Hoellenjahre Kindheit

Vorgeschichte zu meiner Kindheit

Ich wurde im Mai 1949 in Bayern geboren. Nach meiner Geburt erkrankte meine Mutter sehr schwer an Tuberkulose und konnte sich aufgrund der schweren Krankheit nicht um mich kuemmern. Sie verstarb im Juni 1951, als ich gerade einmal 2 Jahre alt war. Durch den Tod meiner Mutter erlangte mein Vater damals das alleinige Sorgerecht fuer mich, konnte sich aber kaum um mich kuemmern. Schon kurz nach meiner Geburt kam ich daher in das Rathenauer Kinderheim in Erlangen. Im Alter von 2 Jahren, also kurz nachdem meine Mutter verstarb, wurde ich aus dem Heim wieder zu meinem Vater geholt, da er inzwischen eine neue "Lebensgefaehrtin" hatte....diese wechselten bei meinem Vater aber staendig. So bekam ich schon als Kleinkind immer neue Frauen zu Gesicht. Anfangs dachte ich ja noch oefters dass nun endlich mal eine neue
"Mutter" unter den vielen Frauen sein wird die sich um mich kuemmern wuerde. Aber ich war die meiste Zeit auf mich alleine gestellt, da mein Vater ja arbeiten musste und keine Zeit fuer mich hatte und sich auch keine der Frauen wirklich fuer mich interessierte. Ich wurde schon damals zu Verwandten hin und hergeschubst, weil mein Vater sich nicht kuemmern konnte oder auch wollte.
Wie ich viel spaeter erst erfuhr, beherbergte mein Vater in unserer damaligen Wohnung Frauen, die geschlechtliche Beziehungen zu damaligen Amerikanischen Soldaten unterhielten, welche die Frauen nicht mit in die Kaserne nehmen durften. Er hatte ueber Jahre hinweg diesen Frauen und Maennern gestattet in seiner Wohnung zu uebernachten, wo natuerlich auch der Geschlechtsverkehr vollzogen wurde. Dies geschah ueber Jahre hinweg meistens sogar in meinem Zimmer!, weil eines der anderen Zimmer schon von einem anderen Paar "besetzt" war. Man kann sich kaum vorstellen wie unangenehm diese Vorgaenge gegenueber einem Erwachsenen sein moegen der im gleichen Zimmer mit diesen Personen ist, aber mir als Kind brannten sich diese Vorgaenge einfach nur als widerlich, abstossend, ekelhaft, schrecklich und grauenhaft in mein Gedaechtnis ein.
Wegen diesen Vorgaengen musste sich mein Vater damals bereits 3x wegen Kuppelei vor Gericht verantworten. Wie ich im Erwachsenenalter in Erfahrung brachte, erhielt er schon 1940 (also 9 Jahre vor meiner Geburt) vom Gericht eine Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten wegen Unzucht mit einem Kind.
Durch all diese Vorfaelle die ich seit fruehester Kindheit miterleben musste, kam es bei mir dadurch zu schweren psychischen sowie seelischen Stoerungen, die sich schon damals durch Unkonzentriertheit in der Schule sowie mit grosser Ablehnung gegenueber Erwachsenen Menschen aeusserten. Ich fasste einfach zu keinem Erwachsenen Vertrauen....aber kann man mir das Rueckwirkend uebel nehmen? Ich glaube nicht.

Im Jahr 1960 (kurz vor meinem 11. Lebensjahr) begann nun mein wahres Maertyrium). Meinem Vater waren seine vielen "Freundinnen" anscheinend nicht mehr gut genug fuer seine abartigen sexuellen Befriedigungen, also musste Ersatz her. Der Ersatz war ich. Mein Vater missbrauchte mich ueber Jahre hinweg immer wieder. Das waere vermutlich auch unentdeckt geblieben, haette er nicht auch noch versucht sich an meinen Schulfreundinnen zu vergehen. Er hat damals bei 2 meiner Schulfreundinnen sexuelle Handlungen vorgenommen. Eins der Maedchen schweigte, das andere Maedchen erzaehlte ihrer Mutter natuerlich alles. Dadurch gelangte "Gott sei dank" alles ans Licht, und der missbrauch an mir hoerte erst einmal auf. Mein Vater wurde verhaftet und in U-Haft gesteckt, wo er bis zu seiner Verhandlung blieb. Das Gericht verurteilte meinen Vater diesmal zu 3 Jahren und 6 Monaten Gefaengnis (damals noch Zuchthaus). Ich wurde daher zu Verwandten abgeschoben bei denen ich sowieso nicht Willkommen war... gingen sie doch davon aus dass ich ein ganz schlimmes, verdorbenes, verzogenes Kind war dem einfach nur die richtige Erziehung fehlte und das an seinem Schicksal einfach nur selber Schuld war. Dass ich mich aber einfach nur nach muetterlicher Liebe oder muetterlicher Waerme und Naehe sehnte.....auf den Gedanken kam niemand. Ich glaube ich erfuhr in meiner Kindheit nur sehr sehr wenig richtige Waerme und Liebe. Da mich also keiner der Verwandten bei sich haben wollte, geschweige denn die Vormundschaft fuer mich uebernehmen wollte, uebernahm das Jugendamt die Vormundschaft fuer mich.

