste, hatte sie für echte Zuwendung und Liebe
keinerlei Sinn und Kraft. Doch als ich schliesslich von ihr selbst
hörte, sie habe uns nie gewollt, da hat mich das nicht mehr
überrascht, ich ahnte es schon lange.
Wie die allermeisten Menschen kann ich mich an die ersten 3 Jahre
nicht erinnern, aber es muss einiges vorgefallen sein, denn nach
Aussage meiner Mutter hätte ich mich "schon als ganz
kleiner Junge" nicht mehr von ihr in den Arm nehmen lassen
wollen. Das sagte sie in gewohnter Schuldzurückweisung, als
ich mich als junger Mann mal über die fehlende Zärtlichkeit
in unsrer Familie zu beklagen wagte. Mittlerweile habe ich gelernt
zu wissen, dass ein Kind NIE freiwillig den lebenswichtigen Schutz
und die Zärtlichkeit der Mutter zurückweist, es sei
denn, sein angeborenes Vertrauen wurde zuvor schwer missbraucht.
Meine Mutter leugnet das natürlich vollkommen. Das Einzige,
was ich aus der Zeit erfahren konnte, war, dass mein 13 Monate
später geborener Bruder wegen einer Rückgratverkrümmung
sehr lange in einem Gipsbett liegen musste. Es gehört nicht
viel dazu, sich auszurechnen, dass ein Kind, das sich bereits
durch früheste Ablehnung existentiell bedroht sieht, durch
die Hinwendung der Eltern zu einem Geschwister noch mehr verraten
vorkommt. Heute weiss man um die kritische emotionale Lage, wenn
ein Kind während der ersten symbiotischen Phase durch ein
Geschwister gestört wird. Meinem Bruder habe ich denn auch
später häufig eifersüchtige Aggression entgegengebracht.
Denke ich an das eigentlich schwache Nervenkostüm meiner
Mutter, wie ich sie heute kenne, so wage ich gar nicht auszudenken,
zu was sie fähig gewesen ist, als sie als junge Frau einen
erst wenige Monate alten ungewollten "Balg" mit seinem
Geschrei ertragen musste und dabei schon den nächsten in
sich wachsen fühlte! Was hat sie wohl alles getan, wenn sie
als Hochschwangere allein mit mir Säugling war, da mein Vater
ja Geld verdienen musste?
Aufgrund unserer inneren Einsamkeit haben mein Bruder und ich
uns auch erst relativ spät von unseren Stofftieren trennen
können, die ja die einzigen "Liebesobjekte" waren,
die wir hatten.
ISOLATIONSFOLTER
Traumatisch hat in meiner Kindheit das mehrere Male erfolgte
Wegsperren im dunklen Keller des Mietshauses, also außerhalb
der elterlichen Wohnung, gewirkt. Erst heute wird mir klar, wie
dies Wegsperren einen wiederkehrenden Alptraum von damals hervorgerufen
bzw. beeinflusst hat: im Traum sah ich auf meinem Weg in die Schule
Passanten, die etwa neben mir an der Ampel warteten. Diese Erwachsenen
sahen aber auf grausige Weise entstellt aus, sie hatten blutlose
Löcher im Körper, aus denen etwas an Knochen Erinnerndes
herausragte! Sie schienen das unheimlicherweise weder zu merken
noch Schmerzen davon zu haben. Heute erkenne ich, dass diese "Knochen"
eigentlich wie weiße knorpelige Kartoffeltriebe aussahen
und sehe die Kartoffelkiste mit ihren alten, schrumpeligen Kartoffeln
im Halbdunkel des Kellers wieder.
GLEICHGÜLTIGKEIT
Es gab in meinem Leben mindestens 3 Gelegenheiten, bei denen
meine Mutter auf Fragen und Hilferufe von existentieller Bedeutung
keinerlei Verständnis und Zuwendung zeigte. Ihre Nicht-Reaktionen
bzw. ausweichenden, floskelhaften Antworten zu Fragen bezüglich
Tod, Sexualität und Erwachsenwerden zeugten von einem völligen
Fehlen jeglichen Mitgefühls.
Ich habe mit 8 Jahren zum ersten Mal gewusst, dass ich eines Tages
sterben muss und hatte damals große Angst, habe aber schon
zu der Zeit kein Vertrauen mehr zu meinen Eltern gehabt und auch
sonst niemand, dem ich mich anvertrauen konnte. Aber eines Tages
im Garten, als meine Mutter mit mir und meinem Bruder Karten spielte,
muss ich so bedrückt ausgesehen haben, dass sogar meine Mutter
mal nachfragen musste, was denn los sei. Als ich sagte, ich hätte
Angst zu sterben, da sagte sie mit gleichgültiger Stimme
"Tja, sterben müssen wir alle mal!" und spielte
weiter, als wäre nichts gewesen, als hätte ich gesagt,
"mein Ohr juckt".
Ich spüre heute, dass wir unserer Mutter stets nur Last waren,
zumal wir obendrein auch noch Jungen waren und sie mit uns keine
"Frauensachen" machen konnte. Ich erinnere mich noch
heute an die Schluchten der Wühltische in den überheizten
Kaufhäusern, durch die sie uns Stunden um Stunden erbarmungslos
schleifte, bis uns die Füße brannten und die Beine
wehtaten. In diesen Kaufhäusern gab es nichts Interessantes,
wir konnten uns nirgends hinsetzen, und auf dem Boden sitzen durften
wir auch nicht. Die Zeit verging überhaupt nicht, es war
eine einzige Qual dort, deswegen hasse ich auch heute noch Klamottenkaufen
wie die Pest.
Scheinbare Zuwendung gab es von ihr nur in durch die öffentliche
Moral vorgeschriebenen, emotional nicht geladenen Bereichen. Aber
auch hier erfolgte nur eine auf bloße Verrichtung beschränkte
Versorgung, schliesslich wollte sie sich nicht vor anderen dem
Vorwurf aussetzen, eine "Rabenmutter" zu sein. Der Kinderkörper
wurde normgerecht am Leben erhalten, die Seele allerdings bedenkenlos
der Verwahrlosung anheimgegeben. Meine Mutter sass in der Woche
morgens z.B. nie zusammen mit uns am Frühstückstisch
(Vater war schon weg dann), wir bekamen schnell die immer gleichen
Haferflocken mit Milch und Kakao aufgegossen, Brote geschmiert
zum Mitnehmen und das wars. Dabei stand sie mit dem Rücken
zu uns an der Anrichte und zeigte uns damit, dass sie nur darauf
wartete, uns endlich los zu sein.
