Kinderheim
und die langfristigen Folgeschäden
Der Time Life Dokumentarfilm "Rock A Bye Baby"
http://www.violence.de/tv/rockabye-d.html beschreibt
die Auswirkungen verschiedener Methoden zur Behandlung und Erziehung von
Säuglingen und Kindern auf deren emotionale Entwicklung, sowohl bei Menschen
als auch bei Affen.
Sozialwaisen – Kleinkinder ohne Familie
Auswirkungen von Hospitalismus
Maximilian Rieländer
Für eine
Zeitschrift der „Gesellschaft für Sozialwaisen“ e.V. (GeSo)
Münster 1982
Der öffentliche Umgang mit Kindern, die als Sozialwaisen ohne Familie
aufwachsen, hat eine lange Geschichte.
Ärzte, Psychologen und Pädagogen haben zum Schicksal von Sozialwaisen, die
in ihren ersten Lebensjahren ohne Familie aufwachsen, nachgedacht und
geforscht: Was ist das Schicksal dieser Sozialwaisen? Wie wird ihre frühe und
spätere Entwicklung durch das frühe Schicksal der Familienlosigkeit
geprägt? Welche Hilfen und Maßnahmen sind sinnvoll, um diesen Kindern ein
menschenwürdiges Leben zu ermöglichen?
Auch dieses Nachdenken und Forschen hat seine Geschichte.
Wir können aus dem Schicksal der familienlosen Kleinkinder vieles lernen:
• Was braucht ein
Kind zu einer gesunden ganzheitlichen Entwicklung, die alle Bereiche spezi-fisch menschlicher Entwicklung
umfaßt?
• Was braucht ein
Kind also zur Entfaltung seines körperlichen und geistigen Wachstums, zur
Entfaltung seines Fühlens und Handelns, zum Erleben und Gestalten von guten
Beziehungen zu anderen Menschen?
Hier können Leser am Schicksal familienloser Kleinkinder und an der
Forschung zu ihrem Schick-sal Anteil nehmen
Inhalt
1. Kinder in Findelhäusern und
Säuglingsanstalten: Beobachtungen und Auswertungen von Kinderärzten 2
1.1 Findelhäuser 2
1.2 Hospitalismus in
Säuglingsheimen 2
1.3 Meinhard von Pfaundler – ein lang vergessener Mahner zum Hospitalismus 3
1.4 Praxis der
institutionellen Säuglingspflege 6
1.5 Kritik an der
Heimerziehung für Säuglinge und Kleinkinder 6
2. Bahnbrechende Forschungen von Rene
Spitz zum Hospitalismus 7
2.1 Forschungen zur
Entwicklungspsychologie des ersten Lebensjahres 7
2.2 Anaklitische
Depression und Hospitalismus 8
2.3 Die
Bedeutung der Forschungen von Rene Spitz 9
2.4 Folgerungen zu
positiven Entwicklungsbedingungen für Kleinkinder 10
3. Institutionsbedingungen und
Intelligenzentwicklung: Untersuchungen von
3.1 Die
Untersuchungen 11
3.2 Auswertungen der
Untersuchungen zur Intelligenzentwicklung 12
Literatur 13
1
1. Kinder in Findelhäusern und Säuglingsanstalten:
Beobachtungen und Auswertungen von Kinderärzten
1.1
Findelhäuser
Im
Mittelalter war es üblich, unwillkommene Kleinkinder in Findelhäusern
abzugeben. Das erste Findelhaus in Mailand wurde im Jahre 780 auf Veranlassung
des dortigen Bischofs eingerichtet. Weitere Findelhäuser entstanden bald in
mehreren italienischen Städten. Papst Innozenz III. ließ
im Jahre 1194 innerhalb eines Spitals in Rom ein Findelhaus mit einer
besonderen Drehlade ein-richten, d.h. mit einer
Klappe in der Klostermauer, durch die ein Kind bis zu einer bestimmten Grö-ße hineingelegt und durch eine Drehung des Kastens ins
Innere befördert wurde. Auf diese Weise konnten Kinder auch unerkannt und in
der Nacht abgesetzt werden. Auch Ehepaare nutzten öfters die Vorrichtung der
Drehlade, um ihre unerwünschten Kinder im Findelhaus abzugeben.
Dieses
System der Findelhäuser mit Drehlade verbreitete sich sehr stark. Kaiser
Napoleon I. ver-ordnete im Jahre 1811 sogar, daß derart ausgestattete Findelhäuser in allen
französischen Depar-tements errichtet werden sollten.
In den europäischen Hauptstädten wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts sogar 20
- 30% der geborenen Kinder in Findelhäusern abgegeben. Am Beispiel der Stadt
Mainz läßt sich zeigen, wie die Einrichtung eines
Findelhauses mit Drehlade das Aussetzen unerwünschter Kinder erleichterte und
förderte: während in den Jahren 1791 - 1810 insgesamt nur 30 Kinder ausgesetzt
wurden, stieg nach Napoleons Verordnung zur Einrichtung einer Drehlade die Zahl
der ausgesetzten Kinder in den kommenden 3 Jahren auf 516.
Die
Zustände in den Findelhäusern waren in bezug auf Unterbringung, Hygiene,
Ernährung und Betreuung katastrophal. In den meisten Findelhäusern starben etwa
60 - 90% der ausgesetzten Kinder im ersten Lebensjahr. Im Prager Findelhaus z.
B., das 1781 gegründet wurde und in dem jährlich 3000 Kinder aufgenommen
wurden, starben 50 - 70% der Kinder; die Verhältnisse in dem Findelhaus waren
so schlimm, daß der Prager Landtag im Jahre 1863 die
Aufhebung des Findel-hauses erwog. Der französische
Arzt Villerme schlug sogar vor, an den Findelhäusern
Schilder mit der Aufschrift: „Hier läßt man Kinder
auf Staatskosten sterben." anbringen zu lassen
1.2 Hospitalismus in Säuglingsheimen
Ab
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die führenden Kinderärzte auf die Problematik
der Findel-häuser aufmerksam. Damals prägten die
Mediziner auch den Begriff "Hospitalismus". So schrieb der Kinderarzt
Tugendreich im Jahre 1910:
Der
"Hospitalismus“ ist „im einzelnen mannigfach, aber im großen immer
dadurch charakteri-siert, daß
Säuglinge, die noch nicht hochgradig erkrankt oder sogar gesund eingeliefert
waren, in den Anstalten sich fortwährend verschlechterten bis zum schließlich
erfolgten Tode".
Zu
Beginn dieses Jahrhunderts wiesen die beiden führenden Kinderärzte Artur Schloßmann und Meinhard von Pfaundler
auf die Problematik der Säuglingsanstalten hin und setzten sich für eine
Verbesserung ein. Sie betrachteten die Anstaltszustände jedoch aus verschiedenen Blickwinkeln:
• Schloßmann
sah die Ursache für die Säuglingssterblichkeit in unzulänglichen hygienischen
Bedingungen, die zu Infektionsausbreitungen führten, an denen dann viele Kinder
starben.
• v.Pfaundler
rückte demgegenüber den „psychischen Hospitalismus", die seelische Vernachläs-sigung der Säuglinge in den Säuglingsanstalten
ins Blickfeld und zeigte die Folgen von Mutter-entbehrung
und schematischer Anstaltsroutine auf.
