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Eine Studie der Kinderschutzorganisation Unicef besagt, dass in Deutschland pro Woche ein bis zwei
Kinder durch Misshandlungen sterben. © ZDF / Jörg Adams |
Der neun Wochen alte Sven liegt
bewegungslos in seinem Kinderbett. Er atmet nicht mehr. Svens Vater ruft den
Notarzt, doch der kann nur noch den Tod des Säuglings feststellen. Obwohl der
Arzt auf dem Totenschein "Todesursache ungeklärt" ankreuzt, wird das
Kind nicht obduziert. Die Mediziner gehen von einem plötzlichen Kindstod aus,
und Sven wird beerdigt. Aber ist der Säugling wirklich plötzlich und unerwartet
gestorben?
Mittlerweile werden Säuglinge, bei denen als Todesursache "plötzlicher
Kindstod" angegeben wird, in vielen Bundesländern routinemäßig obduziert. Immer
wieder finden Rechtsmediziner dabei Hinweise auf Gewalt. "Die Diagnose
plötzlicher Kindstod wird oft viel zu achtlos gestellt", sagt der
Hamburger Rechtsmediziner Jan Sperhake. Studien haben
ergeben, dass in rund zehn Prozent der Fälle kein tragisches Unglück den Tod
verursacht hat, sondern Gewaltanwendung.
Nur durch einen Zufall wird der "Fall Sven" noch einmal aufgerollt. Der
Kinderarzt der Familie liest die Todesanzeige und wird stutzig. Er erinnert
sich, dass er die ältere Schwester des Jungen mehrfach wegen schwerer
Verletzungen behandelt hat. Das Mädchen war von den Eltern misshandelt worden.
"Hier stimmt etwas nicht", das sagt ihm seine Berufserfahrung. Der
Kinderarzt ruft die Polizei an, und die reagiert sofort. Eine Woche nach der
Beerdigung wird der kleine Sven exhumiert und in das Institut für Rechtsmedizin
der Universität Hamburg gebracht. Äußerlich sieht der Junge unverletzt aus,
trotzdem finden die Rechtsmediziner bei der Obduktion deutliche Zeichen von
Gewalt. Todesursache: mehrere Hirnblutungen.
Kindesmisshandlung endet nicht immer tödlich. Doch sie hat Folgen, die noch
Jahre später spürbar sind. Seit ihrem vierten Lebensjahr hat Jane Elliott
grausame Gewalt erlebt. Ihr Stiefvater hat sie missbraucht und gequält. Schon
oft hatte sie ihren Peiniger anzeigen wollen, doch ihr fehlte der Mut. Mittlerweile
ist Jane Elliott erwachsen und hat ihre bitteren Erfahrungen in einem Buch
veröffentlicht. Jahrzehnte nach der Tat wurde ihrem Stiefvater der Prozess
gemacht. Doch vor Gericht leugnete der alle Taten.
Aussage stand gegen Aussage.
Demnächst könnte in einer solchen Situation ein ganz neues Verfahren
weiterhelfen: eine Art neurologischer Lügendetektor. Neuropsychologen blicken
immer tiefer in das menschliche Gehirn. Sie suchen nach dem Unterschied
zwischen Lüge und Wahrheit. An der Universität Bielefeld entwickelt Professor
Hans J. Markowitsch Testverfahren für die
Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen. Er ist überzeugt, dass die
von ihm entwickelten Methoden eines Tages in den Gerichtssaal als
Beweismittel zugelassen werden. "In 50 Jahren werden wir eine Art
gläsernes Gehirn haben", sagt der Neuropsychologe. "Wir können dann
eindeutig sagen, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt." In Fällen wie dem
von Jane Elliott könnte die Neuropsychologie vielleicht helfen, den Täter auch
noch viele Jahre nach der Tat zu überführen.
In Deutschland werden immer mehr Fälle von Kindesmisshandlung angezeigt. Das
Bundeskriminalamt zählt jährlich knapp 3.000 Fälle. Die Zahl hat sich seit 1996
verdoppelt. Experten vermuten jedoch, dass die Dunkelziffer noch bedeutend
höher ist, denn die Scham bei den Opfern ist groß. Niemand will mit seiner
Geschichte an die Öffentlichkeit. Kommt es tatsächlich zu einem Prozess,
spielen Rechtsmediziner oft eine wichtige Rolle. Die Begutachtung von
verletzten Kindern gehört zu ihrem Alltag. Ihre Aufgabe ist es, die Verletzungen
gerichtsfest zu dokumentieren. Oft bestätigt sich dabei ein
Misshandlungsverdacht.
"Abenteuer Wissen Geheimakte R" begleitet Rechtsmediziner bei ihrer
Suche nach der Wahrheit. Mit ihren Untersuchungen decken die Experten nicht nur
Verbrechen auf. Manchmal können sie auch belegen, dass ein unter fürchterlichen
Verdacht Geratener unschuldig ist.
Die Sendung "Geheimakte R - Die Spuren der
Gewalt" läuft am Mittwoch, den 26. Juli, um 22.15 Uhr im ZDF.