Aber auch in zahlreichen anderen Kleinigkeiten offenbarte meine
Mutter ständig ihr totales Desinteresse an uns, ihren Kindern.
Als ich etwa 12 war, kaufte ich mir eine damals sehr moderne Digitaluhr,
auf die ich sehr stolz war. Wenn meine Mutter mich nach der Uhrzeit
fragte, sagte ich ihr diese stets sekundengenau. Meine Mutter
sagte dann im Tonfall genervter Gleichgültigkeit: "Die
Sekunden kannst du dir sparen!".
Meine Eltern schienen immer zu denken (das legt auch eine spätere
Bemerkung meines Vaters nahe), dass Kinder schon untereinander
für das nötige Gefühlsleben sorgen, und Kinderwelt
und Erwachsenenwelt eh nicht viel miteinander zu tun haben. Nach
dem Verhalten meiner Eltern zu urteilen gingen sie wohl davon
aus, dass das Aufziehen von Kindern vor allem im Materiellen sich
erschöpfe: genug und regelmässig zu Essen, ordentliche
Kleidung, ein Dach überm Kopf und ein wenig gemeinsames Spiel
dann und wann. Mein Vater nannte das "damit Ihr Eure Ordnung
habt". Durch die Verdrängung ihrer eigenen Kindheit
im Krieg und danach waren wir ihnen total fremd.
Auf der gefühlsmäßigen und erst recht auf der
seelischen Ebene herrschte totale Ebbe! Antworten auf drängende
und vor allem angstbesetzte Lebensfragen hatten wir uns stets
alleine zu suchen. Positive Berührungen mit meinen Eltern
fanden kaum statt, Nähe und Reden über Gefühlsdinge
wurden peinlichst vermieden. In meinem weiteren Leben gab es denn
auch nahezu keine lebendigen Körperkontakte mit andern Menschen
mehr, außerhalb der seltenen sexuellen Affären und
sicheren Rituale wie dem flüchtigen Händedruck. Später
hat mich dann am Sex auch vor allem der Hautkontakt interessiert,
Penetration und Orgasmus dagegen kaum. Warum ich Sex aber nur
sehr selten erleben konnte, beschreibt der nächste Absatz
über
SEXUELLE BIGOTTERIE
Meine Eltern waren stets bemüht, vor andern Leuten sexuelle
Freizügigkeit und Modernität zu bekunden, vor allem
mein Vater. Wieder war diese Selbstdarstellung vor der Gesellschaft
etwas, was zur Realität ihres Verhaltens ihren Kindern gegenüber
in keiner Relation stand. Es waren reine Lippenbekenntnisse.
Etwa um die Einschulungszeit oder kurz danach schleppte uns meine
Mutter zu einem Kinderarzt wegen der Behandlung einer angeblichen
Phimose (Vorhautverengung). Als kleine Kinder mussten wir natürlich
blind darauf vertrauen, dass dies wirklich notwendig war. Wäre
es uns erlaubt gewesen, hätten wir uns mit Händen und
Füßen dagegen gewehrt, denn diese "Behandlungen"
waren jedesmal extrem schmerzhaft. Kam ich in der Arztpraxis als
zweiter an die Tortur, war ich bereits vor Angst wie von Sinnen,
wenn ich die gellenden Schmerzensschreie meines Bruders gehört
hatte. Ich wünschte mir zu dieser Zeit nichts sehnlicher
als ein Mädchen zu sein, das keinen Penis haben muß,
der solche Schmerzen bringt. Rückblickend weiß ich
heute, dass das auch genau die unbewußte Absicht meiner
Mutter war.
Heute ist allgemein bekannt, dass eine Phimose sich in fast allen
Fällen bis zur Pubertät bzw. dem 17. Lebensjahr von
selbst gibt, und Operation - erst recht in diesem frühen
Alter - so gut wie nie wirklich erforderlich ist. Dehnübungen
aber sollen, wenn sie etwas bringen und nicht kontraproduktiv
sein sollen, nicht nur einmal im Monat beim Arzt und da auch nicht
bis über die Schmerzgrenze hinaus praktiziert werden. Meine
Mutter hat hier - wiederum mit Delegation der konkreten Gewalt
an einen "dafür zuständigen" Mann - ihre latente
Sexualfeindlichkeit (frömmelnde katholische Mutter!) an uns
ausgetobt. Vorsorglich in einem Alter, wo mit Widerstand nicht
gerechnet werden muß.
Ich fühle mich heute als Opfer von Genitalverstümmelung
unter dem Deckmäntelchen medizinischer Fürsorglichkeit.
Weil meine Mutter in ihrer anerzogenen Unterwürfigkeit die
sexuellen Forderungen ihres Mannes nicht offen abzulehnen wagte
(und dennoch oft genug tat, wie gewisse spätere Klagen meines
Vaters verrieten), musste sie ihre Verachtung für "das
Tier Mann" an uns Jungen auslassen.
Später haben meine Eltern noch bei andern Gelegenheiten ihre
eigentliche Verklemmtheit und sexuelle Scheinheiligkeit offengelegt.
Als meine Mutter mich im Alter von 14 oder 15 erstmals beim Masturbieren
erwischte, kam von ihr nur ein mit unüberhörbarer Verachtung
und Enttäuschung geäußerter Satz: "Fängst
du jetzt auch schon damit an!?!" Dieser Satz und vor allem
sein Tonfall sagte mir alles. Ich litt fortan unter dem quälenden
Zwiespalt, meine Sexualität als etwas zutiefst Machtvolles
und Notwendiges, aber zugleich Verabscheuungswürdiges und
Schmutziges zu erleben. So gab es eine Phase, wo ich mit Aufbietung
aller Willenskräfte ernsthaft versuchte, das Masturbieren
sein zu lassen. Ich führte sogar auf einem Zettel heimlich
eine Liste mit Tagen ohne Selbstbefriedigung. Das längste
was ich "schaffte", waren 5 Tage. Nach solchen "Erfolgen"
gab es dann natürlich erst recht Ausbrüche mit täglichem
heftigem Masturbieren. Ich fühlte mich erregt und verabscheuungswürdig
zugleich, und ich entwickelte in dieser Zeit sogar die Wahnvorstellung,
ein besonders kopfiger Schulkamerad, der immer total steif und
beherrscht wirkte, sei in Wahrheit ein Roboter und als solcher
frei vom Sexualtrieb, und ich beneidete ihn darum! Ich schrammte
damals hart am Abgleiten in eine richtige Psychose vorbei bzw.
steckte vorübergehend in einer drin!
