Die Welt: Rechtsmedizin http://www.welt.de/data/2006/10/18/1075394.html
Misshandlungen
von Kindern verhindern
Ein- bis
vierjährige Kinder sind Forschungsergebnissen zufolge besonders von
Misshandlungen oder Vernachlässigungen durch die Eltern betroffen. "Zum
Tod kommt es meist durch wiederholte Gewalt am Kopf, durch Tritte in den Bauch,
oder das Kind verhungert", sagte die Leipziger Rechtsmedizinerin Ulrike
Böhm.
Leipzig - Die
41-Jährige leitet ein Forschungsprojekt zu tödlichen Kindesmisshandlungen und
-vernachlässigungen in Deutschland in der Zeit von 1990 bis 1999.
"Auffällig ist, dass dem
Jugendamt die problematischen Fälle häufig schon im Vorfeld bekannt
waren", sagte Böhm. "Häufig spielen sich die Dramen in schlechten
sozialen Verhältnissen ab. Oft sind die Eltern noch jung, oder es gibt einen
neuen Partner." In einigen Fällen spiele auch
eine Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen eine Rolle. Bei den Untersuchungen
wurden alle Todesfälle von Kindern berücksichtigt, die Gerichtsmediziner zu
begutachten hatten.
Nach Ansicht der Ärztin muss bei
der Familienbetreuung angesetzt werden. "Man kann nicht dem Jugendamt
allein die Schuld geben. Das sind oft so wenige Mitarbeiter - die können das gar nicht schaffen. Der Fehler liegt im System.
Bei vielen Behörden, mit denen das Jugendamt zu tun hat, gibt es Beschäftigte,
die sich gar nicht vorstellen können, was in einigen Familien abgeht."
Das Forschungsprojekt solle dazu
beitragen, den staatlichen Stellen Hinweise für die Arbeit zu geben. "Wir
halten genau fest, wie lange das Jugendamt in einen Fall involviert war. Wir
bewerten das auch und benennen Konsequenzen."
WELT.de/dpa
Artikel erschienen am 18.10.2006