9. November 2008, 02:03 Uhr
In Wuppertal hat der Prozess
gegen eine 38-jährige Pflegemutter begonnen. Sie soll eine ihr anvertraute
Fünfjährige getötet haben. Auf der Anklagebank sehen viele aber noch jemanden
sitzen: den Fürsorge-Apparat, der wieder einmal so kläglich versagte
Taub und stumm, als hätte ihr eine Explosion Gehör und
Stimme geraubt, sitzt die Mutter von Talea im Gerichtssaal. Immer wieder stiert
sie durch ihre großen Brillengläser, schüttelt leicht apathisch den Kopf mit
den strähnigen, blond gefärbten Haaren und lässt den Mund offen stehen. Und
tatsächlich erlebte sie so etwas wie eine existenzielle Explosion: Das Leben
ihrer fünfjährigen Tochter endete am 18. März 2008 im eiskalten Wasser einer
Badewanne - und zwar gewaltsam.
Daneben dürfte aber noch
etwas anderes die Eltern der Fünfjährigen schockieren: Derzeit wird ihnen
vorgeführt, wie löchrig das angeblich engmaschige Kontrollnetz aus Ämtern,
Ärzten und Betreuern ist, wenn es gilt, das Leben eines Kindes zu retten. Es
ist sogar schlimmer: Der Fürsorge-Apparat hat den Tod Taleas indirekt
verursacht.
All
das wird den Eltern seit vergangener Woche immer
deutlicher vor Augen geführt. Denn seit vorvergangenem Montag wird der
mutmaßlichen Täterin Kaja G. am Wuppertaler Landgericht der Prozess gemacht. Zumindest
durch die elterlichen Augen betrachtet sitzt auf der Anklagebank aber nicht nur
die tatverdächtige Pflegemutter, sondern auch "der Apparat", konkret:
das Jugendamt.
Schließlich war es das
städtische Jugendamt, an das sich Taleas Mutter 2007 mit der Bitte um Hilfe
wandte: Sie habe ein Alkoholproblem, ihr Mann neige zu Gewalt, und ihre Tochter
leide darunter. Ob man ihrer Kleinen nicht helfen könne? Erst diese Bitte um
Hilfe brachte das Jugendamt dazu, Talea aus ihrem Elternhaus zu holen und einer
Pflegefamilie anzuvertrauen. Die verzweifelte leibliche Mutter wurde vom Amt
ermahnt, sie müsse nun loslassen und an das Wohl ihrer Tochter denken.
Sieben Monate später war
Talea tot. Am Abend des 18. März 2008 starb sie. Laut Staatsanwalt und
Rechtsmedizinern soll die 38-jährige Pflegemutter Talea in eine mit eiskaltem
Wasser gefüllte Wanne gesetzt und ihr Mund und Nase zugehalten haben. Dann rief
sie selbst den Rettungsdienst an und empfing den Notarzt mit dem Mädchen im
Arm. Das Kind war angezogen, klitschnass, unterkühlt und bald tot - entweder
erstickt oder ihrer Unterkühlung erlegen. Während der Arzt sie zu reanimieren
versuchte, klagte Kaja G., sie sei doch nur 15 Minuten weg gewesen. Wie das
bloß habe passieren können?
Seit diesem Tag schweigt sie.
Auch im Gerichtssaal. Dort sitzt sie mit ihrem biederen Kurzhaarschnitt, im
hellblauen Pullunder und mit zusammengepressten Lippen. Über viele Stunden
hinweg verzieht sie keine Miene. Nur die Lippen presst sie mal stärker, mal
weniger stark aufeinander.
Wegen dieses Schweigens muss
die mutmaßliche Täterin nun durch Indizien überführt werden. Zudem muss ein
Tatmotiv für die Pflegemutter gefunden werden. Der Staatsanwalt vermutet, sie
sei mit ihrem Alltag überfordert gewesen. Diesen Befund erhärten auch fast alle
Zeugen während der ersten Verhandlungstage - sodass sich den leiblichen Eltern
bald die Frage stellt: Wie konnte das Jugendamt Talea zu einer Pflegemutter
geben, die zumindest im Rückblick offensichtlich überfordert war?
Aber auf den ersten Blick
wirkt sie eben vertrauenswürdig: Sie hat einen Gatten, zwei Kinder, einen Hund,
ist ausgebildete Arzthelferin und gehört zur Kirche der Mormonen. Die mögen
verschroben sein - aber fromm ist doch verlässlich, oder? Im Bekanntenkreis von
Kaja G. wusste man es besser: Als kalt, distanziert und "korrekt, aber
etwas herzlos" wird sie dort beschrieben. Auch mit ihrer Frömmigkeit sei
es zeitweise nicht weit her gewesen, und ihr erster Sohn wurde infolge einer
Affäre geboren.
