| |
“Schuldgefühle”
ein Kapitel aus:
“Emotional Fitness: Discovering Our Natural Healing
Power”
von Janice Berger, Primärtherapeutin
Übersetzung: Reinhold W. Rausch
|
Schuldgefühle – Zwangsjacke
der Gefühle
Wir alle kennen Schuldgefühle, wirkliche ebenso wie eingebildete.
Allgemein fällt es nicht schwer, dieses Gefühl wahrzunehmen,
im Gegensatz etwa zu Scham, an die gefühlsmäßig
heran zu kommen durchschnittlich viel schwerer ist. Real sind
Schuldgefühle da, wo wir für etwas zuständig und
verantwortlich sind. Was uns jedoch behindert, sind irrationale
Schuldgefühle - weil sie uns blind machen für unser
eigentliches, dahinter verstecktes Empfinden. Statt dessen ketten
sie uns an eine nie endende Tretmühle von Selbstvorwürfen.
Ungelöste, irrationale Schuldgefühle führen zu
unbewusstem und selbstschädigendem Verhalten. Sie können
uns aber als ein Zugang zu unserem wirklichen, authentischen Selbst
dienen.
Rationale Schuld
Sie entspringt dem, was wir im Lauf unseres Lebens als richtiges
und falsches Verhalten verinnerlicht haben. Wirkliche Schuld wird
dann gefühlt, wenn gegen die eigenen innersten Grundsätze
und Werte verstoßen und dadurch unsere persönliche
Integrität untergraben. Indem wir reale Schuld wahrnehmen,
hören wir auf einen Alarm, der es und meldet, wenn wir dabei
sind, unsere moralische Integrität zu verletzen. Indem wir
auf diese Integrität achten, sind wir ehrlich uns selbst
gegenüber.
Wenn wir reale Schuld wahrnehmen und beachten, dann bewerten
wir unser Verhalten authentisch und übernehmen die Verantwortung.
Wir geben zu, dass es besser wäre, sich anders zu verhalten
und nehmen uns vor, in Zukunft anders zu handeln. Wir stellen
uns den Folgen unserer Taten und bringen gegenüber denen,
die wir verletzt haben, unser aufrichtiges Bedauern zum Ausdruck.
Echtes Schuldgefühl weist auf persönliche Verantwortung
hin und ist Ausdruck emotionaler Reife. Es sind irrationale Schuldgefühle,
die ein echtes Problem darstellen.
Irrationale Schuld
Irrationale Schuldgefühle sind wie ein innerer Nebelschleier,
der verhindert, dass wir klar erkennen, wer wir eigentlich sind.
Sie wird errichtet aus Selbstvorwürfen und Selbstbeschuldigungen.
Das Festhalten an falschen Schuldgefühlen dient aber der
Abwehr von Gefühlen der Angst und der Bedrohung, von Bedürftigkeit
und von Schmerz und aller möglichen Gefühle, die wir
uns selbst lieber verbergen. Diese unter der Oberfläche liegenden
Gefühle zuzulassen und wahrzunehmen vermeiden wir, indem
wir in falschen Schuldgefühlen stecken bleiben. Und zugleich
nehmen wir vorhandene Alternativen nicht wahr und berauben uns
der Möglichkeit, wirkungsvoll die Situation zu verändern.
Wie jede Abwehr so hat auch irrationales Schuldgefühl den
Sinn, uns ein Gefühl der Kontrolle zu verschaffen, wo wir
sie nicht wirklich haben. Diese überflutenden Gefühle
von Hilflosigkeit vermeiden wir, indem wir uns selbst zwanghaft
für alles die Schuld geben. Wenn beispielsweise etwas Tragisches
passiert, über das wir keinerlei Kontrolle haben, dann vermindern
wir unser Gefühl der Ohnmacht dadurch, dass wir uns einbilden,
eine Schuld zu tragen an dem, was geschehen ist. Als Kinder war
genau das die einzige Wahl, die wir hatten. Als emotional gereifte
Erwachsene hingegen können wir das herbe Gefühl unserer
vollständigen Machtlosigkeit und Niederlage zulassen. Das
ist dann etwas Reales und kann als integrierte Erfahrung im Geflecht
unseres Lebensteppichs verwoben werden.
