JIM PULLARO
DIE INTEGRATION VON
ANGSTERINNERUNGEN
(FEAR MEMORY INTEGRATION)
Eine naturheilkundliche
Alternative
zu konventionellen
Psychotherapien
(ÜBERSETZT VON MARCEL BAMBERG)
Die
Neurose ist kein medizinisches Problem, sondern eine chronische funktionale
Störung des autonomen Nervensystems, die durch Umweltbedingungen entsteht, und
das schon im Mutterleib. Sie wird verursacht durch das Einprägen und das
ständige Hochkommen und Verdrängen von Angsterinnerungen. Das so entstehende
Ungleichgewicht stört die Fähigkeit des Nervensystems, korrekt auf den
gegenwärtigen sensorischen Input zu reagieren, und führt zu einer Vergiftung
des autonomen Nervensystems. Die Versuche des Nervensystems, sich zu entgiften,
führen dann zu ständigen übertriebenen autonomen Reaktionen wie Wut, Angst und
Depression.
Die
Neurose kann durch das absichtliche Hochholen der Angsterinnerungen geheilt
werden, sofern der jeweils hochkommende Teil des Materials klein genug ist, um
noch ganzheitlich integriert zu werden. Dieser Prozess kehrt den
Vergiftungszustand des autonomen Nervensystems um und beseitigt auf diese Weise
übertriebene Stimmungsschwankungen. Dadurch wird auch die neurotische Spannung
und das durch sie bedingte Ausagieren reduziert, und zwar in direktem
Verhältnis zu dem Ausmaß an Angsterinnerungen, die verarbeitet wurden. All die
Symptome, die gegenwärtig katalogisiert und und in getrennte und sich
überschneidende Kategorien seelischer Störungen aufgeteilt werden, sind in
Wirklichkeit die je eigenen, erlernten Reaktionen der Person auf das
automatische Hochkommen ihrer Angsterinnerungen. Das neurotische Ausagieren ist
ein Symptom, eine Projektion der ständig aktiven Angstreaktion auf die
gegenwärtige Situation.
1
EINLEITUNG
Ziel
dieser Arbeit war es, die Natur der Neurose theoretisch zu erforschen, noch
spezifischer: ihre Ursache, und wie man sich auf eine wirksame Weise
naturheilkundlich mit dieser Ursache befassen kann. Vor diesem Projekt hatte
ich mich am Primal Center von Arthur
Janov drei Jahre lang einer Primärtherapie unterzogen. Während dieser Zeit
merkte ich, dass mein emotionales Leben sich spürbar verbesserte, und das, ohne
psychotrope Medikamente oder ein Verhaltensmodifikations-Programm in Anspruch zu
nehmen. Mich interessierte es herauszufinden, wieso es zu diesen mir
willkommenen Veränderungen kommen konnte. Dieses Buch ist mein Versuch zu
begreifen, weshalb diese naturheilkundliche Therapie so wirksam ist.
Das
Diagnostische und Statistische Handbuch psychischer Störungen (DSM-IV) aus dem
Jahr 2005 listet mehr als 340 separate psychische Störungen auf, und das sind
120 mehr als sein Vorgänger, das DSM-III-R.
Emotionale
Störungen machen einen Großteil der häufigsten psychischen Störungen aus. Und
viele von ihnen stehen in Beziehung zum Angstsystem des Gehirns.
Laut
Angaben des Public Health Service sind etwa 50 % der psychischen Probleme, die
in den USA erfasst werden (ohne diejenigen, die mit Drogen- und
Medikamentenmissbrauch zusammenhängen) auf Angststörungen zurückzuführen, wobei
diese auch Phobien, Panikattacken, PTSS (posttraumatische Stressstörung, PTSD: Post-traumatic stress disorder),
Zwangsstörungen und allgemeine Angstzustände umfassen1.
Die
moderne Psychiatrie ist dem Vorbild der medizinischen Berufe in ihrer Suche
nach Krankheitsprozessen als Ursache von „Geisteskrankheiten“ gefolgt. Zurzeit
sehen die Psychiater einen unterentwickelten orbitofrontalen Gehirnlappen als
mögliches Beispiel einer neurotischen Pathologie an.2 Auch bringt
man das veränderte Niveau unterschiedlicher Neurotransmitter mit verschiedenen
psychischen Störungen, etwa der Depression, in Verbindung. Man nimmt an, dass
diese Veränderungen genetisch bedingt sind.
Wenn
die Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe versagen, kann das zu einer starken
Verringerung der orbitofrontalen Neuronen während der kritischen Wachstumsphase
führen. Und man hat argumentiert, dadurch sei der Orbitofrontallappen kleiner
als normal, und das könne einen pathologischen Prozess einleiten, der dann
später im Leben zur Neurose führe. Eine der Funktionen dieses Gehirnbereichs
besteht in der Impulskontrolle, und wenn diese schwächer ist, bewirkt dies abnormes Verhalten. Man muss allerdings
fragen: Was für Impulse werden zu wenig kontrolliert?
Ist
der Spiegel verschiedener Neurotransmitter im Gehirn, wie etwa Serotonin, niedrig,
so bringt man das in Zusammenhang mit Störungen wie der großen Depression.
Fragt man dann, weshalb diese Werte niedrig sind, so ist die Antwort, man
vermute, dass es sich dabei um ein genetisches Problem handle. Wiederum geht
man davon aus, dass eine Pathologie besteht, die eine normale Produktion von
Serotonin bei sensiblen Menschen verhindere; doch bis heute gibt es keine
Hinweise auf eine solche Pathologie.
Serotonin
ist ein Schmerzkiller. Der menschliche Körper produziert es ebenso wie fünfzig
andere ebenso wirksame Schmerzkiller auf natürliche Weise.3 in jeder
Sekunde unseres Lebens steuert unser Körper Millionen chemischer Reaktionen
sehr erfolgreich. Wieso sollte er nicht genug Serotonin produzieren können? Da
Serotonin ein Schmerzkiller ist, wäre es wohl logischer, die Erschöpfung der
Serotoninreserven bei manchen Menschen dadurch zu erklären, dass diese Menschen
ihre normalen Serotoninvorräte in einem Prozess exzessiver Schmerzkontrolle
aufbrauchen. Was ist die Ursache dieser Schmerzen? Es ist eindeutig, dass die
Argumentation in den beiden angeführten Fällen sich nicht mit kausalen
Prozessen befasst.
Weil
die Forscher keine eindeutige Pathologie finden konnten, hat man im Bereich der
seelischen Gesundheit einen atheoretischen Behandlungsansatz gewählt. Das
heißt, man macht keine Annahmen über die Ursache einer bestimmten Krankheit. Und
tatsächlich definiert das DSM-IV eine psychische Störung jetzt als „ eine
klinisch bedeutsame Ansammlung von
Symptomen, die dazu führt, dass ein Mensch leidet oder behindert ist, oder einem
erhöhten Risiko von Leiden, Behinderung, Tod oder Freiheitsverlust ausgesetzt
ist.“4 Auf diese Weise können die Spezialisten dann davon ausgehen,
dass eine Pathologie besteht, und den Menschen entsprechend behandeln, ohne
diese Pathologie real nachweisen zu müssen. Aus dieser Definition der
psychischen Störung ergibt sich ganz eindeutig, dass die konventionelle
Psychotherapie sich mit der Behandlung von Symptomen begnügt hat. In diesem
„allopathischen“ Modell behandelt der Therapeut die Symptome (das Verhalten) so,
als seien sie die Krankheit, und er setzt eine verhaltenstherapeutische
und/oder medikamentöse Behandlung ein, um diese Symptome zu bekämpfen oder zu
beseitigen.
Diese
Behandlungsmethoden können zwar die Symptome abschwächen, doch heilen können
sie nicht. Schneidet man bei einem Unkraut die Blätter ab, so ist für jeden
Menschen klar, dass sich neue Blätter entwickeln werden. Um das zu verhindern,
muss man die Wurzeln entfernen. In Wirklichkeit führt das Zurückschneiden der
Blätter sogar dazu, dass das Unkraut noch mehr neue Blätter entwickelt. Im
Bereich der psychologischen Behandlung wird dies durch die Tatsache belegt,
dass man bei einer medikamentösen Behandlung das Medikament periodisch ändern
oder die Dosis erhöhen muss, um das gleiche Resultat zu erzielen. Und bei einer
verhaltenstherapeutischen Behandlung muss die Person ihr ganzes Leben lang
gruppentherapeutisch betreut werden. Oder aber sie ersetzt das ursprüngliche
dysfunktionale Verhalten durch andere Formen dysfunktionalen Verhaltens. Die
menschliche Psyche ist eingebettet in natürliche Prozesse. Auch wenn es so
scheinen mag, als würde die Behandlung der Symptome das Problem lösen, da die
Symptome ja zurückgehen, besteht doch der zugrunde liegende Prozess, der
überhaupt erst zu den Symptomen geführt hat, weiter. Eine symptomatische
Behandlung begünstigt lediglich die Chronifizierung der Krankheit. Und die
Neurose ist eine chronische Krankheit.
Die
community der Naturheilkundler definiert
Krankheit als ein Ungleichgewicht in der Harmonie zellulärer Prozesse, das
durch einen der Krankheit zugrunde liegenden Zustand von Vergiftung (toxicosis) hervorgerufen wird. Sie vertreten
den Standpunkt, das Neugeborene trage so ziemlich jeden gefährlichen
Mikroorganismus in sich, den es nur gibt. Wenn die Krankheitserreger-Theorie (germ theory) zutrifft, wie ist es dann
zu erklären, dass die meisten Kinder nicht an den Folgen bösartiger Krankheiten
sterben? Seit Hunderttausenden von Jahren werden die Menschen in diese „gefährliche“
Umwelt hinein geboren, und doch ist Krankheit ein relativ seltenes Ereignis.
Wie kommt es, dass wir nicht alle die ganze Zeit krank sind? Seit jeher vertreten
die Naturheilkundler die folgende Überzeugung: Vorausgesetzt, der menschliche
Körper bekommt, was er braucht, um sein gesundes Funktionieren aufrecht zu erhalten,
erlaubt dieses Funktionieren, das während der Millionen von Jahren der
Evolution fein abgestimmt wurde, den Auswirkungen gefährlicher Substanzen
nicht, sich so stark im Körper zu verbreiten, dass es zu einer Krankheit kommt.
Es ist das Zusammentreffen von ungesunder
Ernährung und unzureichender zellulärer Entgiftung, welches das Umfeld für die
Entstehung von Krankheiten schafft.
Seit
mehr als dreihundert Jahren wissen die Menschen um die zelluläre Grundlage des
Lebens. Niemand stellt die Gültigkeit dieses Wissens in Frage. Doch aus
irgendeinem Grund bestimmt dieses Wissen die psychotherapeutische Praxis nicht.
Jedes
Lebewesen taucht aus der Energiestruktur seiner Umwelt als einzelne Zelle auf;
diese spaltet sich schnell in Billionen von Zellen auf, die alle buchstäblich
in einem Meer von nährstoffreichem Wasser schwimmen. Um jede dieser Zellen
herum gibt es einen riesigen Ozean, und sie alle arbeiten harmonisch zusammen.
Das Individuum besteht aus der
harmonischen Zusammenarbeit der Zellen. Das Herz schlägt und setzt damit diesen
Ozean in Bewegung, und dieser umspült ständig die Membran dieser Billionen von Zellen.
Ständig bringen die Arterien Nährstoffe durch die Zellmembran hindurch, und
jede Zelle nimmt sie auf, um sie bei ihren Zellprozessen zu nutzen. Dabei
erzeugen die Zellen giftige Abfallprodukte, und diese werden durch die
Zellmembran hindurch aus der Zelle nach außen befördert, wo sie von den Venen
weggespült werden. Diese Abfallprodukte strömen dann zur Membran unserer
Entgiftungsorgane, durch diese Membran hindurch und dann in die Umwelt. Diese
Entgiftungsprozesse sind so entscheidend für das reibungslose Funktionieren der
Zellprozesse, dass unser Körper schätzungsweise 80 % unserer täglichen
Energieproduktion für diese Aufgabe aufwendet.5
Auf
der zellulären Ebene ist das Individuum also für alles, was es für die richtige
Entfaltung seiner genetischen Struktur braucht, von der Umwelt abhängig, in die
es eintaucht. Und die Natur dieser
Umgebung bestimmt, wie sich dieser genetische Kode ausdrückt. Das
Individuum entwickelt sich, und so entsteht in ihm der phänomenologische oder
gefühlte Eindruck, dass es „gesund ist“, und dies aufgrund des reibungslosen
Funktionierens dieser synergetischen Beziehung. Aus naturheilkundlicher Sicht
sind „Gesundheit“ und die „reibungslose Integration von Objekt und Umgebung“
Synonyme.
Damit
ist klar, dass die Zelle und ihre Umgebung – das Individuum und seine Umgebung
– interagierende Aspekte eines einzigen, unteilbaren Prozesses sind. Das alte
chinesische Begriffspaar von Yin und Yang bringt diese Beziehung perfekt auf
den Begriff.
Wenn
seine Umgebung wirklich die eine Hälfte eines Individuums ausmacht, wieso
weigern sich dann so viele Menschen, die Qualität dieser Umgebung als mögliche
Quelle für die Entstehung von Krankheitszuständen in Betracht zu ziehen?
Die
medizinische Wissenschaft wird seit mehr als 70 Jahren von der Theorie
beherrscht, dass Menschen deshalb krank werden, weil sie Opfer von
Krankheitserregern sind. Baker vertritt dagegen die Meinung, dass „Menschen
krank werden aufgrund einer Störung des dynamischen Gleichgewichts, das
zwischen ihnen und ihrer Umwelt besteht.“6
Vor
35 Jahren entwickelte der Psychologe Arthur Janov eine naturheilkundliche
psychologische Theorie, die postuliert, dass der Entstehung der Neurose
Umweltfaktoren zugrunde liegen. Er behauptete, er könne eine Behandlungsmethode
anbieten, die nicht die Symptome behandle, sondern die Neurose heilen könne.
Kürzlich wurden Forschungsergebnisse veröffentlicht, die, ohne seine Arbeit zu
erwähnen, seine Theorien zu spiegeln und zu untermauern scheinen. Es ist an der
Zeit, ein naturheilkundliches Modell der Neurose erneut zu überprüfen, das
verspricht, die Neurose zu heilen, statt ein Leben lang lediglich ihre
chronischen Verhaltenssymptome zu behandeln.
Janov
hat seine Behandlungsmethode Primärtherapie genannt. Dr. Janov arbeitet seit
über 35 Jahren mit seiner Therapie und hat dabei eine Menge Daten gesammelt, die
konkret und wissenschaftlich nachweisbar die Wirksamkeit seines
Behandlungsprogramms zu belegen scheinen. Anders als seine psychotherapeutischen
Kollegen postuliert Janov eine klare Ätiologie der Neurose, und seine
Behandlung setzt sich zum Ziel, sich mit dieser Ursache und nicht nur mit den
Symptomen zu befassen. Janovs Neurosekonzept geht davon aus, dass dabei konkrete neurobiologische Prozesse im Spiel
sind. Da die psychologische community
heute verlangt, die Erforschung psychischer Störungen (mental illness) müsse auf beobachtbaren Phänomenen und
wissenschaftlich gültigen Daten beruhen, verdienen seine Ideen es, von dieser community genau untersucht zu werden.
Das ist bisher nicht geschehen.
Ich
hoffe, dieses Buch hilft dabei, einen genaueren Blick auf Janovs Daten
anzuregen. Ich verstehe unter dem Begriff „Neurose“ hier alle funktionalen emotionalen Störungen, die keine erkennbare biologische
Ursache haben. Diese Definition schließt alle organischen Störungen aus, schließt
aber die Störungen ein, die heute mit einem angenommenen chemischen
Ungleichgewicht des Gehirns in Verbindung gebracht werden. Diese Kategorie ist
entscheidend, und zwar wegen Janovs einzigartiger Theorie zur Entstehung
solcher Formen von chemischem Ungleichgewicht (er ist davon überzeugt, dass sie
ebenfalls Symptome sind). In diesem Buch stelle ich Belege vor, die ich in
aktuellen Forschungsberichten zur Bildung und zum Hochkommen von Angsterinnerungen
sowie zur PTSS (Posttraumatische Stressstörung) gefunden habe, und die Dr.
Janovs Theorien stützen.
Janovs
Theorien postulieren die Existenz von sehr spezifischen (unique) und primitiven Körpererinnerungen; deshalb habe ich, um
diesen Begriff zu klären, eine allgemeine Theorie der Erinnerung entwickelt.
Um
Janovs Begriffswelt zu verstehen, braucht man ein grundlegendes Verständnis
dafür, wie wichtig die Qualität der Umgebung des sich entwickelnden Kindes für
seine psychosoziale Entwicklung ist. Das setzt ein tiefes ökologisches
Verständnis der menschlichen Entwicklung voraus. Ich gebe im Buch ein Beispiel
einer solchen Entwicklungstheorie.
Ich
stelle auch eine Theorie vor, die eine mögliche neurologische Basis für Janovs
Theorien darstellt. Diese Theorie
postuliert, dass das Hochkommen (retrieval)
und die Verdrängung einer chronischen Angsterinnerung einen Prozess endogener
Vergiftung des Nervensystems verursachen. Das heißt, aufgrund seines durch
Umweltfaktoren bedingten Verhaltens ist das Individuum aktiv an der Vergiftung
seines Nervensystems beteiligt.
Sobald
man verstanden hat, dass das Hochkommen und die Verdrängung einer chronischen
Angsterinnerung und als Folge davon eine Nervenvergiftung die Ursachen der
Neurose sind, stellt man sich wohl auch die Frage: Wie kann dieser Prozess
rückgängig gemacht werden? Als Antwort auf diese Frage biete ich eine Hypothese
zur naturheilkundlichen Ätiologie der Neurose an und auch einige grundlegende
Richtlinien für eine naturheilkundlichen Umkehrung des neurotischen Prozesses.
Nachdem
ich die Primärtherapie innerhalb des operationellen Rahmens des naturheilkundlichen
Denkens untersucht habe, diskutiere ich ihre grundlegenden Voraussetzungen als einer
naturheilkundlichen Therapie.
Während
meiner Studien habe ich das Praktikum für meine Doktorarbeit benutzt, um eine
zwölfwöchentliche Längsschnittuntersuchung von drei Männern zu machen, die sich
bereit erklärten, an einem Programm primärer Begleitung (facilitation) teilzunehmen. Ziel der Untersuchung war es, Janovs
Behauptung zu überprüfen, der Prozess der Primärtherapie führe bei dem
Patienten zu objektiv überprüfbaren Veränderungen in Richtung einer
Normalisierung der Vitalwerte. Die Resultate meiner Untersuchung finden sich im
Anhang.
2
LITERATURÜBERBLICK
DIE EINPRÄGUNG (IMPRINT)
Arthur
Janov, Ph. D., wurde in der Tradition der Freudschen Psychotherapie ausgebildet.
Die Freudianer glaubten, dass frühe Kindheitstraumata im späteren Leben irgendwie
eine Neurose verursachen. In seinen frühen Jahren glaubte Freud, die Berichte
seiner Patientinnen über sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit seien eine
Beschreibung des tatsächlichen Geschehens. Doch aus unterschiedlichen Gründen gewann
er später der Eindruck, diese Berichte seien das Resultat der Tendenz von
Kindern zu fantasieren. Daraufhin entwickelte er intellektuelle Konstrukte, um
erklären zu können, weshalb Kinder dazu neigen, über sexuellen Missbrauch in
ihrer Kindheit zu fantasieren. Ödipus- und Elektrakomplex waren zwei von diesen
intellektuellen Konstrukten. Diese Entscheidung von Freud verbannte
neurotisches Verhalten in den Bereich unsichtbarer psychischer Kräfte, und das
führte schließlich dazu, dass die psychotherapeutische (mental health) community
seine Definition der Neurose in den achtziger Jahren verwarf. Schon bei der
Veröffentlichung des DSM III hatten die Herausgeber beschlossen, den Begriff
„Neurose“ nicht mehr zu verwenden. Zu dieser Zeit bemühten sich die Psychiater
bewusst darum, ihre Diagnose „auf beobachtbare Phänomene (z. B. auf das
Verhalten) und wissenschaftlich gültige Daten“1 zu stützen. Und da
die Neurose, wie die Freudianer den Begriff gebrauchten, die Wirkung
unsichtbarer psychischer Prozesse voraussetzte, passte sie nicht mehr in das
aktuelle Modell.
Wie
der junge Freud glaubte auch Janov, dass die Berichte seiner Klienten über
Kindheitstraumata real waren. Doch wenn diese frühen Traumata tatsächlich real
waren, wie war es dann zu erklären, dass sie auch noch das Leben des
Erwachsenen beeinträchtigten? Wie konnten die negativen Kindheitserfahrungen
all diese Jahre überdauern? Anders als Freud, der intellektuelle Konstrukte zur
Erklärung dieses Phänomens entwickelte, begann Janov, nach wissenschaftlich überprüfbaren
Prozessen dafür zu suchen. Worin besteht der neurobiologische Mechanismus der
Neurose?
Janov
postulierte die Existenz einer „speziellen Kategorie von Erinnerungen“, die er
Einprägungen (imprints) nannte:
„Einprägungen, wie ich den Begriff benutze, sind verdrängte Erinnerungen, die ihren Weg in das biologische System finden und zu Funktionsverzerrungen führen. Diese Verzerrungen können sowohl organisch als auch psychisch sein. Die Einprägungen bilden sich in der frühen Kindheitsentwicklung und lassen etwa nach dem Alter von zehn Jahren deutlich nach.“2
Janov behauptet, dass diese speziellen Körpererinnerungen, sobald sie sich fixiert haben, das gegenwärtige Verhalten des Menschen ständig stören, und das ein Leben lang. Sie mischen sich in alltägliche Aktivitäten ein, und die Person reagiert ständig auf diese aufdringlichen eingeprägten Erinnerungen. Dadurch erscheint das Verhalten in der Gegenwart verzerrt. Wie Janov sagt: (Beim neurotischen Ausagieren) ist das Gefühl, auf das die Person reagiert, korrekt, doch der Kontext des Gefühls ist falsch.
Janov ist überzeugt, dass das Kind mit dem Aufzeichnen dieser „Körpererinnerungen“ schon 26 Wochen nach der Empfängnis beginnen kann, wenn die elektrische Aktivität des zerebralen Kortex gut ausgebildet ist.3
DAS GEDÄCHTNIS
Mit
Hilfe des Gedächtnisses erlaubt uns die Natur, unsere Erfahrungen in die
Zukunft zu projizieren. Henderson vermutet, dass das menschliche Nervensystem
zwei sehr unterschiedliche Methoden hat, ein Ereignis zu speichern.4
Wàhrend unserer Zeit im Mutterschoß und in den ersten sechs Lebensjahren
funktioniert ein sehr primitives Gedächtnissystem. Es speichert Erfahrungen in
Form von angenehmen oder schmerzhaften sensomotorischen Empfindungen, und die
Person reagiert automatisch darauf.
Wenn
man sich an eine solche Erfahrung erinnert, erlebt man die körperlichen
Empfindungen und die reflexiven Körperbewegungen wieder, die man während des
ursprünglichen Ereignisses empfand, als die Erinnerung sich bildete. Diese Art
Gedächtnis nennt Henderson das dispositionelle bzw. implizite Gedächtnis.
Henderson
behauptet, unser ganzes emotionales Leben als Erwachsene, unsere Fähigkeit,
spontan angenehme und schmerzhafte Gefühle und Emotionen zu spüren, beruhe auf
dem Inhalt dieses sensomotorischen Gedächtnisses. In diesem Buch bezeichne ich
dieses frühe Gedächtnissystem konsequent als Gedächtnissystem der Amygdala bzw. als implizites Gedächtnissystem.
Nach
Hendersons Theorie funktioniert dieses Gedächtnissystem nur solange, bis ein
zweites, höher entwickeltes Gedächtnissystem herangereift ist. Dieser Übergang
von einem primitiven zu einem höher entwickelten Gedächtnissystem geschieht im
Alter von 5-6 Jahren, wenn die Strukturen des Hippokampus ganz myelinisiert
sind. Danach werden alle Erinnerungen als gefühlsneutrale, visuelle
Repräsentationen gespeichert. Darüber hinaus haben diese höher entwickelten
Erinnerungen automatisch Zugang zu den logischen Funktionen der linken
Gehirnhemisphäre, sobald der corpus
callosum ganz myelinisiert ist, und das ist mit etwa 10 Jahren der Fall.
Ich
bezeichne dieses reifere Gedächtnissystem als das Gedächtnissystem des Hippokampus. Wenn man eine
Hippokampus-Erinnerung hat, und diese ein Gefühl oder eine Empfindung hoch
bringt, dann deshalb, weil sie mit einer oder mehreren dieser früheren (Amygdala-)Erinnerungen
verknüpft ist (sie teilen ein gemeinsames Gefühl). Henderson glaubt, dass, sobald
das Gedächtnissystem des Hippokampus voll funktionsfähig ist, das Gedächtnissystem
der Amygdala zu einem Artefakt wird und nur mehr als „Lager“ für sehr frühe,
sensomotorische und emotionale Erinnerungen funktioniert.
Meine
Untersuchungen haben mich zu der Annnahme geführt, dass das Gedächtnissystem
der Amygdala auch nach der Reifung des Gedächtnissystems des Hippokampus
weiterhin aktiv ist, doch nur als Schutzmechanismus, um die sich entwickelnde
Selbstwahrnehmung vor dem ständig präsenten desintegrativen Potenzial
traumatischer Lebenserfahrungen zu schützen.
Als Primärerinnerung bezeichnet man
jede Erinnerung, die das Gedächtnissystem der Amygdala, d.h. das erste (oder
primäre) Gedächtnissystem gespeichert hat. Diese Erinnerung wird vor der
Reifung des Gedächtnissystems des Hippokampus einkodiert, und es kann sich
dabei um eine angenehme oder um eine Angst-Erinnerung handeln (auf diesem
Entwicklungsniveau kann eine Erfahrung nur so gespeichert werden). Wird die Erinnerung
nach der Reifung des zweiten Gedächtnissystems gespeichert, so handelt es sich
(ausschließlich) um eine Angst-Erinnerung.
DIE SPEICHERUNG DER ERINNERUNGEN
Eine
Theorie darüber, wie Erinnerungen gespeichert werden, besagt, dass alle
Informationen, die ins Nervensystem gelangen, elektrischer Natur sind. So
genannte Kurzzeiterinnerungen können auf diesem Niveau vorübergehend (als eine bestimmte elektrische
Konfiguration im Gehirn) gespeichert werden. Danach stimulieren diese
elektrischen Impulse innerhalb der Nervenbahnen irgendwie die DNA in jeder
Nervenzelle und veranlassen sie, RNA in die Zelle auszusenden, und zwar mit dem
Auftrag, spezifische Protein-Erinnerungs-Moleküle zu produzieren, gewöhnlich
auf der Zelloberfäche. Diese neu gebildeten Proteinmoleküle speichern dann irgendwie
eine Langzeiterinnerung, die später abgerufen werden kann.5 Neueste
Untersuchungen zum Hochkommen von Angsterinnerungen bestätigen diese Theorie.
Das
Nervensystem kann nicht nur Erfahrungen speichern, sondern es funktioniert auch
so, dass wir zu ihnen Assoziationen bilden und sie verallgemeinern können.
Wegen dieser funktionalen Fähigkeit können wir automatisch auf unsere früheren Erfahrungen
zurückgreifen, und zwar immer dann, wenn wir mit einer aktuellen
Herausforderung konfrontiert werden. Das heißt, jedes Mal, wenn ein
gegenwärtiges Ereignis sich wie eine vergangene angenehme oder schmerzhafte
Situation anfühlt, entsteht in uns automatisch eine angenehme oder aber eine
Angst-Reaktion. Diese automatischen Reaktionen ermöglichen uns die
phänomenologische Erfahrung eines emotionalen Lebens. Sie haben auch
Überlebenswert, da wir so nicht immer wieder lernen müssen, wie wir gefährliche
Erfahrungen vermeiden können. Das heißt, wir lernen, automatisch mit Angst zu
reagieren, wenn wir mit einer aktuellen Situation konfrontiert werden, die sich
anfühlt wie die ursprüngliche Angst erzeugende Erfahrung. Wurde man z.B. einmal
von einer Schlange gebissen, so reagiert man u. U. mit Angst, wenn man später
im Leben plötzlich ein zusammengerolltes Seil auf dem Boden sieht. Man
assoziiert die ursprüngliche Erfahrung mit einem bestimmten Gefühl und
verallgemeinert die ursprüngliche Reaktion auf aktuelle Ereignisse, die das
gleiche Gefühl beinhalten.
Diese
natürliche Fähigkeit des Gehirns (Speicherung einer Erinnerung und
automatisches Abrufen) ist ein zweischneidiges Schwert. Jedes Mal, wenn jemand angenehme
primäre Erinnerungen in uns auslöst, erleben wir diese angenehmen Empfindungen
und Gefühle von damals wieder, die mit Liebe, Fürsorge, Empathie, usw.
assoziiert sind. Dann spüren wir das, was wir gerne als unsere „menschlichen“
Qualitäten bezeichnen. Wenn jemand dagegen schmerzhafte Primärerinnerungen in
uns auslöst, führt das Abrufen dieser Erinnerungen dazu, dass wir die
schmerzhaften Empfindungen und Gefühle wiedererleben, die mit Angst, Hass,
Neid, Egoismus, Wut, und anderen ähnlichen Erinnerungen assoziiert sind.