Später führte das zu einer jahrelangen Unfähigkeit,
an die Vereinbarkeit von seelischer Liebe und Sexualität
zu glauben. Ich konnte einem Mädchen gegenüber, das
ich wirklich gern hatte, keine sexuellen Gefühle zulassen.
Ich hatte das Sexuelle total abgespalten.
Als ich mit 21 (!) das erste Mal eine richtige Freundin (17) hatte
und im Vertrauen auf die "moderne Einstellung" meiner
Eltern sie einmal mit in meinem Zimmer hatte und dort gerade anfing,
mit ihr "rumzumachen", kam plötzlich mein Vater
reingestürmt und donnerte los, "sowas" gebe es
in seinem Haus nicht, wir sollten das wenn schon gefälligst
sonstwo machen, aber nicht unter seinem Dach. Ich war geschockt
über diesen unvermuteten Ausbruch heuchlerischer Doppelmoral
und das Hinstellen normaler Sexualität als etwas Schmutzigem,
das "anständige Eltern" unterbinden müssen,
was seiner Selbstdarstellung so eklatant widersprach. Und ich
bin mit meiner Freundin - wieder mal - aus dem Haus geflohen,
statt ihn auf meine Volljährigkeit hinzuweisen und ihm zu
sagen, er solle gefälligst die Tür von außen zumachen
und sich zum Teufel scheren mit seiner perversen Spießermoral!
Bezeichnend aus heutiger Sicht ist auch, dass ich nach dem Erwachen
der Hormone längere Zeit gar keine richtige Ahnung hatte,
was ich mit meinen Erektionen und den neuen Gefühlen anfangen
sollte! Ich wusste als frühpubertärer Junge schlicht
nicht, was Masturbation oder ein Orgasmus ist und wie man mit
Hilfe des einen zum andern kommen kann! Auch der genaue Vorgang
der Zeugung, der dazu notwendige Samenerguss, war mir unbekannt.
Eben die völlige Ahnungslosigkeit eines Jungen, der nie aufgeklärt
worden ist.
SEXUELLER MISSBRAUCH
Als ich etwa 13 oder 14 Jahre alt war, vielleicht auch schon
mit 12, begann plötzlich mein Onkel (damals 27), sich uns
sexuell zu nähern. Wie viele Missbraucher nutzte er geschickt
aus, dass ein eklatantes Gefälle zwischen sexueller Energie
und Neugier einerseits und sozialer Kompetenz sowie Selbstwertgefühl
andererseits bei uns Kindern bestand, vor allem bei mir. So hatte
er leichtes Spiel. Bis weit ins Erwachsenenalter hinein war mir
dieser Missbrauch nicht einmal richtig als solcher bewusst. Ich
hatte das Gefühl, aufgrund meines starken Drangs nach sexueller
Betätigung den Missbrauch "gewollt" zu haben. Mein
Onkel verkaufte uns seine sexuelle Befriedigung auch als "Einführung
in den Sex". Selbstverständlich verpflichtete er uns
zu Stillschweigen über das, was er mit uns tat, indem er
uns einredete, dass die Eltern uns "das Schöne"
nicht gönnen würden, woran natürlich perfiderweise
ein wahres Körnchen war! Da mein Onkel recht weit weg immer
noch bei seiner Mutter lebte, konnte er den Missbrauch bei mir
zwar noch ein paar Jahre, aber nur recht selten, fortführen.
Mein Bruder hielt sich weitestgehend aus diesen "Spielchen"
raus, seine Verwirrung war zu spüren. Er war es auch, der
viele Jahre später einmal diesen Missbrauch meinen Eltern
gegenüber zur Sprache bringen wollte. Meine Eltern taten
das in meinem Beisein als eine krankhafte Fantasie ab und schwiegen
das Thema schnell tot. Ich war trotz eines gewissen Mitleidsgefühls
nicht in der Lage, meinem Bruder beizustehen und schwieg, denn
ich hatte zu diesem Zeitpunkt den Missbrauch noch nicht voll realisiert.
Ebensowenig habe ich gemerkt, dass meine Eltern eigentlich Verdacht
hätten schöpfen müssen (wenn sie normal gewesen
wären!), dass mein Onkel sich zu uns in das enge Kinderzimmer
einquartierte, obwohl ein geräumiges Wohnzimmer zur Verfügung
stand!
Ebenso lange Zeit meinem Bewusstsein verborgen blieb eine leichtere
Missbrauchsform durch meine Mutter. Ab etwa einem Alter von 16
schuf meine Mutter jeden Morgen eine Situation, die es ihr ermöglichte,
sich vor mir in unmittelbarer Nähe zwischen den Beinen zu
waschen. Sie sorgte unter dem fadenscheinigen Vorwand der "Zeitersparnis"
dafür, dass ich schon meinen morgendlichen WC-Gang verrichtete,
während sie sich noch wusch. Dabei bestand durchaus die Möglichkeit,
dazu eine unten gelegene Gästetoilette zu nutzen - wenn denn
an der Einhaltung der familiären Intimsphären ein Interesse
bestanden hätte. Ich war von dieser aufgezwungenen Wahrnehmung
jeden Morgen angewidert, konnte aber natürlich nichts sagen,
da wir ja eine "moderne und unverklemmte" Familie sein
sollten.
SADISTISCHE DEMÜTIGUNG
Im Zusammenhang mit der Sexualität steht auch die vielleicht
allerschlimmste Demütigung, die mir mein Vater je zugefügt
hat, ohne das bis heute auch nur eine Spur einzusehen oder zu
bedauern. Es muss mit 17 gewesen sein, evtl. sogar später.
Da ich mit 16 das neue Hobby Fotografie angefangen hatte, floss
dies auch in meine einsame Auseinandersetzung mit meiner Sexualität
ein und ich machte gelegentlich Aufnahmen von mir, die ich natürlich
streng geheim hielt. Eines Abends kam ich aus der Dunkelkammer
des Jugendzentrums, in dem ich viel Zeit verbrachte, mit frischen
Abzügen in der Tasche und wurde zuhaus gleich zu Tisch gerufen.
Im blinden Vertrauen darauf, dass meine Eltern die Intimsphäre
eines mindestens 17Jährigen achten würden, ließ
ich die Tasche im Flur zurück. Ich saß noch am Abendbrottisch
und dachte an nichts Böses, da rief mein Vater plötzlich
in einem eigentümlichen Tonfall von oben her meine Mutter,
sie solle sich doch mal "was ansehen". Plötzlich
erkennend, was gleich geschehen würde, stürmte ich mit
im Halse klopfendem Herz meiner Mutter voraus nach oben und ins
elterliche Schlafzimmer, und da hatte er es tatsächlich getan:
er hatte genüsslich alle Fotos feinsäuberlich nebeneinander
auf dem Ehebett ausgebreitet, damit sie sich jeder anschauen konnte!!