Wenn wir aber für Vorgänge die Verantwortung übernehmen,
über die wir keine Kontrolle besitzen, dann können wir
sicher sein, dass dieses irrationale Verantwortungsgefühl
von dem als Kind erfahrenen Schmerz herrührt. Wurden wir
beispielsweise mit viel „Du musst“ erzogen, dann sind
wir voller Wut. Wurde uns zudem beigebracht, dass Wut etwas böses
ist, dann werden wir uns nicht erlauben, diese Wut zu fühlen,
sondern statt dessen werden wir uns schuldig fühlen. Wir
werden die Wut gegen uns selbst richten. Und genau das ist irrationales
Schuldgefühl. Denn in der Tat, als Kinder haben wir keine
andere Wahl, als uns selbst die Schuld zu geben, wenn wir den
Anforderungen nicht genügen.
Angesichts kritischer und urteilender Eltern fürchten wir
deren Ablehnung. Diese Furcht ganz zu fühlen, überlastet
uns so, dass wir statt dessen ein Schuldgefühl entwickeln,
mit dem wir uns selbst bestrafen. Denn wirklich gewinnen wir über
diese Selbstverurteilung einen Anschein von Kontrolle: “Warum
war ich nur nicht brav?“, „Was stimmt mit mir nicht?“,
„Ich mach’ immer so ein Durcheinander“ oder
sogar „Ich bin böse“.
Schuldgefühle werden zu einer völlig vertrauten
Empfindung
Wenn wir uns chronisch mit Schuldgefühlen zudecken, machen
wir uns völlig zu Unrecht vor, verantwortungsvolle Menschen
zu sein. Tatsächlich ist aber, sich ständig schuldig
zu fühlen, eine Methode, um Verantwortung zu vermeiden. In
Wirklichkeit funktioniert es nicht, wenn man versucht, sich über
den Umweg von Schuldgefühlen gut zu fühlen.
Je mehr irrationale Schuld wir empfinden, desto mehr verdrängen
wir unsere wahren Gefühle und desto weniger emotional gesund
sind wir tatsächlich. Ab dem Moment, wo wir als Erwachsene
verstehen, dass Schuldgefühle eine Form der Abwehr gegen
das Fühlen von Schmerz sind, haben wir die Wahl: wir können
ihn jetzt wahrnehmen, wir können mit ihm arbeiten, wir können
uns jetzt klarer fühlen und kennen lernen und erlangen die
Freiheit zu sein, wer wir wirklich sind.
D entsprach dem Wunsch ihres Vaters und studierte erfolgreich.
Sie brachte es sogar fertig, sich mit ihm am Familientisch über
Themen der Weltpolitik zu streiten, wozu ihr ältester Bruder,
ein Versager in den Augen ihre Vaters, nicht in der Lage war.
Jahre danach empfand D ein nagendes Schuldgefühl dafür,
dass es ihr so viel besser ging wie diesem Bruder von ihr. Sie
konnte, dass sie es zu etwas gebracht hatte und Glück gehabt
hatte, nicht genießen. Statt dessen war sie auf eine ganz
unvernünftige Art wütend auf diesen Bruder, und zugleich
wieder voller Selbstvorwürfe, genau deswegen. Als ihr klar
wurde, wie sehr sie sich selbst das Leben schwer machte und wie
innerlich zerrissen sie war, nahm sie Hilfe in Anspruch.
Mit der Zeit wurde ihr klar, in welch unmöglicher Situation
sie sich als Kind befunden und welchen Einfluß das auf ihr
Leben gehabt hatte. Sie kam dahin, zu fühlen, wie sehr sie
zerrissen war zwischen einerseits ihrem Bedürfnis, von ihrem
Vater geliebt und anerkannt zu werden und andererseits ihrer Solidarität
und ihrem Mitgefühl für ihren Bruder. Sie konnte schließlich
fühlen, wie wütend sie auf den Vater war, ihren Bruder
so zu behandeln, wie er es getan hatte und ihr diese lebenslangen
Schuldgefühle aufzuzwingen.