Schloßmann gründete 1898 das
„Dresdener Säuglingsheim“. Den Begriff des „Säuglingsheimes“ benutzte er als bewußt gewählte Tarnbezeichnung, um die wegen der hohen
Anstaltssterblichkeit vorhandenen lokalen Widerstände gegen die Einrichtung
seiner Säuglingsklinik zu überwinden. Er sorgte in der Klinik für die
Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit durch konsequente hygienische Maßnahmen,
durch die Einstellung von Ammen, usw. In seinem Säuglingsheim sank die Sterblich-keit in der Zeit von 1912 - 1920 von 71% auf 17%.
Dieser Erfolg förderte ein Umdenken in der kli-nischen
Kinderheilkunde. Säuglingskliniken wurden nach hygienischen Grundsätzen durch
Sorge für Quarantäne, Asepsis bei der Versorgung,
Impfungen, geeigneter Ernährung modernisiert. Die Sterblichkeitsrate sank in
den weiteren Jahren in gut geführten Säuglingsheimen auf 0 - 2%.
2
1.3
Meinhard von Pfaundler – ein lang vergessener Mahner
zum Hospitalismus
Die
frühen Beiträge des Kinderarztes Meinhard von Pfaundler
zum Problem des Hospitalismus zwischen 1900 und 1930 waren erstaunlich
ausgereift. Diese Beiträge sind auch heute noch inte-ressant
und können den Leser faszinieren. Diese Beiträge wurden später in der
Kinderheilkunde 'vergessen', bis Hellbrügge 1966 und
Pechstein 1974 sie wieder ans Tageslicht brachten; und in der Psychologie
wurden diese Beiträge leider gar nicht wahrgenommen.
1901
hielt v.Pfaundler einen bedeutsamen Vortrag „über
natürliche und rationelle Säuglingspfle-ge". Er
wies darauf hin, daß bei den Naturvölkern das junge
Kind „auch jenseits der Geburt gleich-sam ein
untrennbarer Teil des mütterlichen Körpers“ ist. Er rügte die „widernatürliche
Entfernung (des Säuglings) von der Mutter“ unter den modernen zivilisatorischen
Bedingungen und erläuterte näher die Entstehung des Hospitalismus:
„Wo die Mutter oder
eine nächste Anverwandte oder sonst eine für das Kind empfindende Per-son sich der Pflege ganz hingibt, wird der schwerere
Schaden solcher Art meist nicht eintreten. Wohl aber sieht man ihn bei
Kostkindern und insbesondere in Anstalten für gesunde und kran-ke
Säuglinge, die unzureichendes Pflegepersonal haben. Hier verfallen die Kinder
oft einem als 'Hospitalismus’ bezeichneten Übel. Die Reaktion der Unruhe auf
das Sich-selbst-Über-lassensein hört nach Tagen bis
Wochen allmählich auf und dann setzt ein langsam fortschrei-tender
Verfall ein. ...
Man glaubte vormals, es
wäre die Anhäufung der Säuglinge, die als solche Schäden verur-sacht;
auch die Bakterien wurden natürlich verantwortlich gemacht. Wo aber gleich
viele Säug-linge zusammengedrängt und ohne jeden
besonderen Aufwand an sogenannter medizinischer Asepsis,
also unter sonst ungünstigen äußeren Verhältnissen von ihren Müttern und damit in-dividualisierend gepflegt werden – wie in gewissen Findelanstalten Österreichs und Frank-reichs
– da spielt der Hospitalismus keine annähernd ebensolche Rolle."
1915
stellt v.Pfaundler die Bedingungen des Hospitalismus
ausführlich in seiner "Physiologie des Neugeborenen“ im Handbuch der
Geburtshilfe dar.
Er
erzählt zu Beginn seiner Ausführungen die Parabel der Chronica
Salimbenis aus dem 13. Jahr-hundert über die Frage
des Kaisers Friedrich II.,
„in
welcher Sprache Kinder sich auszudrücken beginnen würden, die niemals vorher
irgend ein Wort sprechen gehört haben".
„Sein lebhaftes
Interesse veranlaßte ihn zu einem seltsamen
Experimente: er übergab Wärte-rinnen und Ammen eine
Anzahl verwaister Neugeborener zur Aufzucht mit dem Auftrag, ihnen die Brust zu
reichen, sie zu reinigen, zu baden, etc. aber mit dem
strengsten Verbote, sie je-mals zu liebkosen und mit
ihnen oder vor ihnen ein Wort zu sprechen. Es geschah nach des Kaisers Willen;
aber dessen brennende Neugierde fand keine Befriedigung, denn alle Kinder
starben im frühesten Alter. Sie konnten ja nicht leben ohne den Beifall, die
Gebärden, die freundlichen Mienen und Liebkosungen ihrer Wärterinnen und
Ammen."
v.Pfaundler fährt fort:
„Kinder, die zu Hause
von sorgsamen verständigen Angehörigen gepflegt werden, erlangen ei-ne körperliche und geistige Überlegenheit gegenüber dem
Durchschnitt der Anstaltskinder. Das Bestreben, die wahre Quelle des
Hospitalismus noch schärfer zu fassen, steht in seinen Anfängen. Man darf
jedenfalls annehmen, daß die natürlichen Empfindungen
der Mutter zum Kind nicht bloß zu sorgsamer Erfüllung gewisser erteilter
Pflegevorschriften, sondern auch zu bestimmten Formen des Verkehrs und damit zu
wechselseitigen Anregungen führen. Nicht bei der Mutter allein, sondern auch
beim Kinde wird eine Fülle von Reizen und damit von Empfin-dungen,
weiterhin von Reaktionen vermittelt. ...
Eine Frau, die den
umfassenden Ehrentitel „Mutter“ mit Recht führt, weiß sich mit ihrem Kinde
schon in den ersten Lebenswochen in einen Konnex zu setzen, dessen Bedeutung
für die geis-tige und körperliche Wohlfahrt ohne
Bedenken hoch eingeschätzt werden darf und dessen Ausfall nach Ansicht des
Verfassers für den Hospitalismus von größter Bedeutung ist. ...
Die Einwirkung anderer
Reize, die andere Objekte zum Ziele haben und anderen Interessen entspringen,
wie der oft ziemlich unruhige Betrieb von Säuglingskliniken, vermögen jene spezi-fischen empfindungswarmen Reize nicht zu ersetzen.
...
3
Die Pflege ist dort
mehr eine nach allgemeinen fixen Normen, als nach individuellen Bedürfnis-sen des Kindes geregelte. Anstaltspflege ist
unzweifelhaft vielfach Fabrikarbeit. Die Organisati-on
und Disziplin einer Anstalt fordert bis zu einem gewissen Grade
Pflegevorschriften, die im großen und ganzen rationelle sein mögen, die aber
der Anpassung an spezielle Bedürfnisse des Einzelfalles wenig Raum geben.
Individualitäten bestehen aber schon im ersten Lebens-jahr.
Eine sorgsame Pflegerin erkennt an Säuglingen oft sehr ausgesprochene
Neigungen, Ei-genarten, Willensäußerungen, z.B. auf dem Gebiet der Fütterung: das Wann,
das Wie, hinsichtlich Qualität, Quantität der Nahrung,
Fütterungsgeschwindigkeit, Trinktemperatur, Körperlage, Beschaffenheit des
Saugpfropfens und seiner Bohrung und tausend andere Kleinigkeiten sind dem
einzelnen durchaus nicht so gleichgültig, wie es generell für die allgemeine
Verschreibung der Fall sein mag. ...