Unter den Augen meiner hinzugekommenen Mutter sammelte ich in
einem totalen Schockzustand die Fotos ein und wäre in diesem
Moment am liebsten gestorben! Ich war so paralysiert, dass ich
die Wut über dieses ungeheuerliche Verhalten meines Vaters
gar nicht spüren konnte, auch später lange Zeit nicht.
Es versteht sich, dass meine Eltern darüber nie einen Ton
verloren haben, schon gar keinen des Bedauerns. Heute bin ich
endlich in der Lage, die rasende Wut zu spüren und zuzulassen,
die das in mir ausgelöst hat. Hätte ich damals meine
wahren Gefühle voll wahrnehmen können und auch ausgelebt,
ich hätte meinen Vater wohl getötet!
SEXUELLE VERWIRRUNG
Die emotionale Kälte meiner Mutter, ihre Lügen und
Demütigungen und ihre Teilnahmslosigkeit haben bei mir später
zu einer starken Ambivalenz gegenüber Frauen geführt.
Meine letzte Partnerin bemerkte an mir sehr direkt einen großen
Frauenhass, gegen dessen Berechtigung sie sich natürlich
verwahrte.
Zeitweise glaubte ich, vielleicht in Wirklichkeit schwul zu sein,
dabei fühlte ich mich rein sexuell durch Frauen eigentlich
stark angezogen; die Probleme begannen erst, wenn sie mir nahe
kamen. Heute weiss ich von mir, dass ich damals auf dem besten
Wege war, ein "Schwuler wider Willen" - als Flucht vor
weiblicher Grausamkeit und zur Strafe für die Mutter - zu
werden. Aufgrund meiner Prägung war ich nicht fähig,
Frauen zu sehen, die nicht so falsch und kalt wie meine Mutter
sind. Heute beginne ich, in diesem Punkt anders zu fühlen.
Ich erkenne besser, wenn ich wieder mal einer Mutter-Kopie begegne,
die mich seelisch und sexuell nur neuerlich frustrieren würde.
Dazu muss ich noch anmerken, dass ich nicht homophob bin, dass
ich vielmehr die homosexuelle Seite mit einem guten schwulen Freund
durchaus vorübergehend direkt ausgelebt und für mich
erprobt habe. Auch war ich an einem Punkt meines Lebens bereits
soweit, mein "Schwul-Sein" zu akzeptieren. Heute aber
weiß ich, dass ich - ohne Angst vor Männern allgemein
und Schwulen im Besonderen zu haben - viel mehr Hetero als Homo
bin.
ZERSTÖRTE BEZIEHUNGSFÄHIGKEIT
Stand ich in der Anfangszeit einer sich anbahnenden Liebesbeziehung,
entwickelte ich schnell ein starkes Helfersyndrom, sah in meiner
potentiellen Partnerin nur ihre psychischen Defekte oder was ich
dafür halten wollte, damit ich als der "Helfende"
mich als wertvoll erleben konnte. Liebe ohne "Leistung"
einfach nur zu empfangen war für mich völlig unmöglich,
weswegen ich auch nur mehr oder weniger offen "kaputte"
Frauen an mich ranlassen konnte. Diese Konzentration auf die Rolle
des "guten Psychodoktors" sollte mich davor bewahren
zu erkennen, dass ich echte Liebe auf der rein emotionalen und
körperlichen Ebene weder empfangen noch geben konnte. Die
eigentlich empfundene Minderwertigkeit musste ich stets abwehren
durch die Betonung meiner Intelligenz und Hilfsbereitschaft, mit
der ich meine Partnerin natürlich gleich in eine Unterlegenheitsposition
hineinmanövrierte. Von ihr erfahrene etwaige Ablehnung konnte
ich so leichter als Abwehrhaltung der "Kranken" gegen
die "Wahrheit" umdeuten.
Durch die o.g. Deformation meiner Sexualität war es mir im
Werbungsstadium auch kaum möglich, offen mein sexuelles Verlangen
zu äußern. Der Partnerschaftswunsch war nur durch "höhere
Werte" zu legitimieren. Je näher ich dem Punkt der sexuellen
"Offenbarung" kam, desto mehr wuchsen meine Spannungen.
Beziehungen zu Frauen, bei denen die sexuelle Ebene im Vordergrund
gestanden hätte, konnte ich nicht zulassen, obwohl ich eigentlich
sehr starke Bedürfnisse nach körperlicher Liebe habe,
was ja auch kein Wunder ist. Schon meine erste Freundin aber,
an die mich viele Jahre lang eine immer wieder aufflammende sexuelle
Hörigkeit band, frustrierte mich in Wahrheit sexuell ständig.
Wie ich erst spät erfuhr, war sie als Kind selber schwer
sexuell missbraucht worden!
Bevor ich mit 21 mit ihr meinen ersten Geschlechtsverkehr erlebte,
habe ich bei drei Mädchen, mit denen ich z.T. eng befreundet
war, ihre sexuelle Zugänglichkeit für mich gar nicht
wahrzunehmen vermocht, so sehr habe ich meine Bedürfnisse
verleugnet! Erst viele Jahre später konnte ich die damalige
Realität erkennen, dass ich keineswegs von allen Mädchen
sexuell abgelehnt war.
Aber auch innerhalb einer bestehenden Beziehung klappte es mit
der Sexualität nur in der Phase des ersten Verliebtseins
scheinbar. Danach verlor ich regelmässig - zu meinem eignen
Erstaunen - das Interesse am Sex mit meiner Partnerin und wandte
mich lieber wieder Pornographie und Masturbation zu. Irgendetwas
ließ mich immer unbefriedigt sein, und ich wusste nicht
genau, was es war. Heute kann ich fühlen, dass meine im Laufe
der Zeit sich verschlimmernde phasenweise Impotenz die normale
und gesunde Reaktion meines Körpers auf das Gefühl des
Ungeliebtseins beim Sex darstellte. Ich litt immer dumpf unter
dem Gefühl, dass meine Partnerin den Sex nur instrumentalisiert,
um mich an sie zu binden oder mehr oder weniger teilnahmslos über
sich ergehen lässt, weil "man das als Paar eben so macht"
und "Männer das halt brauchen".