Der Druck dieser Schuldgefühle lies merklich nach, als D
fortfuhr, für sich diese Verbindungen zu machen und diese
Zusammenhänge aufzuklären. Danach war sie in der Lage,
auf ihren Bruder zuzugehen und mitfühlend zu sein, ohne sich
für seine Schwierigkeiten verantwortlich zu fühlen.
Die Quellen der Schuldgefühle in der Kindheit
In dem Maß, wie wir als Eltern nicht dazu in der Lage sind,
die Verantwortung für unsere Gefühle, Gedanken und Handlungen
selbst zu übernehmen, leiten wir sie ab auf unsere Kinder.
„Du machst mich wütend, dass ich schreien könnte“,
„da siehst du, wozu du mich gebracht hast“ und „wenn
du nicht aufhörst, bringst du mich noch ins Grab“ –
jedes mal wälzen wir die Verantwortung auf das Kind ab -
Beispiele für den eklatanten und allgegenwärtigen Missbrauch
von Schuldgefühlen zur Ausübung von Kontrolle.
Die Auswirkung einer derartigen Kindheit ist, dass die Last an
Schuld und Verantwortung bis ins Erwachsenenalter beibehalten
wird. Unsere unbewusste Überzeugung, dass „mit uns
was nicht stimmt“, dass „es an uns liegen muss“
bewirkt, dass wir uns grenzenlos verantwortlich fühlen, gefangen
in der Vorstellung, dass, wenn wir doch nur besser wären,
wenn wir doch nur anders wären, dass wir dann doch, endlich,
die elterliche Anerkennung bekommen würden. Wir bleiben in
der unbewussten Überzeugung gefangen, für die Gefühle
und für das Glück der Anderen verantwortlich zu sein.
So entstehen irrationale Schuldgefühle, die wir ausagieren,
indem wir Verantwortlichkeiten übernehmen, die nicht unsere
sind.
Anweisungen wie „Du musst“ „Du darfst nicht“
lösen Schuldgefühle aus. Wenn wir den unbedingten Willen
unserer Eltern spüren, dass wir uns benehmen, gut aussehen
und brav sind und wenn wir zugleich nicht imstande sind, so zu
sein, wie sie es sich wünschen, dann fühlen wir höchstwahrscheinlich
eine schwer auf uns lastende Schuld. Wir sind gegenüber den
Zwischentönen im Verhalten unserer Eltern sehr sensibel,
wir bekommen noch ihre subtilste Ablehnung mit und wir fühlen
uns automatisch und zwangsläufig verantwortlich dafür.
Die Allgegenwart von Schuldgefühlen in der Gesellschaft
Werbung arbeitet mit Scham, mit Unzufriedenheit, sowie mit Schuldgefühlen.
Je mehr wir als Kinder unter unserer eigenen Unzulänglichkeit
litten, um so mehr Unzufriedenheit mit uns selbst empfinden wir
heute und um so leichter kann uns Werbung ködern. Mit anderen
Worten, je mehr Schuldgefühle wir aus unserer Kindheit mit
uns herumtragen, desto verführbarer sind wir. Schuldgefühle
verhindern, dass wir in uns hinein und auf unsere wirklichen Bedürfnisse
hören. Wir werden empfänglich gegenüber dem, was
Werbung uns verspricht.
Frauen, die ebenso oft Adressat wie Übermittler von Werbebotschaften
sind, fühlen sich oftmals schuldig, egal, was sie tun. Eine
meiner Klientinnen meinte sogar mal, sie fühle sich schuldig
dafür, Schuldgefühle zu haben.
Durch Gefühlsarbeit irrationale Schuldgefühle
auflösen
In dem Maß, wie wir uns fühlend mit den Verästelungen
irrationaler Schuldgefühle befassen, gewinnen wir die Freiheit,
uns selbst anzunehmen. Wir können aufhören mit selbstzerstörerischen
Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen. Sowie wir aufrichtig
unsere tatsächlichen Gefühle fühlen, können
wir zwanghafte, irrationale Schuldgefühle loslassen.