Auch die Nivellierung
der Anstaltssäuglinge, die sich beispielsweise zum Staunen jedes Frem-den durch die relative Ruhe in den großen Sälen mit
kranken bereits 'eingewöhnten’ Kindern ausdrückt, ist ein Pyrrhussieg. ...
Es gibt Kinder, die dem
Schaden dauernd widerstehen. Das gilt nach Erfahrung des Verfassers in gewissem
Maße von gesunden Brustkindern. Diese sind allerdings in Spitälern zumeist Am-menkinder, also die einzigen, die in der Nähe ihrer
Mütter leben."
Beim Hospitalismus
handelt es sich „nicht um die Gegensätze: Anstaltspflege/Privatpflege oder
Massenpflege/Einzelpflege, sondern um den Gegensatz: Erfüllung individuellen Verlangens,
Vermittlung förderlicher psychischer Reize und Befriedigung des Kindes vs.
konsequente Nichtbeachtung dieser Momente mit ihren Folgen."
v.Pfaundler umschreibt 1915 auch
das Schicksal von Säuglingen in einer Klinik als einen dreipha-sigen
Prozeß mit "Unruhe", "Resignation“ und
"Verfall":
1.Phase:
Unruhe
"Säuglinge ... verhalten sich hier am Anfang so, wie es die
Physiologie ihrer Entwicklungsperi-ode ... annehmen läßt.“ „Treten fremde Menschen an ihr Lager, ... so werden sie ängstlich oder unwillig."
2.Phase:
Resignation
„Die Säuglinge werden
zwar ruhiger, doch nicht aus besserem Behagen, sondern weil sie die
Fruchtlosigkeit ihrer Äußerungen erkannt und angefangen haben, auf äußere
Einflüsse aller Art weniger zu reagieren. Man findet diese Kinder öfter wach
als schlafend. Tritt man an das Bett heran, so wenden sich die Augen wohl noch
dem Beschauer zu, doch weder mit dem la-tenten
Lächeln des gesunden noch mit der ängstlichen oder schmerzhaft gespannten Miene
des kranken Kindes, sondern mit einem indifferenten, resignierenden, wie in
Ernst und Trauer erstarrten Blick. Rumpf und Glieder liegen ziemlich regungslos
auf der Unterlage. Auch wenn man das Kind aufdeckt oder entkleidet, gewahrt man
keine lebhaften und kraftvollen Bewe-gungen der
Glieder, sondern träge und unsichere.“
3.Phase:
Verfall
„Man steht einem
körperlichen Verfall gegenüber, der sich in außergewöhnlicher und stabiler
Blässe, Schlaffheit und Welkheit der Haut und der Unterhautfettes, in
Elastizitätsverlust bei scheinbar oft vermehrtem Muskeltonus
ausdrückt. Dieser Verfall ist nicht etwa als Zeichen ei-nes
chronischen dyspeptischen Zustandes, eines Milch- oder Mehlnährschadens oder
einer Organaffektion bestimmter Art anzusehen. Man
erkennt ihn oft, bevor ihn die Gewichtskurve ihn anzeigt. Von diesem Stadium an
macht sich die schwerste Form des Hospitalismus be-merkbar, nämlich die völlige Widerstandslosigkeit gegen
infektiöse Schäden.“
„In dem Zustand des
Hospitalismus steht der Körper ... unter dem Gesetz
des unaufhaltsamen Verfalls."
Meinhard
von Pfaundler schon zu Beginn unseres Jahrhunderts
alle wesentlichen Elemente der Hospitalismus- und Deprivationsforschung bereits
direkt angesprochen, und zwar die sozialen, sensorischen und emotionalen
Defizite in der typischen Anstaltssituation bei Kleinkindern und die
Auswirkungen auf die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder.
4
Auch
regte v. Pfaundler die im Weltmaßstab erste große
vergleichende Untersuchung zum Prob-lem des
Hospitalismus an. In dieser Untersuchung von 1925 verglich Eriksson
425 Anstaltskinder, die von wohlhabenden Eltern stammten, mit 76O
Familienkindern aus einem städtischen Armuts-viertel. Die Anstaltskinder waren
gegenüber bestimmten Infektionskrankheiten deutlich anfälliger, was Pfaundler auf die „resistenzzerstörende“ Wirkung des
Massenpflegeschadens zurückführte. Weiterhin waren die Anstaltskinder in ihrem
Längenwachstum deutlich beeinträchtigt. Die Famili-enkinder
wirkten geistig reger und intelligenter und waren wesentlich kontaktfähiger als
die An-staltskinder.
Eine
zweite frühe Untersuchung führte die Kinderärztin Müller im Jahre 1926 durch,
wobei auch das erste standardisierte Verfahren für kinderärztliche
Untersuchungszwecke Verwendung fand. Demnach zeigten 72,5% der 1O2
Anstaltskinder eine altersmäßig verzögerte Entwicklung gegen-über
von 4% der 52 Familienkinder. Die Untersucherin stellt auch schon fest,
„daß das Zurückbleiben der Anstaltskinder mit 3
Monaten einsetzt. Man kann gleichsam von einem „Stehenbleiben“
mit 3 Monaten sprechen. ... Während aber jetzt mit 3 Monaten, nach dem
sogenannten 'dummen Vierteljahr’ die Kinder in der Familie regen Anteil an
allem gewin-nen, sich Schritt für Schritt jeden Monat
sichtbar fortentwickeln, bleiben die Anstaltskinder von jetzt ab deutlich
zurück."
Zwischen
den beiden Kinderärzten Schloßmann (s.o.) und v. Pfaundler entwickelte sich in den Jahren 1920 - 1930 eine
heftige Kontroverse über die Bedeutung der institutionellen Säuglings-pflege,
vor allem auch veranlaßt durch die Ergebnisse der
großen Untersuchung von Eriksson.
Schloßmann verteidigte die
Einrichtungen der Anstaltspflege aufgrund der neugewonnenen Fähig-keit
der Ärzte, Säuglinge in der Massenpflege des Klinikbetriebes überhaupt am Leben
erhalten zu können. Er meinte 1923:
„Die physische Anstaltsversorgung
der Säuglinge ist ein gelöstes Problem und die Ergebnisse hängen nicht von
unserem Können und Wissen, sondern von unserem Willen ab.“
Schloßmann entschuldigte sich
zwar 1923 über die "wenig richtige Bezeichnung ‚Säuglingsheim’";
denn es war „eine Anstalt, die ihrer ganzen
Bestimmung nach kein Säuglingsheim im eigentlichen Sinne des Wortes war".
Die
Tochter und Mitarbeiterin von Schlossmann, Frau Eckstein schrieb jedoch:
„Was die Frage der
geistigen Beeinflussung der im Heim aufwachsenden Kinder anbelangt, so müssen
wir leider zugeben, daß sie trotz aller darauf
verwandten Mühe nicht gleichwertig ist mit der von Kindern, die im Elternhaus
oder in der guten Pflegestelle aufwachsen."
Durch
die Erfolge in der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit mit Hilfe hygienischer
Maßnahmen verbreitete sich in der Öffentlichkeit allmählich eine tolerierende
bis positive Einstellung zu den Säuglingsheimen. Dadurch kam es später zu einer
starken Ausbreitung von Anstalten zur Bewah-rung
verlassener und sozial gefährdeter Säuglinge und Kleinkinder.