REALITÄTSFLUCHT
Weil meine wahren Gefühle in meiner Kindheit nicht nur niemanden
zu interessieren schienen, sondern sie oft auch offen bekämpft
wurden, lernte ich früh, mich zu verbergen, mich in meine
eigene Phantasiewelt zu flüchten. Das wurde mir im Laufe
der Jahre zur zweiten Natur, bis ich die Realität irgendwann
kaum noch wahrnehmen konnte. Das ist der eigentliche Grund der
von vielen Menschen beschriebenen "Glasglocke", unter
der zu leben sie das Gefühl haben - auch ich.
Diese Realitätsflucht wurde mir immer dann quälend spürbar,
wenn ich mich in eine Frau verliebte und stets eine Situation
vorfand bzw. unbewusst selbst herstellte, in der Befriedigung
unmöglich war und Sehnsucht das einzige lebbare Gefühl
blieb. Entweder war sie die Frau eines andern oder sie sah in
mir nur einen Freund zum Quatschen, oder sie war räumlich
unerreichbar - was auch immer. Ich durfte nie "ankommen".
Je stärker das Gefühl des Verlangens war, desto unmöglicher
war die Erfüllung. Je weniger ich für eine Frau empfand,
desto besser klappte es in der Realität. Ich erlaubte mir
einfach kein Glück, weil ich es im tiefsten Innern für
unmöglich hielt, daran glaubte, es nicht zu verdienen!
So wurde ich zu einem "Träumer", der sein Leben
nicht leben, sondern sich nur danach sehnen kann.
KÖRPERLICHE GEWALT
war in meiner Familie solange ich denken kann, beinahe an der
Tagesordnung, bis wir in die Pubertät kamen. Bei meiner Mutter
gab es "nur" Ohrfeigen, die allerdings durch einen Perlenring
manchmal besonders schmerzhaft sein konnten. Einmal beklagte ich
mich als Kind über diesen Perlenring, worauf meine Mutter
meine Wahrnehmung der Schmerzen rundweg ableugnete, da sie ja
damit gar nicht treffe. Dass ich etwas ganz anderes spürte,
interessierte sie nicht.
Wir bekamen von ihr natürlich häufig auch den bekannten
Spruch zu hören: "Hör auf zu Heulen, sonst hau
ich dir richtig eine runter, dann hast du einen Grund zum Heulen!".
Schwere Schläge waren die Aufgabe meines Vaters. Oft hiess
es "wartet ab, bis Papa nach Hause kommt!", dann verbrachten
wir manchmal Stunden in der angstvollen Erwartung der Schläge
mit Ledergürteln, Teppichklopfern und Rohrstöcken auf
zum Teil den nackten Hintern. Nach manchen Schlägen wurde
uns auch das anschließende Weinen unter Androhung weiterer
Schläge verboten.
Zumindest einmal bekamen wir als kleine Kinder indirekt mit, dass
mein Vater offenbar auch meine Mutter schlug.
Andern Erwachsenen gegenüber prahlte mein Vater mit einer
Erziehungsmethode, auf die er trotz ihrer Perversität (die
ich selbst als Kind schon dumpf empfand) auch noch stolz zu sein
schien: wenn es vorkäme, dass wir etwas Riskantes getan und
uns dabei verletzt hätten, dann würden wir beim Heimkommen
noch Schläge obendrauf erhalten! Heute begreife ich, dass
mein Vater stets darauf bedacht war, vor anderen Männern
zu demonstrieren, dass er kein Weichling sei, der sich von seinen
"Bälgern" auf der Nase rumtanzen lasse. Damit wehrte
er seine eignen frühen Demütigungen ab.
Einmal bekam ein Passant eine spontane Schlagwut meines Vaters
- ich benutze hier bewusst nicht das verschleiernde Wort "Züchtigung"
- aus einiger Entfernung mit, was ihn zu dem Zuruf veranlasste
"Ihnen macht es wohl Spaß, Kinder zu schlagen!".
Ich vergesse dies Ereignis nie, da ich hier zum ersten Mal erleben
konnte, dass offenbar nicht alle Väter ihre Kinder schlagen
und mein Vater das vielleicht gar nicht tun MUSS, sondern auch
gerne tut. Nach A.Miller hatte ich in diesem mutigen Manne einen
"Helfenden Zeugen", was mir - in aller Zaghaftigkeit
- die Aufrechterhaltung eines gesunden Unrechtsbewusstseins ermöglichte.
Es versteht sich, dass mein Vater diese Kritik völlig abblockte,
indem er dem Mann hasserfüllt zurief, er solle sich gefälligst
um seine eignen Angelenheiten kümmern. Vor einigen Jahren
hat er dann Fremden gegenüber wie so viele Erwachsene das
Stattfinden der Schläge von einst völlig verleugnet.
Das hätten wir uns alles nur eingebildet.
Als Erwachsener erlebte ich zwei Mal, welche rasende Wut in mir
schlummerte wegen dieser Misshandlungen. Beide Male waren es Besoffene,
die sich auf brutale Weise körperlich bzw. psychisch verletzend
verhielten, obwohl ich ihnen rein gar nichts getan hatte (wieder
mal war ich das geborene Opfer)! Beide Male verhinderte nur der
Umstand, dass jede Menge Menschen in der nahen Umgebung waren,
dass ich total ausrastete und diese Angreifer über die Verteidigung
hinaus exzessiv geschlagen hätte. In meiner Phantasie habe
ich es jedenfalls getan.
Ferner habe ich bei mindestens zwei Gelegenheiten mich gewalttätig
gegenüber dem kleinen Hund einer Partnerin verhalten, obwohl
der eigentlich nichts "verbrochen" hatte. Die Ursache
dieser Ausbrüche kann ich heute verstehen und sie tun mir
sehr leid, und ich bin froh, dass der Hund zumindest keine körperlichen
Schäden davongetragen hat. Später wuchs er mir, dem
früheren Hundeverschmäher, dann auch sehr ans Herz und
ich glaube, das hat er auch gespürt.
Partnerinnen und Kinder habe ich zum Glück nie geschlagen,
meine Agressionen richteten sich eher nach innen. Die Symptome
waren chronisches Nägelkauen, dauernde Selbstvorwürfe,
Unruhe, Alkohol- und Nikotinsucht, beide in weniger schweren Formen.
Ferner gab es einige zum Teil chronische
KRANKHEITEN
So waren meine Nebenhöhlen seit Kindertagen und noch bis
heute chronisch verstopft, was täglichen Gebrauch von Taschentüchern
notwendig machte. Mein Geruchssinn war vielleicht deswegen auch
immer eingeschränkt. Heute denke ich darüber nach, inwiefern
das etwas damit zu tun hat, dass Gerüche ja unser Gehirn
auf einer sehr tiefen Ebene emotional ansprechen. Ferner sagte
eine gute Freundin einmal zu meiner ständigen leichten Verchnupftheit:
"Du hast eben die Nase voll!"