Dieser Prozess beruht auf unserer Fähigkeit, uns selbst
dauerhaft emotional zu heilen. Ich wiederhole, dass dies etwas
ganz anderes ist, als der Versuch, die Gedanken zu verändern,
um auf diesem Weg die Gefühlen zu verändern oder gar
positive Gedanken aufzusagen, um so die negativen in Schach zu
halten.
Schuldgefühle können eindeutig wahrgenommen werden
und sowie wir das tun, können wir prüfen, ob es sich
um rationale Schuldgefühle handelt, die auf ein tatsächliches,
aktuelles Problem hinweisen oder ob sie nicht irrationaler Natur
sind. Falls wir zu dem Schluss kommen, dass es sich um irrationale
Schuldgefühle handelt, können wir uns fragen: „Was
würde ich eigentlich fühlen, wenn ich mich nicht schuldig
fühlen würde?“ Die Antwort darauf wird tief aus
unserem Inneren aufsteigen. Vielleicht fühlen wir so etwas
wie Angst, große Traurigkeit, Wut, Verzweiflung oder Hilflosigkeit.
Angespannt bis an die Grenze des Erträglichen.
Je mehr wir uns erlauben, in die Schuld hinein zu fühlen,
um so eher sind wir in der Lage, das Schuldgefühl zu fühlen
- anstatt von ihm angetrieben zu werden. Falls unser Verhalten,
ohne dass wir uns dessen bewusst sind, getrieben ist von dem Verlangen,
Schuldgefühle zu vermeiden, dann kann es sein, dass wir uns
in einer dauernden Überanspannung befinden und zugleich überhaupt
keinen Kontakt haben zu was wir wirklich brauchen und zu wer wir
wirklich sind. Wahrscheinlich verbringen wir viel Zeit mit Dingen,
für die wir uns weder interessieren noch die uns Spaß
machen. Wir verausgaben uns völlig und überschreiten
dabei jedes Maß und sind zugleich unfähig, Hilfe in
Anspruch zu nehmen. Egal, wie sehr wir uns auch anstrengen, ist
es doch nie genug. Um Schuldgefühle zu vermeiden, erlauben
wir unseren [auch: inneren d. Ü.] Kindern etwa alles, anstatt
mit ihnen in Kontakt zu sein. Wir können diese Daueranstrengung
und diesen Druck, Schuldgefühle zu vermeiden, so sehr gewohnt
sein, dass wir schließlich glauben, dieser Grundzustand
des Ausgelaugtseins sei normal. Wenn wir längere Zeit in
diesem Zustand verharren, laufen wir irgend wann gegen eine Mauer
und stellen eines Morgens fest, dass wir unser Bett nicht mehr
verlassen können.
Schuldgefühle als Warnsignal
Noch mal, es ist wichtig, Schuldgefühle als Warnsignal zu
verstehen. Sei es, dass wir einer wirklichen Schuld gewahr werden,
weil wir selbst unsere Integrität verletzt haben oder sei
es, dass wir, abgetrennt von unserem Kindheitsschmerz. eine irrationale
Schuld fühlen.
Manchmal ist es auch nicht so offensichtlich, dass es Schuldgefühle
sind, die wir empfinden. Sobald wir uns rechtfertigen, sowie wir
uns verteidigen oder Entschuldigungen vorbringen fühlen wir
uns vermutlich schuldig. Wir können diese Verhaltensweisen
als Indikatoren nehmen, um zu erkennen, dass wir uns wieder schuldig
fühlen und uns wieder so verhalten, als wären wir tatsächlich
schuldig. Wir können wahrnehmen, wie schnell wir uns schuldig
fühlen, sowie uns nur irgend jemand seine Anerkennung verweigert.
Wir können wahrnehmen, wie wir in negativer Weise mit uns
selbst im Gespräch sind. Dies deutet jeweils darauf hin,
dass wir uns wegen irgend einer Sache schuldig fühlen.
Anstatt aber den Versuch zu unternehmen, unsere negativen Selbstgespräche
mit guten Vorsätzen zu beenden, können wir sie zulassen
und dessen gewahr werden, was wir eigentlich fühlen.