In
einer Untersuchung zur Unterbringung alleinstehender Kinder in Heimpflege und Familienpfle-gestellen in Frankfurt am Main stellten
Hartung und Glattkowski 1965 zum Beispiel fest, daß sich in den Jahren 1923 - 1963 das zahlenmäßige
Verhältnis der Kinder in Familien- und Heimpflege von 78% :
22% änderte zu einem von 27% :73%.
v.Pfaundler nahm eine zutiefst
skeptische Haltung gegenüber der "widernatürlichen Massenpflege“ junger
Kinder in den Säuglingsheimen ein. Er kritisierte heftig die steigende Tendenz,
Säuglings-heime als geeignete Unterbringungsstätte
für junge Kinder anzusehen:
"Der Mensch aber
entzieht dem Kinde vielfach nicht allein die Mutterbrust, sondern auch die
persönlichen, die individuelle mütterliche Pflege, mit einem Worte, die ganze
Mutter und ver-bringt es in Pflegefabriken, in Säug lings- und
Kleinkinderkasernen".
Pechstein,
der sich ausführlich mit der Deprivationsforschung befaßt
hat, meint 1974:
„Wären die Ausführungen
v.Pfaundlers beachtet und in jugendfürsorgerische
und sozialhygie-nische Maßnahmen übertragen worden,
so hätte man "in der Vergangenheit zweifellos Zahn-tausende
von jungen Kindern vor den Folgen der Anstaltsdeprivation bewahren
können".
5
1.4
Praxis der institutionellen Säuglingspflege
In der
Praxis der institutionellen Säuglingspflege hat sich der Status quo
durchgesetzt, nämlich nur auf die Gesichtspunkte körperlicher Hygiene zur
Abwehr von Infektionen zu achten:
Schon Durfee und Wolf betonen in einer großen Untersuchung 1933, daß durch eine allzu strenge Beachtung der Regeln in der
Hygiene Pflegebedingungen verstärkt werden, die den psychischen Hospitalismus
fördern.
Meierhofer und Keller stellten
1970 in ihrer Untersuchung zur Praxis in Säuglingsheimen fest:
„Prinzip war, daß enge Berührungen - und damit auch Zärtlichkeiten -
vermieden werden muß-ten", um jede Infektionsgefahr von anderen Personen möglichst zu verhindern. „Im
Sinne der hygienischen Erfordernisse (ist) die Einrichtung der Räume immer noch
kahl, nüchtern und spi-talmäßig geblieben“.
Göden-Wippermann
beschrieb in einer Dissertation 1970 ein als relativ gut eingeschätztes Säug-lingsheim folgendermaßen:
„Mit den hellen, zum
Teil verglasten Wänden und dem nüchternen Inventar machten die Zim-mer des Heimes einen hospitalähnlichen Eindruck, da sie
nur nach dem Gesichtspunkt der Hy-giene und
Zweckmäßigkeit eingerichtet waren".
Die
Praxis der institutionellen Säuglingspflege wurde also von den 20er Jahren an
bis ca. 1970 kaum von theoretischen Erörterungen und empirischen Ergebnissen
über frühkindliche Hospitalis-mus- und
Deprivationsschäden betroffen.
1.5 Kritik an der Heimerziehung für Säuglinge und
Kleinkinder
Die
Kritik an der Heimerziehung für Säuglinge und Kleinkinder drang erst seit 1970
etwa in der Bundesrepublik wieder stärker durch. Unter dem Slogan „Holt die Kinder aus den Heimen!“ gab
es Berichte und Aktionen, die weite Kreise der Öffentlichkeit aufrüttelten.
Der
Bericht des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit aus dem Jahre
1973 für eine Tagung der Europäischen Minister für Familienfragen konnte an
dieser Kritik nicht vorüberge-hen:
„Die Kritik an der
derzeitigen Praxis und Struktur der Heimerziehung in der Bundesrepublik stützt
sich dabei in Hinblick auf die Heime für Säuglinge und Kleinkinder auf die
Ergebnisse der Sozialisationsforschung und insbesondere jene der
Hospitalismus-Forschung. Diese zeigen, daß zumindest
länger dauernder Heimaufenthalt im Säuglings- und Kleinstkindalter mit zumeist
irreparablen Schädigungen in der Gesamtentwicklung des Kindes verbunden ist.
Diese Form der Erziehung bietet zumindest in der heute noch überwiegend
praktizierten Form nicht dieje-nigen Voraussetzungen,
die im Zusammenhang mit der familialen Erziehung als
grundlegende Voraussetzungen für günstige Sozialisationsprozesse genannt
wurden: nämlich Konsistenz des Erziehungsverhaltens, Stabilität, ausreichendes
Anregungspotential, Umweltoffenheit, lie-bevolle
Zuwendung usw."
In den
letzten Jahren ist die Zahl der Säuglingsheime deutlich zurückgegangen.
6
2. Bahnbrechende Forschungen von Rene Spitz zum Hospitalismus
Aus
dem Schicksal von Säuglingen ohne konstante Mutterliebe können wir für ein
allgemeines Verständnis einer gesunden sozialen Entwicklung viel lernen. Dies
hat uns Rene Spitz sehr ein-drucksvoll aufgezeigt.
2.1 Forschungen zur Entwicklungspsychologie des ersten
Lebensjahres
Rene
Spitz stammt aus der psychoanalytischen Tradition. Er ist der Psychoanalytiker,
der am in-tensivsten die soziale Entwicklung des
Kindes im ersten Lebensjahr erforscht und theoretisch aus-gewertet. In seinen
Studien zum „Hospitalismus“ und zur "anaklitischen
Depression“ hat er das Schicksal und die Entwicklung von in Heimen
untergebrachten Kleinkindern untersucht. Aus die-sen
Studien hat er wesentliche Erkenntnisse dazu gewonnen, welche Erfahrungen wir
Menschen in unserem ersten Lebensjahr gebrauchen können, um gesund ‚lieben’ zu
können.
Seine
Forschungen hat Rene Spitz in seinem Buch "Vom
Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten
Lebensjahr“ zusammenfassend dargestellt (erschienen im Klett-Verlag in der 5.
Auflage 1976; alle folgenden Zitate sind diesem Buch entnommen.)
Rene
Spitz führte seine Forschungen in den USA in den Jahren um 1940 durch. Er
erforschte in-tensiv die Entwicklung von 203
Kleinkindern in einem Säuglingsheim und von 90 Kleinkindern in einem
Findelhaus. Im Sinne von vergleichenden Längsschnittstudien wurden die
Kleinkinder in ihrem Entwicklungsverlauf fast von Geburt an teilweise bis ins
Alter von 4 Jahren beobachtet und mit guten Entwicklungstests
("Bühler-Hetzer-Kleinkindertest") untersucht.
• Das Säuglingsheim war in
einen Strafvollzug für straffällige Mädchen eingegliedert und diente zur
Betreuung der Kinder, die von ihren straffälligen Müttern während der Haftzeit
geboren wurden. „Angesichts der Tatsache, daß die
Mütter meistens straffällige Minderjährige waren, in gewissem Maße sozial
fehlangepasst, manchmal debil, manchmal psychisch geschädigt,
psychopathologisch oder kriminell, stellten Erbanlagen und Herkunft, von den
Kindern her ge-sehen, eine negative Auslese dar.“ (S.47)
In diesem Heim konnten die Mütter ihre Kinder bis zum Ende des ersten
Lebensjahres selbst versorgen; sie wurden dazu von Säuglingsschwe-stern
des Heimes angeleitet.