In der Pubertät erlebte ich eine Phase extremer Empfindlichkeit
auf Rauch und Staub in der Luft, was zur Diagnose Bronchialasthma
führte und eine erfolglose Behandlung mit Nebenhöhlenbestrahlung,
Inhalationen und Höhenkammer nach sich zog. Das Asthma gab
sich dann aber nach einiger Zeit von selbst.
Seit der Pubertät entwickelte sich meine Akne nicht in dem
Maße zurück wie bei gesunden Jungen. Eine gewisse Neigung
zu fettiger Haut, Pickeln und Mitessern blieb bestehen. Schon
im 3. Lebensjahrzehnt entwickelte ich zusätzlich eine sog.
"Rosacea" ("Säufernase"). Ferner litt
ich phasenweise immer wieder unter einer Reizblase und seit ein
paar Jahren auch unter einem Reizdarm.
Dass ich nie wirklich schwere oder gar lebensbedrohliche Krankheiten
hatte, führe ich zum Teil darauf zurück, dass ich mir
meiner psychischen Nicht-Gesundheit meistens mehr oder weniger
bewusst war, was stärkere Alarmsignale meines Körpers
wohl "überflüssig" machte.
LÜGEN
Wie so viele Eltern haben auch die meinen aus Bequemlichkeitsgründen
mich lieber angelogen, als mir etwas kindgerecht erklären
zu müssen. Sie ahnten nicht, dass Kinder Lügen meist
durchschauen, auch wenn sie die Wahrheit noch nicht kennen. Im
Erspüren der elterlichen Lügen mischten sich dann Gefühle
von Vertrauensverlust, Enttäuschung und Zorn darüber,
in seiner Sensibilität unterschätzt worden zu sein.
Als mir meine Mutter mit etwa 6-7 Jahren einmal Pfeile kaufte,
fragte ich sofort, wo denn der Bogen dazu sei. "Das sind
Wurfpfeile." wollte meine Mutter mir daraufhin weismachen.
Sie hatte keine Lust, mir einzugestehen, dass sie Angst hatte,
bei etwaigem Bogenschießen ständig aufpassen zu müssen,
dass wir uns nicht die Augen ausschossen. Das hätte ja wieder
lästige Zuwendung gefordert.
Unter dem Vorwand, Tiere müssten frei sein, man dürfe
sie nicht einsperren, bekamen wir nie einen Hund oder irgendein
andres "Kuscheltier". Es gelang meinem Vater tatsächlich,
hier eine lange unentdeckt gebliebene Lüge zu installieren,
die ihn auch noch moralisch hochwertig dastehen ließ. In
Wahrheit hatten beide nur keine Lust auf die zusätzliche
"Belastung" durch ein weiteres lebendiges Wesen und
seine natürlichen Bedürfnisse.
Als sie dann endlich doch unsern ständigen Bitten nachzugeben
schienen, gab es Tiere, die so ziemlich das Letzte sind, was ein
Kind sich als Spielkamerad wünscht: Schildkröten! Träge,
hart, kalt - in allem also der absolute Gegensatz zu dem was Kinder
brauchen: Lebendigkeit, Anschmiegsamkeit und Wärme! Zudem
wurden die Kröten nur im zum Terrarium umgebauten Sandkasten
im Schrebergarten gehalten. Bei der ersten Überwinterung
sind sie dann , wen wundert´s, eingegangen.
MANISCHE DEPRESSION
Dieses Klima von Vereinsamung, Kälte, Ausgrenzung, Erniedrigung
und Lügen führte in der Folge zu - wie ich heute anerkenne
- einer depressiven Grundstimmung mit wiederkehrenden manischen
Phasen. Eine Hauptqual meines Erwachsenendaseins bestand in der
ständigen Abwehr der Erkenntnis, ebenso wie mein offen manisch-depressiv
gewordener Bruder nicht seelisch gesund zu sein und Eltern gehabt
zu haben, die zwar physisch, auf der seelischen Ebene jedoch praktisch
nicht existent waren. Ich bezeichne mich heute als einen emotionalen
und seelischen Vollwaisen.
Dies führte bei mir zu einem ständigen Gefühl von
Lebensunfähigkeit, Verlassenheit, vollkommenem Auf-Mich-Selbst-Angewiesensein
und häufigen Gedanken an den Tod. Ich erlebte die so häufig
beschriebene "Glasglocke". Mitten unter Menschen fühlte
ich mich dennoch meistens einsam und unbefriedigt. Suizidgefährdet
war ich hingegen eigenartigerweise nie wirklich. In extremen Momenten
depressiver Nichts-geht-mehr-Stimmung packte mich jedesmal eine
Art Überlebens-Wut, der absolute zornige Wille, nicht unterzugehen
und "es allen zu zeigen". In diesen Momenten fühlte
ich, dass es die andern sind, die mich nicht leben lassen wollen
und dass ich ihnen Widerstand leisten muss.
Nachdem mein Bruder nach einem psychotischen Zusammenbruch unter
Dauermedikation stand, habe ich bei den Besuchen bei meinen Eltern
seinen erschreckenden Verfall über die Jahre mitansehen müssen.
Seine grauen, stumpfen Haare, der düstere, leidende Blick,
die aschgraue Gesichtshaut und die nikotingelben Zähne -
er sah oft wie der Tod auf Latschen aus. Aber ich bekam das in
mir schreiende "Seht ihn Euch an - das ist Euer Werk!"
nie heraus - die Angst vor den verletzenden Ausbrüchen meines
Vaters war zu stark. Inzwischen mute ich mir diese mich häufig
sehr belastenden Besuche im Elternhaus nicht mehr zu.
In Momenten, wo ich mich der "Lösung" meiner Probleme
einmal nahe glaubte bzw. tatsächlich wichtige Erkenntnisse
gewonnen hatte, entwickelte ich dann häufig eine Manie, d.h.
eine (oft letzten Endes destruktiv wirkende) Überenergie
und den Glauben, meine Umgebung und vor allem natürlich meine
Familie aus ihrer Blindheit erretten zu müssen, was natürlich
nur wieder "Arbeit für Liebe" bedeutete. Es war
mein überschießendes, nie befreidigtes Verlangen nach
menschlichem Anerkanntsein, was sich hier Bahn brach.