Etwas nervös erklärte C., dass sie sich eigentlich
ständig für irgend etwas schuldig fühle. Sie erinnerte
sich, wie sie sich als Kind schuldig gefühlt hatte und es
war ihr klar, wie sehr ihr Leben heute, als Erwachsene, von ihren
Schuldgefühlen kontrolliert wurde. Daran wollte sie was ändern,
weil sie wusste, wie sehr sie dabei war, sich selbst kaputt zu
machen in dem Versuch, es allen ihren drei Kindern recht zu machen
und dass, was sie auch für ihren verwitweten Vater tat, es
ihm nie genug war. Und zu all dem hatte sie auch noch einen ziemlich
verantwortlichen Job als Buchhalterin eines kleinen Familienbetriebs
und hatte für ihren Mann die zahlreichen Geschäfts-Einladungen
ihrem eleganten Eigenheim auszurichten.
C nahm ihre Therapie sehr ernst und machte sich gewissenhaft
daran, ihre Vergangenheit aufzuzeichnen, Familienbilder anzusehen
und die Schulen aufzusuchen, in die sie gegangen war. Und doch
fiel es ihr nicht leicht, an ihre Gefühle heran zu kommen
– wofür sie sich prompt schuldig fühlte. Als sie
gebeten wurde, bei diesem Gefühl zu bleiben und sie sich
tiefer darauf einließ, begann sie zu schluchzen. Langsam
wurde ihr klar, wie wenig sie von ihrem eigenen Leben bisher gehabt
hatte. Das war der Beginn ihrer Heilung.
Schuldgefühle als verschleierte Angst
Man kann lernen, sich seiner Ängste bewusst zu werden, wenn
einem erst einmal klar wird, wie oft Schuldgefühle Angst
maskieren. Das erlaubt es einem dann, an die Stelle von Selbstvorwürfen
Selbstbeobachtung treten zu lassen und sich so Fragen zu stellen
wie: „was hatte ich eigentlich sagen wollen?“, „warum
hab’ ich das eigentlich gemacht?“, „Was hätte
ich eigentlich statt dessen lieber getan?“ und „wovor
habe ich Angst?“
C, in dem obigen Beispiel, fand die Verbindung zu den vielen
Anlässen, wo sie sich als Kind schuldig gefühlt hatte.
Sowie sie einmal albern tat war ihr Mutter gleich dabei gewesen,
zu sagen „was sollen bloß die Nachbarn denken?“
C konnte zunehmend fühlen, wie sehr sie es als Kind gefürchtet
hatte, nicht geliebt zu werden, wenn sie etwas nicht leisten konnte.
Und es ist für Kinder katastrophal zu fühlen, dass sie
die Liebe ihrer Eltern verlieren könnten.
Indem wir es unserer natürlichen Heilungstendenz erlauben,
die Vergangenheit wieder zu erleben, kommen wir in Kontakt damit
all der Angst, die wir als Kinder gefühlt haben und wie sehr
diese Angst sich mit Schuldgefühlen verbunden hat. Aus einem
von Angst geprägten Kind wird ein von Angst geprägter
Erwachsener.
Schuldgefühle als verschleierte Wut
Sowie man versteht, dass Schuldgefühle oft Ärger und
Wut überlagern, kann man sich bewusst die Frage stellen,
was es denn ist, das einen wütend macht. Ist man etwa bereit,
seine ewig fordernde Mutter zu besuchen, obwohl einem gar nicht
danach ist, so mag der wahre Grund dafür sein, sich nicht
schuldig fühlen zu müssen. Der Preis dieser Unaufrichtigkeit
ist indes, an der so verdrängten und abgespaltenen Wut zu
leiden, die eigenen Gefühle zu verleugnen und ebenso, den
eigenen Bedürfnissen nicht gerecht zu werden. Wir sind eher
bereit, uns selbst zu verletzen, als Aufrichtigkeit zu riskieren.
