Ein viel zu langer Leidensweg

Die Welt de. Mi  21. Juni 2006 http://www.welt.de/data/2006/06/21/925302.html

Jährlich werden 3000 Kinder von ihren Eltern körperlich gequält - Ärzte entdecken die Mißhandlungen oft zu spät

Berlin - Die Zahl der Gewaltverbrechen in Deutschland geht insgesamt zurück - die Zahl der brutalen Übergriffe in den Familien feiert dagegen weiter traurige Rekorde. 100 Kinder sterben jedes Jahr an den Folgen von schweren Mißhandlungen, dreitausend werden ständig von Eltern und Erziehungsberechtigten malträtiert. "Die Dunkelziffer", sagt Hans-Jürgen Kaatsch, Leiter der Gerichtsmedizin der Christian-Albrechts-Universität Kiel, "ist drei- bis viermal so hoch."

Auch der 17 Monate alte Justin, dessen Mutter seit gestern in Kaiserslautern wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht steht, hat die Mißhandlungen nicht überlebt. Die 24jährige soll den Jungen mit Rotkohl zu Tode gefüttert haben. Der Rotkohl hatte die Atemwege des Jungen verstopft. Doch schon in den Tagen vor der Tat sei Justin mehrfach mißhandelt worden, Verbrennungen am Gesäß seien darauf zurückzuführen, daß der Junge entweder in eine heiße Flüssigkeit oder auf eine Herdplatte gesetzt worden sei.

Auch das vierjährige Mädchen aus Teterow in Mecklenburg-Vorpommern, dessen Mutter vor einer Woche in Untersuchungshaft kam, weil sie dem Kind offenbar Kalkreiniger eingeflößt haben soll, hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Das Kind hat selbst Mißhandlungen bestätigt. Jahrelang wurde das Mädchen mit ätzenden Flüssigkeiten gequält, 13mal soll die 26jährige Mutter das Kind vergiftet haben - 13mal kam das Mädchen ins Krankenhaus. Doch erst in der vergangenen Woche hat eine Kinderärztin die Rechtsmedizin eingeschaltet.

Warum entdecken die Behörden erst so spät, daß ein Kind unerträglich leiden muß? "Häufig fehlt den Ärzten, denen die Kinder vorgestellt werden, einfach die Sicherheit in bezug auf die Symptome", sagt Kaatsch, der eine Vorlesungsreihe initiiert hat, in der angehende Mediziner gezielt für Mißhandlungen sensibilisiert werden sollen. Dabei sind es nicht immer nur die Spuren von ausgedrückten Zigaretten auf der Haut, Bißwunden und Blutergüsse. Manchmal ist es schon ein auffälliger Kleinwuchs, der darauf hinweist, daß ein Kind vernachlässigt wird. Vielleicht "nur" seelisch. Aber wer keine Liebe bekommt, will auch nicht mehr essen. Ein klarerer Blick für die Symptome von Mißhandlungen ist laut Kaatsch um so wichtiger, als gewalttätige Eltern mit ihren Kindern häufig von einem Arzt zum anderen ziehen.

Auch die Eltern der Vierjährigen aus Teterow haben immer wieder Ärzte und Kliniken gewechselt und dabei Versionen von Unfallursachen erfunden. Vielleicht war unter all diesen Medizinern auch einer, der es mit der Schweigepflicht zu ernst nahm. Kaatsch empfiehlt Ärzten, sich erst mal von Rechtsmedizinern beraten zu lassen und plädiert für mehr Mut, die Schweigepflicht zu brechen. Schließlich gelte: "Im Zweifelsfall zum Schutz des Patienten." AP/dpa/clb

Artikel erschienen am Mi, 21. Juni 2006