• Im Findelhaus lebten zwei
Gruppen von Kleinkindern: Die einen waren Kinder verheirateter Frauen, die -
meist sozial gut angepaßt - nicht in der Lage waren,
sich selbst und ihre Kinder unterhaltsmäßig zu
versorgen; die anderen waren Kinder lediger Mütter, wobei die Mütter während
der ersten 3 Monate ihr eigenes Kind und gegebenenfalls ein fremdes Kind dazu
durch Stillen ernährten. Die Kinder wurden im Alter von 3 Monaten von ihren
Müttern getrennt und blieben etwa bis zum Alter von 18 Monaten in
"Einzelzellen", die von drei Seiten verglast waren. In dieser
Lebensphase wurden jeweils etwa · Kinder von einer Schwester betreut. „Das
Findelhaus war eine Einrichtung, wie sie vor etwa fünfzig Jahren allgemein für Waisen-kinder üblich war.“ (S.48) Es wirkte "immer
trostlos und verlassen". Die Nährung erfolgte durch das
"Flaschenlegen (mechanische Fütterung vermittels befestigter
Flaschen)". Spielzeug war kaum vorhanden. Ein Brauch ist zu erwähnen, „der
bezeichnend war für das Findelhaus wie für viele „Kinderheime und
-Krankenhäuser: Um zu erreichen, daß die Kinder sich
still verhielten, hängten die Schwestern Bettücher oder Decken über die Gitter
am Fußende und an den Seiten der Bettchen, so daß die
Kinder wirksam von der Welt und allen anderen Abtei-len
abgeschirmt waren, in Einzelhaft versetzt, mit der Zimmerdecke als einzigen
Anblick. Infol-gedessen lagen die Säuglinge viele
Monate lang auf dem Rücken, so daß sich in ihren Matrat-zen eine Vertiefung bildete, aus der sie sich mit
sechs oder sieben Monaten, wenn normale Kinder sich aus der Rückenlage auf die
Seite drehen, nicht auf die Seite drehen konnten.“ (S.49f.)
Beide
Heime waren hygienisch einwandfrei geführt. Die Prinzipien der hygienischen
Versorgung hatten sich in solchen Häusern etwa seit den 20er Jahren verbreitet.
7
Die
Kinder erlebten in den beiden Heimen deutliche Unterschiede in bezug auf die
mütterliche Zu-wendung. Im allgemeinen konnte Spitz
folgendes feststellen: Solange die Kinder in den Heimen von ihren Müttern
betreut wurden, zeigten sie in den Entwicklungstesten einen durchschnittlich
normalen Entwicklungsverlauf. Die meisten Kinder in dem Säuglingsheim wurden im
ersten Le-bensjahr vollständig von ihren straffällig
gewordenen minderjährigen Müttern betreut und nahmen dementsprechend einen
normalen Entwicklungsverlauf. In dem Findelhaus entwickelten sich die Kinder in
ihren ersten 3 Lebensmonaten normal, solange sie von ihren Müttern betreut
wurden.
2.2 Anaklitische Depression und
Hospitalismus
Bei
den Kindern, die in im ersten Lebensjahr 3 oder mehr Monate die Zuwendung ihrer
Mutter entbehren mussten, stellte Rene Spitz Rückstände im Entwicklungsverlauf
fest. Durch die Beob-achtungen erkannte er zwei
unterschiedliche Formen von "Mutter-Entbehrung": eine teilweise und
eine totale Entbehrung mütterlich-gefühlsmäßiger Zuwendung. Er stellte zwei
krankhafte Zustands-bilder bei den Kindern fest: Auf
eine spezifische Form der teilweisen Mutter-Entbehrung reagier-ten
die Kinder mit „anaklitischer Depression"; bei
der totalen Mutter-Entbehrung zeigten die Kin-der das
Zustandsbild des „Hospitalismus".
Die
mit beiden Begriffen bezeichneten Zustandsbilder werden im folgenden weiter
erläutert.
„Anaklitische
Depression"
Das
mit „anaklitischer Depression“ bezeichnete
Krankheitsbild fand Rene Spitz bei 34 Kindern des Säuglingsheimes, die
folgendes Schicksal gemeinsam hatten: Diesen Kindern wurde zwischen ih-rem 6. und 8. Lebensmonat die Mutter für einen
ununterbrochenen Zeitraum von 3 Monaten aus verwaltungstechnischen Gründen
entzogen. Zuvor hatten die Kinder eine gute persönliche Bezie-hung
zu ihrer Mutter entwickelt. Die Kinder wurden von ihrer Mutter also in einer Entwicklungspha-se getrennt, nachdem sie eine spezifische
Bindung an ihre Mutter gefestigt hatten.
Nach
der Trennung von der Mutter zeigten die Kinder in den ersten zwei Monaten ein weinerli-ches Verhalten, was in auffallendem Gegensatz zu
ihrem früheren fröhlichen Benehmen stand. Nach einer Weile wurde die
Weinerlichkeit von einer Kontaktverweigerung abgelöst; die Kinder weigerten
sich, an dem Leben ihrer Mitwelt Anteil zu nehmen. Auf
Bei
der Rückkehr der Mutter nach dem Zeitraum von 3 - 5 Monaten konnten die meisten
Kinder genesen. Spitz nimmt jedoch schon an, „daß
die Störung Narben hinterlässt, die in späteren Jah-ren
sichtbar werden“ (S.285). Zögerte sich die
Wiedervereinigung von Mutter und Kind jedoch länger als 5 Monate hinaus, war
keine Verbesserung der kindlichen Entwicklung festzustellen, vielmehr ging die
"anaklitische Depression“ dann in das
Krankheitsbild des "Hospitalismus“ über.
„Hospitalismus"
Bei
den 90 Kindern aus dem Findelhaus, die ab ihrem 4. Lebensmonat jede
individuelle Betreuung vermissen mußten und in ihren
"Einzelzellen“ sozusagen 'dahinvegetierten', stellte Rene Spitz das
Krankheitsbild des Hospitalismus fest. Der Hospitalismus trat weiterhin bei den
Kindern des Säug-lingsheimes auf, die im ersten
Lebensjahr länger als fünf Monate alle persönliche mütterliche Zu-wendung entbehrten, wobei der Art der vorhergehenden
Mutter-Kind-Beziehung wenig Einfluß auf den weiteren
Entwicklungsverlauf zu haben schien.
