Der Time Life Dokumentarfilm "Rock A Bye Babye"
beschreibt die Auswirkungen verschiedener Methoden zur Behandlung
und Erziehung von Säuglingen und Kindern auf deren
emotionale Entwicklung, sowohl bei Menschen als auch bei
Affen.
Zu Beginn wird darauf hingewiesen, daß
der Kontakt des Säuglings zur Mutter die erste sozio-emotionale
Interaktion im Leben des Kindes darstellt und die Grundlagen
seines späteren Verhaltens festlegt. Wir erfahren,
daß soziale Tiere, die von ihren Müttern isoliert
werden und keine fürsorgliche körperliche Zuwendung
erhalten, heftige Depressionen entwickeln und von solcher
Reizentziehung sogar sterben können. Außerdem
kann Mutter-Kind-Isolation, die zu sensorischer Deprivation
führt, Gehirnschäden verursachen. Diese Tatsachen
zeigen, daß Mutterliebe eine neurobiologische Grundlage
hat, die für das Leben von wesentlicher Bedeutung ist.
Anschließend werden uns Harry Harlows
Experimente mit Ersatzmüttern vorgestellt, die gezeigt
haben, daß Affen, die allein in einer Umgebung ohne
Mutter oder Artgenossen aufgezogen werden, sich lieber bei
einem plüschbezogenen Holzblock (mit einem einfachen
Gesicht) aufhalten als bei einer "Drahtmutter",
die zwei Milchflaschen bereithält. Dies gilt selbst
dann, wenn die Affen hungrig oder durstig sind.
Sie klammern sich sogar an das "Fell" ihrer stoffbedeckten
Ersatzmütter, wenn sie erschreckt werden und erfahren
die gleiche emotionale Belastung wie andere soziale Tiere,
wenn sie von ihren Ersatzmüttern isoliert werden. Diese
Experimente zeigen, daß das Bedürfnis nach einer
liebevollen Beziehung (in diesem Fall durch das "Fell"
der Ersatzmutter wahrgenommen) stärker ist als das
bloße Bedürfnis nach Ernährung. Folglich
ist Liebeshunger größer als Nahrungshunger.
Harlows Experimente sind Teil der meisten
modernen Lehrbücher der Psychologie.
Den wohl größten Beitrag zum Verständnis
des Mutter-Säugling-Trennungs-Syndroms haben Dr. Willam
Mason und Dr. Gershon Berkson mit ihren "Schaukelnder
Mutterersatz"-Experimenten geleistet. Hier wurde die
Bedeutung körperlicher Bewegung in der Mutter-Säugling-Bindung
dokumentiert. Affen, die in Käfigen mit stationären
Ersatzmüttern aus Stoff aufgezogen wurden, verglich
man mit solchen, die man mit schaukelnden Ersatzmüttern
aufzog. Die mit stationären Müttern aufgezogenen
Säuglinge entwickelten all die Anomalien, die in vollständiger
Isolation großgezogene Affen entwickeln – Depressionen,
sozialer Rückzug, Abneigung gegenüber Berührungen,
stereotypisches Kopfschaukeln und chronisches Zeh- und Penislutschen.
Die Affensäuglinge, die mit der schaukelnden Ersatzmutter
großgezogen wurden, entwickelten sich bis auf geringfügige
reizsuchende Verhaltensweisen normal. Depressionen, sozialer
Rückzug und Vermeidung von Berührungen waren bei
diesen Affen nicht vorhanden.
So wird es verständlicher, daß
Kleinkinder gerne auf den Körpern ihre Mütter
und Väter getragen werden, und es lieben, wenn man
sie in den Schlaf wiegt.
James W. Prescotts Experimente sind weit weniger anerkannt.
Während die Durchbruchstudien von Mason und Berkson
die Bedeutsamkeit von körperlicher Bewegung noch in
ihrem sozialen Zusammenhang interpretierten, untersuchte
der Entwicklungsneuropsychologe Dr. Prescott die involvierten
neurobiologischen Mechanismen. 1.
Dr. Prescott begann dann mit mehreren Kollegen eine Reihe
von Gehirn- und Verhaltensstudien über die Auswirkungen
des Verlusts der Mutterliebe auf die strukturelle und funktionelle
Entwicklung des Gehirns. Diese Studien dokumentierten sowohl
strukturelle Abnormalitäten von Gehirnzellen als auch
funktionelle Anomalien. 2.