Meine Heimaufenthalte

Anfangs 1962 wurde ich im "Kinderheim Bezzelhaus" in Gunzenhausen untergebracht, dort war ich bis mich die Schwester meines Vaters zu sich holte, das war 1964. Bei ihr war ich bis mein Vater wieder aus dem Zuchthaus entlassen wurde. Da er nach seiner Entlassung keine Wohnung mehr hatte, nahm seine Schwester ihn bei sich auf und schob mich einfach wieder ins naechste Heim.

Im Juni 1965 kam ich in das meiner Ansicht nach schlimmste Heim von allen...das evangelische Maedchenheim in Hersbruck/ Weiher welches damals von den Rummelsberger Anstalten geleitet wurde. Im jungen Alter von damals 16 Jahren ging ich davon aus dass in diesem Heim alles besser wird, war ja das vorherige Heim in Gunzenhausen ganz in Ordnung...so dachte ich dass dieses Heim aehnlich sein muesste. Ich ging von einer Lebensvorbereitung und anstaendigen Erziehung aus, aber stattdessen wurde ich vom Jugendamt in ein Erziehungsheim vergleichbar mit einem Gefaengnis, in dem seelische Grausamkeiten jeglicher Art an der Tagesordnung waren gesteckt. Zurueckschauend verstehe ich bis heute nicht warum mich das Jugendamt in eine Erziehungsanstalt steckte.....lagen doch bei mir keine kriminellen Handlungen in keinster Weise vor!!!  Auch besuchte mich waehrend meines Aufenthaltes in Weiher NIE ein Mitarbeiter des Jugendamtes um nach mir zu sehen, geschweige denn mit mir darueber zu sprechen wie es mir geht.

