Berlin - Die Zahl der
Gewaltverbrechen in Deutschland geht insgesamt zurück - die Zahl der brutalen
Übergriffe in den Familien feiert dagegen weiter traurige Rekorde. 100 Kinder
sterben jedes Jahr an den Folgen von schweren Mißhandlungen,
dreitausend werden ständig von Eltern und Erziehungsberechtigten malträtiert. "Die
Dunkelziffer", sagt Hans-Jürgen Kaatsch, Leiter
der Gerichtsmedizin der Christian-Albrechts-Universität Kiel, "ist drei-
bis viermal so hoch."
Auch der 17 Monate alte Justin, dessen Mutter seit
gestern in Kaiserslautern wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht
steht, hat die Mißhandlungen nicht überlebt. Die
24jährige soll den Jungen mit Rotkohl zu Tode
gefüttert haben. Der Rotkohl hatte die Atemwege des Jungen verstopft. Doch
schon in den Tagen vor der Tat sei Justin mehrfach mißhandelt
worden, Verbrennungen am Gesäß seien darauf zurückzuführen, daß
der Junge entweder in eine heiße Flüssigkeit oder auf eine Herdplatte gesetzt
worden sei.
Auch das
vierjährige Mädchen aus Teterow in Mecklenburg-Vorpommern, dessen Mutter vor
einer Woche in Untersuchungshaft kam, weil sie dem Kind offenbar Kalkreiniger
eingeflößt haben soll, hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Das Kind
hat selbst Mißhandlungen
bestätigt. Jahrelang wurde das Mädchen mit ätzenden Flüssigkeiten gequält,
13mal soll die 26jährige Mutter das Kind vergiftet haben - 13mal kam das
Mädchen ins Krankenhaus. Doch erst in der vergangenen Woche hat eine
Kinderärztin die Rechtsmedizin eingeschaltet.
Warum entdecken die Behörden erst so spät, daß ein Kind unerträglich leiden muß?
"Häufig fehlt den Ärzten, denen die Kinder vorgestellt werden, einfach die
Sicherheit in bezug auf die Symptome", sagt Kaatsch,
der eine Vorlesungsreihe initiiert hat, in der angehende Mediziner gezielt für Mißhandlungen sensibilisiert werden sollen. Dabei sind es
nicht immer nur die Spuren von ausgedrückten Zigaretten auf der Haut, Bißwunden und Blutergüsse. Manchmal ist es schon ein
auffälliger Kleinwuchs, der darauf hinweist, daß ein
Kind vernachlässigt wird. Vielleicht "nur" seelisch. Aber wer keine
Liebe bekommt, will auch nicht mehr essen. Ein klarerer Blick für die Symptome
von Mißhandlungen ist laut Kaatsch
um so wichtiger, als gewalttätige Eltern mit ihren Kindern häufig von einem
Arzt zum anderen ziehen.
Auch die Eltern der
Vierjährigen aus Teterow haben immer wieder Ärzte und Kliniken gewechselt und
dabei Versionen von Unfallursachen erfunden. Vielleicht war unter all diesen
Medizinern auch einer, der es mit der Schweigepflicht zu ernst nahm. Kaatsch empfiehlt Ärzten, sich erst mal von
Rechtsmedizinern beraten zu lassen und plädiert für mehr Mut, die
Schweigepflicht zu brechen. Schließlich gelte: "Im Zweifelsfall zum Schutz
des Patienten." AP/dpa/clb
Artikel erschienen am Mi, 21. Juni 2006