Das automatische Wiedererleben von
schmerzbezogenen Primärerinnerungen ist die notwendige Bedingung für die
Entstehung einer Neurose. Und die aktuelle Erfahrung, die diese Erinnerungen
auslöst, ist dafür die hinreichende Bedingung.
Joseph
LeDoux’ Forschungsarbeit unterstützt Hendersons Spekulationen über die Existenz
mehrerer Gedächtnissysteme. Bei seiner Diskussion der Unterschiede zwischen
implizitem und explizitem Gedächtnis sagt er: „Die bewusste Erinnerung an das
vergangene Erlebnis und die dadurch hervorgerufenen physiologischen Reaktionen
spiegeln das Wirken von zwei separaten Gedächtnissystemen, die parallel
operieren. Nur dadurch, dass sie diese Systeme im Gehirn auseinander nahmen,
konnten Neurowissenschaftler herausfinden, dass es sich dabei um zwei
unterschiedliche Arten von Gedächtnis handelt und nicht um ein einziges
Gedächtnis mit vielfältigen Ausdrucksformen. In unserem Laboratorium haben wir
uns auf das Nervensystem fokussiert, das der Bildung von impliziten emotionalen
Erinnerungen zugrunde liegt.“6
Die
Erinnerungen der Amygdala entsprechen LeDoux’ impliziten Erinnerungen. Und
seine expliziten Erinnerungen sind die deklarativen Erinnerungen, also die
Erinnerungen des Hippokampus.
Eine
Diskussion von Janovs Einprägungen wird dadurch erschwert, dass die meisten
Menschen Erinnerungen nur als begriffliche bzw. deklarative Erinnerungen
auffassen. Allgemein geht man davon aus, dass die Erinnerung an etwas darin
besteht, dass man sich eine visuelle Repräsentation vor seinem geistigen Auge
macht. Wir neigen dazu, eine erinnerte, nicht-begriffliche, sensorische
Erfahrung nicht als Erinnerung anzusehen. Deshalb ist es hilfreich, angenehme
und schmerzliche Primärerinnerungen als konditionierte Lust- und
Angstreaktionen anzusehen.
Die
Menschen mussten sich in einer Welt behaupten, in der schmerzhafte, störende
Ereignisse ihr Leben bedrohen. Diese Wirklichkeit spiegelt sich in der
Entwicklung von Schmerzverdrängungs-Mechanismen sehr früh in der Entwicklung. Die
Weiterführung der Entwicklung hin zum Menschen setzte eindeutig voraussetzt,
dass die gegenwärtige Wahrnehmung bzw. Erfahrung von Schmerz zwar gedämpft,
aber gleichzeitig erinnert werden musste, damit zukünftige schmerzhafte
Ereignisse vermieden werden konnten. Eine solche Fähigkeit würde einen
Überlebensvorteil bedeuten. Diese Art Reaktion musste allerdings sehr früh in
der Entwicklung des Lebens auf der Erde entstehen, denn wie sonst hätten
lebende Systeme die desintegrierenden Umweltfaktoren in den ganz frühen Phasen
der Entwicklung überwinden können? Und wenn McLean’s Entwicklungsmodell des
Gehirns korrekt ist, müsste diese Funktion sehr tief unten in den primitiven
Nervenstrukturen des Gehirns liegen.7 Diese Art von Gehirnfunktion
müsste notwendigerweise mit Empfindungen und Gefühlen statt mit rationalen
Denkprozessen verknüpft sein. Und tatsächlich werden aktuelle Lebenserfahrungen
immer noch zuerst durch frühe Gehirnstrukturen verarbeitet.8
Betrachtet
man die vielen so genannten Reflexfunktionen, wie etwas das Zurückziehen des
Fingers von einem heißen Gegenstand oder das Schließen der Augen, wenn ein Objekt
sich ihnen nähert, so wird deutlich, dass dies ohne Beteiligung des
Bewusstseins geschieht. Doch klar ist auch, dass es irgendeine Form von
Bewusstsein unterhalb der Ebene der bewussten Wahrnehmung geben muss, das den
Körper automatisch vor einer Zellschädigung schützt. Arthur Janov hat diese
Funktion Bewusstsein der ersten Ebene (first
line) genannt.
In ähnlicher
Weise, und aus genau den gleichen logischen Gründen, muss die Entwicklung der
menschlichen Selbstwahrnehmung die gleichzeitige Entwicklung eines
Schutzmechanismus vorausgesetzt haben, der sie vor der Desintegration bewahrte.
Für
die menschliche Spezies und für das Individuum während seiner ganzen
Lebensspanne gilt, dass das Selbst (sense
of self) allmählich aufgrund der Lebenserfahrungen aufgebaut werden muss.
Moderne biologische Theorien erkennen an, dass die klassische
Anlage-gegen-Umwelt- Kontroverse (nature-versus-nurture
theory) bezogen auf die menschliche Entwicklung naiv ist. Heute geht man
davon aus, dass die genetische Struktur sich entfaltet und danach durch ihre
Interaktion mit der Qualität der Umwelt, mit der sie in Kontakt kommt,
verändert wird.9 Das Sprießen und Schrumpfen (sprouting and pruning) von genetisch programmierten Nervenzellen
ist ein gutes Beispiel für diese Realität.
Gemäß
der Evolutionstheorie passt die Natur bestehende Strukturen an das Auftauchen
neuer Überlebensherausforderungen an. Ein Beispiel dafür ist der Fuß. Er hat
sich nicht neu entwickelt, um eine Bewegung zu Land zu ermöglichen. Stattdessen
war es so, dass eine bestehende Struktur, die Flosse, auf eine neue Art und
Weise benutzt wurde, so dass die Bewegung zu Land möglich wurde. Dadurch, dass die
Flosse ständig zu diesem Zweck benutzt wurde, entstand der Fuß.
Benutzte
die Natur eine bereits bestehende Gehirnstruktur auf eine neuartige Art und
Weise, um die neu entstehende Funktion der Selbstwahrnehmung vor der
Desintegration zu schützen? Ich glaube schon. Diese Struktur ist das primitive
Gedächtnissystem der Amygdala. Diese Anpassung förderte zwar die Entwicklung
der Selbstwahrnehmung, schuf aber dadurch gleichzeitig die notwendige Bedingung
für die dissoziative Funktion ebenso wie die Bedingung für das Eindringen
von Angsterinnerungen, das in Zusammenhang
mit der PTSS steht, ins Bewusstsein.
Van
der Kolk meint, dass das Gedächtnissystem der Amygdala bei traumatischen
Erfahrungen möglicherweise aktiviert wird.10 Dieses Gedächtnissystem
wird durch hoch geladene emotionale Erfahrungen aktiviert, welche die
Integrität des Bewusstseins höherer Ordnung bedrohen. Und gleichzeitig
verhindert ein hoher Kortisolspiegel, Resultat der sehr belastenden Natur der
traumatischen Erfahrung, ihre Speicherung im Gedächtnissystem des Hippokampus.
Van der Kolk ist der Meinung, dass dieser Prozess das Wesen der Dissoziation
darstellt.
Dadurch,
dass die traumatische Erfahrung in das Gedächtnissystem der Amygdala verschoben
und so gleichzeitig eine Speicherung im Hippokampus verhindert wird, werden die
sensomotorischen und emotionalen Komponenten der traumatischen Erfahrung
„eingeprägt“,während das Bewusstsein der höheren Ebene aufrechterhalten wird.
Unser Körper absorbiert die
„Schläge“ einer traumatischen Erfahrung, um die Integrität unserer Fähigkeit
zur Selbstwahrnehmung zu schützen.
So
ist es durchaus möglich, dass eine Frau keine begriffliche Erinnerung an eine
Vergewaltigung hat – man stelle sich nur vor, wie es wäre, jeden Morgen mit
einer lebhaften Erinnerung an eine Vergewaltigung aufzuwachen -, doch sie kann
Intimität mit einem Mann nicht mehr ertragen, weil die Berührung eines Mannes
sich für sie erschreckend oder ungut anfühlt. Das heißt, sie löst eine
Angstreaktion (eine schmerzhafte Primärerinnerung) und keine lustvolle Reaktion
aus. Ihre dissoziierte Körpererinnerung an ihre missbräuchliche Behandlung
durch einen Mann wurde auf alle
Männer verallgemeinert.
Die
Aktivierung des Gedächtnissystems der Amygdala im Fall einer traumatischen
Erfahrung ist ein Beispiel dafür, wie die Natur eine bestehende Struktur (das
Gedächtnissystem der Amygdala) an eine neuartige Erfahrung (die Entwicklung der
Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung) anpasst.
Es
gibt jedoch ein Problem bei dieser Anpassung. Der Gebrauch des
Gedächtnissystems der Amygdala zur Speicherung traumatischer Erfahrungen stellt
eine Einkapselung dieser Erfahrungen dar. Mit anderen Worten, dieser Prozess
verhindert auf wirksame Weise die Integration der Erinnerung an die
traumatischen Erfahrungen in die psychische Gesamtstruktur.
Der Begriff „psychische Struktur“
beschreibt das Gefühl (felt sense) des Menschen, eine bleibende Existenz (eine Vergangenheit, eine Gegenwart
und eine Zukunft) zu haben, und dies wird ermöglicht durch die Existenz der
linken Hemisphäre des Frontalhirns, die eine Erfahrung analysiert und sie mit
anderem Wissen innerhalb einer Zeitmatrix assoziiert. Diese Aktivität, in
Verbindung mit dem deklarativen Gedächtnis (dem Gedächtnissystem des
Hippokampus), dessen Erinnerungen bewusst abgerufen und reflektiert werden
können, gibt uns das Gefühl, eine persönliche Geschichte zu haben.
Auf
zellulärer Ebene hat sich ein Prozess entwickelt, der Phagozytose heißt, und
der als Abwehrmechanismus funktioniert. Wenn der Körper z. B. erkennt, dass
eine eindringende Bakterie fähig ist, die Integrität der Zelle zu zerstören, so
bewegt sich ein weißes Blutkörperchen zu der schädlichen Bakterie hin und
verschlingt sie, indem es sie auf einem Teil der Zellplasma-Membran einfängt;
dann klemmt es dieses Stück Membran im Innern der Zelle ab. So ist die Bakterie
eingekapselt und kann den übrigen Körperzellen nicht mehr gefährlich werden.
Später wird sie mit einem Lysosom verbunden und zerstört, und schließlich stößt
der Körper die zerstörte Bakterie über die Ausscheidungsorgane aus.
Ähnliches
gilt für die Dissoziation: Dabei wird
eine traumatische Erfahrung in das Gedächtnissystem der Amygdala (das primäre
Gedächtnissystem) verschoben und so gleichzeitig daran gehindert, in Kontakt
mit den höheren Gehirnfunktionen zu treten und eine Erinnerungsspur im Gedächtnissystem
des Hippokampus zu bilden. Man kann diesen Prozess als ersten Schritt eines
Entgiftungsprozesses ansehen, nämlich als die neuro-zelluläre Identifizierung
eines desintegrierenden Ereignisses und seine Einkapselung.
Wenn
man eine Primärerinnerung wiedererlebt, spürt man erneut die
Körperempfindungen, die bei der ursprünglichen schmerzhaften Erfahrung präsent
waren. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Wiedererleben einer Primärerinnerung
das Funktionieren des autonomen Nervensystems direkt stimuliert, genauso wie
das Ereignis, das ursprünglich zur Entstehung der Erinnerung führte, dieses
System damals stimuliert hat. Das heißt, das autonome Nervensystem kann nicht
zwischen einer gegenwärtigen (d. h. physischen) und einer erinnerten
(psychischen) Bedrohung unterscheiden. Das stimmt mit der Theorie der Identität
von Geist und Körper überein. Wenn z. B. bei der ursprünglichen Angsterfahrung
das Herz schneller schlug, dann besteht die Erinnerung an diese Erfahrung in
einem schnellen Herzschlagen. Das Gleiche gilt auch für Atemnot etwa. Das wird
deutlich in einer Situation, wo man vor einem Publikum eine Rede halten soll
und plötzlich Herzklopfen und Atemnot verspürt. Fragt man sich, was denn das
Publikum mit dem Herzklopfen und der Atemnot zu tun hat, so wird klar, dass es
nicht das Publikum ist, das die Reaktion des autonomen Nervensystems
verursachen kann. Diese Reaktion kann man nur selbst erzeugen, und zwar besteht
diese selbst erzeugte Reaktion in der Primärerinnerung an eine frühere
Erfahrung, bei der das gleiche Gefühl wie bei der gegenwärtigen Erfahrung
präsent war. Irgendetwas im gegenwärtigen Gefühl löst die Primärerinnerung aus.
Wenn
es stimmt, dass das ständige Eindringen von Einprägungen in das gegenwärtige
Bewusstsein die Ursache der Neurose ist, und dass dieses Eindringen sich direkt
auf das autonome Nervensystem auswirkt, dann sollte die Heilung der Neurose
durch das direkte Messen der Veränderungen der Funktionen des autonomen
Nervensystems vor und nach der Therapie objektiv nachweisbar sein. Janov hat es
nachgewiesen, ebenso wie Veränderungen in den Gehirnfunktionen. Später in
diesem Buch werde ich seine Belege diskutieren.
DAS HOCHKOMMEN VON ERINNERUNGEN
Um
Informationen im Computer zu speichern, muss man ihnen einen Namen zuweisen, so
dass sie später wiedergefunden (d. h. von anderen Informationen unterschieden)
werden können. Man benutzt dafür die Speicherfunktion („save as“). Jedes Mal, wenn man diese Informationen wieder braucht,
gibt man diesen Namen in den Computer ein. Dadurch kommen die Informationen,
die unter diesem Namen gespeichert sind, auf den Bildschirm und werden so
verfügbar.
Das
menschliche Gedächtnissystem scheint ähnlich zu funktionieren, außer dass es
bei ihm keinen Suchnamen gibt. Stattdessen gibt es ein Suchgefühl. Da unsere Erfahrungen ursprünglich durch eine primitive
Gehirnstruktur verarbeitet werden, werden die Erinnerungen daran mit Gefühlen
etikettiert. Zu jeder früheren Erfahrung gehörte ein bestimmtes Gefühl. Und zum
Speichern dieser Erfahrung benutzte das Gehirn dieses Gefühl, genauso wie der
Computer einen „Suchbegriff“ benutzt. Auch zu jeder gegenwärtigen Erfahrung
gehört ein bestimmtes Gefühl. Erlebt man in der Gegenwart ein Gefühl, so ist das
so, als würde man einen Suchbegriff in den Computer eingeben. Dieses Gefühl
bringt dann automatisch Erinnerungen hoch, die den gleichen „Gefühlsnamen“
tragen. So hat die gegenwärtige Erfahrung automatisch Zugriff auf relevante
Erfahrungen aus der Vergangenheit. Doch es gibt beim Wiederauffinden einer
Erinnerung einen Unterschied zum Computer: Ein Gefühl ist wesentlich
allgemeiner als ein Wort. Bei einem Computer kann man einem Namen immer nur
eine Datei zuordnen, Im Gehirn dagegen können mehrere Erinnerungen einem Gefühl
zugeordnet werden. Dadurch wird das möglich, was Janov eine „Schmerzkette“
genannt hat. Diese Kette ist ein Netzwerk von Angsterinnerungen, die ein gemeinsames
Gefühl teilen. Das menschliche Gehirn assoziiert Erinnerungen miteinander, und
dies auf der Basis geteilter, gemeinsamer Gefühle.
LeDoux
ergänzt, dass die Erinnerungen an unsere Erfahrungen aufgrund der Intensität
der Gefühle gespeichert werden, die mit ihnen assoziiert sind.11
Demnach wird eine Erfahrung umso eher als Angsterinnerung gespeichert, je
stärker sie emotional geladen ist. Das liegt daran, dass starke Gefühle in der
Regel bedeuten, dass da etwas ist, dem man nachgehen muss (weil es ums
Überleben geht).
LeDoux
hat in seiner Forschungsarbeit nachgewiesen, dass die Erinnerungen veränderbar
sind, und zwar sowohl bei ihrer ersten Speicherung als auch bei jeder
Wiedererinnerung.
„’Neue’
Erinnerungen sind zuerst labil und empfänglich für Störungen, ehe sie zu
stabilen Lanzeiterinnerungen verfestigt werden. Es gibt viele Belege dafür,
dass bei dieser Konsolidierung neue Proteine in den Neuronen synthetisiert
werden. Man glaubt, dass die Erinnerungen in den lateralen und basalen Nuklei
der Amygdala (LBA) gespeichert werden. Injiziert man kurz nach einem
Angst-Lerntraining den Proteinsynthesehemmer Anisomycin in die LBA, so werden
die Angsterinnerungen nicht konsolidiert. Wir weisen hier nach, dass
konsolidierte Angsterinnerungen, die beim Hochkommen reaktiviert werden, in
einen labilen Zustand zurückkehren, und dass die Injektion von Anisomycin kurz
nach der Reaktivierung der Erinnerung zu einer Amnesie bei späteren Tests
führt, und zwar unabhängig davon, ob die Reaktivierung einen oder 14 Tage nach
der Konditionierung erfolgt. Die gleiche Behandlung mit Anisomycin lässt die
Erinnerungen intakt, wenn es nicht zu einer Reaktivierung dieser Erinnerungen
kommt. In Übereinstimmung mit dem Zeitlimit bei der Proteinsynthese während der
Konsolidierungsphase, führt eine zeitliche Verschiebung der Injektion von
Anisomycin bis zu sechs Stunden nach der Reaktivierung der Erinnerung nicht zu
Amnesie. Unsere Daten zeigen, dass konsolidierte Angsterinnerungen nach ihrer
Reaktivierung in einen labilen Zustand zurückkehren, und dass es eine neue
Proteinsynthese braucht, um sie wieder zu konsolidieren. Die traditionellen
Theorien über die Konsolidierung von Angsterinnerungen können diese
Forschungsergebnisse nicht vorhersagen.“12
Um
eine Erinnerung abzurufen, müssen zuerst die Proteinmoleküle, auf denen diese
Erinnerung gespeichert ist, zerlegt werden. Danach müssen neue Moleküle aufgebaut
werden, und dadurch wird die Erinnerung auf der neuen Molekülkette erneut
gespeichert. LeDoux’ Experimente zeigen, dass der Prozess des erneuten Zusammenbaus
der Proteinmoleküle sechs Stunden braucht. Da die jetzt „körperlose“ („disembodied“) Erinnerung (während ihres
Abrufs) labil ist, können neue Informationen, die während dieser sechs Stunden
hinzugefügt werden, zu einem Teil der wiederhergestellten Erinnerung werden,
und damit können sie die Erinnerung gegenüber der „alten“ Erinnerung, wie sie
vor der Aktivierung bestand, leicht verändern.
Dieser Prozess der Erinnerungskonstruktion führt direkt ins Herz der
Diskussion um „falsche Erinnerungen“. Er ist ebenfalls entscheidend für den
emotionalen Heilungsprozess. Damit kann man erklären, wieso Aktivitäten wie die
Bildung neuer Muster (repatterning), „Neubeeltern“
(reparenting) und Rebirthing
therapeutisch von Wert sein können.
Die
Tatsache, dass eine Person eine Erinnerung an einen Missbrauch hat und wirklich
glaubt, dass er geschehen ist, heißt nicht notwendigerweise, dass man dieser Erinnerung
trauen kann. Die aktuellen Forschungen zur Bildung und zum Wiedererleben von
Erinnerungen legen nahe, dass im Fall, wo diese Erinnerung wiederholt abgerufen
und manipuliert wurde, Zweifel an ihrer Gültigkeit berechtigt sind. Ich glaube,
es herrscht Verwirrung, was die Diskussion um „falsche Erinnerungen“ betrifft,
und zwar deshalb, weil man den wesentlichen Unterschied zwischen
dispositionellen (Angst)Erinnerungen und kontextuellen Erinnerungen nicht
berücksichtigt. Beide Arten von Erinnerung werden zwar gespeichert und
erinnert, doch sie werden unterschiedlich
abgerufen.
Man
muss sich daran erinnern, dass eine Angsterinnerung eine eingekapselte
Erinnerung ist, und zwar insofern, als sie nicht in den größeren Rahmen der
kontextuellen Erinnerungen integriert wurde. Über Angsterinnerungen kann man keine
Geschichte erzählen. Sie sind etwas, das immer wieder geschieht. Es sind
konditionierte Reaktionen, und sie geschehen als Körperreaktionen, als
Veränderungen im autonomen Nervensystem.
Da
Angsterinnerungen vom Prozess der Entstehung kontextueller Erinnerungen
abgespalten sind, sind sie auch abgespalten von den sensorischen Daten (der
gegenwärtigen Erfahrung), die dieses System ständig informieren. Zusätzlich
dazu haben sie keinen Zugang zu den logischen Strukturen des Gehirns.
Eine
abgerufene kontextuelle Erinnerung wird mit neuen Daten innerhalb einer
Zeitmatrix bombardiert, eine hochkommende Angsterinnerung nicht.
Und
trotzdem beweist LeDoux’ Arbeit, dass eine Angsterinnerung auch labil ist, wenn
sie hochgekommen ist. So besteht die Möglichkeit, dass sie verändert werden könnte.
Seine Experimente zeigen, dass Angsterinnerungen bei Tieren nach ihrer
Reaktivierung chemisch ausgemerzt werden können.
Eine
erinnerte Primärerinnerung ist immer insofern wahr, als sie die Empfindungen
und Gefühle erneut präsentiert, welche die Person während des ursprünglichen
Traumas erlebte. Dies ist eine direkte, autonome Reaktion und kann deshalb
nicht falsch sein. Die Konzeptbildung, dass Mom oder Dad der Täter war, ist nur
insoweit richtig, als der Prozess der Erinnerungsbildung im Hippokampus fähig
war, eine deklarative Erinnerung an das Ereignis während des Geschehens zu
bilden. Da das Ausmaß der Dissoziation vom Ausmaß der empfundenen Belastung der
Person während des Traumatisierung ebenso abhängt wie vom Ausmaß an Kontrolle,
die sie während der Traumatisierung zu haben glaubt, kann es durchaus sein,
dass die Primärerinnerung völlig ohne konzeptionelle Erinnerung ist oder nur
mit Fragmenten von konzeptioneller Erinnerung verknüpft ist. Aufgrund dieser
Variablen ist es möglich, dass traumatische Erinnerungen auf einem Kontinuum
bestehen (von überhaupt keiner visuellen Repräsentation bis zu ein wenig
visueller Repräsentation). Mit anderen Worten, das Opfer erinnert sich vielleicht
nur an schmerzhafte Empfindungen und Körperreaktionen, oder aber es kann reale
Fragmente konzeptioneller Erinnerungen daran haben, dass es Mom oder Dad war.
Das ist offensichtlich ein Bereich, in dem es sehr leicht möglich ist, sich zu
irren.
So
besteht also eine Aufgabe der
Verteidigung in einem Prozess, in dem es um Missbrauch geht, darin,
festzustellen, ob die Erinnerungen der Anklägerin unter Umständen zu einem
späteren Zeitpunkt „eingepflanzt“ wurden.
Janov
ist überzeugt, dass die Einprägung eine extrem dauerhafte Erinnerung ist. Er
ist sogar der Überzeugung, dass eine Primärerinnerung, wenn sie einmal gebildet
wurde, für immer im Körper in ihrem ursprünglichen, urtümlichen Zustand weiter
besteht. Ganz gleich, wie oft sie auch abgerufen wird, die Einprägung wird in
ihrem ursprünglichen, unveränderten Zustand wieder hergestellt. Nur das
Wiedererleben der Einprägung während eines Primals kann ihre Struktur
verändern. Diesen Prozess nennt er „das Gefühl fühlen“. Später in diesem Buch
werde ich den Begriff „Primal“ diskutieren.
Wie
ist es, wenn man eine traumatische Erfahrung wiedererlebt? Da der Film primär
ein visuelles Medium ist, haben Spielfilme uns einen falschen Eindruck davon vermittelt,
worin dieses Wiedererleben besteht. Solche Filme gipfeln immer darin, dass am
Ende eine kohärente, deklarative Erinnerung an die traumatische Erfahrung aus
der Vergangenheit mit allen Details ins Bewusstsein der traumatisierten Person
aufsteigt. Die Person visualisiert das traumatische Ereignis, und sobald das geschieht,
erinnert sie sich an das Ereignis und löst es auf. Dieser Prozess wird im Film Prince of Tides sehr deutlich
dargestellt. Das setzt ein Verdrängungsmodell voraus, bei dem die Psyche
tatsächlich eine kohärente, explizite Erinnerung an das traumatische Ereignis
speichert und dann einen Schutzschild aufstellt, der diese Erinnerung daran
hindert, ins Bewusstsein zu gelangen. Nimmt man den Schutzschild weg, so kommt
die Erinnerung hoch.
Wenn
Besell van der Kolk mit dem Mechanismus der Dissoziation bei traumatischen
Ereignissen Recht hat, dann würde sich das Wiedererleben eines traumatischen
Ereignisses sehr deutlich von dieser filmischen Darstellung unterscheiden.
Meine eigenen Erfahrungen mit dem Wiedererleben von traumatischen Erinnerungen
bestätigen diesen Unterschied.
Nach
van der Kolk wird der Prozess der Erstellung einer deklarativen Erinnerung
während einer traumatischen Erfahrung ausgeschaltet. Das heißt, während eines
traumatisierenden Ereignisses ist das Gehirn unfähig, eine kohärente, deklarative
Erinnerung an dieses Ereignis zu bilden, oder, soweit es das kann, ist diese
Erinnerung fragmentiert und enthält nur Bruchstücke von dem, was vor, während
und nach dem Ereignis passiert ist. In Wirklichkeit wird die emotionale und
sensomotorische Komponente der Erfahrung im Primärgedächtnis gespeichert. Da es
ja nicht zur Speicherung einer kohärenten, deklarativen Erinnerung komment,
kann es, anders als in den Filmen, offensichtlich auch kein kohärentes,
deklaratives Wiedererleben des Ereignisses geben. Was erinnert werden kann,
sind die somatischen Elemente (die sensomotorischen Reaktionen) zu denen es
ursprünglich während des Traumas kam, ebenso wie die fragmentarischen Elemente
deklarativer Erinnerungen, sofern solche bestehen. Das Auftauchen von Fragmenten
deklarativer Erinnerungen an ein traumatisches Ereignis hat man
Blitzerinnerungen (flashbulb memories)
genannt: Ein Stück Visualisierung taucht abrupt „aus der Dunkelheit“ auf, als
hätte jemand ein Foto mit Hilfe eines Blitzlichts gemacht.
Genau
das ist mir während meiner persönlichen Erfahrung in der Primärtherapie und dem
Hochkommen eines zentralen traumatischen Ereignisses passiert.
Van
der Kolk hat beobachtet, dass „Erinnerungen an ein Trauma, wenigstens anfangs,
hauptsächlich als Fragmente der sensorischen Komponenten des Ereignisses
erfahren werden: als visuelle Bilder, als olfaktorische, auditorische oder
kinästhetische Empfindungen, oder als intensive Wellen von Gefühlen (von denen
die Patienten gewöhnlich behaupten, es handle sich dabei um Repräsentationen
von Elementen des ursprünglichen traumatischen Ereignisses). Problematisch ist,
dass die Patienten durchweg behaupten, ihre Wahrnehmungen seien genaue
Repräsentationen von Empfindungen, die sie zur Zeit des Traumas erlebt hätten.“
13
Und
weiter: „Die stark erhöhten physiologischen Reaktionen, welche die Erinnerung
an traumatische Erfahrungen begleiten, die Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte
zuvor passiert sind, illustrieren die Intensität und die Zeitlosigkeit, mit
denen sich traumatische Erinnerungen ständig auf das gegenwärtige Erleben
auswirken.“ 14
Janov
schreibt über das Wiedererleben einer Einprägung bzw. einer Primärerinnerung:
„Das menschliche System hat die bemerkenswerte angeborene Fähigkeit, zu dem
genauen Zustand von Körper und Gehirn während des ursprünglichen Traumas zurückzukehren,
es denkt nicht darüber nach oder stellt es sich vor, sondern es repliziert das
Trauma sehr genau.“15
LeDoux
hat nachgewiesen, dass das menschliche Gedächtnissystem normale und traumatische
Erinnerungen auf sehr unterschiedliche Weise kodiert. Van der Kolk sagt dazu:
„
Sei den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wissen wir, dass extreme
Angst, Terror und Hilflosigkeit während eines traumatischen Ereignisses die
biologischen und psychischen Anpassungsmechanismen eines Menschen überfordern
können. Diese sind dann nicht fähig, diese Erfahrungen zu assimilieren und zu
integrieren. Ihre ‚impliziten’ (sensorischen und emotionalen) Erinnerungen an
das Trauma werden ‚dissoziiert’ und kehren zurück, nicht als gewöhnliche
Erinnerungen an das, was geschah, sondern als intensive emotionale Reaktionen,
als Albträume, Horrorbilder, als aggressives Verhalten, körperlicher Schmerz
und als bestimmte Körperzustände. Die psychischen Einprägungen, die vom Trauma
stammen, kehren zurück.“16
Ich
bin zu dem Schluss gekommen, dass Janovs Einprägungen in Wirklichkeit implizite
Angsterinnerungen von der Art sind, wie sie van der Kolk beschreibt. Das Bündel
von Symptomen, das ein Mensch aufweist, der traumatische Erfahrungen erlitten
hat, ist eine Kompilation der ganz eigenen Reaktion dieses Menschen auf die
autonome Reaktion, die durch das Eindringen der Angsterinnerung ausgelöst wird.