ABHÄNGIGKEIT DURCH "GIFTIGE NAHRUNG"
Eine weitere, lange unentdeckte "Doppelbotschaft" meiner
Eltern lautete: "Werde endlich selbständig - aber du
schaffst es sowieso nicht!" Es hat ebenfalls sehr lange gedauert
zu realisieren, dass die materielle "Hilfsbereitschaft"
meiner Eltern ein verschleierter Versuch war, uns Söhne stets
abhängig zu halten. Diese "milden Gaben" im Verein
mit immer wiederholten Entwertungen und einer latenten Angstbotschaft
("wir wollen Euch nur wappnen gegen das grausame Leben da
draussen") haben einen quälenden Zwiespalt erzeugt.
Das Annehmen der "Hilfen" eigentlich nicht mehr zu wollen,
aber die verdeckten Lügen in ihnen nicht sehen zu können.
Diese unsichtbaren Fesseln in der Maske der "Selbstlosigkeit"
sind sehr treffend durch den Begriff der "giftigen Nahrung"
benannt, hervorragend ins Bild gesetzt im Film "The 6.th
Sense". Um die Vorhaltungen wissend, die irgendwann wieder
kämen, habe ich meine Eltern so gut wie nie um finanzielle
Hilfen gebeten, aber sie wurden mir immer wieder mit wohlmeinenden
Phrasen wie "Wir geben es doch gerne, und ihr braucht es
doch heute!" geradezu aufgenötigt. Wir sollten stets
in dem Gefühl gehalten werden, ihnen Dankbarkeit zu schulden.
Sie ahnten unbewusst ganz genau, dass sie uns ohne diese unsichtbaren
Fesseln nie wiedersehen würden.
ERZIEHUNG ZUR ANGST VOR ARBEIT
Dem kindlichen Bedürfnis nach Mithelfen bei elterlichen
Arbeiten konnte vor allem mein Vater nicht gerecht werden, da
er einerseits zu ungeduldig und andrerseits zu perfektionistisch
dafür war. Wenn er uns mal etwas tun ließ, konnten
wir sicher sein, dass er es einem sofort wieder aus der Hand nahm,
wenn der erste kleine Fehler passierte oder es zu langsam ging.
"Laß ruhig, danke schön, aber geh lieber spielen,
ich mach das schon!" hieß es dann stets.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus mein Grundgefühl,
zumindest für Handwerkliches nicht zu taugen, sowie im Haushalt
nur zu stören. Einzig der Mutter beim Abtrocknen des Geschirrs
zur Hand zu gehen war erlaubt. Als ich im Gymnasium einmal eine
Tätigkeitsbeschreibung verfassen sollte, war denn auch die
Beschreibung des Geschirrabtrocknens das Einzige, was mir einfiel.
Zur Angst vor der Arbeitswelt führte aber auch das frühe
Mitbekommen der väterlichen Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten
in der Fabrik, in der er arbeitete. Wenn er nach Hause kam, musste
er sich jedesmal erst eine Weile seinen Ärger von der Seele
reden, so regelmässig, dass ich noch heute den Namen seines
Vorarbeiters erinnere. Damals verfestigte sich in mir das Bild
der Brotarbeit als einer beständigen Qual, die man allein
des Geldes wegen auf sich nehmen muss.
Dazu muss ich noch anfügen, dass mein Vater einmal beinahe
eine Tanzschule übernommen hätte, in der er mehrere
Jahre als Lehrer tätig gewesen war. Er und meine Mutter lernten
sich übers Tanzen kennen und haben auch erfolgreich Turnier
getanzt. Aber dann entschied er sich für das Leben als "anständiger
Familienvater" (Tanzlehrer war damals ein wenig angesehener
Beruf!) und ging "richtiges Geld" verdienen bei VW.
In dieser Zeit ergraute mein Vater im Alter von nur 36 innerhalb
kurzer Zeit total!
Bezüglich meiner Fragen nach der Zukunft und dem Erwachsenwerden
hatten meine Eltern nur 2 Antworten: mein Vater wiederholte immer
wieder gebetsmühlenartig "Bemüht Euch!" -
das "Worum" ließ er aber stets offen; meine Mutter
sagte einmal im üblichen völlig gleichgültigen
Tonfall, als ich ihr ganz direkt meine Angst vor dem Erwachsenwerden
mitgeteilt hatte: "Ach, da wächst man hinein" -
und fertig war sie wieder einmal mit mir.
INKONSEQUENZ
Wie wenig mein Vater in der Lage war, gutgemeinte Erziehungsregeln
in der Praxis konsequent einzuhalten, zeigte mir früh der
Umgang mit dem Thema Taschengeld. Um uns zur Sparsamkeit zu erziehen,
stellte mein Vater die Regel auf, dass nur der neues Taschengeld
bekäme, wer von den 1,50 Mark am Wochenende noch 50 Pfennig
gespart habe. Ich hielt mich im Glauben, dass Folgsamkeit Anerkennung
brächte, an diese Regel und musste dann sehr oft erleben,
dass mein Bruder, der immer schon Mitte der Woche alles verjubelt
hatte, dennoch "aus Mitleid" extra etwas nachbekam.
Wieder einmal wurde ich in meiner Beobachtung bestätigt,
dass mein Vater allen gegenteiligen Bekundungen zum Trotz, uns
absolut gleich zu behandeln, in Wahrheit meinen Bruder vorzog,
weil seine "Schwächen" ihn offenkundig rührten.
Mein Bruder hat einmal, als er sich ungerecht behandelt fühlte
von meinem Vater, in einem Nachbarsgarten alle Salatpflanzen ausgerissen,
weil er im Gegensatz zu mir deutlich gespürt hatte, dass
mein Vater seine scheiß Pflanzen mehr liebte als uns. Als
mein Vater diese Episode später mal erzählte, merkte
ich deutlich, wie er meinen Bruder für diesen ehrlichen emotionalen
Ausbruch achtete. Meine Bemühungen, seinen Ansprüchen
gerecht zu werden, wurden dagegen so gut wie nie honoriert. Ich
glaube, er hat nie geahnt, was ihm hätte widerfahren können,
wenn ich ähnlich unbeherrscht gewesen wäre wie mein
Bruder.