Indem wir es schaffen, unser Schuldgefühl und unsere Angst
vor der Wut zu fühlen, beginnen wir, eine Wahl bezüglich
dem zu haben, was stimmiger für uns und ehrlicher ist. Wer
sich öfter schuldig fühlt als wütend kann davon
ausgehen, dass es ihm/ihr lieber ist, Schuldgefühle zu haben,
anstatt sich der vorhandenen Wut zu stellen. Sowie man sich traut,
erst sich selbst und dann auch anderen die Wahrheit über
die eigne Wut einzugestehen, entfernt man den aus Schuldgefühl
gewirkten Schleier. Dies hilft, all der Knoten zurückgehaltener
Wut gewahr zu werden, die sich durch das Gewebe unseres gesamten
Lebensteppich ziehen.
Eine meiner Klientinnen sprach es aus: „Mein Schuldgefühl
veranlasst mich, Dinge zu tun, die ich nicht möchte, mit
Menschen, die ich nicht mag.“ Sie fand heraus, dass sie
viel weniger wütend war, seit sie besser für sich selbst
sorgte und es unterlies, Dinge zu tun, die sie im Grunde genommen
gar nicht wollte. Und wenn jemand anderes sie dafür „egoistisch“
nannte, zeigte sie es, wie wütend sie das machte. Indem sie
sich auf diese Wut tiefer einließ, kam sie an Szenen ihrer
Kindheit, als ihre einfachsten Bedürfnisse von ihrer eigenen,
selbst von Wut geprägten Mutter „egoistisch“
genannt worden waren. Seither achtet sie besser auf sich und erlangt
so auch ein deutlicheres Selbstempfinden, was paradoxerweise wiederum
dazu führt, dass sie sich besser um andere kümmern kann,
insbesondere um die eigenen Kinder.
Als C mit der Angst, die sie als Kind gehabt hatte, in Kontakt
kam und sie fühlend zuließ, wurde sie sehr wütend.
Als sie durch die Wut, die sie auf ihre Eltern hatte dafür,
dass sie so fordernd und rigide ihr gegenüber gewesen waren,
durch war, wurde ihr zunehmend klarer, wie sie selbst sich hier
und heute verhalten wollte. Sie unternahm es, ihrem Vater mitzuteilen,
was sie bereit war, für ihn zu tun und was nicht. Mit ihrem
Mann, was seine Geschäftseinladungen anging, verhandelte
sie bestimmte Abmachungen, so dass sie nicht mehr die ganze Verantwortung
tragen musste. C erlebte keine plötzlichen, großen
Veränderungen, aber sie war dankbar sich selbst gegenüber
für jeden kleinen Schritt, der ihr gelang, auf dem Weg hin
zu mehr Aufrichtigkeit und zum Fühlen des Schuldgefühls
anstatt von ihm angetrieben zu sein.
Schuldgefühle verdecken Gelegenheiten, den eigen
Werten entsprechend zu leben
Wenn man erkennt, wie wichtig es ist, sich selbst treu zu sein,
um ein aufrichtiges und also emotional gesundes Leben zu leben,
dann kann man auch damit beginnen, sich besser um sich selbst
zu kümmern. Und für Menschen, die sich selbst zuunterst
auf ihrer Agenda stehen haben oder die in ihrem eigenen Gleichungssystem
gar nicht erst vorkommen, kann das zu einer echten Herausforderung
werden.
Es ist nichts ungewöhnliches, wenn man von einer Sache überzeugt
ist, aber einer anderen Überzeugung entsprechend lebt. Beispielsweise
ist das dann der Fall, wenn der erwachsene Anteil in uns weiß,
dass einem Unterstützung bei der Hausarbeit zusteht, aber
ein aus der Kindheit stammendes Schulgefühl es verhindert,
diese Hilfe zu beanspruchen. Wenn wir der in uns wohnenden natürlichen
Heilungstendenz folgen und uns fühlend auf des Kind einlassen,
das wir einst waren, dann können wir es schaffen, dass Kopf
und Bauch wieder an einem gemeinsamen Strang ziehen. Wir können
uns gut mit dem fühlen, wovon wir wissen, dass es richtig
ist und können in Übereinstimmung mit unserem echten
authentischen Selbst leben.
Je mehr uns das gelingt, desto mehr haben wir von unserem Leben.
Es kommt zu einer positiven Verstärkung: je mehr es uns gelingt,
uns selbst die Treue zu halten und durch unsere Schuldgefühle
hindurch zu fühlen, um so besser fühlen wir uns und
um so mehr gelingt es uns, für uns selbst gut zu sorgen.