Im Heim in Weiher herrschte eine Atmos
phaere wie im Gefaengnis. Die Erzieher waren vergleichbar mit Gefaengnispersonal, die die Kinder drillten wo sie nur konnten. Manche von ihnen waren glaube ich doch etwas sadistisch veranlagt, denn sie hatten richtig Spass uns zu drillen.
Der erste Schritt in Weiher war das abgeben der eigenen Kleidung, die durch Hauseigene Heimkleidung ausgetauscht wurde, die einfach nur aussah als haette man uns "Anstaltskleidung" gegeben. Jedes Kind oder Jugendlicher wurde zur "Entlausung" geschickt, danach wurde man zum Arbeiten eingeteilt. Es herrschten Methoden wie im KZ!!! Ich wurde Anfangs zum Waescheflicken der kaputten Waesche der Rummelsberger Anstalten eingeteilt. Im Laufe meines Aufenthaltes in Weiher musste ich saemtliche "Arbeitsgebiete" durchlaufen. Unter anderem die Teppichweberei, die Landwirtschaft (Felder bestellen, Unkraut jaeten), die Kueche (alle Hilfsarbeiten die in der Kueche anfallen), den Naehsaal (Stickereien, Naehen) u.s.w.
Im letzten Jahr dann teilte man mich der Waescherei zu. Alle diese Arbeiten blieben unentlohnt! sowie nicht Versichert fuer die spaetere Rente. Heutzutage kaum vorstellbar.
Man gab mir nie die Moeglichkeit einen Berufszweig bzw eine Lehre einzugehen die meinem Berufswunsch entsprach....ich wollte eigentlich Krankenschwester werden um anderen Menschen die Hilfe wiederzugeben die ich als Kind/Jugendlicher nie hatte. Alle Arbeiten in Weiher fanden unter Druck und Zwang statt. Es geschah nicht freiwillig, wir wurden einfach einem Berufszweig zugeteilt, ob er uns nun gefiel oder entsprach, das interessierte keinen. Wie schon erwaehnt war ich im letzten Jahr meines Aufenthaltes hier in Weiher in der Waescherei und musste taeglich hart arbeiten. Aber nicht nur die arbeit war hart, die seelischen Grausamkeiten....oder soll ich es Quaelereien nennen, waren viel viel schlimmer.
Frueh mussten sich 8-9 Maedchen im Waschsaal mit eiskaltem Wasser (auf dem im Herbst/Winter immer eine Eisschicht war) nackt Waschen. Die Erzieherin stand waehrend des Waschens hinter den Maedchen und kontrollierte den Vorgang. 1x (EINMAL!!!) im Monat durften wir uns warm Duschen. Unsere Waesche (Oberbekleidung) durften wir nur alle 14 Tage wechseln! Nach dem Waschen mussten wir erstmal 2 Stunden putzen. Wir mussten Zimmer saeubern, Toiletten putzen, Parkettboeden auf unseren knien buersten, Gaenge und Treppen wischen u.s.w. Danach erst durften wir Fruehstuecken. Das Fruehstueck bestand aus Brot (oft verschimmelt) und etwas Marmelade sowie Milch und Tee. Einmal in der Woche (meist Samstags) gab es fuer jeden 2 Broetchen sowie etwas Wurst....fuer uns damals das "Highlight" der Woche. Heute vollkommen unverstaendlich dass es so wenig gab, bekam doch das Heim fuer jedes Maedchen vom jeweiligen Jugendamt Geld zur Verpflegung.
Nach dem Fruehstueck mussten wir sofort an unsere Arbeit gehen, die Mittags kurz durch das Mittagessen unterbrochen wurde. Jedoch musste nach dem Mittagessen sofort bis 18 Uhr weitergearbeitet werden, und das taeglich ausser Sonntags. Um 18 Uhr gab es Abendbrot... meist Reste vom Mittagstisch oder eine Suppe. Das Essen war alles andere als ausgewogen, weshalb viele von uns auch Mangelerscheinungen hatten.
Ich moechte nun kurz einen Vorfall einbringen der sich ereignete als ich damals in der Naeherei arbeitete. Waehrend des Naehens mit der Naehmaschine blieb die Naehnadel in meinem rechten Daumen stecken, worauf die Nadel abbrach. Ich wurde nur kurz von der Erzieherin aerztlich versorgt, in dem sie die Nadel herauszog und etwas Jod auf die Wunde gab. Man ging mit mir auch zu keinem Arzt der sich die Wunde naeher anschaute. Nach 4 Wochen war meine Wunde so entzuendet dass ich eine Blutvergiftung hatte und man mich zu einem praktischen Hausarzt (damals Dr.
Frank) brachte. Dieser sagte mir dass die Wunde unbedingt im Krankenhaus behandelt werden muesste. Die Erzieherin verneinte dies, da ein Krankenhausaufenthalt nicht in das Schema des Heims passen wuerde. Man hatte ganz einfach Angst, dass ich im Krankenhaus fliehen wuerde. Daraufhin operierte der Arzt so gut es ging meine Wunde ambulant in seiner Praxis. Er sagte mir dass ich eine "Zellengewebsvereiterung" sowie eine "Blutvergiftung" hatte.
Wenn wir die uns aufgetragenen Arbeiten nicht, oder im Sinne der Erzieher als mangelhaft erledigten, wurde man mit Einsperren in der Dachkammer bestraft. Ich persoenlich wurde einmal 14 Tage im Hochsommer bei mehr als 30 Grad in der Dachkammer eigesperrt. Die Tuer oeffnete sich in diesen 14 Tagen nur wenn man mir das Essen in die Dachkammer schob, danach wurde das Zimmer sofort wieder zugesperrt. Dieses einsperren ist vergleichbar mit Isolationshaft in einem heutigen Gefaengnis im Hochsicherheitstrakt. Durch diese Erlebnisse habe ich heute noch vermehrt Alptraeume aus denen ich hochschrecke weil ich im Traum das Geraeusch des Schluessels hoere.
Auch wurden unsere "normalen" Zimmer, die wir zum Teil mit mehreren Maedchen teilten allabendlich zugesperrt. Die Fenster unserer Zimmer waren vergittert, so dass wirklich keins der Maedchen fliehen konnte.
Im Laufe meines Aufenthaltes in Weiher wurde ich seelischen sowie psychischen Quaelereien und Grausamkeiten, unbezahlter Arbeit- vergleichbar mit Sklavenarbeit, isoliertem Eisperren, verbalen Misshandlungen sowie taetlichen Uebergriffen ausgesetzt. Der einzige Mensch dem ich mein ganzes Leid damals anvertraute war meine Zimmerkollegin in Weiher ...
Sieglinde Alexander...die damals noch Sieglinde Waltraud Jung hiess. Sie hatte ein aehnliches Schicksal wie ich durchlebt, und verstand daher auch meine Sorgen, Aengste und Noete.