Eine enge Freundin erzählt,
es sei "nicht Kajas Art" gewesen, "Gefühle zu zeigen. Sie ließ
nichts raus, bis sie mal platzte". Und mehrere Zeugen beschreiben sie als
einen zu Ausbrüchen neigenden Menschen: Im Alltag mit drei Kindern und ohne
Mann (der unter der Woche nicht daheim war) habe sie fleißig, kontrolliert und
diszipliniert gewirkt wie ein "funktionierender Roboter". Gelegentlich
sei sie aber von einem fast cholerischen Zorn übermannt worden. Beispielsweise
als ihr Sohn auf einem Parkplatz fast vor ein Auto gelaufen wäre: Da prügelte
sie schreiend auf ihr Kind ein, bis der Fahrer ausstieg und sie zu beruhigen
versuchte. Doch auch den Fahrer schrie sie an.
Von all dem wusste das
Jugendamt nichts. Aber es gab noch mehr, was dem Amt nicht rechtzeitig auffiel:
Der im März 2008 herbeigerufene Notarzt berichtete von zahlreichen blauen
Flecken an Kopf, Armen und Innenschenkeln des kleinen Mädchens, die nicht von
Unfällen stammen könnten. Talea war also schon zuvor misshandelt worden während
der fast sieben Monate, die sie in der Pflegefamilie lebte. Warum war das
niemandem aufgefallen?
Es war aufgefallen, und
einige Hinweise waren auch beim Jugendamt gemeldet worden. Nur hatte das
Jugendamt nicht angemessen reagiert. Wenn beispielsweise Talea ihre leiblichen Eltern
besucht hatte und wieder zurück musste zur Pflegemutter, dann weinte sie von
Mal zu Mal heftiger. Einmal fiel den Eltern auch ein blaues Auge auf. Doch
darauf angesprochen berichtete die Pflegemutter, ihre leibliche Tochter habe
Talea versehentlich mit einem Bauklotz getroffen. So etwas passiere nun mal
unter Kindern. Trotzdem sprach die leibliche Mutter mit dem Amt darüber.
Auch in Taleas Kindergarten
häuften sich solche Vorfälle: Eines Morgens kam Talea mit beidseitig
geschwollenem und verfärbtem Gesicht in den Kinderarten. Laut Pflegemutter war
sie in der Wanne unglücklich gestürzt. Ein anderes Mal entdeckte eine
Betreuerin an Taleas Kopf eine verkrustete Wunde. Außerdem fehlte ihr ein
Büschel Haare. Und wieder ein anderes Mal fielen den Kindergärtnerinnen die
leuchtend blauen Flecken an Taleas Körper auf.
Aber stets hatte die
Pflegemutter eine gute Erklärung zur Hand: Mal habe Talea sich gestoßen, mal
gestritten, mal sei sie gestürzt. Und welches Kleinkind stößt und stürzt nicht
gelegentlich? Trotzdem: Auch der Kindergarten informierte für alle Fälle das
Jugendamt.
Und das hatte sich sogar
redlich bemüht - solange Talea in ihrer leiblichen Familie lebte: Es gab
Hausbesuche, Erziehungskurse für die Mutter, Gespräche mit den
Kindergärtnerinnen und vieles mehr. Aber kaum hatten die Mitarbeiter Talea der
Pflegemutter anvertraut, schon wurde das Amt merkwürdig nachsichtig. Bei all
den Meldungen über Beulen und Verletzungen begnügte sich das Amt mit einer
Begründung: Die Kleine sei motorisch eben zurückgeblieben. Und in dieser
Auffassung wurde das Jugendamt von der Pflegemutter unermüdlich bestärkt.
Nur: Im Kindergarten hatten
die Expertinnen 2008 längst eine andere Einschätzung. Motorisch sei Talea ganz
normal gewesen. Auch in der behandelnden Kinderarztpraxis urteilte man, Talea
gehe sicher. Doch Amt, Arzt und Betreuer tauschten sich darüber nicht aus.
Und dieser Mangel an
Austausch zeigte sich bei vielen Gelegenheiten. Etwa als die Pflegemutter Talea
zur ärztlichen Pflichtuntersuchung (U9) brachte, im Januar 2008. Taleas Anblick
besorgt die Ärztin: die Haare filzig, ein Ekzem unterm Auge, ein Bluterguss am
Kinn, ein weiterer an der Schulter.
"Das Kind braucht Hilfe,
und die Pflegemutter ist massiv überfordert", dachte die Ärztin. Also
drängte sie Kaja G., Talea einmal ausgiebig im sozialpädiatrischen Zentrum
untersuchen zu lassen. Zu dem Zweck solle sie beim Jugendamt einen Antrag
einreichen. Aber niemandem berichtete die Ärztin von ihrem Eindruck. Sie
kontrollierte nicht einmal, ob die Pflegemutter wirklich eine solche
Untersuchung beantragte. Sie tat es nicht.
Publiziert bei: http://www.welt.de/wams_print/article2695344/Warum-hat-niemand-die-kleine-Talea-gerettet.html