Appell an Bundestagspräsident
Berlin, 19.Januar 2011
Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, sehr geehrte Abgeordnete
des Bundestages,
sehr geehrte Damen und Herren,
Frau Eleonore Fleth und ich, als zwei der drei ehemaligen Heimkinder
am Runden Tisch Heimerziehung (R.T.H.), sowie Herr Jürgen
Beverföerden und Herr Rolf Breitfeld, als zwei der drei Stellvertreter,
appellieren an Sie, Herr Bundestagspräsident und die anwesenden
Abgeordneten dieses hohen Hauses, unsere finanziellen Entschädigungsvorschläge,
wie sie im Abschlussbericht des R.T.H. stehen, bei der parlamentarischen
Umsetzung zu berücksichtigen.
Wir, die Opfer der Heimerziehung haben dem R.T.H. diese Vorschläge
vorgelegt, sie sind jedoch von den übrigen Mitgliedern des
R.T.H. im Abschlussbericht nicht empfohlen worden.
Hintergrund unserer Entschädigungsforderung ist das von
Staat veranlasste Unrecht der damaligen Fürsorgeerziehung
in Deutschland und die daraus gewalttätige Zerstörung
von Lebenschancen der ehemaligen Heimkinder.
Man sagt ganz grundsätzlich und ohne Einschränkung
im Abschlussbericht, dass man den ehemaligen Heimkindern „glaube“.
Und dann sollte man uns auch glauben:
Die ehemaligen Heimkinder wurden in ihrer Kindheit und Jugendzeit
ihrer Lebenschancen beraubt, sie bekamen nichts mit auf den Weg,
weder Schulbildung noch Ausbildung. Sie wurden weggesperrt, sie
waren recht- und wertlos und waren deshalb schutzlos ausgeliefert,
wenn sie von den (kirchlichen) Erziehungsberechtigten in den Heimen
schwer misshandelt, gedemütigt, missbraucht wurden.
Sie litten damals unter dieser rigiden Heimerziehung und leiden
auch heute noch unter dem „Albtraum-Heimerziehung“,
wobei auch Säuglinge und behinderte Menschen nicht ausgeschlossen
werden dürfen.
Die „Fürsorgezöglinge“ leisteten (nicht
erziehungsbedingte) verbotene Kinder- und übermäßige
Zwangsarbeit in den Erziehungsanstalten und Kinderheimen und wurden
nicht für diese Arbeit entlohnt.
Sie wurden wirtschaftlich ausgebeutet und mussten für die
Heime, sowie auch für externe Betriebe und Landwirtschaft
schwer arbeiten.
In vielen Köpfen, der damals für uns „zuständigen“
Personen, außerhalb und innerhalb der Erziehungsheime, herrschte
immer noch, bis spät in die 60er Jahre, vieles von dem Gedankengut
der NS Zeit.
Zucht und Ordnung sollten Kindern und Jugendlichen beigebracht
werden, egal um welchen Preis.
Das Grundgesetz, das 1949 in Kraft trat, sollte für alle
Menschen gelten, für uns traf das jedoch nicht zu, zu keiner
Zeit. Die „Menschenrechte“ wurden 1948 auch von Deutschland
anerkannt, nur für uns galten sie nicht.
Insbesondere deshalb war die damalige Heimerziehung ein Unrechtssystem
(das verfassungswidrige besondere Gewaltverhältnis, übermäßige
Züchtigungen, Zwangsarbeit, umfassende im Abschlussbericht
dokumentierte Grundrechtsverletzungen von Kindern und Jugendlichen),
dieses Unrechtssystem der Heimerziehung muss endlich auch als
ein solches anerkannt werden.
Das „Trauma Heim“ ist bei uns, den ehem. Heimkindern,
immer noch gegenwärtig.
Viele von uns sind heute schwer krank an Leib und Seele.
Viele der Opfer der Heimerziehung leben heute am Existenzminimum,
von Hartz IV oder der Grundsicherung oder beziehen nur eine geringe
Rente.
Sie konnten sich nach der Entlassung aus den Heimen in dieser
Gesellschaft nicht einfügen oder anpassen. Sie bekamen nichts
mit auf den Weg, keine Schulbildung, meistens auch keine Ausbildung,
keine Aufklärung und Vorbereitung auf das Leben draußen.
Somit waren viele von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Die BRD hat sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht, sowie
auch die Länder und die beiden großen Kirchen. (Hinweis
auf die Verantwortungskette).
Der Staat, sowie auch die Länder haben bis heute nicht anerkannt,
dass uns großes Unrecht in diesem „Rechtsstaat Deutschland“
zugefügt wurde.
Dieses Unrecht muss uneingeschränkt anerkannt werden, von
Staat, Ländern und auch den Kirchen.
Diese unselige Zeit ist ein dunkler, ja sogar „schwarzer
Fleck“ in der Geschichte der BRD.
Man kann diesen Fleck nicht mit 120 Millionen weiß waschen,
dazu bedarf es schon sehr viel mehr als das.
Die 120 Millionen, werden hoffentlich als Soforthilfe den schwer
bedürftigen
ehem. Heimkindern zukommen.
Eine finanzielle Entschädigung für die ehem. Heimkinder
ist aber in dieser Summe nicht enthalten.
Deshalb sagen wir: Wir wollen nicht nur für die Folgeschäden
sozialarbeiterische Hilfen (die sicherlich gut und wichtig für
viele ehemaligen Heimkinder sind), wir wollen umfassender rehabilitiert
werden und dazu gehört eine finanzielle Entschädigung
(zumindest symbolisch gemeint) für alle von uns, die sich
melden werden.
Im Abschlussbericht steht deshalb von uns, den ehemaligen Heimkindern,
das wir (auch wegen der erlittenen Folgeschäden), einen pauschalen
Folgenausgleich in Rente fordern und zwar in Höhe einer monatlichen
Rente von 300,- Euro, die anrechungsfrei auf alle anderen sozialen
Leistungen sein muss, oder wahlweise eine Einmalzahlung von 54
000,- Euro.
Was die Höhe der Entschädigungsforderung betrifft,
so haben wir uns an anderen Ländern orientiert, in denen
bereits Entschädigungen an ehem. Heimkinder ausgezahlt wurden.
Die Hoffnung von allen „Opfern der Heimerziehung“
liegt nun in Ihren Händen.
Ich bitte Sie inständig, unsere Entschädigungsforderung
für das große Unrecht und Leid, das uns zugefügt
wurde, zu akzeptieren
Es gab seit der Zeit des Nationalsozialismus keine andere Opfergruppe,
die so rechtlos war wie wir, die „Opfer der Heimerziehung
in den 50er und 60er Jahren“.
Man kann uns gegenüber die Anerkennung dieser schweren Grundrechts-
und Menschenrechtsverletzungen und des bis heute noch fortdauernden
Leides nur glaubhaft machen, in dem der Staat und die Länder
sowie die Kirchen und alle beteiligten Trägerorganisationen
allen Opfern der Heimerziehung finanzielle Entschädigung
zukommen lassen, die das beantragen werden.
Wir möchten an dieser Stelle noch einmal an Sie, sehr geehrter
Herr Bundestagspräsident Lammert und die Abgeordneten aller
Fraktionen im Bundestag appellieren, uns, den Opfern der Heimerziehung
eine finanzielle Entschädigung, wie vorgeschlagen, zukommen
zu lassen.
Sonja Djurovic
Eleonore Fleth
Jürgen Beverförden
Rolf Breitfeld
Ehemalige Heimkinder und Mitglieder des R.T.H.
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