Und die unterschiedlichen Symptombündel werden in ihrer Gesamtheit PTSS
(posttraumatisches Stressstörung, im Englischen PTSD – Post Traumatic Stress Disorder) genannt.
Van
der Kolk sagt: „Die Kernpathologie der PTSS besteht darin, dass bestimmte
Empfindungen oder Gefühle, die mit traumatischen Erfahrungen zusammenhängen,
dissoziiert werden und dann als unerwünschte Eindringlinge immer wieder hoch
kommen und mit der Zeit nicht vergehen. Es ist ganz normal, wenn man die
eigenen Erinnerungen mit den Jahren verzerrt, doch Menschen mit einer PTSS
scheinen unfähig zu sein, ein bestimmtes Ereignis hinter sich zu lassen oder
seinen Impakt zu minimieren.“17
Und
weiter: „Traumatisierten Menschen ist nur selten bewusst, dass ihre intensiven
Gefühle und Reaktionen auf vergangenen Erfahrungen beruhen. Sie geben ihrer
heutigen Umgebung die Schuld daran, wie sie sich fühlen und rationalisieren so
ihre Gefühle. Aufgrund ihrer fast unbegrenzten Fähigkeit, auf diese Weise zu
rationalisieren, ersparen sie es sich, sich mit der Hilflosigkeit und dem
Grauen ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen; so sind sie davor geschützt,
sich der wahren Bedeutung der Botschaften bewusst zu werden, die sie von den
Gehirnbereichen erhalten, die für Selbsterhaltung und das Aufspüren von
Gefahren zuständig sind.“18
Janov
sagt, neurotisches Verhalten werde durch das ständige Eindringen der Einprägung
in die Alltagserfahrung verursacht. Ich habe Janovs Einprägungen mit den
Angsterinnerungen gleichgesetzt. Wenn meine Annahmen korrekt sind, kann man so
zu der Schlussfolgerung kommen, dass das, was Janov vor dreißig Jahren als
Neurose beschrieben hat, identisch ist mit dem, was heute PTSS genannt wird.
Mit anderen Worten, die Neurose ist eine
PTSS.
Wenn
das stimmt, können wir jetzt verstehen, wieso Janov so hartnäckig darauf
besteht, dass konventionelle „Redekuren“ die Neurose nicht heilen können.
In
seiner Beschreibung der Angsterinnerung sagt auch van der Kolk:
„Man
geht davon aus, dass diese Empfindungen, die als Gefühle bezeichnet werden,
unauslöschlich oder jedenfalls außerordentlich schwer zu löschen sind. Wenn die
Amygdala einmal darauf programmiert ist, bestimmte Töne, Gerüche und
Körperempfindungen als gefährlich zu erinnern, ist es wahrscheinlich, dass die
Person auf diese Reize so reagiert, dass sie eine Flucht-oder-Kampf-Reaktion
auslösen.“19
Konventionelle
Psychotherapien stützen sich auf eine Verarbeitung von oben nach unten (top-down processing), die unangenehme
Empfindungen und Gefühle hemmt, statt sie zu integrieren.
„In
einer traditionellen an Einsicht orientierten Psychotherapie kann die Person
erkennen, dass bestimmte emotionale oder somatische Reaktionen in die Vergangenheit
gehören und für ihr gegenwärtiges Leben irrelevant sind. Möglicherweise hilft
ihr das, sich über automatische physiologische Reaktionen auf traumatische Erinnerungen
(reminders) hinwegzusetzen, auch wenn
diese so nicht aus der Welt geschafft sind. Eine solche Therapie gibt der Person
ein tieferes Verständnis dafür, weshalb sie sich so verhält, wie sie es tut,
doch Einsichten dieser Art sind sehr wahrscheinlich unfähig, das überaktive
Alarmsystem des Gehirns neu zu konfigurieren.“20
Mit
anderen Worten, das Verstehen, weshalb man sich neurotisch verhält, kann die
Fähigkeit, schmerzhafte emotionale Erinnerungen abzurufen und auszuagieren (reenact), nicht beseitigen. Oder, wie
Janov sagt: Man kann den Schmerz seiner Einprägungen
nicht weg denken. Wir wissen heute, dass rationale Denkprozesse nicht in der Lage
sind, das Alarmsystem des Gehirns neu zu konfigurieren.
Damit
ist klar: Mit unserer Ratio können wir vieles tun, um unser Verhalten zu
verändern (dem Strömen der Primärerinnerungen Widerstand zu leisten), doch die
eingeprägten Primärerinnerungen bleiben bestehen, und noch immer sind sie
belastet mit der Energie der ursprünglichen Erfahrung, noch immer warten sie
darauf, endlich hochkommen zu können. Wie Wasser finden sie den Weg des
geringsten Widerstands, und dann strömen sie wieder. Ein Beispiel dafür ist der
Mensch, der mit dem Rauchen aufhört und dann anfängt, zuviel zu essen und
dadurch übergewichtig zu werden. Möglicherweise ist Rauchen ja ein gelerntes repetitives
Verhalten, das dem Menschen hilft, schmerzhafte Primärerinnerungen daran zu
hindern, ins Bewusstsein einzudringen. Beschließt man, mit Rauchen aufzuhören,
erreicht man dasselbe dadurch, dass man zuviel isst!
Die
neurobiologische Wirklichkeit spricht gegen einen Ansatz zur Behandlung der
Neurose, der von oben nach unten vorgeht.
„Die
Neuroanatomie hat nachgewiesen, dass die Verbindungspfade zwischen dem
emotionalen Angstverarbeitungssystem, der Amygdala, und dem denkenden Gehirn,
dem Kortex, nicht symmetrisch sind – die Verbindungen vom Kortex zur Amygdala
sind erheblich schwächer als umgekehrt. Das mag erklären, weshalb ein Gefühl,
wenn es einmal erregt ist, willentlich so schwer abzustellen ist. Die
Asymmetrie dieser Verbindungen hilft uns vielleicht auch zu verstehen, warum
die Psychotherapie häufig ein so schwieriger und langwieriger Prozess ist – sie
muss sich auf die unvollkommenen Kommunikationskanäle zwischen den
Gehirnsystemen verlassen, die mit Kognition und Gefühl zu tun haben.21
Daraus
ergibt sich, dass zur Heilung der Neurose die Art von Begleitung nötig ist, die
dabei hilft, das überaktive Alarmsystem des Gehirns neu zu konfigurieren.
Janov
behauptet, mit Hilfe der therapeutischen Techniken der Primärtherapie könne die
Neurose geheilt werden. Durch seine Techniken werden viele der Symptome der
Neurose dadurch beseitigt, dass man sich mit der Ursache dieser Symptome
befasst: der Einprägung. Doch leider macht er diese Techniken nicht allgemein
zugänglich. Noch heute betreibt er sein eigenes Therapiezentrum und unterweist
ausschließlich seine Schüler in diesen Techniken; hinzu kommt noch, dass er
sich beharrlich weigert, anzuerkennen, dass auch die Arbeit eines anderen
Therapeuten (d. h. eines Therapeuten, der nicht von ihm ausgebildet wurde), bei
der Beseitigung der Neurose hilfreich sein kann. Über einen Zeitraum von
dreißig Jahren hat er viele Bücher geschrieben, und er ist dabei, noch weitere
zu schreiben. Sucht man jedoch nach Referenzen auf seine Arbeit in der
psychotherapeutischen community, so
findet man keine. Diese community ignoriert
seit dreißig Jahren ganz offen seine Forschungsarbeit. Doch es ist
offensichtlich (etwa aufgrund des Studiums von van der Kolks Arbeiten), dass
diese gleiche community seine
Vorstellungen aufgenommen hat und sie im Bereich der Traumatherapie, die im
Entstehen ist, weiterführt.
GEDÄCHTNIS UND STRESS
Man
weiß schon seit langem, dass Stress das richtige Verarbeiten deklarativer
Erinnerungen stört. In einer Stresssituation regt die Aktivierung der Achse
Hypothalamus-Hirnanhangdrüse-Nebennierenrinde (hypothalamus-pituitary-adrenal, HPA) die Nebennierendrüsen dazu an,
einen Überschuss an Kortisol zu produzieren, einem katabolischen Hormon, das
einen verstärkten Abbau von Körpergewebe verursacht, um mehr Energie für die
Abwehrbedürfnisse des bedrohten Körpers freizusetzen. Wenn ein Überschuss an
Kortisol das Nervengewebe durchtränkt (infuse),
stört dies das konzeptuelle Gedächtnis und den Entscheidungsprozess. Zusätzlich
dazu wird die Blutzufuhr zu den frontalen Teilen des Gehirns eingeschränkt, und
das Blut wird verstärkt zu den (Überlebens)-Strukturen des Stammhirns
umgeleitet.
Van
der Kolk ist der Meinung, dass es eine Reihe besonderer Bedingungen braucht, um
das Gedächtnissystem des Hippokampus auszuschalten. Nicht nur, dass die
Situation sehr belastend und emotional aufgeladen sein muss, die Person, die das
Trauma erleidet, muss sich zusätzlich auch noch hilflos fühlen, etwas am
Ausgang des traumatischen Ereignisses zu ändern.
Janov
hat bereits vor über dreißig Jahren gesagt, Überlastung (overload) hänge nicht einfach davon ab, wie traumatisch eine
bestimmte Reizsituation sei; die Person müsse diese Reizsituation innerlich
auch noch so erleben, dass es für sie „keine Fluchtmöglichkeit“ gibt.22
Beide, Janov ebenso wie van der Kolk, sind überzeugt, dass es dann zu einem
Zusammenbruch (shutdown) kommt, wenn
die Situation eine schmerzhafte und nicht kontrollierbare sensorische
Überlastung beinhaltet. Das ist ein automatischer Gehirnprozess - eine Abwehr.
Wenn
also diese beiden Bedingungen gleichzeitig in der Erfahrung eines Menschen
auftreten, schaltet das System des Hippokampus „auf Störung“ („blinks“). Zwar wird die physische und
emotionale Reaktion auf das traumatische Ereignis gespeichert, doch nicht seine
visuelle Repräsentation im Gedächtnissystem des Hippokampus. Es ist wichtig zu
verstehen, dass die zwei Variablen „sehr belastend“ und „hilflos, etwas am
Ausgang des Ereignisses zu ändern“, von denen man annimmt, dass sie bei der
Verarbeitung der Angsterinnerungen entscheidend sind, auf einem Kontinuum
existieren. Sie können auf genetische Voraussetzungen der Person zurückzuführen
sein, ebenso wie auf Altersfaktoren. Das Ausmaß der visuellen Repräsentation
ist abhängig vom Kortisolspiegel, und dieser hängt seinerseits vom Stressniveau
und vom Grad der Hilflosigkeit ab, welche die Person empfindet. Dadurch
dissoziiert die Person sich automatisch vom Angst einflößenden Ereignis, und
zwar auf einem Kontinuum, das von „ein wenig deklarative Erinnerung“ bis hin zu
„überhaupt keine deklarative Erinnerung“ reicht. Auf diese Weise kann die
Person das traumatische Ereignis, dessen Ausgang sie nicht verändern kann,
aushalten und überleben: Dabei wird eine automatische Angstreaktion (eine
Erinnerung) als Überlebensmechanismus geschaffen, die für eine Verarbeitung in
der Zukunft zur Verfügung steht, und die Integrität der
Selbstwahrnehmungsfunktion bleibt so erhalten.
„Die
Dissoziierung (einer traumatischen Erfahrung) bezieht sich auf eine
Aufsplitterung der Erfahrung: Teile der Erfahrung werden nicht in das Ganze des
Psychismus integriert, sondern werden im Gedächtnis als Bruchstücke
gespeichert, als Sinnesempfindungen, affektive Zustände oder als
Verhaltenstendenzen (behavioral
reenactments). Die Dissoziation mag zwar die Anpassung vorübergehend fördert,
doch auf lange Sicht scheint die fehlende Integration traumatischer
Erinnerungen das entscheidende Element zu sein, das zu der Entwicklung der
komplexen Verhaltensänderung führt, die wir PTSS nennen. Starke Erregung (arousal) scheint die richtige
Informationsverarbeitung und das Speichern der Informationen in das narrative
(explizite) Gedächtnis zu stören.“23
Daraus
folgt, dass eine Integration dieser traumatischen Erinnerungen das PTSS heilen
würde. Janovs Gebrauch des Begriffs „Primal“ ist eine Beschreibung des
Prozesses, bei dem traumatische Erinnerungen in die Gesamtheit der psychischen
Struktur integriert werden können.
DAS KONTINUUM DER POSTTRAUMATISCHEN STRESSSTÖRUNG
(PTSS)
Bessell
van der Kolks Forschungen zuR PTSS beinhalten dramatische Fälle von
Kindesmissbrauch, Vergewaltigung oder Terror (von der Art, wie Soldaten sie im
Kampf erleben). Man gewinnt dabei den Eindruck, dass die Entstehung
traumatischer Erinnerungen wie ein Ein-/Ausschalter funktioniert, und dass ein
Ereignis ein kritisches Niveau erreichen muss, um dissoziiert zu werden. Ich
bin dagegen der Meinung, dass die Entstehung traumatischer Erinnerungen eher
wie ein Rheostat (ein regelbarer elektrischer Widerstand) funktioniert, d. h.
es gibt bei allen Erfahrungen, welche in der Lage sind, die
Selbstwahrnehmungsfunktion zu stören, ein gewisses Ausmaß an Dissoziierung.
Wenn es tatsächlich so ist, dass der Prozess der Dissoziierung sich auf einem
Kontinuum verteilt, folgt dann daraus nicht auch, dass es unterschiedliche
Niveaus von Dissoziierung geben kann? Ich bin überzeugt, dass die Schwere der
Neurose kontinuierlich verteilt ist, und dass die Position einer Person auf
diesem Kontinuum in direkter Verbindung steht zu dem Stressniveau der
traumatischen Ereignisse und zu dem Grad von Kontrolle, welche die Person über
das Ereignis zu haben glaubt. Was die konventionelle psychotherapeutische community PTSS nennt, ist lediglich
neurotisches Verhalten in seiner extremen Ausprägung. An dem einen Ende des
Kontinuums haben wir die Person, die durch das schwache Eindringen von
Angsterinnerungen ins Bewusstsein daran gehindert wird, mit ihrem Partner eine
Liebesbeziehung aufzubauen. An dem anderen Ende des Spektrums steht die Person,
bei der das starke Eindringen von Angsterinnerungen zu einer dissoziativen Identitätsstörung
geführt hat.
Vergewaltigung
ist ein traumatisches Ereignis. Doch das Gleiche gilt auch für andere Situationen:
Ein sensibler Junge wird ständig gehänselt, er sei ja „ein Mädchen“; einem
kleinen Kind wird andauernd gesagt, es sei dumm oder schlecht; ein „dicker“
oder ein „dürrer“ Mensch sucht verzweifelt nach Anerkennung in einer Gruppe,
und diese demütigt ihn ständig und offen; oder ein Schüler wird regelmäßig von
seinen Schulkameraden schikaniert. Es gibt zwar zwischen diesen Ereignissen
eindeutig Intensitätsunterschiede im Grad der Traumatisierung, doch besteht
keinerlei Unterschied in der Art und Weise, wie das Gehirn diese Ereignisse
verarbeitet. In all diesen Fällen wird das empfindliche Selbst (sense of „self“), das dabei ist, sich zu
entwickeln, durch ein desintegrierendes Ereignis angegriffen. Denkt man über
die Erinnerungen aus der eigenen Kindheit nach, so kommt man zu dem Schluss,
dass das Umfeld jedes Kindes voller Ereignisse ist, die das Potenzial haben,
das sich entwickelnde Selbst zu desintegrieren. Sogar bei einer so genannten
„normalen“ Kindheit ist die Kontinuität der Selbstwahrnehmung ständig in Gefahr
und muss irgendwie aufrechterhalten werden. Der Schutzmechanismus besteht im
Prozess der Dissoziierung, und die Intensität der Dissoziierung bestimmt die
Intensität der Neurose. Und jeder Mensch situiert sich irgendwo auf diesem
Kontinuum.
Janov
sagt schon seit mehr als dreißig jähren, dass jede Neurose auf Traumatisierung
beruht (trauma-related) und
entsprechend behandelt werden muss. Von van der Kolk und anderen unterscheidet
sich seine Sichtweise nur, was den Bereich der traumatischen Erfahrungen
betrifft.
Janov
glaubt, dass Menschen fähig sind, ab der 26. Woche der fötalen Entwicklung ein
Trauma zu erfahren und zu speichern. Nach diesem Zeitpunkt sind alle
schmerzhaften Erfahrungen im Mutterschoß traumatisch. Eine ungünstige Geburtserfahrung
ist traumatisch, genauso wie ein ungünstiges Umfeld in der frühen Kindheit. Janov
glaubt, dass die Einprägung (das Speichern von traumatischen Erinnerungen) mit
etwa zehn Jahren abnimmt (is curtailed).
Ich glaube jedoch, dass es auch später noch zu Einprägungen kommt, und das
nicht nur bei einem extremen Trauma.
Van
der Kolks Arbeiten scheinen ihrerseits die Annahme nahe zu legen, dass es zu
einer Einprägung nur bei hoch traumatischen Ereignissen und in Form einer „Entweder-oder-Reaktion“
kommt. Ich meine dagegen, dass jedes Ereignis, welches das Potenzial hat, die
Kontinuität der Selbstwahrnehmung zu unterbrechen, zu einer Einprägung führt,
und dass die Stärke der Einprägung mit der Stärke des Traumas variiert. Ich
erinnere daran, dass die Strukturen von Hippokampus und Neokortex als direkte
Folge eines stark belastenden Ereignisses und aufgrund eines hohen Kortisolspiegels
ausgeschaltet sind. Es gibt keinen mechanischen Ein/Aus-Schalter, sondern der
Spiegel des störenden Hormons steigt mit der Stärke der Traumatisierung
kontinuierlich an, und deshalb erscheint es nur logisch anzunehmen, dass auch
die höheren kortikalen Funktionen auf progressive Weise gestört werden.
PRIMÄRERINNERUNGEN ERZEUGEN EIN PSYCHO-NEUROLOGISCHES
UNGLEICHGEWICHT
Baker
schreibt zur Erforschung der Krankheit im Allgemeinen:
„Die
Theorie, wenn man sie denn so nennen kann, welche die medizinische Wissenschaft
seit 70 Jahren beherrscht, besagt, Menschen würden deshalb krank, weil sie die
Opfer von Krankheitserregern (diesease
entities) seien. Eine meiner Meinung nach bessere Theorie geht jedoch davon
aus, dass ein Mensch deshalb krank wird, weil das dynamische Gleichgewicht
zwischen ihm und seinem Umfeld gestört ist.“ (24)
Man
kann Bakers allgemeine Theorie der Gesundheit auch auf den Prozess der
emotionalen Gesundheit anwenden.
Eine
gute emotionale Gesundheit setzt eine ausgeglichene und genaue Reaktion des
Nervensystems auf Umweltreize voraus, und das geschieht mit Hilfe des autonomen
Nervensystems. Dieser Teil des Nervensystems reagiert auf die Umwelt des
Menschen auf gleichwertige, aber gegensätzliche Weise. Das eine Set von
Reaktionen wird dann gestartet, wenn die Person das Bedürfnis empfindet, sich
vor etwas zu schützen. Das ist die Reaktion des Sympathikus. Wird dieses System aktiviert, so werden alle
Körperfunktionen unterbrochen, und zwar mit dem Ziel, dem Körper die
Möglichkeit zu geben, sich entweder gegen die Bedrohung zu verteidigen, oder
aber davor zu flüchten. Dieser Prozess bedeutet, dass das System mit
Stresshormonen überflutet wird; ihre katabolische Auswirkung auf die
Körperzellen besteht darin, dass sie den Treibstoff liefern, um die Zellen auf
ein erhöhtes Maß an Kampf-, Flucht- oder Einfrierreaktionen vorzubereiten.
Ist
die Bedrohung vorbei, so kehrt der Körper in den Modus des Parasympathikus zurück, bei dem die Körperprozesse sich entspannen
und beginnen können, die Schäden, die durch den erhöhten Erregungszustand
entstanden sind, zu beheben. Einer der Mechanismen der Reaktion des
Parasympathikus ist das Weinen. Freys Forschungen haben nachgewiesen, dass
emotionales Weinen einen Prozess der Entgiftung (detoxification) darstellt, durch den der Körper sich der Stress
produzierenden Hormone entledigt, die von der Entladung des Sympathikus übrig
geblieben sind. 25
Da
das Nervensystem sich kontinuierlich an eine sehr variable Umwelt anpasst, spiegelt
der Lebensprozess einen ständigen Wechsel zwischen Reaktionen des Sympathikus
und Reaktionen des Parasympathikus. Wenn diese im Gleichgewicht arbeiten,
erlauben diese autonomen Reaktionen uns, in einem gesunden (ausgeglichenen)
emotionalen und physischen Zustand zu leben. Damit beide Modalitäten angemessen
funktionieren, muss der Körper adäquat auf die Reize einer jeden dieser
Modalitäten reagieren dürfen.
Es
ist völlig natürlich, wenn man wütend wird und sein Verhalten einfriert, kämpft
oder wegläuft, wenn man mit einem realen bedrohlichen Ereignis konfrontiert
wird, und es ist ebenso natürlich, nach dem Verschwinden der Bedrohung zu
weinen. So stellt der Körper nach einer beängstigenden Begegnung sein
Gleichgewicht wieder her. Doch wenn diese starken Reaktionen spontan, d. h. ohne
die Präsenz eines tatsächlich bedrohlichen Ereignisses vorkommen, verhalten wir
uns neurotisch.
Der
Sozialisationsprozess hat diesen natürlichen Rhythmus gestört. Dieses natürliche
System, das sich selbst immer wieder ins Gleichgewicht bringt, wird sehr früh
im Leben durcheinander gebracht. Zeigen die Eltern während der ersten neun
Monate ein schwaches Bindungsverhalten (attachment
behavior), so wird dieser Gleichgewichtsmechanismus gestört. Später zeigen
die Eltern dem Kind dann, wie es diese normalen Reaktionen unterlaufen (defeat) kann, und zwar indem sie das Kind ignorieren, bestrafen oder
beschämen. Nur selten nehmen sie sich die Zeit, um Verhaltensweisen des Kindes,
die sie als unangebracht wahrnehmen, genau zu beobachten (witness) und in Schach zu halten. Nur selten erlauben sie dieser
autonomen Reaktion, sich natürlich zu entfalten.
Solter
schreibt: „Nicht jedes Weinen ist Ausdruck eines unmittelbaren Bedürfnisses
oder Wunsches. Oft ist das Weinen einfach ein natürlicher Mechanismus zum Abbau
von Stress, der es den Kindern erlaubt, sich von den Auswirkungen
beängstigender oder frustrierender Erfahrungen, die sie vorher gemacht haben,
zu befreien. Kinder benutzen Tränen und Wutanfälle, um ein Trauma aufzulösen
und Spannung freizusetzen. Deshalb ist es nicht Aufgabe des Erziehers, Weinen
oder Wutanfälle zu unterbinden, denn diese Verhaltensweisen sind an sich
grundlegende Bedürfnisse, und das von Geburt an.
Und
am besten ist es, wenn man Babys und Kinder, die weinen, nie ignoriert. Die
Erwachsenen sollten auf ihr Weinen immer fürsorglich reagieren.“26
Doch
an Stelle dieser fürsorglichen Reaktion neigen unsere Eltern dazu, unsere Wut
und unsere Tränen als lästig primitive und unangenehme Verhaltensweisen zu
behandeln, die sie uns möglichst bald durch Ignorieren, Beschämen und Drohen
auszutreiben suchen.
Da
die Eltern den kindlichen Zyklus von Wut und Weinen nicht als natürlichen
homöostatischen Mechanismus verstehen, führt das bei den Kindern zu „einer
Störung des dynamischen Gleichgewichts, das zwischen ihnen und ihrer Umwelt
besteht.“
MENSCHLICHE ENTWICKLUNG UND DIE WURZELN DER
NEUROSE
Um
Janov richtig zu verstehen, braucht man eine ökologische Vorstellung von der
menschlichen Entwicklung. Alle Lebewesen erwachsen aus einer Umwelt und wachsen
in eine Umwelt hinein, die ständig durch sie hindurchströmt wie eine stille,
unsichtbare Strömung. Dabei fängt jede der Billionen von Zellen, aus denen das
Individuum besteht, aktiv die Elemente aus der Umwelt ein, die sie braucht, um Leben
und Gesundheit aufrechtzuerhalten, und integriert sie. Dieser Prozess heißt Ernährung, und bei dieser Interaktion
entstehen Nebenprodukte, welche die Integrität der Zelle bedrohen können.
Zusätzlich dazu kommen gefährliche Substanzen in den Körper hinein, und er
nimmt mehr Substanzen auf, als er verarbeiten kann. Deshalb versucht der Körper
ebenfalls, diese bedrohlichen und/oder überschüssigen Elemente zu isolieren und
sie wieder an die Umwelt abzugeben. Dieser Prozess heißt Entgiftung. Die Existenz und die Aufrechterhaltung der Gesundheit
der inneren Umwelt sind dann auf Dauer gewährleistet, wenn ein Gleichgewicht
zwischen diesen Prozessen besteht. Der Prozess der Entgiftung, der die lebende
Zelle vor desintegrierenden Ereignissen schützt, ist so entscheidend für den
Lebensprozess, dass der Körper bis zu 80 % seines täglichen Energieverbrauchs dafür
aufwendet.27 In dem Maße, wie dieses Gleichgewicht gestört ist,
erleben wir das so entstandene Ungleichgewicht als „Krankheit“. Das ist die Art
und Weise, wie ein Naturheilkundler Gesundheit und Krankheit versteht.
Unsere
erste Umgebung ist der Mutterschoß. Hier beginnen alle Säugetiere mit dem Auftauchen
aus dem Energiefeld. Und, mit Ausnahme gewisser Substanzen, welche die Schranke
der Plazenta nicht durchdringen können, strömt die Umwelt der Mutter durch den
Fötus hindurch wie ein stiller, unsichtbarer Fluss. Dabei nimmt der Fötus die
Elemente dieser Umgebung auf und integriert sie in seine Zellstruktur. Die
Nebenprodukte dieses integrativen Prozesses gibt er an die Mutter zurück, die
sie dann an die allgemeine Umwelt weitergibt. Die emotionalen Reaktionen der
Mutter auf ihre Umwelt existieren als Ströme von chemischen Substanzen, wie
etwa die Hormone. So sind also, in einem ganz realen Sinn, die physischen und
emotionalen Erfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft auch die
Erfahrungen des Fötus.
Die
Empfindungen des Fötus als Reaktion auf diese Umwelt sind entweder angenehm
oder schmerzhaft, je nachdem, ob die Umwelt für sein Wachstum förderlich oder
hemmend ist. Diese Erfahrungen werden im Primärgedächtnis entweder als
angenehme oder aber als schmerzhafte sensomotorische Daten gespeichert. Dies
ist die einzige Art von Erinnerung, die es an diesem Punkt unserer Entwicklung
gibt.
Das
primäre Gedächtnissystem speichert unsere intrauterinen Erfahrungen sowie
unsere Erfahrungen während unserer ersten sechs Lebensjahre, und zwar in Form
dieser physischen Empfindungen und Gefühle.
Wenn
wir eine solche Erinnerung später im Leben wiedererleben, so erleben wir dabei
erneut die angenehmen oder aber die schmerzhaften Empfindungen der
ursprünglichen Erfahrung..
Dieses
primitive Gedächtnissystem ist eine Funktion der rechten Gehirnhemisphäre, und
es ist schon aktiv lange vor der Myelinisierung des corpus callosum, einer Struktur, welche die beiden Gehirnhemisphären
miteinander verbindet. Wegen der frühen Trennung von der linken Hemisphäre haben
die Erinnerungen der Amygdala keinen Zugang zu ihren logischen Funktionen, wie
etwa der Zeitsequenzierung. In der rechten Gehirnhemisphäre ist die Zeit immer
die Gegenwart. Es ist die linke Hemisphäre, die uns ermöglicht, ein Gefühl für
die Vergangenheit zu haben. Aus diesem Grund hat eine Primärerinnerung die
Dringlichkeit, die wir mit der Gegenwart assoziieren. Eine solche Erinnerung
fühlt sich an, als würde sie jetzt geschehen. Und in gewisser Weise ist es auch
so, denn die Körperempfindungen geschehen ja jetzt und lösen im Körper die
gleiche Reaktion des Sympathikus aus wie die ursprüngliche Angsterfahrung.
Diese fehlende Verknüpfung mit den Funktionen der linken Gehirnhemisphäre, diese
fehlende Zeitkontextualisierung, führt dazu, dass man die gegenwärtige Erfahrung
irrigerweise für die Ursache der erinnerten schmerzhaften Gefühle hält.