8
Die
Kinder reagierten auf die Mutter-Entbehrung mit Symptomen „eines zunehmend
schweren Verfalls". Im Verlauf des Hospitalismussyndroms zeigten sich
zunächst dieselben Stadien wie bei der „anaklitischen
Depression"; sie folgten rasch aufeinander. Nach 3 Monaten schritt der
Verlauf weiter fort: "Die Verlangsamung der Motorik kam voll zum
Ausdruck; die Kinder wurden völlig pas-siv;... Der Gesichtsaudruck wurde leer und schwachsinnig, die
Koordination der Augen ließen nach.“(S.290) Der
durchschnittliche Entwicklungsquotient dieser Kinder stand am Ende des 2. Le-bensjahres bei 45% der Norm. Der Verfall „manifestiert
sich zuerst in einer Stockung der psychi-schen
Entwicklung des Kindes; dann setzen psychische Funktionsstörungen ein, mit
denen somatische Veränderungen einhergehen. Im nächsten Stadium führt dies zu
gesteigerter Infekti-onsanfälligkeit und schließlich,
wenn der Mangel an affektiver Zufuhr bis ins zweite Lebensjahr hinein andauert,
zu einer auffallenden Erhöhung der Sterblichkeitsquote.“ (S.292)
Die
meisten der von Spitz weiter beobachteten Kinder konnten in ihrem Alter von 4
Jahren „weder sitzen, stehen, laufen noch sprechen". Von den 90 Kindern
starben im ersten Lebensjahr 24 und im zweiten Lebensjahr 4 weitere. Diese hohe
Sterblichkeitsquote wird aus dem „totalen Entzug affektiver Zufuhr“ erklärt,
aus der völligen Entbehrung mütterlicher Zuwendung.
Spitz
beobachtete bei seinen Untersuchungen äußerst drastische Auswirkungen
institutioneller Pflege von Säuglingen ohne mütterliche Zuwendung. Dadurch kam
er in bezug auf die Frage, ob Hospitalismusschäden reparabel seien, zu einer
pessimistischen Haltung; er meinte, die Schäden seien
nicht rückgängig zu machen.
Für
Kinder mit langer Entbehrung mütterlicher Zuwendung sieht Spitz aus der psychoanalyti-schen Theorie heraus folgenden
Entwicklungsverlauf:
"Ohne eine
Schablone, eine Prägeform, fehlt den Opfern gestörter Objektbeziehungen
(mit-menschlicher Beziehungen) später selbst die
Fähigkeit, Beziehungen herzustellen. Sie sind nicht ausgerüstet für die
fortgeschrittenen, komplizierten Formen des persönlichen und gesell-schaftlichen Austauschs, ohne den wir als Art nicht
fähig wären, weiter zu existieren. Sie kön-nen sich
nicht an die Gesellschaft anpassen. Sie sind emotionelle Krüppel; ... Ihre
Fähigkeit zu normalen menschlichen und sozialen Beziehungen ist gestört; sie
haben niemals Gelegenheit gehabt, libidinöse (gefühlsmäßig liebevolle)
Beziehungen zu erleben und das anaklitische Lie-besobjekt zu konstitutieren
(eine Vertrauen spendende erste Liebesbeziehung zu erleben). ... Das Elend dieser Kinder wird in die Trostlosigkeit der
sozialen Beziehungen des Heranwach-senden umgesetzt.
Da ihnen die affektive Nahrung (gefühlsmäßige Zuwendung) vorenthalten wurde,
auf die sie Anspruch hatten, ist ihr einziges Hilfsmittel die Gewalt. ... Das Kind wurde um die Liebe betrogen, dem Erwachsenen bleibt
nur der Haß". (S.310f.) (In Klammern wurde die
psychoanalytische Ausdrucksweise 'übersetzt'.)
2.3 Die Bedeutung der
Forschungen von Rene Spitz
Seine
Beobachtungen interpretierte Rene Spitz auf einem ausgefeilten theoretischen psychoanaly-tischen entwicklungspsychologischen Hintergrund,
den er sich durch systematische Untersuchun-gen zur
Entwicklung im ersten Lebensjahr erarbeitet hatte.
Dadurch
war Rene Spitz bisher der bedeutendste Entwicklungspsychologe auf dem Gebiet
der Hospitalismusforschung. Seine Forschungen wurden in deutschsprachigen sozialwissenschaftli-chen Richtungen sehr bekannt. Unter
dem Begriff "Hospitalismus“ wurden in der Folgezeit weit-gehend die von
Spitz beschriebenen Auswirkungen eines längeren Heimaufenthaltes von Säug-lingen und Kleinkindern verstanden. Im Funkkolleg
Pädagogische Psychologie 1974 heißt es:
„Entscheidende
theoretische und praktische Impulse erhielt diese Forschungsrichtung (die
Forschung zum Problem frühkindlichen Heimaufenthaltes) jedoch erst durch die
Arbeiten des Kinderpsychoanalytikers Rene Spitz über den Hospitalismus.“
Dieses
Zitat zeigt aber auch, daß die mit Meinhard von Pfaundler geführten pädiatrischen Ausei-nandersetzungen
aus den Jahren um 1910 - 1930 (vgl. 1. Teil in der
vorherigen Ausgabe dieser Zeitschrift) im außermedizinischen
Bereich weitgehend in Vergessenheit gerieten.
Welchen
Stellenwert haben die vor 40 Jahren durchgeführten Untersuchungen von Rene
Spitz nach gegenwärtiger Einschätzung in der Hospitalismus- und
Deprivationsforschung?
9
Die
Untersuchungsergebnisse hatten eine aufrüttelnde Wirkung zunächst im
angloamerikanischen Raum. Psychologen und Pädagogen wurden für das traurige
Schicksal von Kleinkindern aufmerk-sam, die ohne
liebevolle gefühlsmäßige Zuwendung in den ersten Jahren aufwachsen müssen. An
diesem Schicksal wurde deutlich (wie eigentlich schon in dem Experiment des
Kaisers Fried-rich II., s.o.): Zu einer normalen gefühlsmäßigen und intellektuellen
Entwicklung gehört eine zuver-lässige liebevolle
gefühlsmäßige Zuwendung, wie sie meisten von der Mutter gegeben wird.
Im
deutschsprachigen Raum wurden die Untersuchungen von Rene Spitz erst ab etwa
1965 weiter bekannt, als seine Untersuchungsergebnisse erstmals in die deutsche
Sprache übersetzt wurden.
In
Untersuchungen und in weiteren Untersuchungen der Hospitalismusforschung wurde
deutlich:
• Die Auswirkungen des
Hospitalismus hängen einmal von dem Ausmaß der Mutter-Entbehrung ab. Das
Hospitalismussyndrom kann in schwächerem Ausmaß auch in Familien auftreten, wo
Kleinkinder eine gefühlsmäßig liebevolle mütterliche Zuwendung entbehren.
• Die Auswirkungen des
Hospitalismus hängen weiterhin von der Gestaltung der Heim- und Kli-niksbedingungen ab, unter denen Kleinkinder aufwachsen.
Bei Kleinkindern in einem Findel-hauses mit dem Stil
um 1900, wie Rene Spitz es kennengelernt hat, sind
die Entwicklungsbe-dingungen auch durch die starke
Verarmung der dargebotenen Umwelt massiv verschlechtert.
• Auch eine noch so gute
Gestaltung von Heim- und Kliniksbedingungen für
Kleinkinder bietet keine von persönlicher gefühlsmäßiger Zuwendung getragenen
Entwicklungsbedingungen, wie es in einer einigermaßen intakten Familie,
Adoptivfamilie oder Pflegefamilie möglich ist.
2.4 Folgerungen zu positiven Entwicklungsbedingungen für
Kleinkinder
Was
können wir aus den Untersuchungen von Rene Spitz allgemein über eine normale Entwick-lung und Entwicklungsförderung bei Kleinkindern
lernen?
Die
gesamte Entwicklung eines Kleinkindes ist abhängig von dem Ausmaß positiver Entwicklungs-bedingungen, die die Umwelt bietet. Ererbte
Entwicklungsanlagen brauchen zu ihrer konkreten Entfaltung freundliche
anregende Umweltbedingungen.