Irrationale Schuldgefühle halten uns gefangen
Irrationale Schuldgefühle halten uns gefangen, weil wir
Dinge tun, die wie nicht wollen, nur um einem Schuldgefühl
zu entgehen oder weil wir uns schuldig fühlen und uns das
dann Dinge tun lässt, die weder uns noch unseren Beziehungen
gut tun. Es ist die Falle einer entsetzlichen Abwehr, in der man
auf diese Weise gefangen ist.
G litt unter sehr seinen Schuldgefühlen. Über ein Jahr
hatte er jetzt eine Beziehung mit einer Frau bei seiner Arbeitsstelle.
Er fühlte sich sowohl schuldig dafür, ihr weh zu tun,
weil er seine Ehefrau nicht verließ und er fühlte sich
seiner Ehefrau gegenüber schuldig, weil er sie tagtäglich
betrog. Als er in dieser Situation um Unterstützung bat,
war er ziemlich fertig und wusste nicht weiter.
Sein Schuldgefühl ermöglichte es ihm, zu glauben, er
sei ein im Grund unheimlich fürsorglicher Mann, der nur leider
und ganz ohne eigenes Zutun in dieser Situation gefangen war.
Eigentlich hatte er ja an seiner Ehe überhaupt nichts auszusetzen
und sah sich daher auch nicht veranlasst, sie aufzugeben. Er konnte
auch anerkennen, wie sehr er sich wegen seiner Frau Sorgen machte,
ihm das Wohlergehen seiner Frau am Herzen lag. G war bereit, seine
Vergangenheit zu erforschen, obwohl er erst nicht sehen konnte,
wie sie mit seinem akuten Dilemma zusammenhing.
Um so erstaunter war er, sich selbst in Tränen zu finden,
als er mir erzählte, wie es ihm in der High School als Basketball-Ass
endlich gelungen war, die Anerkennung seines Vaters zu finden.
G war gerade 19, als sein Vater starb und das einzige mal, an
das er sich erinnern konnte, dass sein Vater von ihm Notiz genommen
hatte, war, als er seine Basketballspiele in der Schule anschauen
kam. Nach und nach konnte G sich dem Schmerz und dem Mangel an
Zuwendung öffnen, unter dem er als Kind gelitten hatte.
Als er diese Bedürfnisse fühlen konnte und wie sie
ihn in diese Affäre getrieben hatten, gelang es ihm, eine
Entscheidung zu treffen. Er beendete die Afaire. G traute sich,
seinen enormen Mangel zu fühlen - anstatt in seinen Schuldgefühlen
stecken zu bleiben.
Ich hatte auch andere Klienten, die nicht so bereit waren, Schuldgefühle
los zu lassen, Verantwortung zu übernehmen und Affären
zu beenden. Die es vorzogen, lieber weiter ihren Partnern gegenüber
unehrlich zu sein und mittels Schuldgefühlen in Abwehr zu
verharren, anstatt ihre Gefühle zu fühlen. Es waren
Klienten darunter, die in Therapie kamen, weil sie dann das Gefühl
hatten, etwas zur Veränderung ihrer Situation zu tun - um
damit ihr Schuldgefühl zu beschwichtigen. Überflüssig
zu sagen, dass es keine gute Therapie wäre, wenn man hier
dem Klienten dabei helfen würde, sich selbst etwas vorzumachen.
Zentral ist in diesem Fall, der Person zu der Erkenntnis zu verhelfen,
wie sie in ihrem Schuldgefühl feststeckt.
Das größte Geschenk, das wir den uns nahe Stehenden
machen können ist, als Mensch so echt und ganz wir zu sein,
wie es uns nur möglich ist. Das sind wir dann, wenn es uns
gelingt, für unsere Gefühle selbst die Verantwortung
zu übernehmen, sie zu zeigen und wenn wir gut für uns
sorgen. Und wenn wir wissen, was wir brauchen und wir in der Lage
sind, darum zu bitten und es auch an zu nehmen – anstatt
von Schuldgefühlen gesteuert zu sein.
|
|