Jeder
Mensch ist eine Frühgeburt. Dies ist wegen der Entwicklung unseres sehr großen
Gehirns erforderlich. Würden die Babys nicht binnen neun Monaten zur Welt
kommen, so ginge, aufgrund der Größe und des schnellen Wachstums des Gehirns,
der Kopf nicht mehr durch den Geburtskanal hindurch. Aus diesem Grund ist das
Kind bei der Geburt noch nicht voll entwickelt und damit für sein Überleben
völlig abhängig von seinen Eltern. In der Tat sind die Menschen während der
ersten neun Monate nach der Geburt noch in der fötalen Phase ihrer Entwicklung.
Es braucht danach noch weitere neun Monate Entwicklung, ehe das Kind krabbeln
und sich so aus gefährlichen Situationen entfernen kann. Und deshalb ist das
Kind während der ersten neun Monate nach der Geburt noch genauso hilflos und
abhängig wie während seines Lebens im Mutterschoß. Hinzu kommt, dass sein
Gehirn noch dabei ist, sich zu „verdrahten“. Tatsächlich ist die Myelinisierung
des Hippokampus und des corpus callosum
erst mit fünf bzw. zehn Jahren abgeschlossen.
Deshalb
betont Montague nachdrücklich, man müsse davon ausgehen, dass die
Schwangerschaft beim Menschen 18 und nicht 9 Monate dauert.28 Und
John Bowlby meint, dass das ständige Halten des Babys und das Spiegeln seines
Ausdrucks (während der ersten neun Monate nach der Geburt) für seine gesunde
emotionale Entwicklung völlig unverzichtbar sind. Das wird bestätigt durch die
Arbeiten von Schore und anderen modernen bindungsorientierten Forschern; sie
haben nachgewiesen, dass die frontalen Strukturen des kindlichen Gehirns, die
für die Impulskontrolle zuständig sind, durch die mangelnde Fürsorglichkeit der
Eltern während dieser frühen Periode stark gefährdet sind.29 Das
kann soweit gehen, dass das Gehirn als Reaktion auf gravierende Fehler der
Eltern wichtige Nervenzellen in diesem Bereich verkümmern lässt (prune away).
Während
der ersten neun Monate nach der Geburt ist das Baby biologisch so ausgestattet,
dass es den Kontakt zu seiner Mutter oder wenigstens ihre Nähe sucht, wenn es
bedürftig ist. Bowlby nennt diesen Trieb „Bindung“ („attachment“).
Er
glaubt, dass eine Trennung von der Mutter in dieser Zeit für die Entwicklung des
Kindes verhängnisvoll ist, da sie die instinktiven Bedürfnisse, die es zu
dieser Zeit hat, nicht berücksichtigt.
Wenn
das Baby bedürftig ist, wenn es leidet, Angst hat oder erschreckt wird, verhält
es sich instinktiv so, dass es die Mutter dazu bringt, ihm Nähe zu schenken
(durch Augenkontakt, Lächeln, Weinen oder Klammern). Bowlby nennt das
„Bindungsverhalten“. Die aufmerksame Reaktion der Mutter auf das instinktive
Verhalten des Babys gibt ihm die andere Hälfte (die Umweltkomponente) von dem,
was es braucht, um mit der bedrohlichen Erfahrung zurechtzukommen.
Demnach
sind Spiegeln und Berührung der Mutter während dieser Entwicklungsphase Formen
der Ernährung, genauso wie Essen und Trinken. Und das Eingehen der Mutter auf
das Baby ist nicht einfach irgendein Nährstoff, es ist ein wesentlicher
Nährstoff. Und genauso, wie der Körper keine richtige körperliche Struktur ohne
die Verfügbarkeit der wesentlichen Nährstoffe aufbauen kann, ist auch die
Psyche nicht fähig, eine adäquate psychische Struktur aufzubauen, wenn die
Mutter dem Baby nicht den wesentlichen Bindungs-Input zur Verfügung stellt. Die
Qualität dieses Inputs kann reich oder arm sein, und dementsprechend wird auch
die emotionale Entwicklung des Kindes robust sein oder aber verkümmern. Die
Reaktionen der Mutter auf das Bindungsverhalten des Babys während dieser
entscheidenden Entwicklungsphase bilden die Schablone für die künftigen
Reaktionen des Kindes auf die Welt. Und da das Kind seine Erfahrungen während
dieser Zeit als sensomotorische Daten speichert, führt ein schwaches
Bindungsverhalten auf Seiten der Mutter dazu, dass das Kind unfähig ist, seine
Angsterfahrungen zu verarbeiten. Das führt dann seinerseits zu Dissoziierung
und zur Bildung eines Pools von schmerzhaften Primärerinnerungen beim Kind.
Geht
die Mutter konsequent positiv auf das Bindungsverhalten des Babys ein, so
entwickelt es eine emotional sichere Beziehung, einen emotional sicheren
Bindungsstil. Spiegelt die Mutter dagegen das Bindungsverhalten des Babys nicht
(oder geht sie nicht darauf ein), so entwickelt es eine ambivalente Beziehung
zu seiner Mutter, oder es meidet sie.
Geht
die Mutter nicht adäquat auf das Bindungsverhalten des Babys ein, so stellt sie
ihm nicht die „wesentlichen Nährstoffe“ zur Verfügung, die es braucht, um seine
belastenden Erfahrungen zu verarbeiten. Dieser Mangel an Nahrung ist äußerst
belastend für das Kind. Es erhält von seiner Umwelt nicht das, was es braucht,
um seine verstörende Erfahrung zu verarbeiten. So beginnt es, sich von ihr zu
dissoziieren, und es entsteht eine Angsterinnerung, die dann gespeichert wird.
Man
kann die Mutter-Kind-Beziehung als symbiotisch ansehen.Es ist einfach die Art
und Weise, wie die Natur die Beziehung im Mutterleib verlängert. Während die
Bedürfnisse des Kindes in den ersten Monaten über die Nabelschnur und die
Plazenta befriedigt werden, werden sie in den folgenden neun Monaten durch die
Beziehung zwischen Mutter und Kind gestillt, die auf der genauen Abstimmung (synchronous) von Bedürfnis und
Bedürfnisbefriedigung beruht. Durch das Bindungsverhalten des Babys und die
darauf genau abgestimmte Reaktion der Mutter führt die Natur die Beziehung in
der Plazenta einfach weiter. Und es ist ja interessant festzustellen, dass die
Plazenta ein Organ ist, das aus dem Gewebe von Mutter und Fötus gemeinsam
besteht. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, was der Satz: „Der Organismus und
seine Umwelt bilden ein untrennbares Ganzes“ bedeutet. Vom Moment der Empfängnis
an, und auch noch während der ganzen neun Monate nach der Geburt muss man Mutter und Kind als eine untrennbare
funktionale Einheit sehen – die Mutter-Kind-Dyade. Die Forschung der
Bindungstheoretiker zeigt, dass, was die richtige Entwicklung des Gehirns und
der Gefühlswelt des Kindes angeht, diese Dyade eine untrennbare Mini-Umwelt
darstellt.
Das
Bindungsverhalten des Babys ist instinktiv. Es ist nicht klar, ob die Reaktion
der Mutter auf ihr Baby ebenfalls instinktgesteuert oder gelernt ist -
jedenfalls kann sie durch Erfahrungen verändert werden. So oder so, es
bedeutet, dass die Mutter in ihrer Hälfte der symbiotischen Beziehung versagen
kann.
Hat
sich die symbiotische Beziehung gut entwickelt, dann „entwickelt das Kind ein
gutes Ursache-Wirkung-Denken, es fühlt sich kompetent (powerful), es vertraut anderen Menschen, zeigt exploratives
Verhalten, und es entwickelt Empathie und ein Gewissen.“30 Mit
anderen Worten, das Kind wächst hinaus in seine Umwelt, die es als angenehm
erlebt, genauso, wie eine Pflanze von den warmen Sonnenstrahlen angezogen wird.
In diesem Fall wird der Pool an Primärerinnerungen des Kindes mit angenehmen
sensomotorischen Daten aufgeladen, die ständig wiedererlebt und während des
ganzen Lebens auf die Welt projiziert werden. Für ein solches Kind fühlt sich
die Welt allgemein sicher und gut an. Das bezeichnet man als sichere Bindung.
Ist
die Beziehung dagegen nicht in Ordnung, so beginnt das Kind Misstrauen zu
entwickeln und hört mit dem Bindungsverhalten auf. Kommt es zu keiner
symbiotischen Beziehung, so kann das zu Vermeidungsverhalten führen, und das Baby
beginnt, seine Mutter zu meiden (kein Augenkontakt, Abwendung, usw.) Mit
anderen Worten, das Baby zieht sich von seiner Umwelt zurück, die es als
schmerzhaft erlebt, und damit tut es das, was jedes Lebewesen auch tut, wenn es
sich von einem schmerzhaften Reiz zurückzieht.
Entsteht keine richtige Bindung, so
wird das Kind von belastenden Erfahrungen überwältigt, weil ihm die
Unterstützung fehlt, die es braucht, um seine belastenden Erfahrungen zu
verarbeiten; es dissoziiert sich von ihnen und beginnt damit seine
lebenslängliche Reaktion auf die Angsterinnerungen bzw. die Einprägungen seiner
angstbesetzten unverarbeiteten Erfahrungen.
Danach
verbindet das Kind auf chronische Weise eine frühere Angstreaktion mit seinen
gegenwärtigen Aktivitäten. Dies äußert sich in einer
widerstrebenden/ambivalenten Bindung, bei der das Baby sich entweder aktiv oder
passiv feindselig gegenüber seiner Mutter verhält. Die Mutter ist zum Auslöser
für das Hochkommen von Angsterinnerungen des Kindes geworden. Und weil das
Gehirn fähig ist, seine Erfahrungen zu assoziieren und zu verallgemeinern,
entwickelt sich dieses frühe Verhalten zu einem ähnlichen Verhalten in seinen
Beziehungen, wenn das Kind erwachsen wird. In diesem Fall wird der Pool von
Primärerinnerungen des bindungsgestörten Kindes mit unangenehmen
sensomotorischen Daten belastet, und diese werden ständig erneut erfahren und
das ganze Leben hindurch auf die Welt projiziert. Dies sind die Wurzeln der
Neurose. Für einen solchen Menschen fühlt sich das Leben im Allgemeinen
schmerzhaft und unbefriedigend an.
Wie
Janov sagt: „Unsere Liebe zu unseren Kindern zeigt sich daran, dass wir ihre
grundlegenden Bedürfnisse stillen, und dies schon ehe sie zu Kindern werden.“31
Und: „Wir können unser Gehirn nicht allein entwickeln. Wir brauchen dafür den
Input der Eltern. Ihre Liebe formt unser Gehirn, ihre Ablehnung verformt es.“32
DIE HYPOTHESE DER TOXISCHEN PSYCHE
Die ständige Verdrängung der Angsterinnerungen
führt schnell zu einer neuralen Vergiftung
Van
Winkle hat über die biologische Dynamik der Neurose spekuliert.33
Laut ihr werden die Nervenzellen des autonomen Nervensystems noradrenerg oder
cholinerg genannt, je nachdem, welche Neurotransmitter sie benutzen, um
Informationen über die Synapse hinweg zu übermitteln. Die Nervenzellen des
Sympathikus benutzen dafür Noradrenalin, der Parasympathikus benutzt Cholin.
Belastende
Ereignisse in unserem Leben rufen eine Reaktion des Sympathikus hervor, und die
physiologischen Konsequenzen in unserem Körper beginnen mit einem flutartigen
Informationsaustausch zwischen den Zellen dieses Systems, der durch
Noradrenalin begünstigt wird.
Haben
die Primärtheorie und die Forschungen zur Entstehung von Angsterinnerungen Recht
in Bezug auf den Primärprozess bzw. den Prozess der Entstehung von
Angsterinnerungen, so wird die ursprüngliche, Angst erregende Erfahrung auf
Proteinmolekülen entlang Noradrenalin- Nervenbahnen gespeichert. Die
ursprüngliche Reaktion auf die Angstsituation führt zur Reaktion des Sympathikus,
und dann blockiert die überwältigende Natur des traumatischen Ereignisses das
Ausdrücken der nachfolgenden Gefühlsreaktion durch den Mechanismus der
Dissoziierung. Das heißt, es wird Noradrenalin in die synaptischen
Zwischenräume ausgeschüttet, um den Körper auf eine Reaktion auf eine
bedrohliche Situation vorzubereiten, doch dann wird dieser Neurotransmitter für
diese Reaktion nicht ganz aufgebraucht. Das führt zu einem Überschuss an
Noradrenalin in den Zellenzwischenräumen (NA).
Diese
Situation zwingt die Nervenzelle, die das Noradrenalin abgegeben hat, dazu, es
wieder aufzunehmen. Da ständig neue Neurotransmitter produziert und in den
präsynaptischen Vesikeln gespeichert werden, muss ein Teil des synaptischen
Überschusses an Neurotransmittern in den Körper der Nervenzelle selbst
aufgenommen werden. Dies geschieht durch Vakuolen, die sich zur Zellenmembran hin
bewegen können, diese dann öffnen, den Überschuss (der deshalb giftig ist) aufnehmen
und ihn innerhalb des Körpers der Nervenzelle einkapseln. Dies ist ein gutes Beispiel
dafür, wie Zellen eine Möglichkeit entwickelt haben, um sich vorübergehend an
toxische Bedingungen anzupassen. Die Zelle kann ihre toxische Umwelt
tatsächlich bis zu einer bestimmten Grenze einkapseln. Das lässt sich bei der
Autopsie des Gehirngewebes von psychiatrischen Patienten erkennen.34
Hat
die Primärtheorie mit ihrer Vorstellung Recht, dass ständig Einprägungen (automatisch
abgerufenen Angsterinnerungen) ins Bewusstsein eindringen, dann wird jedes Mal,
wenn die Erinnerung abgerufen wird, die Reaktion des Sympathikus wieder
eingeleitet und mehr Noradrenalin in die synaptischen Zwischenräume innerhalb
der Noradrenalinkreisläufe des autonomen Nervensystems ausgeschüttet. Mit
anderen Worten, die Erinnerung an die ursprüngliche, nicht integrierte, traumatische
Erfahrung führt immer wieder zur Aktivierung der Reaktion des Sympathikus. Dies
entspricht der Definition eines chronischen Zustands. Ich nehme an, dass Salter diesen Prozess meint, wenn er beschreibt, wie
Kinder Tränen und Wutausbrüche benutzen, um unaufgelöste Situationen zu heilen.
Dies erklärt auch, weshalb Kinder auf scheinbar „irrationale“ Art toben und
weinen. Sie reagieren dabei auf ihre ursprüngliche, nicht verarbeitete
Erfahrung, und nicht auf ihre gegenwärtige Realität. Deshalb können wir die
Neurose als einen chronischen neurologischen Zustand ansehen, dessen Ursache
die automatisch erinnerte Einprägung ist.
Doch
der Mechanismus der Verdrängung macht diese Reaktion wiederum zunichte, und die
Neurotransmitter müssen erneut von den Vakuolen der Nervenzellen aufgenommen
und eingekapselt werden. Sobald dieser Prozess gestartet wurde, baut sich der
Noradrenalinspiegel entlang der Nervenbahnen progressiv bis zu einem nicht mehr
tolerierbaren Niveau auf. Sobald das System dies merkt, beginnt es mit einer
Entgiftungskrise.
Dieser
Prozess beinhaltet den teilweisen Abbau der Zellmembran und das Abladen des
Überschusses an Noradrenalin in den Zellenzwischenraum. Dadurch werden die
Neuronen entlang der anliegenden Nervenbahnen übererregt. Man schätzt, dass
jede Nervenzelle einen synaptischen Zwischenraum mit 200 000 anderen
Nervenzellen teilt.35 Als Folge dieser Abladung entsteht eine
allgemeine Entladung des Sympathikus. Wir überreagieren dann auf scheinbar
neutrale Reize.
„Wegen
der räumlichen Natur der Informationsübertragung durch die Nervenzellen können
die Informationen über alternative Nervenbahnen geleitet werden, und das führt
zu verzerrtem und zwanghaftem Denken, zu Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Psychosen
und zu unbeabsichtigtem Verhalten. Es kann vorkommen, dass als Folge einer
solchen indirekten Eliminierung von Giftstoffen eine Person ihre Wut nach innen
richtet, was zu suizidalem Verhalten führt, oder aber sie greift einen
unschuldigen Menschen aggressiv an.“36
Die
Entladung ist fehlgerichtet, weil das Nervensystem die Angsterinnerung vom
bewussten Denkprozess und von der Integration weggelenkt hat. Wenn diese
Angsterinnerung dann hochkommt (es kommen ja nur die körperlichen Empfindungen
der Angsterinnerung hoch), ist damit keine Selbstwahrnehmung verbunden. Das
Denken wird nicht auf die tatsächliche Ursache der Angsterinnerung gelenkt. Das
heißt, innerhalb des Kreislaufs, der die Angsterinnerung enthält, wird nur
soviel Stimulierung geschaffen, dass der Noradrenalinspiegel bis zu dem Punkt
absinkt, wo die Entgiftungskrise beginnen könnte. Dann wird der Prozess abgebrochen.
Zurück bleibt ein toxischer Nervenkreislauf, der ständig so gerade noch unter
dem Niveau liegt, wo eine Entgiftungskrise einsetzen würde. Die neurotische
Psyche ist deshalb eine toxische Psyche.
Wie
bereits gesagt führt die ständige Unterdrückung der Reaktion des Sympathikus,
die durch den Prozess der Bildung der Angsterinnerung, ihres Hochkommens und
ihrer Dissoziierung entsteht, zur Akkumulation eines toxischen Niveaus von
Noradrenalin im Zellkörper der Neuronen.
Man
hat auch gesagt, dass die Psyche Erinnerungen aufgrund eines aktuellen
Auslösers hochbringt, der das gleiche Gefühl beinhaltet wie die Erinnerungen.
Zusätzlich
dazu hat man die Vermutung geäußert, die Erinnerungen könnten auf
Proteinmolekülen gespeichert sein, und diese Moleküle müssten dann bei jeder
Erinnerung abgebaut und danach wieder zusammengebaut werden. Eine abgerufene
Erinnerung, wie sie vor dem geistigen Auge (the
mind’s eye) erscheint, würde dann den freigesetzten Erinnerungsdaten in
ihrem ursprünglichen Energiezustand entsprechen, nachdem sie von den Fesseln
der Proteinmoleküle befreit sind. Wenn die Moleküle sich dann wieder
zusammenfügen, wird dieser Energiezustand dann möglicherweise wieder in die
Eiweißmoleküle „eingegossen“, um so gespeichert zu werden und für einen
späteren Abruf wieder bereit zu sein.
Deshalb
setzt das Auslösen einer Angsterinnerung durch eine aktuelle Situation den
Abbau des Substrats dieser Erinnerung voraus. Die Nebenprodukte dieses
Proteinabbaus reagieren sauer. Ein saures Nervenumfeld trägt zu der toxischen
Ladung bei, und gleichzeitig hilft es bei dem teilweisen Abbau des Neurons und
dem anschließenden Abstoß des Überschusses an Toxinen. Durch das Hochkommen
einer Angsterinnerung, die auf Nervenbahnen gespeichert ist, die mit einem
toxischen Niveau von Noradrenalin gesättigt sind, werden der Abbau von Teilen
der Nervenzelle und die anschließende Entgiftungskrise eingeleitet.
Da
die Angsterinnerungen ständig verdrängt werden, werden die Nervenzellen, auf
denen sie gespeichert sind, nie von toxischen Metaboliten gesäubert. Sie sind
deshalb immer am Rande einer Entgiftungskrise – und warten ständig auf den
nächsten Auslöser. Van Winkle glaubt, dass das Nervensystem durch das
Ausagieren (bzw. das Verhaltenssymptom) versucht, diese Krise auszulösen, weil
ja die Anfangsphase der Krise stimulierend ist. Laut ihr ist dies die Basis für
Abhängigkeit und Sucht.
Wegen
der Unmittelbarkeit der Angsterinnerung (sie kommt im Bereich der
Selbstwahrnehmung nicht vor) wird sie automatisch mit dem verknüpft, was
zufällig ihr Abrufen auslöst; das heißt, die Person erlebt die Angstreaktion
irrtümlich so, als sei der Auslöser die Ursache für ihre Angst. Deshalb hört man
beim neurotischen Ausagieren immer wieder Sätze wie: „Sieh doch, wozu du mich gebracht hast!“ „Du hast mich wütend gemacht.“ „Du bist schuld daran, dass ich trinke.“ Der Neurotiker ist sich nicht bewusst, dass
seine Angstreaktion in ihm erzeugt wird. Die Ursache liegt darin, dass die Angsterinnerung
in der rechten Gehirnhemisphäre eingekapselt ist und somit nicht durch die
logischen Funktionen der linken Hemisphäre informiert wird.
Da
das neuronale Netzwerk des Noradrenalins, in dem die Primärerinnerungen
gespeichert sind, ständig am Rande einer Engiftungskrise ist, kann in dem
Augenblick irgendetwas, das die toxische Ladung erhöht, diese Krise auslösen.
Dieses „Irgendetwas“ könnte das Hochkommen der nächsten Angsterinnerung sein,
was zur Übersäuerung und damit zum Zusammenbruch des toxischen Nervenkreislaufs
führt.
Ich
fasse zusammen: Es geschieht etwas in der Gegenwart, das sich für die Person so
anfühlt wie die ursprüngliche Angsterinnerung. Dieser Gefühlsmarker stimuliert
den toxischen primären Nervenkreislauf. Die Proteinmoleküle, auf dem die
Angsterinnerung gespeichert ist, werden abgebaut. Dies führt zum Hochkommen der
Angsterinnerung, zu ihrer Projektion auf das auslösende Objekt und zur
Entstehung von sauren metabolischen Nebenprodukten (aus dem Abbau der
Proteinmoleküle). Das Hochkommen der Angsterinnerung führt damit zum
neurotischen Ausagieren, das von einer gewaltigen Entladung des Sympathikus
begleitet wird.
Wegen
des dissoziativen Prozesses ist diese Entladung an kein spezifisches Objekt aus
der Vergangenheit geknüpft. Deshalb wird sie auf den aktuellen Auslöser
projiziert. Van Winkle nennt das eine Ersatz-Entgiftungskrise
(a vicarious detoxification crisis).
Vielleicht entspricht dieser Begriff Janovs Abreaktion.
Ich werde noch darauf zurückkommen.
Man
kann das neurotische Ausagieren als automatischen Versuch ansehen, eine Entgiftungskrise
zu stimulieren. Doch weil das Ausagieren definitionsgemäß eine Reaktion ist,
die auf das falsche Objekt gerichtet ist, wird die Quelle des Ausagierens - die
Erinnerung, die auf verkümmerten Noradrenalin-Nervenbahnen gespeichert ist –
nie richtig verarbeitet, das heißt, die Nervenbahn, welche die Erinnerung
enthält, wird nie über die Schwelle der Entgiftungskrise hinaus stimuliert.
Mit
anderen Worten, wir werden ständig wütend auf alles, was unsere Angstreaktion
auslöst, ganz gleich,ob es sich dabei um Personen oder Sachen handelt. Doch die
eigentliche Quelle der ursprünglichen Angsterinnerung wird durch den Prozess
der Dissoziierung daran gehindert, in die Selbstwahrnehmung zu gelangen. Wenn
das stimmt, gibt es nur eine Möglichkeit, uns aus dem Kreislauf der
Angsterinnerungen zu befreien, und die besteht darin, die Gedanken ständig auf
die Ursache der ursprünglichen Angsterinnerung zu richten. Die frontale Struktur der linken Gehirnhemisphäre tut das automatisch, wenn diese Erinnerung
ihr so präsentiert wird, dass der Dissoziierungsprozess ausgeschaltet wird.
Dies ist das Ziel der Primärtherapie. Und deshalb ist die Primärtherapie eine
Therapie, die heilt, statt nur zu lindern.
ARTHUR JANOVS BEWEISMATERIAL
Janov
spricht von der Neurose als von einer fehlenden Kommunikation zwischen den
beiden Gehirnhemisphären.37 Die Einprägung ist in der rechten
Hemisphäre gespeichert und aufgrund der Dissozierungsfunktion von der linken Hemisphäre
isoliert. Die beiden Gehirnhemisphären wissen nichts voneinander. Sein Prozess
des Primelns der Einprägung führt zu einer Verknüpfung zwischen den Hemisphären
in Bezug auf die Einprägung. Diese Verknüpfung ist das Ziel der Therapie. Da
die Einprägung jetzt mit der linken Gehirnhemisphäre verknüpft ist, wird sie in
einen Zeitkontext eingeordnet. Vor
dem Primal mischt sich die Einprägung ständig in die Gegenwart ein, was ja in
der Natur konditionierter Reaktionen liegt. Nach
dem Primal ist die Einprägung in der Gegenwart ebenfalls ständig präsent, doch
die Person spürt, dass sie in die Vergangenheit gehört. Während des
Primalprozesses wird sie sich progressiv bewusst, dass es möglicherweise nicht
die gegenwärtige Erfahrung ist, die ihre gegenwärtige Angstreaktion hervorruft.
Doch wo sonst soll sie dann herkommen? Die Antwort auf diese Frage kommt von
innen. Mit anderen Worten, die Person entwickelt die Fähigkeit, rational über
ihre gegenwärtigen emotionalen Erfahrungen nachzudenken. Logik und
Zeitsequenzierung sind Funktionen der linken Gehirnhemisphäre. Durch die
Verknüpfung wird die automatische Verbindung zwischen Stimulus und Reaktion in
der konditionierten Angsterinnerung aufgebrochen, und das signalisiert den
Beginn des Heilungsprozesses. Im Laufe des Primärprozesses wird dieser Spalt
breiter, und die Person erhält immer mehr Gelegenheit, die ausgelöste
emotionale Reaktion rational zu überprüfen.
Janov
behauptet, diese Verknüpfung könne durch die Messung der Vitalwerte und den
Prozess des Gehirn-Mappings objektiv nachgewiesen werden.38 Seine
Untersuchungen haben nachgewiesen, dass die Primärtherapie eine normalisierende
Wirkung auf das autonome Nervensystem hat.
Seine
Therapeuten messen die Vitalwerte (Körpertemperatur, Blutdruck und Puls) des
Patienten vor und nach jeder Sitzung. Ist es während einer Sitzung zu einer
Verknüpfung gekommen, so liegen alle Vitalwerte nach der Sitzung
übereinstimmend unter dem Wert vor der Sitzung. Janov geht davon aus, dass dann,
wenn diese Werte nicht übereinstimmen oder nicht unter den Grundwert fallen,
der Patient nur abreagiert hat.
Ein
anderer objektiver Test für die Verknüpfung ist die Gehirnwellenaktivität vor
und nach der Therapie. Auch die EEG-Werte sieht Janov als Vitalwerte an.
Untersuchungen an vier großen Universitäten haben nachgewiesen, dass das Wiedererleben
eines Traumas die Gehirnwellen verändert.
Im
Allgemeinen „ zeigen die EEG-Untersuchungen Veränderungen in Frequenz und
Amplitude der Gehirnwellen, nachdem der Patient Zugang zu einer traumatischen
Erinnerung gefunden und sie aufgelöst hat. Sie zeigen, dass die
Gehirnwellenmuster bei fortgeschrittenen Patienten weniger unterdrückt und
weniger unruhig (busy) sind. Sie sind
besser synchronisiert und langsamer, und die Amplituden sind gleichmäßiger über
das ganze Gehirn verteilt. Wir stellen auch ein besseres Gleichgewicht zwischen
den beiden Gehirnhemisphären fest.“39
Mit
Hilfe von neuer Software ist es jetzt auch möglich, die Gehirnwellenaktivität
eines Patienten während einer Sitzung aufzuzeichnen. Janov behauptet, mit Hilfe
der Untersuchung der Gehirnwellenaktivität (Delta-, Theta-, Alpha- und
Betawellen) des Patienten sei es nun möglich, den Fortschritt des Patienten
während einer Sitzung zu verfolgen. Die Art der Gehirnwellenaktivität zu irgendeinem
bestimmten Zeitpunkt sagt dem Therapeuten, auf welcher Bewusstseinsebene der
Patient gerade seine Informationen verarbeitet.
Diese
Untersuchungen wurden im UCLA Brain
Research Bulletin und in den Acta
Scandinavia veröffentlicht. Doch obwohl die konventionelle Psychotherapie
„objektiv überprüfbare Daten“ verlangt hat, wird keine dieser Studien in der
einschlägigen Literatur erwähnt.
Schließlich
ist das spontane Hochkommen von Einsichten nach einer Sitzung ein zwar
subjektiver, doch sehr wichtiger Hinweis darauf, dass es zu einer Verknüpfung gekommen
ist. Nach Janov ist die Gewissheit des Patienten, dass die Einsichten real sind,
„ein zweiter wichtiger Hinweis auf eine echte Primärerfahrung.“40
Meine
eigenen experimentellen Daten bestätigen Janovs Behauptung, dass die Primärarbeit
einen normalisierenden Einfluss auf die Stressanpassungsreaktion des autonomen
Nervensystems hat. Eine Zusammenfassung dieser Daten findet man im Anhang.