DER LANGE WEG ZUR BEFREIUNG
In der Pubertät entwickelte ich ein starkes Interesse an
psychologischen Fragestellungen, da ich die in unserer Familie
herrschende "Dampfkessel-Atmosphäre" anders als
durch eine sorgfältigst distanzierte, analysierende Haltung
nicht ertragen zu können glaubte. Ich beklagte mich oft bei
andern über meine Eltern, erfuhr aber immer nur bis zu einem
gewissen Punkt Verständnis (siehe letzten Absatz). Im Laufe
der Jahre erwarb ich aus Büchern, Filmen und Gespächen
das notwendige Wissen um die zugleich komplexen und auch einfachen
Zusammenhänge des menschlichen Verhaltens und Fühlens.
Aber Wissen und Fühlen sind zweierlei. Da mein Bollwerk gegen
die seelische Vernichtung immer mein Verstand und die Distanzierung
von meinen eignen unerlaubten Emotionen war, ist meine Arbeit
heute, da die Wahrheit rational enthüllt ist, das Wiederfinden
meiner Gefühle und meiner Vitalität. Manchmal merke
ich, wie beides langsam zurückkehrt. Ich merke es an Kleinigkeiten
wie einer freundlicheren Stimme andern gegenüber, einer verminderten
Angst vor Zurückweisung und neuerlichem Verletzt-Werden,
einer wachsenden Fähigkeit, Aufgaben zu finden und auch anzupacken,
aber auch, Schönes wirklich zu genießen und als Geschenk
anzunehmen. Dies vor allem im Bereich meiner Sexualität,
die tiefe Schuldgefühle mir so sehr vergiftet hatten. Ebenso
kann ich Verletzungen und Grenzüberschreitungen anderer heute
besser wahrnehmen, wenn sie mir widerfahren - selbst wenn sie
in der Maske der Wohltätigkeit daherkommen. Ich glaube heute,
Liebe und Vertrauen zu verdienen und deshalb auch eine Partnerin
finden zu können. Ich kann mir immer besser Fehler verzeihen
und Überforderungen vermeiden, den ewigen Leistungsdruck
von mir nehmen, da ich nun weiß, dass man sich Liebe nicht
"erarbeiten" kann, auch mit noch so großen Anstrengungen
nicht. Ich schaffe es auch immer besser, der Verführung zum
Helfersyndrom zu widerstehen, mit dem ich nur wieder in die Leistungsfalle
tappen würde. Ich sage mir immer wieder, dass ich niemand
krampfhaft meinen Wert beweisen muß, indem ich bemüht
"hilfreich" bin.
WARUM KEINE VERGEBUNG?
Ich habe selbst ganz konkret erlebt, wie eine unechte, weil einseitige
Vergebung mich noch tiefer schädigte: Vor etwa 5 Jahren ließ
ich mich im Glauben, von meinen Eltern ausreichend emanzipiert
zu sein, von ihnen zur Teilnahme an einem Urlaub überreden.
Dieser Urlaub endete für mich mit Depressionen und einer
schmerzhaften Gürtelrose, die ich zuvor noch nie und seitdem
auch nicht wieder gehabt habe! Ich erlebte, wie mein Vater immer
noch felsenfest glaubte, ich übernähme keine Verantwortung
für mein Leben, bloß weil ich seines nicht wiederholen
wollte. Und ich erlebte hautnah, dass seine "väterliche
Fürsorge" an Heuchelei und Verlogenheit nicht zu überbieten
ist. Durch einen verstimmten Magen ging es mir eines Tages schlecht
und ich wollte nur meine Ruhe. Mein Vater kam rein und wollte
mir das Essen einer Banane aufzwingen, da er beschlossen hatte,
das sei gut für mich. Auch nachdem ich die Banane schon 2
mal abgelehnt hatte, fuhr er fort, sie zu schälen. Da reagierte
ich schon offen genervt über seine Halsstarrigkeit, und was
geschah? Wutentbrannt schleuderte er die Banane zu Boden, verwünschte
mich hasserfüllt als undankbaren und verstockten Kerl und
stürmte türenknallend aus dem Raum. Ich spürte
in diesem Moment schmerzhaft deutlich, dass all die "Hilfsbereitschaft"
in Wahrheit immer zuallererst den Bedürfnissen meines Vaters
genügen musste, indem sie sein Selbstbild des aufopferungsvollen
und selbstlosen Familienmenschen stützen sollte. Meine echten
Bedürfnisse konnte er dagegen gar nicht wahrnehmen geschweige
denn zulassen und befriedigen!
Ebenfalls auf dieser Reise stellte er mir in gewohnter Selbstgerechtigkeit
die Frage, "wann ich denn endlich mal Verantwortung übernehmen
wolle". Die mir auf der Zunge liegende Gegenfrage, was er
denn bitte darunter verstehen würde, wagte ich nicht auszusprechen,
da ich einerseits wusste, wie sinnlos solche Fragen bei meinem
Vater stets waren und er andrerseits dadurch nur in Wut zu bringen
war, weil er die in der Frage mitschwingende Kritik nicht ertragen
konnte.
So hat diese Reise mit ihren krankmachenden Folgen mir die Gefahren
einer falschen "Vergebung" sehr klar und körperlich
fühlbar vor Augen geführt!
Während der jahrelangen Versuche meines inneren Kindes, bei
andern Menschen Verständnis und Mitfühlen bezüglich
der von mir erlittenen Qualen zu finden, hörte ich immer
wieder irgendwann den Rat: "Du wirst erst Frieden finden,
wenn du deinen Eltern vergeben kannst." Oder: "Höre
auf, dauernd nur zurückzuschauen. Vergiss die Vergangenheit
und schau nach vorne!" Ich bin froh, dass ich diesen Einflüsterungen
letztendlich stets widerstanden habe, trotz der bohrenden Schuldgefühle,
die mir diese "Hilfen" jedesmal zusätzlich aufluden
und mich damit nur tiefer in die Depression trieben! Die als Hilfsbereitschaft
maskierte unbarmherzige Forderung an das Opfer, gefälligst
seinen Peinigern zu vergeben, ohne dass diese ihrerseits auch
nur den allergeringsten Versuch des Verstehens machen müssten,
ist an Perfidität nicht zu überbieten und schützt
und nutzt allen, nur nicht dem Opfer! Der verlogene Mythos der
heilsamen Vergebung hilft nur den andern, ihre eigene Verdrängung
aufrechtzuerhalten, sonst nichts!
Echte Vergebung kann es nur geben, wenn der, der etwas Vergebungswürdiges
getan hat, das Opfer um Verzeihung bitten kann. Solange er das
nicht tut, ist jede Vergebung Selbstbetrug! Deshalb habe ich inzwischen
den Kontakt zu meinen Eltern bis auf Weiteres abgebrochen und
erwarte nicht, dass sich dies bis zu ihrem Tod nochmal ändern
wird.
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