"Misshandlungen sind nationale Katastrophe"

Kinderhilfe fordert Kindergipfel / Unterernährter Mehmet zu Tode gequält - Jugendamt war eingeschaltet

Vom 17.10.2006

ZWICKAU (dpa) Mehmet starb an Hirnblutungen, Kevin lag tot im Kühlschrank, Nico erlitt lebensgefährliche Kopfverletzungen: Die Deutsche Kinderhilfe hat die Misshandlung von Mädchen und Jungen als "nationale Katastrophe" bezeichnet und einen "Kindergipfel" mit Bund, Ländern und Kommunen gefordert.

 
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte mit Blick auf eine Vielzahl bekannt gewordener Fälle misshandelter oder verwahrloster Kinder indes mehr gesellschaftliche Verantwortung an. "Wenn sich alle in der Gesellschaft besser verantwortlich fühlen, werden auch viele schreckliche Dinge nicht mehr passieren", sagte Merkel in Berlin während der Debatte über eine wachsende Unterschicht in Deutschland.

Nach dem Tod des zweijährigen Kevin in Bremen und der sieben Wochen alten Leonie aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt war am Sonntag ein weiterer schwerer Fall von Kindesmisshandlung mit Todesfolge bekannt geworden. In Zwickau in Sachsen starb der vier Jahre alte Mehmet an massiven Hirnblutungen. Der Junge soll vom 45 Jahre alten Lebensgefährten seiner Mutter misshandelt worden sein. Es gebe ein Teilgeständnis des Paares, sagte Staatsanwalt Frank Hoffmann.

Mehmet war nach einem angeblichen Treppensturz in eine Klinik gebracht worden und dort gestorben. Er war nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch "ausgeprägt mangelhaft" ernährt. Zwickaus Sozialbürgermeisterin Pia Findeis (SPD) räumte ein, dass sich das Jugendamt von 2002 bis 2005 mit der Familie beschäftigt habe. Allerdings hätten die Verantwortlichen im Mai 2005 eine positive Prognose gestellt.

Weitere Fälle beschäftigten derweil die Justiz: Ein 31 Jahre alter Vater aus Niedersachsen gestand vor dem Landgericht Hildesheim, seinen drei Wochen alten Sohn Nico schwer misshandelt zu haben. Der wegen versuchten Mordes Angeklagte gab zu, dass er das Baby geschüttelt, auf die Matratze gedrückt und gegen das Eisengestell des Bettes geschlagen habe, weil es nicht aufhörte zu schreien. Der Säugling erlitt lebensgefährliche Kopfverletzungen. In Würzburg wurde eine 24 Jahre alte Frau zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil sie ihren zwölf Wochen alten Sohn im Dezember mehrfach mit dem Kopf gegen die Holzstreben einer Kinderwiege schleuderte und dabei tötete.

Nach Ansicht des Kriminologen Christian Pfeiffer handelt es sich bei Fällen von Kindstötung fast immer "um Familien am extremen sozialen Rand, von Armut betroffen und überfordert, mit dem zumeist ersten Kind klarzukommen". Besonders gefährdet sind einem Leipziger Forschungsprojekt zufolge ein bis vier Jahre alte Kinder. "Zum Tod kommt es meist durch wiederholte Gewalt am Kopf, durch Tritte in den Bauch, oder das Kind verhungert", sagte die Leipziger Rechtsmedizinerin Ulrike Böhm. "Auffällig ist, dass dem Jugendamt die problematischen Fälle häufig schon im Vorfeld bekannt waren."