Abenteuer Wissen im ZDF: Geheimakte R - Die Spuren der Gewalt
Moderation: Karsten Schwanke

Abenteuer Wissen im ZDF

Eine Studie der Kinderschutzorganisation Unicef besagt, dass in Deutschland pro Woche ein bis zwei Kinder durch Misshandlungen sterben.

© ZDF / Jörg Adams

Der neun Wochen alte Sven liegt bewegungslos in seinem Kinderbett. Er atmet nicht mehr. Svens Vater ruft den Notarzt, doch der kann nur noch den Tod des Säuglings feststellen. Obwohl der Arzt auf dem Totenschein "Todesursache ungeklärt" ankreuzt, wird das Kind nicht obduziert. Die Mediziner gehen von einem plötzlichen Kindstod aus, und Sven wird beerdigt. Aber ist der Säugling wirklich plötzlich und unerwartet gestorben?

Mittlerweile werden Säuglinge, bei denen als Todesursache "plötzlicher Kindstod" angegeben wird, in vielen Bundesländern routinemäßig obduziert. Immer wieder finden Rechtsmediziner dabei Hinweise auf Gewalt. "Die Diagnose plötzlicher Kindstod wird oft viel zu achtlos gestellt", sagt der Hamburger Rechtsmediziner Jan Sperhake. Studien haben ergeben, dass in rund zehn Prozent der Fälle kein tragisches Unglück den Tod verursacht hat, sondern Gewaltanwendung.

Nur durch einen Zufall wird der "Fall Sven" noch einmal aufgerollt. Der Kinderarzt der Familie liest die Todesanzeige und wird stutzig. Er erinnert sich, dass er die ältere Schwester des Jungen mehrfach wegen schwerer Verletzungen behandelt hat. Das Mädchen war von den Eltern misshandelt worden. "Hier stimmt etwas nicht", das sagt ihm seine Berufserfahrung. Der Kinderarzt ruft die Polizei an, und die reagiert sofort. Eine Woche nach der Beerdigung wird der kleine Sven exhumiert und in das Institut für Rechtsmedizin der Universität Hamburg gebracht. Äußerlich sieht der Junge unverletzt aus, trotzdem finden die Rechtsmediziner bei der Obduktion deutliche Zeichen von Gewalt. Todesursache: mehrere Hirnblutungen.

Kindesmisshandlung endet nicht immer tödlich. Doch sie hat Folgen, die noch Jahre später spürbar sind. Seit ihrem vierten Lebensjahr hat Jane Elliott grausame Gewalt erlebt. Ihr Stiefvater hat sie missbraucht und gequält. Schon oft hatte sie ihren Peiniger anzeigen wollen, doch ihr fehlte der Mut. Mittlerweile ist Jane Elliott erwachsen und hat ihre bitteren Erfahrungen in einem Buch veröffentlicht. Jahrzehnte nach der Tat wurde ihrem Stiefvater der Prozess gemacht. Doch vor Gericht leugnete der alle Taten. Aussage stand gegen Aussage.

Demnächst könnte in einer solchen Situation ein ganz neues Verfahren weiterhelfen: eine Art neurologischer Lügendetektor. Neuropsychologen blicken immer tiefer in das menschliche Gehirn. Sie suchen nach dem Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit. An der Universität Bielefeld entwickelt Professor Hans J. Markowitsch Testverfahren für die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen. Er ist überzeugt, dass die von ihm entwickelten Methoden eines Tages in den Gerichtssaal als Beweismittel zugelassen werden. "In 50 Jahren werden wir eine Art gläsernes Gehirn haben", sagt der Neuropsychologe. "Wir können dann eindeutig sagen, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt." In Fällen wie dem von Jane Elliott könnte die Neuropsychologie vielleicht helfen, den Täter auch noch viele Jahre nach der Tat zu überführen.

In Deutschland werden immer mehr Fälle von Kindesmisshandlung angezeigt. Das Bundeskriminalamt zählt jährlich knapp 3.000 Fälle. Die Zahl hat sich seit 1996 verdoppelt. Experten vermuten jedoch, dass die Dunkelziffer noch bedeutend höher ist, denn die Scham bei den Opfern ist groß. Niemand will mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Kommt es tatsächlich zu einem Prozess, spielen Rechtsmediziner oft eine wichtige Rolle. Die Begutachtung von verletzten Kindern gehört zu ihrem Alltag. Ihre Aufgabe ist es, die Verletzungen gerichtsfest zu dokumentieren. Oft bestätigt sich dabei ein Misshandlungsverdacht.

"Abenteuer Wissen Geheimakte R" begleitet Rechtsmediziner bei ihrer Suche nach der Wahrheit. Mit ihren Untersuchungen decken die Experten nicht nur Verbrechen auf. Manchmal können sie auch belegen, dass ein unter fürchterlichen Verdacht Geratener unschuldig ist.

Die Sendung "Geheimakte R - Die Spuren der Gewalt" läuft am Mittwoch, den 26.
Juli, um 22.15 Uhr im ZDF.