Zu
einer guten gefühlsmäßigen und intellektuellen Entwicklung gehören
'mütterliche’ persönliche gefühlsmäßige Zuwendung, soziale Kontakte mit
Erwachsenen und Anregungen aus der Umwelt.
Dementsprechend
können sich Kleinkinder von 'verwahrlosten’ Müttern (bei einer Unterstützung
dieser Mütter) bei einer Betreuung ihrer eigenen Mutter insgesamt besser
entwickeln als Klein-kinder, die aus geordneten
sozialen Verhältnissen mit vermutlich 'gutem Erbgut’ stammen, aber aus
irgendwelchen Gründen von ihren Müttern getrennt werden und in ein Heim kommen.
Kleinkinder
von jungen ledigen straffällig gewordenen Müttern können sich der Untersuchung
von Rene Spitz nach viel besser entwickeln, wenn diese Mütter unterstützt
werden in der Betreuung für ihre Kinder, als wenn diese Kleinkinder den Müttern
aus Gründen von 'Verwahrlo-sung’ entzogen und in ein
Heim eingewiesen werden.
Kleinkinder
haben im Alter von etwa 6 Lebensmonaten bei regelmäßiger mütterlicher Zuwendung
eine feste Beziehung zur Mutter bzw. zur betreuenden Mutterperson gebildet.
Deutlich wird dies, wenn Kleinkinder auf fremde Personen, die ihnen aus der
Familie nicht vertraut sind, mit Abwen-dung bzw.
Angstreaktionen reagieren; man spricht vom "Fremdeln"; Rene Spitz
nennt es die "Acht-Monats-Angst".
Kleinkinder
reagieren auf die Trennung von der Mutter heftiger und trauriger, wenn sie
zuvor eine gute Beziehung zur Mutter gebildet haben. Eine starke traurige
Reaktion nach Trennung kann also ein Kennzeichen einer guten vorherigen
Beziehung sein. Demgegenüber ist die passi-ve, nahezu
teilnahmslose Reaktion, die Kleinkinder nach einer längeren Mutter-Entbehrung zei-gen, Zeichen einer inneren Resignation. Bei einer
Aufnahme eines Kindes in ein Heim oder eine Klinik wird manchmal leider noch
der Besuch der Eltern in der ersten Aufnahmephase als uner-wünscht
betrachtet, weil das Kind dadurch ‚aufgewühlt’ würde und seine Trauerreaktionen
aktiviert würden; und die passive teilnahmslose Reaktion wird dementsprechend
als gelungene Anpas-sung an die Heim- und Kliniksbedingungen betrachtet und damit in ihrer Bedeutung
für die ge-fühlsmäßige Entwicklung des Kindes
gründlich mißverstanden.
10
3. Institutionsbedingungen und Intelligenzentwicklung – Untersuchungen von
3.1 Die Untersuchungen
Unter
der Leitung von
In
einer ersten Untersuchung verglichen Skeels u. a.
(1938) Kinder, die über Tag in einer Kinder-krippe
lebten, mit anderen Kindern aus einem Waisenhaus hinsichtlich ihrer
Intelligenz. Nach der Beschreibung des Autors erscheint das Waisenhaus als
äußerst deprivierend: möglichst routinierte und schnelle Pflegehandlungen der
Erwachsenen, die Beschränkung von Interaktionen zwischen Kindern und
Pflegepersonen auf das Notwendigste, kaum Möglichkeiten der Kinder zur freien Be-wegung, wenig Spielzeug, usw. Die Waisenhauskinder
wiesen eine geringere Intelligenz als die Krippenkinder auf, was Skeels auf vielfältig mangelnde Umweltstimulation im
Waisenhaus zurück-führt.
Zu
einer weiteren bedeutsamen Untersuchung mit Experimentalcharakter wurde Skeels durch eine überraschende, nicht erwartete
Beobachtung stimuliert:
Zwei
Mädchen im Alter von 13 und 16 Monaten, die geistig sehr zurückgeblieben
erschienen, er-hielten die Diagnose „unheilbar“ und
wurden deshalb als hoffnungslose Fälle in ein Heim für "schwachsinnige“
Mädchen und Frauen im Alter von 18 - 50 Jahren überwiesen; in diesem Heim
entwickelten sich die Mädchen überraschend positiv: nach sechs Monaten
erschienen sie aufge-weckt, fröhlich, mit den
Erwachsenen spielend, sie hatten einen geistig normalen Entwicklungs-stand
erreicht, der auch in den folgenden Jahren bei weiterem Aufenthalt im Heim
konstant blieb.
Die
Ursache für diese positive Entwicklung lag darin, daß
die beiden Kleinkinder bei den retardier-ten Frauen
im Mittelpunkt standen und viel Zuwendung von ihnen erfuhren. Aufgrund dieser Beo-bachtung wurden 13 weitere intelligenzmäßig
stark retardierte Kinder (durchschnittlicher IQ: 64), die seit Geburt im
Waisenhaus lebten, im Alter von 8 - 35 Monaten in das Heim für die retardierten
Frauen überwiesen, wie sie von diesen Frauen betreut wurden und beträchtliche
affektive Zuwen-dung erfuhren. In Form einer
Längsschnittstudie wurde die Intelligenzentwicklung dieser Kinder untersucht
und mit der Intelligenzentwicklung einer Kontrollgruppe von 12 Kindern
verglichen, die bei der ersten Untersuchung 12 - 22 Monate alt waren und dabei
eine relativ bessere Intelligenz aufwiesen (durchschnittlicher IQ: 87). Diese Kinder blieben mindestens zwei weitere Jahre in dem
Waisenhaus. Die in das Heim für retardierte Frauen überwiesenen Kinder der
Experimentalgruppe zeigten bei einer späteren Intelligenzuntersuchung nach 1- 2
Jahren einen Anstieg der Intelligenz (durchschnittlicher IQ: 92). Kinder, die bei der Überweisung schon 2 Jahre alt waren,
zeigten auch einen deutlichen Intelligenzanstieg, aber nicht so stark wie bei
den im früheren Alter überwiesenen Kindern. Im Gegensatz zur Experimentalgruppe
fiel der IQ bei den Kindern der Kontrollgruppe bis zum Alter von 3 - 4 Jahren
deutlich (durchschnittlicher IQ: 61). 10 Kinder der
Experimentalgruppe wurden im Alter von 4 - 6 Jahren adoptiert; ihre Intelligenz
stieg weiter an bis zu einem durch-schnittlichen IQ
von 101. Die zwei restlichen Kinder der Experimentalgruppe blieben im Heim für
die retardierten Frauen, mit der Folge, daß ihre
Intelligenzentwicklung Rückschritte machte.
Die
Mitglieder der Experimentalgruppe und der Kontrollgruppe wurden 20 - 25 Jahre
später im Erwachsenenalter noch einmal aufgesucht und in bezug auf ihren
Lebensweg und ihren gegenwärtigen Status interviewt. Die Unterschiede zwischen
der Experimental- und der Kontrollgruppe, die zunächst intelligenzmäßig
festgestellt waren, hatten sich deutlich verfestigt. Die Mitglieder der
Experimentalgruppe zeigten eine positive Integration in das gesellschaftliche
Leben: kein antisoziales, delinquentes oder psychiatrisch auffälliges
Verhalten, nahezu alle verheiratet, beruflich integriert in die Mittel- oder
Arbeiterklasse; ihre Kinder, 28 Kinder der 10 verheirateten Mitglieder, wiesen
alle eine normale Intelligenz auf, besondere Schulschwierigkeiten wurden von
ihnen nicht berichtet.