DAS GEISTIGE AUGE (THE MIND’S EYE)
Bei
jeder Erforschung der Begleitung der Primärarbeit sollte man auch darauf
aufmerksam sein, welche Beachtung man dem schenkt, was wiedererlebt wird,
Gewöhnlich geht man davon aus, dass die Erinnerung an ein Erlebnis darin
besteht, dass man ein visuelles Bild davon vor seinem geistigen Auge hat. Und
dabei hat man immer den Eindruck, dass das entsprechende Erlebnis in die
Vergangenheit gehört. Das heißt, die Daten aus der abgerufenen Erinnerung
stehen in einem zeitlichen Kontext.
Während
einer Erinnerung existiert das mentale Bild dreidimensional im Geist, und es
wird auch beobachtet. Diese Fähigkeit, mentale Bilder zu beobachten nenne ich
das „geistige Auge“. Es ist ein
Aspekt der sich entwickelndes Selbstwahrnehmung. Doch die Wissenschaft versteht
diese Funktion überhaupt nicht. Dabei ist die Untersuchung der
Selbstwahrnehmung für die Neurowissenschaften von entscheidender Bedeutung, und
dies gilt auch für das Verständnis des Prozesses der Primärtherapie.
Damasio
erinnert den Leser daran, dass mentale Bilder nicht nur visuell sind. „Unter
dem Begriff ‚Bilder’ verstehe ich mentale Muster mit einer Struktur, die aus
Zeichen (tokens) aus jeder der
sensorischen Modalitäten – visuell, auditorisch, gustatorisch und somatosensorisch
– zusammengesetzt ist.“41 Wie weiß man zum Beispiel, dass man eine
bestimmte Körperposition innehat, wenn man sich nicht in dieser Position sehen
kann? Die Antwort: Sensomotorische Daten von vielen Propriozeptoren, die über
den ganzen Körper verteilt sind, werden dem Bildraum (image space) präsentiert. Wenn man die Position seines Körpers
bestimmen will, zieht man diese impliziten Daten in den Bildraum hinein, und
dadurch wird das geistige Auge sich des nicht-visuellen Bildes, das durch diese
Daten geschaffen wird, bewusst. Und so weiß man um die Position seines Körpers.
Mit anderen Worten, man braucht kein visuelles Bild davon, dass man sich z.B.
hinlegt, um die eigene Körperposition zu kennen. In diesem Fall hat der Geist
ein sensomotorischen Bild zusammengebaut. Und das geistige Auge ist sich dieses
Bildes dann genauso bewusst wie eines visuellen Bildes. So weiß man, welche
Position man gegenwärtig im Raum hat. Die Konstruktion eines Bildes entsteht,
„wenn wir Objekte, ob nun Personen, Orte oder auch Zahnschmerzen, von außerhalb
des Gehirns ins Gehirn hereinholen; oder wenn wir Objekte aus dem Gedächtnis,
sozusagen von innen nach außen, rekonstruieren.“42
All
unsere Erinnerungen, die Aufzeichnung jeder einzelnen unserer Erfahrungen,
„existieren in dispositioneller Form (ein Synonym für implizit, versteckt, unbewusst) und warten nur darauf, zu einem
expliziten Bild oder einer Handlung zu werden.“43
Damasio
sagt auch noch, dass der „Bildraum
das ist, worin die Bilder aller sensorischer Typen explizit vorkommen.“44
Dieser Bildraum ist möglicherweise die Art, wie Damasio das Fenster bzw. das
Energiefeld beschreibt, in dem die sensorischen Daten gesammelt und dem
„geistigen Auge“ präsentiert werden, damit es sie zur Kenntnis nimmt.
Wird
eine implizite Erinnerung abgerufen, so geschieht das automatisch (es braucht
dazu keine bewusste Anstrengung). Es gibt zwei Typen impliziter Erinnerungen: prozedurale (Erinnerungen an
Fertigkeiten, die mit der Zeit automatisch werden) und dispositionelle (Verhaltensweisen, die durch klassische oder
operante Konditionierung gelernt werden). Um Rad fahren zu lernen oder um mit
Angst zu reagieren, braucht man die entsprechende Erinnerung nicht bewusst
abzurufen. Sie kommt automatisch hoch. Und wir sind uns dieser Erinnerungen
nicht bewusst. Sie werden dem geistigen Augen nicht präsentiert.
Angsterinnerungen
sind dispositionelle Erinnerungen.
Damasio
sagt, dass wir dispositionelle Erinnerungen explizit machen, indem wir sie in
den Bildraum bringen.
Was
allerdings dissoziierte dispositionelle Erinnerungen (Angsterinnerungen)
betrifft, so ist dafür ein wenig mehr nötig. Man muss die sensorische
Überlastung beachten. Da liegt daran, dass das Gehirn auf eine sensorische
Überlastung automatisch so reagiert, dass es die Erinnerung vom Bildraum weg dissoziiert.
Deshalb muss man diese automatische Abwehrfunktion überwinden, um eine
Angsterinnerung in den Bildraum zu bringen. Janov sagt dafür, dass man
innerhalb eines „sensorischen Fensters“ arbeitet.
Und
weil dispositionelle Erinnerungen einfach auftauchen, können wir ihr Hochkommen
nicht bewusst steuern, wie wir das bei normalen deklarativen Erinnerungen tun.
Stattdessen schaffen wir die Bühne, auf der diese Erinnerungen dann automatisch
ausgelöst werden.
HOMÖOPATHIE: DIE NATUR VON SYMPTOMEN
Samuel
Hahnemann war ein deutscher Arzt und Chemiker, der den orthodoxen medizinischen
Beruf aufgab, weil er den Eindruck hatte, dass die zu seiner Zeit als
medizinische Standards (state oft the art)
akzeptierten Praktiken wie Aderlass, giftige Dosen von Quecksilber und Arsenik
und andere Behandlungsformen von Krankheiten für den Patienten schädlich waren.
Seine Entdeckung, dass Substanzen in geringer Dosis den Organismus dazu
anregen, das zu heilen, was die gleichen Substanzen bei einer zu hohen Dosis
verursachen, führte ihn zur Formulierung des Gesetzes der Gleichheit, und dies
ist das Grundprinzip der Homöopathie:
„Hahnemanns
Beobachtung, dass eine Substanz, welche die Symptome eines kranken Menschen
nachahmen kann, in der Lage ist, einen Patienten zu heilen, führte zu einer
Revolution im Verständnis von Symptomen. Statt davon auszugehen, dass Symptome
unlogische, nicht zweckmäßige oder ungesunde Reaktionen des Körpers darstellen
und deshalb behandelt, kontrolliert und unterdrückt werden müssen, lernte
Hahnemann, dass Symptome positive Anpassungsreaktionen auf die vielfältigen
Belastungen sind, denen der Körper ausgesetzt ist. Symptome stellen die beste
Möglichkeit dar, die der Körper findet, um sich selbst zu heilen. Statt also
die Symptome zu unterdrücken, sollte eine Therapie die Abwehrkräfte des Körpers
stärken, um den Heilungsprozess abzuschließen.“45
Hahnemann
glaubte auch, dass „die Selbstheilungskräfte eines Menschen so stark sind, dass
nur ein kleiner Reiz notwendig ist, um mit dem Heilungsprozess zu beginnen.“
Und weiter: „Sobald der Heilungsprozess beginnt, ist es am besten, nichts
weiter zu tun, sondern den Prozess sich auf seine Art weiterentwickeln zu
lassen.“46
Eine
häufige Erfahrung von Menschen, die homöopathische Medikamente benutzen, um
chronische Leiden zu behandeln, ist die, dass die Symptome sich anfangs im
Prozess einer Kur verschlimmern können – man spricht deshalb auch von der
„Verschlimmerung der Symptome“.
Ganz
ähnlich kann es auch im Prozess der Primärtherapie zu einer Verschlimmerung der
Verhaltenssymptome kommen, weil die Therapie die verkümmerten Nervenkreisläufe,
in denen die Angsterinnerungen gespeichert sind, stimuliert. Da diese
Kreisläufe neu mit Energie aufgeladen werden, können sie die Angsterinnerungen
besser freisetzen, und dies erscheint dann als eine „Verschlimmerung“. Das
heißt also, dass die Verhaltenssymptome sich zu Beginn des Heilungsprozesses verschlimmern
können.
Bei
einem naturheilkundlichen emotionalen Heilungsprozess versteht der Begleiter
die Symptome (bei emotionalen Störungen also das neurotische Verhalten)
ebenfalls als den ständigen Versuch des Körpers, die zugrunde liegende Ursache
des Problems loszuwerden. Das heißt, das Ausagieren ist der Versuch der Person,
eine Entgiftungskrise auszulösen. Das Problem besteht darin, dass das Ausagieren
auf das falsche Objekt bezogen ist.
Wegen
der fehlenden Verknüpfung zwischen der eingekapselten Primärerinnerung und den
logischen Funktionen der linken Gehirnhemisphäre glauben wir, unsere
Angstreaktion in der Gegenwart werde durch das verursacht, was hier und jetzt
geschieht.
Man
kann den Prozess der Primärtherapie als Versuch verstehen, die
unterschiedlichen Symptome der Neurose des Patienten dadurch zu verschärfen,
dass man ihn dazu bringt, auf den aufsteigenden Schmerz der Primärerinnerung zu
achten. Diese Erinnerung ist voller Angst, Schmerz und Tränen. Wenn der Patient
den Inhalt dieser Erinnerung fühlt, den Schmerz dosiert und progressiv (in small doses) zulässt und darüber (in
seinem ursprünglichen Kontext) wütet, ist das der Beginn des Heilungsprozesses.
Eine „Überdosis“ schmerzhafter Informationen hat damals den dissoziativen
Prozess ausgelöst, und dieser Prozess hat dann seinerseits die Bedingungen für
die Entwicklung des chronischen Zustands, der Neurose heißt, geschaffen. Das
„dosierte und progressive“ Wiedererleben dieser schmerzhaften Informationen
führt eine „Heilungskrise“ herbei. Diese Heilungskrisen beginnen dann, den
chronischen neurotischen Zustand umzukehren. Wie Janov sagt: „Die
Primärtherapie ist die Umkehrung der Neurose.“ In diesem Sinn verkörpert der
Prozess der Primärtherapie die Überzeugung der Homöopathie, dass „Gleiches
durch Gleiches geheilt wird“. Das Schreien und Weinen, das darauf folgt, ist
die Heilungs- oder Erholungsphase der Krise.
Innerhalb
jeder emotionalen Heilungssitzung hilft der Begleiter demnach den Klienten,
das, was in einer „Überdosis“ zur Neurose geführt hat, „in kleinen Dosen“
zuzulassen.
Der
Ausdruck „in kleinen Dosen“ ist implizit ein Hinweis auf die Wichtigkeit von
Janovs Konzept des sensorischen Fensters in der Therapie.
Dieses
Vorgehen stimuliert so den natürlichen Heilungsprozess des Klienten. Deshalb
kann man den naturheilkundlichen,
emotionalen Heilungsprozess, der sich an der Primärtherapie orientiert, als
homöopathische Aktivität ansehen.
3. IMPLIKATIONEN
EINE NATURHEILKUNDLICHE
ANATOMIE DER NEUROSE
Die konventionelle allopathische Psychotherapie befasst sich nicht mit den eigentlichen Ursachen von emotionalen Störungen. Sie scheint sogar auf das atheoretische Modell stolz zu sein, zu dem sie durch das Fehlen einer angemessenen kausalen Erklärung gezwungen wurde. Janov andererseits hat im Bereich der Psychotherapie eine kausale Hypothese vorgestellt, die emotionale Störungen erklärt, und er hat nachgewiesen, dass seine Hypothese objektiv überprüfbare und replizierbare Vorhersagen erlaubt. Aus diesem Grund hat er die Primärtherapie als die erste wissenschaftliche Psychotherapie bezeichnet. Und weil seine Hypothese sich mit den Ursachen befasst, kann man sie als naturheilkundliche Psychotherapie ansehen.
Auf der Grundlage einer Synthese von Hendersons Gedächtnistheorie, Solters Theorie der kindlichen Entwicklung und Janov Prägungstheorie habe ich eine angemessene naturheilkundliche Theorie über die Entstehung der Neurose entwickelt.
Im Mutterleib führt eine nicht nährende, Stress erzeugende Umwelt zur Schaffung einer Anhäufung (pool) von verstörenden (distressing) psychomotorischen Erinnerungen. Dies schafft seinerseits die Bedingung dafür, dass das Neugeborene spontan und chronisch diese verstörenden psychomotorischen Daten wiedererleben kann. Vielleicht haben einige Neugeborene genau deshalb „Koliken“ und gelten als problematisch.
Jedes Mal, wenn ein Kleinkind etwas wirklich Verstörendes erlebt, reagiert es mit Wut und Weinen. Seine Eltern wissen dann, dass etwas nicht stimmt und reagieren darauf, indem sie den verstörenden Reiz entfernen. Dabei kann es sich um Hunger, eine nasse Windel oder etwas Ähnliches handeln. Vielleicht weint das Kind noch eine Weile danach, doch dann ist sein Gleichgewicht wiederhergestellt. Oder etwas in seinem Umfeld erschreckt es, und es sucht nach seiner Mutter, damit sie ihm hilft, das verstörende Ereignis zu verarbeiten.
Wenn seine Eltern nicht angemessen auf seine Bedürfnisse eingehen, wächst der Schmerz der Entbehrung. Doch der Schmerz kann nicht unbegrenzt anwachsen, sonst würde es sterben. Es gibt ein Schmerzniveau, an dem das Nervensystem beginnt, die Schmerzsignale zu blockieren. Dies ist ein Überlebensmechanismus, und es ist der Kern (substance) des dissoziativen Prozesses.
Sobald dieses Niveau erreicht ist, kann die verstörende Erfahrung nicht mehr verarbeitet werden (loses its „window of opportunity“ to be processed), die Reaktion des Sympathikus wird unterbrochen (truncated), und es entsteht eine Angsterinnerung an den verstörenden Reiz und gleichzeitig eine neurotische Spannung im Körper. Das heißt, dem Körper ist etwas Verstörendes passiert, das er nicht verarbeiten konnte (weil die Mutter zu wenig aufmerksam war), und so speichert der Körper das Ereignis für eine spätere Verarbeitung (reference) (in Form von unangenehmen Körperempfindungen).
Ich möchte Spannung als eine Kraft definieren, die in jedem natürlichen System entsteht, das aus dem Gleichgewicht gerät (z.B. Wasser, das hinter einer Staumauer zurückgehalten wird). Sobald ein Damm in einem Flusslauf gebaut wird, der das normale Fließen des Wassers einengt, erzeugt das Wasser hinter dem Staudamm einen ständigen Druck auf diesen Damm, weil es versucht, zu seinem normalen ebenmäßigen Strömen zurückzukehren. Diese Kraft heißt potenzielle Energie, und sie wächst in direktem Verhältnis zum Ausmaß der Stauung.
Neurotische Spannung (emotionale potenzielle Energie) ist die Art, wie die Natur die Möglichkeit schafft, das emotionale Gleichgewicht in einem gestörten emotionalen Prozess wieder herzustellen, d.h. die Störung aufzulösen. Mit der Einrichtung der festen (chronic) Möglichkeit, Angsterinnerungen wieder zu finden, bietet uns die Natur eine Gelegenheit, die ursprüngliche Angsterinnerung immer wieder aufzusuchen, um sie zu heilen (a healing window of opportunity).
Wegen dieser automatischen Zurückholungsfunktion (retrieval function) kommt diese Erinnerung immer wieder hoch und stimuliert Reaktionen des Sympathikus. Darin besteht das Wiederauffinden der Angsterinnerung.
Das Wiederauffinden der Angsterinnerung ist eine Reaktion auf einen realen körperlichen Reiz: ein Hochfahren des autonomen sympathetischen Reaktionssystems. Mit der Auslösung der Erinnerung beginnt man, das sonsomotorisch-emotionale Unbehagen des ursprünglichen (nicht aufgelösten) traumatischen Ereignisses wieder auszudrücken.
Der Unterschied zwischen der aktuellen und der ursprünglichen Situation besteht darin, dass kein aktuelles Bedürfnis diese Aktivierung auslöst, sondern eine Erinnerung, etwas aus der Vergangenheit.
Es besteht also jetzt eine Situation, in der es zu einer realen gegenwärtigen sympathetischen Reaktion aufgrund des Eindringens einer Erinnerung aus der Vergangenheit in das gegenwärtige Bewusstsein kommt. Dieses Eindringen ist nicht sichtbar, und es ist keine Reaktion auf etwas Gegenwärtiges. Und so wird das Verhalten des Kindes als funktional gestört angesehen, da es ja offensichtlich keine physische Ursache dafür gibt. Dies ist die Definition der Neurose.
So kann man den spontanen Versuch des Kindes, sich durch Toben und Weinen von einem vergangenen Trauma zu heilen, als rudimentäres neurotisches Verhalten ansehen. Der neurotische Prozess begann deshalb, weil das Trauma nicht verarbeitet wurde, als es ursprünglich dazu kam.
Jetzt erscheint das Verhalten des Kindes den Eltern als irrational. Sie wollen, dass es aufhört. So beginnen sie, dem Kind Kontrollmuster beizubringen. Sie bringen ihm bei, wie es sich von seinem Unbehagen ablenken kann. Diese Ablenkung kann lustvoll, etwa, indem das Kind Süßigkeiten oder Nahrung erhält, obwohl es nicht hungrig ist, oder sie kann schmerzhaft sein, indem die Eltern ihm drohen, sie würden es verlassen, oder indem sie es beschämen. Das Kind lernt bald, dass bestimmte Substanzen seine Wutgefühle und sein Weinen abpuffern können. Es lernt, dass etwas Schlimmes geschehen wird, wenn es weint oder wütend wird. Es lernt, auf das Eindringen von Angsterinnerungen ins Bewusstsein so zu reagieren, dass die körperlichen Auswirkungen dieses Eindringens abgeschwächt werden, während es sich gleichzeitig die Anerkennung seiner Eltern sichert. Es erhält ihre Anerkennung und fühlt sich besser, obwohl die Angsterinnerungen weiter bestehen und ihre Wirkung weiter ausüben. Und wenn sie wieder hochkommen, agiert das Kind wieder aus, statt angemessen auf die Signale der Angsterinnerung zu reagieren. Das heißt, man lernt, ständig auf die stellvertretenden Verdrängungsinstrumente zurückzugreifen, um die ständig hochkommenden Angstempfindungen abzuschwächen.
Jetzt besteht im Nervensystem des Kindes eine Situation, in der eine funktionale Trennung besteht zwischen einem sehr realen Reiz (dem Inhalt der Angsterinnerung) und einer Heilreaktion auf diesen Reiz: Wut und Weinen. Die Angsterinnerung kommt ständig hoch und darf nie ausgedrückt werden. Das Kind lernt, wie es dies automatisch tun kann. Und die neuronalen Kreisläufe, in denen dieser Inhalt gespeichert ist, verkümmern progressiv und werden immer stärker durch einen Überschuss an unausgedrücktem Noradrenalin vergiftet.
Mit zunehmender Reife entwickelt man immer komplexere Wege, um sich vom Inhalt dieser Angsterinnerungen abzulenken. Die beeindruckendste Ablenkung entsteht durch die Reifung der höchsten Gehirnstrukturen. Man lernt, dass man Worte und Vorstellungen benutzen kann, um unangenehme Gefühle abzuwehren. Eine der Funktionen des frontalen Kortex besteht darin, konditionierte Angstreaktionen zu verändern (modulate). Der Kortex des Erwachsenen ist so mächtig, dass man ihn benutzen kann, um Schmerzsignale aus den tieferen Ebenen zu blockieren. Das wird auf sehr dramatische Wiese bei der Hypnose deutlich, wenn ein Proband einen Nadelstich nicht spürt, nachdem er die Suggestion erhalten hat, die Nadel sei eine Vogelfeder. Auch einige Meditationsformen bewirken das. Man kann Meditation sehr wirksam dafür einsetzen, hektisches Denken (a busy mind) zu beruhigen, die Aktivität wichtiger Körperfunktionen abzusenken und Stress zu reduzieren. Doch es gibt zu viele Menschen, die der Frage, weshalb es überhaupt zu diesem chronischen Stress gekommen ist, zu wenig Beachtung schenken. Chronischer Stress ist ein Symptom eines tieferen Prozesses (ständiges Hochkommen von Angsterinnerungen). Und so blockiert die Meditation die Schmerzsignale vorübergehend. Janovs Forschung mit Hilfe des Gehirnscannings hat nachgewiesen, dass einige Meditationsformen Schmerzblocker sind. Wenn ein Mensch, der gewohnt ist zu meditieren, die Meditation absetzt und sich mit einer anderen Aktivität befasst, deren Ziel es ist, sich mit Symptomen zu befassen, beginnt der Inhalt der Angsterinnerungen, wieder ins Bewusstsein zu steigen. Das erklärt auch, weshalb ein Mensch, dem es ausschließlich darum geht, seine Symptome zu behandeln, alles, was er in dieser Hinsicht tut, ständig und auf unbegrenzte Zeit tun muss. Er schneidet ständig die Blätter des Unkrauts zurück, und diese wachsen immer wieder nach, und manchmal sogar noch üppiger als vorher.
DIE NATURHEILKUNDLICHE FÖRDERUNG DER EMOTIONALEN GESUNDHEIT
Allgemeine Überlegungen
in seiner Online-Zeitschrift zitiert
Turton einen Untersuchungsbericht aus dem New
England Journal of Medicine:
Eine Extrapolation auf die Bevölkerung der Vereinigten Staaten legt nahe, dass im Jahr 1990 die Amerikaner etwa 425 Millionen Mal nicht konventionelle Therapien in Anspruch genommen haben. Diese Zahl ist größer als die Zahl der Besuche bei allen Allgemeinpraktikern in den USA (388 Millionen). Die Ausgaben für nicht-konventionelle Therapien beliefen sich 1990 auf etwa 13.7 Milliarden $, wovon etwa drei Viertel aus der eigene Tasche bezahlt wurden. Diese Zahl ist vergleichbar mit den 12.8 Milliarden $, welche, ebenfalls aus der eigenen Tasche, in den USA für Klinikaufenthalte aufgebracht wurden.
Dieser enorme Betrag, den die Amerikaner für alternative medizinische Behandlungen ausgeben, weist darauf hin, dass sich hierzulande die Menschen sich immer stärker bewusst werden, dass die konventionelle medizinische Behandlung (die Behandlung von Symptomen) nicht ausreicht. Die Forderung wird immer lauter, man müsse naturheilkundliche Heilverfahren mit konventionellen Behandlungsformen von Krankheiten verbinden. Die National Library of Medicine (NLM), das Online-Ressource-Zentrum für medizinische Probleme, enthält mittlerweile einen eigenen Teil mit Verweisen auf naturheilkundliche Forschungsberichte. Dieser Teil heißt Ergänzende und Alternative Medizin (CAM). Es ist an der Zeit, über eine naturheilkundliche Psychotherapie nachzudenken. Es ist an der Zeit, eine Therapie zu berücksichtigen, die den Anspruch erhebt, emotionale Probleme zu heilen und nicht nur die Symptome zu behandeln.
In der naturheilkundlichen Medizin geht man von der grundlegenden Annahme aus, dass Zellvergiftung (cellular toxicosis) die eigentliche Ursache von Krankheit ist. Dadurch entstehen die vielfältigen Symptome, die man herkömmlich mit unterschiedlichen Krankheiten in Beziehung bringt. Eigentlich gibt es jedoch nur eine einzige Krankheit: Vergiftung, und deshalb sollte man den toxischen Zustand und nicht seine Symptome behandeln.
Statt also einen Katalog von Symptomen zusammenzustellen, von denen man jede Gruppe als separate „Krankheitseinheit“ behandelt, würde ein naturheilkundliches emotionales Heilverfahren von der Voraussetzung ausgehen, dass eine einzige Ursache den vielfältigen abnormen Verhaltensweisen zugrunde liegt, die wir Neurose nennen. Und dabei handelt es sich um in der Amygdala gespeicherte Erinnerungen an traumatische Ereignisse: Primärerinnerungen, Angsterinnerungen, bzw. Janovs Einprägungen. Ihre chronische Aktivierung und Verdrängung führt zu einer zellulären Vergiftung in den neuralen Kreisläufen, in denen die Angsterinnerungen kodiert sind. Physiologisch führt dieser Zellvergiftung zu einer periodischen Über- bzw. Unterreizung des Nervensystems. Falls die Behandlung (facilitation) diese eine grundlegende Ursache beseitigen kann, ist es nur logisch anzunehmen, dass dadurch die Vergiftung der Nervenzellen und unerwünschte Verhaltensymptome verschwinden sollten.
So lässt sich erkennen, dass die Normalisierung (ordering) abnormen Verhaltens in der Primärtherapie und ihre weiterführende Behandlung naturheilkundlich sind. Aufgabe jedes natürlichen emotionalen Heilungsprozesses besteht deshalb in der Beseitigung des toxischen Zustands. Seine Quelle ist dann beseitigt, wenn die Primärerinnerung in die ganze psychische Struktur integriert ist. Die erfolgreiche Integration einer schmerzhaften Primärerinnerung beseitigt diesen chronischen Zustand, der die neuralen Kreisläufe vergiftet. Die Auflösung der Neurose lässt sich somit nun definieren als Abschluss eines Entgiftungsprozesses.
Janov hat sich bisher immer hartnäckig geweigert, Personen, die nicht Studenten bei ihm sind, die Techniken der Primärtherapie zu vermitteln. Hinzu kommt noch, dass seine Therapie äußerst kostspielig ist und voraussetzt, dass man nach Los Angeles reist und dort zusätzlich noch für Unterkunft und Verpflegung aufkommen muss, was an sich schon teuer ist. Das bedeutet, dass nur sehr wenige Menschen sich seine Therapie leisten können. und die meisten Krankenkassen zahlen heute nur für eine zeitlich begrenzte „Gesprächstherapie* und für eine zeitlich unbegrenzte Behandlung mit psychotropen Medikamenten. Zusätzlich setzt jeder Anspruch auf Übernahme durch die Krankenkasse voraus, dass eine Diagnose auf der Basis der Kategorien der vom DMV vorgegebenen „Krankheiten“ gestellt wird.
Es gibt also eine naturheilkundliche Therapie, die zu emotionaler Gesundung führt, doch es gibt, anders als bei anderen naturheilkundlichen Therapien, keine Möglichkeit, dass Menschen mit normalen finanziellen Mitteln sich diese Therapie leisten können. Wie also kann diese Therapie je die Massen der Menschen erreichen, die eine Befreiung von ihrem neurotischen Leiden brauchen?
Obwohl er nicht auf die Details des therapeutischen Prozesses eingeht, gibt Janov in seinen Büchern doch einige sehr wichtige allgemeine Richtlinien für eine korrekte Therapie. Und wenn ich mit meiner Schlussfolgerung, dass alle Neurosen posttraumatische Stressstörungen (PTSS) sind, richtig liege, lassen sich auf der Grundlage von Janovs allgemeinen Vorstellungen sowie der Informationen, die in dem vorliegenden Buch vorgestellt werden, Richtlinien für eine effektive Behandlung entwickeln.
Weiter oben hatte ich geschlussfolgert, dass spontanes Weinen und spontane Wutausbrüche bei Kindern (vorausgesetzt, diese Verhaltensweisen sind nicht die Folge eines unmittelbaren Bedürfnisses oder Wunsches) neurotisches Verhalten in seiner einfachsten Form darstellt. Es ist neurotisch in dem Sinn, wie Janov die Neurose definiert hat. Das heißt. Das Gefühl ist richtig, doch der Kontext ist falsch. Das Kind weint und tobt in der Gegenwart über eine Stresssituation, die in der Vergangenheit geschah. Dieses Phänomen wird ermöglicht durch die Bildung von Einprägungen bzw. schmerzhaften Primärerinnerungen und ihr ständiges Eindringen in die gegenwärtige Situation. Dies ist der neurobiologische Mechanismus, den Janov gesucht hat, um zu erklären, wie ein vergangenes Trauma in der Gegenwart wieder auftauchen kann. Das neurotische Verhalten des Erwachsenen unterscheidet sich nicht von dieser grundlegenden Reaktion des Kleinkindes. Es ist nur komplexer. Der Erwachsene hat gelernt, komplizierte Verhaltensweisen als Kompensationsmechanismen dafür zu gebrauchen, dass er damals nicht natürlich auf traumatische Erfahrungen reagieren durfte.
Ein naturheilkundlicher Begleiter muss den Klienten dabei unterstützen, angstbesetzte Primärerinnerungen aufzuspüren und zu integrieren. Das Auffinden und die Integration von Angsterinnerungen scheinen ganz ähnlich zu funktionieren wie der „Delete-Befehl“ beim Computer. Hier ist es ja so, dass eine Datei dadurch gelöscht wird, dass man das Namensetikett löscht. Und obwohl der Inhalt dieser Datei noch innerhalb des Erinnerungssystems des Computers existiert, kann man sie nicht mehr wieder finden.
Ganz ähnlich bei der Primärerinnerung: Der Integrationsprozess scheint das Gefühlsetikett der Primärerinnerung zu löschen. Wenn man „das Gefühl fühlt“, wird das Gefühlsetikett gelöscht, und so kann ein heutiger Auslöser die Primärerinnerung nicht mehr automatisch auffinden. Dadurch kann der Körper ihren physiologischen Inhalt nicht mehr erneut erfahren, und so kann er auch nicht mehr darauf reagieren. Folge: Der Klient kann nicht mehr neurotisch „ausagieren“.
