Sexuelle Gewalt - Pädiater rufen nach dem Staat
Ärzte Zeitung, 30.03.2006
http://www.aerztezeitung.de/docs/2006/03/30/059a0406.asp?cat=/politik
BERLIN
(te). Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) fordert für jedes
Kind ein Grundrecht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Die
staatliche Vernetzung zwischen Jugend- und Gesundheitsämtern müsse besser
funktionieren, sagte Verbandspräsident Wolfram Hartmann in Berlin.
Der Verband reagierte
auf die Pläne verschiedener Bundesländer, jährliche
Pflichtvorsorgeuntersuchungen für Kinder einzuführen. "Das Wohl des Kindes
muß an erster Stelle stehen, nicht das Recht der
Eltern auf ihre Kinder", sagte Hartmannn:
"Kinder sind kein Eigentum!"
"Die derzeitige
Pflichtvorsorge ist eine Krankheitsfrüherkennung, keine Prävention", sagte
der BVKJ-Präsident. Vorsorgeuntersuchungen einfach
zur Pflicht zu machen, reiche ohnehin nicht aus. Zum Schutz der Kinder vor
sexueller Gewalt und Vernachlässigung müsse den Eltern Hilfe vom Staat
angeboten werden, um Erziehung und Betreuung zu erleichtern. Hartmann nannte
hier den verstärkten Einsatz von Sozialpädagogen und Hebammen.
Nach Auskunft des
Verbandes werden jährlich etwa 100 Todesfälle durch Kindesmißhandlung
bekannt, die tatsächliche Zahl liegt nach Schätzungen aus Fachkreisen sechs-
bis zehnmal höher. "In Deutschland werden Tausende von Kindern schwer
vernachlässigt und mißhandelt", sagte Hartmann.
Er kritisierte die
Sparpolitik der Kommunen und die Abschaffung des jugendmedizinischen Dienstes
sowie der Reihenuntersuchungen wie zum Beispiel in Bayern. Für Ärzte müßten verstärkt Kontaktmöglichkeiten zu Lehrern und
Jugendämtern geschaffen werden, damit bei Verdacht auf sexuelle Gewalt
betroffene Kinder besser geschützt werden können.
Bisher sei den Ärzten
aufgrund ihrer Schweigepflicht eine effektive Vernetzung verwehrt. Ebenso könne eine bundeseinheitliche
Notrufnummer eingerichtet werden.