Studien von Dr. Selma Fraiberg mit seit ihrer Geburt blinden
Kindern zeigten, daß diese Kinder, wenn sie genügend
Körperkontakt und Bewegungsreize durch ihre Eltern
erfuhren, normale emotional-soziale Verhaltensweisen entwickeln.
Diese Wirkung wird in "Rock A Bye Baby" auf dramatische
Weise geschildert, wie auch die Studien von Dr. Mary Neal,
die eine schaukelnde Korbwiege für frühgeborene
Babies entwickelte. Die frühgeborenen Säuglinge,
die eine solche künstliche Körperbewegung erfuhren,
zeigten ein beschleunigtes neuronales Wachstum, das sich
in Kopfbewegungen, Krabbeln, Greifen und anderen Reflexen
widerspiegelte.
Diese Säuglinge gewannen schnell an
Gewicht, hatten weniger gesundheitliche Probleme und wurden
früher aus dem Krankenhaus entlassen als nicht bewegte
Frühgeborene.
Trotz der augenscheinlich positiven Wirkung
sich automatisch bewegender Brutkästen auf die Gesundheit
frühgeborener Babies, wie sie von Dr. Neal demonstriert
wurde, werden solche Brutkästen nicht in amerikanichen
Krankenhäusern verwendet. Die Notwendigkeit von Bewegung
wird bei moderner Säuglingsfürsorge meist übersehen,
und die Neugeborenen werden auf unbewegliche Matratzen gelegt.
"Rock A Bye Baby" dokumentiert
auch, wie ein zurückgebliebener Säugling in einem
Heim geheilt werden kann, sofern ihm eine liebende Adoptivmutter
zur Verfügung gestellt wird, die sich in einer intensiven
und direkten Beziehung um ihn kümmert. Je länger
die Entziehung im Heim dauert und je später eine liebende
Adoptivmutter für solche Säuglinge bereitgestellt
wird, desto weniger möglich wird eine Genesung von
den erlittenen Schäden.
Die Forschung von Dr. Rosenblum zeigt schließlich,
daß verschiedene Affenarten verschiedene Erziehungsmethoden
anwenden. Während die Hutaffen (Macaca radiata) die
Angewohnheit haben, Mutterfiguren ohne Eifersucht auszutauschen,
teilen die Mütter der Langschwanzmakaken (Macaca fascicularis,
auch bekannt als Javaneraffen) ihre Kleinkinder nicht mit
anderen Affen, die Mutter-Kind-Bindung ist äußerst
stark und besitzergreifend. Werden Hutaffen-Kinder von ihren
Müttern getrennt, zeigen sie keinen Kummer, da sie
sofort von anderen Affen adoptiert werden. Langschwanzmakaken
hingegen zeigen Aufregung und Depressionen, die mit der
Dauer der Trennung zunehmen.
1 Insbesondere erforschte Dr. Prescott die Bedeutung des
sensorischen Systems im Vestibulum (Eingang) des Kleinhirns
für das Verständnis der am Mutter-Säugling-Entziehungssyndrom
beteiligten Gehirnstrukturen und Vorgänge. Dr. Prescott
benannte dieses Syndrom um in das "Somatosensorische
Zuneigungs-Deprivationssyndrom" ("Somato-Sensory
Affectional Deprivation Syndrome", S-SAD), um die Bedeutung
der sensorischen neuropsychologischen Vorgänge, die
das aus dem Verlust der Mutterliebe resultierende krankhafte
Verhalten vermitteln, hervorzuheben. Er entwickelte eine
komplexe Theorie der Gehirnfunktionen, welche das Kleinhirn
als hauptregulatorisches System beinhaltet, das unter anderem
für die zahlreichen verschiedenen krankhaften emotional-sozialen
Verhaltensweisen verantwortlich ist, die ihrer Mütter
entzogene Affen entwickeln.
2 Der Ausdruck funktionelle Anomalien bezieht sich auf elektrische
und biochemische Fehlfunktionen.
AUSGEWÄHLTE QUELLEN ZU SOMATOSENSORISCHER DEPRIVATION
UND IHRER BEZIEHUNG ZU ABNORMALER GEHIRNENTWICKLUNG, GEWALTTÄTIGKEIT
UND DROGENMISSBRAUCH
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