Die Auflösung des neurotischen Ausagierens hängt nicht von einem bewusst gesteuerten rationalen Denkprozess ab. Es kommt vielmehr automatisch dazu, wenn man eine vorher isolierte und nicht integrierte Angsterinnerung wieder erlebt und integriert hat. Dies ist der zentrale philosophische Unterschied zwischen der Primärtherapie und konventionellen verhaltensorientierten Therapien.
Seiner Natur entsprechend muss der Prozess der natürlichen emotionalen Heilung graduell sein. Man muss bedenken, dass die Person eine Angsterinnerung ursprünglich deshalb schuf und speicherte, weil sie das damalige Ereignis als überwältigend und unkontrollierbar erlebte. Und, was noch wichtiger ist, diese Erinnerungen existieren auf verschiedenen Ebenen, sie haben eine begriffliche, eine emotionale und eine sensorimotorische Komponente. Der Prozess der Primärtherapie besteht im Fühlen (Löschen) von jeder dieser Erinnerungen auf allen drei Ebenen. Dieser Prozess beginnt mit den am wenigsten angstbesetzten Primärerinnerungen und geht dann weiter die „Schmerzkette“ hinab bis zu den am stärksten angstbesetzten. Bei diesem Prozess (die Schmerzkette hinunter) wächst der Widerstand des Körpers gegen das Fühlen dieser Gefühle. Während man an immer frühere schmerzhafte Primärerinnerungen herankommt, wird der Schmerz immer größer, und man hat immer weniger Kontrolle über diese Ereignisse. Für Babys sind unbefriedigte Bedürfnisse eine Frage von Leben und Tod. Und der Körper reagiert entsprechend.
Deshalb muss das Umfeld, in dem diese Gefühle wieder erlebt werden, den Klienten total unterstützen. Der Therapeut muss ein Mensch sein, der selbst eine Primärtherapie gemacht hat oder aber, und das ist sehr selten, er ist nach den Erziehungsprinzipien, wie sie Aletha Solter vertritt, aufgewachsen. Diese Erfahrung zeigt dem Begleiter, dass der Klient keine Angst zu haben braucht, wenn er seine Wut ausdrückt, und dass er sich nicht zu schämen braucht, wenn er so tief weint, wie es für ihn nötig ist. Ein Begleiter, der die eigenen Wut- und Schamgefühle nicht gefühlt und ausgedrückt hat, fühlt sich automatisch unwohl, wenn ein Klient beginnt, diese Gefühle auszudrücken. Dies ist eine automatische Reaktion, über die der Begleiter keine Kontrolle hat. Die konventionelle psychotherapeutische Praxis ist bei diesem Thema auf dem Holzweg. Sie behauptet, ein Therapeut könne seine Gegenübertragung auf den Klienten dadurch vermeiden, dass er „versteht“, wie es dazu kommt und sich darauf einstellt. Doch wenn eine Reaktion des Sympathikus ausgelöst wird, kann man sie durch „Verstehen“ nicht beseitigen. Es ist vielmehr so, dass ein Therapeut, der spürt, dass er beginnt, „getriggert“ zu werden, unbewusst versucht, sich dem unangenehmen Gefühl zu entziehen, indem er den Klienten von seinen Gefühlen weg manövriert, etwa indem er ihn dazu bringt, über sie zu sprechen, statt sie durch Wutgefühle oder Weinen auszudrücken. Genau das tun ja auch Eltern, wenn ein Kind auf für sie unverständliche Weise ausagiert. So kann ein Therapeut, der durch seinen Klienten „getriggert“ wird, den Fehler der Eltern wiederholen, die in ihrem Bindungsverhalten gestört sind. Seine Gefühle zu fühlen kann für den Klienten so beängstigend sein, dass er in dieser Situation Körperkontakt braucht, denn Körperkontakt das früheste und wirkungsvollste Mittel, um sich geliebt und unterstützt zu fühlen. Die konventionelle Psychotherapie hat den körperlichen Kontakt mit dem Klienten auf ein Minimum reduziert, und damit hat sie sich um das mächtigste und das biologisch fundamentalste Mittel gebracht, einem Menschen zu helfen, sich sicher und umsorgt zu fühlen. Wenn das Umfeld für ihn emotional sicher ist, beginnt der Klient allmählich, den Inhalt seiner Angsterinnerungen zu fühlen und zu integrieren, und dadurch sind sie nicht mehr zugänglich. So wird sein Ausagieren nach und nach weniger zwingend.
Das Tempo, in dem Primärerinnerungen ausgelöst werden, ist für den emotionalen Heilungsprozess entscheidend. Stone postuliert die Existenz eines „inneren Kontrolleurs“ (governor) im Gehirn, der bei der Verarbeitung von Angsterinnerungen aktiv ist. Er vergleicht das Angsterinnerungs-Reservoir mit Wasser, das hinter einem Damm aus Holzstäben gestaut ist. Weiter weg vom Damm steht das Wasser höher als direkt am Damm. Dies gibt den gefangenen Angsterinnerungen ein hohes Potential zur Erzeugung von Kraft, wenn die Erinnerungen ausgelöst werden. Man könnte das Ausmaß an potenzieller Energie des gestauten Wassers mit dem Grad neurotischer Spannung vergleichen, die der Klient in seinem Leben empfindet. Je mehr „Wasser hinter dem Damm“, umso mehr neurotische Spannung beim Klienten.
Stones Vorschlag entspricht
naturheilkundlichen Vorstellungen. Er glaubt, dass dieser „innere Kontrolleur“
dazu da ist, um die psychische Struktur dadurch zu schützen, dass er nur soviel
an Angsterinnerungen freigibt, wie der Klient auf einmal integrieren kann.
Daraus ergibt sich logischerweise: Wenn es eine natürliche Funktion gibt, die
automatisch reagiert, um uns vor dem Zusammenbruch der bewussten Wahrnehmung
(während des ursprünglichen Ereignisses) zu schützen, muss diese Funktion doch
auf die gleiche Weise reagieren, um uns ebenfalls vor dem Wiederauftauchen der
Erinnerung an das ursprüngliche Ereignis zu schützen, wenn dieses wiederum als
eine Bedrohung für die bewusste Wahrnehmung erlebt wird. Mit anderen Worten: Eine Dissoziation kann durch eine reale,
unmittelbare Erfahrung, aber ebenso durch die Erinnerung an diese Erfahrung
ausgelöst werden.
Geht man davon aus, dass die naturheilkundliche Überzeugung, der Körper könne die Bildung der Angsterinnerungen ebenso wie ihre Auslösung steuern, zutrifft, so bedeutet das auch Vertrauen in die Weisheit der Natur, was Selbstheilung betrifft. Hier wird Janovs Primärtherapie entschieden „un-naturheilkundlich“. Er ist davon überzeugt, dass die Menschen nicht die innere Fähigkeit haben, ihre Einprägungen aufzulösen, und deshalb müsse dieser Prozess von einem Therapeuten gesteuert werden. Tatsächlich vergleicht er den Prozess in der Primärtherapie mit einem gehirnchirurgischen Eingriff. Und das heißt, wenn man diese Analogie weiterführt, dass nur Gehirnchirurgen diesen Eingriff durchführen sollten – und damit meint er seine eigenen Schüler. Ich stimme Janov zu, allerdings nur in Fällen, wo es sich um eine schwere orbitofrontale Schädigung (pruning) aufgrund eines schweren und frühen Missbrauchs handelt, oder aber um ein späteres Trauma, das so gravierend ist, dass der Klient nicht mehr normal in der Gesellschaft funktionieren kann. Im ersten Fall fehlt dem Klienten die Gehirnstruktur, die nötig ist, um den Prozess des Wiederauffindens der Angsterinnerung zu steuern, im zweiten überfordern die sensorischen Daten der traumatischen Erfahrung die Fähigkeit des Gehirns, die Auswirkungen der Angsterinnerung zu steuern. Solche Klienten können durch den therapeutischen Prozess leicht überwältigt und so erneut traumatisiert werden. Diese Klienten brauchen eine stärker strukturierte Form von Therapie. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in der Therapie ebenso wie meiner Erfahrungen in der Arbeit mit Klienten bin ich davon überzeugt, dass der Klient in allen anderen Fällen die angeborene Fähigkeit besitzt, Angsterinnerungsdaten zu steuern und zu verarbeiten, solange dieser Prozess ihm nicht aufgezwungen wird. Dies bedeutet, dass die meisten Menschen in ihrem Prozess gefahrlos durch Laien unterstützt werden können, die ihre eigene Primärarbeit geleistet und Training in der Unterstützung von Primärarbeit erhalten haben. Und das heißt wiederum, dass dieser emotionale Heilungsprozess den Menschen genauso zugänglich ist wie Massage und andere naturheilkundliche Verfahren.
Stones Staudamm-Analogie weist auf die Wichtigkeit einer kontrollierten Auslösung von Angsterinnerungen hin.
Dies war der Fehler, der frühen Primärtherapeuten unterlaufen ist. Sie waren davon überzeugt, die Abwehr des Klienten müsse „gesprengt“ werden. Um Stones Analogie zu benutzen: Sie glaubten, der Damm müsse durch brutal eingerissen werden, statt ihn Stück für Stück allmählich abzutragen. Auf diese Weise, so glaubten sie, könne die Neurose schnell geheilt werden. Dies war eine zu optimistische Vorstellung, die deshalb scheiterte, weil sie nicht berücksichtigte, dass das Gehirn die Integrität bzw. die Kontinuität seiner Selbstwahrnehmungsfunktion unbedingt aufrechterhalten muss.
Folgt man Stones Analogie, so versteht man die Wichtigkeit einer allmählichen, kontrollierten Auslösung eingekapselter Angsterinnerungen. Wie die Sprengung eines Staudamms riesige Wassermassen freisetzen würde, die alles zerstören könnten, was unterhalb des Damms liegt, so würde die „Sprengung“ der Abwehr des Klienten, die sein Reservoir an Angsterinnerungen in Schach hält, riesige Mengen an Energie freisetzen, welche die Selbstwahrnehmung des Klienten überwältigen könnten. Auch hier muss man ja bedenken, dass es genau diese überwältigende Flut schmerzhafter Erfahrungen war, vor der das Nervensystem die Selbstwahrnehmung ursprünglich geschützt hat. Genau deshalb entstanden ja die Angsterinnerungen überhaupt erst. Und darum ist es wichtig, dass die therapeutische Erfahrung nicht genau die traumatischen Bedingungen wieder herstellt, die ursprünglich zur Entwicklung der Angsterinnerungen führten. Dies nennt man Neutraumatisierung.
Im Gegensatz dazu versteht ein naturheilkundlicher Begleiter die Intelligenz und die Sicherheit des Vorgehens seines Klienten, die darin besteht, dass er den Damm Stück für Stück abbaut. In seiner Sitzung mit einem Klienten erkennt der Begleiter, dass die Auflösung einer Angsterinnerung einem Rhythmus folgt. Die Wut und die Angst, die hochkommen, haben einen Anfang und ein Ende. Das Weinen auch. Dieser Rhythmus stellt sich spontan ein (sofern der Klient spürt, dass er das gefahrlos tun kann), und der Klient selbst kontrolliert den ganzen Prozess.
Wenn ein oder zwei Stücke des Damms entfernt werden, und sich der Prozess dann beruhigt, fällt die potenzielle Energie des Wassers hinter dem Damm leicht, und zwar so, dass das integriert werden kann. Und das Wasser, das freigesetzt wird, vereinigt sich auf gleichmäßige Weise mit dem Wasser unterhalb des Damms. Anders ausgedrückt: Dadurch, dass die Freisetzung langsam und kontrolliert abläuft, hat die Umgebung unterhalb des Damms eine Chance, das freigesetzte Wasser aufzunehmen, ohne dass sie auf diese Weise Schaden erleidet. Und genauso, wie das eben freigesetzte Wasser vom Boden unterhalb des Damms aufgenommen wird, wird auch eine eben gefühlte Primärerinnerung sicher in die gesamte psychische Struktur aufgenommen. Die Angsterinnerung ist jetzt mit den beiden Gehirnhälften verknüpft. Sie hat jetzt Zugang zu den logischen Funktionen der linken Gehirnhälfte. Sie ist nicht mehr in der rechten Gehirnhemisphäre eingekapselt.
Die eben beschriebene homöostatische Anpassung wird Auflösung oder Integration genannt. Und sie besteht in einer Neuanpassung bzw. einem neuen Gleichgewicht des Körper-Gehirn-Ganzen. Sie führt automatisch zu einer Abnahme der neurotischen Spannung, und diese steht in einem direkten Verhältnis zu dem Ausmaß an Angsterinnerung, die aufgespürt und integriert wurde, und sie lässt sich objektiv an der dauerhaften Normalisierung der Aktivität der Vitalwerte und der Gehirnfunktionen überprüfen.
DIE HEILUNGSKRISE PROVOZIEREN
Nicht das Trauma ist die Quelle der Krankheit, sondern die unbewusste, verdrängte, hoffnungslose Verzweiflung darüber, dass man nicht dem Ausdruck geben darf, was man gelitten hat. (Alice Miller)
Um den Prozess der Primärtherapie zu verstehen, muss man zuerst verstehen, wie das Nervensystem die Erfahrungen verarbeitet. „Es ist das limbische System, vor allem der Hippokampus und die Amygdala mit ihrer direkten Verbindung zum frontalen Kortex, die als ‚Pforte zum Bewusstsein’ fungieren.“ (5) Eine Erfahrung wird zunächst vom frühen „Gefühlshirn“, das auch als limbisches System bekannt ist, verarbeitet. Deshalb werden Erinnerungen durch Gefühlsmarker und nicht durch Namen kodiert (wir waren fühlende Wesen lange, ehe wir sprechen konnten). Das limbische System überprüft den emotionalen Inhalt der Erfahrung und leitet die Information dann weiter hinab zum retikulären Aktivierungssystem (RAS) und hinauf zum frontalen Kortex.
In einer nicht-bedrohlichen Situation wird die Information im Hippokampus als deklarative Erinnerung einkodiert. Implizit dabei ist, dass die Erfahrung dem Bildraum (image space) vorgestellt und damit vom Auge des Geistes (mind’s eye) berücksichtigt wird. Der Reiz, den das RAS erhält, aktiviert die HPA-Achse und das Vorderhirn, das die physischen Reaktionen auf die Erfahrung orchestriert. In der linken Gehirnhälfte des Frontalkortex wird diese neue Information mit der Gesamtheit der Erfahrungen verglichen, und es werden rationale Reaktionen eingeleitet. Weil wir die Erfahrung im linken frontalen Kortex verarbeitet haben, wird diese holistisch verstanden, als ein Ereignis unter vielen in unserem Leben. Die Erfahrung wird innerhalb einer Zeitmatrix erinnert. So können wir danach eine Geschichte über diese Erfahrung erzählen, und sie auf diese Weise in unser Leben integrieren. Und jedes Mal, wenn wir uns an das Ereignis erinnern, spüren wir, dass es in der Vergangenheit stattgefunden hat.
In einer durch Angst geprägten Situation, die stark durch Stress bestimmt wird, und in der wir das Gefühl haben, kein Kontrolle über den Ausgang zu besitzen, stört das Stresshormon Kortisol den Prozess der Erinnerungsbildung im Hippokampus ebenso wie die integrative Aktivität des frontalen Kortex. Aufgrund dieser Störung wird die deklarative Erinnerung nicht einkodiert oder, soweit das doch geschieht, wird die Erinnerung fragmentiert. Ein Zuviel an Kortisol stört auch den frontalen Kortex bei der Organisation der Erfahrung und einer angemessen Reaktion darauf.
„Wenn Menschen Angst haben oder erregt sind, werden die frontalen Bereiche des Gehirns, die eine Erfahrung analysieren und sie mit anderem Wissen assoziieren, deaktiviert.“ (6) Mit anderen Worten: Das Gehirn empfindet diese überwältigenden Informationen als störend für unser höheres Bewusstsein – unser „Selbstbewusstsein“ (sense of self). Und da das Gehirn die Funktion hat, unsere Erfahrungen, und besonders angstbesetzte Erfahrungen, zu erinnern, wird die Erfahrung zum primitiven Erinnerungssystem der Amygdala umgeleitet und dort einkodiert. Dieses Gedächtnis enthält nur die (sensorimotorischen) Empfindungen und Gefühle, die man bei der Erfahrung hatte. Dieser Prozess kapselt die angstbesetzte Erinnerung auf wirksame Weise in der rechten Gehirnhälfte ein. Und da die überwältigende Erfahrung nie angemessen vom linken frontalen Kortex verarbeitet wurde, wurde sie nie als „Teil unserer persönlichen Geschichte“ integriert. Das Ereignis wurde damit nicht in unsere gesamte psychische Struktur integriert,
Da das Gehirn ebenfalls die Funktion hat, Erinnerungen hochzubringen, um unsere gegenwärtige gefühlte Erfahrung zu informieren, stimulieren diese angstbesetzten Erinnerungen ständig das RAS, das seinerseits die HPA-Achse und den linken Kortex stimuliert. Dadurch werden die Vitalfunktionen ständig gestört, und es kommt zu ständigem „Gedanken-Rasen“, auch wenn die Realität des Augenblicks keinen Grund dafür bietet. Vielleicht ist es das, was bei einem Kind geschieht, das „ohne erkennbaren Grund“ mit Toben und Weinen anfängt. Bei einem Erwachsenen könnte dieser Prozess dazu führen, dass er eine Straße hinab geht und plötzlich merkt, dass er „eigentlich ohne Grund“ mit sich selbst streitet. Sein Blutdruck ist hoch. Fäuste und Kiefer sind verspannt. Sein Herz rast. Und doch gibt es nichts in der Gegenwart, das diese (sehr reale) Reaktion verursacht. Dieses Beispiel beschreibt das Hochkommen einer angstbesetzten Erinnerung aus der Amygdala. Und da sie ursprünglich eingekapselt wurde und so nicht vom frontalen Kortex integriert werden konnte, kann man nicht spüren, dass diese Erinnerung sich auf etwas bezieht, das in der Vergangenheit geschah. Es fühlt sich an, als geschehe es jetzt.
Als Reaktion auf unkontrollierbare Angstgefühle baut das Gehirn also einen geschlossenen Informationsverarbeitungskreislauf auf – eine Stimulus-Reaktions-Situation ohne Eingreifen des Bewusstseins (mindless): eine konditionierte Angstreaktion. Danach ist es so, dass auf jede Erfahrung in der Gegenwart, die sich anfühlt wie eine bestehende angstbesetzte Primärerinnerung, die alte Angstreaktion projiziert wird. Das heißt, die Psyche verallgemeinert die ursprüngliche Erfahrung automatisch, indem sie die aktuelle Erfahrung mit ihr assoziiert. Und genauso wenig, wie Eltern das „irrationale“ Toben und Weinen ihres Kleinkinds verstehen können, können auch Menschen, die mit einer Person zu tun haben, die neurotisch ausagiert, dieses „irrationale“ Verhalten verstehen. Sie werden eben deshalb zur Zielscheibe einer konditionierten Angstreaktion, weil das, was in Gegenwart dieser Person gesagt oder getan wird, sich für diese wie die ursprüngliche Quelle ihrer Angstreaktion „anfühlt“.
In diesem Sinn kann man die Neurose als „eine Störung des Gleichgewichts zwischen einer Person und ihrer Umgebung“ ansehen. Sobald die konditionierte Angstreaktion (und das darauf folgende Ausagieren) gelöscht ist, spürt die betreffende Person, dass ihre Reaktion falsch oder übertrieben dramatisch war, diese Reaktion fühlt sich jetzt für sie „kindisch“ an, oder Ähnliches. Doch noch immer gibt es keine Verknüpfung zwischen der Angstreaktion und dem linken Frontalkortex, so dass die Person sie nicht in einem Zeitkontext verstehen kann. Deshalb agiert sie die Angstreaktion jedes Mal wieder aus, wenn diese „gezündet“ (ignited) wird. Man kann sehen, wie dieser Prozess funktioniert, wenn man eine missbräuchliche (abusive) Beziehung betrachtet: Hier ist der Partner immer wieder Zielscheibe von unkontrollierter Wut, und danach bereut der Täter sein Tun und verspricht hoch und heilig, dass es nie wieder zu Tätlichkeiten kommen wird.
„Weil der frontale Kortex ... eng mit dem limbischen System verknüpft ist, kann eine gute Verbindung zwischen beiden die Aktivierung des RAS stoppen. Das heißt: Wenn ein Gefühl, das uns nicht bewusst ist, uns ständig in Erregung versetzt, besteht die einzige Möglichkeit, diese Aktivierung dauerhaft zu stoppen, darin, die richtige Verknüpfung mit dem unbewussten Gefühl herzustellen.“ (7)
Und: „Nur dann, wenn Gefühle hochkommen, um so durch Verknüpfung mit dem frontalen Kortex bewusst gemacht zu werden, kann man von echter Kontrolle reden.“ (8)
Das „frontale Bewusstsein“ von Angsterinnerungen ist das Ziel eines naturheilkundlichen Heilungsprozesses. Und dieser beginnt mit dem „Zünden“ einer Angsterinnerung.
Während der therapeutischen Sitzung ist Reden nur dann hilfreich, wenn es zu einem Gefühl führt. Wenn man Rollenspiel oder andere Formen von Erlebnistherapie benutzt, sind sie nur insofern hilfreich, als sie zu einem Gefühl führen. Das „Zünden“ einer Angsterinnerung, die es der Person erlaubt, das Gefühl zu fühlen (bzw. es wieder zu erleben), ist das Ziel.
Sobald der Klient im Gefühl ist, steuert und begrenzt der Prozess sich selbst, und er folgt seinem eigenen Tempo. Der Begleiter sollte in diesen natürlichen Ablauf nicht eingreifen, es sei denn, er tut es auf eine Weise, die dem Klienten hilft, das Gefühl anzureichern und zu vertiefen; dabei muss der Begleiter gleichzeitig darauf achten, dass der Ausdruck des Gefühls nicht außerhalb des sensorischen Fensters gerät (Dissoziation).
Bei der Arbeit mit Angsterinnerungen ist es wichtig, den Klienten nicht neu zu traumatisieren. Dazu kann es dann kommen, wenn der Klient vom Inhalt der Angsterinnerung überwältigt wird (wie es ja in der ursprünglichen Angst erzeugenden Situation geschah). Und das kann dann der Fall sein, wenn das therapeutische Umfeld dem Klienten kein Gefühl emotionaler Sicherheit gibt (wie es eben damals in der ursprünglichen Angst erzeugenden Situation war). Die beste Garantie für die emotionale Sicherheit bei dieser Arbeit besteht darin, Stücke der Erinnerung auf allen drei Bewusstseinsebenen in einem emotional sicheren und unterstützenden Umfeld zu fühlen bzw. wieder zu erleben. Und dieses kontrollierte (modulated) Wiedererleben ist gewöhnlich alles, was der „innere Kontrolleur“ (governor) zulässt.
Nach dem Gefühlszyklus kommt es gewöhnlich zu einer ruhigen Phase, während der der Klient beginnt, das Gefühl zu integrieren. Jedes Mal, wenn ein Stück traumatische Erinnerung gefühlt und verarbeitet ist, fängt der Klient unweigerlich an, eine Geschichte über diese Fragment zu erzählen. Das bedeutet, dass das (bisher eingekapselte) Gefühl sich mit dem linken frontalen Kortex verknüpft hat und jetzt in den Stoff der größeren, deklarativen Lebensgeschichte des Klienten eingewoben werden kann. Wenn der Begleiter während dieser Zeit still beim Klienten sitzt (statt zu reden oder zu erklären), sagt dieser vielleicht etwas wie: „Ich denke eben an eine Zeit, als ...“, „Komisch, ich erinnere mich gerade darum, wie lieb mein Großvater zu mir war ...“ oder: „Ich war immer allein ...“ , oder Ähnliches. Meist ist es leicht zu sehen, wie solche Sätze mit dem verknüpft sind, was der Klient während der Sitzung erlebt hat. Der Klient verbindet die eben gefühlte Erinnerung mit anderen, welche das gleiche allgemeine Gefühl haben.
Hier nun ist es sehr wichtig, dass der Begleiter es vermeidet, diese Verknüpfung für den Klienten zu machen – wie groß auch die Versuchung dazu sein mag. Die therapeutische Erfahrung ist sehr viel mächtiger, wenn es der Klient ist, der die Verknüpfung macht. Mit dieser Verknüpfung beginnt der Klient, eine Geschichte über eine (bis dahin) isolierte Angsterinnerung zu erzählen. Er fängt an zu verstehen, wie dieses Stück in sein Leben hineinpasst. Jetzt erlebt er das gefühlte Erinnerungsstück innerhalb einer Zeitmatrix. Mit dieser Verknüpfung hat der Heilungsprozess der Neurose begonnen.
Man sollte beachten, dass der Begleiter dem Klienten nicht zu erklären braucht, wie dieses Stück in das Ganze passt. Dieses automatische „Wissen“ ist ein sehr persönlicher und automatischer Vorgang. Die Psyche integriert ganz von allein, sobald der dissoziative Prozess besiegt ist.
Aletha Solter schreibt: „Die Heilungsprozesse, die aus Weinen und Wüten bestehen, sind laut, unschön, unvorhersagbar und zeitaufwendig. Sie erfordern Engagement und Aufmerksamkeit von Seiten fürsorglicher Erwachsener. Die Menschen haben oft Angst vor starken und schmerzlichen Gefühlen und wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn sie diese nicht unterdrücken.“ (9)
Solter spricht von Kindern und ihren Eltern. Doch der Prozess, den sie beschreibt, läuft im therapeutischen Umfeld zwischen Klient und Begleiter genau gleich ab.
Erzieher zeigen Kindern verschiedene Wege, um Weinen und Wüten zu unterdrücken:
· sie sagen dem Kind, es solle mit Weinen aufhören
· sie bestrafen es (oder drohen ihm eine Bestrafung an)
· sie entziehen dem Kind Liebe oder Aufmerksamkeit, isolieren es
· sie lenken es mit Hilfe von Musik, Bewegung oder Spielen ab
· sie stecken dem Kind etwas in den Mund (etwas zum Essen, einen Schnuller)
· sie lachen es aus, beschämen es
· sie leugnen den Schmerz des Kindes oder spielen ihn herab
· sie loben das Kind, weil es nicht weint
· sie bringen das Kind dazu zu reden oder zu lachen.
Erwachsen reagieren also auf die „unangebrachten“ Tränen oder den unpassenden Wutausbruch, indem sie dem Kind mit Hilfe von Angstmachen, Beschämung oder Ablenkung Wege zeigen, wie es diesen natürlichen Heilungsmechanismus unterdrücken kann. Die Kinder lernen diese Lektionen gut und später, als Erwachsene, beginnen sie, diese in ihrem emotionalen Leben umzusetzen. Dieses komplexe Ganze, das aus erlernten repressiven Techniken besteht, ist nichts weiter als eine komplizierte, ritualisierte Art, Weinen und Wutausbrüche zu vermeiden.
So wird die Neurose dadurch weitergeführt, dass die Person eine fragwürdige, indirekte (obliquely directed) Methode gelernt hat, um Angst, Wut und Traurigkeit auszudrücken. Es ist dieses sehr vielfältige Bündel erlernter repressiver Techniken in ihrer je individuellen Ausprägung, das die konventionelle Psychotherapie erforscht, um seelische Störungen zu diagnostizieren und zu kategorisieren. Insofern untersucht die konventionelle Psychotherapie die unterschiedlichen Folgen repressiver Techniken, statt sich mit dem Prozess zu befassen, den diese Techniken abschwächen sollen.
Ist das Ausagieren (seine Verhaltenssymptome) eine Folge der vielseitigen Unterdrückung unseres natürlichen Impulses, über unaufgelösten traumatische Erfahrungen zu weinen und zu wüten, so müsste doch dadurch, dass man einem Erwachsenen hilft, über traumatische Erfahrungen zu weinen und zu wüten, das Bedürfnis, diese „stellvertretenden“ Hilfsmittel zu benutzen, eigentlich überflüssig werden. Ich bin davon überzeugt, dass eine naturheilkundliche emotionale Heilung genau darin besteht, dass das ihre Einfachheit und gleichzeitig ihre Schwierigkeit ausmacht. Sie ist einfach, weil die Natur uns die Mittel zur Verfügung gestellt hat, um eine traumatische Erfahrung zu bewältigen: spontanes Wüten und Weinen. Die Menschen werden mit dieser natürlichen Fähigkeit geboren. Und während der Kindheit und auch im Erwachsenenalter versucht der Körper ständig, diesen natürlichen Heilzyklus zu initiieren.
