Elend, Verbrechen, Prostitution: Heimkinder unter dem Halbmond

Von Ingo Bierschwale17. Juni 2006

 

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Ein staatliches Jugendheim in Diyarbakir: Betten und Bezüge sind schmutzig und riechen. Bäder und Duschkabinen haben weder Türen noch Vorhänge. Weil es keine Maschine gibt, müssen die Kinder die Wäsche mit der Hand waschen. In der Küche steht zwar ein Kühlschrank, aber der funktioniert nicht. Kommen und Gehen wird nur unregelmäßig kontrolliert. In einem fünf Seiten starken Bericht listete eine Kommission des Menschenrechtsausschusses in der hauptsächlich von Kurden bewohnten Provinz im türkischen Südosten bereits Ende 2005 hygienische und andere Mängel auf. Aufgeschreckt wurde die türkische Öffentlichkeit aber erst, als Anfang Juni die Nachricht kam, 34 Kinder und Jugendliche seien auf mysteriöse Weise aus den Heimen der mehr als 500.000 Einwohner zählenden Stadt verschwunden.

Das Verschwinden der Heiminsassen, darunter 18 Mädchen und sogar Kleinkinder unter fünf Jahren, rief schlimmste Befürchtungen wach. «Dass 13- bis 18-Jährige ausreißen, kann vorkommen», meinte das Ausschussmitglied Mehmet Kaya. «Aber Zwei- und Dreijährige?» Sie könnten eigentlich nur entführt worden sein. Bei den Mutmaßungen, die Kaya dann anstellte, lief es so manchem in der Türkei kalt den Rücken herunter. Sollten die Kleinen skrupellosen Organhändlern in die Hände gefallen sein? Oder wurden sie von Banden verschleppt, um in Großstädten wie Ankara, Istanbul oder Izmir als Taschendiebe auf die Straße geschickt zu werden?

Drogen und Kriminalität

Trotz Nachforschungen der Polizei ist der Verbleib der meisten bis heute ungeklärt. Einer wurde ziemlich schnell an sicherem Ort ausgemacht. Er saß im Gefängnis. Zusammen mit drei Freunden war er nach einem Diebstahl erwischt worden. Fünf vermisste Heimkinder wurden früh morgens auf den Straßen Diyarbakirs aufgegriffen, wo sie das Schicksal von schätzungsweise 20.000 Kindern und Jugendlichen teilen, die sich als Straßenverkäufer über Wasser halten und ein Leben im Schatten von Drogen und Kriminalität führen. Noch einige weitere tauchten wieder auf. Nach einer Woche waren es insgesamt dreizehn.

Leicht verschnupft reagierte die türkische Familienministerin Nimet Cubukcu auf die ihrer Ansicht nach ungerechtfertigten Sensationsmeldungen. Von «vermissten» Kindern zu sprechen sei falsch, zumindest «verfrüht». So habe man festgestellt, dass sich die angeblich verschwundenen Kleinkinder bei den Eltern oder bei Verwandten auf dem Dorf aufhielten. Sie seien mit Erlaubnis des Heims abgeholt, allerdings nicht wieder zurückgebracht worden.

Größtes Problem Prostitution

Was die Ministerin noch zu berichten wusste, war kaum dazu angetan, das Vertrauen der Bevölkerung in die 110 staatlichen Heime mit ihren mehr als 10.000 Zöglingen zu stärken. Generell könne man davon ausgehen, dass landesweit 600 bis 900 Kinder und Jugendliche, die in Heimlisten verzeichnet seien, tatsächlich nicht dort seien. Wegen der Schwankungen sei es schwierig, genaue Zahlen zu nennen.

«Das Gericht überstellt die Kinder, sie werden eingetragen und zwei Tage später reißen sie wieder aus.» Zwar werde jedes Mal die Polizei unterrichtet, die Heime seien aber kein Gefängnis. «Wir praktizieren das Prinzip der offenen Tür.» Vor allem müsse man unterscheiden zwischen Kindern, die von ihren Eltern ins Heim gegeben, und den anderen, die eingewiesen würden, nachdem sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten seien. Die größten Probleme bereiteten übrigens junge Mädchen, die wegen Prostitution ins Heim kämen. (N24.de, dpa)



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