Ich schleppte diese ganze Last und Buerde viel zu lange mit mir herum, bis ich im Jahr 1995 einen seelischen Zusammenbruch hatte. Da erst wagte ich (inzwischen 46 Jahre alt) den Schritt zu einem Nervenarzt zu gehen. Ich hatte einfach alles ueber die Jahre hinweg verdraengen wollen. Mein Nervenarzt ueberwies mich im Jahr 2000 an eine Psychotherapeutin weiter, bei welcher ich noch heute in Behandlung bin. 2002 schickte man mich auf eine psychosomatische Kur, aus der ich schon nach 3 Wochen als Arbeitsunfaehig (ich arbeitete lange Jahre als Verkaeuferin in einer Baeckerei) entlassen wurde. Rueckwirkend setzte man mich ab 2001 in die volle Erwerbsunfaehigkeitsrente (in der aber bis heute die Heimzeit in Weiher nicht zur Rente anerkannt wurde!). Die Aerzte in der Psychosomatischen Klinik sagten mir dass sich auf Grund der erlittenen Misshandlungen und Traumatisierungen Spaetfolgen entwickelten, die sich nach wie vor in Depressionen, Alptraeumen sowie in ganz vielen anderen koerperlichen Einschraenkungen aeussern. Verschwinden werden diese Beschwerden wahrscheinlich nie ganz, aber ich habe gelernt dass wenn ich ueber das was mir als Kind/Jugendliche widerfuhr rede, meine Last leichter zu ertragen ist.

Die Erziehungsmethoden die die Rummelsberger Anstalten damals anwendeten und so vielen heutigen Erwachsenen das seelische Rueckgrat gebrochen haben, muessen endlich ans Licht gebracht werden. Auch moechte ich noch anmerken, dass die Rummelsberger Anstalten vor 1960 weitaus weniger beguetert waren, sie aber durch unsere damalig tausendfach "unentgeltliche Arbeitskraft" zu Wohlstand und Reichtum gekommen sind.
Den ganzen Maedchen die damals mit mir in Weiher waren, fehlt heute genau diese Zeit in ihrer Rentenkasse......und wie ich mir sicher bin nicht nur uns Maedchen vom Haus Weiher, sondern sicherlich auch tausenden Maennern und Frauen die in der damaligen Zeit in anderen Heimen in Deutschland untergebracht waren.

Meine Erfahrungen von dieser Zeit brannten sich regelrecht in mein Gedaechtnis ein. Genau wie der Entlassungssatz von Herrn B.(damaliger Leiter in Hersbruck/Weiher), der mich mit diesem Satz entliess: "Nun wirst Du endlich aus dem Brutofen des Elends entlassen"  Ich weiss natuerlich noch viele Namen der damaligen Maedchen im Haus Weiher sowie die Namen der Erzieher. Auch Besitze ich noch genug Papiere, die meine Aufenthalte in den Heimen von damals schwarz auf weiss belegen, sowie auch bestaetigen koennen. Wenn irgendjemand zu meiner Geschichte Fragen oder Anmerkungen hat, wenden Sie sich bitte an emak.org, diese werden dann an mich weitergeleitet.
Darueber zu Schweigen gibt es fuer mich nicht mehr, denn haette ich alles weiter in mich hineingefressen, wer weiss wie es mir dann heute Gesundheitlich gehen wuerde....wahrscheinlich viel viel schlechter als jetzt. Daher moechte ich an dieser Stelle jeden ermuntern, dem aehnliches widerfahren ist sich einfach zu trauen seine Geschichte wenigstens in Worte zu fassen.....auch anonym. Ich weiss dass es viele Menschen gibt, die aus welchen Gruenden auch immer nicht darueber reden wollen was ihnen passiert ist, aber bitte habt Mut.

Luise Schmidt ehemals Schott

 

Die Autorin kann über admin@emak.org erreicht werden