Die naturheilkundliche emotionale Heilung ist deshalb so schwierig, weil der Mensch ständig kämpft, um die Einleitung dieses Heilungsprozesses zu verhindern, und das auf Grund einer repressiven Erziehung in der Kindheit. Das heißt, die Erzieher haben es durch ihre Konditionierung geschafft, den natürlichen Heilungsmechanismus aus dem Gleichgewicht zu bringen, und zwar durch Ablenkung, Angst und Beschämung, mächtige Beeinflussungsinstrumente (sociologically powerful), die sehr schwer zu überwinden sind. Man hat uns ganz einfach beigebracht, dass dadurch, dass wir etwas tun, was uns gut tut, wenn es uns schlecht geht, das schlechte Gefühl weggeht (Abhängigkeit/Sucht). Als wir Kinder waren, hat man uns beigebracht, dass wir uns schämen müssen, wenn wir weinen, und ebenso, dass „etwas Schlimmes“ geschehen wird, wenn wir wütend sind. Diese Abrichtung hat dazu geführt, dass wir vor Wut und Tränen Angst haben, und diese Angst verfolgt uns bis ins Erwachsenenalter. Der Prozess der Primärtherapie besteht darin, dass wir uns erlauben, diese Angst und diese Scham davor, unsere Gefühle auszudrücken, wieder zu verlernen. Gelingt dies, so können wir Wut und Traurigkeit wieder unbefangen ausdrücken. Und dies führt dann seinerseits dazu, dass der natürliche Reaktionsmechanismus wieder ins Gleichgewicht kommt: Er wird wieder zu einer automatischen Reaktion.
Primärtherapie beruht auf Erfahrung. Man muss sich die Erlaubnis geben, die Gefühle, die hochkommen, zu fühlen, und zwar in einem liebevollen und unterstützenden Umfeld, um so zu lernen, dass diese natürlichen Prozesse nichts Beängstigendes oder Beschämendes an sich haben. Ein Kind tut das auf natürliche und unbefangene Weise (bis es ihm ausgetrieben wird). Hätten die Erzieher ihm dieses liebevolle und unterstützende Umfeld immer dann zur Verfügung gestellt, wenn es das brauchte, um eine traumatische Erfahrung zu verarbeiten, so hätte es diese Erfahrungen in dem Moment verarbeitet, als sie geschahen, statt dass es sie speichern musste, um sie später verarbeiten zu können. So wäre dieser Pool schmerzhafter Primärerinnerungen gar nicht erst entstanden. Der Erwachsene bräuchte dann nicht nach Hilfe zu suchen, weil er diese ja schon damals bekam.
ABREAKTION IM GEGENSATZ ZU PRIMALN
Die American Psychiatric Association definiert Abreaktion „als emotionales Loslassen (release) bzw. als emotionale Entladung (discharge), nachdem sich der Patient an eine schmerzhafte Erfahrung erinnert hat, die er verdrängt hatte, weil sie für sein Bewusstsein unerträglich war. Manchmal kommt es zu einer therapeutischen Wirkung und zu besserer Einsicht, wenn die schmerzhaften Gefühle teilweise entladen oder desensibilisiert wurden.“ (11)
Janov hat die überkommene Bedeutung dieses Begriffs verändert, um auf diese Weise klarzumachen, worin für ihn der entscheidende Unterschied zwischen den Folgen einer heilsamen und einer nicht heilsamen Erinnerung an die Einprägung besteht. Willkürlich hat er Abreaktion neu definiert als das nicht heilsame, nicht integrative Wiedererleben der Einprägung. Und dann definierte er das Primal als das heilsame, integrative Wiedererleben der Einprägung.
Jahre später sprach van der Kolk von der Abreaktion als dem unveränderten Wiedererleben der traumatischen Erfahrung. Ich denke, beide sehen den Prozess der Abreaktion gleich.
Wenn man akzeptiert, dass die Abreaktion das unveränderte Wiedererleben der traumatischen Erfahrung ist, und wenn die Neurose auf traumatischen Erfahrungen beruht und durch das Eindringen der Einprägungen dieser Traumata in das alltägliche Leben verursacht wird, kann man jedes neurotische Verhalten als Abreaktion ansehen. Innerhalb der therapeutischen Beziehung handelt es sich bei Übertragung und Gegenübertragung ebenfalls um Formen der Abreaktion.
Tatsächlich ist das neurotische Verhalten eine ständige Abreaktion. Sie ist so verbreitet, dass sie fälschlicherweise für normales Verhalten gehalten wird. Sie wird als Teil der Persönlichkeit eines Menschen angesehen. Zum Beispiel: „Dad gerät immer in Wut, wenn niemand ihn beachtet. So ist er eben.“ „Mom wird immer still und schlechter Laune, wenn jemand ihr sagt, sie habe Unrecht.“ „Joey ist eben so,“ wenn er Menschen mit seinen sarkastischen Bemerkungen verletzt.
Benutzt man diese Definition, so kann man Janovs Primal jetzt als „das veränderte Wiedererleben einer traumatischen Erfahrung“ neu definieren.
EINIGE PARAMETER
FÜR DIE UNTERSTÜTZUNG EMOTIONALER GESUNDHEIT
Ich habe den Standpunkt vertreten, jedes neurotische Verhalten beruhe auf einem Trauma und beinhalte deshalb eine Einprägung, die dem Verstand, der Verhaltensmodifikation oder psychotropen Medikamenten nicht zugänglich ist, und die so auch nicht verändert werden kann. Das bedeutet, dass das neurotische Verhalten eines Menschen zwar veränderbar ist, aber auf alle Zeit durch die Einprägung angetrieben wird, es sei denn, diese Einprägung wird direkt angegangen. Ganz gleich, was man tut, die Einprägung dringt ständig in den gegenwärtigen Kontext ein und führt zu einer Verzerrung der Verhaltensreaktionen des betroffenen Menschen auf seine aktuelle sensorische Information. Es kommt ständig zu neurotischem Ausagieren. Die Integration der Einprägung ist die einzige Möglichkeit, um die Wurzeln des chronischen neurotischen Zustands zu beseitigen.
Deshalb ist primäre Integration oder Primaln, d. h. das veränderte Wiedererleben der traumatischen Erfahrung, das Ziel der naturheilkundlichen emotionalen Heilung der Neurose. Das veränderte Wiedererleben löst die Wurzeln der Neurose auf, und damit erreicht es etwas, das ein nicht-verändertes Wiedererleben, d. h. die Abreaktion, nicht schafft: Es verändert die Einprägung. Allerdings muss man dann fragen: Wie kann das Wiedererleben einer traumatischen Erfahrung diese verändern? Wie primalt man?
Ein Rückblick auf die in diesem Buch vorgestellten Informationen führt zur Formulierung einiger notwendiger Parameter für eine erfolgreiche Dekonditionierung der Einprägung:
1. Um eine konditionierte Angstreaktion zu verändern, muss diese erst einmal ausgelöst werden. Das bedeutet, dass die Proteinkette, welche die Erinnerung enthält, aufgebrochen werden muss. Weil der Inhalt dieser Erinnerung sensorimotorisch ist, besteht die ausgelöste Erinnerung aus der Reaktion des Sympathikus mitsamt seinem emotionalen Inhalt. Anders ausgedrückt: Es reicht nicht, wenn der Klient lediglich über Wut, Angst und Traurigkeit redet. Es muss vielmehr zum Hochkommen des emotional-sensorimotorischen Inhalts kommen. Sobald die Proteinkette aufgebrochen ist – d. h. sobald die Reaktion des Sympathikus gezündet ist – kann die Erinnerung durch die nachfolgende Erfahrung verändert werden.
2. Das Nervensystem dissoziiert eine überwältigende und unkontrollierbare Erfahrung automatisch, ebenso wie die Erinnerung an eine solche Erfahrung, wenn sie mit der gleichen Intensität erinnert wird. Deshalb muss man verhindern, dass die ausgelöste Angsterinnerung soweit eskaliert, dass es erneut zu einer Dissoziation kommt.
3. Gelingt es, die wieder erlebte Erfahrung innerhalb des „sensorischen Fensters“ zu halten, so treten die Erinnerungsdaten in den Bildraum ein, und damit werden sie in das Auge des Geistes (mind’s eye) reflektiert, genauso wie jede gewöhnliche Erfahrung. Dies führt zur Verknüpfung, und damit gewinnt die eingekapselte Angsterinnerung Zugang zu den Funktionen der linken frontalen Gehirnhemisphäre, wie etwa der Zeitkontextualisierung. Die Verknüpfung führt zur Integration der Angsterinnerung in die Gesamtheit der psychischen Struktur. Ein späteres Wiedererleben der Erinnerung wird von dem Gefühl begleitet, dass das Ereignis in der Vergangenheit geschehen ist. Die Verknüpfung zerstört damit das Weiterbestehen der konditionierten neurotischen Reaktion.
4. Sind die obigen Schritte durchlaufen, geschieht das Wiedererleben des Klienten auf kontrollierte Weise und innerhalb eines unterstützendes Kontexts, und dies sind zwei entscheidende Dinge, die bei der ursprünglichen Erfahrung fehlten. Fühlen Klient und Begleiter sich wohl miteinander, so kann der Klient das Gefühl fühlen, und der Begleiter kann die Erfahrung liebevoll und aufmerksam unterstützen. Deshalb sollte das Modell für eine ideale unterstützende Umgebung die von Bindung bestimmte Mutter-Kind-Beziehung sein.
5. Nachdem es zur Verknüpfung gekommen ist, widmet der Begleiter den Einsichten, von denen der Klient im Zusammenhang mit seiner Erfahrung berichtet, seine Aufmerksamkeit. Das Auftauchen von Einsichten nach einer Sitzung ist ein guter Indikator dafür, dass es zu einer Verknüpfung gekommen ist. Weil er weiß, dass die wieder erlebte Angsterinnerung jetzt veränderbar ist und es weitere sechs Stunden lang bleiben wird, gibt der Begleiter dem Klienten am Schluss der Sitzung soviel positive Verstärkung wie möglich. Und er rät ihm, die nächsten sechs Stunden so konstruktiv und optimistisch wie möglich zu gestalten. Es geht darum, die jetzt veränderbare Angsterinnerung mit soviel neuen positiven sensorischen Erfahrungen wie möglich aufzuladen (saturate). Wenn dann das „Sechs-Stunden-Fenster“ sich schließt, und die Erinnerung wiederum in Protein für eine längerfristige Speicherung eingebettet wird, enthält sie Elemente positiver Erfahrungsdaten, die sie vorher nicht besaß. Der Klient hat jetzt eine teilweise entkonditionierte, aber auch positiv veränderte Erinnerung wieder hergestellt. Und jedes spätere Hochkommen der Erinnerung wird dann von den logischen Funktionen des Gehirns bestimmt (informed). Und bei jedem späteren Wiederhochkommen der eingeprägten Daten spürt der Klient, dass das Ereignis an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit stattgefunden hat. Es findet nicht hier und jetzt statt.
6. Das „Wissen“ (coming to know), das der Klient jetzt mit dem Material, über das er geprimalt hat, in Verbindung bringt, ist nicht von begrifflicher Art. Das Gehirn ist unfähig, kohärente deklarative Erinnerungen während eines Traumas zu speichern. Deshalb kann die wieder erlebte Angsterinnerung nicht von deklarativer Art sein. Zu Wissen kommt es dann, wenn implizite Daten in den Bildraum gebracht werden, um reflektiert zu werden. Die mentalen Bilder von Angsterinnerungsdaten sind sensorimotorischer Art. Bringt man Daten dieser Art in den Bildraum, so kommt es zu einer Reflexion über nicht-visuelle sensorimotorische Daten. Man kennt jetzt den Inhalt einer bisher dissoziierten Angsterinnerung ganz so, wie man weiß, welche Position man gegenwärtig im Raum einnimmt, ohne dass man hinschauen muss, um seine Position im Raum festzustellen. Das heißt, es kommt zu einer Reflexion über das nicht-visuelle sensorische Bild, das dadurch entsteht, dass die Daten aus dem sensorischen Input des Körpers ins Gehirn strömen. Das Gehirn benutzt dann diesen sensorischen Input (der bis dahin im Gedächtnis gespeichert wurde), um ein nicht-visuelles Bild der ursprünglichen Erfahrung zu erstellen, welches das Auge des Geistes jetzt (zum ersten Mal) beobachtet und dadurch zu verstehen beginnt. Irgendwie kommt es so zur Verknüpfung der Daten dissoziiierter Angsterinnerungen mit den Funktionen der linken Gehirnhemisphäre und dadurch mit der gesamten psychischen Struktur. Die Einprägung ist nicht länger eingekapselt.
Das zelluläre Wissen, zu dem es bei einem Primal kommt, kann einen riesigen Unterschied im Verhalten bewirken. Es gibt der Person eine gewisse Wahlfreiheit, wenn später wieder Reaktionen getriggert werden. Und der Grad dieser Wahlfreiheit wird stetig erweitert und steht in direktem Verhältnis zu der Tiefe des sensorischen Wiedererlebens.
ANDERE UMWELTFAKTOREN,
DIE BEI DER NEUROSE EINE ROLLE SPIELEN
Dieses Buch befasst sich mit dem Prozess der inneren Vergiftung des Nervensystems und seiner Beziehung zur Neurose. Die ständige Verdrängung der normalen Reaktionen von Sympathikus und Parasympathikus führt in der Tat zur Selbstvergiftung.
Ein naturheilkundlicher Ansatz zur emotionalen Heilung muss auch die allgemeineren Probleme der exogenen Vergiftung des Nervensystems berücksichtigen. Dieses Thema ist zwar zu umfassend, als dass ich es hier darstellen könnte, doch es gibt zwei allgemeine und grundlegende Forschungsbereiche, die ich studiert habe: einerseits die Verschmutzung unserer Nahrungskette durch reizende und giftige (excitotoxic) Geschmacksverstärker, eine natürliche Folge der Bewegung weg vom Konsum naturbelassener hin zum Konsum industriell verarbeiteter Nahrungsmittel, andererseits die Stress bewirkende Folge chronischer Dehydration.
Einer der wichtigsten Überzeugungen im Bereich der natürlichen Ernährung heißt: Iss nur naturbelassene Nahrungsmittel. Doch das, was die meisten Menschen heute essen, wurde industriell verarbeitet: verpackt, in Dosen gefüllt oder tief gefroren. All diesen Nahrungsmitteln muss man Geschmacksverstärker hinzufügen, damit sie gut schmecken, obwohl sie sehr lange gelagert werden.
Diese Geschmacksverstärker heißen Glutamate. Glutamate sind natürlich vorkommende Aminosäuren. Und der Körper benutzt sehr geringe Mengen dieser Aminosäuren als Neurotransmitter im Gehirn. Glutamat ist der wichtigste Neurotransmitter im Hypothalamus.
Es gibt mehrere Gehirnstrukturen, die besonders empfindlich auf den Fluss von Umweltmaterialien durch das Gehirn reagieren. Diese Organe heißen zirkumventrikuläre Organe. Für unser Thema ist der Hypothalamus die wichtigste dieser Strukturen. Er bildet „das Kontrollzentrum für die ganze neuroendokrine Regulierung, für den Schlaf-Wach-Zyklus, die emotionale Kontrolle, die Regulierung der Kalorienaufnahme sowie des Immunsystems und des autonomen Nervensystems. Kurz, die Funktion des Hypothalamus hat weit reichende Auswirkungen auf unser Verhalten.“ (12)
Diese Strukturen reagieren besonders empfindlich auf den Einfluss von Umweltgiften, weil sie keine Gehirnschranke für das Blut (blood-brain-barrier) haben. Diese Schranke ist eine eng geknüpfte Schutzmembran, die sich um fast den ganzen Rest des Gehirns herum entwickelt hat, und die schädliche Umweltgifte herausfiltert. Dem Gehirn fehlt ein Lymph-Entwässerungssystem, und deshalb muss es auf andere Weise vor Umweltgiften geschützt werden.
Der Grund dafür, dass dem Gehirn diese Schranke fehlt, besteht darin, dass es fähig sein muss, in jedem Moment die genaue Umweltqualität des Blutes zu erfassen, um kompensatorische Körperreaktionen auf sich ständig verändernde Umweltbedingungen einzuleiten. Dazu muss die Zusammensetzung des Gehirnflüssigkeit (deren Quelle das Blut ist) ziemlich genau der des Blutes entsprechen.
Wie schon erwähnt, benutzt der Hypothalamus Glutamat in sehr geringen Mengen als Neurotransmitter.
„Glutamat, in seiner Funktion als Neurotransmitter, gibt es in der extrazellulären Flüssigkeit nur in äußerst niedriger Konzentration – nicht mehr als 8-19 MikroM. Übersteigt diese Konzentration diesen Wert, so beginnen die Neuronen, abnorm zu feuern. Bei einer deutlich höheren Konzentration unterliegen die Zellen einem spezialisierten Prozess aufgeschobenen Zelltods, der unter dem Namen Reiztoxizität (excitotoxicity) bekannt ist, d. h. sie werden zu Tode gereizt.“ (13)
Blylock schlussfolgert, dass die „sorgfältige Regulierung des Glutamatniveaus im Blut sehr wichtig ist, weil man davon ausgehen kann, dass eine hohe Glutamatkonzentration im Blut auch die Konzentration von Glutamat im Hypothalamus erhöht.“ (14)
Er ist davon überzeugt, dass die massive Überschwemmung unserer Nahrungskette mit neurotoxischen Geschmacksverstärkern eine zentrale Rolle bei der Entwicklung neuropsychiatrischer Störungen, bei den Lernschwierigkeiten von Kindern, bei episodischen Gewaltausbrüchen und vielen anderen neuro-degenerativen Bedingungen wie der multiplen Sklerose spielt.
Jeder Prozess einer naturheilkundlichen emotionalen Heilung sollte deshalb durch eine Rückkehr zu einer Diät auf der Grundlage naturbelassener Nahrungsmittel ergänzt werden.
Wie schon oben erwähnt, schwimmen die Billionen von Zellen, die ein Individuum ausmachen, in einem nährstoffreichen Meer. Auf eine sehr reale Weise bestimmt die Präsenz und die Qualität des Wassers in diesem Meer die Qualität unseres Lebens.
Der menschliche Körper hat ein eingebautes Wasserregulierungsprogramm. Immer dann, wenn der Körper Dehydration verspürt, wird ein Konservierungsprogramm eingeleitet, bei dem Wasser weniger wichtigen Teilen des Körpers entnommen und zu den überlebenswichtigen Organen geleitet wird. Eine solche Dehydration ist für den Körper eine äußerst belastende Situation. Barmanghelidj glaubt, dass chronische Dehydration die Grundlage der meisten chronischen Krankheiten des Menschen bildet. (15)
Bei Stress geht der Körper in seinen „Kampf-oder-Flucht-Modus“ über. Für den Körper sind die physischen Folgen dieses Modus bei Stress genau die gleichen, als würde er körperlich bedroht. Und auch hier gilt: Der Körper kann zwischen einer körperlichen und einer emotionalen Bedrohung nicht unterscheiden. Ist die Bedrohung vorbei, so kann der Körper diesen Modus wieder aufgeben. Bei chronischem emotionalem Stress und bei chronischer Dehydration bleibt der Körper im „Kampf-oder-Flucht-Modus“, und das wirkt sich nachteilig auf das körperliche Wohlbefinden aus, weil der Körper in seinem Bemühen, seine Ressourcen für eine körperlich bedrohliche Begegnung zu mobilisieren, zu der es jedoch nie kommt, sich im Wesentlichen von sich selbst ernährt. Mit anderen Worten: Es ist der chronische Stress, der uns schädigt, nicht der Stress an sich.
Bei starker Dehydration wird sogar das Gehirn nicht genügend mit Wasser versorgt. Beginnt das Gehirn, unter Wassermangel zu leiden, so wird die Erzeugung zellulärer Energie vermindert, und dadurch entsteht dann das Syndrom chronischer Müdigkeit.
Wenn man über emotionale Gesundheit diskutiert, ist auch die Untersuchung des Wassers auf im Wasser gelöste Schwermetalle und Pestizide, die äußerst neurotoxisch sind, extrem wichtig.
Ein naturheilkundlicher emotionaler Heilungsbegleiter sollte deshalb auch auf die Wichtigkeit einer Rückkehr zu einer Diät auf der Grundlage naturbelassener Nahrungsmittel und eines angemessenen Wasserkonsums als Mittel, den emotionalen Heilungsprozess zu unterstützen, immer wieder hinweisen.
Und schließlich: Da der emotionale Heilungsprozess von der körperliche Struktur getragen wird, die ihrerseits von einer adäquaten Ernährung und Entgiftung abhängt, kann man eine breite Palette natürlicher Heilmethoden anwenden, um den Primärprozess zu unterstützen. Es ist nur logisch zu schlussfolgern, dass eine gute emotionale Gesundheit durch alle natürlichen Heilmethoden unterstützt wird.
4 SCHLUSSFOLGERUNG
PRIMAL-BEGLEITUNG IST EINE METHODE DER NATURHEILKUNDE
(Primal facilitation is a naturopathic modality)
Mit den Prinzipien der Naturheilkunde (naturopathy) als Rahmen habe ich die
Primal-Begleitung (primal facilitation) als naturheilkundliche Praxis untersucht.
1. Es gibt in der Natur eine
mächtige Heilkraft, die man bei der Beobachtung ihrer natürlichen Prozesse am
Werk sehen kann. Der Körper ist in erheblichem Ausmaß fähig, sich selbst zu
heilen, und die Rolle des Naturheilkundlers (naturopath) besteht darin, diesen
natürlichen Prozess mit Hilfe natürlicher, nicht-toxischer Methoden zu fördern.
Laut Salter bringen Kinder, die traumatische Gefühle erlebt haben und diese Gefühle nicht verarbeiten durften, diese später manchmal in Form von unerkärlichen Wut- und Weinausbrüchen wieder hoch. Sie sagt, der Körper versuche so, das ursprüngliche traumatische Geschehen aufzulösen. Mit zunehmendem Alter komme es zu einer vollen Verinnerlichung der erlernten Prozesse, mit deren Hilfe Gefühle in Schach gehalten werden, und dadurch werde es immer schwieriger, die Traumata aufzulösen, und zwar wegen der Dicke der Abwehr, durch die man sich dann durcharbeiten müsse.
Primal-Begleitung kann man als einen sehr bewussten, vorsätzlichen Versuch ansehen, diese Abwehrmechanismen wieder zu verlernen, so dass dieser automatische Heilungszyklus wieder spontan stattfinden kann. Diesmal ist ein verständnisvoller „Zeuge“ zugegen, der gelassen dem vollen Ausdruck von Wut und Traurigkeit zuhören kann. Es ist jemand da, der fähig ist, das ganze Ausmaß von Wut und Weinen zuzulassen. Der naturheilkundlich arbeitende emotionale Heilungsbegleiter ist sich im Klaren darüber, dass er Zeuge eines natürlich ablaufenden emotionalen Heilungsprozesses ist. Dieser natürliche Prozess wird dadurch unterstützt, dass der Begleiter ein emotional sicheres Umfeld schafft, in dem dieser Prozess stattfinden kann; dabei stupst er den Klienten sanft von den vielen Abwehrmechanismen weg, die dieser normalerweise benutzt, um das Hochkommen des Gefühls zu stoppen. Da sich der Klient regelmäßig in dieser Umgebung befindet, entdeckt er, dass es OK ist, Gefühle herauszulassen. Und er entdeckt die vielen Methoden (die vorher verborgen waren), mit denen er versucht, vor dem Fühlen der Gefühle zu flüchten. Der Begleiter (facilitator) ist eine Hebamme, die versteht, wie wertvoll es ist, den natürlichen Heilungsprozess des Klienten zu begleiten. Er weiß auch um die Überzeugung von Hahnemann, dass die innere Selbstheilungskraft eines Klienten derart stark ist, dass nur ein kleiner Reiz nötig ist, um den Heilungsprozess anzustoßen. Und dass, sobald dieser Heilungsprozess beginnt, es am besten ist, den Prozess sich auf eigenen Wegen entwickeln zu lassen.
2. Behandle die Ursache, nicht die Wirkung
Die Naturheilkunde sucht nach der zugrunde liegenden Ursache einer Krankheit, statt einfach die Symptome zu unterdrücken. Sie vermeidet es, die natürliche Heilungsweisheit des Körpers wie Fieber und Entzündung zu unterdrücken. Sie sieht in den Symptomen den Ausdruck des natürlichen Versuchs des Körpers, gesund zu werden; wobei die Ursachen aus der körperlichen, der mentalen, der emotionalen und der spirituellen Ebene stammen können.
Das ist der Bereich, in dem sich die konventionelle und die naturbewusste Medizin sich am deutlichsten unterscheiden.
Der naturheilkundlich arbeitende emotionale Begleiter weiß, dass er dadurch, dass der Klient durch die Arbeit an verdrängten Angsterinnerungen darin unterstützt wird, die Ursachen emotionaler sowie verhaltens- und stressbezogener Probleme zu beseitigen. Das Ausagieren des Individuums stellt die Symptomatik dieser verdrängten Erinnerung dar. Der Begleiter versteht, dass der spontane Ausdruck der hoch spannungsgeladenen Gefühle und das darauf folgende tiefe Weinen Ausdruck des natürlichen Versuchs des Nervensystems sind, sich von einem bis dahin unverarbeiteten Trauma zu heilen. Deshalb tut er nichts, um den Klienten vom vollen Ausdruck dieses Zyklus abzulenken, sobald dieser sich zu entfalten beginnt. Die Verhaltenssymptome werden nicht unterdrückt. Das Umfeld, in dem konventionelle Therapie stattfindet, schwächt dagegen diesen Prozess auf mehrfache Weise ab. Als erstes dauert es gewöhnlich 45 Minuten, bis ein noch unerfahrener Klient an den Punkt kommt, wo er in diesen Heilungsprozess eintritt, und gewöhnlich erinnert der Therapeut den Klienten genau in diesem Moment daran, dass die Sitzung zu Ende ist. So wird der Heilungsprozess immer dann unterbrochen, wenn er gerade beginnt. Zweitens findet die Therapie gewöhnlich in einem Büro voller zerbrechlicher Dinge statt, und das Büro grenzt an andere Büros mit papierdünnen Wänden. Wenn ein Klient in einer solchen Umgebung beginnt, in ein Gefühl hineinzukommen und dabei zu laut oder körperlich zu aktiv wird, werden sowohl der Klient als auch der Therapeut befangen und rücken dann lieber von diesem Gefühl ab. Und wieder wird der Heilungsprozess genau in dem Moment unterbrochen, wo er gerade beginnt. In einer solchen Umgebung ist der Ausdruck von Wut und Schluchzen erlaubt, sofern dies leise vor sich geht, und in dem Ausmaß, wie das geschieht, ist das für den Heilungsprozess durchaus hilfreich. Doch der natürliche Heilungsprozess ist dabei offensichtlich äußerst eingeschränkt, und damit auch die Möglichkeit für den Klienten, sich von einem vergangenen Trauma zu heilen. Der Zugang zu traumatischen Erinnerungen ist abhängig davon, dass man die gleiche emotionale Intensität wie bei der Entstehung des Traumas erreicht. Wieso? Weil genau diese dann automatisch ablaufende Angstreaktion die Erinnerung ist.
3.
Vor allem: Nicht schaden
Dadurch dass sie die sicheren und wirksamen natürlichen Methoden benutzen, sind Naturheilkundler dem Prinzip verpflichtet, dem Klienten keinen Schaden zuzufügen. Der naturheilkundliche emotionale Begleiter orientiert sich in seinem Verhalten an seinem starken Glauben in die Heilkraft der Natur. Er glaubt fest an die „Weisheit des Körpers“.
Außer wenn es sehr früh im Leben des Klienten zu schweren Bindungsstörungen kam, die zu einer schweren orbito-frontalen Schrumpfung geführt haben (wodurch die Verarbeitung der Gefühle nicht mehr reguliert werden kann), weiß das Nervensystem, und zwar besser als jeder Begleiter, wann es verdrängte Gefühle freisetzen kann, in welchem Tempo das geschehen soll, und wie weit dieser Prozess gefahrlos stattfinden kann. Deshalb versucht der Begleiter nie, das Abwehrsystem des Klienten zu „sprengen“. Er versucht nie, den Klienten mit Gewalt dazu zu bringen, seine Abwehr abzubauen. Er versucht nie, den Klienten zu einem Wutausbruch oder zum Weinen zu zwingen, genauso wenig, wie den Klienten dazu zu zwingen sucht, im Prozess zu bleiben, wenn dieser die Sitzung beenden möchte. In einem emotional sicheren Umfeld entwickelt sich der Prozess des Klienten ganz natürlich, wenn es das ist, was der Klient wünscht. Dieser Prozess hat ein ganz eigenes Leben.
4.
Behandle die ganze Person
Der Begleiter sieht den Klienten als ein Ganzes an, das aus einer komplexen Interaktion von körperlichen, mentalen, emotionalen, spirituellen, sozialen sowie noch anderen Faktoren besteht.
Naturbewusste emotionale Heilung beruht auf dem tief spirituellen Glauben, dass Leben an sich gut ist. Der Begleiter glaubt fest an die wesensgemäße Güte des Menschen. Er geht davon aus, dass es die Nichtbefriedigung der frühen Bedürfnisse des Klienten ist, die sein gegenwärtiges störendes Verhalten verursacht. Wären seine frühen Bedürfnisse adäquat erfüllt worden, so würde der Klient heute seinem Partner, seinen Kindern und anderen Menschen Liebe entgegenbringen können. Er bräuchte dann nicht auf gedankenlose und chaotische Weise die Wut und die Angst, die ihm damals eingeprägt wurden, auf die Welt zu projizieren. Er würde sich dann auf die natürlichen spirituellen Gefühle einstimmen, die integraler Bestandteil der Erfahrung des Lebens sind. Er hätte dann nicht das Bedürfnis, diese universellen spirituellen Gefühle zu einander ausschließenden religiösen Dogmen zu entwickeln, welche die Menschen voneinander trennen. Er hätte dann kein so riesiges Reservoir (pool) an aufsteigendem Schmerz, und so würde er auch nicht das Bedürfnis verspüren, seinen Körper mit Alkohol, Drogen, übertriebenem Essen und ähnlichen Schmerzkillern zu vergiften. Die natürliche Eigenproduktion des Körpers an Schmerzkillern (wie Serotonin) wäre nicht überfordert, und damit gäbe es kein Bedürfnis, den Vorrat an dieser chemischen Substanz künstlich von außen zu ergänzen. Wären seine frühen Bedürfnisse gestillt worden, so hätte er die Freiheit und die Energie, seine angeborene Natur in ihrem ganzen Ausmaß zu entwickeln.