11
Demgegenüber
wiesen die Mitglieder der Kontrollgruppe eine deutlich negativere Entwicklung
auf. Zunächst kamen sie nicht in Pflege- oder Adoptivfamilien, sondern erlebten
in ihrem Werdegang mehrere Heime hintereinander. Zum Zeitpunkt des letzten
Interviews lebten 4 Personen immer noch in Institutionen, vorwiegend
psychiatrischer Art; die anderen waren unbeschäftigt oder ver-richteten
einfache Aushilfs- und Gelegenheitsarbeiten. Nur ein Mann war verheiratet und
hatte sich beruflich bis zu einer hochspezialisierten technischen Tätigkeit
hochgearbeitet. Nach weiteren In-formationen über den
Werdegang dieses "Ausnahmefalles" wurde die Person im Alter von 6 Jah-ren bei gesunkener Intelligenz (IQ = 67) im Rahmen
einer Promotionsarbeit über Sprachtraining und kognitive Entwicklung einem
intensivem Stimulationsprogramm unterworfen und wegen eines Sinnesdefektes in
eine Spezialschule überführt, wo sie die besondere Aufmerksamkeit einer
Betreuerin erweckte und in ihre Familie einbezogen wurde.
In
einer weiteren Untersuchung hat Skeels (1948) die
Intelligenz von insgesamt 241 Kindern in verschiedenen Altersstufen untersucht,
die alle vor dem 6. Lebensmonat ins Heim und alle vor dem 24. Monat, meistens
aber auch in den ersten 6 Monaten, in eine Adoptivfamilie kamen. Die
Kindeseltern stammten durchweg aus der unteren Unterschicht – geringe
Intelligenz der Kindes-mutter und/oder Status eines
ungelernten Arbeiters beim Kindesvater –; die Adoptiveltern hatten dagegen
einen Mittelschichtsstatus. Intelligenzmäßig
glichen sich die Kinder den Adoptiveltern an, d. h. sie hatten ein gut
durchschnittliches Intelligenzniveau.
3.2 Auswertungen der Untersuchungen zur
Intelligenzentwicklung
Die
Untersuchungen von Skeels und seinen Mitarbeitern
sind bisher die einzigen Längsschnittstu-dien, wo das
Schicksal von Menschen, die in den ersten Jahren ihres Lebens in verschiedenen
Heimen lebten, bis in Erwachsenenalter hinein verfolgt wurde. Letztlich können
nur solche Studien zuverlässigen Aufschluß darüber
geben, welche Bedeutung verschiedene Sozialisationsbedingun-gen
für die gesamte Entwicklung haben und in welchem Ausmaß deprivierende Lebenserfahrun-gen durch Formen frühkindlicher
Heimerziehung schädlich sind. Es ist deshalb ein wenig schade, daß sich die Forschungsgruppe auf die Untersuchung der
intellektuellen Entwicklung und allge-meinen sozialen
Anpassung beschränkt hat und Aspekte von sozialem Verhalten und von Persön-lichkeitscharakteristika kaum berücksichtigt hat.
Folgende
wertvolle und gültige Schlüsse lassen sich aus diesen Untersuchungen ziehen:
a) Das
Ausmaß an allgemeiner quantitativer Umweltstimulation und an qualitativer
affektiver Zu-wendung von Erwachsenen ist
entscheidend für die Intelligenzentwicklung. Ein Mangel an Um-weltstimulierung
und affektiver Zuwendung, wie er in den meisten Heimen vorhanden ist, kann eine
anfangs noch durchschnittlich verlaufende Intelligenzentwicklung einschränken
und das Intel-ligenzniveau sinken lassen auf das
Niveau von Debilität, wenn das Kind zur Zeit der Heimeinwei-sung
noch nicht 2 Jahre alt ist. Ebenso kann aber auch der Wechsel in eine soziale
Umwelt, in der das Kind affekttive Zuwendung erfährt,
deutlich positive Veränderungen in der Intelligenzentwick-lung
hervorrufen. Dabei scheint die intelligenz- und persönlichkeitsmäßige
Qualität der Erwachse-nen, von denen das Kind
affektive Zuwendung erfährt, von untergeordneter Bedeutung zu sein.
b)
Intelligenzretardationen sind heilbar, aufholbar, wenn sie durch deprivierende
Erfahrungen be-dingt sind. Selbst wenn die
Überweisung in eine anregendere soziale Umwelt erst im 3. Lebensjahr erfolgt
oder wenn gar mit einem Spezialtraining erst im 7. Lebensjahr bei zusätzlicher Eingliede-rung in eine sich affektiv zuwendende
mitmenschliche Umgebung begonnen wird - nach dem Schicksal des einen Mannes in
der Kontrollgruppe -, können intelligenzmäßig
retardierte Kinder große Fortschritte bis hin zu einem gut durchschnittlichen
Intelligenzniveau machen. Eine Progno-se
"unheilbar“ erscheint von daher für die frühe Kindheit grundsätzlich
ungerechtfertigt, falls keine organischen Defekte nachweisbar sind.
c) Auf eine stark deprivierende
Heimerziehung, die im ersten oder zweiten Lebensjahr beginnt und nahezu
unterbrechungslos die ganze Kindheit andauert, folgt ein sehr niedriger
gesellschaftlicher Status, der zur unteren Unterschicht oder zum
Lumpenproletariat gerechnet wird, wo die Möglich-keit
gesellschaftlicher Anerkennung auf ein Minimum reduziert ist.
12
Literatur
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HELLBRÜGGE, Theodor
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– 404
LANGMEIER, Josef & MATEJCEK, Zdenek
„Psychische Deprivation im
Kindesalter. Kinder ohne Liebe"
München (Urban & Schwarzenberg) 1977
LAUSCH, Erwin
„Nicht lachen, nicht
weinen, nur schreien"
Folge III:
"Heimkinder leiden an unheilbaren Verhaltensstörungen"
in: Die Zeit, 28, 1973,
Nr. 44, S.68-69
MEIERHOFER, M. & KELLER, W.
„Frustration im frühen
Kindesalter“
Bern 1970
PECHSTEIN, Johannes
„Umweltabhängigkeit der
frühkindlichen zentralnervösen Entwicklung"
Stuttgart (Thieme) 1974
REYER, Jürgen
„Sozialwaisen und
Ersatzerziehung"
Rheinstetten (Schindele-Verlag) 1976
RIELÄNDER, Maximilian
„Auswirkungen von
frühkindlichen Heimaufenthalten und Trennungserfahrungen auf
das soziale
Selbstbild"
Diplomarbeit in
Psychologie an der Universität Gießen 1975
SKEELS,
„A Study of differential stimulation on mentally
retarded children”
in: American Journal of
Mental Deficiency, 66, 1942. S. 340 - 350
SKEELS,
„Adult status with children with contrasting early
life experiences”
Monography Social Research Child
Development, 31, Nr. 105, 1966
SKEELS,
„Children with inferior histories: Their mental
development in adoptive homes”
in: Journal of General
Psychology, 72, 1948. S. 283 - 294
SPITZ, Rene
„Vom Säugling zum
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ersten Lebensjahr“
Stuttgart
(Klett-Verlag), 5. Auflage 1976