Der Primal-Begleiter ist davon überzeugt, dass die Struktur des menschlichen Nervensystems mit seinen Erinnerungssystemen den Klienten befähigt, seine frühen Traumata aufzulösen. Er ist auch davon überzeugt, dass, wegen der Aktivität des Angst-Erinnerungs-Systems, die angstbesetzte Vergangenheit des Klienten innerhalb des erwachsenen Nervensystems weiter besteht, und dass er seine Vergangenheit in der Gegenwart wieder erleben kann, indem er das Angst-Erinnerungs-System wieder weckt. Der Primal-Begleiter glaubt auch, dass dieses Wiedererleben die natürliche Heilungsreaktion von Wut und Weinen auslöst. Die Wiederherstellung des Wut-Angst-Zyklus integriert die Angsterinnerungen und schließt damit den Prozess des Eindringens des Angst-Erinnerungs-Systems in die Gegenwart ab. Dies bedeutet das Ende des Entgiftungsprozess der Nerven. Dadurch werden die extremen Gefühlsschwankungen und das Ausagieren des Klienten verringert.
5.
Der naturheilkundige Begleiter ist ein Lehrer
Naturheilkundige Begleiter sind in erster Linie Lehrer, die den Klienten erziehen, ihn ermächtigen und ihn dazu motivieren, durch eine gesunde Einstellung, einen gesunden Lebensstil und eine gesunde Diät mehr Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen.
Ein naturheilkundiger Begleiter kann für seinen Klienten keine Rezepte ausstellen. Das ist die Rolle des Arztes. Dazu muss er jedoch die Rolle des Erziehers durch und durch verstehen. Er geht zu Recht davon aus, dass es die Verantwortung des Klienten ist, sich selbst zu heilen. Dieser Prozess setzt ein Wissen darüber voraus, wie der Verdrängungsprozess funktioniert, und er verlangt vom Klienten harte Arbeit und ein klares Ziel. Der Begleiter kann über den Prozess informieren, und er kann den Klienten unterstützen, indem er mit ihm zusammen ein emotional sicheres Umfeld schafft, in dem der Selbstheilungsprozess des Klienten sich entfalten kann. Der Begleiter behält die vielfältigen Möglichkeiten, wie Umweltgifte das harmonische Funktionieren des Nervensystems beeinträchtigen können, im Blick. Und so klärt er auf über eine natürliche Ernährung und die Veränderung des Lebensstils, die den Entgiftungsprozess und das richtige Funktionieren des Nervensystems unterstützen.
6. Vorbeugung ist die beste Heilung
Naturheilkundige Begleiter sind Spezialisten in der Krankheitsvorbeugung, die man durch Erziehung und einen Lebensstil erreicht, der die volle Gesundheit unterstützt.
Sobald der Klient angstbesetzte Kindheitserfahrungen verarbeitet und diese Erinnerungen in die psychische Struktur integriert, verringern sich die kopflosen Reaktionen auf inneren Schmerz, und der Klient kann besser fühlen, wie wichtig es ist, Kindern und anderen Menschen Liebe und die richtige Zuwendung zu schenken. Erhalten Kinder die Liebe und die Zuwendung, die sie brauchen, so wachsen sie emotional gesund auf. Der naturkundige Naturheilkundige Begleiter weiß, dass es lange dauern kann, bis die die schädigenden Auswirkungen einer lieblosen und gleichgültigen Erziehung geheilt sind. Deshalb geht er auch davon aus, dass das Verhindern einer solchen negativen Erziehung die einzige echte Heilung für die Neurose darstellt.
ZUSAMMENFASSUNG
NATURHEILKUNDIGES EMOTIONALES HEILEN
1. Bei sehr belastenden und unkontrollierbaren Lebenserfahrungen besteht die Gefahr, dass sie die Struktur der sich entwickelnden Selbstwahrnehmung schädigen.
2. Das Gehirn erkennt, dass diese Ereignisse schädigend sind und isoliert sie automatisch, wie es das mit jeder anderen toxischen Gegebenheit auch tun würde.
3. Dies erreicht das Gehirn dadurch, dass es einerseits die Speicherung des Ereignisses auf einer höheren Ebene unterbricht und die Integrationsfunktionen abstellt (Dissoziation) und gleichzeitig die toxische Erinnerung selbst im Angst-Erinnerungs-System einkapselt (im primären Erinnerungssystem in der Amygdala).
4. Die eingekapselte Erinnerung enthält nur die Gefühlskomponente der Erfahrung: die sensomotorisch-emotionale Reaktion.
5. Das Wiederauffinden von Angsterinnerungen (wie aller Erinnerungen) wird durch das Fühlen aktueller Ereignisse ausgelöst.
6. Die wiederentdeckte primäre Erinnerung präsentiert sich als körperlich erfahrene konditionierte Angstreaktion. Das heißt, sie wird nicht als visuelles Ereignis in einem bestimmten Zeitkontext erfahren.
7. Die fehlende Integration der konditionierten Angstreaktion führt dazu, dass es scheint, als würden aktuelle Ereignisse das Zustandekommen der Angsterinnerung verursachen.
8.
Diese fehlende Verknüpfung mit der
linksgehirnigen Zeit-Matrix-Funktion ermöglicht das neurotische Ausagieren.
9.
Primärtherapie ist der bewusst
gesteuerte Prozess, diese konditionierten Reaktionen (primäre Erinnerungen)
innerhalb der Grenzen des *sensorischen Fensters“, auszulösen, das heißt in
Portionen, die nicht so groß sind, dass sie die dissoziative Funktion des
Gehirns reaktivieren.
10.
Dies ermöglicht es den höheren
Gehirnfunktionen (dem Auge der Psyche), diese Informationen (zum ersten Mal) zu
verarbeiten, genauso, wie es jede nicht-traumatische Erfahrung verarbeiten
würde.
11.
Dieser Prozess verknüpft die
eingekapselte Erinnerung automatisch mit den Funktionen der linken frontalen
Hemisphäre des Gehirns (und dies zum ersten Mal).
12.
Diese Verknüpfung wird Integration
genannt.
13.
Späteres neurotisches Verhalten
wird automatisch abgeschwächt, und zwar in direktem Verhältnis zu dem Ausmaß an
Integration primärer Erinnerungen, die stattgefunden hat.
Traumatische Lebenserfahrungen werden nie wirklich dann gefühlt und verarbeitet, wenn sie geschehen. Stattdessen werden sie fragmentiert und im primären Erinnerungssystem eingekapselt. Danach, und zwar das ganze Leben hindurch, steigen die in diesen Erinnerungen eingeschlossenen Gefühle (Wut, Angst und Traurigkeit) ständig unerkannt (in mindless ways) an die Oberfläche. Und wir reagieren ständig auf sie, ohne dies zu erkennen. In der Neurose gibt es keine bewusste Wahrnehmung. In dem Ausmaß, wie wir neurotisch sind, leben wir unser Leben unbewusst. Insofern haben wir auch keinen freien Willen.
Es gibt eine gute Nachricht: Wir haben die Möglichkeit, zurückzugehen und den alten Schmerz zu heilen, und das jeden Tag. Die schlechte Nachricht: Wir erkennen diese Möglichkeit nicht. Stattdessen benutzen wir, ohne es uns klar zu machen (mindlessly), die Betäubungsverfahren, die wir vor langer Zeit kennen gelernt haben. Und die professionelle Psychotherapie bietet nur Lösungen an, die sich mit den Symptomen befassen: Verhaltensänderungsprogramme und psychotropische Drogen. In beiden Fällen verpassen wir kontinuierliche die Gelegenheit, zu fühlen und zu gesunden.
Was würde geschehen, wenn man uns die Gelegenheit gäbe, das repressive Training, das wir übernommen haben, zu verlernen? Was würde geschehen, wenn wir uns beibringen würden, das Hochkommen angstbesetzter Erinnerungen jedes Mal zu erkennen, wenn sie auftauchen? Was würde geschehen, wenn wir allmählich erkennen würden, dass jedes hochkommende schmerzhafte Gefühl uns in Wirklichkeit eine Gelegenheit bietet zu beginnen, diese alte emotionale Wunde zu heilen? Was würde geschehen, wenn wir erkennen würden, dass das Einzige, was wir tun müssen, um wieder emotional gesund zu werden, darin besteht, unsere realen Gefühle herauszulassen? Dies ist genau die Gelegenheit, die der Prozess des primärorientierten naturbewussten emotionalen Heilens bietet. Ich habe diesen Prozess Angst-Erinnerungs-Integration genannt.
Dieser Prozess ist eine Einladung, zu einem natürlichen Prozess zurückzukehren, der unser Geburtsrecht war. Er bietet eine Gelegenheit, das Gleichgewicht zwischen der sympathetischen und der parasympathetischen Reaktion auf das Leben wiederherzustellen. In dem Maße, wie das gelingt, können wir für immer von den emotionalen sowie den verhaltens- und stressbezogenen Problemen gesunden, die unser gegenwärtige Leben und unsere aktuellen Beziehungen schmerzvoll machen.
Arthur Janov hat uns schon vor mehr als 30 Jahren gesagt, das Unbewusste habe nichts Esoterisches oder Angstmachendes an sich. Es ist nichts weiter als eine Ansammlung von eingekapselten, nicht integrierten Angsterinnerungen, und er hat sie „Schmerzpool“ genannt. Und weil diese Art von Erinnerungen nicht integriert ist, sind das Unbewusste der Träger des Determinismus. Aufgrund unserer Neurose haben wir keine Selbstkontrolle über viele der emotional wichtigen, alltäglichen Reaktionen in unserem Leben. Jungs Schattenprojektion ist nichts anderes als die Projektion von Angsterinnerungen auf unsere gegenwärtigen Erfahrungen.
Janov hat uns gelehrt, dass diese Angsterinnerungen aufgelöst werden können. Der „Schmerzpool“ kann geleert werden. Und in dem Maße, wie er geleert wird, hört das Unbewusste auf zu existieren. Die Freiheit, in der Gegenwart intelligent zu handeln, steht in direktem Verhältnis zu dem Ausmaß an Integration von Angsterinnerungen, das man erreichen kann. Freier Wille und Primärschmerz stehen in einem umgekehrten Verhältnis zueinander.
Die Vorstellung, wir würden „unvollkommen“ oder mit der „Erbsünde behaftet“ geboren werden, ist eine Folge davon, dass wir im Schmerz aufwuchsen, den uns unsere unvollkommenen Erzieher (caregivers) unbewusst zugefügt haben. Wir alle, jede Generation, sind unvollkommene Erzieher.
Es gibt keine dunkle Seite, keine Schattenseite im Menschen. Es ist eher so, dass wir auf den historischen Schmerz in uns auf eine vollkommen logische Weise reagieren, und dann manifestiert sich die daraus resultierende Angstreaktion, und wir projizieren sie zurück auf die Welt. Wie Blinde bringen wir unser Leben damit zu, den Schmerz, der uns zugefügt wurde, auf die Welt zurückzuspiegeln.
Alice Miller hat die Kindheit von Menschen untersucht, welche die Geschichte mit dem Begriff „böse“ assoziiert. Jeder einzelne von ihnen wurde als Kind grausam geschlagen, beschämt und gedemütigt. Die Grausamkeiten, die sie als Erwachsene anderen Menschen zugefügt haben, wurden durch die Angsterinnerungen aus ihrer Kindheit angetrieben.
GENESUNG UND HEILUNG (Healing and
cure)
Wenn Arthur Janov sagt, seine Therapie sei die Heilung (cure) der Neurose, spricht er von der Neurose, als sei sie eine medizinische Krankheit, und damit stellt er an die Primärtherapie einen unmöglichen Anspruch.
Allgemein versteht man unter einer Heilung eine erfolgreiche medizinische Behandlung, bei der alle Anzeichen einer Krankheit beseitigt werden. Benutzt man diese Definition von Heilung, und akzeptiert man Janovs Vorstellung, dass die Neurose durch das chronische Eindringen (intrusion) von Einprägungen (imprints) verursacht wird, die Teil eines Pools von Einprägungen sind, der sich aus all unseren traumatischen Erfahrungen seit der 26. Woche nach der Zeugung zusammensetzt, so müssen wir schlussfolgern, dass die Heilung der Neurose das Unschädlichmachen (deconditioning) jeder einzelnen dieser Einprägungen voraussetzen würde. Aus diesem Blickwinkel ist es klar, dass die einzige Möglichkeit, eine Neurose zu vermeiden, in der Schaffung eines nährenden Umfelds für das Kind bestehen würde, und zwar von der Zeugung an. Zusätzlich setzt es die Schaffung einer empathischen Gesellschaft voraus, einer Gesellschaft, die unmissverständlich den Ausdruck und das Auflösen der traumatischen Erfahrungen unterstützt, zu denen es notwendigerweise in unserer unvollkommenen Welt kommt, und das genau in dem Moment, wo es dazu kommt. Von dem Erreichen dieses Ziels sind wir noch weit, weit entfernt.
Für alle, die selbst den Primärprozess erfahren, ist völlig klar, dass niemand je von seiner Neurose geheilt wird. Doch die meisten würden schon sagen, dass sie genesen sind. Das heißt, dieser Prozess hat ihr Leben zutiefst verändert, und zwar zum Besseren.
Genesung ist ein ganzheitlicher
Prozess. Sie kann körperlich, emotional und spirituell erfahren werden. Man
erlebt sie als ein Gefühl der Hinwendung zu innerem Frieden und einem Gefühl
der Verknüpfung (connectedness).
Interessant ist, dass Janov das Wort „Verknüpfung“ gebraucht, um ein
Primärereignis zu bezeichnen. Für ihn besteht seelische Gesundheit in einer
fließenden Verknüpfung zwischen allen Ebenen des Gehirns. Und der Primärprozess
kann dem Klienten helfen, sich auf dieses Ziel hin zu bewegen.
Die Belege, die in dieser Arbeit vorgelegt werden, sprechen sehr für eine erneute Überprüfung der prä- und perinatalen Praktiken. Sie sprechen auch für eine erneute Überprüfung unserer lässigen Einstellung gegenüber der Entscheidung, Kinder zu bekommen. Sie plädiert ebenfalls für eine erneute Überprüfung der Rolle und der Verantwortung von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft, wenn es um die Entscheidung geht, ob man Kinder bekommen will. So sprechen die Forschungsergebnisse, die auf der Bindungstheorie beruhen, gegen die politisch korrekte Vorstellung, dass Frauen versuchen sollten, Kinder zu bekommen und gleichzeitig eine berufliche Karriere zu machen, wenigstens während des ersten Lebensjahres des Kindes. Für eine gesunde emotionale Entwicklung des Kindes scheint es absolut wichtig zu sein, dass die Mutter während dieser Zeit ausschließlich für das Baby da ist. Und genauso wichtig scheint es, dass der Gefährte der Mutter diese Paarbildung (pair bonding) voll und selbstlos unterstützt. Das mag für uns im 21. Jahrhundert altmodisch klingen. Doch wenn man die Forschungsergebnisse berücksichtigt, erscheint es zwingend.
Auch sollte es nicht die geringste Toleranz gegenüber körperlicher und emotionaler Drangsalierung in unseren Schulen geben.
Die Primal-Begleitung ist ein mächtiges Instrument, mit dem wir die Angsterinnerungen, die uns veranlassen, in der Gegenwart nicht adäquat zu reagieren, unschädlich machen können. Bei einer adäquaten Hilfestellung können wir von unserer Neurose genesen, statt dass sie nur einfach überdeckt wird.
Der emotionale Genesungsprozess hat nichts mit Verstehen und mit der Anwendung komplexen psychologischen Theorien zu tun. Deshalb ist es nicht nötig, diese Art von Arbeit auf hoch spezialisierte Theoretiker zu beschränken. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, uns gegenseitig ohne Wertung zuzuhören und zu unterstützen. Sie setzt die Fähigkeit voraus, bei einem anderen Menschen emotional präsent zu bleiben, während dieser tiefe und ehrliche Gefühle ausdrückt. Leider werden uns diese Fertigkeiten nicht beigebracht. Und noch tragischer ist es, wenn diese grundlegende menschliche Fertigkeit sogar in der Welt der Psychotherapie fehlt.
Die Genesung von der Neurose setzt die Präsenz von liebevollen und warmherzigen Menschen voraus. Doch wenn es uns darum geht, eine Neurose zu heilen (effecting a cure for neurosis), kann dies nur durch den Aufbau eines liebevollen und warmherzigen Umfelds für das Kind geschehen, und zwar noch ehe es geboren ist. Weil es soviel Schmerz auf der Welt gibt, müssen wir uns sehr viel mehr um den Schutz der Kinder vor den Folgen dieses Schmerzes kümmern. Die Natur hat uns dafür einen Mechanismus bereitgestellt. Doch leider hat die Gesellschaft sich in diesen Prozess eingemischt und ihn gestört.
Die Grundlage einer guten emotionalen
Gesundheit ist der ehrliche Wunsch, die Kinder, die auf diese Welt kommen,
willkommen zu heißen und zu lieben. Jedes Kind muss geliebt werden und erwünscht
sein. Und jedes Kind muss jedes Mal emotional unterstützt werden, wenn es zu
einem existenziellen Trauma kommt. Innerhalb einer solchen Umgebung sorgt die
Natur automatisch für emotionale Gesundheit.
ANHANG
DIE RESULTATE DER
FORSCHUNGSARBEIT DES AUTORS FÜR SEINE DOKTORARBEIT
Der
Autor nutzte sein Praktikum im Rahmen seiner Doktorarbeit, um Janovs
Behauptung, die Primärtherapie führe zu messbaren körperlichen Veränderungen
bei dem Klienten, experimentell zu überprüfen. Drei Männer im Alter von 33, 37
und 41 Jahren waren bereit, sich 12 Wochen lang primärtherapeutisch vom Autor
begleiten zu lassen. Zuvor hatte der Autor selbst eine Primärtherapie in Arthur
Janovs Primal Center in Venice
(Kalifornien) gemacht, und sich über eine Periode von drei Jahren drei
Primärintensivphasen unterzogen. Danach machte er 300 Stunden primäres
Begleittraining mit Supervision, die er in sein Praktikum einbaute.
Die
Untersuchung beinhaltete sowohl objektive wie subjektive Tests vor und nach
jeder der 12 Wochen primärtherapeutischer Begleitung. Für den objektiven Test
machte jede Versuchsperson zwei Kortisol-Speichel-Tests. Es ist bekannt, dass
die Analyse des Speichels auf Hormone eine äußerst genaue Methode zur
Untersuchung der Belastung darstellt. Bei diesen Tests musste die
Versuchsperson zwei Speichelproben nehmen, um 8 Uhr morgens und um 12 Uhr
nachts am gleichen Tag. Jede Versuchsperson nahm diese Speichelproben jeweils
vor und nach der 12-wöchentlichen primärtherapeutischen Begleitung. Alle Proben
wurden zur Analyse ins Labor geschickt, und der Autor bekam dann die Resultate.
Kortisol
und DHEA (De-Hydro-Epi-Androsteron) sind die Haupthormone, die der Körper für
den Umgang mit Stress hat. Kortisol hält das Energieniveau des Körpers aufrecht
und reagiert bei Stress durch das Auslösen einer katabolischen Reaktion,
wodurch zusätzliche Energiereserven für den Umgang mit der Stresssituation
freigesetzt werden. Dieses Hormon hilft auch, den normalen Blutdruck
aufrechtzuerhalten. Von DHEA, einem anabolischen Hormon, weiß man, dass es den
schädlichen Nebenwirkungen von Kortisol entgegenwirkt. Ein Ungleichgewicht bei
diesen Hormonen stört die Fähigkeit des Körpers, mit dem alltäglichen
Lebensstress zurechtzukommen. Eine optimale Stressreaktion setzt das richtige
Gleichgewicht zwischen diesen Hormonen voraus: ein Verhältnis von 5:1 zwischen
Kortisol zu DHEA.
Objektive Testresultate: Vor der primärtherapeutischen
Begleitung lag bei den drei Versuchspersonen der Spiegel beider Hormone
außerhalb des Normalbereichs, nach der primärtherapeutischen Begleitung lag er
im Normalbereich.
Zusätzlich
dazu entwickelte der Autor einen Fragebogen, um jede Versuchsperson die
subjektive Bewertung der 12-wöchentlichen therapeutischen Arbeit einschätzen zu
lassen. Der Fragebogen ging von der Hypothese aus, dass spontane Reaktionen,
die auf eine Reizung hindeuten, wie Angst, Paranoia, zwanghaftes Denken, Wut,
... die Hauptindikatoren für das Eindringen von Angsterinnerungen ins
Bewusstsein sind - nach Janov ja die Ursache der Neurose. Jede Versuchsperson
füllte den Fragebogen vor und nach der 12-wöchentlichen therapeutischen Arbeit
aus.
Subjektive Testresultate:
Alle drei Versuchspersonen berichteten nach der 12-wöchentlichen
therapeutischen Arbeit von einer Abnahme der spontanen Reaktionen, die auf eine
Reizung hindeuten.
Schlussfolgerung: Obwohl die Teststichprobe für eine
statistische Analyse völlig unzureichend ist, bestätigen die Resultate der
Untersuchung im Praktikum tendenziell Janovs Hypothese.
Anregung: Die Resultate der Untersuchung sprechen
eindeutig dafür, das Experiment mit einer statistisch signifikanten Stichprobe
zu wiederholen.
GLOSSAR DER FACHAUSDRÜCKE
AUSAGIEREN:
Jedes Verhalten, das eine Person in einer aktuellen Situation zeigt, und das
durch die Reaktion auf die innere Realität einer ausgelösten Primärerinnerung
und nicht durch die Reaktion auf die gegenwärtige Situation hervorgerufen wird.
Dieses Verhalten stellt einen Zusammenbruch im dynamischen Gleichgewicht
zwischen der Person und ihrer Umwelt dar.
ALLOPATHISCH:
Jede Behandlungsmethode einer Krankheit, die von dem Glauben ausgeht, dass
Symptome schlecht sind und durch den Gebrauch von Medikamenten und
Verhaltenstherapie gedämpft werden müssen.
AMYGDALA:
Eine alte Hirnstrukur, die im limbischen System des Gehirns liegt. Sie verknüpft
Angstgefühle mit den entsprechenden Reizen und Abwehrreaktionen. Man glaubt,
dass bestimmte Bereiche in der Amygdala Angsterfahrungen speichern. Bis zur
Entwicklung unseres komplexeren Gedächtnissystems (im Hippokampus) ist dies
vielleicht die einzige Art, wie wir uns an unsere Erfahrungen erinnern können.
Die Amygdala enthält sensomotorische und keine visuellen Daten. Das primäre Erinnerungssystem.
AUTONOMES
NERVENSYSTEM: Der Teil unseres Nervensystems, der die innere Umwelt unseres
Körpers reguliert.
CIRCUMVENTRIKULARE
ORGANE: Vier hohle, mit Flüssigkeit gefüllte Kammern im Gehirn, durch die
zerebrale Flüssigkeit strömt. Diese Kammern heißen Ventrikel. Ein
circumventrikulares Organ ist eine Gehirnstruktur, die in der Nähe einer dieser
Kammern liegt.
CORPUS
CALLOSUM: Eine Gehirnstruktur mit etwa 200 Millionen Axonen, welche die linke
und die rechte Hemisphäre des Gehirns miteinander verbindet. Wenn diese
Verbindung besteht, werden die Informationen von der rechten Hemisphäre zur
linken mittels dieser Struktur übertragen.
ENTGIFTUNG
(DETOXIFICATION): Die biochemischen
Prozesse, mit denen der Körper sich potenziell schädlicher Substanzen
entledigt. Man kann Vergiftung demgemäß als das Endprodukt eines Zusammenbruchs
dieser biochemischen Prozesse definieren.
DISPOSITIONELLE
ERINNERUNGEN: Unbewusste (implizite) Erinnerungen, die durch klassisches oder
operantes Konditionierung entstehen. Sie führen dazu, dass wir auf Dinge
automatisch reagieren, und sie geschehen außerhalb unserer bewussten
Wahrnehmung.
ENDOGEN
/ EXOGEN: Veränderungen, die von innen kommen (die selbstreguliert sind) heißen
endogen. Exogene Veränderungen werden durch eine äußere Quelle verursacht.
HIPPOKAMPUS:
Im Vergleich mit der Amygdala eine höher entwickelte Hirnstrukur, die im
temporalen Lappen des Gehirns liegt. Der Hippokampus spielt eine entscheidende
Rolle beim räumlichen Gedächtnis. Zwei weitere Strukturen in der gleichen
Region, der entorhinale Kortex und der perirhinale Kortex, spielen eine
wichtige Rolle beim Wiedererkennen von Objekten: das Erinnerungssystem des Hippokampus.
KORTISOL:
Ein Hormon, das von den Nebennierendrüsen abgesondert wird, und das uns darauf
vorbereitet, sowohl mit körperlichem wie mit emotionalem Stress umzugehen. Ein
hoher Kortisolspiegel kann die höchsten Denkprozesse des Gehirns stören.
LYSOSOME:
Winzige Behälter innerhalb der Zelle, die mit Verdauungsenzymen gefüllt sind.
Wenn gefährliche Mikroben in ihnen eingefangen werden, werden sie von den
Enzymen zerstört bzw. „gefressen“.
MYELIN:
Eine fettige Substanz, welche das Nervenzellengewebe umhüllt. Diese Hülle
befähigt die Zellen, sehr viel wirksamer miteinander zu kommunizieren. Erst
wenn die Strukturen des Hippokampus und des corpus
callosum myelinisiert werden, beginnen diese Gehirnareale richtig zu funktionieren.
NORADRENALIN: Ein erregender (excitatory) Neurotransmitter. Er hilft dem Gehirn, wachsamer zu
sein. Der sympathetische Teil des autonomen Nervensystems benutzt es, um im
Notfall Energie bereitzustellen.
ORBIFRONTALER
KORTEX: Ein Teil des Gehirns, der im Vorderlappen liegt, neben den Augenhöhlen.
Wird dieses Areal beschädigt, so führt das oft zur Unfähigkeit, unangemessenes
Verhalten zu hemmen. Man hat festgestellt, dass sehr frühe Vernachlässigung (deprivation) durch die Eltern dieses
Areal schädigt.
PRIMAL:
Ein Ereignis, das eintritt, wenn die sensomotorischen Komponenten einer
konditionierten Angstreaktion erfolgreich durch das geistige Auge erforscht
werden. Dieser Prozess verknüpft die entsprechenden Daten mit den Funktionen
der linken Gehirnhemispäre wie der Zeitsequenzierung.
PROPRIOZEPTOREN:
Spezielle Sinnesorgane, die nahe der Verbindung von Sehnen und Muskeln liegen,
oder auch tief im Inneren des Gewebes der Skelettmuskeln. Werden sie
stimuliert, so geben sie Auskunft über die Position und die Bewegung der
verschiedenen Teile des Körpers.
SENSOMOTORISCH:
Informationen, die ihrer Natur nach sensorisch (nicht-visuell) sind und
Muskelbewegungen verursachen.
SEROTONIN:
Der primäre Neurotransmitter für das „Wohlfühlen“. Innerhalb des Nervensystems
ist er für die Blockierung der Übertragung körperlicher und seelischer
Schmerzsignale zuständig. Die Wirkung von Medikamenten wie Prozac beruht
darauf, dass sie die Menge von Serotonin im Gehirn erhöhen.
SPRIESSEN
und SCHRUMPFEN (SPROUTING and PRUNING):
Ein Prozess der Nervenentwicklung im Gehirn. In entscheidenden Phasen in
unserer frühen Entwicklung sprießen (wachsen) Millionen neuer Gehirnzellen.
Stoßen diese Nervenzellen auf eine verarmte Umgebung, bedingt etwa durch
schweren elterlichen Missbrauch, so schrumpfen diese Zellen (werden zerstört).
Man weiß, dass früher Missbrauch zu einer abnormen Unterentwicklung des
orbitofrontalen Kortex und des corpus
callosum führt.
SYNAPTISCHER
ZWISCHENRAUM: Unser Nervensystem ist nicht kontinuierlich „verdrahtet“, wie
etwa die Elektrizität in einem Haus. Die „Verdrahtung“ im
Gehirn besteht dagegen aus individuellen Nervenzellen, über welche die
Informationen reisen müssen. Jede Zelle ist von der nächsten durch einen
winzigen Zwischenraum getrennt, die Synapse. Damit Informationen diesen
Zwischenraum überwinden können, müssen Chemikalien (Neurotransmitter) von der
einen Zelle ausgegeben werden, und diese müssen über den Zwischenraum hinweg
zur nächsten Zelle gelangen und von dieser aufgenommen werden.